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Full text of "Heidelbergische Jahrbücher der Literatur. Heidelberg, Mohr & Zimmer 180872"

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HEIDELBERGISCHE 
JAHRBÜCHER DER 
LITERATUR. - 
HEIDELBERG, 
MOHR & ZIMMER 

1 808-72 




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HEIDELBERGER 



JAHRBÜCHER 



DER 



LITERATUR. 



S lEBENUNDDREISSIGSTER JA HRGANG. 



ERSTE HÄLFTE. 



Januar bis J u n t 



60246 E. 



HEIDELBERG. 

Akademische Verlagshondlung voo 1. C. B. Mohr. 

1 8 4 4. 

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flT R f. HEIDELBERGER 1844. 



JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



Die Lex Salica und die Text-Glossen in der Salischen Gesetzsammlung, 

germanisch nicht keltisch, mit Beziehung auf die Schrift von Ihr. U. 
Leo. Die Malbergische Glosse, ein Rest altkeltischer 
Sprache und Rechtsau ff assung . Ein Versuch von Knut 
J u ngbohn Clement aus Nordfriesland, Dr. phil. und Prwatdv- 
cent der Geschichte zu Kiel in Holstein. Mannheim. Fr. Basser- 
mann. 79 Ä. 8. 

Der Verf. dieser Schrift hat seine Stildien znm Tbeil in Hei- 
de/berg gemacht, und ist dort als Gelehrter and als tüchtiger und 
kräftiger Friese, der aufrichtig Wahrheit sachte, and das, was er 
für Wahrheit hielt, aufs eifrigste vertbeidigte, so vortheilhaft be- 
kannt gewesen, dass es schon aus dieser Ursache Pflicht ist, seine 
erste gelehrte Arbeit in den Heidelberger Jahrbüchern zu erwäh- 
nen, wenn auch in dem Augenblicke keinem Sachkenner, der zu- 
gleich Sprachforscher ist, die Allzeige derselben übertragen wer- 
den kann. Nur ein Kenner des alten Rechts, der zugleich die 
Geschichte desselben and die älteste deutsche und keltische Sprache 
gründlich studirt hat, ist im Stande, in dem Streit zweier Gelehr- 
ten über den Sinn der Worte eines alten Recbtsbuchs ein ent- 
scheidendes Urtheil zu fällen; Ref. kann sich weder einer tiefen 
Kenntniss des germanischen Rechts, noch der alten germanischen 
Sprache rühmen ; er wird sich daher ganz streng innerhalb der 
Schranken einer blossen Anzeige halten. Im Allgemeinen inuss 
er jedoch bemerken, dass Herr Clement ihm einer von den we- . 
nigen Männern zu seyn scheint, welche Beruf, Fähigkeit and 
Kenntnisse za Untersuchungen der Art haben, wie sie in dieser 
Schrift enthalten sind. Er ist Friese von Geburt, und also der 
friesischen Sprache, als seiner Muttersprache, mächtig*, er hat, wie 
Ref. aas eigener Erfahrung bezeugen kann, schon seit langer Zeit 
alte deutsche Sprache and nordische Altertbümer überhaupt, oder 
vielmehr die origines nordischer Stämme, zu seinem ganz beson- 
dern Studium erwählt, and bat endlich neulich, von seiner Regie- 
rung unterstützt, England, Schottland, Irland and die Küsten des 
Cotitinents des Stadiums Galischer, Wallieiscber, Celtischer Alter- 
XXXVII. Jahrg. L Doppelheft. 1 



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Clement: Die Lex Salica. 



thöroer and Sprache wegen bereist. Ref. schickt diese Bemerkun- 
gen über des Verf. Person blos deshalb voraus, weil er sieb für 
verpflichtet halt, anzugeben, warum er selbst die Schrift mit gün- 
stigem Vorurtheil in die Hand nahm, nnd warum er sie mit Ver- 
gnügen den Lesern* der Jahrbücher empfiehlt ; obgleich er den Streit, 
worauf es ankommt^ nicht entsebeiden kann. 

Nur im Vorwört beschäftigt sieh der Verf. zun Sehst mit einer 
kurzen Analyse der aof dem Titel erwähnten Abhandlung den 
Professors Leo, nnd hebt gleich anfangs dabei den Hauptsatz 
hervor, der ihm einen Widerspruch zu enthalten scheint, ohne sich 
hernach weiter in Polemik einzulassen. Was diesen Hauptsatz 
angeht, so liegt der Widerspruch doch wohl mehr in einer nicht 
uberlegten Fassung des Satzes und des Ausdrucks, oder mit an- 
dern Worten, der Satz enthalt wohl mehr eine formelle als 
eine materielle eontradictio in adjecto. Der Prof. Lee nämlich 
nennt auf dem Titel die lex Salica erst einen Rest alt kelti- 
scher Sprache nnd Rechtsauffassung, nnd behauptet dann, dass 
dieser Rest der Kelten znr Kenntniss der deutschen Rechts- 
alterthümer beitragen könne. Herr Clement wendet sich hernach 
mit Recht unmittelbar zum saliscben Gesetz, naobdem er erklärt hat, 
dass er sich auf Alles das, was Herr Leo von der Ausbreitung der 
Kelten gesagt habe, und aof die ungeheure Masse galischer Lit- 
teratur, die er beigebracht habe, nicht einlassen wolle oder könne. 
In den Bemerkungen, denen er S. 8. die Ueberschrift gibt: Ein- 
leitung zum Studium der lex Salica, sucht er zunächst 
su bestimmen, wo man das Salobcim, Bodoheim, Widebeim nnd 
Wiseheim zu suchen habe, dessen der lateinische, Text des Ge- 
setzes erwähnt Er findet dann diese Orte des Ursprungs nicht 
unter* Kelten, sondern unter Franken des westlichen Deutschlands 
und gründet dies auf die folgenden Sätze, die zugleich seine Er- 
klärung des Namens Franken und eine Hindeutung auf Friesen 
enthalten. 

„In unser westliebes Deutschland", sagt er, „kam von Nor- 
den her ein Volk, welches seine Freiheit vor aller Augen zeigte 
und darum Franken hiess. Er beruft sich dabei auf Eumenios, 
dessen Nachricht, dass die Franken vom Meer kamen, er duroh 
die folgende Erklärung näher bestimmt: „Vom Meere", sagt er, 
„das ist von dem stromvollen, der Nordsee, denn ihre Sprache 
trägt den westgermanischen Charakter, und noch Andere sagen, 
dass sie vom Meere kamen, was auch Vernunftgründe beweisen; 
denn sie griffen auch zur See die römischen Festlandsküsten an. 



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dement: Die Lex Salica. f 

Ausserdem zeigen «ach die funkischen Reims, womit das 
Rheinthal lieblich beutet ist, die Zuge ihrer Gründer vom Norden 
und vom Meere her, denn die 11 ei ms des Rneintbales sind 
eine südwärts gebende Fortsetzung 1 der Harns der 
Friesen. 41 Sehr verständig, gedrängt und stets mit Anführung 
der Quellen führt der Verf. hernach die Geschichte der Verdrän- 
gung der Kelten erst ans unserem Deutschland, bernneh aueb aus 
Belgien und Gallien durch die fünf ersten Jahrhunderte der christ- 
lichen Zeitrechnung gründlich durch. Er sucht dadurch zu be- 
weisen, dass das germanische Recht und die germanische Sprache 
schon ein paar hundert Jahre vor der Abfassung des salisrhen 
Gesetzes jedje Spur des Keltentfauros aus Deutschland verdrangt 
gehabt hatten. Dies gibt Gelegenheit, uns eine in eigentümlicher 
Art geftsste und durch viele originelle Andentungen und Erklä- 
rungen anziehende Uebersicht der Geschichte der ersten fränkischen 
Könige aus dem Meroviogischen Geschlecht zu geben. Von dre- 
ser kurzen Uebersicht der Urgeschichte des französischen Reichs, 
wie der Verf. es nennt, geht er endlich 8. 19 zum salisohen Ge- 
setz über. 

Der Satz , von dem der Verf. bei seinen weiteren Forschun- 
gen ausgebt, wird S. 19 unten auf folgende Weise von ihm aus- 
gesprochen: „Die lex Salica in ihrer jetzigen Gestalt, in welcher 
der eroberte Grundbesitz und das Erbrecht, so wie das Vorrecht 
des freien Franken die wesentlichsten Gegenstände ausmachen, 
kann nur auf galischem Gebiet entstanden ecyn, denn das Gegen- 
teil würde dem Begriff des Salf ränkischen und dem Balischen 
Gesetz schnurstracks widersprechen. Auf dem Boden ursprüng- 
licher Freiheit disseit des Rheins ist eine lex Salica unmöglich 
und der ganzen germanischen, wenigstens westgermanischen, Ur- 
geschichte widerstrebend. 44 Diese Sitze leiten ihn dann auf die 
Entstehungsgeschichte de« salischen Gesetzes und auf das Ver- 
hältniss desselben zur Gesetzgebung der ripuarischen Franken 
(lex Ripuariorum). Dieae Untersuchung gibt S. 23 folgendes Re- 
sultat: „Bestimmte Zeiten für die Entstehung der lex Salica las- 
sen sieh ebensowenig angeben, als das Alter der einzelnen Haud- 
sebriften. Im Allgemeinen geht jedoch aus der ganzen lex Sailen 
selbst hervor, dass ihre Mutter 'das germanische Gewohnheitsrecht 
aisseits des Rheins war, ihr Hauptinhalt und ihre meisten Bestand- 
teile sind rein fränkisch, und jnan erkennt daraus, dass Tacitns, 
oder wer sonst der Verfasser der Germania ist, durchaus .wahr 
geschrieben bat. Das Folgende fasst sehr klar die wichtigsten 



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4 Clement: Die lex Suiten. 

Notizen über die Geschichte der Entstehung des lateinischen Tex- 
tes des salischen Gesetzes in einen kurzen Vortrag zusammen, 
bis der Verf. S. 25 von dem Verhältnis» der Lehre der Männer, 
aus deren Munde das lateinische Gesetz in einer spätem Zeit 
schriftlieh aufgefasst ward, zum alten traditionellen Recht fol- 
gende Vorstelleng gibt: 

v Bs ist in der Tbat, als sehwebten die Männer in der Sage 
umher, und der Vorredner zum salischen Recht mit ihnen, wenn 
er uns vom Wisogast, Dodogast, Salogaat und Widogast, den 
Ankömmlingen aus Saloneta, Bodoheim und Widoheim erzählt, 
und sie sind in der Sage wirklich, d. h. in der ächten Volkssage, 
welche von Mund zu Mund herab gekommen scheine „ nicht dorch 
Jahrhunderte hin, sondern seit kürzerer Zeit, so dass man glaubt, 
man könnte die alten Männer und Orte sehen, so nahe sind sie, 
wenn man an den Urquellen der ersten französischen Geschichten- 
schreiber steht. Es tönt so ähnlich und beimisch in Bodenheim, 
im Gebiet der Wied und an der Sale der Franken von dem Gast 
aus Bodoheim, dem Gast aus Widobeim und dem Gast aus Salo- 
beim zu hören, als von den Heimathen der alten Franken, ehe sie 
den folgereichen Zug nach Dornik und Cambrny unternahmen und 
vor der Schlacht bei Zülpich. Aber der Vorredner der lex Salica 
hat anscheinlich seine Nachricht über die Gesetzkundigen aus den 
Hamen der Rbeinlande, nicht von der Volkssage vernommen, son- 
dern aus einer viel älteren geschriebenen Quelle entlehnt, und 
diese Quelle sind die Gesta Francorum epitomata, nach meiner An- 
sicht, die allerälteste französischer Geschichtschreibung; sie tragen 
die Spuren ihres Uralters deutlich genug an sieb. Unter Grego- 
rius von Tours Namen sind sie im 6. Jahrhundert niedergeschrie- 
ben, wie kein Kundiger leugnen wird, und zwar als Auszöge aus 
verlorenen Schriften, welche aber älter als daa 6. Jahrhundert ge- 
wesen sind." 

Diese Andeutung des fröheren Vorbandenseyns der in der 
lex Salica enthaltenen traditionellen Ueberlieferungen fögt Herr 
Clement besondere Nachweisungen über die Art bei, wie der Mönch, 
der die lex Salica redigirt hat, bei seiner Sammlung verfahren 
seyn msg. Er macht dabei eine Bemerkung, welche einem jeden 
einleuchtend seyn wird, der die alten Rechtsgebräuohe und die 
Chroniken studirt bat — dass nämlich alle germanischen lateinisch 
abgefassten leges dem Beginne dtr sinkenden Freiheit angehören. 
Ferner fügt er hinzu und sucht es weiter unten wahrscheinlich zu 
machen und zu beweisen, dass die lex Salica ihren Namen von 



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Clement: Die Lex Sttlica. S 

den Saliern im Gebiet der Toxandrer in der Gegend von Tongern 
habe. Nachdem der Verf. diese Punkte erörtert hat (Ref. will nur 
kurz einige Resultate der Vorsehung angeben, diese selbst muss 
man in der Schrift aufsuchen), fügt er hinzu: „Die paar wirk- 
lieb uralten Rechtssatzungen in der salieeben Gesetzsammlung 
können nicht im Geringsten, weder von der Entstehungszeit noch 
von der Entstehungsart dieser lateinischen Composition zeugen. 
Darauf folgt eine ganz genaue Untersuchung und Prüfung dieser 
einzelnen Stellen von S. 30 — 39. Da sieb eine ausdrückliche Er- 
klärung über die Entstehungszeit im Epilng des Gesetzes findet, so 
begegnet der Verf. dieser auf folgende Weise: 

Was den von Lindenbrog den Deoreten Childeberf s und Chlo- 
tars (nicht der Söhne des Gründers Frankreichs, sondern Chil- 
debert s 2. und Chlotars 2.) , welche gegen das Ende des ff. Jahr« 
hu aderts entstanden, und welche in doppelten Exemplaren, als An- 
hängsel zur lex Salica und als Appendix in der Laspeyrescben 
Ausgabe vorliegen, angebängten Epilog betrifft, so bat allerdings 
der Verfasser dieses Epilogs mit den Namen Chlodwik, Cbildebert 
and Chlotar, den Gründer Frankreichs und seine Söhne bezeich- 
nen wollen , welche er für die Urbeber der lateinisch abgefaßten 
8alischen Gesetzsammlung ausgibt Er weiset einem jeden seine 
Titelzabi an; allein ganz grundlos und gegen alle historische 
Wahrscheinlichkeit. Die Art der Entstehung der lex Salica sucht 
der Verf. eben so wenig unfehlbar zu erklären, als die Ausdrücke 
Halicus nod Malberg unwiderleglich zu bestimmen. Er gibt von 
beiden Erklärungen, die er für wahrscheinlich hält, ohne sie je- 
doch für die einzig möglichen auszugeben; doch verwirft er aus- 
drucklieb die hergebrachte Erklärung des Ausdrucks malb., der 
den Glossen vorgesetzt ist. Er sagt nämlich gleich im Anfange 
des dritten Abschnitts seiner Abhandlung, welche die Hauptsache 
enthält, weil das Vorige nur Einleitung war. S. 38: „Die Text- 
Glossen der lex Salica können schwerlich vernünftigerweise mal- 
bergische Glossen heissen. auch nicht, weil malbeigisch fast allen 
vorausgesetzt steht; denn die Glossen sind ja nicht als solche von 
einem Malberg gemacht worden. Sie sind ferner weder von einem 
altfränkischen Gesetzbügel benannt, noch von einem in snlfrän- 
k VF eher Sprache verfassten Gesetzbuch hergekommen, sondern von 
den Verfassern der lateinischen lex Salica, welche mit lateinischen 
Federn, schrieben und verdarben, darum habe ich diese Glossen 
nicht inalbergische Glossen, sondern Text- Glossen in der saliscben 
Ge seUgebuog geuunut. u 



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ß Clv.mvmi : l)\r. Lex Salira 

Der Erklärung der einzelnen Ausdrücke schickt der Verf. 
S. 41 die Bemerkung voraus: „Die Glossen sind grösstenteils 
Recbtsausdrücke, Bezeichnungen für Verbrechen ond Strafen. Der 
kleinere Tbeil besteht aus Erklärung lateinischer Benennungen im 
Texte." Kr gibt darauf eine Erklärung und Etymologie der ein- 
zelnen Ausdrücke, nebst einer grundlichen Beleuchtung theils des 
Sinns und Zusammenhangs der Stellen, in denen sie vorkommen, 
theils der Verschiedenheit der Art, sie zu schreiben, in den ver- 
schiedenen Ausgaben und Handschriften. Dieser Theil der Ab* 
bandlung leidet keinen Auszug, auch ist Ref. in diesem Fache 
nicht urteilsfähig, er legt also auch darauf geringe Bedeutung, 
dass ihm für seine Person die mehrsten Erklärungen einleuchtend 
gewesen sind, sehr erfreulich war es ihm aber, dass der Verf. 
seine Forschungen mit Bescheidenheit und Mässigung in Bestrei- 
tung der Erklärung, welche er zu widerlegen unternommen hatte, 
vortragt ond jede Anmassung oder Härte, sogar die Ironie ver- 
meidet. Er macht dabei oft von seiner gründlichen Kenntniss der 
friesischen Sprache guten Gebrauch. Ein Beispiel mag dieses er- 
läutern. Er sagt S. 48—49, wo er beweisen will, dass das alte 
Wort kranne oder ranne nicht departu, sondern de coitu gebraucht 
werde : „Wir nennen noch auf unsern nordf riesisoben Inseln, w o 
eine germanische Ursprache gesprochen wird, wel- 
che älter und eigentümlicher, als alles andere Frie- 
sisch ist, den coitus bei Kühen Rannen, von dem Zeitwort ran 
(Praes.), ran (imperf. lang und dumpf a, wie ah), rönnen (par- 
tieip.)" 

Einen Hauptbeweis für seine Behauptung, dass die Glosse 
gsnz allein aus der germanischen Sprache zu erklären sey, nimmt 
der Verf. von der Busstaxe her. Er gibt zu dieser Absicht zuerst 
S. 54 das Bussregister in der lex Salica in seiner verstümmelten 
Form, dann S. 65 dies Bussregister in seiner wieder hergestellten 
Gestalt, nebst Erklärung und Erläuterung des Einzelnen. Am 
Schlüsse der Erklärung fügt er S. 56 die Worte hinzu: „Aus 
dieser kritischen Untersuchung des Bussregisters in der uralten, 
ehrwürdigen lex Salica erhellet, dass die Sprache desselben keine 
andere als die germanische ist, und wenn nun Ausdrücke aus 
demselben Bussregister, und zwar dieselben Ausdrücke, auch in 
den Text-Glossen wieder erscheinen, so folgt daraus notwendi- 
gerweise, dass die Sprache solcher Glossen ebenfalls die germa- 
nische ist." Dies wird hernach mit Gelehrsamkeit, und was viel 
mehr ist, mit durchaus gesunder Logik im Einzelnen weiter durch- 



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Funk: Beitrug cor Geschichte der frnnzüaifchen Revolution. 7 

geführt. Erst nachdem bis S..71 die mehrsten in der lex Salles 
vorkommenden Gerichtsausdrücke einzeln erläutert sind, bricht der 
Verf. ab und verweiset uns wegen der Uebrigen auf eine zweite 
Abhandlung, welche er künftig liefern wird. Er sagt in dieser 
Beziehung: 

„Ich fahre jetzt mit der Auslegung der Glossen fort und will 
mich kurzer fassen, weil ich schon hinlänglich bewiesen zu haben 
glaube, was ich mir vornahm zu beweisen, nämlich : daaa die Text- 
glossen in der lex Salica germanische und keine andern sind, und 
muss mich kürzer fassen, als die anfängliche Absiebt war, da 
eingetretene Umstände eine grössere Ausführlichkeit verwehren» 
Was von Glossen unerklärt noch übrig bleibt — nnd das werden 
wenige seyn — behalte ich einer künftigen Abhandlung vor. Ue- ^ 
berdies erfordert ein Studium dieser Art Zeit and Arbeit, wie ei- 
nes sie fordern kann, znmal da die Glossen in einem so verderb- 
ten Zustande nur uns gekommen sind. 

Wenn gleich Ref. die Entscheidung über die Richtigkeit Allen 
dessen, was Herr Clement in dieser kleinen Abhandlung vor- 
getragen bat, den Juristen nnd den Forschern der Sprachen, wo- 
rauf es hier besonders ankommt, überlassen muss, so glaobt er 
doch in Beziehung auf die Tüchtigkeit des Verf. als historischer 
Lehrer ihm Glück wünschen zu dürfen, dass er seine Laufbahn 
als Forscher so rühmlich und so weoig absprechend angetreten 
bat. Br verwirrt uns nicht durch eine gesuchte Phraseologie, er 
sucht sich nicht durch Anführung unzähliger Bücher ein gelehrten 
Ansehn zu geben, worüber Jeder, der viel Bücher in seinem Le- 
ben studirt, nicht blos durchblättert hat, laoben muss, sondern er 
zeigt solide Belesenheit, Forschergeist und besonders eine gesunde 
Logik. Jeder Freund der Geschichte wird es daher gewiss mit 
defm Ref. dem Könige von Dänemark Dank wissen, dass er neben 
zwei tüchtigen Männern , welche in Kiel mit Beifall Geschichte 
lehren, und aus der Universitätscasse besoldet werden, noch einen 
Dritten ans eigner Bewegung angestellt and aus seiner Privnt- 
cassse besoldet hat. 



1793. 

Beitrag zur geheimen Geschichte der französischem Revolution mit be- 
sonderer Berücksichtigung Banton's und Challier's, zugleich als Be- 
richtigung der in den Werken von Thiers und Mignet enthaltenen 



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8 Funk: Beitrag zur Geschichte der rrunxösischen Revolution 

Schilderungen , von Friedrich Funk. Mannheim. Verlag von 
Friedrich Bassermann. 1843. XXIV. und 400 S. 8. 

Der Verf. dieses Buchs ist durch die 1832 bei Scbmerber er- 
schienene Geschichte Kaiser Ludwins des Frommen dem Publicum 
nicht blos als gründlicher Gelehrter und treuer Forseher, sondern 
auch als selbstdenkender und origineller Schriftsteller so vortheil« 
haft bekannt, dass seine Forschungen Ober das merkwürdigste 
Jahr des vorigen Jahrhunderts gewiss eine günstige Aufnahme 
beim deutschen Publicum finden werden. Man wird ihm um so 
lieber Aufmerksamkeit schenken, als er, ein acht deutscher Mann, 
stets auf die Quellen verweisend, französische Sophistik und De- 
elamation, die jenseit des Rheins (oft auch diesseits) bekanntlich 
Beredtsamkeit beisst, zu beleuchten unternommen hat. Ihn blen- 
det weder der Ruhm noch der Rang der elenden* Journalisten, die 
seit 1830 zu Staatsmannern geworden sind, er preiset nicht wie 
diese Mangel an Grundsatz, Wahrheit und sittlicher Scham als 
rechte Mitte und als ächte Staatsweisheit, obgleich er freilich in 
einem andern durchgebenden Irrtbum befangen ist. 

Die ersten XXIV. Seiten enthalten statt alles lästigen einlei- 
tenden Räsoonements eine gedrängte, im Ganzen verständig und 
ohne Heftigkeit abgefasste, nur am Eude etwas einseitige Ueber- 
sicht des Gangs der Revolution bis zum 10. August 1793. Dans 
man nach den Schicksalen, die der Verf. erduldet, nach den Grund- 
sätzen, welche er nie verläugnet bat, keine Halbheit und Schwäche 
fürchten; aber auch keine Rücksicht auf den Zustand der Civili- 
satioo und auf die Notbwendigkeit, ihr einen Theil der ursprüng- 
lichen Freiheit zu opfern, hoffen darf, wird jeder Leser sich vor- 
stellen, ehe er nur das Buch in die Hand nimmt. Man muss da- 
raus nicht sowohl gewisse historische Wahrheiten lernen, als ver- 
möge desselben die Armseligkeiten der Lügner, Declamatoreu und 
Journalisten, die sich zum Range der Gescbichtscbreiber erhoben 
haben, in ihrem wahren Lichte dargestellt sehen wollen. Das Buch 
und die radicale Ansicht, die dann herrscht, ist das beste Gegen- 
mittel gegen Sophistik aller Art. 

Der Verf. geht gleich anfangs davon aus, dass die Dootri- 
närs der con«tituirenden Nationalversammlung nicht besser waren, 
als die mit Soult und Consorten verbündeten Doctrinärs unseror 
Tage, dass Lafayette und Mirabeau völlig einem Guizot und Thiers 
entsprechen ; ob er dabei nicht zu weit geht, ist eine andere Frage. 
Das Volk, von dem er immer spricht, ist ein ganz unbestimmtes 



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Funkt Beilrag cor Geschichte der französischen Revolution. 9 

Ding, find die Masse, die er allein gut nennt, mag man gut oder 
schlecht nennen, wie man will, sie kann aber ohne verständige 
Leitung weder bestehen, noch innerhalb der Schranken des Ge- 
setzes, ohne dessen Herrschaft, jede Art Freiheit ein Unding ist, 
gehalten werden. Herr Funk hat daher ganz recht, wenn er das 
eitle und windige Treiben der Helden der oonstituirenden Ver- 
sammlung verachtet, wenn er die Lügen, Declamationen und her- 
gebrachten Lobreden auf Lafayette und andere mit radicaler Scharfe 
beschneidet; allein, er geht unstreitig zu weit, wenn er den bei 
aller Eitelkeit edlen Männern zutraut, sie hätten von Anfang an 
aas Volk nur als Werkzeug 'gebrauchen wollen. Die eiteln Herren 
konnten ihre Natur nicht ablegen, sie hielten sich, wie Guizot, für 
von Gott berufen, die Welt zu regieren; aber sie meinten es ge- 
wiss got, sie entschuldigten sich nicht, -wie Guizot, mit der tyranta 
p/es-necessity , wie Millon sagt, sie irrten, wie die besten Bitern 
und Regierungen, zu irren pflegen. Sie bildeten sich ein, Alles 
in der Welt müsste systematisch gemacht werden, Nichts dürfe den 
natürlichen Gang gehen. Ref. will jedoch des Herrn Funk's Buch nur 
anzeigen, nicht beurtheilen, er wählt daher, um die Manier und zu- 
gleich den Standpunkt des Verf. besser zu bezeichnen, zwei Stellen, 
welche ihm zunächst zu den obigen Betrachtungen Veranlassung 
gegeben haben. In Beziehung auf die Lametbs, Duport, Barnave, 
lafayette u. s. w. (denn gegen den Ausdruck entschiedene 
Nichtswürdigkeit Mirabeau'a hat Ref. nichts, so sehr Politi- 
ker und Diplomaten darüber schreien werden) heisst es S. XI : 

Alle diese Leute hatten einen gemeinsamen Berührungspunkt, 
nämlich den Glauben, die Masse (die das Bedürfnissoines Leithammeln 
doch selbst einseben muss, sonst Hesse sie sich ja nicht bald vonCleon, 
bald von den Gracohen, bald von Cola Rienzi, bald von Wat Tyler, 
Mnsaniello, Marat oder O'Connel gängelu) der Menschen ist schlecht 
(sie hielten sie im Gegentheil für zu gut); sie muss gegän- 
gelt und im Zaume gehalten werden, und einige Auserwählte sind 
berufen (da lag der Knoten, sie dachten wie im Juli 1830 Ih- 
resgleichen dachten, nicht Polignac und Consorten, sondern Gui- 
zot, Thiers,, Soult und Consorten, d. h. wir) sind berufen, sie zu 
gängeln und zu zügeln« Hätten sie den Grundsatz von vorn her 
ausgesprochen, fährt er fort, so würde das Volk es ihnen und 
ihren Auserwählten überlassen haben, die Bastille zu stürmen. 
Allein, da sie biezu die Massen für nothwendig und gut hielten, 
so verkündigte Lafayette am Vorabende des Bastillesturms die 
Menschenrechte, die Grundsätze der vollkommenen Gleichheit. Daun 



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10 Funk: Beitrag wir Geschichte der franzönitchen Revolution. 

hciast es insbesondere von Lafayette (und in der Stella iat wieder 
viel Wahres, obgleich man, auch abgesehen davon, dass in 
Hauptstädten and überhaupt in civiiisirten Staaten, der Begriff 
Volk ein sehr zweideutiger ist, die Behauptung des Verf. schwer- 
lich unterschreiben wird) 8. XIII.: 

Lafayette, anstatt die ihm wohlbekannte Maschinerie, mit wel- 
cher das Volk getäuscht und aufgeregt wurde, zu zerstören, un- 
terhandelte mit den Rankemacbern in der Manier des alten Hofs, 
und statt das Volk ans der Tauschung zu reissen, verachtete er 
es, weil es sich tauschen Hess. Der Heerd der Ranke war der 
Jacobinerklob — dann folgt eine sehr richtige Darstellung des 
Jacobinerklobs, seiner Wirksamkeit und seines Verhältnisses zu 
der in Frankreich herrschenden Aufregung der Gemüther. Auf 
welche Weise der Verf. dem guten, aber freilich eiteln und ein- 
gebildeten Lafayette Unrecht thut, sieht man besonders an seinem 
Bericht von den bekannten Umständen der von den Schweizerre- 
gimentern in den Monaten Juli und August 1790 in Nanoy ver- 
anlassten acbmäbligen Unruhen. Diese von den um Sold dienen- 
den Schweizern, welche die Revolution gar nichts anging, erreg- 
ten später nach hergebrachtem schweizerischen Kriegsrecht ge- 
dämpften und bestraften Frevel berichtet Herr Funk nämlich S* 
XIV. auf folgende Weise: 

„Die Nationalversammlung suchte diese Aufstände durch Ge- 
währung der Gerechtigkeit beizulegen. Lafayette dagegen be- 
nutzte die Umstände, um die Garnison von Nanoy durch Willkühr 
zu reizen und so Aolass zu finden, die Mannszucht durch ein 
B/tUbad in Nancy zu befestigen." Diese Ansicht wird hernach 
consequent durchgeführt und dabei Alles, was von einem Mira- 
beao, Danton, Thiers gelten mag, unbedingt anf Lafayette und 
andere Schwärmer angewendet. Dies ist schon aus dem einzigen 
Grunde falsch, weil Lafayette und seine Freude Schwärmer, Mi- 
rabeau, Thiers und die Ihrigen sehr kluge verständige Leute wa- 
ren, denen Wahrheit, Recht und Begeisterung blos ein Mittel 
zu ihrem Zweck; nicht Zweck des Lebens, sondern eine Thor- 
heit der -Pinsel scheint. Marat kommt sogar S. XV. besser weg 
als Lafayette, denn es heisst, in Beziehung auf dessen tolles Wü- 
tben: „Die Erfahrung spricht aber dafür, dass die Massen mehr 
trag als beweglich sind; das mobile vulgus war eine Eigentüm- 
lichkeit Athens. Jener Erfahrung gemäss suchte Marat die Maa- 
sen unablässig aufzurütteln, und als Gegengift wider ihre Träg- 
heit glaubte er Uebertrei bung Und Unwahrheit nutzen zu dürfen." 



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Fnok: Beitrug zur Geschichte der französischen Revolution. 11 

Diese Stelle, verglichen mit einer andern, in welcher von der 
8oene auf dem Marsfelde die Rede iat, als Lafayette auf gesetz- 
lichem Wege nach vorgelesener Aofrahracte und nach dem vom 
Maire (Bailly) gegebenen Befehl einen verabredeten Aufstand gen . 
gen das erst eben eingerichtete constitutionelle Königthum durch 
Gewalt der Waffen dämpfte, deutet auf eine gereizte Stimmung, 
nicht auf ruhige Besonnenheit. Es beisst 8. XVII.: 

„Der König war nach der versuchten Flucht' im Juli 1791 ganx 
in Ohnmacht verfallen, Lafayette, Barnave, die Lametb und Dnport 
vereinigten sich, ihn in seiner Ohnmaobt aufrecht zu erhalten und 
in seinem Namen die Nation zu beherrschen. Die Aufrechthaltung 
gelang. Den Ruf nach Absetzung des Wortbrüchigen erstickte 
Lafayette in dem Blutbade auf dem Marsfelde nm 17. Juli ; aber 
eben damit versetzte er seinem Einfluss den Todesstotos." Ihnen 
gegenüber wird Robespierre als der wahre Weise und als der 
einzige Volksfreund dargestellt, obgleich er, wenn er im Ernste 
den Satz behauptete, den ihm der Verf. in den Mund legt, gewiss 
einen weit grössern und gefährlicheren Irrthum lehrte, als die 
liberalen Mitglieder der constituirenden Versammlung, wenn diene 
wirklieh (was wir nicht zugeben würden) von dem Satze ausgin- 
gen, daas die Masse schlecht sey. Herr Funk sagt nämlich 
8. XVIII. (was leider nur zu wahr ist), dass gleich naoh der 
Auflösung der constituirenden Nationalversammlung die liberalen 
Mitglieder derselben, welche bisher den Ton angegeben hatten, 
allen Einfluss, alles Ansehn verloren, und fügt dann hinzu : „Dies 
Ansehen ging auf ein bis dabin untergeordnetes Mitglied dieser 
Versammlung über, auf Robespierre, der mit beharrlicher Conse- 
euenz die Grundsätze der Menschenrechte vertheidigt und im Wi- 
derspruch mit den geheimen Gedanken der Häupter jener Ver- 
sammlung behauptet hatte: Die Massen sind gut, nur die 
siob für besser halten, sind schlechte 

Wir haben unsere Notiz über die einleitende Uebersicht der 
Geschichte bis auf den Anfang des Jahres 1793 ausdrücklieb da- 
rum so ausführlich gefasst, damit man, aueb ohne dass wir uns 
weiter , darüber erklären, sehen, wohin der Verf. gelangen will, 
ond auf welche Weise er die Geschichte betrachtet. Seine An- 
sieht bat er im Buche selbst geistreich und tüchtig durchgeführt, 
das Buch ist daher, auch abgesehen vom Princip des. Verf., recht 
anziehend. Der denkende Forscher findet darin die bekanntesten 
Geschichten von einer ganz neuen Seite gefasst ; überzeugen wird 
der Verf. nur Wenige. Wer unter Menschen uud in den Ver~ 



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12 Funk: Beitrag zur Geschichte der französischen Revolution. 

hältnissen des Bärgerthains gelebt bat, wird nach seinen Erfah- 
rungen über Menschen, Verhältnisse, Staatseinricbtung und Zu- 
sammenhang der Dinge ganz anders urtheilen müssen, als der 
Verf., der unstreitig mehr Kifer, Enthusiasmus, Rechtlichkeit und 
Energie als Menschenkenntniss zu haben scheint. Das Buch selbst 
beginnt, nachdem der Verf. auf den vier letzten Seiten seiner Ein- 
leitung eine ganz demokratische Richtung gegeben, und. -wie es 
uns scheint, durch die sehr grosse Kürze und Schärfe gegen den 
König, gegen die Monarchisten und Girondisten die historische 
Genauigkeit vieler Sätze zweifelhaft gemacht hat, unter Ueber 
sebrift Danton (8. 1) mit dem 10. August 1799. 

Der erste Satz, den hier Herr Funk gegen Thiers, und an- 
dere Talcyrand's und Mirabeau's en miniature geltend zu machen 
sucht, ist der, dass Danton keineswegs Genius der Revolution war, 
wie sie behaupten, sondern dass ihn Ludwig XVI. bestochen hatte. 
Was Herr Funk in Beziehung auf den letzten Punkt sagt, muss 
man bei ihm selbst nachlesen; Ref. wagt trotz aller angeführten 
Zeugnisse nichts zu entscheiden, die grausigen Thatsachen zeigen 
hinreichend, wer Danton war, die Franzosen mögen sagen was sie 
wollen. Der Verf. führt eine Reihe Zeugnisse für den Satz an, 
dass Danton im Solde des Königs gewesen sey, und bringt dessen 
ganze Tbätigkeit bis im Juli 1792 auf seine Verbindung mit dem 
Hofe zurück, endlich S. 7 redet er von der Art, wie Thiers die 
Sache fasst. „Thiers," sagt er am angeführten Orte, „füllt fast 
die ganze zweite Hälfte seines zehnten Capitels mit einer Erzäh- 
lung auc, des Inhalts, dass die Empörungslustigen ein Haupt ge- 
sucht, und es am Ende an Danton gefunden hatten. Aus den 
Quellen scheint hervorzugehen, dass ein solches Suchen nicht statt- 
fand, und dass am allerwenigsten Danton der Gefundene war. u 
Zu diesem Zweck geht Herr Funk im Folgenden die einzelnen 
Geschichten genau durch, und" snfcht nicht blos die Verbindung 
Danton's mit dem Könige, sondern auch mit den nach seiner Mei- 
nung ebenfalls gegen das Volk conspirirenden Girondisten, welche 
er den Plutokraten beizählt, nachzuweisen. Alles, was er nach 
-seiner Art darüber schreibt, wird man mit Vergnügen lesen; allein 
Positives wird man schwerlich viel Anderes daraus ziehen, ausser 
der Einsicht, wie flach, hohl und seicht sophistisch das gepriesene 
Werk ist, mit dessen Prüfung sich Herr Funk hauptsächlich be- 
schäftigt. Aber freilich das bekannte mundus vult deeipi versteht 
Herr Thiers besser als sein Gegner, der leider auch eine vorge- 
faßte Meinung hat. 



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Pank: Beitrag zur Geschichte der französischen Revolution'. 13 

Der Artikel », über den 10. August, der Artikel b. Aber denf 
9. September, der Artikel c. über den 91. Januar 1793 handeln 
nur von Conspirationen gegen das Volk, es werden also Robes- 
pierre und Marat vertheidigt, Brissot und die Girofiüsten der Ver- 
bindung mit Dantop ;sur Rettung des Königs angeklagt. Sollte 
man verwundert fragen, wie man jemand deshalb anklagen kann, 
so m.osB man bedenken, dass Herr Funk nur im Sinne der da* 
maligen Masse, die er das Volk nennt, nicht aber in seiner eige- 
nen Person redet, und in dem ganzen Buche einzig bemüht ist, 
die Revolution von Standpunkten der enthusiastischen Demokraten 
jener Zeit zu betrachten, ohne zu behaupten, dass dies der wahre 
oder einzige sey. Der Abschnitt d. prüft die Geschichte vom 10. 
Februar bis zum 10. März nach demselben Grundsatz. Hier wer- 
den gelegentlich die Denkwürdigkeiten des Generat Dumourier, 
dielgerade weil er sie selbst geschrieben bat, bekanntlich noch 
Jogenbafter sind, als die vielen unter den Namen von Staatsman- 
nern und Generalen von Pariser bomroes de lettres fabrizirten Me'- 
moires und Autobiographien, sehr gut beleuchtet und die Lügen- 
haftigkeit nachgewiesen. Der Abschnitt e. hat die Ueberschrift: 
Der zehnte Marz 1793; er steht im genauen Zusammenhange 
mit dem Vorhergehenden, denn der Verf. sucht darin zu beweisen, 
dass die Brissotisten , wie sie Marat nannte, in Verbindung mit 
Danton conspirirtea, Robespierre, Couthon und Marat aber von 
ichtem Eifer entbrannt waren. Da der Verf. seine Sache aich* 
Mos sopfaistisirend und räsonnirend , sondern auch historisch aus 
den von ihm sehr fleissig studirten Schriften der Augenzeugen zu 
beweisen sucht, so lasst sich gelegentlich Vieles aus solchen et- 
was auffallenden Untersuchungen lernen, wenn man auch dafür 
halten sollte, dass das Resultat ein Paradoxon sey. Es liegt auch 
für den, der sich .vom Volke und von dem Treiben, Wesen und 
Denken der Leute, welche nach des Herrn Fu nk 's Meinung, dessen 
Vertheidiger und ächte Republicnner waren, eine ganz andere Ver- 
stellung macht, als er, etwas Erfrischendes darin, dass er in unsern 
Tagen an Republiken glauben kann. Man siebt aber dabei wenigstens, 
dass er nicht bles Andern etwas glaublich machen will, wovon er 
nicht selbst innig überzeugt ist, sondern dass er mitten in Frank- 
furt von der Urzeit träumt. Ref. lobt den Verf. darüber, nbgleich 
er in der Hauptsache ganz anderer Meinung ist; doch ist er weit 
entfernt, Schwärmerei und Thorbeit zu verwechseln. ' 

Seite 116 beginnt der Abschnitt f., Der erste April über- 
schrieben, mit einer Untersuchung über die Verbindung Danton's 



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M Funkt Beitrag sur Geschichte dur französischen Revolution. 

mit Dumourier, wahrend der Leiste sein Wesen in Belgien trieb, 
und hier bietet sieb allerdings ein günstigeres Feld, um die An- 
sicht, welche Herr Funk im ganzen Buche durchfuhrt, ei ni«; er- 
messen wahr fnd geltend zu machen. Die Rolle, welche der 
jetzige König von Frankreich damals neben Dumourier spielte, 
wird, wie man erwarten kann, von Herrn Funk hervorgehoben 
und mit den Briefen dieses Zöglings der Genlis, welchem Dumou- 
rier damals die leiste Politur der politischen Bildung gab, belegt. 
Wenn übrigens Herr Funk das Tagebuch Ludwig Philipps ge- 
kannt hätte, welches dieser der Genlis geschenkt hatte, und wel- 
ches mit andern nsobgelassenen Papieren dieser sanbern Dame 
verkauft, von einem englischen Tory gekauft und englisch über- 
setzt im Quaterly Review wörtlich abgedruckt wurde 7 so würde 
ihm dies reichern Stoff geboten haben, als alle die vielen Apo- 
krypba, die er citirt. 

Der Abschnitt g., Der achtzehnte April 1793 beginnt 
mit der Geschichte der Errichtung des Revolutionstribunals , geht 
dann zu den Streitigkeiten wegen Marat's Anklagen über and 
nimmt diesen gegen die Gironde und gegen unser Aller Meinung 
in Schutz. Man sieht, der Verf. hat sich eine sehr schwere A uf- 
gabe gemacht. En drei folgenden Abschnitten über den 16. JVIai, 
über den 87. Mai, über den 31. Mai und über den 2. Juni wird 
die Geschichte des Kampfs mit den Girondisten, oder Plutokraten, 
als welche sie der Verf. nach dem einmal aufgestellten, Grundsatz 
behandeln zn müssen glaubt, durchgeführt. Ein Auszug oder eusnt 
Beurtheilung dieser Abschnitte waren hier theiis nicht an ihren* 
Platze, theiis nicht einmal möglich. Das Letztere gilt von einem 
Auszuge, weil die ganze Darstellung auf Einzelnheiten eingeht, 
die man vor Augen haben rauss. Diese elenden Handel scheinen? 
aber nur für den damaligen Augenbliek von Bedeutung- zu seyn. 
Die Personen, ihre Cabalen und ihre Wirksamkeit haben zufällig 
eine Bedeutung erhalten, die sie nicht hstten. Es ist die Rede 
von Pariser Cabalen und Streitigkeiten, es sind Geschichten des 
Tumults der Anarchie, nicht Geschichte der Revolution und der 
Franzosen, worauf es ankommt; Herr Funk hat sich aber mit 
Recht daran gemacht, weil auch Thiers alles Dies ala Geschiebte 
der Revolution behandelt. Der folgende Abschnitt führt unter der 
Aufschrift: Der 31. Ootober 1793 die Geschichte uaeb der 
angenommenen Behauptung fort, dass Danton und seine himmel- 
stürmenden Freunde antirerolutiooäre Absichten hatten, und das* 
sogar Rübespterre sich von ihnen gegen die einzigen wahren 



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Fook: Bottrag «ur Geschichte der französischen Rerolution. 15 

Volksfreunde zuweilen fortreissea liees. Bs scheint daher fast, 
als wäre dem Herrn Funk auch sogar Robespierre nicht ganz 
conseqoent demokratisch. Wir wollen in dieser Beziehung eine 
merkwürdige Stelle ausheben. Es ist nämlich S. 288 die Rede 
davon, dass Danton die Abgeordneten der Urversammlungen auf- 
gefordert habe, den Reichen zu sagen: „Vereinigt euch mit den 
Demokraten, die entschlossen sind, eher Frankreich in einen 
Ascbeobaufen zu verwandeln, als dem Feinde nacbzogeben; be- 
denkt, dass -dieser Feind, wenn er siegte, euch die Regierung eines 
Minderjährigen brächte/' Daran knüpft der Verf. folgenden Be- 
richt über das Benehmen des Btllaud Varennes und seines Freun*. 
des Robespierre. 

„B'üiaud hingegen 14 , beisst es, „dachte eich vielleicht in der 
Drohung mit dem Aschenhaufen eine Aufforderung an die Rei- 
chen, den Demokraten auf die Finger zu klopfen ; auch zweifelte 
er wohl nicht, dass die Plutokraten sieh recht gern die Herrschaft 
eines Minderjährigen gefallen lassen würden (gemäss dem Plan, 
Dülons) mit seiner Mutter oder mit dem Herzoge von Orleans 
zum Vormund. Die Königin war bereits am 1. August dem Re- 
roliitioasgericht überwiesen; aber der betreifende Bescblnss war 
wirkungslos geblieben. Die Vollziehung erwirkte am 9. October 
Bilkaud, und zugleich die Erstreekung auf den Herzog. Dies war 
bei der Gelegenheit, wo die Verweisung von 46 Abgeordneten vor 
das Gericht und die Verhaftung von andern 73, als Unterzeich- 
nern einer Protestation ge^en die Beschlüsse vom ». Juni verfügt 
wurde. BilJand wollte, dass mit Namensaufruf abgestimmt werde 
und dass Jeder seine Meinung über die Angeschuldigten sagte. 
Vielleicht wollte er eine bessere Auswshl, als der Berichterstatter 
sie getroffen hatte. Robespierre setzte durch, dass es 
bei ihr sein Bewenden hatte, ■ — — zum Nachtheil der 
Wahrheit und Gerechtigkeit, die von ihm später als Grund- 
pfeiler der Republik bezeichnet wurden. 4 ' Die Tbeilnabme an 
Maasregeln und Vorschlagen Danton'* wird auch im Folgenden 
Robespierre zum Verbrechen gemacht und er darüber scharf ge- 
tadelt — In diesem Punkte wenigstens werden alle Leser mit 
Herrn Funk einerlei Meinung seyn. 

Der Abschnitt über den 5. April 1794, oder mit andern 
Worten, die Geschichte des Kampfs gegen Danton und seine Cor- 
teliers ist anziehend durch die ganz eigenthümlichc Behandlung 
4er Geschichte dieser Periode der Schreckenszeit, wobei man frei- 
lich wieder mehr die Origioolitfit des Schriftstellers, als die Brauch- 



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Memoire of ihe Marquis of Pombal. 



barkeit der Retnltate seiner Forschung berücksichtigen muss. Zu 
diesem Abschnitt gehört der folgende über denSi.Maii794 
als Fortsetzung. 

Ref. glaubt durch diese Aber das Buch des Herrn Funk ge- 
gebenen Notizen die Kenner der Revolutionsgeschichte (denn nur 
für diese scheint uns das Buch, und ist ganz abschliessend 
diese Anzeige bestimmt) in den Stand gesetzt zu haben, zu er- 
kennen, welcherlei Untersuchungen sie darin linden. Auf die Masse 
der hier vorkommenden Einzelnheiten sich einzulassen, erlaubt ihm 
weder der Raum noch der Zweck dieser Blätter, im Allgemeinen 
abzusprechen oder Richtersprüche zu fällen, ist dem Ref. noch nie 
eingefallen; er lässt gern jedem seine Ansicht menschlicher Dinge, 
seine eigene hat er sich gebildet durch Thatsacben v und sucht sie 
durch diese zu begründen. Absolute 'Wahrheit kennen nur die 
Philosophen und Theologen, die sie in Gott schauen und den Grü- 
belnden oder Glaubenden Unter heftigem Toben gegen die nicht 
Grübelnden odernicbt unbedingt Glaubenden zu verkündigen pflegen. 

Von S. 346—400 beschäftigt sich der Verf. von seiner Bin- 
tbeilung der Republicaner in Plutokraten und Timofcraten ausge- 
hend, abschliessend mit Cbollier. Wie dieser zu der Ehre kommt, 
in Deutschland solcher Aufmerksamkeit gewürdigt zu werden, 
ntuss man im Buche selbst nachlesen. 



Memoirs^of the Marquis of Pombal tritt extraits from Ms writings and 
front despatches in the State paper office never before published by 
. John Smith, Esq. Private Secretary of the marshal marquis de 
Saldanha. London. Longman, Brown, Green and Longmans. Pa- 
ternoster Row. ±848. 8. Vol. I. 343 p. Vol. IL 388 p. 

Der Hauptvorzug dieser Lobschrift auf den Minister Pombal 
(denn eine Lebensbeschreibung oder eine umfassende Schilderung 
seiner Wirksamkeit kann man es nicht nennen) sind die Auszüge 
aus seinen eignen Aufsätzen, welche natürlich nur über die Art, 
wie er sich die Dinge vorstellte, über das, was er Andern 
glauben machen wollte, nicht über die Beschaffenheit der Dinge 
oder über den eigentlichen Erfolg seiner Maasregeln Auskunft 
geben. 

CDer Beschlu** folgte 



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Xr. 2. HEIDELBERGER 1844. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 

• • • •* 



Memoir* of the Marquis of PombaL 

Ißeschluas.y 

Oer Verf. schreibt sehr leicht und ist so klar, wie es dns 
Publicum fodert, welches er, nach der Dedication nn Sir Robert 
Peel zu urtheilen, vorzugsweise im Auge bat. Ref. hat nicht 
• gerade viel Neues in dem Buche gefunden, sondern der Haupt- 
vorzug besteht iu der Leichtigkeit der Darstellung und in der 
grossen Gewandtheit, das was dem Verf. zu seinem Zwecke dient 
zu sagen und das, was diesem entgegen ist, wegzulassen, dabei 
aber eine Anzahl von Originaldocumenten im Text so geschickt zu 
gebrauchen/ dass Niemand, der das Buch liest, leugoon wird, dass 
Pombai ein ausserordentlicher Mann war. 

Was die englischen Gesandtschaftspapiere angeht, die er benutzt 
bat, so bat Ref. nichts darin gefunden, als Worte, wenn er einige 
Stellen aus Robert Walpole's Briefen ausnimmt, welche im II. Theil 
vorkommen. Wenn aber Ref. eifersüchtig darauf wäre, dass 1 man 
ihn anführe, wenn mnn ihn benutze, was er aber nicht ist, so würde 
er dem Verf. vorwerfen, dass er die Stelle eines Briefs, den er 
in Paris excerpirt und im dritten Bande des achtzehnten Jabrbun 
derts mitgetbeilt bat, benutzt, ohne Ref. zu nennen. Hatte näm- 
lich Herr Smith auch was er niobt hat, die Pariser Archive durch- 
sucht, so würde er doch die Stelle an dein Orte, wo sie dem Ref. 
ganz zufällig in die Augen fiel, nie gesucht, oder, wenn er sie 
gesucht hätte, nie gefunden haben. Die wichtigsten Stücke enthält 
der zweite Band; Ref. will indessen auch den ersten summarisch 
durchgehen, da er das Buch nicht zu kritisireh, sondern blos anzu- 
zeigen hat, damit man wisse, was man darin suchen darf. 

Das erste Capitel des ersten Tbeils enthält eine dürftige Ue-' 
benicht der Geschichte von' Portugal bis auf den Tod Königs Jo- 
bann V. ; darüber lässt sich nichts sagen. Das zweite Capitel 
gibt eine ebenfalls unvollständige Uebersicht der Geschiebte Pom- 
bai's bif« auf seine Berufung aus Wien in das portugiesische Mi- 
aisteriam. Ajles, was in beiden Capiteln erzählt wird, findet sich 
XXXVII. Jahrp. I Doppelheft. £ 



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18 MeraoiM of the Marquis of Pombal. 

r * - ► 

• 

„ anderswo vollständiger. Erst das vierte Capitel enthalt einen sehr 
interessanten Beitrag zu Pombars Geschichte, zwar nicht in Be- 
ziehung anf seinen Charakter und seine Regierung, aber doch in 
Beziehung auf seine Kenntnisse und Talente. Seile 83 — 87 tbe'rlt 
nämlich der Verf. aus PombaPs eignen Schriften dessen Ansicht 
von der Stellung und den Verhaltnissen des Reichs mit, und die- 
ser Aufsatz zeugt allerdings von einem denkenden und kräftigen 
Geist. Was bernaob über die Geschichte des Erdbebens von Lissa- 
bon u. s. w. gesagt wird, ist allgemein bekannt und nicht er- 
schöpfend; die angehängten extracts from despatches in the State 
Paper Office enthalten nichts als Worte. Im fünften Capitel findet 
man von S. 114 — 126 wieder ein sehr interessantes Stück aus Pom- 
bars Schriften, nämlich seine Ansicht von Staatsökonomie überhaupt 
und von der portugiesischen insbesondere. Auch das sechste Ca- 
pitel enthält einen bedeutenden Beitrag zur Geschichte der theo- 
retischen Kenntnisse Pombafs, denn über die Praxis dürfen wir 
nicht nach seinem Reden und Schreiben, sondern nur nach den 
Thatsachen urtheilen. Dies Capitel bandelt nämlich von «einen 
Maasregeln in Rücksicht des Weinbaues und Weinhandeis, be- 
sonders von der geschlossenen Po rto w e i n - G es el J s c h a f t. 
Bei dieser Gelegenheit rückt der Verf. S. 142 — 164 ein Akten- 
stück ein, welches die Ueberschrift hat: of the establishment and 
progress of the Oporto wine Company, written by the marquis of 
Pombai after his retireraent fron? the ministry. Die folgenden 
Capitel dieses Tbcils, nämlich VII— XI., welche die Fehde mit 
den Jesuiten, die Vertreibung derselben, den Prozess der Familie 
Tavora und das, was damit zusammenhängt, enthalten, sind etwas 
einseitig, unvollständig und auf keine Weise erschöpfend. Die 
allerwichtigsten Umstände bei der Geschichte der Tavora, z. B. 
die Liebschaft des Königs u. s. w. fehlen ganz. Wer einen ab- 
soluten Jesuitenhass in sich nährt, für den ist Alles hier vortreff- 
lich angeordnet Es sind nämlich überall die wesentlichsten Dinge 
ausgelassen, und jede Grausamkeit gegen sie wird entschuldigt. 
Im eilften Capitel werden bei Gelegenheit der Handelsgesellschaft 
für Brasilien, der Handelsgerichte und dergleichen wieder Stellen 
aus Pombars Schriften und Edictcn beigebracht, welche beweisen 
(woran übrigens Niemand jemals gezweifelt hat), dass er ein vor- 
trefflicher Kopf, der mit seiner Feder und seinen Edicten die 
schönsten Anstalten zu erschaffen im Stande war, denen nichts 
fehlte, als ein Boden, auf dem sie wurzeln, und Freiheit, wodurch 

sie wachsen konnten. Das zwölfte Capitel, oder das letzte des 

• » 



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Memoirs of the Marquis ol Pombai. 19 

fluten Theils, bandelt von 0er Organisation der Armee ond von 
dem Kriege mit Spanien. Das Capitel ist vom Anfange bis zum 
Ende mangelhaft, weil bier gerade das kleinste Detail nöthig ge- 
wesen wäre, der Verf. aber schon wegen der Art des Vortrags, 
den er gewählt hat, immer bei Allgemeinheiten stehen bleibt. Wie 
dürftig dies Capitel aasfallen musste, wird man schon daraus se- 
hen, dass er weder die Denkwürdigkeiten noch die ausführliche 
Lebensbeschreibung des sonderbaren Grafen von der Lippe, auf 
den dabei Alles ankommt, benutzt bat. 

Gleich das erste Capitel des zweiten Theils oder das drei« 
zehnte des ganzen Werks ist reicher an belehrenden Nachrichten 
als alles Vorhergehende; denn es beschäftigt sich mit der Ver- 
besserung der Finanzen, der Verminderung der Kosten der Erhe- 
bung der Auflagen, der Beschränkung der Ausgaben und des 
hofhalts. Bei der Gelegenheit wirft der Verf. einen flüchtigen 
Bück auf den gegenwärtigen Finanzzustand von Portugal, und 
bemerkt, dass auch jetzt die Erbebungskosten ein volles Drittel 
aller Einnahme verschlingen. In diesem Capitel sind auch aus des 
englischen Gesandten (Mr. Hay) Briefen einige Bemerkungen von 
Bedeutung beigebracht. Der Sehluss des Capitels, den wir mit 
des Verf. eignen Worten hersetzen wollen, .berichtet einen Um- 
stand, der, so klein er ist, doch seine grosse Bedeutung bat. Kr 
berichtet p. 90: 

It is perhaps not generally known even in Portugal, that 
Pombai was tbe 'first person, wbo introduced the usc of forks into 
the country. This simple instrujnent of daily convenience the mU 
nistor brought with him frora England on his return from the 
court of St. James's in 1745. 

Das {folgende 14. Capitel beschäftigt sich mit dem Process 
des Pater Malagrida und enthält durchaus nicht Neues — nicht 
einmal das Bekannte vollständig. — Dagegen findet man in dem 
Appendix zn dem Capitel Notizen aus den englischen Gesandt« 
schaftspapieren, Welche sehr brauchbar sind. Das fünfzehnte Ca- 
pitel enthält genaue und anziehende Nachrichten über PombaFs 
Maasregeln in Beziehung auf dep Koro- und Weinbau, und auf 
die Industrie überhaupt, kurz, eine wahrhafte Bereicherung der 
historischen Kenntniss seiner Verwaltung. Das sechzehnte Capitel 
behandelt die Geschichte der diplomatischen und politischen Ver- 
hältnis«« ven England und Portugal, und die der englischen Kaui- 
Itute, welche Portugal auasogen, bei welcher Gelegenheit sich denn 
der liberale portugiesische Minister bitterlich über dte englischen 



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20 Menioim of tho Marquis of Panibal. 

Zeitungen beschwert und über die Art, wie diese seine Verwal- 
tung darstellen. Das siebenzehnte Capitel behandelt etwas gar zu 
kurz und ohne Gründlichkeit die bekannten Streitigkeiten mit dein 
Pabtt and die geistlichen Angelegenheiten überhaupt. Das acht- 
zehnte Capitel enthält wieder Nachrichten von Verwaltungsmaas- 
regeln. Man darf dort nur das Register alles Dessen durchlesen, 
■was schnell geschehen sollte, um einzusehn, dass Pombai, wie 
Kaiser Joseph II., so viel auf einmal unternahm, and sich so 
«ehr in alle Geschäfte des häuslichen und bürgerlichen Lebens, 
militärisch gebietend und gesetzgebend einmischte, dass sein Be- 
mühen nothwendig frachtlos bleiben mnsste. Sehr anziehend ist 
das neunzehnte Capitel, nicht blos wegen einiger Actenstücke, 
welche Pombai selbst abgefasst, und mehrer Bemerkungen, welche 
aus der Correspondenz der englischen Gesandten gezogen sind, 
sondern wegen des Inhalts und der in diesem Capitel gegebenen 
vielen speziellen Nachrichten überhaupt. Ein französisch geschrie- 
bener Brief Pombais an den Marquis de Mello vom 30. März 1765 
p. 106 bandelt von einer Mordscene, welche durch Dominicaner 
angestiftet werden solle, and wobei es auf eine Bartholomäusnacht 
abgesehen sey. Uns ist aber Pombai ein eben so «erdächtiger 
Zeuge, wenn er von beabsichtigten Gräueln der Mönche, Jesuiten 
und fanatischen Geistlichen redet, als Guizol und Consorten, wenn 
sie von Erneuten der Pariser Republioauer sprechen. Desto zu- 
verlässiger sind die auf diesen Brief folgenden .Nachrichten von 
unerhörten Grausamkeiten und Verfolgungen der Gegner Pombais, 
welche durch das von ihnen beabsichtigte Verbreeben dieser vor- 
geblichen geistlichen Verschwörung entschuldigt werden sollten. 
Mehr Aufmerksamkeit als dieser Brief verdient das Actenstück, 
welches p. 131 eingerückt ist. Es ist das von Pombai am 30. 
September 1770 bekannt gemachte Edict, worin er seine Gedan- 
ken von Erziehung überhaupt and von Nationalerziehung insbe- 
sondere aasspricht. Im neunzehnten Capitel , in welchem beson- 
ders von geistlichen Streitigkeifen die Rede ist, findet man p. 146 
bis 168 eine Depesche von Robert Walpole vom Juli 177», wel- 
che über die Verbältnisse in Lissabon eine gute und genaue 
Kunde gibt. Ein anderer Brief von Robert Walpole* pag. 155 
gibt Nachricht von der Besorgniss, welche der Minister bei Cle- 
mens XIV. Tode in Röcksicht der Wahl seines Nachfolgers 
hegte. Das zwanzigste Capitel bandeit von der völligen Reform 
des Schul- und Erziehungs- Wesens, von Universität, Museum 
und Professoren. Es klingt allerdings fast mährchenhaft, wenn 



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Mrmoir« of ihv Marquis «*f Pemuar. 21 

achtzig Universität» Professoren von dem neuen General-Lieute- 
nant der Universität Coimbra (Pombai) creirt, und achthundert 
and sieben und achtzig- Professoren und Lehrer verschiedener Art 
in den verschiedenen Gegenden des portugiesischen Gebiets ange- 
stellt werden. Der Scbluss des Capitels enthält aus einer De- 
pesche Robert Wnlpole's vom Jahre 1774 gezogene ausführliche 
Nachrichten über das harte Verfahren gegen den vorher ungemein 
begünstigten de Scabra. Das 21. Capitel handelt von Pombal's 
Schmeichelei gegen den König und von des Königs Gnade gegen 
Pombai. Dieser ward, wie die Juli -Regierung der Franzosen, 
durch die wiederholten Anschläge, ihn aus der Welt zu schaffen, 
erst recht mächtig, da- er sich dem Könige unentbehrlich gemacht 
hatte. Pombai setzte dem Könige eine Reiter-Statue, dieser ver- 
mehrte ihm Ehren und Titel. Dies ist ganz in der Ordnung und 
bezeichnet überall, wenn auch nicht die göttliche, doch die höfische 
A'atur der Dinge. Bei der Gelegenheit rückt der Verf. aber aufs 
neue ein Doctiment ein, das wir nicht gekannt haben. Dies ist 
die englische Uebersetzung einer Lobpreisung Pombars, von- die- 
sem selbst verfasse Diese Schrift steht Vol. II. p. 19& unter dem 
Titel: Observations written by tbe Marquis of Pombai on, tue 
inauguratien of tbe Equestrian Statue of His Most FaitbfuL Ma- 
jesty. Juny 6. V 177Ö Das 22. Capitel gibt 'einen actenmässigen 
Bericht über die Verhältnisse von Spanien, Portugal! und England 
kurz vor dem Tode des Königs, und über die Feindseligkeiten 
zwischen Portugall und Spanien. Von grosser Bedeutung' für die 
allgemeine Geschichte isf alles Das nicht, aber für Pombafs Ge- 
schichte ist es wichtig genug. Man sieht, wie unbeschreiblich 
thätig er war; denn dass er auch in diesen Bändeln selbst arbei- 
tete, beweisen die eingerückten diplomatischen Schreiben. Im 23. 
Capitel findet man vollständige Naohrichten von dem besten Theile 
von Pombal's innerer Verwaltung. Es bandelt dies Capitel Von 
der mit Bewilligung des Pabstes vollbrachten Aufhebung vieler 
Klöster, von der Abschaffung der Criminalgericbtsbarkeit anderer 
Klöster, vom Canal von Oeyras, von den Einrichtungen für Han- 
der, Gewerbe und Künste, anch enthält es einen langen Traotat 
mit Marocco. Am Ende folgt die Geschichte von der Krankheit 
und vom Tode des Königs Joseph. 

Man sieht ans dieser Aufzählung des Inhalts der einzelnen 
Capitel des Buchs, dass der Verf. seine Lobrede auf Pombai vom 
Anfange bis zu Ende mit Documenten belegt und mit Verschwei- 
ftung der Härten, Grausamkeiten, Ungerechtigkeiten und Nach- 



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53 Mcuioii-M of tbc Marquis nf Pombai. 

(heile die glänzenden Vortbeile seines Ministerianis and einen von 
aller Welt gepriesenen Erfolg seiner Handlungen nachgewiesen 
bat Das war nicht schwer; man durfte nur Alles, was verord- 
net, gebaut, eingerichtet ward, nur Zahlen and augenblickliche 
Erfolge nachweisen and vom Uebrigen absehen. Uebrigcns hat 
Niemand je daran gezweifelt, dass der Mann einen grossen Geist 
hatte and energisch genug wa«*, sein System durchzuführen. — 
Der schwierige Theil der Aufgabe war nicht der, zu zeigen, dass 
das System gut war, sondern, dass die Mittel gut waren, deren 
man sich bediente, am es auszuführen; ferner, dass es passte, 
dass nicht gleich bei seiner Einführung der Grund untergraben 
ward, auf dem es sicher stehen konnte und dergleichen. Um dies 
Letztere nachzuweisen, ist es nicht genug , das geduldige Papiejr 
der Documente, Zeugnisse, Reden, Briefe der Gesandten u. s. \v. 
anzuführen; man muss tiefer in das Wesen der Civilisation, Natur 
der Völker, elimatische Beschaffenheit, Herkommen, Gewohnheit, 
unvertilgbare Sitten eingehen. 

Die letzten Capitel des Buchs enthalten die Geschichte von 
PorobaPs Sturz, die seiner Verfolgung, seines Prozesses nebst 
allen dazu gehörigen Actenstücken. Unter die Letztern gehört 
ein Aufsatz PombaPs, der das ganze 25. Capitel füllt, dessen 
Veranlassung der Verf. dieser Denkwürdigkeiten auf folgende 
Weise angibt: ,,Porabal u , heisst es p. 310 — 311, „wendete, als 
er sich auf seine Güter aurückgezogen hatte, den grossten Theil 
seiner Muse dazu an, seine Angelegenheiten in Ordnung zu brin- 
gen, seine Papiere zu sammeln und zu vergleichen und über ver- 
schiedene mit seiner eignen Staatsverwaltung verbundene Gegen- 
stände zu schreiben. Unter den wenigen Handschriften dieser 
Art, welche während der bürgerlichen Kriege, der Auswanderun- 
gen und anderer Unfälle, die seine Familie getroffen haben, nicht 
uutergegangen sind, befindet sieh eine, welche Betrachtungen über 
eirt kleines, in englischer Sprache geschriebenes, ini Jahre 1777 
in London gedrucktes Buch enthält, weiches Buch jedoch erst im 
Januar 1779 in PombaPs Hände gelangte. Das Buch war von der 
damaligen Oppositionsparthei in England geschrieben, und zwar 
in der Absicht, das Ministerium, an dessen Spitze Lord North 
stand, zu tadeln. Ueber dieses Buch schrieb der alte Minister ei- 
nen Aufsatz unter dem Titel: 

✓ 

Heflections on the serenteen Utters published at London t« 1777 and 
rtetived at Pombai in January 1779, 



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Wuttke: Friedrich',» Besitzergreifung von Schlesien. II. Tb. elc. 23 



Ref. muss hier abbrechen, weil er doch einige ihm freundlich 
mitgetheilte Schriften kurz, erwähnen will, nicht sowohl um sie 
zu beurtheilen oder ihren Inhalt vollständig anzugeben, als viel- 
mehr, am sich den Verfassern durch eine ganz, kurze und nackte, 
aber baldige Anzeige der Erscheinung ihrer Schriften gefälliger 
zn beweisen, als durch eine sehr späte aber ausführliche Anzeige 
oder Kritik, die er zu geben zum Theil nicht einmal fähig öder 
competent wäre, geschehen könnte. 

• i # 

1 • 



König Friedrich'* des Grossen Besitzergreifung von Schlesien und die 
Entwicklung der öffentlichen Verhältnisse in diesem Lande 6is zum 
Jahre 1740 dargestellt von Heinrich Wuttke. Zweiter Theil, 
Diu Entwicklung der öffentlichen Verhältnisse in Schlesien bis zum 
Jahre 1740. ^ 

Auch unter einem zweiten Titel: 

Die Entwicklung der öffentlichen Verhaltnisse Schlesiens, vornehmlich 
unter den Uabsbur gern. Von Heinrich Wuttke . Zweiter Band. 
Leipzig, Verlag von Wilhelm Engelmann. 1843. 469 S. 8. 

Der Verf. dieses Buchs hat an dem Herrn Dr. Kries, Pri- 
vatdocenten in Breslau, einen Gegner gefunden, der ihm die Auc- 
torität abspricht und ihn in einer sohar/en Kritik heftig angreift. 
Ref. masst sich in der Sache gar kein Urtbeil an, weil es die 
Specialgeschichte Schlesiens angeht, welche er nie studirt hat; 
doch wird man woblthun, wenn man Herrn Kries mit Herrn 
Wuttke vergleicht.* Der Letztere hat unstreitig die Aufgabe in 
weiterer Beziehung und in grösserem Umfange gefasst, als sein 
Gegner; er kann daher gar leicht in manchen Einzelnheiten geirrt 
haben, ohne dnss sein Buch dadurch für Ausländer das Geringste 
verliert. Die Schrift des Dr. Kries hat den Titel: Historische 
Entwickelung der Steu erverf assung inSchlesien un- 
ter Theilnabme der allgemeinen Landtagsversamm- 
longen. Ein Beitrag zur Geschichte der schlesischen Stände, 
Ton Karl Gustav Kries u. s. w. Breslau, bei Georg Philipp 
Aderbolz. 1843. 106 S. gr. 8. — So gründlich und urkundlich 
anrh diese dem Herrn Geheimen Archivrath Stengel zugeeignete 
Schrift ist, und so wenig Ref. die Punkte, worauf es hier beson- 
ders ankommt, gründlich versteht, so glaubt er doch behaupten zu 
dürfeii, Uass Herr Kries etwas zu weit geht, wenn er das Buch 



24 \Vutt^e: FriedrirhV B«*ilat;rpr»ifutiK von Srhltftion. II. Tb., und 

de« Herrn Wuttke gar nicht gelten lassen will. Er sagt im 
Vorworte seiner Schrift 8. XIV. : 

„Was Herr Dr. Wnttke in seiner Besitzergreifung Schle- 
siens Band I über die Verfassungszuslände seines Vaterlandes 
bis 1621 zum Theil aus handschriftlichen Quellen beigebracht hat, 
ist in sofern dankenswerth, als er einige bisher wenig beachtete 
Felder der echlesiscben Geschichte berührt und auf manche bisher 
unbenutzte Quellen aufmerksam gemacht hat." .Man siebt, das ist 
Verdienst und Ruhm genug, Herr Kries hätte also nicht hinzu- 
setzen sollen: „Berufen kann mnn sieb aber auf dieses Werk 
nicht." 

Was nun diesen zweiten Band der schtesischen Geschichte 
de« Herrn Wnttke angeht, so ist die Specinigeschichte auf eine 
solche Weise bebandelt, dass kein Frrniid der allgemeinen deut- 
schen Geschiebte das Buch ungelesen lassen darf, weil überall in 
dem ganz Speeiellen das Allgemeine richtig anfgefaast und auch 
sogar das ganz Specielle anziehend durchgeführt ist. Den Haupt- 
inhalt des Buchs, welches von den Reactionen der Zeiten des dreis- 
aigjährigen Kriegs beginnt, machen die Bedrückungen der Prote- 
stanten und die Geschichte der List, der Tücke und Grausamkei- 
ten der Jesuiten und ihres Anhangs, um ihre Herrschaft und die 
Gewalt der Pfaffen und des Pabsts dem Lande als das wahre Reich 
Gottes und Christi aufzuzwingen: doch hat der Verf. überall auch 
Literatur und Bildung berücksichtigt. 

In den Bemerkungen des Verf. über Opitz und seine Schule, 
und über Logau S. 43 — 61 ist uns besonders aufgefallen, dass 
Opitz um ein paar hundert Thaler willen sich gebraueben Hess, 
die Schrift eines Jesuiten gegen den Protestantismus durch seine 
Vebersetzung und seinen Namen unter dem Volke verbreiten zu 
helfen. Herr Wuttke sagt in dieser Beziehung S. 52: Hier- 
nach arbeitete Opitz an der Verbreitung und grösseren Wirksam- 
keit einer Streitschrift, welche seinen Glauben bekämpfte and sei- 
ner Kirche tiefe Wunden schlug.' 4 Ueber Juristen, Beamten und 
den Geist ihres Treibens, und über den Sinn, den sie unserem 
deutseben Volke einredeten und einbläuten, findet man in Bezie- 
hung auf Schlesien S. 149 ff sehr passende und brauchbare Nach- 
richten. Der dritte Abschnitt dieses Bandes, die Katholisi- 
rung Schlesiens überschrieben, verdient besonders in unsern 
Zeiten fleissig gelesen und studirt zu werden, weil er nicht De- 
clamation, Uebertreibung und gehässige Darstellung enthält, wie» 
man sie oft bei denen findet, die, wie Herr Wuttke, dem coge 



Kric«: Entwicklung «1er Steuer verfamuing in Schlesien. 25 

intntre der römischen Kirche feindlich sind, sondern Unter Thnt- 
sachen. Dieser Abschnitt ist in folgende Unterabteilungen ge- 
lheilt: 8. 166—173 die kirchlichen Zustände unmittelbar nach 
dem Religionskriege. 8. 173 — 196 das Erlöschen der Piasten. 
8. i 96— 223 der Klerus uqd seine Taktik. S. 223—230 das Be- 
kebrungswerk und die bei demselben befolgten Grundsätze. S. 239 
—249 der gegen die Protestanten geübte Druck und dessen verschie- 
dene Gattungen. 8. 249—274 die Thätigkeit der Jesujten. Seite 
273—283 der Erfolg und die Klagen. 8. 283—302. Mit beson- 
derer Aufmerksamkeit hat Ref. die achte Abtheilung gelesen, wo 
von der Erscheinung Carfs XII. in Sohlesien und von seiner her- 
nach in Altranstädt durch ausdruckliche Stipulationen bekräftigten 
Verwendung für die schlesischen Protestanten die Rede ist. Der 
fahrende neunte Abschnitt zeigt aber, dass nach der Schlacht bei 
Poifswa der Druck ärger ward als vorher, obgleich er auf eine 
andere Weise geübt wurde. Dabei ist zu bemerken, dass die 
österreichische Regierung nach andern Grundsätzen verfuhr, als 
gewisse Regierungen unserer Zeit, die, wenn sie uns Protestanten 
nicht zu Katholiken machen können, nns wenigstens zu Pietisten 
machen wollen. Das wollte man damals in Oesterreich keines- 
wegs. Wie man in Schlesien dabei verfuhr, 'findet ' man S. 349. 
Auf der folgenden Seite gibt der Verf. in der Note interessante 
Nachrichten, wie bei Berufungen der protestantischen Geistlichen 
die Wichtigkeit katholischer Geistlichen einwirkte. ' 

Unter den Mitteln, deren man sich bediente, die Zahl der 
wahren Gläubigen und das Reich Gottes zu vermehren, findet man 
hier auch die Verfälschung der Geschichte und die verkehrte Lei- 
tung des Jugendunterrichts, oder die Verhinderung geistiger Aus- 
bildung 1 , angeführt. Es ist interessant, aus dem Bericht des Verf. 
zu lernen, wie man das damals ungeschickt anfing; jetzt verfährt 
man dabei viel feiner. Um zu beweisen, dass man nicht blos das 
Volksschulwesen, sondern auch die Gymnasien herunter zu bringen 
sochte and glücklich darin war, geht der Verf. den Zustand bei- 
der in diesem Zeitraum sorgfältig durch. 8. 387 -391 findet man 
einen Artikel über das Zeitungswesen in Schlesien, besonders in 
Beziehung auf Zulassung fremder Zeitungen, d. h. auch sogar 
der streng censirten sächsischen. Gelegentlich sieht man , wenn 
roo Censur die Rede ist, dass sich nicht Neues unter der Sonne 
findet, und dass es doch jetzt so gauz arg nicht gelrieben werden 
kann, weil der Geist stärker geworden ist als das Fleisch, Auf 
•en unmittelbar darauf folgenden Seiten handelt der Verf. von de» 



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1 

2*5 Schow: Stimmen ans flänctuark über Schleswig. 

* 

Dichtern der zweiten schlesisuhen Dichterschule, besonders Von 
Löbenstein und Hoflfmannswaldau. Bei der Gelegenheit zeigt sich 
in Beziehung auf Günther S. 412 der Verf. zwar als eifriger Pa- 
triot, wenn et diesen Manii durch ein Testimonium von GÖthe ge- 
gen Gervinns zu decken sucht; aber er, als ein beliebter akade- 
mischer Lehrer, wird arm besten wissen, was von Testimonien zu 
halten sey. 

Das ganze Buch ist so belehrend und zugleich unterhaltend 
geschrieben; es gibt so viel« Züge aus dem Leben jener Zeit, so 
manche anziehende Anekdote und so viele aus Büchern, die man 
nicht leicht in die Hand bekommt oder aus ungedruckten Quellen 
gezogene Notizen, dass esf gewiss jeder, der sich mit der allge- 
meiner! deutschen Geschichte beschäftigt, mit Nutzen und Ver- 
gnügen in die Hand nehmen wird. 

... . 



Stimmen aus Dänemark über die schleswigschen Verhältnisse. Eine 
Sammlung von Aufsätzen aus dem dänischen Wochenblatte. Her- 
ausgegeben von Dr. J. F. Schow, Professor. Kopen/utgen. Gol- 

; ' t dendal'sche Buchhandlung. 1843. 141 S. 8. 

.. .... » 

Ueber die in dieser Schrift enthaltenen Aufsätze, die gröss- 
tenteils Fragen betreffen, welche nur für die dänisch-deutschen 
Provinzen Interesse haben, in unserem Theile Deutschlands ein 
Uitheil fällen, oder über den Inhalt auch nur ausführlichen Be- 
richt geben zu wollen, würde eine grosse Anmassung verrathen ; 
Ref. will daher nur die Uebersehriftcn der in dem Büchlein ent- 
haltenen Schriftchen anführen, weil er glaubt, dass einige der- 
selben, besonders der letzte über Erbfolge, in unserer Zeit 
von grosser Bedeutung sind. Er ergreift diese Gelegenheit, zu- 
gleich dem Herrn Prof. Scbow und den dänischen Gelehrten 
überhaupt seine Aufmerksamkeit und Dankbarkeit zu bezeugen. 
Er will daher auch im Vorbeigehen einer gegen ihn selbst ge- 
richteten Schrift freundlich gedenken. Er findet es durchaus recht 
und passend, dass Herr Kolderup-Rosenvinge in einem gedruckten 
Sendschieiben an ihn eine andere Ansicht der dänischen Geschich- 
ten des achtzehnten Jahrhunderts aufgestellt hat als er, und er 
will kein Wort dagegen erinnern. Er würde hinzusetzen, dass 
er sich in der neuen (dritten) Ausgabe des dritten Bandes des 
achtzehnten Jahrhunderts darnach richten wolle; aber das kann er 
unmöglich. Ein ihm entschlüpftes Versehen iu Nauieu und Be- 



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, r 

Klippel: Fulcke und das Cbrouicon Corbejense. 27 

ricbtigung einer Verwechselung: will er gern berichtigen, im Ue- 
brigen wird er nur auf des Herrn Rosevinge (dessen Motto ans 
Göthe beweist, dass dieser ein besserer Dichter und Hofmann als 
Historiker war) Schrift verweisen, nnd es dem Leser überlassen, 
ob er sich zu denen stellen will, welche mit Herrn Rosevinge 
Guizot nnd Guldberg für grosse Historiker und Staatsmänner hal- 
ten und vor ihnen das Haupt beugen, oder mit denen, die dafür 
halten, dass der gerade Weg der beste und sicherste sey. Ref. 
1* «eo* Bedeute .uf Anh.»«, e. Ut ihm b.c. darum zu 
tbon, seine Meinung vorzutragen. 

Was des Herrn Prof. Scbow Stimmen aus Dänemark angebt, 
so findet man darin zuerst einen Aufsatz des Prof. Clausen Seite 
1 — 19 über danische Nationalität in Schleswig. Dann von dem- 
selben einen andern S. 19 — 37 über dänisch-scbleswigsehe Pro- 
paganda. Dann von Etatsrath Estrup S. 37 — 45 ein Schreiben an 
den Redacteur auf Veranlassung der Schleswig sehen Verhältnisse. 
Darauf folgt S. 46 — 68 ein ähnlicher Aufsatz des Grafen von 
Knuth über die schleswigscben Verhältnisse auf Veranlassung ei- 
nes Artikels in der Hamburger Neuen Zeitung.. S. 58—84 steht 
eine Abhandlung des Prof. David über den von den Herzogthü- . 
mern geroachten Anspruch auf den Zojlüberscbuss. Der Heraus» 
geber (Prof. Schow) hat S. 84 — 92 eine Erklärung abgegeben 
über die Rolle, welche seiner Meinung nach die von der Press- 
/reiaeitsgese'jJschaft herausgegebene physisch-geographische Karte 
bei der schJeswig-holsteinschen Partei gespielt bat. S. 92 — 110 
folgt ein Aufsatz über die nationalen Bewegungen im Herzogthum 
Schleswig j nach Mittheilungen von einem Eingebornen in Süd» 
Schleswig. S. 110—181 von Etatsrath Estrup über Deutschlands 
Einheit. Den Schluss macht der Aufsatz des Etatsrath Estrup von 
S. 121 — 141, der für Ref. der wichtigste war, und nnter allen 
allein nicht blos locale, sondern durchaus allgemeine Bedeutung 
bat. Er ist überschrieben : Findet sich wirklich keine Spur, dass' 
dänische Könige die bei den Schriftstellern vorkommende Ansicht 
gelheilt haben, dass die Erbfolge im Herzogthume Schleswig im 
Jahre 1721 verändert worden ist? 



Johann Friedrich Falcke und das Chronicon Corbejense von Dr. Georg 
Heinrich Klipp e l , SKonrector am Domyymnasium in Verden etc. 
Eine historisch - kritische Abhandlung, welcher von der historisvh- 



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Klippcl: Fal ke und da» Chronicon Corbrjente. 

. 

theologischen Gesellschaft in Leipzig am 1. Dezember 1841 der Prets 
von 90 Friedrichsd'or zuerkannt ist. 

Auch unter dem Titel : 

Historische Schriften von G. B. Klippel. Erster Band. Bremen. 
1840. Verlag von Ä. B. Geisler. »73 S. 8. 

Da diese Abhandlung schon 1841 von gelehrten Forschern 
in Leipzig einer Prüfung unterworfen und des Preises, den die 
beurtheilende Gesellschaft zu vertheilen hatte, würdig befunden 
worden, so würde es Ref., auch wenn er den Lesern der Jahr- 
bücher zumutben dürfte, ihm durch alle Kinzelnheiten einer ge- 
lehrten Forschung zu folgen, dennoch nicht für nöthig halten, 
diese anzustellen; er will daher nur die Worte der Vorrede mit- 
theilen , in welchen sich der Verf. selbst über Zweck und Inhalt 
der Abhandlung ausspricht. 

Kr sagt nämlich, dass er, erst nachdem der Inhalt der Preis- 
schrift in Illgens Zeitschrift für historische Theologie Heft 1. 
Seite 103—173 ausführlich, wie er sich ausdrückt, besprochen 
worden (er hätte einen passendem Ausdruck wählen sollen), Wi- 
gande Schrift über die corvey'scben Gescbiohtscbreiber erhalten 
habe. Nachdem er diese Schrift gelesen, habe er in der seinigen 
Veränderungen vornehmen und auf Wigand Rücksicht nehmen 
müssen. Das Resultat sey, dass er darin völlig mit Wigand über- 
einstimme, dass dus Cbroniccn Corbejense durchaus nicht von. 
Falcke erdichtet seyn könne; allein er könne sich anderseits auch 
nicht davon überzeugen, dass dasselbe von dem schon im Jahre 
1712 verstorbenen Historiker Paullini verfasst seyn sollte. 

Wir würden nach diesem den Lesern der Jahrbücher Zweck 
und Inhalt dieser Schrift folgen derniassen angeben: Es werden 
, darin die Gninde, welche zur Verdächtigung Falcke's und des 
Chronicon Corbejense angeführt worden , entkräftet und ihre Un- 
tialtbarkeit bewiesen, zugleich aber die Aechfbeit des Chronicon 
auf jede Weise dargethan. Dabei ist jedoch der Verf. so billig, 
einzugestehen: . * » 

Dass ein voller und unbedingter Beweis der Aechtbeit dieser H- 
Chrouik erst durch das Auflinden des Originals derselben möglich 
seyn würde. y. 

Der Verf. sagt am Ende der Vorrede, dass ein zweiter Band t p 
historischer Schriften nach wenigen Monaten erscheinen und eine , , 
ausführliche kritische Geschichte des Löbens des beil. Ansgariu*. ^ 
cuthalten solle. ' Ä 



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AUmevcr: Essai sur Tliiatoirc de In < mlisntion eu Brlgique. 29 

Ref. bat oft Gelegenheit gehabt, der Verdienste des Herrn 
Altmeyer um historische Forschung und geistreiche Behandlung 
der Geschithte in diesen Jahrbüchern zu erwähnen, und tbut dies 
om so lieber, da es scheint, als wenn man in Belgien den ver- 
dienten Mann nicht genug ermuntere, sioh den Studien, die er mit 
so vielem Glück treibt, anschliessend zu widmen Das schliesst 
Ref. daraus, weil Herr Altmeyer seine Beschäftigung als Advocat 
am Appell ationsgerkhte zu Brüssel nicht aufzugeben für gut 
findet. Ref. will dieses Mal das Publicum auf zwei ganz neue 
Arbeiten des Herrn Altmeyer aufmerksam machen, der Anzeige 
dieser zwei neuen Schriften aber die einer filtern voranschicken, 
welche dem Ref. erst spät in die Hände gekommen ist. 

1. Essai «ttr l'histoire de la civilisation en Belgique sous la maison de 
Bourgogne par J. J. Altmeyer, Liege. A. Jeunehomme, impri- 
meur. 1841. 59 S. 8. > 

2. Des cause s de la decadence da comptoir Hanseatique ä Bruges et de 
sa transUttiun d Anrers au XVI. stiele par M. J. J Attmeg er etc. 
Bruxelles. 1843. 36 S. 8. 

3. Voyage dans les villes Hanseatiques et en Danemarc par la Hollande 
et l' Allemagney par J. J. Altmeyer, Avocat pres la cour d'aj/pel 
de Bruxelles, profe&seur d'histoire A l'universite libre et ä l'ecvte 
centrale de commerce et d f industrie. Liege. Imprimerie de Felix 
Oueart. 1843. 86 S. 8. 

Nr. i. ist nicht sowohl eine gelehrte Forschung, als ein be- 
redeter Vortrag über die Blütbe der Provinzen des oeuburgun- 
diseben Reichs bis auf die Zeiten dir Kriege und Verfolgungen 
unter Philipp II. Her Verfasser gibt den Umfang und die Be- 
schaffenheit der Bildung Belgiens, und zugleich die Ursache 
der Blüthe des Landes an. Er bleibt nicht blos 'beim Allgemei- 
nen stehen, sondern lässt sich auch auf das Besondere ein, so 
dass er manche spezielle Notiz gibt, die man iu einer Rede nicht 
erwarten würde. Er berichtigt z. B. p. 28 Hüllmanns (ohnehin 
durchaus unhaltbare) Behauptung, dass der Compass die Erfindung 
eines niederländischen Mönchs, des Thomas Cantiprantanus sey, 
der ein Schüler des Albertus Magnus und Mönch im Kloster de 
Leeuw St. Pierre bei Brüssel gewesen ist. Herr Altmeyer weiset 
niebt blos nach, was ausgemacht ist, dass der Compass früher 
•chon in andern Meeren gebraucht ward, sondern er führt. eine 
Stelle an, aus welcher hervorgeht, dass er auch sogar in den 
Niederlanden schon früher bekannt war: Neanmoins, sagt er, on 



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80 Altmejer: De In (ft'cndrnre du cnmptnir flnnsdatiqae. 

> 

connaisseit deja l'usage de la boussole bien auparavant dans le 
XII. siecle, un chroniqueur la compare ao pape, soaverain direc- 
teur de la chreliente 

De noetre pere l'Apnstnile 
Volsiwe, qu'il semblast I'eatoile 
qoi ne se roeut. 



Nr. 2. enthält eine durchaus auf besondere, zum Theil ar- 
chivalische Nachrichten gestützte Untersuchung über den auf dem 
Titel erwähnten Gegenstand. Besonders anziehend sind die ersten 
zwanzig Seiten, wo der Verf. viel Neues über die Plane ui d das 
Treiben des berühmten Demagogen YVullenwever, der Dänemark 
unter die Gewalt der Hanseaten zu bringen hoffte, beigebracht hat. 
Was die Bereicherung der belgischen Geschichte aus hanseatischen 
Archiven und umgekehrt, der deutschen Handelsgeschichte aus 
belgischen Archiven angeht, so glaubt Ref., solchen deutseben 
Forschern, welchen das Kchrü'tchen vielleicht nicht in die Hände 
kommen sollte, einen Gefallen zu thun, wenn er ihnen mittheilt, 
was Herr Altmeyer über diesen Punkt bemerkt hat. Die hier mit- 
getheilten Bemerkungen verdienen um so vielmeht Aufmerksamkeit, 
als der Verf. lange und fleissig in belgischen Archiven gearbeitet 
hat und nun des Resultat der auf seiner letzten Reise in den han- 
seatischen Archiven angestellten' Untersuchungen ausspricht. Die 
Worte lauten p. 6: 

Dieses Mal begann ich meine Untersuchungen mit dem Bre- 
mer Archiv, wo ich verschiedene Handschriften in Folio fand, je- 
des etwa tausend Seiten stark, welche alle die hanseatischen Pro- 
tocolle vom Jahre 1557 bis zum Ende des sechzehnten Jahrhun- 
derts betrafen. Diese Bände sind mir um so nützlicher gewesen, 
als die hamburgischen Protocolle dieses Zeitraums durch den Brand 
im vorigen Jahre ganz vernichtet sind, und als blos in diesen 
Protokollen die innere Geschichte unserer Verhältnisse zur Hansa 
zu finden ist, weil in Lübeck und in andern grossen Städten des 
Bundes und nicht bei uns über das, was uns anging, verhandelt 
ward. Umgekehrt sind unsere flandrischen Archive unendlich viel 
reicher anjDiplomen und Briefen, als die der Hanse, und als ich 
gesehen habe, welche ganz unbedeutende Dinge meine sehr ge- 
achteten Jiübecker Freunde in den Urkundensammlungen mit so 
grossem Fleiss und Geschmack ans Licht bringen, habe ich mich 

» 



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Altmeyer: De la decailcnce da tomptoir Jlansc'stjque 



nicht enthalten können, ihnen meine Unzufriedenheit darüber zu> 
erkennen zu geben, dass sie unsere schätzbaren Niederlagen von 
Documeuten in den Städten Flanderns unbeachtet lassen. Diese 
gehätze liegen in Gent, in Brügge, Ypern, Lille begraben, und 
die grossen hanseatischen. Städte nehmen keine Notiz davon. 
Nichtsdestoweniger wird eine Geschichte ihres Verkehrs mit uns 
noch immer vermisst; denn so grosse Achtung ich auch für Sar- 
torius upd Lappenberg habe, so finde ich doch diese Geschichte 
bei ihnen nicht. Wäre es nicht sehr anzuratben, dass die bel- 
gische Regierung Gelehrte nach Deutschland schickte und die 
Hanseaten nach ßelgien, welche den Auftrag bitten, die aller 
rühmlichste Periode der europäischen Geschichte des Mittelalters, 
diejenige, deren Glanz uns am mehrsten in Erstaunen setzt, ganz 
aus dem Dunkel ans Licht zu bringen? Man wird mir einwerfen, 
daxu müsste man sehr geschickte Männer haben, und sehr viel 
Geld aufwenden, welches Belgien und die Hanse nicht aufbringen 
könnten, und doch sind beide gleich reich. Sollte es denn wahr 
seyn, dass Frankreich allein im Stande sey, Leute auf grosse 
Missionen dieser Art auszusenden, oder grosse wissenschaftliche 
Expeditionen zu veranstalten, wie neulich die nach Island? 

Ref. hat diesen Vorschlag des belgischen Professors dem 
deutschen Publicum mit Vergnügen mitgetheilt; aber er verfährt 
dabei, wie er jedes Mal zu verfahren geneigt ist, wenn Jemand 
von der ganzen Geschichte oder von einem Theile derselben eine 
ganz andere Ansicht aufstellt, als er. Er theilt diese gern selbst 
mit, weil er fest überzeugt ist, dass der grösste Tbeil des Publi-' 
eums ganz anderer Ansichten und L'rtheile bedarf, und sie sich 
deshalb auch macht oder verschafft, als er, der durchaus seinen 
eigenen Weg geht, weil er doch auch Viele findet, die diesen gern 
mit ihm gehen. Er gesteht daher auch, dass ihm das gelehrte Mis- 
sionswesen des Staats eben so sehr zuwider ist, als das christliche 
der Basler, Wupperthaler , Berliner und anderer Gesellschaften r 
weil er gar zu gut weiss, wie es mit den Sendungen in Frankreich 
gehalten wild, dies Treiben daher auch den Deutschen und Bel- 
giern unmöglich empfehlen knnn und darf. 

, / / 

* 

Aus Nr. 3,, der Reisebeschreibung des Herrn Allmeyer, will 
Ref. hie und da eine Notiz oder eine Bemerkung ausheben, wel- 
che den Charakter derselben bezeichnen kann. Im Allgemeinen 
hat der Reisende den kurzen Aufenthalt in den verschiedenen 



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I 



32 Altmeyer: Voyage dann les villcn Hanse'aliques. 

Stedten besonders dazu benutzt, am über Gelehrte and über wis- 

i 

senschaftlicbe Punkte Erkundigungen einzuziehen. Die Bemer- 
kungen über Holland und über Dänemark ganz vorn im Büchlein 
and am Schlüsse desselben, will Ref. übergeben, um ein paar No- 
tizen über Hamburg und Lübeck mitzutheilen, aus denen hervor- 
geht, dass Herr Altmeyer doch hie und da nur flüchtig beobaoh~ 
tete und schrieb. Wenn er z. B. von der Achtung redet, wo- 
rin Herr Lappenberg als Gelehrter in Hamburg steht, so führt 
er Worte an, aus denen hervorgeht, dass er entweder auf Jemand 
gegossen ist, der sich über ihn lustig machen wollte, oder auf 
eineu Senator, der weder de la bonne societe, noch im Geringsten 
unterrichtet war. Jedermann in Hamborg weiss, dass Lappenberg 
ein reicher Mann ist, wie uns ja Herr Altmeyer selbst sagt (S. 
20.), aoch ward er bekanntlich früher zu mebrern Missionen nach 
Berlin und nach England gebraucht; er war ja auch Archivariiis. 
Der Senator, von dem Herr Altmeyer in den folgenden Worten 
spricht, kann also höchstens oin reicher Zuckerbäcker, wie mau 
die Raffinateors in Hamburg nennt, gewesen seyn. Herr Alt- 
meyer nämlich) nachdem er vorher gesagt hat, dass in Hamburg 
der Menschen Werth und Achtung nur nach Mark Banco ge- 
schätzt werde, weil Piutus allein der Gott der reichen Stadt sey, 
erzählt S. 13 folgende Anecdote: Un senateur a qoi je parlais 
an jour des grnnd« travaux de Mr. Lappenherg le celehre hisf ei- 
nen de la Hanse, que je lui signaiai (vielleicht hat die Munier, 
wie es das (bat, die Ironie des Senators hervorgerufen) comme 
an des premiers savnns de l'Kurope, me regarda tont elahl, en 
me disant: „II fallait qu 1 on vint de Bruxelles pour 
nous apprendre cela; car en veritc nous ne nous en 
doutions guere." Eine andere Anecdote dagegen, die eine 
Nachricht enthält, welche Hamburg durchaus nicht zur Ehre ge- 
reicht, war zu_der Zeit, als Abendroth noch nicht aus dem Rat he 
geschieden war, so abentheuerlicb das Ding auch scheinen mag, 
wörtlich wahr. Herr Altmeyer sagt p. 15: 

J'y (in Hamburg) ai reinarque ainsi que dans tout le Nord 
de J'Europe un respect eonstitutionel pour Tage; sous ce rapport 
Lycurgue et Babeuf s'y trouveroient cbez eux. • Des quatre bour- 
gemestres actuels, trois sont tellement vieux que Tun est sourd, 
Tautre aveugle, le troisieme paralytique. 

* - 

(Der nescMtm? folgt! 

i 
i 



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jf r . 3. HEIDELBERGER 1844. 

✓ • I * 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 




Altmeyer i Voyage dans le* villes llansealiques. 

* 

CBesckluss .) 

Auf diese satyrische Bemerkung folgt die für den Sentit eben 
nach nicht ehrenvolle Geschichte der gerichtlichen Verfolgung 
Höckels, den das Volk befreite, weil der Senat das Gesetz ver- 
letzte. Per Senat verlor seine Sache bei einigen Facüuaten, rr 
suchte aber bei andern Trost. Was Gelehrte angeht, so bleibt der 
Verf. bei Prof. Wurm stehen. Diesen nennt er an des publicistes 
Jes plus distingnes, bat ihn aber übrigens gar nicht gesehen, weil 
er ausser der Stadt lebte. Am ausführlichsten ist er über Lübeck ; 
da aber diese Anzeige schon langer geworden ist, als Ref. be- 
absichtigte, dass sie werden sollte, so will er nur den Anfang 
des Berichts über den Aufenthalt in Lübeck wörtlich einrücken. 
Herr Altmeyer sagt p. 24: 

\ la poste daaoise de Hnmbourg, la diligence vous prend a 
sept heures du matin et a une beure de Tapres midi vous met en 
face de Lübeck. Jy arrivai le 4. Septembre. La voila donc 
m'ecriaije, Tantique dominatrice de la Baltique, la luraiere de la 
Hanse, la couronne de la Vandalie, la töte de TAUemagne, la 
villo souveraine qni faisoit trembler les peuples et les rois et je 
me mis a reciter les vers du chroniqueur. Dann folgen die latei- 
nischen Verse, mit denen Ref. die Leser verschonen will, nnd Herr 
Altmeyer fahrt fort: Mais aa silence de mort, qui plane sur cette 
ville a la vue des herbes que croissent dans ses rues mon en- 
thousiasme se dissipa comme de la fumee. 



Auch auf die Gefahr bin, anmasseud eu scheinen and sich in 
Dinge zu mischen, die er nicht versteht, würde Ref. gern hirr 
noch ein Bach von Herrn Credner und eins von Herrn Beseler, 
die beide ihm viel Freude gemacht haben, anzeigen; es erlaubt 
aber dies der Raum nicht. Er behalt sich daher vor, ein anderes 
XX SAH. Jabrg. I. Doppelheft. 3 



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84 Creüner: Das neue Tattuncut. II. Tli 

Mal, wenn ihn Herr Hofrath Bähr, als Redaotor der Jahrbücher 
nnfs, nene zo einem Beitrag ersuchen sollte, ausführlich von bei- 
den bu reden, nicht um als Sachkenner ein Urtheil abzugehen, 
sondern, um sich als Dilettant darüber mit den ihm sehr befreun- 
deten Verfassern vor dem Publicum zu unterhalten, ohne sich da- 
rum für einen Kenner der Wissenschaften auszugeben, in deren 
Umfang sie gehören. Das erste ist die von sehr vielen, auch weib- 
lichen. Bekannten des Ref. lange vergeblich erwartete Fortsetzung 
von Credners populärer Einleitung in das Neue Testament. Ref. 
bat den Verf. oft in Briefen um diese Fortsetzung gemahnt; al- 
lein das Schicksal verbängte so viele Leiden über den würdigen 
Gottesgelehrten, dass er leider die ganze Zeit hindurch mit der 
Unmöglichkeit zu entschuldigen war. Bs ist die Rede von dem 
ersten Theile des 1841 erschienenen Werks: 

Das Testament nach Zweck, Inhalt und Ursprung für denkende Leser 
der Bihet, von Dr. Karl August Credner. 

welcher erste Theil sich mit den Evangelien beschäfti/rfe. Per so 
eben erschienene zweite Theil (auf den Ref. zurückzukommen ge- 
denkt) handelt von den Briefen. Das zweite der erwähnten Bü- 
cher scheint freilich ein Mos juristisches Werk zu seyn, es hat 
aber für den Forscher der Socialverhältnisse in ihrem ganzen 
Umfange und für den Historiker fast noch grössere Bedeutung 
als für den Juristen. Kef. , wenn er später auf das Werk zu- 
rückkommt, wird sich sehr in Acht nehmen, die Seite desselben 
zu berühren, die nicht ihn, sondern die Juristen angeht. Der Ti- 
tel des Buchs ist: 

Volksrecht und Juristenrecht. Von Dr. Georg Be seier, Geh. Justiz- 
rath und Professor zu Greifswalde, Leipzig, Weidmännische Buch- 
handlung. 1843. 364 «. 8. 



Eines dritten Buchs hätte Ref. schon seit längerer Zeit aus 
dem Grunde erwähnen sollen, weil er früher den ersten Theil des- 
selben angezeigt bat. Kr musste damals gestehen, dass er als 
Biograph Beza's and Peter Martyr's in früheren Jahren die hand- 
schriftlichen und gediuckten Documente über die ersten Gründer 
des Calvinismus zu emsig hatte studiren müssen, um bei Herrn 
Sayous viel Neues oder ihm Wichtiges zu finden, er sollte also 
billig jetzt auch naobweisen , warum und worin ihm der zweite 



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Sijona: Etüden aur leg cerivain« Franca!«» de la reforraation T. II. 35 

Theil besser gefallen habe. Da ihm dies seine Zeit und der Raum 
dieser Blatter nicht erlaubt, so will er wenigstens im Allgemeinen 
bemerken, dnss er diesen Theil mit Vergnügen und Nutzen gelesen 
ood weniger Anal ose darin gefunden hat als im ersten. Dies im 
Allgemeinen ausgesprochene Urthe.l liesse sich leicht durch längere 
Auszüge rechtfertigen; Ref. will aber den Titel anführen und 
auf zwei oder drei Stellen des Buchs aufmerksam machen. 

Etudes litteraires sur les eciivains Frangaut de la reformatio*. Par A. 
Sapotrs. Tome second. Hotoman ft. et H. Eslienne. La Noue 
Mornay-D' Aubiyne-Conclusion. Paris et Gentve. 1843. 3(f1 p. Ä. 

Gleich der erste Artikel hat es mit einem Manne zu thun, der 
in »1er Jurisprudenz., der Gesrbtchte und der Theologie gleich stark 
war. mit Franz Hutinann. Die JLeser erhalten hier eine von Osten* 
sio« und Alfectatinn oder Deciamation ganz freie Zeichnung des 
originellen Mannes und seiner Arbeiten; sie werden dabei in die- 
sem wie in den folgenden Artikeln sehr oft unwillkürlich an 
Rabelais erinnert. Diese gründliche Gelehrsamkeit, diesen origi- 
nellen Witts findet man in der clnssischen Zeit der Franzose» .im 
17. Jahrhundert nirgends; aber freilich auch nicht diese Heftig- 
keit, diese Grobheit, wie sie sogar im Streit des Cujas mit Hot- 
man. bald an Rabelais, bald an Luther erinnert. Hotmann sagt 
ganz offen: „Seine Gegner seyen Hunde, die den Stock, nichteine 
Widerlegung durch Gründe verdient hätten." Heber die, welche 
sich von der Catharina von Medicis gegen ihn gebrauchen Hessen, 
fügt er hinzu: „ihre Semiramis gebrauche sie für ein Stück Brod 
zum Bellen." Mit den unter uns in neuer Zeit, wo' das Mittel- 
alter das Steck eu pferd geworden ist, von den vornehmen Ju- 
risten wieder zu Ehr»;a gebrachten Glossatoren geht Hotmann 
sehr übel um. ■ Er sagt in einer Stelle, die wir zur Erbauung an- 
gehender Juristen ausheben wollen, und welche Herr Sayous 
Seite 25 mitgctheilt bat: „ Souventes fois Tiraqueau en ses 
traites enrichis prodigieusement de ces alLegations etj autorites 
cbafourres apres avoir entasse et temoignages et conformites de 
cent oo de cent vingt docteurs, tous aecordaut en une opinion. 
adjouto par apres un tel ou semblable propos. „Et afin que'tu 
sache, ami lecteur. qu'il n'y a rien en-notre droit, qui ne soit 
ambigu ec mis en dispute ou controversc, je fen veux raconter 
autaut ou plus grand nojnbre, qui tiennent Topinion contraire." 
Et sur cela il desploie une grande liste d'autres docteurs opposes. 
Der Abschnitt III von S. 28 — 54, dem der Verf die Hebers« brift 



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96 Sayoum E tu des nur lc« enrivain« Frttoc.i»ia de la t-<?fnfni;itinn. T !t 

gegeben hat, Hotman pnbliciste, enthält viele Winke, welche be- 
sonders dem Forscher der deutschen Reformationsgeschichte nütz- 
lich und sogar nothwendig sind. Dass der Verf. über Robert nnd 
Heinrich Stephanus (Etienne) etwas Neues sagen könnte, wird 
man nicht erwarten, er hat aber die Behandlung ihres Lebens und 
die Darstellung ihrer literarischen Thätigkeit so eingerichtet, das» 
sogar jeder, der von ihrem Verdienst als Gelehrte und Schrift- 
steller weder etwas weiss noch wissen will, das Buch mit Ver- 
gnügen lesen wird. Von Robert Stephanus berichtet er unter an- 
dern S. 60: D'abord protege par le roi mais enfin vaineu par 
la tenacite de ses adversaires, Robert abandonna sn place. Ou(re, 
dit-il, la grande despense qu'il me falloit faire a suyvre la cour 
et que j'estoye contrainet d'abandonner les lettres, toutes fois je 
ne povoyo fnir que tont ce qu' iroprimeroye ne fut seubject k 
leur censure. Mais que m'eussent ils permis d'imprimer si non 
les Sommes de Mandreton, la I.Ogique ifKnzinns, les Murales 
d'Angest, la Fhysiquo de Majori«, leur breviaire et missel. Par 
ce moyen il m'esl fallu perdre toute la peine que jusques ä* prä- 
sent je me suis efforce d'employer en la sainte Kseripiure et bon- 
nes lettres, et qu'ay de ferme propos delibere y dedier jusques 
a la fin de ma vie. 

Im Artikel Heinrich Stephanus wird man S. 97—103, 
wo von Rabelais die Rede ist, so wieg. IV., Philologie Fr an« 
caise überschrieben, gevvins mit grosser Befriedigung und Ver- 
gnügen lesen. Auch die Artikel Francois de la Noue und 
Duplessis-Mornay wird Niemand ohne Befriedigung aus der 
Hand legen ; da sie eben so frei von langweilender Gelehrsamkeit 
und Ostension, als von affectiver Schönschrcibcrei und von ober- 
flächlicher Rhetorik sind. Der längste Aufsatz ist der über Theo- 
dor Agrippa d'Aubigne, welcher ein und achtzig Seiten 
(p. 197— 278) füllt. Was in diesen biographisch -literarischen 
Artikeln einzeln gesagt war, fasst Herr Snyous hernach in dem, 
was er Conclusion nennt, gedrängt zusammen. §. I. bemerkt er, 
in wiefern die Reformation und das erneuerte Studium des Al- 
terthums (d. i. la rennaissance) die Ketten des Mittelalters brach. 
$. II Ueber Wirkung des Bibelstudiums und der Predigt der Cal- 
vinisten. §. III. Die Erneuerung der Philosophie. § IV Römi- 
sches Recht und Staatsrecht. §. V. Satyre und Geschichte. §. VI. 
Diehtung. Den Schluss macht Seite 319 — 361 eine Abhandlung, 
welche, in zwei Abschnitte gelbeilt ist. 1. luflueuce des ecrivains 



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Prc6i oit: Gr«« hiebt c Ferdinands und IsabeUaV 3? 

de la röformation sur U langue Francaise. II. Influenae de la 
reformation sur luveoir de la litteruture Francaise. 

Schlosser. 



Geschichte der Regierung Ferdinand' 4 und I sabella' s der Katho- 
lischen in Spanien. Von William II. P re Scott, Aus dem Eng- 
lischen übersetzt. Leipzig, bei Drockhatts. 1849. II. Bände. 

*. Ueber Spaniens Geschichte gibt /es vielleicht anter den vielen 
Werken, die von ihr handeln, nicht Eines, das vpn so grossem, 
und vielseitigem Interesse wäre, wir dieses. Besonders für den 
Spanier, dem die Wohlfahrt seines herrlichen Landes am Herzen 
Jie^t, ist es reich an Belehrung and Stoff zum Nachdenken. Schon 
dies gibt diesem Werk vor andern einen bedeutenden Vortheil, 
dass es den Zeitraum umfasst, wo Spaniens Zustände in jeder 
Beziehung einer hohen Vollendung entgegengingen and zugleich 
der Grand ihres nachherigen Glanzes und spätem Zerfalls geregt 
wurde. In der Regicruugsxeit Ferdinands und Isabella'e treffen 
die grossen Ereignisse zusammen, welche Spanien in die Reihe 
der mächtigsten christlichen Reiche einführten, unter denen es da» 
mals sogar den ersten Platz ansprechen durfte. Die wichtigsten 
waren die Vereinigung Castiliens mit Aragonien. Die Eroberung 
Granada's, des letzten maurischen Machtgebiets auf der Halbinsel, 
der Gewinn eines ausgedehnten Besitzthums durch die Entdeckung 
der neuen Welt, die Rückkehr Neapels unter den spanischen Soep- 
ter, die Einnahme von Oran, Algier, Tunis, Tripolis und anderer 
afrikanischen Küstenstädte, endlich die Verstärkung der Grenze 
Spaniens gegen Frankreich durch Eroberung der diesseits der 
Pyrenäen gelegenen Hälfte von Navarra. Es hat aber auch Herr 
Pres co tt durch die Unverdrossenheit seiner geschichtlichen For- 
schungen und durch die genaue uod geschickte Bearbeitung des 
überreichen Stoffes zu einer würdigen und lichtvollen Darstellung 
der Begebenheiten, Charaktere and Zustände seinen Beruf zum 
Beschreiben eines so merkwürdigen Zeitraums von Spaniens Ge- 
schichte befriedigend erprobt Mit Recht bat er dem Ganzen als 
Einleitung eine Uebersioht der Verfassung und des öffentlichen 
Lebens , wie sie sich in Castilicn uod Aragonien (in welchem 
letztern auch Catalonicn* Valencia und Navarra begriffen waren) 
bis in die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts entwickelten, vor- 



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/ 



38 Prrstott: Gr*<:M< hl«' Ferdinand'« und ItoibrlluV 

angeschickt. Die stet* kriegerische Stellang der christlichen Be- 
völkerung gegen die moslemischen Araber, die eine ausgedehnte 
Herrschaft in der Halbinsel begründet hatten, übte den entschie- 
densten Einfluss anf ihre Gebräuche, Einrichtungen und Verwal- 
waltung. Der Umstand; dass die beständigen Kriege den Cha- 
rakter von Kreuzzügen hatten, trug viel zur Erhöbung des Au- 
sehens der Geistlichkeit bei. Priester mischten sich in alle Be- 
ratschlagungen und Geschäfte des Kriegs ein und führten nicht 
selten im kirchlichen Gewände die Heere zur Schlacht. Sie er- 
klärten des Himmels Willen, als ihnen in Träumen und Erschei- 
nungen geheimnissvoll geoffenbart. Wunder waren ein gewöhn- 
liches Ereigniss. Die entweihten Gräber der Heiligen sandten 
Donner und Blitz herauf, die Eindringlinge zu verzehren, and 
wenn die Christen im Gefechte schwankten, ward die Erscheinung 
ihres Schatzheiligen St. Jakob's auf einem milchweissen Streitrosse 
reitend und das Zeichen des Kreuzes -eiaporhaltenri, in der Luft 
schwebend gesehen, um ihre gesprengten Sobaaren wieder zu sam- 
meln and zum Siege zu führen (S 9). Weil indessen die spa- 
nischen Araber ihre christlichen Gegner io allgemeiner Verfeine- 
rung and auch in einigen Zweigen geistiger Bildung übertrafen, 
so diente die Achtung, welche sie dadurch den Christen, unge- 
achtet der politischen und religiösen Abneigung, einflössten, zur 
Milderung der Robheit in der Kriegführung. Die spanischen Ara- 
ber waren in ihren ritterlichen Hebungen vollkommen, und ihre 
angebnrne Frachtiiebe, die einen Glanz auf die rauhe Anssenseifc 
des Ritterthums warf, theilte sich leicht den christlichen Ritten 
mit. Während den Zwischenräumen des Friedens besuchten die 
let/.tern die Höfe der maurischen Fürsten, wo feine Sitten blühten 
und nahmen an ihren Turnieren Theil, so wie sie auch im Krieg« 
mit ihnen im Frauendienst wetteiferten (S. i2f.). Weil die Bür 
gerschaft der Städte den wirksamsten /JTheil der Volkslandweh: 
bildete und bei Anlegung von Grenzplätzen ihren Bewohnern grosst 
Vorrechte zugesichert werden mussten, so bekamen frühzeitig die 
Gemeinheiten einen sehr freisinnigen Charakter. Die Bürger er- 
hielten mehrentheils das Recht zur Selbstwabl der Verwalter städ- 
tischer Angelegenheiten. Städtische Körperschaften bestellten die 
Richter, von denen an den königlichen Gericbtsbuf berufen wurde, 
welcher aber vor der Berufung sich nicht einmengen durfte« Nach 
mehreren Stadtgesetzen war, um die Rechtspflege gegen Eingriffe 
der Macht zu schützen, den Edelleuten« nicht erlaubt, innerhalb 
der Stadtgemarkung Grundeifeonthum zu erwerben oder Paläste zu 

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FrcticoU: Geschichte Fcrdmaudn uu Uabclla's. 3Ü 

bauen , und die auf dein Land|rcbfet der Stadt aioh niederliessen, 
mussten der städtischen Gerichtsbarkeit sich onterwerfeo (8. 16). 
Das früheste Beispiel einer Volks Vertretung in Castilien kommt 
1169 in Burgos vor. Gewöhntich versammelten sich die Abge- 
ordneten efer Städte und dfWdes Adels und des Klerus in demsel- 
ben Räume (8. 17. 18). ImtAragonien bestanden die Corte« 
aus vier Zweigen, dein hobea Adel, dem niedern, der Geistlichkeit 
und den Gemeinen (S. 56), und ausser den Cortes bildet« sich die 
llermandad, eine beilige Bruderschaft zur Sicherung öffentlicher 
Ruhe und zur Vertheidigung der Freiheiten, vorzüglich gegen die 
Vebermacht des Adels (S. 21), dessen Gewalt die Monarchen, in 
der eiteln Hoffnung dadurch seine Anhänglichkeit zu gewinnen, 
durch eine Menge von Schenkungen und die Erlaubniss zu be- 
waffneten Verbindungen dermassen verstärkten , dass sie schon in 
der Mitte des 11. Jahrhunderts den Thron in Schatten setzte (8. 
29. 42. 51). Die gothische Kirchenordnung behielt bis ins XI. 
Jahrhundert allein kirchenrechtüche Geltung. Bis Zorn XII. übte 
der Landesherr grossen Einfluss in geistlichen Rechtssachen und 
in Besetzung der Pfründen. Doch durch Alphons des X. Gesetz- 
buch gingen viele seiner Vorrechte an den l'abst über (S. 39-f.). 
In Aragonien übertrugen die Gesetze seit dem IX. Jahrhundert die 
llauptgewalt einem Oberrichter und gewissen Grossen des 
Reichs (riecos homines). Dieser Gerichtshof war ermächtigt im 
Fall der Verletzung des Vertrags des Herrschers mit dem Volk, 
ersterem den Gehorsam aufzukünden und ein anderes Regierungs- 
baupt zu bestellen (8. 48. 49. 61. 53). In Aragonien war die 
Gewalt des Königs durch die der Cortes weit mehr als in Casti- 
lien beschrankt. Kein Gesetz hatte Gültigkeit, keine Abgabe konnte 
erhoben werden ohne ihre Einwilligung. Die Verwendung stand 
unter ihrer Aufsicht. Sie setzten strafwürdige Minister ab und 
schrankten die Hofhaltung ein. Jedes Mitglied hatte aber das 
Recht, durch Einspruch (Veto) einen Beschluss zu hindern (Seite 
58. 69). Die breiteste Grundlage Jer Freiheiten, besonders in Be- 
zug auf die Rechtspflege, war der Freiheitsbrief Peter' s des 
Grossen vom Jahr 1283. Der Gerichtshof, den die Cortes be- 
stellten, entschied in allen Rechtssachen. Nicht nur fand die Be- 
rufung an ihn von allen Gerichten statt, sondern auch jeder zwei- 
felhafte Fall musste an ihn gebracht werden. Auch konnte er 
rinera Beklagten gegen das Gericht, wo seine Sache verhandelt 
wurde, während dem Pro/esse Schutz verleiben. Der Oberrichter, 
aiigleicb Vorsitzender der Corte», uaLia dein Küuig bei der Tbron- 



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40 Prtncott: Geschichte Firdiuand'« um! Isabclla'«. 

besteigung den Krönungseid ab, mit bedecktem Haupt und sitzend, 
während der König mit unbedecktem Haupte vor ihm kniete (S. 
6tt — 65). So viel von der Einleitung. 

Das erste Hauptstück der Geschichte selbst stellt im Umriss 
die Regierung des Vaters von Isabclft, Johannes 1!.$ oder viel- 
mehr seines Günstlings Alvaro's de, Luna dar, welcher, nachdem 
er mehr als dreissig Jahre lang Castilien im Namen des schwa- 
chen Königs beherrscht hatte (1463), auf dem Blutgerüste fiel. 
Johann selbst starb bald hernach (am 21. Juli 1454), bedauernd, 
nicht als der Sohn eines Handwerkers, statt als König geboren 
zu seyn, ($. 1,03). Isabella (geb. am 22. April 1451) hatte 
kaum das vierte Jahr erreicht. Ihr Stiefbruder Heinrich IV. 
bestieg den Thron. Das dritte Hauptstück handelt von seiner 
Regierung. Der durch seine gutmüthige Verschwendung herbei- 
geführte Druck und der Hass gegen seine Günstlinge gaben An- 
las» zu einer Verbindung des Adels wider ihn. Dieser erklärte 
ihn des Throns verlustig und setzte seinen jungen Stiefbruder AI- 
phous darauf (1465). Die Hauptstädte fielen diesem bei. Das 
ganze Land wurde aber der Parteiung Raub. Doch schon den 
5. Juli 1468 starb Alphons, 15 Jahre alt Sein Anhang richtete 
nun die Klicke auf Isabellen, die bis in ihr 11. Jahr mit ihrer 
Mutter in der kleinen Stadt Arvalo in einer von der Schmeichelei 
entfernten Zurückgezogenheit gelebt hatte, wo die natürliche An- 
nwtb ihres Geistes und Körpers sich ungestört entfaltete. AU aber 
Heiuricu's IV. Gemahlin mit einer Tochter, Johanna, niedergekom- 
men war, die wegen ihres vermeintlichen Vaters Berti an de la 
Cueva den Beinamen Beltraneja bekam, wurde sie in den königli- 
chen Palast versetzt, wo jedoch die Reinheit ihres Betragen von 
der Ausgelassenheit des Hofes unberührt blieb Später suchte sie 
bei ihrem Bruder Alphons Schutz, und nach dessen Tod zog- sie 
sich in eiu Kloster zu Avila zurück. Hier wurde sie von dem 
Erzbischof von Toledo angefordert^ sich als Königin von Casti- 
lien ausrufen zu lassen. Nichts vermochte aber, sie zur Annahme 
des Antrags zu bewegen. Doch sprach sie den Wunsch aus, eine 
Versöhnung der Parteien zu . bewirken. Eine Ausgleichung kam 
zu Stande. Die Königin wurde von ihrem Gemahl geschieden und 
nach Portugal zurückgeschickt; Isnbellen viurde die Herrschaft 
von Asturien (der gewöhnliche Wohnsitz des muthmasslicben Thron- 
erben) zugewiesen, sie sofort als Erbin von Castilien und Leo 
anerkannt, zu dessen Bestätigung die Cortes berufen wurden ; die 
fue 'Wahl eines Gewühls mit Zustimmung ihres Urudcre wurde 



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i 

PrcHcotf : GcRchirhlc Ferdinand'* und Isabella'«. 41 

ihr vorbehalten. Die Cortes zu Ocanna gaben allem dem die Ge- 
nehmigung. Der Johanna wurde dabei gar nicht erwähnt. Nun 
traten die Bewerber auf um IsnbellaV Hand. Richard Herzog von 
Glouceste*r (der nachherige abscheuliche König Richard III.), der 
Her/o* von Guyenne, Ludwig's XI. Bruder und Ferdinand von 
^ragonien. Dem letztern gab Isabelia sowohl wegen seiner Per- 
son als dem politischen Vortheil der Vereinigung der Kronen von 
Castilien und Aragon den Vorzug. Auch Ferdinand war nur durch 
ausserordentliche Fügung der Geschicke (wovon das zweite Haupt- 
stück bandelt) zum Thron gelangt. Er war der zweite Sohn Jo- 
hannis II. von Aragonien, dem er am 10. März 1452 in seiner 
zweiten Ehe, gerade als Karl sein Erstgeborner mit ihm im Krieg 
begriffen war, geboren wurde. Karl war bald hernach seines Va- 
ters Gefangener geworden. Dieser entliess ihn zwar wieder sei- 
ner flaft, aber die entschiedene Abneigung des Vaters gegen die- 
sen Sohn, den er enterben wollte, durch Ferdinand'a Mutter ge- 
nährt, dauerte fort* Naoh vielen Irrsalen der Verfolgung, in wel- 
cher das y-olk ihm die stärksten Beweise von Anhänglichkeit gab, 
starb Karl plötzlich, nicht ohne Verdacht der Vergiftung. Cata- 
lonlen beharrte demungeaehtet gegen Johann II. im Zustand der 
Empörung, welche dieser erst im Jahr 1472 zu dämpfen ver- 
mochte. Noch lebte er, als Isabella von Castilien sich für die 
Verbinduug mit seinem Sohn Ferdinand entschied So sehr Jo- 
hann II. ihrer sich freute, so zähen Widerstand stellte ihr Isabel- 
Jen'e Bruder Heinrich entgegen. Sie musste den grössten Gefah- 
ren Trotz bieten, um ihren Entschluss durchzusetzen. (Hauptst. III.) 
»Sie leitete die Verhandlungen mit ausnehmender Klugheit. Eine 
geheime Zusammenkunft zwischen dem 18jährigen Ferdinand und 
der 19jahrigen Isabella fand statt. Die Armuth beider war so 
gross, dass man das Geld borgen musste, um die Kosten der Ver-- 
mäblungsfeier zu bestreiten (S. 166). Diese geschah zu Valla- 
dolid am 19. Oktober 1469, nachdem der Erzbischof von Toledo 
eine unäebte päbstlirhe Dispensbulle wegen naher Verwandtschaft 
beigebracht hatte. Dieser Betrug war zwischen dem Erzbischof 
und dem greisen König von Aragonien verabredet worden, weil 
man vom Pabste, der auf der Seite Heinrich's IV. stand, keine 
Dispens hoffen konnte. Erst einige Jahre später erlangte man von 
Sixtus IV. eine ächte. Isabella ^empfand bei der Entdeckung des 
Betrugs nicht wenig Aeiger und Verdrüss (S. 167 f.). Im De- 
zember 1473 bewirkte sie eudjich bei einer ingeheim ^eingeleiteten 
Zusauinieuhunft dit Zustimmung ihres Bruders zu ihrer Vermäh- 



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I? PreRf-i»tt: GcM-l.jrMv \\ i di u.iiid'* und iM.ibclld'«, 

f 

lang. Dieser starb ein Jahr hernach. Unter Reinrieh's Regierung 
ward das Land in Parteien zerrissen, die Hinkünfte sah es an 
anwürdige Schmarotzer verschleudert; gegen die empörendsten 
Gewalttaten gab es keine Gerechtigkeit; mit Treue und Glauben 
wurde Spiel getrieben; der Schatz' war bankbrüchig, der Hof ein 
Freudenhaus und die Aufführung der Einzelnen zu unkeusch und 
frech, am sich selbst hinter dem Schleier der Heuchelei zu ver- 
bergen (8. 188). — Portugals König Alphons V. machte zwar 
einen Versuch, den Ansprüchen seiner Nichte Johanna in Castilien, 
die er sich zur Braut nahm, Geltung zu verschaffen. Aber die 
Schlacht von Toro entschied für Isabellen, die gegeu Ferdinand'« 
und .seiner Minister Neigung sich nicht zur Abtretung einer Zoll- 
breite ihres Gebietes hatte willigen wollen (S. 803). Bei dieser 
Schlacht sah man den alten Erzbischof von Toledo, der auf Por- 
tugals Seite stand, und den Cardinal Mendoza, der das ganze 
Vertrauen Isabellens besass, im dichtesten Handgemenge (S. 999). 
Erst am 22. September 1479 kam der Friede zum Abschluss. Die 
Prinzessin Johanna begab sich in ein Kloster und entsagte für 
immer der Welt, und ihr bejahrter Bräutigam that das Gleiche 
(8. 218 f.). So war des Zeitgeists Streben: das nöchsle oder 
Nichts; wo nicht die Erde, doch den Himmel! — 

Isabella, der das Wohl ihrer Untergebenen wahrhaft am 
Herzen lag, bezeichnete den Anfang ihrer Regierang, frei von 
eitler Ruhmsucht, mit dem Bestreben die Gesetze zu verbessern. 
Die Rechts Verwaltung war ihr erstes Augenmerk. Sie setzte 
bei den Corte*, in denen den Städten wieder das gebührende Ge- 
wicht eingeräumt wurde (S. 245), die Herstellung der Hermandad 
durch, mit der Uauptbestimmuug, die im Schwang gebenden Laster 
und Verbrechen zu vertilgen. Niemand durfte sich dieser Behörde 
'entziehen. Sie veranstaltete eine Sammlung noch brauchbarer and 
in Einklang gebrachter Gesetze, wodurch das weniger passende 
römische Recht verdrangt wurde. Sie setzte der Eigenmacht 
des Adels Schranken und kehrte sich nicht an ihren ausschlicssen— 
den Anspruch auf wichtige Aemter (S. 239). Sie suchte die Krön— 
rechte gegen pabstliche Anpassungen sicher zu stellen. Als zu 
Segovia wegen zu grosser Strenge des Alcalden ein Volksaufruhr 
entstand, stillte sie ibn schnell mit grosser Gegenwart des Gel— 
dies (S. 226—228). Viele tief gewurzelte Parteizwiste schlichtete 
sie persönlich (8. 229}, namentlich zwischen den zwei mächtigen 
Häusern Guzman und Ponce de Leou (S. 231). Hie Herausgabo 
der der Krone geraubten Güter betrieb sie mit Strenge (S. 240 f 



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Prescott ; Gesthithtt Fcnlinnp-t'h uud IsabcllaY 13 

Dem Unmass vod Gnadengehalten wurde gesteuert (S. 941). Die 
Raubritter schonte Isabelle so wenig als andere Kauberbanden. In 
Gnllizien allein worden 60 Raubnestcr zerstört (S. 932). Für die 
Leitung der hohem Gerichtshöfe darrh Rechtskundige wurde fur^ 
pesorgt. ohne Adel nnd Klerus vom Beisitz auszuschliesscn (S. 
933). Den Unvermögenden wurde ein eigener Sachwalter auf 
öffentliche Kosten bestellt, dem Unfug mit Sportem gewehrt und 
gegen Käuflichkeit der Richter schwere Strafen verhängt ('s 234)* 
Die Herrscher sossen , dem alten »Gebrauch gemäss, wöchentlich 
einmal selbst zn Gericht. Oviedo ((Juinonagcnas) schrieb darüber 
nach Isabellen's Hintritt: es sey nun weit schwerer uod kostspie- 
liger, mit einem Bürschchen von Schreiber ein Geschäft zu ver- 
haadeln, als mit der Königin und allen ihren Ministem (S. 235). 
Durch narhdrückliche Anordnungen wurde der Vorrang des köni- 
glichen Ausebens festgestellt. Dem Adel nahmen die Cortes Alles, 
wodurch er sich auf gleiche Linie mit der Krone gestellt hatte 
(S, 942). Auf die Vorstellungen des Adels erwiederten die Herr- 
sober, sie wurden sich wohl hüten, wieder' das Spielwerk in den 
Händen des Adels zu werden (S. 244). Ein schönes Beispiel der 
Unparteilichkeit Isabellens wird (S. 244. 245* erzählt. — Wegen 
der grossen Macht, welche die drei spanischen Kriegerorden von 
St. Jacob. Calatrava und Alcan'tara in« den Kreuzzügen gegen die 
Mauren erworben hatten, brachten Isabella und Ferdinand ihre 
Grossmeistenvörde an .die Krone (S. 249 — 253). Durch die Cor- 
tes bewirkten sie die Abstellung des Missbrauchs der Vergebung 
von Kirchenämtern und Pfründen an Fremde von Seiten des Pab- 
stes. Als Sixtus IV. das Bisthum Cuenca seinem Neffen verlieb, 
widersetzten sich die Herrscher und drohten mit Aufforderung der 
Pörsten der Christenheit zur Berufung einer allgemeinen Kirchen- 
Versammlung für Abschaffung der vielen Missbräuche. Sixtus 
schickte einen Gesandten. Dieser erhielt aber den Befehl, das 
Königreich augenblicklieh zu verlassen. Der Pabst musste sich 
zu einer Bulle bequemen, die die Verpflichtung aussprach, nur 
Solchen kirchliche Würden zu verleihen, die von den Herrschern 
dazu bezeichnet würden. Nicht des Pabstes Neffe, sondern ein 
Anderer bekam das Bisthum Cuenca (S. 254— 267). Dem gesun- 
kenen Handel halfen die Herrscher durch eine Münzordnung, 
doreb Aufhebung verschiedener schwerer Abgaben, durch Erbau- 
ung einer nicht unansehnlichen Kriegsflotte und durch pünktliche. 
Schuldeuzahlung empor. Das Verbot der Ausfuhr edier Metalle 
war eiu Misset itf; lobunswurdi» hingegen die Verfügung freier 



44 Prescotl: Gmchti titf Ferdinand'« und l«abclia«. 

4 

Einfuhr von fremden Büchern, „weil sie zur Bildung gelehr- 
ter Leute beitragen" (8. 850). — 

Auf diese Lichtseite der Verwaltung Isabclla's wirft die neue 
Einrichtung der Inquisition (wovon das VII. Ilauptstück han- 
delt) einen trübenden Schatten. Die ersten Anordnungen dafür in 
Spanien siud von 1233 und 1249. Auch fehlte es de» Vorfahren 
von Ferdinand, und Isabella an Kifer für Ketzervcrfolgung nicht. 
Nach Unterdrückung der Albigenser war dieser vorzüglich gegen 
die Juden und die der geheimen Anhänglichkeit an das verlassene 
Judenthum Verdächtigen geriobtet. Dem Dominikaner Alfons de 
Ojeda und dem Gerichtsbeisitzer Diego de IVJerlo gebührt der trau- 
rige Ruhm, die neue Organisation des heiligen Gerichts zuerst 
betrieben zu haben, wobei der p&bstliche Nuntius Nicolo Franco 
sie kräftig unterstützte. Ferdinand lieb einem Plane wohlgefäl- 
lig sein Ohr, der eine reiche Einnahmequelle erwarten Hess, durch 
die damit in Verbindung stehenden Vermögenseinziehungen. Nicht 
leicht war es hingegen, Isabella's Widerwillen gegen Massregeln 
zu überwinden , die dem natürlichen Wohlwollen und 1 dem Edel-« 
mulh ihres Charakters widerstrebten (8. 275). Nachdem schon 
von Sixtus IV. die B.ulle zur Einführung erhalten war, verschob 
Isabella noch zwei Jahre den Vollzug, damit der Versuch der Be- 
kehrung der Juden vorangehe. Erst am 2. Januar 1481 begann, 
der Gerichtshof seine Thäligkeit Wenige Tage hernach sah man 
schon 6 Opfer am Galgen, und nooh im nämlichen Jahre hatten 
in Sevilla 289 Autodafe statt. Anch die im Grab modernden Ge- 
beine Einiger wurden zum Scheiterhaufen verdammt.. Das Ver- 
fahren der nach und nach unter dieser Regierung im Land er- 
richteten dreizehn Glaubensgericbte wird (S. 284 — 296 und im 
ganzen XII. Ilauptstück) umständlich beschrieben. In weniger als 
einem Jahre wurden von dem Glaubensgericht zu Toledo allein 
3,327 Anklagen abgelhan. Die Kerker waren bald überfüllt. Der 
zu lebenslänglicher Haft verdammten wurden so Viele, dass man 
ihnen ihre eigenen Häuser zum Gefängnis» anweisen musste. 
Während Torqueraad a's 18jähriger Verwaltung wurden 10,220 
Scblachtopfer wirklich, 6,860 als abwesend oder todt im Bilde ver- 
brannt und 97,321 durch verschiedene andere .Strafen gesühnt.. 
Dreimal musste er sich in Rom gegen Anklagen vertbeidigen, wo 
man Straferlasse zur Geldquelle machte (8. 293). In Spanien 
wussle er sich so verbasst, dass er nur mit einer Schirmwache von 
50 Reiten» und 200 Mann zu Fuss reiste (S. 294). Aragonien 
sträubte sich mit grossem Widerwillen gegen die Einführung des 



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V 



Prescott: Geschichte Ferdinand'« riad I«ah«IIa*n. 45 

> 

ÖUwbcnsgerichts. Nachdem Gesandschaften an Ferdinand und nach 
Rom fruchtlos geblieben waren, bildete sich eine Verschwörung 1 
gegen den verbasstesten Ketzerrichtcr Arbues. Dieser fiel. Aber 
dies hatte nur eine festere Begründung des Gerichts zur Folge. 
Arbues wurde von Alexander VII. 1664 als Märtyrer heilig ge- 
sprochen (S. 413 — 417). Am schrecklichsten war die Verfolgung 
der Juden im Jahr 1499. Das Ketzergericht benutzte den gegen 
dieses, Geschlecht aufbrausenden Volkshass, um dessen Vertreibung 
ans Spanien zu bewirken, welche mit grosser Grausamkeit ausge- 
führt wurde. Der Klerus entfaltete zwar den thätigsten Eifer zur 
Bekehrung der Juden, als sie auswandern sollten. Aber die Be- 
redsamkeit der Rabbiner, die an die unter Pharao erduldeten Lei- 
den der Vorfahren erinnerten, vereitelte mehrentheils diesen Be- 
kehrnngseifef Die Reichern kamen durch Freigebigkeit den Dürfti- 
gen zu Hülfe. Dio Zahl der Vertriebenen wird von den einen 
auf 80,000; von andern auf das Doppelte angegeben. Viele von 
ihnen, in Afrika angelangt, wurden von Rauberhorden der Wüste 
ausgeplündert und durch Mangel an Nahrungsmitteln gezwungen, * 
zum Ufer umzukehren, wo sie sich der Taufe unterzogen, um dein 
Hungertode zu entgehen. Ein Herrscher der Barbarei fragte er- 
nannt: Wie kommt Ferdinand zum Ruf eines staatsklugen Für- 
sten, da er im Stande war, sein Königreich arm zu machen, um 
das unsrige zu bereichern ? (Hauptstück* XVII.). Dem Kriege, 
welchem Graoada's Eroberung vorherging, sind die Hnuptstückc 
IX. X. XI. XIII. XIV. und XV. gewidmet. Seiner Darstellung 
ist im VIII. Hauptstück eine den Mauren im Ganzen sehr gün- 
stige Beurtheilung der Gesittungs- und Bildungszu«tände ihres 
Meiches vorangeschickt. ' 

Das XVI. Hauptstück gehtauf Christoph C o! umbus über, 
dessen Entdeckung oinCr neuen Welt auf Spaniens Geschicke so 
grossen Einfluss übte. Dieser ausserordentliche Mann hatte un- 
gemeine Mühe, der Unternehmung, die er vorschlug, und von de- 
ren bedeutendem Erfolg er sich versichert hielt, Anerkennung" und 
für sie die nöthige Unterstützung zu gewinnen. Isabella entschied 
dafür, indem sie, nicht länger den Einwcndmigen kalter und zag- 
hafter Rathgeber ihr Ohr leihend, dem natürlichen Antrieb ihre* 
grossen Sinns und edeln Herzens folgte. „Ich will," sagte sie, 
..auf das Unternehmen für meine Krone von Castilien eingehen, 
bereit, zur Bestreitung der Kosten meine Juwelen zu verpfänden, 
falls die Gelder des Staatsschatzes nicht zureichen. 1 ' ft<.$ Coltim- 
bu» Rückkehr nach seiner ersten Entdeckung und sein Empfang 



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/ 



46 Frescott. Geschichte I'crriinnnds und lsabel la's. 

bei Hof verwandelten den bisherigen Kaltsinn in eine schwärme- 
rische Begierde, in der nenen Welt sieb zu bereichern. (Haupt- 
stück XVIII.)> Seine fortgesetzten Entdeckungen und die Hin- 
dernisse und Anfeindungen, denen er begegnet, der Undank des 
Hofs gegen ihn, dem nur Isabella fremd blieb, seine letzte Reise 
und sein Tod werden der Zeitfolge nach im zweiten Bande (Haupt- 
stüek: VIII/; und XVIII.) dargestellt. Mit der Darstellung der. 
Kriege, weiche Ferdinand und Isabella in Italien zu führen. meist 
durch den Ehrgeiz der französischen Herrscher veranlasst wurden, 
beginnt im I. Hauptstück des IL Bandes S. 16 f., wird dann im 
II. und III. fortgesetzt, im X., XL, XIL, XIV. und XV. wieder 
aufgenommen und im XXII. beschlossen. In diesen Kriegen ragt 
spanischer Seits die Heldengestalt Consalvo's vonCordova 
hervor, dessen Charakter und Thun (S. 42 f. 237. 240 2ÖÖ. 343. 
348. 464. 630.) mit unparteiischer Wahrheit geschildert wird, und 
der zuletzt, wie Columbus, von dem gegen jede selbständige Grösse 
eifersüchtigen König Ferdinand mit Undank belohnt wurde. Auf 
die innere Verwaltung, mit deren reichhaltigen Ereignissen sich 
die meisten andern Hauptstücke beschäftigen, erhielt nach dem 
Tod des klugen und mildcii Kardinals Mendoza, ein Mann von 
gediegener Charakterstärke, rastloser Tbätigkeit und umfassender 
Einsicht, der Franziskaner Xiraenes von Cisnero« den ent- 
schiedensten Einllnss. Ihn hatte Mendoza selbst sterbend zu sei- 
nem Nachfolger euipfoblen (S. 101). Das Bild, das der Verf. von 
dem Charakter und Leben, den Gesinnungen und Unternehmungen 
dieses ausserordentlichen Mannes vor uns entrollt, ist meisterhaft 
and lässt alle frühem Darstellungen an Umfang, Genauigkeit und 
Kraft weit hinter sich. Den Zeitpunkt, wo er an .die Spitze der 
Verwaltung trat, bezeichnet ein hoher Grad des Zerfalls der Grund- 
sätze und Einrichtungen, von welchen die Angelegenheiten der 
Kirche und der Staaten bis dahin beherrscht worden waren. Das 
Bedürfniss einer Reform in Beiden drang sieb unwiderstehlich auf. 
Das Lehenwesen vermochte sich nicht mehr den gesteigerten For- 
derungen und dem verbesserten Zustande der Gesellschaft anzu- 
passen. Man fand , dass die Vertbeilung. der Macht unter den 
Gliedern einer unabhängigen Adelsberrschaft demjenigen Grade 
von persönlicher Sicherheit und Ruhe ungünstig war, der zu gros- 
sen Fortscbritten in den höhern Zweigen der Bildung unerlässlich 
ist. Selbst der Vaterlandsliebe war es ein Uinderniss geworden. 
Pen Uetwgang der Gewalt in die Hände dos Herrschers liess sioü 
s Volk um so leichter gefallen, da es selbst noch zu sehr der- 



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Presrott: Ge«rhii:t»tft Ferdinand'« und tabella'* 4T 

jenigen Bildung and des Zustande von Selbstständigkeit erman- 
gelte, deren es bedurft hätte, um eine politische Mitwirkung mit 
Erfolg ansprechen und ausüben zu können. Was Heinrich VII. 
in England , und Ludwig XI. in Frankreich mit schonungs- 
loser Härte erzwangen,, erreichte das spanische Herrscher- 
paar ohne heftigen Stoss, indem IsabellaV Zartsinn und Rück- 
sichtnahme die weniger gewissenhafte. Staatsklugbeit Ferdinand*» 
milderte. ' In auswärtigen Angelegenheiten entschied meist die 
letztere, die mit vieler Verschmitztheit verbunden war; in den in- 
nere aber war der Einiluss Isabellen's meist überwiegend. Die 
wichtigsten Massregeln wurden hier durch Ximenes aufgeführt. 
Ernste Studien hatten frühzeitig seinen Geist, widrige Erfahrun- 
gen seinen Charakter gestärkt. Um dem Gefrieb der Welt zu 
entgehen, ward er, nachdem er bereits als General vikar des Bi- 
schofs Mendoza seine Tüchtigkeit bewährt hatte, Mönch. Aber 
der Dunkelheit des Klosters, wo er sich iu der strengsten Ztacht 
abhärtete, wurde er von eben jenem Mendoza entrissen, indem er 
ihn der Königin zum Beichtvater empfahl. Er benutzte dieses , 
Amt zur Einleitung einer Klosterrefnrm. Seiner nach Mcndoza's 
Hintritt erfolgten Ernennung zum Erzbisthum von Toledo wider- 
setzte er sieb lange. Doch nachdem Isabella's Beharrlichkeit end- 
lich die seinige besiegt hatte, zeigte er gleich, dass er sich in 
peinen geistlichen Berufspflichten durch keine Rücksicht, auch kö- 
nigliche Empfehlungen nicht, je von seiner Ueberzeugung würde 
ablenken lassen. Er begann mit einer strengen Zurückführung 
der Ordensgeistlichkeit zu ihren Regeln. Der Widerstand war 
heftig. Aber Ximenes, von Isabellen unterstützt, besiegte ihn. 
Auch seinem Domklerus bewies er die Kraftlosigkeit seines Ge- 
genwirkens, indem er den Mann, den dieser deshalb nach Rom 
geschickt, bei seiner Landung in Italien festnehmen und gefangen 
nach Spanien zurückbringen liess. Am kräftigsten wirkte aber 
zor Verbesserung der VVeltgeistlicbkeit die Gewissenhaftigkeit, 
womit Isabella geistliche Beförderungen nur Leuten von untadel- 
hatter Frömmigkeit vorbehielt. (Hauptstück V.). Nebst der Re- 
form des Klerus machte sich Ximenes vorzüglich die Bekeh- 
rung der Mauren zum Geschäft. Talavera, erster Erzbischor 
von Granada nach der Eroberung, hatte zu diesem Zweck alle Mit- 
te? der Belehrung, der Ueberredung und der Wobltbätigkeit ange- 
wendet. Er hatte einen Katechismus und Uebersetzungen von Ab- 
schnitten der Evangelien und von liturgischen Formeln in die 
maurische Sprache veranstaltet. Auf diesem Wege waren manche 

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48 Prem-ott: Geschichte Ferdionnd'a und Isabclla'«» 

Bekehrungen erzielt worden. Viele aber, mit dessen langsamen 
Fortgang unzufrieden, drangen auf Zwangsmassregel n , obgleich 
diesen die feierliche Zusicherung unanzutastender Religionsübung 
im Uebergabsvertrag entgegenstand. Dabei beriefen sie sich auf 
umherlaufende Gerüchte, welche die Mauren des fortwährenden 
heimlichen Einverständnisses miHicn Glaubensgenossen in der Ber- 
berei und des Einfangens von Christen , um sie als Sklaven an 
algierische Seeräuber zu verkaufen, bezüchtigten. Auch Xirnenes 
neigte sich zu dieser Ansicht, als er sich den Bemühungen Tala- 
vera's beigesellte. Anfangs hielt er jedoch Besprechungen mit 
den muselmannischen Gelehrten und verband damit kostbare Ge- 
schenke an Kleidungsstücken, von jeher ein Gegenstand mauri- 
scher Liebhaberei. Viele dieser Gelehrten Hessen sich taufen und 
Tnuscnde ahmten sie nach. Xirnenes rausste oft wegen der Menge- 
zur Taufe durch Besprengung sich bequemen. Kineo der wider- 
atrebendsten Mauren Zegri, gelehrt und von grossem Ansehen, 
brachte er, nachdem Gründe und Gescheuke fruchtlos geblieben, 
durch die Härten eines strengen Gefängnisses zur Entsagung des 
angebotnen Glaubens. Auch liess nun Xirnenes eine Menge ara- 
bischer Schriften, unter denen sich nebst den theologischen auch 
wissenschaftliche befanden, zusammenbringen und öffentlich dem 
Schciterhaufeu übergeben, nachdem er jedoch' 300 Werke, die sich 
»uf die Heilkunde beziehen, für die von ihm gestiftete Universität 
zu Alcala vorbehalten hatte. Dieses Autodafe veranlasste , das* 
nunmehr viele arabische Handschriften verheimlicht und nach der 
Berberei gebracht wurde» (S 13(5). Vergebens ermahnten vor- 
sichtige und gemässigte Castiliancr den Xirnenes zum Abstehen 
von solchem Verfahren. Er hielt es für unzeitig, davon abzu- 
lassen da die Trümmer des Mahomedismus in ihren Grundfesten 
wankten. Doch der Masse der Manren riss endlich die Geduld. 
Es kam zum Aufruhr. Nur Talavera's persönliche Dazwischen- 
fcunft und des Grafen Tradillo's Klugheit konnten ihn beschwich- 
tigen. Xirnenes, als der Urheber beschuldigt , begab sieb selbst 
au den Hof, und wusste nicht nur den Unroulh der Herrscher ge- 
gen ihn zu unterdrücken, sondern auch die Ansicht geltend zu 
inachen: dass jetzt, nachdem die Mauren sich durch Empörung 
der Strafe des Hochverrats schuldig gemacht, der Augenblick 
gekommen sey, ihnen nur zwischen Bekehrung und Verbannung 
die Wahl zu lassen. 

(Der Schluss folgt.) 



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Nr. 4. HEIDELBERGER i844. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 




Prescott : Geschichte Ferdinand s und ImbeUas. 

CBesckiuitO 

• ■ * * * 

VolJmachtsträger worden zur Untersuchung nach Granada ge- 
sendet Der Erfolg war, dass die meisten Mauren (gegen 60000) 
sich taufen Hessen, Andere ihre Güter verkauften und in die Ber- 
hetei auswanderten. Selbst der geistreiche Peter Martyr be- 
zeugt seine Freude über diese Bekehrung, in Hoffnung, sie würde, 
wenn sie auch jetzt nicht unter die Rinde des Unglaubens der 
Getauften dringe, doch ihre volle Wirksamkeit auf ihre Nacbkora- 
menschaft gewinnen, und den guten Erzbischof Talavera hörte 
man in der Fülle seines Herzens äussern: „Ximenes habe grös- 
sere Siege errungen als die Herrscher; diese b&tten nur den Bo- 
den erobert, er aber die Seelen." (Hauptst. VI.). Doch auf die 
Mauren in den wilden, einsamen Thalern der Alpuxarras machte 
der Vorgang den widrigsten Eindruc!:. Sie entschlossen sich zu 
allgemeinem Aufstand, um jedem ähnlichen Bekehrungsversuch zu 
begegnen. Das Mittel war sohlecht gewählt. Durch Uebermacht 
besiegt und zur Auslieferung ihrer Vesten und Waffen und Erle- 
gung grossen Strafgeldes gezwungen, bequemten sich die Mauren 
auch dieser Gegenden zur Taufe, doch nur in Abtheilungen, in- 
dem noch in Osten und Westen neue heftige Aufstände nur mit 
grosser Anstrengung gebändigt werden mussten. Dooh selbst eine 
furchtbare Niederlage, welche sie in der rothen Sierra den Spa- 
niern beibrachten (S. 162 — 157) x konnte nicht hindern, dass sie 
von Ferdinand gezwungen wurden, zwischen Verbannung und 
Taufe zu wählen. Der kleinere Theil liess sich nach der Berberei 
fibersetzen, bei weitem die meisten nahmen die Taufe an, weil sie 
die zehn Golddublonen, sagt der Chronist Bleda, nicht aufbringen 
konnten , die von jedem Auswanderer für das sichere Geleit be r 
zahlt werden mussten (S. 158). Nun verharrten nur noch die im* 
Königreich Castilien zerstreut lebenden Mauren in ihrem Glauben. 
Doch die Regierung besorgte von ihrem Einflqss die Erschütte- •* 

nrog des schwachen Glaubens der Neubekehrten, und verbot daher 
XXXVII. Jnhrg, 1. Doppelheft. 4 



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50 Prcicott : Geschickte Ferdinand « und laiibeUaV 

i 

1501 jeden Verkehr zwischen jenen Mauren und den Rechtgläu- 
bigen, und nöthigte 1602 auch den kleinen Ueberresf der Mauren, 
zwischen Taufe oder Auswanderung zu wählen, wozu ihnen dir 
kurze Frist von dritthalb Monaten verwilligt wurde. Die Harte 
dieser Massrcgel wurde dadurch noch verstärkt, dass das Aus* 
wandern nach den moslemischen Küstenländern Afrika'» nicht ge- 
stattet wurde. Jetzt erst sah sich Castilien von jedem Flecken 
des Unglaubens äusserlich gereinigt. (Hauptstück VII.). Da- 
rauf that sich Xiraencs so viel zu gut, dass er später (1512), als 
die Neubekebrten dem König Ferdinand, der sich in Geldnoth be- 
fand, eine grosse Geldsumme anboten, wenn er die Verhöre vor 
dem Glaubensgericht denen anderer Gerichtshöfe gleichförmig ma- 
chen würde, wo man den Ankläger dem Beklagten offen gegen- 
über stellte, sich, dem widersetzte. „Wer würde dann noch/* wen- 
dete er ein, „das gehässige Geschäft des Angebers übernehmen, 
und, indem er diese Einwendung mit einem Geschenk, welche« der 
Geldnoth des Königs steuerte, unterstützte, vcrscbloss er dessen 
Herz vor jener gerechten Bitte (8. 563). Eine andere höchst 
merkwürdige Unternehmung von Ximenes ist seine Eroberung 
von Oran in Afrika, die mit seiner Hauptidee, dem katholischen 
Glauben die Herrschaft zu verschaffen,' zusammenhing. Mit Be- 
geisterung stellte er sich, von Mönchen umringt, die gleich ihm 
den Säbel über das Ordenskleid hingen,, an die Spitze dieses küh- 
nen Unternehmens, und nur seine Entschlossenheit, welche über 
alle Berechnungen von Gefahr und Schwierigkeit sich hinweg- 
setzte, entschied den Erfolg. Der Glanz von diesem erregte in 
Ferdinand gegen ihn das nämliche unbehagliche Gefühl einer ihm 
gegenüberstehenden geistigen Ueberlegenbeit , welches ihn früher 
zum Undank gegen Columbus und Consalvo verleitet hatte. (Haupt- 
stück XXI. S. 460—480). 

Seine damalige Zurückgezogenheit in seiner Stadt Alcala 
benutzte Ximenes zur Ausführung eines früher gehegten Ge- 
dankens der Stiftung einer Hochschule daselbst, die der wissen- 
schaftlichen Bildung in Spanien einen neuen Aufschwung geben 
sollte. Der Entwurf war grossartig. Die Gebäude umfassten nebst 
der Hauptsehole von St Ildephonso neun andere Sohulen und ein 
grosses Spital. Für den Lehrplan zog er Aufklarungen von allen 
Seiten ein, besonders von der Universität zu Paris. Er beabsich- 
tigte, alle Kräfte» der Lernenden in Tbätigkeit zu setzen. Deshalb 
wurden mit den Vorlesungen viele öffentliche Prüfungeu verbun- 
den. Um die Lehrer anzueifern, wurde bestimmt, der Gehalt solle 



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Prfcfttott: Geschichte Ferdinands und tftnbeUaV 51 

lieh nach der Zahl der Schüler richten und jede. Lehrstelle solle 
nach Umfluss von 4 Jahren neo vergeben werden. Für dürftige 
Stodirende worden reichliche Stiftungen gemacht.. Auf gründliche 
Geistesbildung des Klerus ging die Hanptabsicht der Anstalt. 
Dennoch beschränkte sich der Unterricht nicht auf zwölf Lehr- 
stühle für Theologie nnd Kirchenrecht. Vierzehn andere waren 
der Sprachkunde, der Redekunst nnd dem Studium der Klassiker 
gewidmet, vier der Heilkunde, einer für Anatomie, einer für Wund- 
araneikunde, acht für Logik, Natnrlebre und Metaphysik, einer für 
Mathematik bestimmt. Lehrer wurden vom Ausland wie vom In* 
land berufen. Im Jahr 1508 geschah die Eröffnung der Anstalt. 
Die Kahl der Schüler wuchs bali in die Tausende. Im Jahr 1513 
besachte sie König Ferdinand und zollte ihr das grosste Lob, in- 
dem er ibre Wobltbätigkeit für das Land fühlte («. 481—486). 
Gleichzeitig mit dieser Hochschule brachte Ximenes das äusserst 
oönsame nnd kostspielige Werk seiner biblischen Polyglotte 
cor Ausführung. Mit grossen Suulmen wurden dafür die ältesten 
Abschriften der Bibel aus allen Ländern Und Sammlungen, na-* 
mentlicb der des Vatikans herbeigesobaft. Unter des Kardinals 
eigener Aufsiebt wurde die Anordnung neun Gelehrten von be- 
währter Sprachkunde und* Gelebrsamheit anvertraut, und die er- 
forderlichen Lettern für den Druck wurden in Alcala selbst ge- 
gossen, wozu deutsche Künstler verwendet wurden. In 15 Jahren 
wurde da« Werk vollendet Es erschien 1517. Als der letzte 
Druckbogen dem Kardinal überreicht wurde, erhob er sein Dank- 
gebet gen Himmel, und sagte den anwesenden Freunden: unter' 
allen Handlongen seiner Verwaltung habe dies Werk den meisten 
Anspruch auf ihren Glückwunsch. Wirklich gebührt ihm dafür 
die Dankbarkeit der ganzen christlichen Welt (S. 486—491). In- 
zwischen war Isabella schon 1502 gestorben. Ferdinand folgte 
ihr am 93. Januar 1516. Sein Testament übertrug die Regent- 
schaft dem Ximenes. Vergeblich Hessen die Flammländer, die den 
unmündigen Erben der spanischen Reiche Karl von Oestreich be- 
herrschten , andere Männer zu Mitregenten bestellen. Ximenes 
achtete dess nicht, sondern handelte als allein bevollmächtigter 
Regent. Kr errichtete eine geregelte Bürgermiliz in allen Städten 
als Schatzwehr für die Reformen, die er ungeachtet des Wider- 
strebens des Adels auszuführen entschlossen war. Diese betrafen 
vorzüglich die Erbebung und Verwendung der Staatseinnahmen. 
Indessen konnte er die Vergeudungen und Erpressungen, wovon 
die habsuchtigen Flammender die Urheber waren , so wenig als 



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Frcsct.lt . Geschichte Ferdinande und Isabel la'a 



die von ihnen, betriebene Kinführnng von Negersklaven in die 
l'flanzstaaten verhindern, von welcher er vorhersagte, dnss sie 
einen Sklavenkrjeg zum Endergebniss haben werde. Der schnöde 
Abdankungsbrief, <den ihm Karl nach seiner Landang in Spanien 
zuschickte, gab seiner. Gesundheit den letzten Stoss; er starb im 
81. Lebensjahr am 8. November 1518, unter dem >Vehkiagen des 
Vofks. Herr Prcscott entwirft von ihm im 25. ffauptstück ein 
treues Charakterbild, den er das des Kardinals Richelieu an die 
Seite stellt, wodurch jenes iu sittlicher Hinsicht sehr gehoben wird. 

Das ganze Werk beschliesst (im XXVI. Hauptst.jr eine all- 
gemeine Uebersicht der Verwaltung Ferdinands und Isnbclla's. 
Diese Herrscher erblicken gleich bei ihrer Thronbesteigung als 
Hauptquelle der Verwirrungen im Staat die überbandgenommene 
Macht und den aufrührerischen Sinn des Adels. Diesen in engere 
Schranken zu weisen, war ihr erstes Bemühen. Der Erfolg ihrer 
entschlossenen Mnssregeln war vollständig. Um aber einer Rück- 
kehr der gebeugten Macht dir bevorrechteten Stände zu begeg- 
nen, unterliessen sie die Berufung derselben zu den Cortes, wah- 
rend die Anzahl der daran Theil nehmenden Städte sehr vermehrt 
wurde. Der Adel blieb dabei um sogleichgültiger, als diese Ver- 
sammlungen sich meist mit der Besteuerung beschäftigten, von 
welcher ihn seine Vorrechte freisprachen. Ferner machte es sich 
das Herrscberpaar zur Maxime, die verdientesten Männer aus 'nie- 
derem Stande zu den höchsten einflussreichsten Aemtern zu erbe- 
ben, während der Adel in den vielfachen kriegerischen Unterneh- 
mungen stets Gelegenheit fand , den ritterlichen Sinn zur Schau 
zu stellen, der von dem weiblichen Geschlecht fortwährend ermun- 
tert wurde (S. 633. 634). Die Berufung der Cortes geschab übri- 
gens immer seltener. Ximenes war eben so wenig dazu geneigt 
als Ferdinand. Der Kardinal war der Ansicht: Die Freiheit der 
Rede, besonders in Bezug auf eigene Beschwerden, mache das 
Volk anmessend und unehrerbietig gegen seine Regierer. Ihm 
wurde dies deshalb wenig verargt, weil man allgemein überzeugt 
war, dass er, über alle selbstsüchtigen Absichten erhaben, nur die 
Wohlfahrt des Landes im Auge habe (ß. 571. 579). Die gleiche 
Ueberzeugung hatte man von Isabellen. Sie veranstaltete mit Zu- 
ziehung der Cortes mehrere Gesetzsammlungen. Die letzte war 
die von 1505 (Leges de Toro). Die Vollendung des Werkes zu 
Einem Ganzen machte sie noch in ihrem Testament ihren Nach- 1 



en sich in der Folge als unheibringend , obwohl sie es für 




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Freseott: Geschichte Ferdinands und Isabclla's.' 5& 

die Zeit, welche sie ursprünglich im Auge (Mitten, nicht waren, 
aad was darin an sich schlecht war, wurde es unter der 
gebung- ihrer Nachfolger noeb zehnfach mehr (S. 6fO. 611). 
dere Gesetze des Herrscherpaars könne* nur Lob verdienen. Da- 
bin werden (S. 612 f.) diejenigen gezahlt, die Fremde zur Ansie- 
delang im Lande aufmunterten, die zur Erleichterung des Verkehrs 
durch Verbesserung der Landstrassen, Brucken, 'Kanäle nach einem 
noch ungekannten Massstabc und durch Hafendämme, Vertiefung 
«od Erweiterung der Häfen, Leuchttürme u. s. w. dienten ; ferner 
die zur Verschönerung und bequemern Einrichtung der Städte; die 
zur Befreiung des üuterthans von lästigen Zöllen und Vorrechten ; 
die zur Feststellung gleichförmiger Maasse und Gewichte; die zu> 
einer Personen und Eigenthum sichernden Polizei; die für Befe- 
stigung- der Treue in Verträgen. — Die seit Columbus's Ent- 
deckungen erworbenen Pflanzstaaten machten den Gegenstand 
einer eigenen Verwaltung und Gesetzgebung aus. Isabella wider- 
setze sich dabei aus allen Kräften der gewaltsamen und drücken- 
den Ausbeutung der Arbeit der Eingebornen zum Vortheil der 
Rahsucht. Später drängte sich der Gesichtspunkt der die Ver- 
mehrung des Einkommens bezielenden Finanzkunst immer mehr 
voran (ß. 263 f.}!' Doch blieben viele Massregeln auch jetzt auf 
Förderung der Entdeckungen und der Ansiedelung berechnet (8. 
616). Die efstern machten reissende Fortschritte. Das grosse 
Ziel, das *so lange die Einbildungskraft der Seemänner beschäf- 
tigt und die Absicht der letzten Seereise des Columbus gewesen 
wa'r, die Entdeckung einer Verbindung mit den südwestlichen Ge- 
rässern wurde 1513 von Vasco Nunez von Baiboa erreicht, indem » 

durch den sehmalen Theil der Landenge von Darien drang (8. 
18). Sieben Jahre später umschiffte Mag eil an das südliche 
Festland. Der Geist der Beschränkung und des Alleinhandels, der 
in den spätem Anordnungen Ferdinande zunehmende Begünsti- 
gung erhiety, «trat dem wahren Interesse des Mutterlandes sowohl 
ah der Pflanzstaaten am hinderlichsten in den Weg. Er machte 
Feldbau, Fabrikation und Handel, jeden Zweig des Gewerbfleisses 
und Verbesserung erlahmen. Das spanische Volk, gleich dem 
yhrygischen Könige, der Alles was er berührte, in Gold verwan- 
delte, verarmte mitten in seiuen Schätzen (S. 624). Doch zur Zeit 
Ferdinand'» und Isabella's war dies ganz anders. Alle Städte 
blühten damals üppig und prächtig empor (S. 626). 

r Der KinÜUäs der Kegicruug de«* tlerrscheipaars auf die gei- 
stige Bildung der Spanier wird von dem Verf. schon im XIX 



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54 Preicott: tfeuchlchic Fcidiuun^'« und ItfabcltaV 



HauptstQok des ersten Bandes dargestellt, wiewohl diese Dar- 
stellung nach der Ansicht des Ref. besser anf den Schluss des 
ganzen Werkes verspart geblieben wäre. Isabella, die für Ver- 
vollkommnung- ihrer eigenen Geistesbildung auch anf dem Thron 
sich bestrebte, that Alles, um ihrem einzigen Sohn und ihren Prin- 
zessinen eine solche zn geben, die wohlthatig auf ihre Bestimmung- 
einwirken mosste. Sie Hess den Sohn mit 10 jungen Edelleuten 
erziehen, und später umgab sie ihn mit einem Staatsratb im Klei- 
nen, wo die Gegenstände der Regierung erörtert wurden. Die 
Frucht der mütterlichen Erziebungssorgfalt wurde Spanien dadurch 
entzogen, dass der hoffnungsvolle Prinz, Johann in der Blüthe des 
Alters starb, und dass eine Gemüthszerrüttung der älteren Tochter 
Johanna sie ausser Stand setzte, ibro trefflichen AnIngen und 
Kenntnisse zum Wohl der Völker anzuwenden. Diese Gemüths- 
zerrütztung war durch den Gram der Eifersucht, welchen die Un- 
treue ihres Gemahl» Philipp von Oestrcich, den sie zärtlich liebte, 
erzengt, und durch seineu frühen Tod nur noch mehr gesteigert 
worden. Während Isabella der geistigen Bildung ihrer Kinder 
die zärtlichste Sorge widmete, bediente sie sich des gelehrten Pe- 
ter Martyr, den der Graf von Tendilla aus Italien nach Spanien 
gebracht hatte, um in der Nähe des Hofs eine Bildungsanstalt für 
den jungen Adel zu errichten. Der Erfolg entsprach der Erwar- 
tung so gut, dass bald kein Spanier mehr für adelich gehalten 
wurde, dem die Wissenschaft gleichgültig war. Die Vornehmen 
fühlten sich geehrt, Beschützer und Förderer derselben zu werden 
und diesen Ruhm dem der Tapferkeit beizugesellen. Man sah ih- 
rer vom höchsten Rang Vorlesungen an den Hochschulen halten. 
Das weibliche Geschlecht unter dem hoben Adel blieb hinter dem 
männlichen nicht zurück (S. 562 — 568). Uebrigens erhielt der 
Wechselverkehr in Hinsicht auf gelehrte Bildung zwischen Spa- 
nien und Italien ein heilsames Wachsthum. Von den Schulen des 
letztern Landes holten die Spanier die Geistesfunken, womit sie 
nachher ihren Landsleuten ein nenes Liebt anzündeten (S. 568C). 
Die alte Hochschule von Sal amanca nahm einen neuen Schwung, 
zumal in Bezug auf klassisches Studium, der durch die Errich- 
tung einer Nebenbuhlerin zu Alcala nur vermehrt wurde. Die 
weltliche Rechtswissenschaft wurde nur in Salamanca gelehrt. 
Montalvo verbesserte sie. Die ueuerfundene Buchdruckerkunst 
förderte Isabella durch Ertheilung grosser Begünstigungen und 
besonders durch Hcrbcizichuug deutscher Drucker. Die Einfüh- 
rung vou Büchern vom Ausland wurde von jeder Abgabe befreit 



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Prcseott: Geschickte Fera.iK.ad'- und IaeM!»'*. » 

fl 8. 675). Hindernd freilieb trat allem dem die Errichtung ei- 
.es Censurgerjehfs, dem daa Haupt des Glaubensgeriohts von 
Amtswegen vorsass, in den Weg, obgleich dadurch, anfangs nur 
Abwehrung von RohheUen und Verderbtheiten von der Wissen- 
schaft beabsichtigt zu werden schien (L S. 676). 

Auch für die schöne Literatur bildeten sieb unter der 
Regierung Ferdinands und IsabeHa's die Keime einer bessern Ge- 
staltung (davon handelt das XX. Hauptstuck des ersten Bandes). 
Der romantische Geist, der seit langer Zeit in den Maurenkriegen 
bestandige Nahrung erhalten hatte, bekam durch den letzten Krieg, 
der mit völliger Besiegung des Königreiehs Granada endigte und 
dann deren die abenteuerlichen Seezüge seit Columbus erster Kat- 
deckung frischen Schwung. Der Roman „Amadis de Gaula", 
wsbrscfleinlicb das Werk eines Portugiesen aus der letzten Hälfte 
des XIV. Jahrhunderts, wurde gegen Ende des XV. Jahrhunderts 
der Liebling der Spanier. Die Fortspinnuug und die Nachahmun- 
gen dieses Romans, der durch einfache Schönheiten glänzt, über- 
boten ihn meist. nur durch Unglnublichkeiten und Unnatur und san- 
ken in Vergessenheit, seit der Pfarrer in CervanfceV Donauixote 
sie zum Scheite4naufen verurtheilt bat. Ein acht poetischer Geist 
darchwehtp hin&egcn auch unter der Regierung unsere Uerrscber- 
paara viele Balladen oder Romanzen, denen der Krieg mit 
Granada und seine Eroberung frisches Leben einhauchte, nachdem 
er schon vorlängst im Cid sein Uddenideal gefunden hatte. Diese 



münzen hatten das Verdienst, ein allgemeines Vaterlaudsgefubl 
„„ Volke zu verbreiten. Am rührendsten sind diejenigen, die nach 
Graoad»'. Eroberung gleichsam ans den Trümmern der maurischen 
Herrlichkeit hervorklangen nnd wahrsebeinlieh zum Tbeil von Mau- 
ren selbst, die darin einen Trost suobten, mebrentbeils jedoch von 
Spaniern herrührten, die einen besondern Beiz darin fanden, mit 
der Schilderung ihrer Heldenthaten die des besiegten Volkes zu 
verschmelzen. Grosse Sammlungen von Bomanzen traten ans 
Licht. Manche waren ein Spiegel feinerer Gesittung. Ihre Spra- 
che war die castilianiscbe , die seit Vereinigung der Königreiche 
die Hofs^ache geworden. Sie bildete sich feiner und vielseitiger 
»„„, je mehr der Verkehr mit Italic znn.hm. Auch-vom Schauspiel 
Trauerspiel und Lustspiel tauchlen einige Versuche auf, die, von 
dem Geschmack der früheren (Mysterief genannt) sjch entfernen.», 
der Natur und dem Leben naher kamen. Die Celostina (eine Tra- 
gi-Comoedie), Bncina s dramatische Hirtengedichte und Nacbarro s 
Lustspiele gebSrcn hieben 



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56 



I'rc«cott: Geschichte F< rcliimud V,und Iflaliella's. 



Gegen wirtige Anzeige, die das Bild einer langen, höchst 
merkwürdigen Regierung darzustellen sachte, kann] wohl nicht 
würdiger scbliessen, als mit Anfährung einiger Hauptzüge im 
Charakter und Leben Ferdinands und Isabella's (dem XVI. ,und 
XVII. Hauptstück des zweiten Bandes, wo ihr Hintritt ! berichtet 
wird, entnommen). Peter Martyr schrieb gleich nach Isabel las 
Tode: „Die Welt bat ihre schönste Zierde verloren. Sie war der 
Spiegel jeglicher Tugend, der Schild des Unschuldigen und ein 
rächendes Schwert für den Bösewicht. Ich kenne Niemand ihres 
Geschlechts, sowohl in alten und neuen Zeiten, die, meinem Ur- 
tbeil nach, werth ist, mit dieser unvergleichlichen Frau zusammen 
genannt zu werden." Ihre Gestalt Und ihre Gesichtsbildung war 
schön und edel. Ihr Benehmen zeichnete sich durch natürliche 
Würde und bescheidene Zurückhaltung aus, durch eine Leutselig- 
keit gemildert, die aus der Kindlichkeit ihres Gemüths entsprang. 
So massig sie im Essen und Trinken war, so einfach zeigte sie 
sich in der Kleidung, wenn nicht eine öffentliche Veranlassung 
die Entfaltung königlicher Pracht forderte. Selbst, gemeinen Ver- 
gnügungen abhold, suchte sie auch den Adel von den rohern zu 
entwöhnen. Unter ihren sittlichen Eigenschaften ragte ihr Edel- 
mutb besonders hervor. Weder in That noch Gedanken zeigte sie 
Kleinliches oder Eigennütziges. Ihre Entwürfe waren umfassend, 
doch niemals träumerisch und wurden in dem edlen Sinne ausge- 
führt, in dem sie dieselben fasste. Niemals bediente sie sich zwei- 
deutiger Mittel oder böslicher Massregcln ; ihr Verfahren war stets 
gcrad und offen. Sie verschmähte die Benutzung von Vortheilen, 
welche sich ihr durch die Treulosigkeit Anderer darboten. Wem 
sie ihr Zutrauen geschenkt, der konnte darauf zählen. Gewissenhaft 
hielt sie jedes Versprechen. Gonsalvo und Columbüs fühlten, dass 
ihr Todestag ihr letzter Glückstag seyn werde. Verstellung und 
Zweizüngigkeit waren ihrem Charakter ganz zuwider.- Gegen 
persönliche Kränkung zeigte sie sich grossmüthig. Ueber ihr gan- 
zes Wesen verbreitete die Frömmigkeit einen milden Glanz. Diese 
aber war ungeheuchelt und voll Demuth. Wurde auch in einigen 
Dingen ihr Gewissen irre geleitet, sie sachte doch in allen Lagen 
gewissenhaft ihre Pflicht zu erkennen und auszuüben. Nichts, 
selbst nicht eheliche Zärtlichkeit vermochte sie zu einer unpas- 
senden Besetzung eines öffentlichen Amtes, wobei sie grossen' 
Scharfblick bewies, zu bewegen. Alle Achtung vor den Dienern 
des Altares verleitete sie nie, vor deren Vergeben die Augen zu- 
zudrücken, noch ihre Ehrerbietung für der Kirche Oberhaupt, ihm 



Prcscott: Geschichte Ferdinands und leabellai.- 51 

Eingriffe in die Kronrecbte zu gestatten. „Obgleich sje", bemerkt 
Peter Martyr, „so regjerte, dass es schien, als ginge jede 
Handlang im Verein mit ihrem Gemahle ans, war sie doch sorg- 
fältig bedacht, niemals eines jener Vorrechte in seine Hände über- 
geben zu lassen, die ihr selbst als wirklicher Königin des (castiji- 
seben) Reiches zustanden." Für Gegenstände wahrer Gemein- 
nützigkeit hatte sie einen schnell unterscheidenden Blick. Ihre 
persönliche Anstrengung in der Regierung schien ihr Kraftmass 
zu übersteigen. Auch in geistigen Beschäftigungen war sie un- 
ermüdlich, ohne dabei die weiblichen Arbeiten zn verschmähen. 
Sur ihr seltener Grad von Seeionstärke und sittlicher Muth machte 
ihr die Ausführung ihrer grossartigen Entwürfe möglich. In den 
wichtigsten Unternehmungen entschied ihr beharrlicher Muth das 
Clingen. Ihre hohe StelJnng bat das Gefühl für Freundschaft 
nie in ihr geschwächt. Die treue Liebe für ihren Gemahl wankte 
nie, obgleich sie nicht immer mit gleicher Treue vergolten wurde. 
Ihr Wohlwollen umfasste das ganze Menschengeschlecht. In der 
grösBten Heftigkeit des Krieges war sie auf Mittel bedacht, seine 
Schrecknisse zu mildern. Sie soll die Erste gewesen seyn, welche 
die Einrichtung von Feldspitälern einführte. (Presoott fügt ihrer 
Charakterschilderung eine yergleichung mit der Königin Elisa- 
beth von England bei, die wesentlich zum Vortheil der Erstem 
ausfällt). 

Auch in Ferdinand vereinigten sich viele Eigenschaften, 
die einen ausgezeichneten Herrscher darstellen.. Doch steht sein 
lüld in sittlicher und geistiger Beziehung tief unter dem seiner 
herrlichen Gemahlin. Er war eine schöne stattliche Figur. Seine 
persönliche Erscheinung hatte eine seltene Würde. In ritterlichen 
Hebungen ragte er frühzeitig hervor. Hingegen waren seine 
Kenntnisse gering. Aber er wusste diejenigen Anderer zu schä- 
tzen und zu benutzen. Seine Gemüthsart zeigte sich gleichförmig 
und und zur Massigkeit geneigt. Nur seine Liebe zur Jagd, be- 
sonders zur Falkenjagd^ war übermässig. Nüchtern in den Ge- 
uüssen der Tafel und sparsam im häuslichen Leben, war er un- 
ermüdlich in Geschäftsarbeiten. Nie war er auf Bereicherung durch . 
Verkauf von Aemtern bedacht. Im Beobachten der Religionsge- 
bräuehe zeigte er sich höchBt genau. Er liebte, seinen Unterneh- 
mungen, auch den tadelnswertben, einen religiösen Schleier um- 
zuhängen; bierin einem Zug seiner Zeit folgend. Vom Vorwurf 
<icr Treulosigkeit ist er nicht wohl freizusprechen. Auch dies war 
em Grundzug in der Staatsklugheit seiner Zeit. Die Hinterlist, 



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08 Studcr: IMijsiLaliM he Geographie. 

zur Niederbeugung der Macht des Adels verwendet, wurde dann 
im Staaten verbältniss gebraucht. Ferdinand spielte das Spiel ge- 
schickter als seine Gegner und gewann es. Dies zog ihm Vor- 
würfe von den Verlierenden zu, besonders von den Franzosen. 
Er ubertrug aber seine vorsichtige und undurchdringliche Kälte 
vom öffentlichen Leben auch in das häusliche. Niemand könnt j 
seine Gedanken in einer Veränderung seines Angesichts lesen. Er 
bezog Alles auf sich selbst. Ungrossroüthig erwies er sich gegen 
die treuesten Diener, wie Coiumbus, Gonsalvo, Nacharro, selbst 
Xhnenes. Ungeachtet der beharrlichen Liebe Isabella's ergab er 
sich lasterhaften Ausschweifungen (vier natürliche Kinder bezeug- 
ten sie) und sein schwaches Gefühl für ihren hohen Werth bewies 
er nach ihrem Tod durch die Eilfertigkeit, womit er zu einer an- 
dern Ebeverbindung schritt, die der vorigen durchaus unwürdig 
war. Diese zweite Ileirath missflel, und rächte sich durch deo 
Hang der schönen jungen Gemahlin zu ausschweifenden Vergnü- 
gungen, welcher in ihm (dem Greisen) die Qualen der Eifersucht 
weckte. Sein Schutzengel war mit Isabellen von ihm gewichen. 
Er herrschte noch , aber mehr gefürchtet als geachtet. Er starb, 
nachdem er sich selbst überlebt Die Verhältnisse Spaniens nach 
seinem Tode machten jedoch, dass man «geneigt war, seine Schwä- 
chen beim Andenken seiner grossen Eigenschaften zu vergessen. 
C o n s t a n z . 

J. H. v. Wasenberg. 

■ 

* 

. 

Lehrbuch der physikalischen Geographie und Geologie. Von B. 8 tu der, 
Dr. und Professor in Bern. Erstes Cupitel, enthaltend: die Erde 
im Verhältniss zur Schwere. Mit Abbildungen ttud vier lithogra- 
phirten Tafeln. Bern, Chur und Leipzig. ±844. IV. und 398 S. 8. 

Wer den Gang der wissenschaftlichen Forschungen in deo 
neuesten Zeiten aufmerksam verfolgt bat, dem können die unglaub- 
lichen Fortschritte nicht entgangen seyn, welche auf dem Gebiete 
der Naturkunde im Allgemeinen und der Kenntniss unserer Erde 
im Besondern gemacht sind. Zahlreiche wissenschaftlich gebil- 
dete Reisende, weniger darauf bedacht, das lesende Publicum durch 
Erzählung wirklich erlebter oder auch nur erdichteter Abentheuer 
in fernen Gegenden und unter tbeilweise noch barbarischen Völ- 
kern zu ergötzen, als neben den Sitten, der Denkart und der Ab- 

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Studcr: Physikalische Goograpbie. 5<J 

stammung der Bewohner auch die physische Beschaffenheit der 
besuchten Länder zu erforschen, haben die Summe der bekannten 
Tatsachen ausnehmend vermehrt. Nicht minder sind diejenigen 
Gelehrten , deren Beruf eine ruhige Forschung auf dem Studir- 
zimmer erheischt, darauf bedacht gewesen, das dargebotene reiche 
Materiel zu sichten, zu ordnen und über die einzelnen Abtheilun- 
gen allgemeine Gesetze aufzustellen. Daneben wächst unvermerkt 
sowohl die Grösse als- auch die Wissbegierde desjenigen Publi- 
entB8, welches an den Forschungen dieser Art lebhaften Antheil 
nimmt, und obgleich nicht zu leugnen ist, dass bei ganzen Völ- 
kern und einzelnen Individuen die technischen und merkantilen 
Vorfalle, welche das Studium der Naturlehre in Aussicht stellt, 
die Aufmerksamkeit auf dasselbe steigern, so lasst sich doch eben 
so wenig iu Abrede stellen, dass auch ganz eigentliches wissen« 
schnCtliches Interesse dabei obwaltet; denn ohne dieses würden, 
um nur ein Beispiel anzuführen, die höchst kostspieligen Bemü- 
hungen, die Gestalt unserer Erde genau zu ermitteln, gar nicht 
unternommen seyn, und die vielen gediegenen Werke über popu- 
läre Astronomie würden keine Leser finden. Diese Lage der Sa- 
chen macht es dann nothwendig, dass geeignete Gelehrte von Zeit 
zu Zeit die erhaltenen Resultate für diejenigen übersichtlich 
zusammenstellen, deren Zeit nicht gestattet, den Weg der müh 
Samen Forschungen zu verfolgen, wodurch die einzelnen Gesetze 
aufgefunden und wissenschaftlich begründet werden. 

Was hier im Allgemeinen gesagt ist, passt auch auf die 
physikalische Geographie, und zwar um so mehr, als gerade diese 
Dtsciplin neben der Meteorologie beim grösseren Publicum vielen 
Anklang findet. Ueberblickt man die hierzu gehörige Literatur, 
so zeigen sich sofort die zunehmenden Verbesserungen der die- 
sem Zweige gewidmeten Werke sowohl rücksichtlich des Umfan- 
ges, als auch der Gediegenheit des Inhalts. Um nur die Haupt- 
werke zu nennen genügten die Geographie' des Varenius im 
17., die physikalischen Erdbeschreibungen von Lujlof und Tor- 
bern Bergmann im 18. Jahrhundert für ihre Zeit, die Leistun- 
gen des umfangend gelehrten und tief forschenden Kant aber 
dienten eben so sehr zur Belehrung, als auch zugleich zur Erre- 
gung des Interesses für ein Studium, welches dieser mit Recht 
bochberübmte Gelehrte einer speciellen Aufmerksamkeit für wür- 
dig erklärt hatte. Auch au kurzen Compeodien durfte es in einer 
so wichtigen Discipliu nicht fehlen, sie sind daher auch wirklich 
vorhanden , obgleich in weit geringerer Zahl , als die der cigent- 



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00 Studcri l'l^oiLuliacht (iuog! »ipbic. / 

liehen Pby^k gewidmeten Hand- and Lehrbüchern, und niag es 
daher genügen, von den inländischen nur J. T. Mayer's kleines 
Werk, die angewandte Physik von G. V G. Schmidt nnd die vom 
Ref. selbst nebst Hochs fetter' s immerhin ganz braachbaren 
Werke zu nennen, wenn dagegen die Leistungen von E. Schmidt 
und Bergbaus mehr den Quellen zugezählt zu werden verdienen. 
Bei weitem am ausfuhrlichsten ist die Aufgabe behandelt durch 
Sommer in seinem Gemälde der physischen Welt, einem Werke, 
welches sich durch Reichthum an Thatsachen und populäre Dar- 
stellung ein grosses Publicum erworben hat, und dieses auch künf- 
tig behalten wird, wie sich aus dem gegenwärtigen Erscheinen 
der driften Auflage schliessen iässt. Immerhin aber fehlte es Hoch 
an einem gründlichen Werke, bestimmt sich an die älteren von 
Lulof und Bergmann anzuschliessen, welches nicht sowohl eine 
populäre Darstellung beabsichtigt, und den Leser angenehm urter- 
bulten soll, als vielmehr den Physikern und Geognosten, deren 
anderweitige Forschungen nicht gestatten , die Quellen selbst zu 
sludiren, diese angeben und die mit Sicherheit und zum Tbeil mit 
mathematischer Schärfe aus ihnen gewonnenen Resultate darbieten 
will, deren jene für ihre eigenen Untersuchungen bedürfen, und 
auf die sie dann zugleich mit Sicherheit bauen können. Dieses 
ist das Ziel, welches der Verf. des vorliegenden Werkes sich ge- 
steckt hat, und eine nähere Anzeige, die Ref. mit Vergnügen 
macht, obgleich er sich ein competentes Urtheil nur in einigen der 
hier behandelten Aufgaben anmassen zu dürfen glaubt, wird dar- 
ttinn, dass der Verfasser dieser gehaltreichen Schrift mit Sicher- 
heil auf den Beifall des sachverständigen Publioums rechneu darf» 
Die von unserm Verf. im Jahre 1837 herausgegebene mathe- 
matische Geographie hat Ref. im Augenblicke nicht zur Hand, 
kann daher adeb nicht angeben, in wiefern sich das vorliegende 
Werk an jenes anscbliesst, und ob man in diesem Manches findet, 
was bereits in jenem kürzer oder ausführlicher erörtert ist. Vor 
allen Dingen aber ist erforderlich, den Plan, welcher dem Ganzen 
zum Grande liegt, hier sogleich anzugeben, denn es möchten sonst 
viele, die sich für die Sache interessiren, ohne nähere Einsicht in 
das Werk selbst dadurch abgeschreckt werden, dass der ganze 
vorliegende Band auf dem Titel als erstes Capitel angegeben wird, 
ohne nähere Bestimmung, wie viele derselben noch folgen sollen. 
Inzwischen gibt der Verf., ohne ausdruckliche Bezeichnung des 
Vmfanges, hierüber Auskauft iu der* Einleitung , wozu alle zur 
Geographie in weitester Bedeutung de* Worte» gehörige DiscipH- 



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St uder: Physikalische Geographie. f»l 

nen näher bezeichnet, und für jede die wichtigsten Werke ange- 
geben werden. Daselbst beisst es S. 8: „Von den verschiedenen 
^Principien der Natalehre lassen sich einstweilen nnr folgende 
„fünf als Grundlagen unserer Wissenschaft benutzen: die Gravi- 
„tation, die Wärme, das Licht, die elektrisch-magnetische Thätig- 
„keit und die organische Kraft; jedes dieser Principien wird bis 
„in seine letzten secundnren Einflüsse auf das Erdganze zu ver- 
folgen seyn, und wenn sich in der Erdbildung Thatsachen finden, 
„die auf keines derselben mit Sicherheit zurückgeführt werden 
„können, so wird man sie demjenigen beiordnen, aus welchem 
„einst mit einiger Wahrscheinlichkeit die Erklärung derselben her- 
vorgehen wird." Hiernach zu sohlicssen, würde also das ganze 
Werk fünf Capitet enthalten, wenn einem jeden der genannten 
Principien eins gewidmet wird, wie zu erwarten steht, und es lässt 
sich dann mit Grund vermuthen , das keins der folgenden einen 
grösseren Umfang erhalten wird, als dieses erste, vielmehr könnte 
derselbe eher etwas kleiner ausfallen, namentlich beim Lichte, 
wenn man dessen erwärmende Kraft als mit zum vorhergehenden, 
über die Wärme, gehörig betrachtet 

Nach einer Einleitung von dem bereits erwähnten Inhalte fol- 
gen physikalische Vorbegriffe über Bewegung, namentlich Cen- 
traibewegung, und bewegende Kräfte. Bekanntlich haben unlängst 
die grössten Mathematiker an diesen Problemen die Allgewalt des 
höheren Calcüls versucht.' Diesen selbst findet man der Absiebt 
unsers Verf. gemäss hier nicht, wohl aber sind die dazu gehörigen 
Sätze, eben wie die durch Rechnung gefundenen Resultate deut- 
lich und scharf angegeben, auf die dann später bei der An- 
wendung durch Angabe der fortlaufenden Paragraphen verwiesen 
wird. Die Bestimmtheit des Ausdrucks bei der Bezeichnung die- 
ser Hauptresultate beweiset, dass der Verf. mit dem Ganzen die- 
sen schwierigen Untersuchungen vollständig vertraut ist. Sollte 
ans der Seitenzahl dieser ersten Abtheilung gefolgert werden, als 
seyen die Sachen zu ausführlich vorgetragen, so möge dagegen 
bemerkt werden , dass in manchen Fällen eher eine zu grosse 
Kürze herrsche, und noeh wohl ein Zusatz zu wünschen wäre. 
So ist z. B. S. 21 vom Widerstande der Mittel die Rede, und 
wird dabei nur kurz bemerkt, dass hierdurch die .elliptischen Bah- 
nen der um ihren Centraikörper sich bewegenden Körper mehr 
kreisförmig, und zugleich, kleiner werden. Von diesem allerdings 
richtigen' Satze wird S. 27 eine Auwendung v auf die Bahn unserer 
Erde gemacht, die also unter der Voraussetzung eines wenn, auch 



G2 Stüdcr: Physikalischo Geographie, 

noch so feinen widerstehenden Aetber's nothwendig zuletzt in die 
Sonne stürzen müsste. Wenn es dann weiter beisst, dass man 
bis jetzt noeh durchaus keinen störenden Einfluss wahrgenommen 
habe, die Bahn des Encke'schen Kometen aber die Anwesenheit 
eines widerstehenden Mittels beweise, so ist dieses gewiss so kurz 
wie möglich ausgedrückt, und könnte mancher Leser wohl bierin 
einen Grund zur Furcht vor einer nothwendig bedingten einstigen 
Zerstörung unserer Erde finden. Zur Beruhigung der Gemütber 
liesse sich beibringen, dass, ausser der gänzlichen Abwesenheit 
irgend einer aus dieser Ursache hervorgegangenen, und ohnge- 
aebtet einer mehrere Tausende von Jahren umfassenden Beob- 
aebtungszeit bis jetzt nicht wahrgenommenen Veränderung der 
Planetenbahnen, die Verkürzung der Umlanfszeit des Encke'-. 
sehen Kometen nur hypothetisch aus dem Einflüsse eines wi- 
derstehenden Aetber's abgeleitet wird, weil man bis jetzt keine 
andere Ursache auffinden konnte, und dass es daneben immer noch 
fraglich bleibt, ob die Bewegungen der Körper unsers Sonnensy- 
stems der bestehenden Hypothese gemäss durch das Beharren in 
der ursprünglich erhaltenen Bewegung, oder durch eine noch un- 
bekannte bewegende Kraft bedingt sind. Ref. beabsichtigt mit dieser 
Bemerkung keineswegs einen Tadel, vielmehr soll sie nur beweisen, 
dass der Verf. diese Aufgabe, worüber sich nllerdings nicht sehr 
viel, aber immerhin weit mehr, als hier geschehen ist, sagen lässt 
so kurz wie möglich gehalten habe, und eben dieses ist bei allen 
andern der Fall. Dagegen sind die Zablengrüssen', deren man 
oft bedarf, ohne dass es möglich ist, sie sämmtlich im Gedächt- 
niss zu behalten, nach den neuesten Bestimmungen sehr ge- 
nau angegeben, z. B. Umlaufszeit der Erde, Excentricität ihrer 
Bahn u. s. w. 

Eine kurze Angabe des Inhalts wird zeigen, welchen reichen 
Schatz des Wissenswürdigen die Leser in diesem Werke zu er- 
warten haben. Der erste Abschnitt handelt vom siderischen Ein- 
fluss der Schwere, der Urbildung des Planelensystems, den gegen- 
seitigen Störungen der Himmelskörper, und dem Einflüsse dersel- 
ben auf das Wasser und den Lnftkreis der Erde, alles nur in 
kurzen aber sehr bestimmten Umrissen. Die Fluth auf der vom 
Monde abgewandten Seite der Erde wird dem Geometer, welcher 
sich auf die Resultate des Calcüls verlaset, leicht begreiflich, bleibt 
aber für den Dilettanten immer schwer vorstellbar, weil dieser eine 
Bewegung des Erdmittelpunktes gegen die Sonne unterschiebt, 
die er auch in der gewöhnlichen, hier gleichfalls wiedergegebenen, 



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Stade? : Pliysikaltachc Geographie. 63 

Zeichnung zu finden glaubt, ohne dass sie jedoch in der Wirk« 
Iichfceit stattfindet. Ref. pflegt, um diesem za begegnen, ein Seg- 
ment der Erde an der dem Monde zugewandten Seite, sofern des- 
sen Anziehung gegen den Rest der Erde durch die Einwirkung 
des Mondes als aufgehoben zu betrachten ist, als weggeschnitten 
darzustellen, wodurch der Rest in Folge des Bestrebens, sich wie- 
der zur Kugel zu gestalten, nothweodig auf der abgewandten Seite 
eine Erhöhung erhalten muss, die als Wirkung ihrer Ursache pro- 
portional, mithin der auf der entgegengesetzten Seite gleich ist. 
Manchem dürfte diese Paibtellungsart unnatürlich und schwieriger 
als die gewöhnliche zu seyn scheinen, inzwischen zeigt die Er- 
fahrung, dass sie im Ganzen leicht begriffen wird. Im zweiten 
Abschnitte, welcher vom tellurischen Einflüsse der Schwere han- 
delt, sind die Resultate der Pendelmessungen und der Versuche 
zur Bestimmung der Dichtigkeit der Erde bis zu den neuesten 
Zeiten herab, auch die letzten, sehr wichtigen von Daily nicht 
ausgenommen, genau angegeben. Die Meteorsteine und Stern- 
schnuppen, insbesondere -wenn man sie nach überwiegenden Grün- 
den für kosmischen Ursprungs hält, gehören gleichfalls hierher, 
weil sie der Anziehung der Erde folgen, wie nicht minder auch 
die Atmosphäre, wobei jedoch nicht bloss von ihrer Höhe und Ab- 
plattung, sondern auch von ihren Bestandtbeilen und den Bewe- 
gungen derselben, wie wir sie in den Winden wahrnehmen, kurz 
gebandelt wird. Was der Verf. über das vielfach veutilirte Dal- 
ton'sche Gesetz (S. 16) sagt, kann oder muas vielmehr wobl be- 
stehen, obgleich das Gesetz selbst in der Ausdehnung, die ihm 
sein Erfinder und Benzenberg gegeben haben, als unzulässig 
erkannt ist, insbesondere seitdem Gauss die Unbaltbarkeit des 
von Letzterem aus barometrischen Uöhenmessungcn entnommenen 
Beweises mit gewohnter Schärfe nachgewiesen hat. Sofern aber 
dennoch gegen die hier aufgestellten Sätze sich keine Einwen- 
dungen machen lassen, geht hieraus abermals ein Beweis der 
Kürze und Bestimmtheit des Ausdrucks hervor, wodurch sich das 
vorliegende Werk auszeichnet 

Sehr reichhaltig an Tbatsachen ist der vierte Abschnitt, wel- 
cher von dem Flüssigen unserer Erde unter dem Einflüsse der 
Schwere handelt. Hierbei kommt zuerst das Meer und dessen 
Salzgehalt zur Untersuchung, welcher aus der überwiegenden 
Masse des auf und in der oberen Kruste unserer Erde befindlichen 
Kochsalzes leicht erklärt wird, wonach alles Wasser gesalzen seyn 
müsste, wenn nicht die ununterbrochene Destillation in Folge der 



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Gl St ii der. l'li} ßtk.iliechc Geographie. 

Verdunstung den Quellen süsses Wnsser gäbe. Hiernach bleibt 
dann aucb der Ursprung: der Steinsalzinger, da wir deren noch 
gegenwärtig entstehen sehen, keineswegs räthselhaft; der auch 
hier 8. 74 erwähnten vulkanischen Hypothese der neueren Geolo- 
gie dagegen konnte Ref. nie seinen Beifall crtheilen; denn eine 
eigentliche Erzeugung dieses bedeutenden Bestandteils unserer 
Erde durch vulcanische Kräfte ist doch überall nicht zulässig, 
und da die Steinsalzlager im Ganzen unverkennbare Spuren einer 
Sedimentbildung an -sieh tragen, so begreift man schwer, aufwei- 
che Weise diese, wenn einmal vorhanden, durch die anderweitig 
allerdings sehr wirksamen vulcanischen Thätigkeiten modiilcirt 
werden konnten, obgleich bei erweislich vorhandener Hitze die 
dadurch notbwendig bedingten Modifikationen auch bei den schon 
(gebildeten Salzablagerungen gleichfalls eintreten mussten, die sich 
auch ohne Zweifel an solchen apeciellen Orten vorlinden, ohne 
dass sie berechtigen, hiervon auf das Allgemeine zu schliessen. 
Der Spiegel des Meeres wird durch Schwere und Schwungkraft 
bedingt, und er muss also mit Bücksicht auf die ellipsoidische 
Gestalt der Erde in allen zusammenhängenden Meeren gleich seyn. 
Das Problem ist einfach, unser Verf. stellt es mit gewohnter Prä- 
zision dar, und scheint davon so überzeugt zu seyn, dass er die 
bisher aufgefundenen Abweichungen als problematisch anführt. 
Ref. wurde bei seinen Untersuchungen gleichfalls auf dieses Pro- 
blem geführt, welches für die physikalische Geographie gewiss 
nicht ohne grosses Interesse ist, und gelangte dabei zu Resulta- 
ten, welche mit der einfachen, bisher allgemein als gültig herr- 
sehenden, Ansicht im auffallenden Widerspruche stehen, und auf 
welche er hier hinzudeuten sich erlaubt, da sie an einem Qrte ste- 
hen, wo man sie nicht leicht suchen dürfte, nämlich im Artikel 
Meteorologie des neuen Wörterbuches Bd. VI. S. 1915 ff. Hier- 
nach wäre »der Spiegel der Nordsee noch einige Fuss niedriger, 
als der des Mittelländischen Meeres , über dessen tieferen Stand 
die verschiedensten Gelehrten seit langer Zeit verhandelt haben, 

CDer Schluss folgt.) 



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tf r . 5. ' HEIDELBERGER 1844. 

JAHRBÜCHER HER LITERATUR. 

_ . . . .. 

* 

Studer: Physikalische Geographie. 

Cßeschluss .) 

Der vollständige Beweis dieses allerdings paradoxen Satzes 
beruhet auf dem leider noch nicht genau bekannten Gef&lle des 
Rheins zwischen Mannheim und Bingen, da man die Nivellirungen 
der französischen Ingenieure zwischen Marseille und Strasshnrg 
zum Behuf anzulegender Cnnale, die der französischen und badi- 
scueo von Strassbnrg bis Mannheim, und die der hollandischen 
ood preussischen von Bingen bis Amsterdam einer wenn auch noch 
so wohl begründeten Theorie wegen schwerlich zu verwerfen wa- 
gen wird. Wer aber den Rhein zwischen Mannheim und Düssol- 
dorf nur einigermassen kennt, wird nicht von der Ueberzeugung 
lassen, dass sein Gefälle für gleich lange Strecken von Mannheim 
bis Bingen eben so stark ist, als von Bingen bis Dflsseidorf, und 
wenn alle diese Prämissen richtig sind, so folgt unabweislieh, 
dass der Spiegel der Nordsee bei Amsterdam einige Fuss unter 
dem des mittelländischen Meeres bei Marseille liegt. Der höhere 
Stand des rothen Meeres bei Suez, als des mittelländischen bei 
Alexandrien war lange bekannt, und es liegt durchaus kein ge- 
nügender Grund vor, weswegen man die Richtigkeit des Nivelle- 
ments französischer Ingenieure unter der Leitung Lepere's in 
Zweifel ziehen sollte. Coraboeufs Nivellement, wonach das 
mittelländische Meer nur 2,25 Fuss tiefer als der atlantische Ocean 
gefunden wurde, hält unser Verf. für nicht stringent beweisend, 
weil der Unterschied auf eine so weite Strecke nur weni»' bedeu- 
tend ist; allein die Bestimmung gewinnt an Gewicht, wenn man 
■eben der Genauigkeit dieser ausgezeichnet vorzüglichen geodä- 
tischen Operation überlegt, dasa Mecbaiu zu einem ganz glei- 
chen Resultate gelangte. Wie gross man indess die Fehlergrenze 
der hier beigebrachten Nivellements auch annehmen mag, so folgt 
doch unabweisbar eine Vertiefung des mittelländischen Meeres unter 
das rotbe, die mit der theoretisch gefundenen Gleichheit des Spie- 
gels mit einander verbundener Meere nicht bestehen kann. 
XXXA II. Jahrg. - I. Doppelheft. 5 



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6o Studer: PI» ynikalischc Geographie. 

Ref. ist weit entfernt, eine Theorie sofort als nichtig zn ver- 
dammen, wenn sie mit der Erfahrung nicht übereinstimmt, denn 
die eine kann wie die andere unrichtig seyn, und man muss daher 
in solchen Fällen so lange untersuchen, bis beide in Einklang 
gebracht sind, denn alsdann erst kann man der gefundenen Wahr- 
heit gewiss« seyn. * Die Theorie fordert das gleiche Niveau zusam- 
menhängender Meere nur unter der Bedingung der Ruhe, nicht 
aber bei vorhandener Bewegung, da in letzterem Falle das gleiche 
Niveau selbst in einer commonieirenden Röhre, die unser Verf. 
sur Erläuterung der Sache anführt, nicht stattfindet. Nun ist aber 
das Meer keineswegs ruhig, vielmehr hat es allgemeine Bewegun- 
gen und Ströme von einer Grösse und Schnelligkeit, wie wir sie 
auf dem Continente nicht finden; beides aber könnte bei absolut 
gleichem Niveau, abgesehen vom ungleichen specifiseben Gewichte 
des Seewassers, nicht stattfinden, denn ein Strömen widerspricht 
geradezu einem gleichen Niveau. Grosse Ströme sind nach Ver- 
hältniss ihrer Geschwindigkeit in der Mitte höher als an den Sei- 
ten (vergl. S. 104 des vorliegenden Werkes), und ihr Querprofil 
sinkt bei ihrer Ausmündung ins Meer so bedeutend, dass das 'zu- 
rückgedrängte Wasser an ihren Seiten sie wie Ufer einschliesst, 
ein Phänomen, welches sich aus der Analogie mit dem von Cle- 
ment entdeckten pneumatischen Paradoxon leicht erklären Iässt. 
Macben wir von diesen Erscheinungen eine Anwendung auf die 
Meeresströme, so bieten einige der genannten Abweichungen von 
der Gleichheit des Niveau's gar keine Schwierigkeiten Aar, denn 
namentlich treibt der Weststrom des indischen Ocean's das Was- 
ser mit solcher Gewalt in den arabischen Meerbusen, dass dadurch 
eine Erhöhung des Spiegels von 97 Fuss an dessen Ende leicht 
erzeugt werden kann, und wenn man berücksichtigt, dass Cora- 
boeuf's Messung vom biscajischen Meerbusen ausging, in wel- 
chem Strömung und Winde das Wasser des Ocean's zusammen- 
drängen, so kann eine hierdurch erzeugte Erhöhung von einigen 
Fuss nicht weiter auffallen. Hiermit sind indess bloss einige Li— 
neamente im Grossen gegeben, das Problem im Ganzen vollstän- 
dig zu lösen vermag Ref. nicht, wie er schon anderwärts erklärt 
hat, denn es ist so gross und so schwierig, dass es eine Bearbei- 
tung erfordert, wie z. B. diejenige, welche der Wellenbewegung 
durch W he well zu Tbeil geworden ist. 

Ohne in das Einzelne einzugehen, möge es genügen, nur im 
Allgemeinen anzugeben, dass in diesem Abschnitte auch von den 
Tlydrometeorcn, der Quellenbildung, den Eigentbümlichkeiten der 



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Studer: Physikalische Geographie. .67 

artesischen Brunnen and sonstiger Qu eilen and den in ihnen ent- 
haltenen Bestandteilen gebändelt wird. Mit besonderem Vergnü- 
gen and za mehrfacher Belehrung hat Ref. dasjenige gelesen, was 
über Flusse and Ströme, äber die Bewegungsgesetze des Wassers 
in denselben and das hierdurch bewirkte Fortführen der Geschiebe 
gesagt ist. Die Gletscher, ein in der neuesten Zeit so vielfach 
verhandelter Gegenstand, kommen an drei verschiedenen Orten zur 
Untersuchung, jedoch ohne die Weitläufigkeit, wozu die darüber 
vorhandene Literatur leicht das Material liefern würde, indem viel- 
mehr hier nur die Hauptsachen kurz und bestimmt angegeben sind. 
In dem Abschuitte, worin von dem Flüssigen der Erde unter dem 
Einflüsse der /Schwere die Rede ist, musste auch von der Entste- 
hung und der Bewegung der Gletscher gehandelt werdeil , in dem 
folgenden, dem ausführlichsten anter allen, worin die Sedimentbil- 
duogea zur Erörterung kommen, durften sie gleichfalls nieht feh- 
Jen, und man findet daher hier die hauptsächlichsten Tbatsachen, 
welche sich auf die Verbreitung und die Veränderung derselben 
beziehen, mit genügender Vollständigkeit angegeben, ohne auf die 
neuerdings vielfach ventilirte Frage über vorhistorische Gletscher 
oder die an sich anhaltbare Hypothese einer früheren vorüberge- 
gangenen Eiszeit einzugeben. Im sechsten Abschnitte endlich, 
worin die zahlreichen Erosionen zur Untersuchung kommen, durf- 
ten die bedeutenden Veränderungen auf der Oberfläche unserer 
Erde, welche unverkennbare Wirkungen der Gletscher sind, gleich- 
falls nicht fehlen. Man findet demnach an diesem Orte die über 
diese sehr interessanten Naturerzeugnisse vorhandenen wichtigsten 
nnd zugleich genügend begründeten Thatsachen einfach und bün- 
dig zusammengestellt. Die Lavaströme schliessen sich an die 
Wasser- nnd Schlammströme an, und machen den Bescbluss die- 
sen reichhaltigen Abschnittes. 

lieber den Inhalt des sechsten Abschnittes masst sich Ref. 
kein genügendes Urtheil an, weil anderweitige Studien ihm nicht 
verstatteten, mit den darin verbandelten Gegenständen hinlänglich 
vertraut za werden, wie grosses Interesse ihre Kenntniss im All- 
gemeinen auch jedem Naturforscher gewähren muss. Es kommen 
darin die gesammten Sedimentbildungen sowohl im Allgemeinen, 
als nach im Einzelnen, in Beziehung auf die Ablagerung der 
speoiellen Fossilien, der Kälkerde, Thon- und Kiesel-Erde u. s. w., 
wie nicht minder der Kohlen und die Entstehung des Torfs, so 
wie nach die Strand-, Dünen- und Delta-Bildungen, und endlich 
die zahlreicccn vulcanischen Erzeugnisse, als Laven, Augite, Ba- 



/ 



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* 

68 Sludcr: Physikalische Geographie. 

* 

salte u. s. w. zur Untersuchung. Dabei ist dann auch von den 
Sedimentbildungen durch Poiythalaiuicn und Infusorien die Rede, 
welche, in früheren Zeiten weniger beachtet, durch Ehrenberg's 
fleissige Forschungen als eine neuere, höchst wichtige und unge- 
mein interessante Erweiterung im Qebiete der Geologie zu be- 
trachten sind. Mit varzüglicber Aufmerksambeit hat Ref. auch 
dasjenige gelesen, was ein so besonnener, durch Autopsie belehr- 
ter und mit den zur lieortheilung der Sache erforderlichen Vor- 
kenntnissen ausgerüsteter Forscher über die erratischen Blöcke sagt, 
weil eben die Schwierigkeit dieses Problems die Begierde steigert, 
endlich einmal eine genügende Lösung desselben zu erhalten. 
Zweimal ist von ihnen die Rede, zuerst S. 192 bei Gelegenheit 
der durch strömende Wasser erzeugten Ablagerungen, und dann 
8. 272, wo von den älteren Formationen dieser Art gehandelt wird. 
Am ersten Orte werden dieselben im Allgemeinen und nach den 
einzelnen Arten beschrieben, auch die vorzüglichsten Lander an- 
gegeben, wo sie sich einzeln zerstreut oder in verschiedenen Grup- 
pen vereint vorfinden, ohne auf ihren Ursprung oder die Ursachen, 
wodurch sie an ihre jetzigen Lagerungsstätten gelangt sind, wei- 
ter einzugeben, als erforderlich ist, um zu zeigen, dass sie sich 
den gewöhnlichen neueren Strandbildungen nicht anreihen lassen. 
Am zweiten Orte S. 272 wird zugegeben, dass die zunächst lie- 
gende Hypothese, wonach sie durch machtige Wasserströme in 
Begleitung und- zugleich durch Hülfe colossaler Eismassen ron 
höheren Gegenden in die niedriger gelegenen fortgeführt seyn 
sollen, allerdigs viel für sich habe, dabei über sind die unüber- 
windlichen Schwierigkeiten, die sich einer allgemeinen Anwend- 
barkeit dieser Hypothese entgegenstellen, unmöglich zu verkennen. 
Vor allen Dingen müssen aber diejenigen von ihnen, die abgerun- 
dete Ecken haben, und somit Spuren des Fortrollen«» an sich tra- 
gen, von denen unterschieden werden, deren Ecken und Kan- 
ten noch scharf oder wenigstens nicht bedeutend abgerieben 
sind; und gerade diese letzteren sind es, auf die sich kaum 
irgend eine Hypothese anwenden lässt. Hiernach ist leicht zu er- 
achten, dass unser Verf. selbst keine eigene Hypothese, von wel- 
cher sich allgemeine Anerkennung erwarten liesse, aufzustellen 
wagt, in Beziehung auf die neuerdings wieder hervorgehobene ei- 
nes Transportes durch Eis sagt er aber: „ungeachtet aller Schwie- 
rigkeiten, die sich der Förderung so colossaler Gletscher und 
„ihrer Bewegung entgegensetzen, leidet doch die Ansicht, welche 
„die Verbreitung der Blöcke, durch das Vordringen des sie tra- 



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Leichscnring : Physikalische Exploration der Brusthöhle. 09 

„^enden Eises zu erklären sacht, nicht an einer erwiesenen Un- 
möglichkeit." Unter den verschiedenen aufgestellten Hypothesen 
dürfte die von mehreren Gelehrten gehegte, neuerdings durch 
Fromm herz für den Schwarz wald so gut als erwiesene, wonach 
der Ausbruch grosser Binnensee^ die Fortführung der erratischen 
Blöcke bewirkt haben soll, am leichtesten zu vertheidigen seyo, 
hauptsächlich wenn man bedenkt, wie bedeutend die Oberflache 
unserer Erde seit den Perioden, in welchen jener Transport statt- 
fand, verändert seyn mag; inzwischen ist auch diese Ansicht kei- 
neswegs geeignet, alle vorhandene grosse Schwierigkeiten voll- 
ständig zu beseitigen» 

Ohne auf den Inhalt der beiden letzten Abschnitte, worin von 
den Erosionen und den Einsenkungen gehandelt wird, im Einzel- 
nen einzugehen, heschliesst Ref. diese Anzeige mit einer nochma- 
ligen Hindeutung auf den Vortheil, weleben dieses Werk den 
Lesern durch eine nicht bloss dem Ganzen, sondern auch den ein- 
zelnen Abschnitten und selbst den speciellen wichtigern Abthei- 
lungeo hinzugefugte sehr ausgesuchte und zugleich genügend 
vollständige Literatur gewährt. Zur Erläuterung sind die nöthi- 
gen woblgelungenen Figuren zwischen den Text gedruckt, ausser- 
dem aber enthält das Werk vier lttbographirte Octavbl&tter von 
ausgezeichneter Schönheit, und ist im Ganzen auf so vorzöglieh 
weissem, starken Papiere mit so scharfen und deutlichen Lettern 
gedruckt, dass es auch in dieser Hinsicht die Wünsche des Le- 
sers vollständig befriedigt, und sicher den ausländischen Werken 
in dieser Beziehung durchaus nicht nachsteht 

v Muncke. 



Die Physikalische Exploration 4er Brusthöhle zur sicheren 
Erkenntnis* des gesunden sowohl, als [auch] des krankhaften Zu- 
standes der Athmungs- und Circulations- Organe , von C»D. Leich- 
senring, bevorwortet von Dr. Fr. J. Siebenhaar. Leipzig 1843. 
Bei J. Jackowitz. 70 S. gr. 8. % 

Die Vorrede des Herrn Dr. Siebenhaar ist eine Apologie der 
Auskultation und Peroussion gegen diejenigen praktischen 
Aerzte, welche diese Explorations- Methoden zu wenig anwenden. 
Dieser Vorwurf jedoch ist, wie Ref. glaubt, nur älteren Aerzten 
zu machen, und bei diesen sehr zu entschuldigen, da ein jeder, 



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70 Lekhsenriog: Physikaliiihc Exploration der Brusthöhle. 

♦ 

der zu anskoltiren und zu perkotireo versteht, die Unmöglichkeit 
einsehen wird, diese Methoden erstens in der Privatpraxis, und 
zweitens ohne Anleitung zu erlernen. Der andere Tbeil der Vor- 
rede ist eine Empfehlung der Schrift selbst, worin besonders da- 
rauf Werth gelegt wird, dass Verf. Zögling der Wiener Schule ist. 

In der Vorrede des Verf. werden die Herren Liippicb, 
Zebetmeyer, Engel und Kolysko in Wien besonders her- 
horgehoben, während die Matadoren Skoda und Rokitansky 
nicht erwähnt werden. Was den Zweck des Buches anbelangt, 
so spricht der Verf. denselben dahin aus, dass dasselbe als kur- 
zer Leitfaden zur Erlernung der Stethoskopie und Plessimetrie, 
vom praktischen Standpunkt aufgefasst, den Aerzten dienen soll. 
In der Exposition folgt er der Wiener Schule, ob als Nachredner 
des Skoda' sehen Werkes, was fast alle Wiener bis jetzt 
redlieh getban, werden wir sehen. 

Das Werk selbst beginnt mit der Inspeotion des Thorax, 
wobei zu wünschen gewesen wäre, dass die Engel 1 sehen Unter- 
suchungen, so wie die von Stokes, mehr berücksichtigt worden 
wären. Die Erbebung der Herzgegend beobachtete Gendrin (Herz- 
krankheiten) bei taricardkis schon ganz im Anfang der Entzün- 
dung, wo dieselbe beineswegs durch Hydro-pericardie hervorge- 
bracht seyn konnte; also deutet sie nicht blos auf Massezunahme 
des Herzens, wie Verf. sagt. 

Unrecht ist es, die Mensuratton der Brust nur obenbin 
als Anhang der Inspection zu geben. Die Untersuchungen von 
Stokes, Scharlau und Canstatt haben uns bestimmte Zah- 
lenverbältnisse för die verschiedenen Brust-Dimensionen gegeben, 
die hatten aufgezählt werden müssen, da eine solche Bestimmtheit 
immer dem Ungefähren (ziemlich, mittelmassig, unbedeutend sind 
Wotte,- die bei mathematischen Bestimmungen gleich null sind) 
vorzuziehen ist, und Jedermann leicht ein Messband haben kann. 

Bei dem Mechanismus der Peroussion wird das Pior- 
ry'scbe (nicht Pi orrische) Plessimeter als mässig dünnes 
(sehr relativ, daher ungenau; es soll so dick sein, dass es sich 
nicht biegt) Elfenbeinplättcben von der Grösse eines preussiseben 
Thalers mit einer nach der Seite zu erhabenen Leiste etc. beschrie- 
ben. Bequemer ist das mit zwei kleinen Handhaben versehene, 
genauer das graduirte Plessimeter, ohne dabei auf Piorry's un- 
praktische Subtilit&ten eingeben zu müssen. 

Bei der Percussion im normalen Zustand werden zwei Haupt- 
Töne aufgestellt: Der Brust- und der Leber-Ton. Hierdurc 



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t 



Lelcbsearlug: Physikalische Exploration der Brusthöhle. 11 

i 

hat sieh der Verf. in zweierlei Hinsieht von den Ansichten seiner 
Schale entfernt. Einmal wird nach den Gesetzen der Physik bei 
der Percussion des Thorax nicht ein Ton, sondern nur ein 
Schall erhalten — Skoda fuhrt diess in seinem ausgezeichne- 
ten Werke consequent durch [es ist sehr zu bedauern, dass Verf. 
diese nicht ebenso getban] — und zum zweiten ist es unrecht, 
einen Ton nach etwas zn benennen, was zu seiner Her'vorbringung 
gar nichts beitragt, daher ist die ohnehin ganz relative Benennung 
Brust- and Leber-Ton falsoh, ein Fehler, den Skoda bei 
Piorry, wie bekannt, scharf rügt. 

Die übrigen Bestimmungen des Schallea im normalen nnd 
anormalen Zustand sind nach Skod a' sehen Prinzipien gut zu- 
sammengestellt; der tympanittsche Schall wird besonders von der 
verminderten Elasticität der perkutirten Theile hergeleitet. * 

In dem Abschnitt über Auscultation des Thorax (p. 10) 
gibt Verf. der immediaten Auscultation den Vorzug der grösseren 
Deutlichkeit, räumt aber doch dem Stethoskop den Vorzug ein: 
„das namentlich zur Beobachtung der Cirkulations-Organe unent- 
behrlich ist, da hier durch das blosse Auflegen des Ohres die 
einzelnen Töne and Geräusche nicht unterschieden werden kön- 
nen/ 1 Die letzte Behauptung ist geradezu unrichtig; es kommt 
bei den Vorzügen der immediaten oder mediaten Auscultation allein 
darauf an , ob man eine möglichst grosse Menge von Geräuschen 
oder nur ein einzelnes, anf eine kleine Stelle beschränktes Geräusch 
hören will 5 in jenem Falle findet die immediate Auscultation, weil 
hier das Ohr mit einer grösseren Fläche der Brust in Berührung 
kommt, in diesem das Stethoskop den Vorzug. Von einem Nicht- 
hören der Aftergeräusche des Herzens durch das unmittelbare 
Auflegen des Ohrs kann gar nicht die Rede sein; die Herzge- 
räusche werden nur weniger distinkt gehört. Rücksichtlich des 
Baues der Brustwandungen ist das blosse Ohr leichter an den 
Bücken anzulegen, als das Stethoskop, welches zu leicht abglei- 
tet; sonst ist das Stethoskop vorzuziehen. — Dass die beste Form 
des Ohrstücks (besser Ohrplatte) die ebene sei, kann Ref. dem 
Verf. nur sehr bedingt zugestehen ; es kommt hierbei sehr auf die 
Individualität des Hörenden an; ich habe anter meinen Schülern 
stets einige, die mit convexen, andere, die mit coneaven Obrplat- 
ten am besten hören; eben so verschieden ist auch der Gebrauch 
der in der Umgebung der Oeffnung des Kanals angebrachten Lei- 
ste; manchen ist sie anentbehrlich, manchen unerträglich. Verf. 



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71 Leicliscnring: Physikalische Exploration der Brusthöhle. 

erwähnt diese Leiste, so wie auch die knopfförmigen Obrstücke 
gar nicht. — 

Die Verdienste Laennecs (es ist unrichtig Lännek zu 
schreiben, wie diess im ganzen Werk durchweg geschieht) und 
Skoda 1 s bestimmt Verf. (p. 11) dabin, dass der erstere ausge- 
zeichnet gehört, und der letztere die Lebren des erstem gesichert 
und begründet habe. Ref. glaubt, dass das Verdienst Sko- 
da's, ausser seinen eigenen neuen Entdeckungen, darin besteht, 
die auskultatorischen Phänomene auf die Gesetze der organischen 
Akustik reducirt, und dadurch grössere Schärfe und Genauigkeit 
in unsere Wissenschaft gebracht zu haben. In seinen Prinzipien 
aber weicht Skoda so von Laenneo ab, dass er dessen Lebren 
zum guten Theil eher verändert,' als fester begründet hat. — 

In dem Artikel über die Auscultation der Atbmungs- 
organe giebt Verf. bei den im normalen Zustand hörbaren Phä- 
nomenen die bekannten Skoda' sehen Beschreibungen, deren Kri- 
tik nicht hierher gehört. Dass man bei der Untersuchung des 
Respirations-Geräusches wohlthue, den Kranken immer tief ein- 
athmen zu lassen, bezweifelt Ref. sehr. Im krankhaften Zustand 
ist das Respirations-Geräusch entweder verstärkt, vermindert, ver- 
ändert oder andere Geräusche kommen hinzu. Krankhaft verstärkt 
ist das vesiculäre Athmen, als sogenanntes pueriles Athmen 
an solchen Stellen, wo eine gesunde Lungenparthie die aufgeho- 
bene Funktion einer erkrankten benachbarten zu tibertragen strebt, 
mithin beim partiellen Lungenephysem. u Unter ü bertragen ver- 
steht Verf. wohl übernehmen, und in Rücksicht auf sein Beispiel 
müssen wir hinzusetzen, dass er dasjenige partielle Kpbysem da- 
runter versteht, wobei die Lungenbläschen noch ihre normale Con- 
traktilitat behalten haben, also auch in ihrer vicarirenden Thätig- 
keit nicht gestört sind (das weitere vergleiche man mit p. 78 un- 
serer Kritik). Der ganze Satz ist so, wie ihn Verf. giebt, un- 
deutlich. Eben so verhält es sich mit der Erklärung der Bron- 
cho p h oni e und des bro n chial en A th m ens. Nach des Verf. 
Darstellung scheint es nämlich, als ob nur „die um den Bronchus her- 
um befindliche verdichtete Substanz" zur Consonanz gebracht würde. 
Verstehen wir Skoda (Percussion und Auscultation. 2. Aufl. 
p. 39. 40.) recht, so ist es hauptsächlich die Luft, weichein dem 
mit verdichteten Lungenparenchym umgebenen Bronchus consonirt 
wenn die veränderten Bronchial- Wandungen den Schall so stark 
reflektiren, als die Trachea und der Larynx.. Ist die Luft in 



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Leiefcsenring: Physikalische Exploration der Brusthöhle. 73 




♦ 



de Schwingungen versetzt, so werden auch die Bron- 
chial-Wandungen , ebenso wie die des Kehlkopfes in Vibrationen 
versetzt, welche sich bis auf die Brustwand verbreiten können. 
Das letztere ist aber immer erst die Folge des ersteren. 
- / Das Entstehen der feuchten Rasselgeräusche erklärt Verf. 
p« 13 folgendermassen : „die letzteren (Hindernisse von mehr flüs- 
siger Natur und zwar seröser, schleimiger, eitriger oder blutiger 
Art) bedingen das feuchte Rasseln oder die f. R., indem sie bei 
grösserer Zähigkeit von der L uf t in ein e g u r g e 1 n d e , röchelnde 
(1J Bewegung gesetzt werden etc. u Von einer Bewegung, welche 
gurgelt oder röchelt, "hat Ref. noch nicht gehört; das Ganze ist 
eine Verwechselung der Begriffe, da es wohl beissen soll: die 
Flüssigkeiten werden in eine Bewewegung versetzt, wodurch ein 
dem Röcheln oder Gargein ähnliches Geräusch entsteht. Der dia- 
gnostiseäe Werth der Rhonchi ist nach p. 20 meist nur ein un- 
tergeordneter, da sie gewöhnlich nichts anderes, als einen 
catarrhalischen Zustand der Mueosa anzeigen, und keinen Schiusa 
auf das Lungenparenchym zulassen. Ausgenommen hiervon wird 
das knisternde und das consonirende Rasseln. Hätte der Verf. 
genauer geprüft, so würde er diesen Ausspruch gewiss nicht ge- 
than haben. Ist etwa die Wahrnehmung eines catarrhalischen Zn- 
standes der Bronchial-Mucosa nicht von der höchsten Wichtigkeit, 
da derselbe fast mit allen Lungenkrankbeiten complicirt vorkom- 
men kann, und dann die Prognose oft gar sehr verändert. Wel- 
ches ist das erste Zeichen- der Tuberculosis pulmonum, wodurch 
dieselbe mit Recht vorausgesetzt wird, wenn sonst nur die Zeichen 
eines gewöhnlichen Catarrhes vorbanden sind? Diess sind die 
partiell unter den Claviculis auftretenden Rhonchi, welche nach 
unten zu fehlen. Womit beginnt eine Pneumonie? Mit verschie- 
denartigen Rasselgeräuschen, gewöhnlich in den unteren Brustge- 
genden. Wodurch giebt sich die Ueberladung der Bronchien mit 
Schleim im Typhus kund, wo alle anderen Symptome von Brust- 
affektion oft ganz schweigen, und doch die Erkenntniss der Ue- 
berladung mit Schleim in praktischer Hinsicht so wichtig ist? 
Ebeli wieder durch jene Rhonchi, deren Werth der Verf. so gering 
achtet, weil er sieb durch Subtilitäten bestimmen Hess, welche in 
der Theorie wohl gelten mögen, in der Praxis aber ganz andere 
Geltung haben. 

Das Reibongsgeräusch, welches am Ende der Pleuritis gehört 
wird, dauert nach p. 22 so lange an, „bis die ranben Flächen 
entweder sich glatt gerieben haben, etc." Sehr mechanische An- 



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Ti Lcichscnring: Physikalische Exploration der Brusthöhle 



sieht, die wenig Kenntniss von den neueren so ausgezeichneten 
mikroskopischen Untersuchungen über die Veränderung des Exsu- 
dats zeigt, welches durch Entzündung der Serosae erzeugt wor- 
den ist. Von einem Glatt-Reiben ist dabei freilich nicht dio 
Rede, wohl aber von einer solchen Umänderung des Exsudates, 
dass dieses durch Organisation nach und nach eine den serösen 
Hauten so ähnliche Structur erlangt, dass sogar Epitbelium sich 
darauf bildet. Daher ist es denn auch zu erklären, dass das Rei- 
bungsgeräusen oft Wochen lang nach einer überstandenen Pleu- 
ritis existiren kann. 

Auscultation der Circulationsorgane. Bei Angabe 
der normalen Töne (Ton heisst das normale Herzgeräusch, Ge- 
räusch das Aftergeräusch) richtet sich Verf. nach Skoda, ohne 
in eine weitere Kritik einzugehen.' Ebenso ist es nach ihm für 
die Diagnose der Klappenfehler gleichgültig, ob das Aftergeräusch 
einem Blasen, Sägen, Feilen etc. ähnlich ist, ob der Rhythmus 
der Herzbewegungen verändert ist oder nicht. Ohne hier zu strei- 
ten, ob Bouillauds Ansichten über den diagnostischen Werth 
der verschiedenen Aftergeräusche so ganz zu verwerfen sind, wie 
diess hier geschieht, glaubt doch Ref., dass die Veränderungen 
des Rhythmus bei der Diagnose von Klappenfehlern, vorzüglich 
für die Bestimmung des Grades derselben, durchaus nicht unbe- 
achtet zu lassen sind , da bei böhern Graden von Klappenfehlern 
immer auch Veränderungen des Rhythmus vorhanden sind, dessen 
bekanntes Verbaltniss (erstes Geräusch £, kleine Pause {, zweites 
Geräusch J, grosse Pause Verf. gar nioht berührt. Zur Un r 
tersebeidung von Ton und Geräusch führt Verf. folgendes künst- 
liche Verfahren an: „man drückt den Daumen einer Hand fest 
gegen den Mittelbandknochen des daneben befindlichen Zeigefin- 
gers; das dadurch gebildete Muskelkissen legt man fest an das 
Ohr an; klopft man mit dem Finger der andern Hand darauf, so 
gleicht diess dem Ton, streicht man mit dem Finger darüber hin, 
so gleicht diess dem Geräusch des Herzens; beim leisen Berüh- 
ren vernimmt man etwas, was weder als Ton, noch als Geräusch 
zu erkennen ist. u Alle solche künstliche Darstellungen sind un- 
vollkommen; das Beste ist die Beobachtung in der Natur selbst« 
- Der genaueren Betrachtung der diagnostischen Bedeutung der 
Aftergeräusche schickt Verf. kurz diejenigen Herzkrankheiten vor- 
aus, welche die Klappenfehler meist veranlassen. Endocarditis 
behauptet er bei Rheumatismus immer vermuthen zu können^ wenn 
„wir eine bedeutende Beschleunigung der Herzthätigkeit domit ver- 

r 



I^^«»8i:vt»hj«ik^M« Explopaiisa ds*Br«sthuhls. 1« 

gesellscbaftet finden. 44 Diess ist wohl etwas zu weit- gegangen, 
im übrigen pflichtet Ref. dem Verf. völlig bei, wenn er das Auf- 
treten von Aftergeräuschen als das sieberste Zeichen von Endo- 
carditis hervorhebt. Bei der Angabe des Entstehens der Klappen- 
Entartungen ans Endocarditis hätte aber bemerkt werden müssen, 
dass auch aus dem Blute sieb Faserstoff an das entzündete Endo- 
eardium ablagert und ebenfalls zu der Fortbildung der so ver- 
schiedenartigen Wocherungen beiträgt. Die Heilung der rbeuma- ' 
tischen Endocarditis gelang dem Verf. sehr bald durch Eisum- 
schläge über die Herzgegend und Blutentziehungen. Metastase 
bat man nach ihm bei dieser Cur nicht zu fürchten ! (p. 37 Anm. ). 
— Die diagnostische Bedeutung der Aftergeräusche giebt der Verf. 
zuerst kurz an , und giebt denn 16 Bemerkungen zur Erklärung 
derselben, welche ebenso wie das Vorhergehende zum grossen 
TbeiJ dem Skoda 1 sehen Werke entlehnt sind. In der neunten 
Bemerkung (p. 34) spricht Verf. über die Schwierigkeit des Un- 
terschiedes zwischen den peripherischen und centralen Afterge- 
räuschen, wenn sich jenes „nicht schon durch seine Unnbhän- 
gigkeit von dem Rhythmus der Herzbewegungen als 
solches charakterisirt." So viel uns bekannt, sind die peripheri- 
schen Geräusche mehr von dem Rhythmus der Herzgeräuscbe , als 
von dem der Herzbewegungen unabhängig. Skoda sagt hierüber 
(p. Ä06): „die Geräusche innerhalb der Herzhöhleo entsprechen 
genau dem Rhythmus des Herzstosses und der Herztöne, das Rei- 
bungsgeräusch scheint sich den Herzbewegungen gleichsam nach- 
zuschleppen." Auf den Charakter der beiderseitigen Geräusche, 
auf ihre Oberflächlichkeit und Tiefe nimmt Verf. gar keine Rück- 
sicht, obwohl sie in manchen Fällen ebenfalls zur Feststellung der 
Diagnose beitragen. — Ganz* recht bat Verf., wenn er bei ver- 
wickelten Fallen eine wiederholte Untersuchung für eine bestimmte 
Diagnose noth wendig erraobtet, denn die Fälle, in welchen man 
vorübergebende Aftergeräusche wahrnimmt (hierher gehört die nach 
Laennee sehr zahlreiche Klasse von Krankheiten, in welchen er 
einen Krampf des Herzens voraussetzt), sind gar nicht so selten, 
dass sie, wie Verf. sagt, „als Curiositätcn u anzusehen sind. — 
Bei Chlorosts nnd Anaemie „scheinen die Wände der Arterien von 
der so kleinen Blutwelle nicht in die gehörige Spannung versetzt, 
die Blutwelle selbst aber dadurch in eine wirbelnde Bewegung 
versetzt »u werden" (of. p. 38). Dadurch werden nach des Verf. 
Meinung die arteriellen Aftergeräusche bei diesen Krankheiten er- 
zeugt. Es ist hinlänglich bekannt, dass man über die Entstehung 



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16 LcicIiBcnriog: Physikalische Exploration der Bruithöhlo. 

dieser Geräusche noch nichts Bestimmtes weiss. Uebrtgens hätte 
Verf. auch das einfache Blasen und nicht blos das doppelte (Bruit 
de souffle continu) anführen sollen, wie diess Bouillaud thut. 

Der übrige Theil des Werkes (p. 38— 68) enthält eine kurze 
Diagnostik der wichtigsten Brustkrankheiten, von welchen der 
Catarrb zuerst sehr spärlich abgehandelt wird, wan mit der viel 
weiteren Ausführung der Pneumonie in Widerspruch steht 
Verf. hätte hier nur die schöne Abhandlung der Catarrbe von 
Canstatt (Artikel Bronchitis in dessen spez. Pathologie 
Tb. III.) zu benutzen brauchen, um das Wichtigste kurz za 
geben. — Bei der Anatomie der Pneumonie gebt Verf. von 
den Rokitansky^ dien Ansichten aus, und unterscheidet als 
die drei Stadien derselben das Eugouemenr, die Hepatisation (rothe 
und graue) und die Rückbildung aus der Hepatisation. Diese 
Eintheilung ist in Rücksicht auf die auskultatorischen Phänomene 
gewählt, vom anatomischen Standpunkt aus ist sie nicht baltbar, 
Faserstoff- Ausschwitzung (rothe Hepatisation) und Eiter - Bildung 
(graue Hepatisation) sind ganz von einander verschiedene Vor- 
gänge. Bei der Hepatisation ist ferner die Andral'sche Beob- 
achtung der Erweichung des Lungenparenchyms (r am ol Usse- 
ln entrouge, r. grise) nicht erwähnt. Die auskultatorischen 
Erscheinungen, so wie die Percussion sind bei den einzelnen Sta- 
dien angegeben; von den übrigen Symptomen hätten wohl die 
Sputa angegeben werden dürfen. Die Heilung der Pneumonie be- 
wirkt Verf. durch eine Solutio tnrt. emet. (Gr. j auf iijj fluidum, 
alle 2, 3, 4 St. Einen Kaffeelöffel bis kleinen Esslöffel voll) nebst 
Unterhaltung der Transpiration. Blutentziehungen sind nur in sel- 
tenen dringenden Fällen nöthig. Verf. sah davon die günstigsten 
Erfolge, welche übrigens nicht ab allen Orten und Zeiten glück- 
lich sein werden, besonders wenn der entzündliche Charakter der 
Krankheit vorherrscht. Als Specificum gegen Pneumonie ist 
der tart. emet. wohl kaum zu betrachten. 

Bei der Tuberculosis stellt der Verf. nach Rokitansky 
die interstitielle und die infiltrirte Tuberculosis als Hauptarten 
auf. Die weitere Entwickelung dieses Abschnittes, sowohl die 
Anatomie, als auch die Auscultation und Percussion (auch der 
Inspection sind einige wenige Zeilen gewidmet) sind ganz so, 
wie sie im Skoda'sohen Werk (p. 270—279) zu finden sind. 
Die cavernö sc Respiration, und die Pectoriloquie Laennec's 
werdeu aufgeführt und die acute Tuberculosis zum Typhus 



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Leicbsenring: Physikalische Exploration der Brusthöhle. 77 

gerechnet, weil ihre tuberculöse Natur noch "zweifelhaft ist, and 
jenem naher zu stehen scheint. Das Wäre udeh zu beweisen! 

Der häraoptoischelnfarctus enuftelit nach p. 59 bei weitem 
am häufigsten nach Aneurysma acticöm" cordis dextri. Dabei sind 
jedoch auch die Fälle nicht ausser Acht zu lassen, in welchen 
die Krankheit durch ein Circulations-Hinderniss im linken Herzen 
entsteht — Röthliob gefärbt (und zäh) ist das Fluidum nur bei 
dem entzündlichen Oedema pulmonum ( Hasse J, und nicht 
nilgemein bei dem akuten Oedem, wie Verf. sagt (p. 53). — Bei 
4er Anatomie der Pleuritis sagt Verf. (p. 55): der Bildung des 
anfänglich mehr plastischen Exsudats folgt dann gemeiniglich mehr 
ein seröses, welches die Entfernung des ersteren zu bezwecken 
acheint. Versteht Verf. darunter die Entfernung des plastischen 
Exsudats von der Pleura , so muss Ref. geradezu das Gegentheil 
behaupten. Der abgelagerte, anfangs ganz amorphe Faserstoff 
bleibt auf der Pleura aufgelagert und bildet das Cytoblastem für 
die Zellcnbildung ; das seröse Exsudat lagert sich darüber ab, be- 
findet sieb. also nicht in Contact mit der Pleura; die spätere Fa- 
serstoff-Ablagerung erfolgt theils durch Präcipitation aus dem se- 
rösen Exsudat (gleichwie die Bildung von Blut-Kuchen und Se- 
rum: C anstatt), theils durch neue Faserstoff-Ablagerung über 
den schon weiter organisirten zuerst abgelagerten Massen. Wir 
verweisen hier nochmals auf die ausgezeichneten Vog einsehen 
Darstellungen. — Bei der Angabe der Erweiterung des Thorax 
durch das Exsudat vermisst Ref. wiederum die Resultate der Men- 
euration, die hier besonders wichtig sind (in Bezug auf die Ab- 
nahme des Exsudats). Bei den Erscheinungen der Auscultation 
hätte ferner die Aegophonie wohl gfcnaW werden dürfen, ohne 
den Skoda 1 sehen Ansichten zu natie zutreten. Im übrigeil rich- 
tet sich Verf. ganz nach seinem Meister. —-Bei Pneumotho- 
rax betrachtet Verf. die Lage des Herzens als diagnostisches 
Unterscheidungsmittel von Emphysem, wenn die auskultatorischen 
Phänomene des ersteren fehlen. „Das Herz folgt nemlich bei 
Kpbysein dem Zwerchfelle nach unten, und wird nicht, wie beim 
Pneumothorax auf die Seite gedrängt. 4 ' Ob sogar die Geräusche, 
welche in der gesunden Brusthöhle stattfinden, consoniren kön- 
nen, wenn alle Geräusche in der ausgedehnten Brustseite man- 
geln, ist zweifelhaft. — Bei dem Lungenemphysem stellt Verf. die- 
jenige Art des vesiculären partiellen Lungenemphysems voran, welche 
nach Rokitansky bei Pneumonie, Pleuritis, Tubercnlose etc. da- 
durch entstehet, dass die vicarireuden gesunden Lungcn-Partiecn 



78 Schriften ton Choulant, Rosen bäum und Häaer. 

▼od Lnft zu stark ausgedehnt werden. Dadaroh wird aber keine 
Störung der Respiration hervorgerufen, denn die Luftcirculation 
findet so in den erweiterten Zellen statt, dass man pueriles Athmen 
KOrt. Diese Art des Emphysems steht dem eigentlichen Bphysem 
entgegen, welches als eigentümliche Krankheit fast eonstant mit 
Catarrh auftritt, und ebenfalls partiell, d.h. auf einzelne Lungentheile 
beschränkt, vorkommen kann. Hätte Verf. diese Arten schärfer 
getrennt, so würde seine Darstellung deutlicher geworden sein. — 
Bei der fassförmigen Gestaltung des Thorax ist ferner der Dia- 
meter von oben nach unten nur relativ zu dem von vorn nach 
hinten verkürzt; absolut ist er ebenfalls vergrössert, da ja das 
Diaphragma sammt den benachbarten Organen auch hier nach un- 
ten gedrängt ist. Ein Reibungsgerausch bei Em physema inter- 
lobulare kann selbst bei dem oberflächlichsten Sitz nur dann 
entstehen, wenn die Pleura zugleich ihre Glätte verloren hat. — 
Bei der sackförmigen Erweiterung der Bronchien gibt Verf. 
das grossblasige, trockene, knisternde Rasseln — Knattern — als 
auscultatorisches Zeichen an. Es bildet sich nach Skoda beson- 
ders, wenn mehrere sackförmige Erweiterungen vorhanden sind. 
— Zuletzt erhalten wir die Abbildung von zwei Wiener -Stetho- 
skopen und von einem Plessimeter nebst einer Erklärung zur leich- 
teren Naohfertigung derselben, 

Puchelt jun. 



Medizinisch -historische Bibäograpfue 

♦ •* 

* • » * 



1. Bibliotheca medico-historica Bive catalogus librorum historicorum de 
re medica et sdentia naturali systematicus. Collegit ac digessit L u- 
dovicus Choulant, Med. Dr. et Prof. Lipsia sumptibus Guil. 
Engelmann. 1849. 8. p. X. und 263. 

2. Ad di tarne nta ad Lud. Ckoulanti bibliothecam medico-historicam edidit 
Julius Rosenbaum, Dr. medico-chirurgus apud Hallenses prac- 
ticus, in universitate Fridericiana privatim docens etc. etc. Balis 
Saxonum, sumptibus Jo. IApperti. 1842. 8. p. X. und 83. 

3. Bibliotheca epidemiographica sive catalogus librorum de historia mor : 
bor um epidemicorum tarn generali quam speciali conscriptorum. 
Collegit atque digessit Henri cus Ha es er, med. et chir. Dr. aca- 



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- \ 

Schriften von Choulant, Roftenbatira and Hauer. 79 

demiae Jenensis professor exiraordinarius. Jenae, sumptibus Fr. 
Maucke 1843. 8. p. VI. und 179. 

Die Geschichte der Medizin, welche immer unabweisbarer an 
die Gegenwart herantritt, welche berufen ist, dieser Kunstwissen-., 
schaft durch die Geburtswehen unserer Tage zu einer harmoni- 
schen Form, zu einem organischen Bestände zu helfen und das 
dringende Bedürfniss, diesem^ sichern Bildungs- und Regenera- 
tionsmittel eine feste Grundlage durch geordnete Darleguag des 
bereits Geleisteten zu verschaffen, verbinden die oben genannten 
drei Schriften in einer so innigen Weise, dass wir sie nicht nur. 
füglich mit einander hier besprechen können, sondern diese stehen 
gegenseitig in einem solchen completirenden Wechsel Verhält- 
nisse, dass wir die Anzeige derselben gar nicht von einander tren- 
nen durften. 

Wer mit dem Gange unserer Wissenschaft vertraut ist, wer 
die Triebfedern kennt, die der jetzigen Gäbrung zu Grunde lie- 
gen, wer an den Hoffnungen Theil nimmt, die wir an die nächste 
Zukunft für das Gedeihen und Reifen der Natur- und Heilkunde / 
•knüpfen müssen: der wird« die hohe Stellung nicht verkennen, 
welche der Geschichte derselben bei diesem Verjüngungsprozesse 
zugestanden werden muss. Und zugleich mit dieser Anerkennung 
ist auch schon das Urtfaeil über die Tendenz der zu besprechen- 
den Schriften gefällt, welches jedes Hülfsmittel, das diese Ge- 
schichte hebt, trägt und fördert, Absolut auch billigen muss. So- 
mit ist der Werth des Unternehmens entschieden. 

Dass es aber bei den vorliegenden Arbeiten nicht bloss beim 
Unternehmen geblieben ist, sondern dass vielmehr der richtigen 
Erkenntniss der Zeitbedürfnisse auch die Kraft der Ausfüh- 
rung zur Seite steht, dafür sprechen die Namen der Autoren, 
welche gleich hochverdient um unsere Wissenschaft in mancher 
Beziehung, besonders aber um die Disciplin der Geschichte der- 
selben sich durch ausgebreitete literarische Beweise bereits einen 
so wohl begründeten Ruf erworben hoben, dass man jede Schrift, 
die ihren Namen trägt, mit Vertrauen zur Hand nimmt. 

Choulant, der Verf. von Nr. 1, dem auch das Verdienst 
gebührt, der Veranlasser der beiden andern Schriften gewesen zu 
sein, halte schon seinen Geschichtstafeln (Leipzig 1822) ein com- 
pendiöses Schriften Verzeichnis» beigefügt. Seither dasselbe in der 
umfassendsten Weise ausbildend und durch fortwährende biblo- 
historische Studien auf das Genaueste mit der gesnmmten Litera- 

* 



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HO Schriften von Choulant, Rosenbaum und Hacer. 

tur vertraut, entscbloss er sieb, dasselbe in der vorliegenden Form 
bekannt zu geben, wobei er nicht nur die Geschichte der Medi- 
zin, sondern auch die der gesammten Naturwissenschaften, welche 
ja gleichsam ein Tbeil der Heilkunde in unsern Tagen geworden 
sind, wie im Alterthume umgekehrt diese Letztere gleichsam nur 
einen Tbeil der Ersteren bildete, im Auge behielt Die systema- 
tische Anordnung des Ganzen ist der Natur des vielgestaltigen 
Gegenstandes entsprechend und dabei leicht übersichtlich , was 
durch ein doppeltes Verzeicbniss des Inhalts und der Schriftsteller 
noch erhöbt wird und von Seiten der Brauchbarkeit und schnellen 
Handhabung nichts zu wünschen übrig lässt. 

Nichtsdestoweniger ist trotz aller Umsicht des Verf., wie der- 
selbe auch schon voraussah, eine bedeutende Nachlese übrig ge- 
hlieben, und es übernahm es daher Rosen bäum in Nr, 2, das 
Fehlende nachzutragen, wozu Derselbe um so mehr berufen und 
befähigt ist, als er bei vollkommener Vertrautheit mit der klassi- 
schen Literatur und einer staunenswertben Belesenheit der Ge- 
schichte der Medizin (besonders der alten) ganz neue Wege er- 
öffnet und in seiner Privatsammlung einen Schatz von Schriften 
besitzt, w r elche ihm eine solche Nachfrülfe — seine Beitrage ent- 
halten fast 900 nene Schriften, wovon * freilich manche schon bei 
Choulant stehen, andere auch nicht immer ganz strikte hieher 
gehören — bedeutend erleichtern mussten. 

Den objektiven Tbeil der Geschichte der Medizio, nämlich 
alle Schriften, welche die Geschichte der Krankbeiteo des Men- 
schengeschlechtes und besonders der Kpidcmien behandeln, sollte 
Häser, der dieses Gebiet in seinen historisch-pathologischen Un- 
tersuchungen (Leipzig 1839 — 41) vollkommen durchwanderte, zu- 
sammentragen und für Cboulant's Werk bearbeiten. Da übrigens 
der Verleger sieh zu dieser Erweiterung nicht verstand, so liess 
der Verf. dieses Verzeicbniss, als Nr. 3, selbständig drucken. Er 
befolgte dabei die Ordnung, dass er zuerst die Schriften nennt, 
welche- die Epidemien im Allgemeinen, obwohl nach den einzelnen 
Seuchen behandeln, und alsdann jene in chronologischer Folge 
beifügt, welche die einzelnen Epidemien und Anfalle- einzelner 
Länder und Ortschaften beschreiben. Dio Literatur der Cholera 
hat der Verf. zu Ende für sich abgeschlossen zusammengestellt, 
indem er auch hierin der einmal angenommenen Ordnung gefolgt 
ist. - 

CDer Schluss folgt.) 



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■ 

N r . 6. HEIDELBERGER I844. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 

===== 

• * 

Schriften von Choulantj Rosenöaum und Häser. 

CBeschlussJ 

• »** * ■ • » ' 

Wer sieb je mit Sammlung von Literatur beschäftigt bat and 
weiss, wie unsüglieh schwer es halt, das an allen möglichen Orten 
versteckte, oft unter bizarren Titeln verborgene Material herbei zu 
schaffen, der wird es den Verfassern aufrichtig Dank wissen, das» 
sie sich dieser mühseligen Arbeit einmal unterzogen. Jetzt, da 
einmal der Grund gelegt ist, hält es nicht mehr schwer, darauf 
fortzubauen. Er wird es ihnen aber auch nicht zum Fehler an- 
rechnen, dass sie nicht schon jenen Grad der Vollendung erreicht 
haben, der nie die Anfangstufe eines Werkes krönen kann. » » 

Ref., der seit Jahren mit einer ähnlichen Sammlung des histo- 
rischen Materiales beschäftigt ist und einen Theil daron — näm- 
lich die Leistungen der Jahre von 1830—1841 — in seiner eben 
unter der Presse begriffenen „Kritik der Geschichte der Medizin" 
bekannt zu machen im Begriffe steht, bedauert einerseits herzlich, 
dass diese Schriften nicht eher erschienen sind, da sie ihm manche 
Mühe erspart und manche Lücken ausgefüllt hätten. Er glaubt 
aber den verehrten und in gleichem Sinne mit ihm arbeitenden - 
Verfassern seinen Dank für die erhaltene Belehrung nicht besser 
aussprechen zu können, als dass er. aus seinen Collektaneen, na- 
mentlich der neuesten Zeit, jene Schriften bemerkt, welche ihnen 
nicht bekannt geworden zu sein scheinen. Ich werde mich dabei 
an die in Choulant's Schrift gebrauchte Einteilung und Bezeich- 
nung halten. 

Zu L C. Opera- generalia: Crampton, An outline of 
tbe history of medicin from the earliest bistrorio period to the 
present time etc. Dublin 1839 8. Damerow, Die Elemente der 
nächsten Zukunft der Medizin, entwickelt aus der Vergangenheit 
und Gegenwart. Berlin 1889. 8. — Zu I. D. TabuUe" syn- 
chronisticae: Pereira, Tabular view of the literature and 
history of the materies medica. London 1840. — Zu IL B. Libri 
medici: ßibliotheca homoeopathica . Vcrzeichniss aller 
XXXVII. Jahrg. L Doppelheft. ß 



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82 Schriften Ton Cboulant, RoRcnlianni nml Bäecr. 

bis in die Mitte des Jahres 1833 erschienenen Schriften und Werke 
über Homöopathie. Leipzig, 1833. 8. Tweed ie, The librnry of 
medicin. Vol. 1—6. London 1841. — Zu III. Biograpbia me- 
diea . A. op. gener. Cclebrite's mcdicales et ebirorgicales con- 
temporaines par nn Docteor inoonnu. Paria 1841. Cenni biogra- 
flei di alcuni classici medioi e ebirurghi etc. Padova 1836. Col- 
lertion de portraits dea medecins anciens et modernes, francais et 
etrangers. Paris 1834. Gibson, Sketches of prominent snrgcons 
of London and Paria. Philad. 1839. Portraten -Gallerie der be- 
rühmtesten Aerzte nnd Naturforscher des östr. Kaiserstaates. Wien 
1837. Saint Hilaire, Fragmens biogrnphiqoes. Paris 1839. 8. 
Witts low, Physic and Physicians; a medical sketch-book exhi- 
biting tbe public and private life of the most celebrated medical 
men of the psst and present time. London 1839. — 

Zo IV. 5. Paraoelsns: [Brück, Paracelsus' Ansicht von 
den Mineral wassern: Casper's Wocbehschr. 1839. 3. — Häus- 
ler, Luther und Paracelsus. Eine Parallele: Med. Corners. Blatt. 
1830. 63. — Wer neck, Zur Geschichte des Paracelsus: Claras 
und Rad. Beitr. 1836.] — 7. Servetus: [Sch&fer, Michel 
Serveto's Ansichten über das Wesen und den Sitz der Seele und 
Aber die Verrichtungen einzelner Gehirnorgane: Friedreich's Archiv 
f. Psycbol. 1834. 3.] — 10. Broussais et Rasori: Gouraud, 
Essai eritique aur Broussais, sa doctrine med. et ses opinions. 
Paris 1840. 8 Wontegre, Notice historique sur la vie, les tra- 
vaux, les opinions med. et pbilosophiqnes de F. J. V. Broussais 
etc. Paris 1839. 8. [Bertbold, Silvias, Frid. Hoffmann u. Brous- 
sais: Med. Conv. Blatt 1830. 9.] Krem er, Rasorii doctrinae 
pripeipia. Kracoviae 1837. 8.' [Frcschi, Uebsr die Originalität 
Und den Nutzen der Theorie Rasori's: Omodei Annali 1837] — 
11. Hahnemann: Brisken, Philinus et flahnemannos. Diss. 
Berol. 1834. 8. [Blank, Historische Uebcrsicht der Homöopa- 
thie: Journ. de connais. med. 1834]. Zu diesem Abschnitte sind 
naebzutragen: 19. Gullen: Thomson, An aecount of tbe 
Kfe, lectures and writings of Will. Collen. Edinbg. 1839. 8. — 
Ferner 13. Sydenham: Jahn, Sydenbam: Ein Beitrag zur wis- 
senschaftlichen Medizin. Kisenacb 1840. 8. Meyer, Memoria 
Thomae Sydenbam. Halis 1833. 8. [Tott, Sydenbam, Grant und 
ßtoll, Muster eines zweckmassigen Vortrags der prakt. Arzneiwis- 
senschaft. Allg. med. Zeit. 1838.] — 14. Paraeus: Willaume, 
Recherchen biograpb. med. et bist, sur TAmbroise Pare. Paris 1838. 
— Zu V. A. Aetas mythica: b, Dil et heroes: [Welker, 



Schriften von Choulant, Ruicnlmtim und Hüser. H 

Medea oder die Kr&uterkunde bei den Frauen. AÜgem. Schulzeit. 
1831. 197.] — Zu V. B. Aetas antiqua: a, gen*eratim: 
Adams, A coroprehensive view of the Knowledge possessed by 
Greeks, Romans and Arabians on all subjects connected with rae- 
dielne and surgery. Translation of tbe medical works of Paolos 
Aegioeta. 9 VoL London 1834. Heosobel, üeber den Charak- 
ter der Medicin bei den Ältesten Völkern. Arbeiten etc. der sohle- 
sisofaen Gesellschaft für vaterländische Kultur. Breslau 1836. — ' 
9. Graeci. a. Non medici: KK. Aristoteles: [Philippson, 
Ueber Aristoteles als Nsturforscber und seinen Einfluss auf die 
Medizin: Podalirius 1839. — Philosophie orgaoique d'Aristote: 
Gazette med. de Paris 1839.] — §. Medici. AA. Hippocra- 
tes: Bärens, Die Barnlehre des Bippoerates. Elberfeld 1830. 8. 
Deceineris, Rlsume de la med i eine bippoeratique, an aphoris- 
mes d'flippocrate classes dans un ordre syst^matique et prdeedes 
d'one introdnetion bistoriqoe. Paris 1841. 16. [Helm, Metropble- 
bitis puerperalis von Hippokrates beobachtet: Oestr. mediz. Jahrb. 
Bd. 17. — Littre, A quelle« maladies rapporter en generale les 
histoires de malades, qu'Hippoorate a consignees dans les epide- 
mica? Qoe doit-on entendre par le causus, la pbrenitis et le le- 
tbargus* Gazette me*d. de Parts 1840. — Schmidtmann, Er- 
innerung an Hippokrates, den Gründer der empirisch-rationellen 
Heilkunst: Hofelds Journ. 1839.] — GG. Aretaeus: [Haiford, 
Ueber den xavooc dea Aretäus: Gräfe und Waith. Journ. Bd. 18.] 
— Zu V. D Medicina reoentiorum: Aliaon, Dissertation 
on the state of the medical acienoe from tbe termination of the 
18. Century to tbe present time. Cyclop. of prac. med. London 
1833. — - Zu VI. Comparatio medicinae veteris et novae: 
Schlesinger, Medieinae antiquioris nec non reoentissimae theo- 
riarum dilucitatio historica. Vratisl. 1833. — Zn VII. Medicina 
gentilitia, A, Regionen singulae. 1. Sina et Japan: 
[Julius. Zar Heilkunde der Chinesen. Julius und Gerson Magaz. 
1839.] — 9. 4ndiae. [Julius, das Nadelstechen der Hindu 
gegen Milzübel. London med. and phys. Journ. Bd. 61. — Lord, 
Bemerkungen über den Zustrfnd der Medizin und Chirurgie in den 
Ländern am Indus: Traasactions of the med. and phys. soc of 
Bombay 1838.] — Für Asien Oberhaupt: [Clark e, Zustand der^ 
' Medizin in Persien: Lond. med. and. sorg. Jouro. Hambg. Zeitsch. 
1888. — Hedenborg, die Chirurgie in Afrika und Asien: Ber- 
lin, med. Zentrale. 1840. — Horner, Zustand der Medizin in 
Palestina: Hamb. Zeitschr. 1838. — Tott, Heber die Arzneikunde 



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81 Schriften ton Cfioulanf, Roflei.bnum uud Häser. 

bei den Tseherkessen : Allg. med. Zeit. 1838.]. — 3. America. 
Dunglinson, American medical library. Philad. 1837. 8. [Ellis, 
Krankheiten nnd Zustand der Medizin auf den Sozietatstnseln : 
Polynesian researcbes. London 1836. — Robertson, Ueber die 
Medizin bei den Paraguay-Indianern: Hamb. Ztscb. Bd. 19.] — 
4. Europa: AA. Rossia: Lönrot, Abhandlung über die ma- 
gische Medizin der Finen. Helsingfor 1839. f Biossfeld, 
Das Civilmedizinalwesen in Russland: Henke's Zeitschr. 1841. 
. Ergzbd. — Tilesius, Ueber einige russische Volksarzneimittel: 
Brandes 1 elo., Arehiv für Pharmazie Bd. 93.] Hier ist einzu- 
schalten: Tnroia et Graecia. Thraemer, De artis medicae in 
Graecia statu hodieroo. Dorp. 1836. [Br^ce, Schilderung des 
Zustandes und der Ausübung der Medizin in Konstantinopel: 
Edinb. Jonrn. 1831. — Hildebrand, Heber die ärztliche Praxis 
in Konstantinopel: Waith. Journ. 1833. - Maurocor dato, Be- 
merkungen über den Zustand der Medizin in der Türkei etc. Hu- 
feid 1 » Journ. 1839. — Olympios, über den Zustand der Medi- 
zin in Griechenland und die daselbst vorkommenden Krankheiten: 
Bay. med. Corresp. Blatt. 1840. — Oppenheim, die Palingene- 
sie der Medizin im Orient: Julias und Gers. Magaz. 1834.] — 
DD. Italia: Cervetto, Di Giov. Bat. da Monte e della medi- 
zina italiena nel sec. XVI. Verona 1839. [Petrequin, Fragment 
d'un voyage med. en Italic: Gaz. mld. de Paris 1897. — Schi- 
vardi, Leben von Girardi Micbele, Anatomen und Naturforscher 
zn Parma: Omodei annali 1836. Ueber Leben und Schriften des 
Macci Lucillo Filateo, Prof. der Medizin zu Pavia: Ebendas. 1836], 

— EE. Hispania et Lusitania: Fonseoa, Benevicbs biblio- 
grafla medica portugueza, ou dos medicos eirargides, farmaceuticos 
e outros que escreverao aoerca das sciencias medicas, desde o 
prineipio da monarebia ote hoje etc. Lisboa 1840. [Parkin, 
Znstand der Medizin und Chirurgie in Spanien : The Lancet 1838.] 

— FF. Gallia: Beguin Lettres sur l'histoireciedicale du Nord-ett 
de la France. Metz 1840. 8. [Cless, Reisebemerk«' ans Frankreich 
und England: Hdlbg. Annal. Bd. 5. Degranges, Geschiebte 
des Medizinalu esens in Bordeaux: 'Polices des Teaveaux de la 
soc d. med. de Bord. 1830. Hölscher, Skizze über Med. uud 
med. Literatur in Frankreich: Dessen Annal. 1837. Saint Geor- 
ges Ransol, Sur Tetat actuel de la mdd. en France: ttev. mld. 
1836.] — GG. AnglU: Blackley, Uints of the preseot State 
of the medical-cbirurg. profession in Dublin. Dublin 1839. [Ju- 
lius, zur Kenntniss des britischen Feldarzneiwesens. Dessen Mag. 



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I 



Schritten von Choolaat, Rosenbaum und JHaaer. 85 

Bd. 98.] HH. Belgia: [Nieu wenhuys, Aber d. gegen wart. Zustand 
der Med. u. des med. Unterrichts in Holland; Brit. and for. rev. 1838.] 
II. Scandinavia: Ätrinnholm, Ueber die Medizin der alten 
Skandinaven: Wikingszüge, Staatsverfassung und Sitten der alten 
Skandinaven and Schweden. Hamborg 184Q. [Holst, Zustand 
der Medizin in Norwegen: Hamburg. Zeitschr. 1838. Julius, 
Gegenwärt. Zustand der Staatsheilkunde in Schweden. Dessen 
Magaz. 1830.] — KK. Germania: Bertini, Viaggio in Ger- 
mania: Toriho. 1838. Macher, daß Apothekerwesen in den k. k»' 
östr. Staaten- etc. Wien 1840. [Pommer, Bücke auf die medi- 
zinische Culturgeachichte Württembergs in den letzten 50 Jahren :: 
Mitth. des ärztl. wärt. Vereins Bd. 1. Beuss, Analeklen zur 
filtern Geschichte der Arzneikunde u. Naturwissenschaft in Bayern: 
Bayr. med. Corrspbl. 1840—41] — Zu VII. B. b. Oppida: aa v 
Extra Germaniam: 1, Alexandria: [LMcole d'AIexandrie i 
Gaz. med. de Paris 1839.] Einzuschalten: Abu Zabel: Clot, 
Compte rendu de traveaux de Tecole d'Abon Zabel etc. Marseille 
1830. 3,Patavinuo: Federig o. Discorso inaugürale letto nella 
grand aula dell 1 J. R. Universita di Padova. 1835. 14, Mona 
Pessulnnus: Berard, Esprit des doctrines möd. de Montpellier 
preee*de d un pre'cis historique sur sa vie et ses Berits par Petiolr 
Paris et Montp. 1830. 8. 15, Lugdunum: Siegenbeck,. Ge- 
sebiedenis der Leidsche Hoogesehool van bare Opriting in den 
Jare 1575 tot het Jaar 1895. II. Deel. Leiden 1829—39. Einzu- 
schalten Monza: [Mezzatti, Geschichte der Hospitaler, Wohl- 
tb&tigkeitsanstalten u. anderer frommen Stiftungen in Monza : Omo- 
dei annali 1836] bb, intra Germaniam: 90, Gottinga: 
[Peregrinus, Göttingen: Sachs, med. Almanach 1837.] 2J3, 
Monachium: [Ullersberger, Gesobiebte des ärztlichen Ver- 
eines zu München: Jahrb. des arztl. Vereins das. 1835.] 43. 
Tber.mae Carolinae: Fleokles, Karlsbad, seine Gesundbrun- 
nen nnd Mineralquellen in geschichtlicher, topographischer, na- 
turhistorischer und medizinischer Hinsicht. Stottg. 1838. 8. Ein- 
zuschalten: Regiomontium: Dietz, Streune clinicae scholae 
clinioae Regiomontanae. St. I. Reg. Pruss. 1836. Ferner bei den 
Bädern: Eble, Die Bäder von Gastein, ein monograpb. Versuch. 
Wien. 1834. 8. Sauerbeck, Deseription bist topogr. et med. . 
des eaux minerales de Rippoldsau etc. Strassb. 1840. 8. Zu IX. 
Mcdicina in theologicis. A. Med. Judtoeorum. a. gener: 
Frensdorf, Ueber die Medizin der alten Hebräer. Bambg. 1837. 
b. Diaeta: [Steinheim, Erläuterungen über die Diätetik nach. 



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80 Schriften von Cfionb.nl, Roscnlpauut and Häger. 

den Anordnungen des alten Testaments etc. Sachs, med. Almanach 
1840.] — Zu XII. Historia anatomiae. f. Capita singula: 
Knobbe, Disquisitiones historico-oritieae de circolatione sangui- 
nis in foetu matemo , novis observationibus anatomicis exaratae. 
Bonnae 1834. — Zu XIH. Historia physiologiae: b. Phy- 
siol. veternm: Moll, Brevis veterom de hepate dootrinae expli- 
catio. Berol. 1837. 8. Schultz, De pbysiologia veterom et rc- 
centiorum comparata etc.- De alimentorum concootione etc. Berol. 
1834. 4. o. Capita singula: ee. Cirouitus sanguinis: 
Thiel mann, Veterum opioiones de angiolagia atque sanguinis 
motu etc. Dorp. 1839. 8. ff. Physignomice: [Ideler, die 
Physiognomik des Seipio Claramontius. Hecker's Annalen 1835.] 
gg. Cranioscopia: [Wetzler, Geschichtliches zu GalTs Or- 
ganenlehre. Mediz. chir. Ztg. 1831. 99.] hb. Magnetismus 
animalis: Heinroth, Geschichte und Kritik des Mysticismus 
aller bekannten Völker und Zeiten. Lpzg. 1880. 8. Rosenfeld, 
Magnetismi brevis historia. Monaeh. 1837.8. — Zu XIV. Histo- 
ria diaetetices: e. Balnea: [Dierbach. Beitr. zur Geschichte 
der Gesundbrunnen und Heilbäder im 16. Jahrhundert. Hufeld's 
Journ. 1831] ß. Aqua frigida: Hirsohel, Geschichte und 
Literatur der Wasserheilkunde. Hydrlatrica. Leipzg. 1840. Zu 
XV. Historia medicinae clinicae. c. Pathologia gen.: 
Fabricius, Doctrtnarom de diebus decretoricis et de urinis, quä- 
le» restituto semiotices studio sec. XVI. fuerunt brevis expositio. 
Vratisl. 1836. 8. Hüttner, Noonullorum opiniones de suppura- 
lione inde ab Bippoerate usque ad nostra tempore. Berol. 1835. 8* 
Junke, Animadversiones qoaedam de pathologia comparativa inuni- 
versum et de chordnpso Vegetii in specie. Lipa. 1889. 4. M uz el, Artis 
spbygmicao, qualis sec. XVI. fuerit, brevis exposit. Vratisl. 1887. 8. 
Quitzmann, Quaedam circa morbi historiam. Dias. acad. Monaeh. 
1838. 4 maj. Quitzmann, Geschichtliche Entwicklung der Para- 
sitentheorie etc. München 1849. 8. Schroeder, Quaenam est 
ratio eorum, quae a Gaub, Roesohlaub et Conradi causa et symp- 
tomata morbi nominantur et morbi ipsius? Rostoch. 1836. 8. [Wel- 
ker, Einfluss der Luft und der Winde. Hecker's Annal. Bd. 98.] 
d. Therapie generalis: Löwensohn, Quaedam de metbodi 
antiphlogisticae historia etc. Berol. 1836. 8. Simon jun., der 
Vampirismus den 19. Jahrhunderts. Hambg. 1830. e. Speeles 
morborum: bb. Morbi singuli: ß. Febris: [Magna, üeber 
die Metbode der Alten, Wechselfleber zu heilen. Omodei annal. 
Bd. 81. Federigo, Einige Beobachtungen zu dem Obigen. Spon- 



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Schriften von Ckoulant, Rosenbauni und Häier. 81 

gl» Commentarii di Medieina. 1837.] e. Nona: Samelsohn, 
De noma bistorica quaedam. Bcrol. 1840. 8. *. Cholera: Nico- 
lai, Quaedam de Cholera, quam Celans describit, ejasque simili- 
tudine cum cbolera asiatica. Berol. 1839. 4. Schütte, De Cho- 
lera veterum diss. Casselis 183t. 8. 

Weitere Zusätze zu diesem Abschnitte wollen wir uns bis zu 
den Nachtragen zu der dritten Schrift versparen, da Cboolant und 
Rosenbaum seihst hier durchaus nioht vollständig sein wollten. 

Zu XVI. Historie P sy ebi atri ces: c. Psycbint. vete- 
rnm: [Flemming, einige Betrachtangen zu des C. Celsus Ca« 
pitel von den Geistesverwirrungen. Jakobi und Nasse Zeitsehr. f. 
Seelenhlk. 1837.] d. Psycbiatrice reeentiorum: [Blumen- 
röder, Ph. Melanchtbon'n psychologische Ansichten. Btttter für 
Psychiatric 1837. Fried reich, Historisch - literarische Skizze 
der Lehre von der Mania sine delirio. Hecker s Annal. 1834.] 
e. Nosocomia ps yebiatrica: Bsquirol, Mem. bistorique et 
Statist, sur la maison roy. de Cbarenton. Paris 1835. [Guggea- 
bühl, Europas erste Colonie för Heilang des Cretinismas auf 
dem Abendborge im Berner Oberlande etc. Häser's Archiv. Bd. 1.] 
■—Zu XVII. Historia ebirargiae: a. Generatim: [Amnion, 
Geschichte der Chirurgie. Enzyklopäd. Wörterbach der med. Wis- 
senschaft Bd. 7. Malgaigne, Sur Torigine et les progres de 
la Chirurgie en occident eto. Iotroduction aux Oeuvres complets 
de Pnrd. Paris 1840. Heber einige Punkte der Geaohicbte der 
Chirurgie im Mittelalter, l/experience 1840 139. Untersuchung 
der bis jetzt aufgestellten Lebren über die Einklemmung der Bra- 
che. Gaz. med. de Paris. 1840. 37.] f. Operationes ohirur- 
gioae: 3. Ligatio arteriarum: Dezeimeris, Quelques remar- 
ques surl'bistoire des methodes d'operer Tanövrisme. Paria 1836. 8. 
[Dezaimerie, Zur Geschichte der Compression der Aorta, als Mittel 
zur Stillung der Gebarmutterblutflüsse. Presse med. 1837. 44.] 4. 
Infusio «tTransfusio: [Busse, Ucber Infusion ein historischen 
Curiosym. Hufeids Journ. 1841] 7. Lithotomia et Litho- 
tripais: [Hildebrand, Ueber die Erfindung der Litbotripsie. 
Med. Vrsztg. f. Pr 1841. 19] 10. Trepanatio; Eymann, 
Kurzer Abriss der Geschichte der Trepanation. Würzb. 1836. 8. 
Hier ist beizufügen : 19. Rhinoplastice: Diefenbach, Ueber 
den organischen Ersatz. Berlin 1831. 8. Iosegna, Cenni sulla 
Chirurgie plastica e sopre Branca di Branoa da Catania. Catania 
1811. [Rybo, Erklärung zweier dankler Stellen von Celans, Uber 
hirurgia curtomm und den St einschnitt. Ammon , sMonatsch..III. b* 



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88 Schriften von Chonlnnt, KtMOiibaum nnd Hüscr. 

Signoroni, Histor. prakt. Abhandl. Aber die Rbinoplastik. Omo- 
dei annal. 1833. Zeis, Beitr. zur Geschiebte der Rbinoplastik. 
Heckers Annal. Bd. 32. Zar Erläuterung einer dunklen Stelle * 
bei Celsus. Hambg. Ztsch. 1841.] Ferner 13. Vincturapul- 
tacea: Seutin, Da Bandage amidonne, ou recueil de toutes les 
pteces oompose*es sur cette bandage depuis son invention; preedde 
d'une esquisse historique eto. Bruxelles 1840. [Neverraann, 
Geschichtliches Resnme Über den permanenten Verband bei Frak- 
turen. Hambg. Ztsch. 1840.] — Zu XVIII. Historia ophthal- 
miatrioes: a. generatim: Furnari, Histoire de Tophthalmo- 
logie. Traite pratique eto. Paris 1841. [Losen, Ueberblick der Ge- 
schichte der Augenheilkunde. Annal. de la med. belg. 1838.] 
f. Operationes singulae; 3. Operatio Cataracta e: Rast, 
De variis cataractae operaodae methodis. Solisbachi 1833. 8. Bei- 
zufügen: 6. Operatio Strabismi: [Vignolo, Gang und Stand 
der Operation des Strabismus in Frankreich* Rev. med. 1841. — 
Zu XIX. Historia artis obstetriciae: e. gentium singu- 
larum: [Michaelis, Geschichte der Kieler Hebammen- und Ge- 
bär« n stall. Pf äff s Mitth. 1832. Streinz, Geschichte der Gebär- 
anstalt und des Hebammenwesens im Herzogthum Salzburg. Oestr. 
med. Jahrb. Bd. 14. Hft. 4.] g. Operationes singulae. Hier 
ist beizufügen: Grüb, Die Wendung auf die Füsse nach Ur- 
sprung und Fortbildung. Würzb. 1840. [Osiander, Ueber die 
Ursachen der Gesichtsgeburt, nebst einigen geschichtlichen Bemer- 
kungen über ihre verschiedene Behandlung. Hambg. Ztsch. Bd. 9.] 
— Zu XX. Historia pharmacologi.ae: e. Medicamenta 
singula: Ducbesne, Ueber den Mais und das türkische Korn, 
dessen Geschiebte, Cultur und Benützung etc., bearbeitet von 
Schmidt. Ilmenau 1833. 8. Exner, De mercurio dulei novaque 
eum adbibendi methodo. Berol. 1830. 8. Kr ahmer, Analeota bi- 
st orica de argento nitrico pharmaco. Halae 1838. 8. Stephanitz, 
De rbabarbaro diss. geograpbico-hist. Berol. 1838. [Reimers, 
Untersuchungen über die Rheumarten der Alten. Pfatfs Mittheil. 
Bd. 6. Wurde von Rosen bäum durch einen Druckfehler 
Rheuma- Arten — zu dem Rheumatismus p. 61 gesetzt. Sont- 
heimer, Abdal Kader über den erlaubten Gebrauch des Kaffe's. 
Hecker's Annal. 1834. Abdallatif, über den Mekkabalsam. Ebd. 
Bd. 27. Hasohiseha, Das Kraut der Fakire. Ebd. Bd. 28.] — 
Zu XXII. Historia medicioae publicae: a. Generatim 
Walther, Ueber das Verbältniss der Medizin zur Chirurgie und 
die Ikiplicität im ärztlichen Stande; eine historische Untersuchung 



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I 



Schriften von Choulaut, Roscnhanm und Häser. 89 

cto. Carlsruh a. Freibarg 1841. c. Med. pub. veterum: Mat- 
thaei, Solle inflrmerie delle antichi e loro differenza dei moderni. 
Roma 1899. [Jahn, Notiz die Geschichte der Desinfektionsver- 
suche betr Dessen med. Convers. Bl. 1832. Isensee, das rö- 
mische Medizinalwesen. Wildberg's Jahrb. Bd. 6] d. Med. pub. 
gentium singniarium, [Berriat Saint Prix, Recherchea 
sur la legislation et Tbistoire des Barbiers-chirurgions. Gaz. med. 
de Paris 1837. Ladeveze, IJeber Mediziner, Chirurgen o Bar- 
biere in Frankreich in der frühem Zeit. Gaz. des hospitaux 1838. 
Bopp, Ein Bliojc in die Criminalprozessordnung aas der ersten 
Hälfte des 18. Jahrb. Wildberg's Jabrb. Bd. 4. Beitr. zur Ge- 
schichte der gerichtlichen Medizin. End. 1839. Blick in die Ge- 
schichte von Hessen in Bezog auf Medizinalpolizei. Ebd. Bd. 4.] 
c. Capita singula: [Krügelstei n, Uebersicht der bis jetzt 
bekannten Methoden zur Unterscheidung der von männlichen Sa- 
men etc. herstammenden Flecke. Henke's Zeitsohr. 1840.] — Zu 
XXIV. Historia zoiatrices: a. Generation: Lakin, Karze 
, historische Uebersicht der Thierarzneiw. Epizootische Krankheiten etc. 
St. Petersburg 1836. 8. [Schräder, Beitr. zur Geschichte der 
Thierheilkunde in England und Spanien. Magaz.f. Thierheilk. III.] 

Indem wir zu den Nachträgen zu H&ser's bibliotheca epi- 
d emiographica übergehen, folgen wir auch gänzlich der von die- 
sem Verf. adoptrrten Tendenz und Ordnung, lassen somit alle 
Journalaufsätze, deren eine bedeutende Anzahl wäre, weg, nehmen 
nur streng historische Werke auf, und beginnen mit den Zusätzen : 

Zu I. Libri ad historiam morbornm epidemicorum 
in Universum pertinentcs: H eck er, Festrede über die Volks- 
krankheiten. Berlin 1832. 8. Sp orrer, Versach einer systema- 
tischen Darstellung der fieberhaften Volkskrankheiten nach medi- 
zinisch-polizeilichen Grundsätzen. Wien 1833. 8. Zu Morbi an- 
tiqui: Boeger, De morbo cardiaoo veterum. Diss. Berol. 1835. 8. 
Löbach, Pericarditis rheumatica cum morbo cardiaco comparata. 
Diss. Berol. 1840. 8. Zu Pestis: Coppi, Cenni storici di al- 
cane pestilenze. Roma 1832. 8. Fuchs, De praestantissimis pe- 
stibus. Diss. Monach. 1839. 8. Lagasquie, Recherchea sur Tori- 
gine de la peste et les moycns d'en preVenir le developpement 
Paris 1834. 8. Pariset, Mem. sur les causes de la peste et les 
moyens de la detruire. Paris 1837. 12. SegurDupeyron, Re- 
cherches bist, et statist. sur les causes de la peste. Paris 1836. 
Zu Lepra: Fuchs, De lapra Arabum. Diss. acad. Wirceb. 1831. 
8. Lehmair, Ueber den in der Bibel erwähnten Aussatz. Nüriib. 



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IM Schriften von Cbuulaut, Rosenbaum und Häser. 

9 

i 1833. 8. Tapenius, Histor. nosologische Anmerkungen über 
Elephantiasis etc. Helsingfor. 1840. 8. Zu Syphilis: Fried - 
berg, De origine Sypbilidis Diss. Berol. 1840. 8. Klug, De 
di versa blennorrhoeae et aypbilidis indole. Lips. 1837. 8» Nitz- 
senke, Morbi venera, qualis seculis tribus proximis foerit, bre- 
vis expositio. Berol. 1840. Schneemann, Tractatus de conta- 
giorum venereomm differentia. Monacb. 1839. 8. Hier iat einzu- 
schalten Plica polonica: Krause, Rudimenta plicac polonicae. 
Berol. 1841. 8. Maroincowski, Bemerkungen Ober die Ge- 
schichte und Natur des Weichselzopfs. Krakau 1736. Ogonozik 
Zakrzewski, Med. literar. Geschichte des Weichselzopfs. Wien 
1830. Rosenberg, Der Weicbselzopf , tbeor. prakt. Abhandl. 
nebst einer pragmatischen Geschichte desselben. München 1889. 8» 
ZuSudoranglicus: König, Der englische Scbweiss. Inaug. 
Abb. Würzburg 1837. ZuInfluentia.Haeser, De influentia 
epidemica dissertat. Jeaae 1834. Zu Febria flava: Ardevol, 
Apuntes acerca la cardite iotertropical llamada vulgarmente ftevre 
amarilla y vomito negro de los Espannoles etc. Paris 1833. Zu 
Febris intermittens: Molo, lieber Epidemien im Allgemei- 
nen und W r echselfieber insbesondere etc. Regensburg 1841. 8. 
[Sittenf eld's Dissertation erschien 1830 nicht 1803.] Zu Epi- 
zootiae: Barth, De nonnullis epidemiis et epizootiis simui reg- 
nantibus, earumque mutna indole contagiosa. Berol. 1835. 8. Kol- 
be, De oonstitotionis endemicae et epidemicae vi no potentia in 
animalium valetudinem. Marb. 1841. 8. — Zu II. Libri ad spe- 
cialem morbum epidemicornm historiam pertinentesi 
p. 17. Pestis A theniensiu m: Biederlack, De pestis Athe- 
niensis indole typhosa. Berol. 1841. 8. p. 48. Zn 1699—1702. 
B ratsch, Geschichtliche Entwicklung des Beginnes und Fortgan- 
ges der Pest in Deutschland im 18. Jahrh. Dillingen 1889. 8. 
p. 197. Zu 1898—1829: Petersen, Bemerkungen über das epi- 
demische Pestfieber zu Vetona im Johre 1829. Meo\ prakt AbndL 
deutscher Aerzte 1835. Bd. 1, Rink, Ueber die Pest im Militar- 
bospital zu Adrianopel 1829. Ebd. p. 198. Zu 1880. M artin- 
Solo n etc., Allgemeiner Bericht über die Epidemien, welche in 
Frankreich von 1771 — 1830 geherrscht haben. Mem. de Tacad. d» 
med. T. III. Schultz, De entero-mesenteritide contagiosa, Bi- 
ponti 1830 grassata Diss. Monacb. 1831. Zu 1881: Hilden- 
brand, Animadversiones in Constitutionen! medicam etationariam. 
Vindob. 1831. p. 129. Zu 1831 und 1832: Fallati, Bemerkua- 
cu über den typhus carceralis contagiosum in Hamburg während 



0 • 



uiginz 



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Schriften von Cboulant, Ro«enbauw und Haser. 91 

\ 0 

der Wintermonate 1831. Miltfceilongen aus dem Gebiet der ge- 
dämmten Heilkunde. Hamborg 1833. Bd. S. S cbmidt, Der typhös 
carceralis contagiosa in Hamborg. Ebd. Zu 1833: H achmann: 
Die Weckselfieberepidemie der letzten Jahre in Hamborg. Rbdas. 
Krager, De constitutione stationaria diss. Dorp. 1833. p. 130 
Zo 1834: Sinzinger, De charactere morborum epidemicorom 
stationario. Monacbii 1834. 8. Weigersheim, Die <1y akratischen 
Reproduktionsfieber des letzten Jahrzehnts, als Weltseucbo, nebst 
einer Hindeutung auf die merkwürdigen Ereignisse, welche ihnen 
vorangingen ond sie begleiteten, im Vergleiche zo den hier er- 
wähnten Ereignissen früherer Weltseoehen. Berlin 1834. 8. pag. 
139. Zo .1836: Büchner, Die vier Grandformen des epidemischen 
Krankheitsgenius. Erl. 1836. Zo 1837: Andrej ewsky, lieber 
die Pest in Odessa im Jahr 1837 etc. Odessa 1838. p. 136. Zo 
1840; Fuster, De maladies de la France dans. leur rapport aveo 
Jes saisons oo bist. med. et meteorolog. de la France. Paris 1840.' 
Geigel, Untersuchungen über die Entstehung des Krankheitsge- 
nius ond dessen einzelne Formen etc., namentlich in Bezog aof 
die Jetztzeit. Würz». 1840. Sandegren, praes. Soennerberg, de 
constitotione stationaria. Lond. 1840. 4. Zo Cholera orienta- 
Iis; in Universum: Blume, Over de asiatische Cholera, mit 
eigne Waarnemingen en echte Stocken. Amsterdam 1831. Dietz, 
Ii cholera in principal rignardo alla sua diagnosi, patogenia e 
cora esposto. Roma 1835. Kenedy, The history of the contagioos 
Cholera witb facta explanatry of its origin and laws and of o 
rational method of eore. "London 1831. Stosch, Die Frage über 
Contagiositat oder Nicfatcontagiosität der Cholera wissenschaftlich 
erörtert. Berlin 1831. Robert, Lettre sor le Cholera Morbus de 
rinde Importe* a Moscou ' et sor son analogie avee Thorribie con- 
tagion conno soos le oome de peste noire etc. Marseille 1839. — 
80 viel von den Zusätzen ans der nenern Zeit, wobei nament- 
lich die Journalaufsätze, welche besonders über einzelne Epide- 
mien der Blattern, des Scharlachs, der Rohr, der verschiedenen 
Typhusformen, des Schleimfiebers, der ägyptischen Augenentzün- 
dung, der Influenza und Ccholera sehr zahlreich sind , gar keine 
Erwähnung geschebn. 

• Die Verf. obiger Bibliotheken haben einigen, nämlich den 
grössern und Hauptwerken, kein kurzes Urtheil ihres Wertbes ood 
ihrer Bedeutung beigefügt. Ks mnss diese Metbode in Bezug auf 
Bibliographie als die einzig richtige ood zweckmässige anerkannt 
werden, weil sie die Nachfolger allein in den Stand setzt, auf 

■ 

; 

i . 

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92 



Bergk: Poitae Lyrici Gracci 



den Schultern ihrer Vorganger zu stehen und so die Wissensehaft 
wahrhaft zu fördern, indem sie nicht — wie es andernfalls sieb 
trifft — genötbigt sind, wieder ab ovo zu beginnen. Bs wäre 
daher zu wünschen, dass diese wahre digestio catalogi sich bei 
spätem Auflagen über möglichst viele Schriften ausdehnen möchte. 

Was den Druck, das Papier und die Ausstattung der drei 
Schriften betrifft, so sind dieselben in dieser Hinsicht gleich vor- 
züglich, besonders ist Choulant's Bibliothek hierin als wahres Mu- 
ster zu betrachten. i 

Quitvmann. 



Poetae Lyrici Graeci. Edidit Theo dorus Dergk. Lipsiae. Sumtu 
Reiche nbachior um fralrum. 1843. VIII. und 887 S. 8. 

Was die Freunde dieser Litteratur bisher wünschen mussten, 
die Ueberbleibsel der lyrischen Dichter Griechenlands in einer 
vollständigen Sammlung zu besitzen, wird ihnen in vorliegendem 
Werk geböten, welches sowohl die einzelnen Bearbeitungen der 
Fragmente vor-»lexandrinischer Lyrik in sich aufgenommen und 
mit den neuesten Zusätzen vermehrt hat, als auch mehreres, was 
noch keine besondere Berücksichtigung erfahren, in eigener erst- 
maliger Recension mittheilt. Dazu gehören namentlich die Dithy- 
ramboruro reliquiae. Auch Pseudopbocylides und die Anacreontica, 
insofern sie sich an die Namen jener Dichter anscbliessen, dürften 
einen Platz in dieser Sammlung finden, während die Alexandriner 
sämmtlich ausgeschlossen sind; mit Recht,, da ein consequentes 
Verfahren sonst die ganze- Anthologie hereinziehen müsste. We- 
niger kann Ree. dem verehrten Herausgeber darin beipflichten, 
dass Pindar mit in den Plan des Werks aufgenommen worden , da 
zum Vortheil der Kaufer und der Sammlung selbst es wohl zweck- 
mässiger gewesen wäre, diese von jenem, der nach Boekfas', Dis- 
sens und neuerdings Scbneidewin's Bearbeitung in den Händen 
der meisten Philologen sich befindet, zu trennen. Auf jeden Fall' 
glaubt Ree. seine Beurtbeilung auf die Sylloge der Fragmente 
beschränken zu dürfen, und behält sich vor, was hier zur Kritik 
Pindar's beigetragen worden, bei einer andern demnächst sich dar- 
bietenden Gelegenheit zu besprechen. 

Wesentlichen Vorschub tbat dem Herausgeber Scbneidewin's. 
Delcctus poetarum elegiacorum, iambicorum et melicorum Graeco- 
rum,Gotting. 1838 und 1839. sowohl indem er bereits eine Epikrise 
• 



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> I 

► / 

8«rgl : Foclae Lyrici Cracci. !)S 

früherer Einzclsammlungen gibt, all auch, weil er mehrere gedie- 
gene Recensionen , worunter die vorzüglichste von 6. Hermann, 
veranlasst bat, die hier fleissig benutzt sind. Bergk's Scharfsinn 
und Gelehrsamkeit hat sich bereits in der Ausgabe von Anakreon's 
Fragmenten, Leipzig 1834, glänzend bewiesen, auch in vorliegen- 
dem Werk stossen wir alienhalben auf treffliche Verbesserungen^ 
freilich lauft auch Manches mit unter, was mehr als Erzeugniss 
einer momentanen Vorstellung erscheint. Die kritischen Anmer- 
kungen unter dem Text sollten zweckmässiger, d. b. genauer ab- 
gefasst seyn, statt der Angaben uuus, plures, optiraus, meliore* 
codd. und dergleichen wünschten gewiss Viele lieber die schon 
bekannten Zeichen der Handschriften des Theognis, Stobäus, Athe- 
näus u. A., welche auch Schneidewin beibehalten hat, hier wieder- 
holt. Der Umfang des Buches würde dadurch nicht vergrössert, 
wohl aber seine Brauchbarkeit bedeutend erhöht worden seyn. 

* Wir wollen mit Uebergehung einzelner Theile der Sammlung, 
z. B. des Anakreon, Simonides, Bacobylides und Timokreon, der 
Dithyrambiker und der Scolia, so wie einiger Elegiker und raeli- 
schen Dichter nun mehrere Bemerkungen hier niederlegen, welche 
wenigstens den Nutzen haben mögen, den Kennern dieser Bruch- 
stücke zu weitem 1 Untersuchungen AnJass zu geben. 

In der zweiten und dritten Elegie des Tyrtäas bat der Text 
wenig gelitten, desto mehr in der ersten, von- dem Redner Lykur«- 
gus, erhaltenen. Hier konnte Vs.il mit Franke statt tl& o«t®$, 
was die Handschriften haben, et V ovTwq einfach verbessert wer- 
den. Grössere Schwierigkeit macht das Distichon»!^.!*, wo. ent- 
weder die stereotype Verbindung nt?l yns x«i na&w durch dw 
iswei Verba fiu^cbfuSa und &vnoxa>ttev zerrissen wird, oder 
unerträgliches Asyndeton wie im Delectus p. 6 durch Interpunktion 
nach naiScov entsteht. Ahrens, Zeitschr. für AJtertb. 1841. p. 5tt> 
schlug daher Svnouiptv iv-tyv%&$ vor, und lieb» /den InflnittifiYOl* 
cpeidopevoi abhängen. Bergk bat diese Emendation. nicht ange?- 
fübrt. Uns scheint es jedoch wahrscheinlicher, dass nach Va<43 
der Rentameter, und vor 14 der Hexameter ausgefallen, soft sM]tff 
eine Aenderung überOüssig sey. In Vs. 90 kann «0^ 9^« 49$$ 
eine matte Wiederholung von xobq nakatori^ovi in, Vs, 19 -vieV 
leicht durob ein Adverbium wie avr{kt yia<; oder «T^cAff»! eiV 
setzt werden; was Ahrens J. c. anrätb, xovq xm>tiom$ bc.tfj0 
der Hülfe Bedürftigen), scheint zu künstlich für die sin/auitf 
Sprache des Tyrtäys. Endlich Vs. 96 war die Lesart, der HatuU 
echriften oia^pa %df nicht zu ändern in aio^ov y % da ige 



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94 Bergk: Poetae Lyri-j Gracci. 

rede durch den Plural des Adjektivs mit verschiedener Bedeutung 
die Psrenthesc unterschieden wird von dem Hauptsatze aia^bv 
70p 3ii **** Ve. 91, der Singular aber von y§ begleitet die Wie- 
deraufnahme des obigen Urtbeils ausdrücken wurde. — In den 
Anapisten ist der Versnob von Abrens, aus dem katalektischen 
Dimeter (19) dtytx y ä Zndfxat; tidvfyov nxl. katalektiscbe Te- 
au machen, nicht erwähnt worden. Allerdings ist es noch 
Frage, ob nicht die Tetrameter des Tyrtäus in der streng be- 
obachteten Abwechslung des Spondeus und Anapäst im nkatalek- 
iiseben Dimeter gebildet waren, wie sie das Fragment Nr. 13 neigt. 

Bei Mimnermus I. sind die Worte ei rjßrjq ävSea noch immer 
ein Stein des Anstosses, welchen weder Ahrens,' wenn er ol ijßijq 
df»&ta sehrieh, entfernt hat, noch Bergk durch die Aenderuog sl 
, 7' ißnt avdia, denn (piloxriq und cv»»?, worauf sich 01« beziehen 
' soll, sind keine dt»&ea (fas, die Partikel y% aber passt hieher 
ebenso wenig, ala sieh die Stelle des Enripides, Med. 88, auf die 
vorliegende anwenden laset. Da der Dichter in V, 9 schrieb 
«xoiovpai y loofäv avÖo< d>nX»*i'»$ rtpnvbv bpmt, xai xalov, 
so könnte auch hier stehen dvht dnqXixtqc, oder, wodurch das 
Asyndeton vermieden würde, qAtxiqc d' dvSea. 'Letzteres nähert 
sich mehr der Lesart der besten Handschrift 

In der ernten Elegie des Xenophanes Vs. 5 ist die Lücke 
des Musurus Conjektur ovnoxi <f>r t ot npodmoeiv ausgeföHt 
1, mit der Angabe: exhibent v et eres editiones, als wenn eine 
su jenen Zeiten gemachte Vermuthang mehr Werth hätte, als eine 
neoerdrnga versuchte, und G. Hermanns St otnoxg nvSpivi y%U 
%(av nicht viel ingeniöser wäre, ala daa Produkt jenes Correktore 
4er Aldina. 

11 •• Von 8olon wollen wir nur die eine Stelle berühren, welche 
$ie Excerpta Vaticana des Diodor p. 23 ed. Diodorf. zu Tsg ge- 
fordert haben, weil die Worte dort von der zeitig anzustellenden 
Unterdrückung dor Tyranuis vielen Emendationsversuchen unter- 
warfen werden sind. Bergk und Schneidewin glauben die Cor- 
ruptel Aet'ns <** iZtpctvxa pqBtov toxi xa%aa%tlv gehoben zu bä- 
hen, wenn sie schreiben Xir t p ^dpa»«^ o* pa'fW i. x., wo 
die Negation bereits von Andern ergänzt war. Aber Xiifv ist we- 
der logisch noch poetisch zu rechtfertigen, da das Adverbium 
schon die Unmöglichkeit des Widerstandes involvirt, und der Ann- 
druck matt ist Ahrens, Allg. Schulz. 1841. 1. c. wellte daher 
yalric, lesen, womit sieb aber schwerlich ein klares Bild verbinden 
lässt. Denken wir uns den schlauen Pisistratns als eine in ihrem 



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Berg* : Pnetae Lyrici Gracci. 05 

Versteck lauernde Schlange, so bietet sieb von selbst getfc der, 
was in sehr leicht übergehen konnte. Vgl. Horn. II. 93. 

Mit Tbeognis scheint sich der Herausgeber im Laufe der Be- 
arbeitung vertrauter gemacht zu haben, wenigstens bietet die zweite 
Hälfte der Gnomologie mehr gute Verbesserungen dar als die er- 
ste. So ist x&qnv Vs. 153 ohne Noth verändert worden in / 
«5f97v, aber 899 mit Recht beibehalten worden. Vs. 197 hat Schnei- 
de win fätipoLTa S* ©, ohne Zweifel richtiger als das hier aus 
dem Mutineusis au/genommene x?W a ? 0 f 4 ^* 395 ist der Sinn 
des Dichters offenbar verkannt, wenn S % ©*V für d' ovx oorrigirt 
wird ; Thcoghis sagt: die Götter können an und unter sich keine 
Sande dulden aber Menschen müssen, ihrer Schwäche bewussr, 
mit einander Nachsteht haben. Kurz vorher , V*. 997, verlangt 
ßergk Wfirfo statt lictpcgtc, wobei der llativ ov^noai& nicht 
erwogen ist, auch nicht die treffend von Schneid ewin beigebrachte 
Parallele näv ävayxaiov ^^p' 6ivirjpbr t(f>v. In Vs 393 lese« 
wir jetzt iv itotviy d' 6x1 StiXb<i dv^p bxk noXXbv (kptlvcav (peu- 
mat, wo man sich aber wundern muss, dass die wörtliche Imi- 
tation von Horn. II. v. 978 «cc X6%ov — ev& o, xt Ütikbq ät^f 
oi x* äXxtpoq i$t$a&v$ri uberseben werden konnte. Für sj ti$, 
was Vs. 437 an die Stelle von Saxiq getreten, wäre vielleicht » 
y cU, dal das indefinitum schon in oe*el« enthalten ist, richtiger« 
Ob Vs. 569 mit dem folgenden Vers zusammenhingt, ist sehr zu 
bezweifeln, daher auch GeeFs Correktur dfare für Xuara nicht 
ohne Weiteres anzunehmen. Sicherlich darf 658 mit 559 nicht 
verbunden werden. Auffallend ist Vs. 598 der Vorschlag, {sittn^ 
da, wenn im Vorhergehenden nichts geändert wird, der Vers toir 
det; überdiess hat ot xöp ab* udXkov taatri voov seinen gnien 
Sinn; der Zudringliche soll sich denen anscbliessen, mit denen er 
sieh besser versteht. In Vs. 739 hätte d r * nicht von/ Bambsrger 
angenommen werden sollen, wohl aber Vs. 903 0^c*> statt *i ? m* 
von G. Hermann. — Zu den richtigen Aenderungen zahlen wir 
634 Ith für dtf, 639 «tytiv für tfytiv, 7*3 *al für de *i , die 
Verbindung von 766 mit 761, dann- 843 xä y äxrpdmt «mir aw* 
Tvntp^ev, 919 a<i * fötXoi xiq für de x* iSUy xtq, 979 :fäfttm 
für ^p^pact, 1066 ap* ?}•» für rot, 1170 piya Seotj$ für peyd- 
Xo«c, 1987 wep für pe, 1346 n<*l$' dJaJ für itaitiaiür,. Nach 
Vs. 1949 ist richtig die Lücke von 9 Versen behauptet. : Immerhin 
ist für die Kritik -des Theognis noch eine bedeutende Nachlese 
übrig. Hier einige Beispiele: Vers 193 scheint aixbq verdorben 
zu seyn aus £oto$: der ebenbürtige Bürger heiralbet eine Person 



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•96 Bergk: Poetae Ljrlci Graeci. 



niedriger Herkunft, eine xaxonaxpiq, sein zerrütteter Vermögens- 
stand nötbigt ihn zu dieser mesalliance. Vers 203 ist die Rede 
von den Motiven der Ungerechtigkeit ; weil mancher starb, ehe ihn 
die göttliche Strafe erreichte, so hoffen andere ebenfalls ohne 
Bosse durchzukommen. Ks ist daher nicht hinreichend, mit Ja- 
cobs zu lesen: oi> yap in' avxov xipovxai, pd*api$ npifypa- 
<ro$ dmnXaxlaq, da im Folgenden nicht früher oder später ein- 
tretende Vergeltung, sondern Eintreffen und Ausbleiben dersel- 
ben Gegensätze sind. Wir schlagen also vor, zu lesen: ov ydp 
äitavxac, xivovxat \idxctfiq npfyp<*io<; äfxn\axir t ^ , oder ov 'yap 
ixotaxov xxl, welches letztere sich den Zügen der Vulgata mehr 
annähert. In der anmuthigen Stelle Vs. 261 sqq. beklagt sich der 
unglückliebe Liebhaber, dass seine Geliebte von ihren Aeltern viel 
seinethalben zu leiden habe, so dass sie im einsamen Gang zum 
Brunnen hin und wieder her ihrem gekränkten Herzen Luft machen 
muss — .'wo-y ctfia vdpevti xal yo&o* fipu. Daran ist 
nichts zu corrigiren, wenn man das Hyperbaton , oder die Ver- 
setzung des Particips zum zweiten Verbnm, da es nach dem er- 
sten schon stehen sollte, erkannt hat,* wohl aber liegt der vorher- 
gehende Vers im Argen und eine Aenderung scheint unerl&ssliob: 
etwa: ^(>ov poi napdt xijfi' im%ktväiovok toxjJ«^. In Vs. 
257 bietet der Mutinensis ox^diivooaoaiti ctoAXoI <kv&kß6xepoi, 
die verschiedenen Versuche der. Herstellung genügen nicht, am 
wenigsten die von Bergk in den Noten angeführte Vermuthong 
HU t6«ock a* aui noXlol avoXßöx^et. Vorausgesetzt den Ge- 
danken, welchen der vorhergehende Vers zu erfordern scheint: 
rfev tadelsüchtigen Stadt gefällt nichts, aber ihr fehlt die Kraft, 
eine Besserung selbst herbeizuführen, könnte Th geschrieben ha- 
ben: o? 9k xal öjjäoaai (oder xato^sout) noWöp dvvXßoxt^. 
Vers 81i< wird Vom vernünftigen Gast gesprochen, der bei dem 
heiteren Mehle nichts übel nehmen, sonst aber sioh keine Beleidi- 
gung gefallen lassen dürfe : eis Sk (piqoi xä yi~Koia y ^v^tpi dk 
na? x*qq$ ati7- Der:<Äusammenbang scheint zu verlangen, dass 
geschrieben: werde ti 3k fc?ot xxk: Räthselhaft ist in Vs. 440 
auf den ersten Blick das »rttov in den Handschriften AKO, woraus 
Jacobs id>«av machte. Wober, aber das x? Hier trieb wohl der 
ItaicisUiUS «ein Spiei, und der Text lautete xvv d % av xr.äiLwv, 
d. b. er bekümmert sich um seme nächsten Freunde nicht. 

(Der Schluss folgt.) 



■ 



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.Nr- 7. HEIDELBERGER 1844. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 

-j 1 t » 

i 

Bergk: Poetae Jjyrici Graeci. 

CBeschlnss.) , 

In Vs. 765 ist mit der Emendation ©<T etq xev für o*S" ilvui schwer* 
lieb geholfen ; wir haben hier ein zu Anfang verstümmeltes Frag- 
ment vor uns, worin, wie das x^a« äpvvai im Vers 767 zeigt, 
ein Gott angerufen warde. Dasselbe ist Vers ll83sq. der Fall, 
mithin dort nichts zu ändern. Ree. glaubt diese Vermutbung auch 
auf Vers 805 ausdehnen zu müssen, vor welchem ein Satz mit 
Xei oder <*al weggefallen zu seyn scheint, dann könnte Th. so 
fortfahren: toyvov xal JTadfj^ xal yvmpovoq diS^a Stto^bv 
cv&vTfpov %1>qtip6v 9 Kvpve 9 tpvKaoaiynvat. In Vera 966 ist 
Svpbv ItynyLiqiov schwerlich das Rechte, sondern zu schreiben 

Wier übergehen nun die übrigen unter dem Titel Elegiorum 
reliquiae erhaltenen Dichterfragmente, als da sind von Phyrnichus, 
Aescbylus, Sophocles, Ion, Melanthius, Hippo, Empedokles, Dio- 
nysius, Euripides, Thucydides, Evenus, Kritias, Sokrates, Plato, 
Aotimachus, Astydamas, Sophocles der Jüngere, Philiskus, Apba- 
reus, Aristoteles, Krates und gehen zu dem leider viel kleinern 
Theü, welcher die Iambendicbter enthält, über. Diese sind Arcbi- 
lochus, Simonides von Amorgus, Hipponax. und Ananins. 

So wenig uns auch von Archilochus geblieben ist, es reicht 
immer noch bin, uns einen Begriff von der Grösse des Dichters 
zu geben, den das Altertbum dem Horner an die Seite stellt. Er 
war in seinen Epoden der Vorläufer der attischen Komoedie, wie 
Tbeognis und Andere durch den ethischen und idealen Gehalt ihrer 
Elegieen eine reiche Quelle der Traguedie, welche letztere ohne 
Kenntniss jener nicht hinreichend gewürdigt werden kann Unter 
den Koryphäen der alt-attischen Komoedie war es namentlich Kra- 
tiuos, der sich die Archilocbischen Iamben zum Vorbild nahm, wie 
die fast wörtlichen Uebertragnngen beweisen. Vergl. Bergk, 
Commentat. de reliquiis comoediae Atticae antiquae. p. 11 sq. In 
dem dort angeführten Beispiele liest man p. 12 Aew^tAo) di ndv% % 
XXKV1I. Jahrg. 1. Doppel lieft. 7 



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Berg : Poetac Lyriei GraecL 

aräxxai statt des corropten A 31 ndyxa xtlxai t was jetzt mit 
Recht in ndvx* äviixai verändert worden ist Ansprechende Ver- 
besserungen» sind überdiess Fragin. 19 xXattiv ®daov ytiv , die 
Verknüpfung: von 89 und 25 und wohl auch ntXnoptvoQ für psfi- 
tpöptvos in 8, 8, wo aber ovti noxoiq statt ovx$ nöXiq, Skali- 
gers eben so schöne als leichte Emendation ebenfalls eine Aufnahme 
in den Text verdiente. So wünschte Ree. auch statt Valkenaers 
iy$bv 8ioq in 69, 4 das Bentleiische *»x?° v wozu schon die 

Beziehung auf das Homerisehe ^Xopo* Sioq rathen musstc, aufge- 
nommen und findet Elmsley's djpov plv in Fragm. 7, 1 viel tref- 
fender als Rubnken's d^Xrlpov'. In 52, 4 hat Ree. schon anders- 
wo vorgeschlagen *al xgi^itaxoc, *Xla<; für x ebr trsi ua (7 iv da- 
ave zu schreiben (nämlich in den Münchner Gel. Anzeigen 1840, 
Juli, p. 103), da dem 4>nt$vwpivo(; kein Prädikat entspricht, auch 
alle übrigen hier angegebenen Qualitäten eines stattlichen Strate- 
gen nur auf das Aeussere sieh beziehen. In dem herrlichen Bruch- 
stück 60 hat Bergk seine Conjektur dvaHixtv, pivav * m dXiUv 
statt des eorrupten dvd !tk tl ävapiveiv aufgenommen; wir läsen 
jedoch lieber dv*x e 9 ^vofAtv&v. Kbenso dürfte statt xoiat <T 
qXvftov ögoq, 69, 9, wodurch zwar der Hiatus entfernt, aber ein 
anpassendes Epitheton eingeführt wird, dem Gedanken des Dich- 
ters angemessener seyn zu schreiben xolai 3 % >J yXrxiov upo«. 
Iii den Fragmenten des Simonides sind einige sehr ansprechende 
Conjekturen von Meineke zu finden, wie 1, 10 *al Stolotv für 
xayaSoiotv, 1, 24 lltovxtc, für e^ovTtf, f, 82 uxaq xiv* &<; pe- 
ftoxov. Evident ist auch Bergk's xnptXovoi Fragm. 17, 8 für 
«Zp' i%ovoi. Desgleichen enthalten die Choliamben des Hipponnx 
manche treffende Emendation von ihm und Scbneidewin; vergl. 9 
und 45. 

Nun folgen die Carrainum melinorum et choricorum reliquiae. 
Ihre Reibe eröffnet Terpander, sodann Alkman, der Begründer des 
strophischen Baues. Hätten wir nur mehr Strophen* von ihm als 
die <$ öpoi'cDv lo, 17, 18, 89, 64 (deren Integrität als solche zum 
Theil zweifelhaft ist) und zu den Fragmenten 1, 11, 19, 81, 44 
wenigstens eine Gegenstropbe ! Wir könoten dann mit grösserer 
Sicherheit die Rhythmen des Dichters beurtheilen. Das bedeutend- 
ste unter den angeführten Bruchstücken und aller Wahrschein- 
lichkeit nach eine vollständige Strophe ist 44 tvdovot v 3* bqicav 
*xk. Zu billigen ist, dass hier von Villoison itptoovt<; angenom- 
men wurde, wenn aber der Heransgeber aus q>vXa xi tp7ti& 6a « 
gewaltsam cf>xXXa xt inytxä & oaoa xyitptt machte, so ist UMa * 



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Bergk : Poetae Lyrici Graeci. . 99 

acbon gegen die Angabe des Apollönins: hmrä 9k itdXiv xoi. 

»äc t« yivri 6<pta>v Xiyti, die genügend für die Richtigkeit des 
tftiXa zeugen, überdiess vergleiche man noch Frngm. 31 (pvXa 
Pporijai«. Da Vers 4 $r t ?n t' 6pe<ne<poi sich de« Metrum nicht 
recht fügen will, schreibt Bergk S^bq öpeo-xraoi te, eine leich- 
tere Verbesserung wäre wohl Sijpiq t* öpioxboi. Vergl. Enr. 
Cycl. 249 ed Hm. Zu dem achr verdorbenen Fragm. 63 hatte 6. 
Hermann a Herstellung wenigstens in den Noten angeführt werden 
sollen. Siehe Schneidewin* Delectns p. 262. In 12, 2 war «ap 
äoöfpßtoiv von Welcker anzunehmen, in 18*, 2 lag noXv<pn^o s 
der Vulg. noXvtpavoq näher als noXvtpotvoq (d. h. *roXt>Soi*>o<,; 
vergleiche Fragment 11), wobei Alkman an Horn. Od. 0. 160 
denken konnte. Gewonnen haben die Fragmente 12, 21, 23, 26, 
46. Ob die Stücke 6 und 66 bei Scbneidewin zusammen gehören, 
nnd zn einem Ganzen (hier 11) verbunden werden durften, ist 
nicht so ausgemacht als Bergk annimmt. 

Ueber die Gesänge der Aeolischen Dichter hat Ahrens' vor- 
zügliches Werk De Graecae linguae dialeofis T. I. ein sehr er- 
wünschtes Licht verbreitet; die daselbst gemachten Beobachtungen 
sind meistens so evident, dass man ihnen unbedenklich folgen 
kann, und so finden wir denn auch bei Bergk in diesem Theile 
durchgängig berücksichtigt und meistens befolgt, was jener um- 
sichtige Vorgänger angegeben hatte. Doch gebt er mitunter über 
die hier festgesetzten Normen hinaus, wenn, um vom Kleinen an- 
zufangen, Ale. 68 otXdvv* gelesen wird, 36 xalai cMppai$ ge- 
gen die von Ahrens gemachte Bemerkung, dass der Artikel die 
volle Badung nicht habe, ferner Sapph. I, 11 dcverefTcc, man 
weis« nicht nach welcher Analogie gebildet, 2, 11 imßpouuari 
statt ini$$6p$tt<n. Zu weit gebt auch 7. alyoiq für alyac,, da 
sehr zweifelhaft ist, ob die Lesbier diesen Aocusativ von den 
Boeotiern entlehnten. Conservativ zu Gunsten der gewöhnlichen 
Formation ist dagegen in S. 2, 10 statt jtfuv, fövatioi 34. 
statt X?* at0i i iddr t Xov A 18 für tädaXov A 18. für nA- 

vi]9 A 20, äv$t t a*i für di^oe», A80; © nd'i nowlXa t<; schreibt 
Bergk A 41, Abrens oU« noixiXaiq, wo wir ein Nomen pro- 
prium, etwa Bv*%t suppliren möchten. Mit Vorsieht scheint S. 67 
ovrepouo' beibehalten statt des gewagten owöppeio' bei Abrens. 
Dagegen , dürfte dieser Recht behalten , wenn er in den Worten 
S. 83, 2 nur eine versificirte Prosa erkennt. Ohne jene Forschun- 
gen ober den Dialekt würden besonders die grössern Stücke, wie 
gleich die erste Ode des Sappho, nicht vollständig verstanden wer- 

» 

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100 . Borgk: Poctae Lyrici tirattt. 



den können. Bergk hat auf diesem Feld einige sehr glückliche 
Entdeckungen gemacht, «. B. nrfKvi S. 1, 6 und das mehrmals 
daselbst wiederholte Sr t vre, die schönste ist das dlla am Schluss 
der zweiten Ode, wodurch das von jeher als Fragment betrachtete 
Gedicht als Ganzes sich abscbliesst. Man hielt bisher aXA<* för die 
Partikel, durch den unrichtigen Accent verleitet, aber es ist die 
Aeoliscbe Form des Adjektivs ylen = amens, was noch folgt, ndv 
xo\paxbv, intl itivr t xa, sonst für abgebrochene Worte der Sappho 
geltend, ist, wie Bergk und Ahrens erkannt haben, des Longious 
Prosa, der so fortfuhr: ndv xb dopdxiov Intlnov (eher wohl 
«X et O e * Ta °* Sor^idgn? ktI. Zu einem Ganzen sind auch die 
Fragmin. A 26 und *6 bei Schneidewin mit Hülfe Strabo's XIII, 
617 verbunden, und wenigstens der Zusammenhang hergestellt, 
wenn auch im Einzelnen nicht Alles entsprechen sollte. Gelunge- 
ner scheint dio Restauration bei Abrens II, 598. Derselbe dürfte 
auch in. Fragra. 24 den Vorzug verdienen, da Bergk dem Alcaeus 
ein Versroass leiht, das die Lesbier, nach der Analogie zu urthei- 
len, schwerlich angewnndt haben: daktylische Hexameter abwech- 
selnd mit der daktylischen Penthemimeres. Auch anderswo ist dio 
metrische Form noch nicht hergestellt oder nicht richtig behandelt. 
Dahin rechnen wir die trochacischen Verse 8. 87, 1 — 3, wo tbeils 
Ahrens, fhevls G. Hermann die Arrythmie des zweiten und dritten 
Verses gehoben haben; diese müssen nämlich mit dem ersten stim- 
men als Coroposition des tr. dim. c. und tr. dim. ao. (der Abthei- 
lung' Hephaestions tr. dim. ac. und iamb. dim. c. ist die Analogie 
aller Acolischen Rhythmik entgegen), der dritte verlangt ausser 
der Synizese in Avtlmv auch dnaiauv für nd*tav. Letztere von 
G. Hermann vorgeschlagene Verbesserung scheint Herrn Bergk 
unbekannt geblieben zu seyn, auch macht er nicht einmal auf die 
Notwendigkeit einer Emendation aufmerksam. In A 10 ist wohl 
nach r OXvfinio)V ein Choriamb, etwa mit vorausgehender Basis, 
ausgefallen, da sich bei diesen Dichtern die unmittelbare Wieder-« 
holung der Form — uu— u— schwerlich nachweisen lasse. A 90 
galt bisher als Dact. tetr. mit Basis; durch Veränderung des pc- 
yav in fiiya und Herüberziehen des ddpvou (hier ddpvatq) wird 
jetzt ein hex. daraus, wodurch das Fragment gewiss nicht ge- 
wonnen hat. Bergk verkannte die Synizese in ä^ydktov. S 18 
wurden die Worte oxä'Si xdvxu (sehr, xaxavxa) fiXoq *al wohl 
als Anfang einer Alcaeiscben Strophe zu nehmen seyn: v — xd- 
tatta oTG&i rp'ikoi u — , mit xui aber beginnt der zweite Vers, 
hier noch dem ersten nach anderer Messung zugetheilt. S. 85 

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I 

• < . I 

I 

Bergk: Poetao Lyrici Graeci. 101 

äavoiq dndXaq exdgaq iv oxr^toiv durfte nach S. 79 gehen, in 
welchem Fall kxaigaq bleiben rouss. — In' der Herstellung des 
Bpithnlamiurns hätte Herr Bergk der Ansicht von Abrens folgen 
aollen, der die nicht einmal unter dem Namen der Sappho gehen- 
den Verse oUv — ävSoq der Dichterin überhaupt abgesprochen 
bat, statt sie als unbeaweifeltes Bruchstück des Hochzeitliedes die 
sem anzureihen. Schöne Emendationen in den Fragmenten sind 
besonders noch xdXiox* für pdXioT, S. 165, and fiaXXov nach 
aXkov eingeschoben in S. 24. 

Ea folgt Stesichorus. Auch hier weicht der Herausgeber von 
seinen Vorgangern Schneiderin und Kleine mehrmals ab. Wir 
müssen ihm hier in der Anordnung von Fragm. 36 und der Ab« 
sonderung der Aristophaneischen Worte (Elp. 775) von denen des 
Lyrikers vollkommen beistimmen. Die Stücke 17, 19, 34 sind 
ebenfalls besser behandelt als vorher geschehen war. In dem be- 
deutenden Fragment 8 missfällt der Paeon 'ßxiavoZo nepdaa«, 
der durch die gewöhnliche Endung des Gen. beseitigt werden kann; 
auch der letzte Vers scheint weder vollständig erhalten, noch rieh- 
tig geordnet zu seyn, da der wiederholte dact. dim. c. in bis. und 
der itbyphallisehe Schluss in dem raschen Schwung längerer Daktylen, 
die sich durch das ganze Stück hinziehen, Anstoss erregt; ver- 
muthlicb ist nach xaxdaxiov ein daktylischer Fuss ausgefallen, 
und der Vers lautete etwa so: 6 ig äXaog tßa tidtpvaioi *a- 
xdaxiov aixixa noaal £tbq nalq. Dass in 5 aus Streb. III, 
148 die Worte o\ÖTi ytvvrßtin dem Stesichorus gehören, ist nicht 
nötbig anzunehmen, sie können eben so gut von Strabo zur Ein- 
leitung der Dichterstelle vorausgeschickt seyn. Von Aphrodite 
heisst es im Fragm. 17 bei Sohol. Eurip. Or. 243 r k 8k &eo$ 6f- 
yio^btloa Biyd^iovs; xt xal tqtydyiovg xul Xentydvdpovq ai>TOV 
xäq SvyareQaq inoiriatv. Demnach müsste Stesichorus xdpa; 
geschrieben haben, was auch zu der Ansicht desselben, dass die 
O'öttin den Tyndareos doreh das Unglück der Töchter strafte, bes- 
ser passt. Endlich Fragm. 35 möchten wir lieber iyxikady lesen 
als das von Bergk vorgeschlagene «v xiXatiri. 

Das erste Gedicht des lbykus finden wir zum erstenmale hier 
richtig in Strophe und Antistrophe abgetbeilt; Schneidewin lässt 
die Antistrophe erst mit aperepat <p$tva<; eintreten; dass diese 
Ansicht falsch ist, ergibt sich schon ans der completen lieber- 
einstimmung der Verse, den angeblichen Anfang der Antistrophe 
mit eingerechnet. Dagegen ist Ree. mit mehreren Aenderungen 
•nicht einverstanden, die alle in den zwei letzten Versen getroffen 

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Bergk: l'octae Lyrfri Graccl. 



worden sind. Die nicht zu haltende Lesart der Handschriften ist 
hier aSdLißrioe x parat©*; itaidoStv (prXaaae, Bergk schreibt 
( A£aXla»( paviataiv e^cavd; d&aufJeni xapxfpoc TlaiSö^tv 
i<p\*aty äptTepcu; <p?iva$ (die zum Zusammenhang gehörenden 
Worte mussten mit angeführt werden). Aber töapßioiv ist so auf 
eine anangenehme Weise von pavlaiatv getrennt, xaoxtLrac am 
Schluss des Verses nicht zn dulden, wo der Schwang des dakty- 
lischen Rhythmus im folgenden noch fortgebt, und efXaat sowohl 
dem Tempus als der Bedeutung nach unpassend. In der Bestim- 
mung des Versmasses ist übersehen worden, dass sowohl der 3te 
als der 4te Vers nicht daktylisch, sondern logaoediscb, wenn auch 
mit syll. ano., die hier jedesmal kurz ist, endet. Dieselbe Form 
geht ja, nur um einen Daktylen am Anfang verstärkt, voraus in 
Vers 1 und 2. Vortrefflich bat der Dichter die stürmische Macht 
des Bros auch im Rhythmus ausgedrückt, wenn er diese Logaoe- 
den in der Strophe lose und diaeretisch zusammenstellte, in der 
Antistrophe abe? strenge verband durch Wortbrecbung. Man ver- 
gleiche ein ganz ähnliches Beispiel in Sopb. Oed. Col. 229 sqq. ed. 
Dindorf. Wir wollen nun das Fragment in der Weise hersetzen, 
dass die Wortbrechung durch die Versabtheilung bemerkliob wird, 
übrigens dabei bemerken, dass die Zusammenziehung des dritten 
und vierten Verses bei Bergk uns durchaus nothwendig scheint: 

*Ho* pkv atve KvoV&na» 
pa\Ldi$ dpSoynvai podv 

ix woTufXflöv tva naföivQv-nflnoi axfpaxog, 
ou t' olvavSldu; av$6p$vai axupolaiv i(p f Ipvtutv oiya- 

pioiq daXe^oiaiv, Ipol & fyo* 

6. ovb*eplav xaxdxoixoq «J- 

pav ad* vnb oxe^onäq (pXiyap 

diakiaiq ikOtviatoiv i^efsvb; dSapfioi iitkxpaxi&$ itttloSt» 

Hier ist * e*oÖiv schon von Näcke (Cboeril 107.) emendirt, der statt 
fvXaoae aber daselbst gegen das Metrum tiväoati. lesen wollte. 
Wegen des Adverbiams erinnern wir an Od. v 295 liv&dv ts 
xXoxricDv, ot toi ntdöhtv <pl\oi tioLv. Für tpootl will Ree. nicht 
einstehen, aber ein Verbum der Art muss jedenfalls an die Stella 



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Mohammed, von Weil. 108 

des <prXanoi treten. Die übrigen Aenderungen ergeben sieh ziem- 
lich leicht aus den Schreibfehlern des Manuscriptes. 

Hiermit schliesst Unterzeichneter seine anspruchlosen Bemer- 
kungen über dieses Buch. Möge es recht viele Aufnahme finden 
und das Studium der unsterblichen Sänger von Hellas in einem 
weitern Kreise verbreiten! Die äussere Ausstattung ist sehr vor- 
züglich. % 

L. Kayser. 



Mohammed der Prophet, sein Leben und seine Lehre. Aus handschrift'i 
liehen Quellen und dem Koran geschöpft und dargestellt von Dr. 
Gustav Weil, Bibliothekar an der Universität zu Heidelberg, 
Mitglied der asiatischen Gesellschaft %u Paris. Mit Beilagen und 
einer Stammtafel. Stuttgart Metzler. 1943. XXXVIII. und 
450 S. 8. 

Wer an die Fortschritte denkt, welche sowohl die orientali- 
schen als die historischen Studien in dem letzten Jahrhunderte in 
Europa gemacht, und weiss, dass eine im Jahr 1732 erschienene 
Biographie Mobammeds noch immer die Grundlage zu allen Wer- 
ken über die Geschichte der Entstehung des Islams bildet, wird 
wohl zugeben, dass es endlich Zeit war, auch diesen 90 wichti- 
gen Abschnitt aus der Welt- und Kircbcngescbicbte, des auf dem 
Gebiete der Wissenschaft inzwischen Errungenen, tbeilhaftig wer- 
den zu lassen. Die Quellen, aus denen bisher geschöpft worden, 
mussten von neuem mit erweiterter Sprach- und Sacbkenutnias er- 
forscht werden. Man bedurfte sowohl zur Berichtigung, als zur 
Vervollständigung derselben, noch anderer Ausführlicherer und 
wo möglich A eiterer. War man aber aueb zur vollen und richti- 
gen Kenntnis* alles dessen gelangt, was die Mohammedaner von 
dem Stifter ihres Glaubens berichten, so blieb noch die kritische 
Sichtung dieser rohen Masse von Traditionen übrig. 

Der Verf. hat, ehe er diese Arbeit unternahm, nicht nur alle 
gedruckten Quellen über Mohammed sorgfältig studirt, sondern 
auch die ausführliche Biographie Mobammeds von Ali Halebi, in 
vier Foliobänden, und die von Husein Ibn Mohammed Iba Alhasan 
Addiarbekri (Nr. 279 und 285—288 der orientalischen Handschrif- 
ten der herzogl. Gothaischen Bibliothek), welche mit der grössten 
Genauigkeit alles gesammelt, was bis auf ihre Zeit über Mobam- 



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104 Mohnmmcri, von Weil. 

med geschrieben worden. Später erhielt er auch noch von Herrn 
Professor Ewald eine höchst schätzbare Handschrift: das Sirat 
Arrasul von Ibn Iiischam, welcher bekanntlich die erste Lebens- 
beschreibung des Propheten verfasst, und endlich von Herrn Pro- 
fessor Reinaud aus Paris, die türkische Biographie Mobammeds von 
Ibrahim Halebi, welche im Jabr 1248 der Hidjra in Bulak (1839 
u. Z.) gedruckt worden. Der Leser kann sieb fast auf jeder Seite 
des vorliegenden Buches, besonders durch die Anmerkungen, wo 
die bisherigen Leistungen über diesen Gegenstand berücksichtigt 
worden, uberzeugen, dass es dem Verf. durch ein gewissenhaftes 
Studium dieser Quellen gelungen ist, viele alte Irrthümer zu be- 
richtigen, manche höchst wichtige neue Tbatsachen zu entdecken, 
oder längst Bekannten neue Seiten abzugewinnen. Der unpar- 
teiische Kritiker wird auch erkennen, dass der Verf. keine Mühe 
gescheut, um überall den mit der Geschichte verflochtenen, oft 
kaum sichtbaren Faden der Legende, aufzufinden und von jener 
zu sondern. Die historische Wahrheit aus dem Nyrabus hervor- 
zuziehen, in den sie gehüllt war, dahin ging des Verf. einziges 
Streben. Fern von allen kirchlichen und politischen Parteien und 
frei von jeder Art Vorurtheil, kannte er kein anderes Ziel, als 
Mohammed darzustellen wie er war, mit allep seinen Tugenden 
and Lastern, Mängeln und Vorzügen, und ihn zu beurtbeilen wie 
er es verdiente, weder so streng als das dem Islam feindliche 
europäische Mittelalter gethan, noch so mild wie seine modernen 
Panegyriker aus der französieren Schule des achtzehnten Jahr- 
hunderts. Weil aber der Verf. nicht mehr geben wollte, als er 
aus den von ihm benutzten Quellen beweisen konnte, und diese 
trotz ihrer Weitschweifigkeit bei einzelnen Partien, doch bei an- 
dern wieder sehr mangelhaft sind, so darf der Leser von seinem 
Werke nicht jenen streng systematischen organischen Verlauf for- 
dern, den man mit Recht von einer Biographie Luther's oder Na- 
poleons erwarten kann. 

Das im Titel gebrauchte Wort „Lehre" darf nicht im engern 
dogmatischen, sondern muss im weitesten Sinne dieses Wortes 
genommen werden; denn man findet in vorliegendem Werke nicht 
blos die Glaubenslehren, sondern auch die wichtigsten Ritual-, 
Civil-, Criminal- und Staatsgesetze des Islams, im Zusammen- 
hange mit dem äussern Leben Mohammed's dargestellt. Das Auf- 
finden des Einzelnen ist durch ein ausführliches Iubaltsverzeicb- 
niss und ein alphabetisches Register sehr erleichtert. 



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I 



Mohammed, Ton Weil. 



105 



Im letzten Hauptstucke sind wesentliche Beiträge zur Entste- 
hungsgeschichte und Kritik des Korans geboten worden, so wie 
die nöthigen Anweisungen zum Verstandnisse und zur richtigen 
Beurtbeilong dieses merkwürdigen Boches. 

Die Nachträge enthalten grösstenteils treu übersetzte Aus- 
züge aus den Quellen, besonders aus Ibrahim Halebi, als Beleg 
für Behauptungen, welche entweder neu sind oder bisher bestritten 
wurden. Ueber die wichtigsten polemischen und kritischen Punkte 
enthalten die Beilagen Textesstellen in der Ursprache und Schrift, 
um jeden ferneren Zweifel unmöglich zu maohen. Ueber Moham- 
med'» Epilepsie und seinen zweideutigen Brief an Abd Allah tbn 
Djahsch (vergl. S. 98 — 102) hätten wohl auch die Beweise im 
Urtexte angeführt zu werden verdient, wenn sie nicht vom Verf. 
schon im Journal asiatique de Paris (Jnillet 1849 und Mai 1843) 
mitgeteilt worden wären. Auch die letzte Beilage aus dem 8irat 

Arrasul, in welcher Z. 4 v. u. vor Uifj die Worte: l&J^fj 



pari (ed. Kosegarten S. 4) vorkömmt. In diesem kostbaren Werke, 
dessen Herausgabe nicht so viele Unterbrechungen erleiden sollte, 
und das erst vor Kurzem von der hiesigen Universitätsbibliothek 
aoquirirt wurde, führt auch Abu Bekr (S. 6) nach einer andern 
Tradition, um Mohammeds Sterblichkeit zu beweisen, den dem 
Verf. entgangenen 31. Vers der 39. Sura an. Dadurch wird na- 
türlich des Verf. Vermuthung, dass nach Mohammed's Tod Abu 
Bekr manchen Koransvers erdichten mochte, noch verstärkt, denn 
es heisst auch hier, nach Kosegartens Uebersetzung : „Ait Nar- 
rator: aliquot quo« coram spectavi Mobammedis familiäres addito 
jure jnrando mihi dixeront: neque binos hos versiculos a Deo de- 
missos fuisse prius comperimus, quam Abu bekr illo die eos reci- 
tasset." Uebrigens hat der Verf. inzwischen »eine Anzeige des 
Tabari im Journal des savans (an. 1832) gelesen, in welcher schon 
de Saoy (S. 636), ohne 'die beiden andern in vorliegendem Buche 
S. 351 angeführten Verse zu erwähnen, einigen Verdacht gegen 
die Aechtheit des von Abu Bekr recitirten Koranverses äussert. 
Hingegen beruht die von de Sacy a. a. O. S. 541 Anmerk. 9. 
übersetzte Stelle aus dem Sirat Arrasul auf die falsche Leseart 



wahren Sinn dieser Stelle findet man bei dem Verf. in der An- 
merk. 454. Einige andere Ergänzungen aus dem Tabari über die 





Ewald 1 sehe Codex hat. Den 



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ltMi Yerhandl. d Russihuh-Kuiscrl. min. Gesellten. 

i 

Cbalifenwahl wird der Verf. im Leben Abu Bekfs nachtragen, 
liier nur noch die Berichtigung dee S. 332 seines Buches vor- 
kommenden Dorfes Sundj, welches nach Tabari sowohl, wie nach 
dem Kamus „Sunh" heisst. Ein Druckfehler in der 256. Anmerk. 
wo 628 statt 627 zu lesen ist, bat Ref. schon im vorhergehenden 
Hefte dieser Jahrbücher berichtigt. 

Bei der Verwandlung der arabischen Data in die christlichen, 
hat sich der Verf. an Ideler angeschlossen. Dies würde er auch 
jetzt noch thun , obgleich inzwischen Herr Canasta de Perceval 
(Journ. Asiat. Avril 1843.) die Behauptung aufgestellt, dass die 
Araber bis zur Eroberung von Mekka noch Schaltjahre hatten. 
Die Gründe des Verf. gegen diese Behauptung, findet man in einer 
Anmerkung zur Vorrede. S. XXL 

Ref. scbliesst mit folgenden Worten aus der Vorrede: „Nach- 
dem ich ohne Furcht, als unbescheiden zu gelten, auf das, wa» 
ich geleistet, aufmerksam gemacht, weil doch im Grunde jeder 
wissenschaftlich gebildete Orientalist, mit aufrichtigem Streben und 
unverdrossenem Fleisse. dasselbe thun konnte, gestehe ich ganz 
offen, dass mir auch die Schattenseite meiner Arbeit keineswegs 
verborgen geblieben, und ich wohl einsehe, dass sie besonders in 
formeller Beziehung viel zu wünschen übrig lässt. Ich glaube 
aber um so eher auf Nachsicht rechnen zu dürfen, als diess mein 
erster historischer Versuch ist, und ich hier zum Theil aus der 
Sphäre meines eigentlichen Berufs heraustreten roussle. Dozo 
vermochte mich aber die Ueberzeugung, dass es für die Wissen- 
schaft förderlieber ist, wenn die morgenlandische Geschichte von 
einem, wenn aech nur mit geringen hrstoriographischen Fähigkei- 
ten begabten Orientalisten, als von dem talentvollsten Historiker 
von Faeh geschrieben wird, der nicht uomittalbar aus den Quelle» 
schöpfen kann." 

Weil. 

♦ 



Verhandlungen der Russisch- Kaiserlichen mineralogischen Gesellschaft 
%u St. Petersburg. Jahr 1842. 80 Seiten mit 6, zum Theit colo- 
ririen, Tafeln. St. Petersburg, 184»; bei Carl Kray. 

Wir beziehen uns auf die, in Nr. 51 des Jahrganges 184a 
dieser Blatter enthaltene, Anzeige der „Schriften der Rns- 
«isoh - Kaiserlichen Gesellschaft für die gesäumte 



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Vcrliaodl. d. Russisch- Iiuiiscr]. min. GceelUcb. }07 

Mineralogie in St. Petersburg' 4 , indem die so eben uns 
zugekommenen „Verhandlungen" besprochen werden sollen. 
Ks ist deren Inhalt folgender: 1. Beitrag zur Paläontolo- 
gie Busslands, von Dr. 8. Kutorga. Den grössten, Theil 
der beschriebenen Petrefacten, namentlich jene ans dem Orenbur- 
gischen Gouvernement, verdankt die Gesellschaft dem, um die nä- 
here Bestimmung des „Kupfer-Sandsteines" am westlichen Ural- 
Gebange wohlverdienten Major Wangen beim v. Qualen. Es 
besteht die geschilderte Sammlung wesentlich aus zwei Reihen, 
deren erste Pflanzen-Abdrucke enthält, Saurier-Knochen, Spirifer, 
Prodvctus, Terebratula, Unio und Corallen, alle aus einem Kalk- 
steine der Santangu Iis oben Erzgrube, acht Werste vom Flusse 
Dioni, im B e 1 e b e y sehen Kreise des Orenburger Gouverne- 
ments. Höchst lehrreich ist besonders eine Stufe, wo, in einem, 
¥0» Kopfergrün durchdrungenen , Kalkstein sich ein Saurier-Kno- 
chen, TurriteUa, Terebratula Qualemi und Ceryopora millepora- 
csa in grosser Menge finden. Die zweite Reihe besteht aus Ex- 
emplaren „weissen Kalksteines" mit zahlreichen Terebratula plica 
[f pfteafottaf], mehrern Spiriferen, ferner mit Productus antiquatus 
und tobatus. Dieser Kalkstein ist unzweifelhaft der Vertreter des 
Mountain limestone} darüber liegen Mergel und Sandstein des 
Kupfer- Sandstein-Systemes, und letzteres betrachtet Herr v. Qua- 
len als Repräsentanten des Zeehsteines. Wir fibergehen die aus- 
führlichen Schilderungen der fossilen Reste und bemerken nur, 
dass die Abbildungen nicht zu den gelungensten gehören. — 
2. Notiz über zwei Menschenschädel aus dem Gouver- 
nement Minsk, von Dr. S. Kutorga. Beide, durch ihre Form 
merkwürdige, Sehädel lassen die störende Wirkung einer äussern, 
früh angewandten, Gewalt nicht verkennen. Sie wurden in der 
Gegend von Bobruysk, Gouvernement Minsk, gefunden und 
der am meisten interessante unweit der Salzquellen voo Drusk- 
jenia im sandigen Boden einer Vertiefung, die als altes Bett des 
Njemen -Flusses angesehen wird. Dieser Ort, wegen der gros- 
sen Menge der, daselbst seit undenkbaren Zeiten vorgekommenen, 
Menschen-Gebeine* von den Landbewohnern mit dem Namen „aher 
Begräbnissplatz" bezeichnet, gehörte, nach Volkssagen einer Stadt 
„Bsygrod", die durch eine Ueberschwemmuog bis auf den Grund 
zerstört worden seyn soll. Die Stirnnabt des Schädels ist völlig 
verwachsen; das Stirnbein dermaassen niedergedrückt, dass der 
Mensch beinahe keine Stirn gehabt haben muss. Der andere Schä> 



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108 Verband 1. iL HuhsUch-Kttiserl. min. Gcecllscb. 

del ist ans einem „Kurgam" ((umulusj derselben Gegend aus- 
gegraben worden; Stirn- and Scheitelbeine sind noch unsvmme 
frischer and ungleicher, als bei dem ersten. — 3. ü ebersiebt 
der geologischen Verbältnisse des Gouvernement» 
Orenburg. Aus einem Briefe des Herrn Wangenheim von 
Qualen. Der Verf. siebt die Gyps-Bildnng längs dem Bjelaja- 
Ufer, als eine, durch Einwirkung der Schwefelsäure hervorge- 
brachte Um wandelung des, zum Zechstein gehörenden, Kalk- und 
Lettenmergel-, Leberthon- und Sandstein- [?] Systemes an. — 
4. Untersuchungen einiger süd russischer Brennmate- 
rialien des Mineralreiches. Von Herrn Dr. A. Woskres- 
aensky. Analyse von Anthraoit, von Stein- und Braunkohle» 
aua verschiedenen Gegenden. — Ö. Uwarowit von Herrn A. 
Komonen. Der Verf. gibt folgende Charakteristik des noch 
immer sehr seltenen [bekanntlich früher für Dioptas gehaltenen} 
Minerals: schön grönglasglänzend , rhombische Krystall - Gestalt. 
Vorkommen auf Chrom-Eisenstein. Im Kolben etwas Wasser ge- 
bend. Wird von Sauren nicht angegriffen, aber von einem Gemische 
aus Soda und Salpeter beim Schmelzen zerlegt. [Das Lötbrobr- 
Verbalten war schon durch Hess untersucht worden.] Speciflsohe 
Schwere =3,41 nach Ergebnissen von drei Wiegungen ([Breit-* 
haupt fand nur 2,969). Aus dem Resultate der angestellte» 
Analyse leitete Rammeisberg die Formel 



IM «•• 



R*Si + RSi, 
oder 

CaO ... . 
_( "Cr/ ... 

Fe» ^ Ä ; 

ab, wonach der Uwarowit ein Chromgranat wäre und seine 
Strengflüssigkeit ohne Zweifel dem Chromsilikat verdankt, denn es 
findet sich diese in gewissem Grade schon bei dem Pyrop. — - 
6. Analyse einer Bergart, welche Ammoniak- Alaun 
enthält, von Komonen. Auf technischem Wege hat man ans 
der befragten Bergart — welche zu Selenginsk im Irkuts- 
k ischen Gouvernement gefunden wird — 3§j} ganz reine Am- 
moniak -Alaun- Krystalle dargestellt; nach der Analyse fällt die 
Alaun-Quantität auf 00,19 Procent aus. — 7. Leucbtenbergit, 
von Komonen. Vorkommen in den Scbischminskisch en 



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/ > 

Pcrthalcr: Recht und Geschichte. 109 

Bergen im Kreise S 1 a t o u s t. Zusammengehäufte ziemlieb grosse, 
aber nicht vollkommen ausgebildete Krystalle von rhomboedrischer 
Form. Farbe gelblich, in dünnen Blättern weiss. Textur blätte- 
rig? Perlmutter -glänzend; durchsichtig. Speciflscbes Gewicht 
=2,71. Härte zwischen Kalk- und Gypsspath. [Nach der vor- 
- genommenen Analyse fand Rammeisberg die einfache Formel: 

und hält den von Komonen vorgeschlagenen Ausdruck nicht für 
wahrscheinlich.] Der Leucbtenbergit — seinen Namen nach 
dem Herzog Maximilian von Leuchtenberg tragend — käme dar- 
nach in seiner Zusammensetzung dem Chonikrit am nächsten. 
— 8. Identität des Pusohkinits mit dem Epidot, von A. 
Osersky. Das Mineral — welches man früher für grünen Tur- 
malin hielt — findet sich in den Jacowlef fachen Lände- 
reien auf dem westlichen Abhänge des Urals und wurde dtfrch 
Wagner [im Bullet, de la Soc. lmp. de» Naturalistes de üfos- 
cou. 1841."] beschrieben. Nach 0. entspricht die Zusammensetzung 
genau jener des Epidotes; auch hinsichtlieh ihrer übrigen Eigen- 
schaften zeigen beide Substanzen EinerJeiheit. — Am Schlüsse 
folgen die Listen der im Jahre 1842 aufgenommenen Mitglieder, 
so wie das Verzeichniss der, der Gesellschaft zugekommenen, Sen- 
dungen von Naturalien und Büchern. 

* v. Leonhard. 



Recht und Geschichte. Zur encyclopädischen Einleitung in das 
Studium der juridisch-politischen Wissenschaften. Von Dr. Johann 
Per thaler. Wien. Fr. üeck's Universität*- Buchhandlung. i843. 
VI. und 65 Seiten. Gr. 8. 

Bin Inbegriff von gegebenen, in sich verbundenen Erkennt- 
nissen tritt erst dann in den vollen Rang einer Wissenschaft ein, 
wenn er sich, ausser der Form des äussern, systematischen Zu- 
sammenhangs, auch ein inneres organisches, durch ein bestimmtes 
Princip gegebenes Verhältnis angeeignet hat. Jede Verworren- 
heit und Disharmonie in einer dieser beiden Beziehungen ist Be- 
leidigung .der Vernunft, deren höchste Aufgabe für Alles, ftVs 
Erlernen, wie für's Handeln, Übereinstimmung und Einheit ist. — 



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110 Perthalor: Recht und GcttthkMr.. . 

Betrachten wir die Menge der sogenannten juristischen Encyelo- 
p&dien nnd propädeutischen Schriften, von Pütt er bis auf die 
neueste Zeit, nnd fragen una, in wieweit nnd ob sie überhaupt 
diesen Requisiten genügt, so möchte nicht gerade das günstigste 
Unheil über sie zu fallen sein. Was sie erstrebt, haben sie al- 
lerdings geleistet. Sie zeigen dem Anfänger das Feld seines 
künftigen Studiums, lehren ihn, wie und wann er die einzelnen 
Disciplinen zu hören habe, und geben allenfalls als billige Zu- 
gabe eine sogenannte Methodologie und Uebersicht der sogenann- 
ten Hülfswissenschaften. In wieweit sich hierin die innern En- ' 
cy«lopädien von den äussern unterscheiden, und ob diese Bezeich- 
nungen nicht eher den Standpunkt dieser Wissenschaft verrücken, 
das zu zeigen, gebt hier über unsern Zweck. — Diesen Mangeln 
der bisherigen Encyclopadien tritt die vorgenannte Schrift mit 
Entschiedenheit entgegen. „Alle Wissenschaft kann nur, — so 
betest es das.. S. it, — an der gemeinsamen Auffassung ihrer 
einzelnen Zweige gedeihen, nur dann, wenn sie aus einer Wurzel 
ununterbrochenen organischen Waebstbnros emportreiben, ist dem 
Geiste, dem sie sich offenbaren sollen, seine innere Wahrheit, seine 
wunderbarste Eigenschaf:, die Energie der Einheit, gerettet. Hin- 
gegen dort, wo sich eine unvermittelte Verschiedenartigkeit gel- 
tend macht, die sieb nicht als innere Notwendigkeit der Erschei- 
nungsweise einer tiefer liegenden Einheit rechtfertigen kann, dort 
ist der Geist nicht zu Hause. — 4a diese Forderung des Geistes 
geht noch weiter; es ist nicht genug, dass die Zweige einer 
Wissenschaft einen lebendigen Zusammenhang haben, denn 
mit jeder Wissenschaft steht es so, dass sie nur in Verbindung' 
mit allen übrigen, in dem gemeinschaftlichen Boden der geistigen 

That wurzelnd, gedeiht. 

Wer Theil an der lebendigen Frische der Rechtswissenschaft 
nimmt, wird es demnach als die erste Sorge nicht in Abrede stel- 
len, dass die Belebung dieses ernsten Sinnes, die Ergreifung und 
unverwandte Festhaltung der organischen Harmonie in den einzel- 
nen Disciplinen, der Ausgangspunkt aller reebtswissenschaftlicben 
Studien sei. — Die Erscheinung ist ja nicht selten, dass die, wel- 
che man in Aufsuchung dieses Standpunkts sich selbst überlässr, 
nur auf weiten Umwegen misslungener Versuche dahin gelangen, 
mit grossem Aufwand der besten Kräfte und der kostbarsten Zeit, 
weil sie den Faden entbehrten, der sie durch das schwierige La- 
byrinth hatte leiten können. 



-■ 

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* 

Perlhaler: Recht und Geschichte. III 

Auf diesem Gedanken fassend sacht sieh der Verf. die Frage 
so beantworten: „in weichem Strombette, wenn wirklich Ein Ge- 
danke die einzelnen Kreise der Rechtswissenschaft belebt, sie sich 
vereinen?" Es ist nicht die Philosophie; denn wir haben es nicht 
blos mit dem das Rechtsdasein innerlich wesenhaft begründenden 
Gedanken des Rechts and nicht blos mit der begriffsmassigen Ent- 
Wickelung seiner Bestimmungen zu-thun, sondern wesentlich auch 
mit Wirklichkeiten, mit dem positiven Rechte, mit den faktischen 
Grandlagen. Beide — die That des Gedankens and die That des 
Äussern Lebens — nimmt der Strom Mer Gesehiehte auf (S. 17). 
Gegen diesen Grundgedanken, dass der Begriff der Geschichte als 
das allgemeine Element angesehen werden müsse, kann sowohl 
von Seite der Philosophie, als der Religion insofern Einspruch er- 
wartet werden, als beide Anspruch machen, absolut zu sein, so 
dass die Geschichte innerhalb dieser absoluten Existenzen ihre 
Bewegung habe, und nicht dass diese in die Bewegung der Ge- 
schichte fallen. Allein in jenem Sinne, als die Absolutheit hier 
angesprochen wird, kommt sie der Geschichte auch zu, nämlich 
rticfcsichtlich der Totalität ihrer Idee und deren sich entwickelnden 
Wirklichkeit. Eine andere Absolutheit kommt aber keinem von 
allen Dreien zu. Was die Religion betrifft, so fällt sie sowohl 
röoksichtlich ihres Werdens als auch ihrer Ausbreitung in die 
Geschichte, ihr Inhalt hat seine Geschichte and überdies kann die 
Religion nie znm Prinzip für die Recbtsdisciplinen werden , da es 
'ein vergebliches Bemühen wäre, aus ihr unmittelbar ein Rechts- 
System zu deduciren. Wenn sie irgendwie einen Einfluss' geübt, 
so bat sie es nur durch Vermittelung der Wissenschaft, nicht als 
Religion unmittelbar gethan. Da nun aber die Wissenschaft in 
die Bewegung der Geschichte fällt, so bleibt denn doch diese dns 
Strombett, in dem sich alle Rechtswissenschaft sammelt und ihrer 
reichern geläuterten Zukunft entgegengeht. In diesem Sinne macht 
sieh der Begriff der historischen Rechtsauffassung geltend. — 
(Seite 6».) 

Nachdem nun der Verf. dargethan, wie sich der Gegensatz 
der Philosophie des Rechts und des positiven Rechts innerhalb der 
Geschichte manifestirt, und wie sich die Wechselbeziehung zwi- 
schen Rechtswirklichkeit und Rechtsphilosophie nachweisen lasse; 
dass ferner Rechtsphilosophie und Rechts g es chi chte keine 
Gegensätze bilden, indem die Geschichte sich in die des Rechts- 



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112 



Perthaler: Recht und Geschichte. 



begriffe und der Rechtswirt lichkeit trennt: deutet er kurz die ver- 
schiedenen Stadien dieser beiden Sphären unter den verschiedenen 
Völkern an, fertigt die Rationalisten, die, das Wirkliche verach- 
tend, sich mit hohlen Theorien blähen, so wie die starrsinnigen 
Lobredner der verwitterten alten Zeit ab, uimmt in eine prinoi- 
pielle Scheidung der einzelnen juridischen Disciplinen auch die 
politischen auf und bestimmt den so oft angefochtenen Werth der 
verschiedenen rechtsphilosophischen Systeme dahin, dass sie keine 
neuen Dogmen schaffen , sondern die Wissenschaft mit dem Leben 
versöhnen, mit der allm&ligen Umbildung der Institute auch das 
Volk für sie heranbilden sollen. 

Wollen wir ein ehrliches Urtheil über das Schrifteben fallen, 
so können wir es kühn zu den wenigen zahlen, in denen auf we- 
nigen Blattern Vieles nnd viel Treffliches gesagt ist. Und wenn 
der Grundgedanke desselben auch nicht ganz neu ist — schon 
Bogel lässt das Gebiet des Rechts seinen Ziel- nnd Ausgangs- 
punkt in 4er Gesobicbte finden und nimmt, sich stützend auf die 
Ansicht, dass der Staat keine blosse Rechtsbetbätigungsanstalt sei, 
die Politik in das philosophische Staatsrecht auf — so bat dies 
einesteils der Verfasser selbst (Seite 58) ausgesprochen, ande- 
rerseits aber mit streng logischer Consequenz und Wärme der 
Darstellung viel Anregendes zu Tage gefördert. Namentlich 
zeichnet ihn auch jene moralische Würde aus, die erst den Juri- 
sten vollendet und von der durchdrungen er dem angehendea Ju- 
risten ep einzuschärfen sucht, dass — pectus facit IOtum! 

Zu bedauern ist nur, dass die nicht gar leichte Schreibart den 
Verf. sein Ziel, denjenigen, welche zu den rechtswissenschaftli- 
chen Studien herantreten, den Ausgangspunkt derselben, so wie 
die Bewegung und das Ziel anzudeuten, nicht ganz erreichen las- 
sen wird. 

0 

Heidelberg. 

Dr. Friedländer. 



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Nr. 8. HEIDELBERGER 1844. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 

* 

■ 4^ 

' ' ■ ^ SS=SSSSS^SSSSS=SSSSSSSSBSSOSSt 

s 

Die Veste Zwingenberg am Neekar, Ihre Geschichte und ihr gegenwär- 
tiger Zustand. Mit Zeichnungen und Urkunden, Frankfurt am Main, 
Gedruckt bei August Osterrieth. VI, und 955 S. in gr, 8. 

In dieser Schrift haben wir eine wahre Bereicherung unserer 
vaterländischen Literatur erhalten, welche eben deshalb, nach Fas- 
sung wie nach Inhalt, als Muster einem weiteren Kreise bekannt 
zu werden und damit über die nächsten Gränzen des vaterländi- 
schen Bereichs hinauszutreten verdient. Hervorgerufen ward sie 
durch den edlen, alles Gute in unserm Vaterlande fördernden Sinn 
der gegenwärtigen Besitzer der Veste und Herrschaft Zwingen- 
berg, die ihr reges Interesse für historische Forschung, insbeson- 
dere für vaterländische. Geschichte, hier in einer so schönen und 
würdigen Weise bethätigt haben. Schon längst bedacht, alle Ur- 
kunden, Documenta und was sich sonst auf die Geschiebte der 
Burg und Herrschaft Zwingenberg bezog, zu sammeln und so 
künftiger Forschung eine sichere Grundlage zu schaffen, haben 
die durchlauchtigsten Markgrafen Wilhelm und Maximilian 
von Baden, nachdem es ihren unablässigen, mit seltener Ausdauer 
bei einem so schwierigen Geschäft fortgesetzten Bemühungen ge- 
lungen war, in den Besitz einer namhaften, zum Theil äusserst 
wichtigen, und die ganze Geschichte, wie die oft höchst verwickel- 
ten rechtlichen Verbältnisse der Umgebung berührenden Urkunden- 
Sammlung zu gelangen, dieselbe in die Hände eines Mannes ge- 
legt, der gewiss vor Andern berufen und befähigt war, aus dem 
gesammelten Stoff ein Ganzes zu bilden, das uns eine, so weit die 
Quellen reichen, aus diesen unmittelbar geschöpfte, urkundliche Ge- 
schichte der Burg, eine Darstellung ihrer wechselvollen Schicksale, 
bis sie an das Haus Baden gelangte, in einem freundlichen Bilde 
vorführt, welches uns bei der gefälligen und anziehenden Form, 
in^welcbe die Erzählung eingekleidet ist, nur zu leicht die mühe- 
volle Forschung übersehen lässt, welche aus dem Wust alter Do- 
cumenta und archivaliscber Nachrichten ein solches Ergebniss zu 
gewinnen und in einer so ansprechenden Weise mitzutheilen ver- 
stand. Herr Krieg von Hochfelden, der sich am Schlüsse 
XXXVII Jahrg. 1, Doppelheft. » '• 8 



( 



114 Krieg v. Hochfeinen: Wie Vcutc Zwiftgenberg. 

der Vorred« unterzeichnet bat, entsprach dem hohes Auftrage auf 
eine Weise, die ihm auch den Dank aller derjenige» zusichert, 
welche ao vaterländischer Forschung ein reges Interesse neh- 
men, und wohl wissen, dass nur auf diesem Wege, durch die 
Abfassung solober gründlichen Monographien etwas Erspriessliches 
für den Aufbau einer Badischen Landesgeschichte geschehen kann, 
die durch ihre vielfältigen Berührungen und Beziehungen zu an- 
dern, namentlich benachbarten Staaten, auch für diese eine Beden- 
tung gewinnt, durch welche sie zugleich in die Gesammtgeschichte 
Deutschlands so wesentlich eingreift. Erhalten wir sonach hier 
ein Gegenstück zu einer andern ähnlichen, von dem Verf. mit 
Meisterhand entworfenen Monographie, zu der Gesch ichte der 
Grafen von Eberstein, worüber seiner Zeit in diesen Blättern 
(Jabrgg. 1836. Nr. 61) berichtet worden ist, so wollen wir doch 
auch nicht vergessen, die verdiente Huldigung des Dankes Denje- 
nigen auszusprechen, welche das Werk hervorgerufen und damit 
ein ihr Streben wahrhaft ehrendes Denkmal sieh gestiftet haben. 

In zwei Theilc lässt sich füglich die Schrift abtheilen. Der 
eine enthält in fünf Abschnitten die historische Darstellung, an 
welche sich die Erörterung der verschiedenen rechtlichen Verhält- 
nisse knüpft, die bei dem öfteren Wechsel der Besitzer der Burg 
zum' Tbeil eine sehr verwickelte Gestalt angenommen haben, so 
wie eine Beschreibung der Veste selbst und eine Angabe des der- 
maligen Bestandes der Herrschaft; der andere Theil (von S. 121 
an) enthält das Urkundenbuch, einen genauen Abdruck von acht 
und sechzig, meist ungedruckten, auf die Veste und Herrschaft 
Zwingenberg bezüglichen Urkunden, welche zunächst mit die Haupt- 
quelle der vorausgehenden Darstellung bilden, und durch ihren 
Inhalt auch in andern mehrfachen Beziehungen allerdings eine 
solche Bekanntmachung verdienten. Wir wollen versuchen, auf 
die Hauptpunkte aufmerksam zu machen, nnd insbesondere Eini- 
ges von dem hervorheben, was auch von allgemeinerem Interesse 
ist, andere nähere und fernere Verhältnisse berührt und darin al- 
lerdings zeigen kann, wie diese Schrift zwar nur einen einzelnen 
Punkt unseres Vaterlandes behandelt, aber doch so, dass dessen 
Verbindung und Zusammenhang mit dem Ganzen vaterländischer 
Geschichte überall hervortritt. 

Der erste Abschnitt befasst die vorhistorische Zeit, er sucht 
den dunkeln, in keiner schriftlichen , noch vorhandenen Urkunde 
berichteten Ursprung der Veste auszumitteln, und bei dem Mangel 
aller schritUicbcn oder mündlichen Tradition über diesen Punkt, 



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krieg v. Hot Ii leiden ; Die Veetc Zwingenberg. 115 

felis der Anlage der Veste solbst and der Beschaffenheit des Baues 
derselben den Zeitpunkt zu erforschen, in welchem dieselbe ange- 
legt, so wie auch den Zweck, der dabei beobachtet worden. Diess 
war allerdings der einsige sichere Weg, auf welchem ein zuver- 
lässiges Ergehniss zu gewinnen war; ein wesentliches Erforder- 
ndes dazu aber eine genaue Kenntniss dieses Zweiges der mittel- 
alterlichen Baukunst, wie sie den meisten Gelehrten, Historikern 
wie antiquarischen Forschern, abgeht, obwohl sie, wie auch der 
Vorliegende Fall beweist, ein eben so wesentliches als noth wendi- 
ges Hülfsmittel ist, das uns in derartigen Fragen oft allein leiten 
Und zu dem Richtigen zu fähren vermag. Herr v. Krieg ist ei- 
ner von den Wenigen, die gerade über diesen Punkt — die mit- 
telalterliche Befestigungskunst, die Anlage von festen Rittersitzen 
und Burgen — Studien gemacht haben , von denen in der schon 
oben berührten Geschichte der Grafen von Eberstein, wie in dem 
vorliegenden Werke die erfreuliebsten Beweise vorliegen. Der Verf., 
ein grundlicher Kenner der römischen wie der karolingiseben Bauart, 
gelangte eben dadurch zu der sicheren Ueberzeugung, dass Zwin- 
genberg weder römischen noch karolingischen Ursprungs, ist, dass 
vielmehr die ganze Anlage und Einrichtung bis in alle Einzeln- 
heiten dem dreizehnten Jahrhundert angehört, in dessen Ende 
aller Wahrscheinlichkeit nach der Bau der Veste fällt, deren näch- 
ster Zweck in der Beherrschung des Neckarstroins und derSchiff- 
fahrt auf demselben sieh durch die Art und Weise der Anlagen 
mittelst sorgfältiger Benutzung der Lokalitäten zu erkennen gibt. 
Erzwingung eines Wasserzells von den Vorbeiscbiffenden , viel- 
leicht auch selbst Beraubung derselben, scheint in jener unruhigen 
Periode die Erbauung der Veste veranlasst zu haben, an einem 
Punkte, der jetzt eine der reizendsten Parthien des schönen Ne- 
ckarthales bildet, in geringer Entfernung oberhalb Eberbach an 
der nach Wimpfen und Heilbronn und von da weiter in das Innere 
»Schwabens führenden Wasserstrasse. Bas Geschlecht der Edeln, 
das sich hier niederliess, kommt zuerst im Jahre 1296 vor, bei 
einem Rechtsstreite, welchen die Edeln von .Twin gebe rg mit 
dem Kloster Mosbach um eines Waldes willen, so wie wegen der 
Gemarkung des Dorfes Weissbaoh, damals führten. Ein Edelknecht 
Konrad Rüde — wohl einer der Ahnen des noch jetzt blühen- 
den Geschlechts der von R ü d t — schlichtete den Streit; die äl- 
teste noch bekannte Urkunde, welche auch im Urkundenbuch ab- 
gedruckt ist, datirt von dem Jahre 1338. Sehr bedeutend und 
«ehr begütert scheint das Geschlecht nicht gewesen zu seynj der 



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116 Krieg v. Hochfclden : Die Vc*te Zeingcnberg. 

Umstand, dass durchaus keine Schenkung an eine Kirche, keine fromme 
Stiftung dieser Edeln bekannt ist, von denen übrigens Einige als 
Mönche im Kloster Amorbach vorkommen, wird mit Becht als ein 
besonderer Beweis dafür angeführt. Wenn wir aber aus dem In- 
halt jener ältesten Urkunden einen weiteren Schluss mit dem Verf. 
ziehen dürfen, so scheinen Bedrückungen und Erpressungen der 
Vorüberschiffenden, etwa in Erbebung von Wasserzöllen, frühzei- 
tig Streitigkeiten mit den Nachbarn hervorgerufen zu haben, wel- 
che mit dem feierlichen Gelöbniss der Edlen von Zwingenberg 
an Mainz, Pfalz und Würtemberg (als die am meisten dabei be- 
theiligten Staaten) endeten, sich gänzlich solcher Erpressungen zu 
enthalten; der Aufbau einer eigenen Veste, unmittelbar in der 
N&be bei Zwingenberg, von Seilen des Erzstiftes -Mainz — der 
Fürsteustein an der Stelle des heutigen Gemüsgartens — ward 
dadurch hervorgerufen; indess verschwindet bald alle weitere Spur 
dieser Veste. Sonst erscheinen die Edlen von Zwingenberg nahe 
verbunden um diese Zeit mit dem Erzstift Mainz und mit den 
Grafen von Hohenlohe, deren Lehen die Burg war; die übrigen 
Besitzungen, so weit sie zu unserer Kenntniss gelangt sind — 
8. 11 versucht ihre Zusammenstellung — scheinen freies Eigen- 
thum gewesen zu seyn, dass jedoch schon früher, noch in dem- 
selben Jahrhundert, durch einzelne Käufe, von denen die noch 
vorhandenen Kaufbriefe Kenntniss geben, mehrfache Schmälerun- 
gen und eine nicht unbedeutende Abnahme erlitten haben mag. 
Was von derartigen Einzelkäufen zu ermitteln war, ist mit gros- 
ser Genauigkeit hier aus den betreffenden Urkunden angeführt. 
Indessen scheinen die Bewohner der Burg noch immer nicht ihrer 
Raublust, gewaltsamen Erpressungen oder Plünderungen entsagt 
zu haben, bis der Bund der schwäbischen Herrn und Städte, wel- 
chem auch Pfalzgraf Ruprecht im Jahr 1363 beigetreten war (die 
desfalsige Urkunde ist unter Nr. 13 p. 139 mitgetbeilt) zur Auf- 
rechthaltung des von Kaiser Karl IV. gebotenen Landfriedens die 
Zerstörung der Veste im Jahr 1363 herbeiführte. Wie dies ge- 
schehen, darüber schweigt leider die Geschichte; dass es aber ge- 
schehen, ersehen wir aus der von dem Kaiser im folgenden Jahre 
1364 an den Krzbischof von Mainz und die Pfalzgrafen zu Rbe'r.i 
ausgestellten Urkunde (s. Nr. 14 p. 139 ff.), welche ihnen gestat- 
tet, den Berg von Zwingenberg, „do eyn veste vormals von uns und 
des Reichs wegen gebrochen ist, mit allen seyoen Zugeliörungen" 
gemeinschaftlich zu kaufen und darauf eine Burg zu bauen, dio 
jedoch ewiglich sein und seiner Nachkommen am Reich offenes 



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Krieg v. Hoch fei den : Die Veste Zwingenberg. 117 

Haus seyn solle. Man siebt daraus, dass die Zerstörung der 
Veste den Besitzern keineswegs das Recht des Besitzthums ent- 
zogen hatte; sie erscheint vielmehr nur als eine noth wendige, zur 
Aufrechthaltung des durch die Edlen von Zwingenberg von ihrer 
Veste aus gestörten Landfriedens, zur Erhaltung der Landessicher- 
heit ergriffene Massregel: und eben darin liegt auch wohl der 
Grund, warum Mainz und Pfalz sieb vom Kaiser zur Anlage ei- 
ner neuen Burg ermächtigen Hessen, die kaum einen andern Grund 
haben konnte, als den, allen etwaigen Versuchen der in der Um- 
gegend noch immer begüterten und angesiedelten Zwingeaberger, 
den Landfrieden durch Plünderung der Vorüberziehenden, durch 
Erbebung von Zöllen oder sonstige Belästigung der Vorbeischif- 
fenden zu stören, vorzubeugen und dieselben .fernerbin unmöglich 
zu machen. So entsohliessen sich Brzbiscbof Gerlach von Mains 
und Pfalzgraf Ruprecht der Aeltere zum Wiederaufbau der Burg, 
deren Besitz, sammt der Zogehörde, beiden gemeinschaftlich seyn 
solle : — „und was wir also bauen , das soll seyn und ist unser 
beyden halb und halb und Gemein Eines so viel als des Andern 
. ohne alle Geverde" sagt die merkwürdige Urkunde, welche diese 
Gemeinschaft auch auf Alles, was zur Burg gehört, an Wäldern r 
Feldern, Dörfern, Gerichten, Leuten u. s. w. ausdehnt: der Burg- 
friede, der zwischen den beiden Erbauern 1364 abgeschlossen und 
unter Nr. 16 p. 140 ff. des Urkundenbuchs aus einem kurpfälzi- 
schen Copialbuch wörtlich abgedruckt ist, bestimmt genau die 
Gränzen, eben so die Art und Weise, in der alle in der Folge 
vorkommenden Streitigkeiten zu schlichten seyen und dergL Aber 
nicht blos den Berg sammt Zubehör, auf welchem die alte Burg 
gestanden und die neue erbaut werden sollte, auch anderes Be- 
sitzthum der Edlen von Zwingeoberg kam durch Kauf an die 
neuen Herrn; die Zerstörung der Veste scheint in so fern naoh- 
tbeilig auf die Verhältnisse des Geschlechts eingewirkt zu haben, 
als im Verlauf des vierzehnten Jahrhunderts noch von weiteres 
Kaufen die Rede ist, in Folge deren das Besitzthum der Zwin- 
genberger in andere Hände, namentlich, in die der Edlen von 
Hirschhorn überging. Die Burg Zwingenberg erstand aufs neue, 
bestimmt, wie es scheint, eine mächtige und starke Veste zur Er- 
haltung der Landessicherheit und zum Sobutz des Handels wie 
der Vorüberschiffenden, zu werden ; aber schon in der ersten An- 
lage gerieth der Bau in Stocken; die schwierige Lage, die finan- 
ziellen Verhältnisse und andere Streitigkeiten und Bedrängniase 
der rheinischen Pfalzgrafen scheinen den weiteren Ausbau gebin- 

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< 



118 Krieg v. Iluclifclden : Div Vcsto Zwmgenberjf. 

dert und die Veranlassung gegeben zü haben, das« der Pfalzgraf 

und nachberige Kaiser Ruprecht III. die Herrn von Hirschhorn, 
zu Dank für ihre treu geleisteten Dienste, mit Zwingenberg und 
Alle», was dazn gehörte, feierlichst belehnte, im Jahre 1403) 
die Bei ebnung mit der malnzisehen Hälfte vom Erzbischof zu 
MaänZ.: und dessen Kapitel erfolgte ebenfalls noch in demselben 
J«bre-; und im folgenden Jahre tratea die Dynasten von Hohen- 
lohe, ; "deren Leben ursprünglich die Burg Zwingenberg war, ihr 
Obereigenthomsrecbt nn die Herrn von Hirschhorn als Eigenthum 
ab. Ks ist dieser letztere Umstund merkwürdig: er mag zeigen, 
das* euer* nach der Zerstörung der Barg und ihrer Uebergsbe 
(mittelst Kaufs) von Seiten der Zwingehberger an Kur- Mainz 
und Kur. Pfalz, doch das alte Lehensrecbt der Hohenlober nicht 
e*los<hen war < wenigstens nach den strengeren Grundsätzen des 
Rechts jener Zeit nicht' als erloschen betrachtet werden konnte, 
weahals der eine: der Edlen von Hirschhorn, Ritter Hans, der als 
Ilofrichter im Dienste des Kaisers gewiss mit allen diesen Rechts- 
vBTBästhisscn wohlbekannt war, diese Formalität einer Verzichtlei- 
Ktang der ersten L eh »sherHn für not h wendig ond wesentlich er- 
n*ht>drt..mus6te, um das seinem Geschlecht überwiesene Lehen gc- 
gejnijäde Anfechtung anf rechtlichem Wege sicher fco stellen. Die 
Belehnungsbriefe, die Reverse und der ßestätigungsbrief finden eich 
im.NÜrkundenbudb Kr;. lOff. p. 147fT. wörtlich abgedruckt. Ks rei- 
hat sich daran eine weitere Zahl von Kaufbriefen und dergl. aus 
der nächsten Zeit, die uns ganz deutlich das Streben der neuen 
LeUrfsträger erkennen lassen, die sämmtlicben Besitzungen des 
Zwni^eubergisclsen Gesrblecbts nach und nach an sich zu bringen ; 
der begonnene Bau der Bopg Ward mit erneuertem Eifer aufge- 
nommen: dafür spricht' eine merkwürdige (s. Nr. 34 ß. 170 ff»), 
hier vollständig mitgeteilte Urkunde, in welcher ein Wimpfner 
Steinmetz, Heinrich Isenmcnger-, mit welchem die Herrn von 
Hirschhorn über Uen-Dnü eines „groe Steinen Haus zu Zwingen- 
berg. in der ißnrg" übereingekommen waren, verspricht eine ihnen 
schuldige Summe abzuzahlen • «der am Bau des Hauses ttbzuver- 
<}ienen. Indess scheint doch erst Im Jahre 1424 der Bau seine 
gänzliche Vollendung erlangt zu haben • in diesem Jahre nemlich 
ward die» neue Schiossoapelie eingfeNvelbi durch den Bischof vqn 
Woi ras, den der Bischof von Würzburg, dessen Sprengel Zwin- 
gentaerg gehörte«, dazu in einer darüber ausgestellten Urkunde 
(;i\r, 37 |>. 175) ausdrücklich ermächtigt hatte. Ueberbaupt fällt 
fn diese Zeit die llaujtpeifodc de» Glanzes <md des ReiofetlHiÄW 



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1 

Krieg: r. Hochfelden: Die Veste Zwingenberg. 119 

der Edlen vou Hirschhorn, wahrend die Zwingenberger immer mehr 
aas der Geschichte verschwinden; der letzte dieses Namens kommt 
in Urkunden 1475 vor, Hans von Zwingenberg, welcher zu H&nd- 
schuebsheim in der Nähe von Heidelberg seinen Wohnsitz hatte. 
Bin Ludwig von Bödigbeim nennt auf einem 1541 in der Kirche 
dieses Ortes errichteten Grabstein seine Mutter eine geborene von 
Zwingenberg, wonach also wohl gegen Ende des fünfzehnten 
Jahrhunderts das Erlöschen dieses Geschlechts mit unserm Verf. 
zu setzen ist, der, so weit die Data reichen, einen Stammbaum 
desselben in der Beilage Nr. 26 aufgestellt bat. — lieber die 
Schicksale der Burg und ihrer Umgebungen w&brend der Zeit dea 
Pfalzgrafen Friedrich des Siegreichen schweigt die Geschichte; 
Urkunden aus dieser Periode sind kaum noch vorhanden, bedeu- 
tende in keinem Fall; mit dem Untergang des Geschlechtes der 
, Edlen von Hirschhorn und der Zerstreuung der darauf bezuglichen 
Urkunden mögen auoh diejenigen, welche die Veste und Herr- 
schaft Zwingenberg berührten, zerstreut und in Folge dessen ver- 
loren gegangen seyn. Das einzige bedeutende Ereigniss, von dem 
uns nähere Kunde durch die darauf bezügliche, wichtige Urkunde 
zugekommen, ist der Verkauf der Burg und Herrschaft Zwingen- 
berg, von Seiten der Edlen von Hirschhorn an den Pfalzgrafen 
Otto- IL von Mosbach im Jahre 1474, Schloss und Berg als Lehen, 
das übrige als freies Eigenthum. Mit Recht macht der Ref. auf 
den Inhalt dieses, einem kurpfäJzischen Copialbuobe entnommenen 
und hier unter Nr. 42 p. 183 ff. wörtlich abgedruckten Kaufbrie- 
fes aufmerksam , weil er uns nicht blos den damaligen Bestand der 
Herrschaft Zwingenberg, sammtden dazu gehörigen Dörfern, Gütern, 
Gefällen, Rechten genau verzeichnet, sondern auoh über die Rechts- 
verhältnisse der Bewohner dieser Herrschaft Angaben enthält, welche 
für die Keontniss der damaligen Zustände, der Lage und der , 
Rechte der verschiedenen Classen der Berölkerung in den Ländern 
am Neckar, im Odenwald, Kraichgau so wie den anstossenden Tbei- 
len von Franken und Schwaben so belangreich sind. Es erschei- 
nen darin als unterste Ciasse Leibeigene, eine übrigens nicht 
bedeutende Zahl, die als zur Herrschaft gehörig, mit verkauft 
werden, an siebzig Männer und siebzig Frauen, dann die Höri- 
gen, die Hauptmasse der Bewohner der zur Herrschaft gehöri- 
gen Dörfer, der eigentliche Bauernstand und dann die höher ste- 
hende Classe der auf Mühlen, Höfen und einzelnen Gütern woh- 
nenden Erbpächter, welche nur ihren Zins zu entrichten und ge- 
wisse Frohndeu zu leisten hatten, worüber genaue Bestimmungen 



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120 Krieg v. Hoc! feldcn: Die Vcstc Zw ingtnberg. 

in dem Kaufbrief vorkommen, der uns überhaupt manche merk- 
würdige Blicke in das ganze Leben der Zeit, auch selbst über die 
Cultur des Bodens, den Betrieb der Landwirtschaft, z. B. nament- 
lich der Schafzucht und dergl. öffnet, und damit zugleich einen 
beachtenswerthen Beitrag zu einer so sehr zu wünschenden Ge- 
schiente der landwirtschaftlichen Cultur unserer vaterländischen 
Gegenden im Mittelalter liefert. Als nun aber Pfalzgraf Otto II. 
von Mosbach , der inzwischen auch durch neue Ankäufe in der 
Umgegend seine Zwingenberger Besitzungen erweitert hatte, 1499 
kinderlos gestorben war, so fiel, nach dem von ihm 1479 mit dem 
Kurfürst Philipp abgeschlossenen Erbvertrag, Zwingenberg mit 
Zubehör an Kurpfalz, nachdem im Jahre 1491 auch von Seiten 
des Krzstiftes Mainz die bis dahin noch immer fehlende Ledig- 
sprechung für die Hälfte des Schlosses Zwingenberg, das die von 
Hirschhorn zum Lehen von Mainz getragen hatten, erfolgt und 
damit erst Zwingenberg ein reines Eigenthum der jüngeren pfäl- 
zischen Linie zu Mosbach geworden war (s. die Urkunde Nr. 45 
p. 201 ff.). Aber schon wenige Jahre nachher, am 29. Sept. 1504, 
ward die ganze Herrschaft, wie sie durch Otto II. erkauft und 
mit weiteren Ankaufen vermehrt, an die Kurpfalz gelangt war, 
von dem schwer bedrängten Kurfürst Philipp wieder als ein Erb- 
lehen um die Summe von 12100 Gulden rheinisch an denselben 
Hans von Hirschhorn verkauft, der mit seinem Bruder Eucharius 
und seinem Oheim Melchior von Hirschborn im Jahre 1474, also 
gerade dreissig Jahre zuvor, das Ganze an den Pfalzgrafen Otto II. 
von Mosbach verkauft hatte. Und von nun an blieb Zwingenberg 
bei dem Besitzthum der Edlen von Hirschhorn bis zu dem Aus- 
sterben dieses Geschlechts, das von dem dreizehnten Jahrhundert 
an eine so bedeutende und einflussreiche Rolle in der Geschichte 
unserer Gegenden spielt, undf^besonders in die Geschichte der 
Kurpfalz, an welche sich die mächtigen Edlen von Hirschhorn 
vorzugsweise anschlössen, tief eingreift. Mit dem Tode Fried- 
richs von Hirschhorn, der in einem unglücklichen Zweikampf am 
22. Sept. 1632 zu Heidelberg als der letzte seines Stammes fiel, 
erlosch das Geschlecht in einer Zeit der Unruhe, der Noth und 
Bedrängniss, wie sie der damals wüthende dreissigjährige Krieg 
auch über die Kurpfalz gebracht hatte Die Herrschaft Zwingen- 
berg aber ward nun der Gegenstand eines Rechtsstreites, der über 
ein Jahrhundert fortdauerte, und, wie der Verf. hinzufügt, „den 
damaligen Zustand des öffentlichen Rechtes in Deutschland auf 
eine merkwürdige Weise beurkundet." So verwickelt auch dieser 



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Krieg v. Hoehfelden: Die Veite Zwingenberg. 121 

ganze Rechtsstreit war oder vielmehr es durch den Preoess erst 
recht geworden ist, so hat uns doch der Verf. ein so klares und 
anschauliches Bild desselben vorgelegt, dass es auch dem Laien 
möglich wird, dariu sich zurecht zu finden und eine richtige An- 
sicht des Ganzen in diesem Gewirre eines hundertjährigen Pro- 
oesses des weiland deutseben Reichs sich zu bilden. Hier man- 
gelten die Quellen freilich nicht; aber es war auch die Schwie- 
rigkeit um so grösser, die Ergebnisse einer muherollen Prüfung 
und Forschung aus so vielen trocknen Akten, Rechtsverhandlun- 
gen, Recbtsdeductionen und dergl. in einer so befriedigenden 
Weise vorzulegen. 

Eine Vatersschwester des letzten der Edlen von Hirschhorn, 
vermählt mit einem Friedrioh Göler von Rayensburg, hatte diesem 
Geschlecht, die, im Fall des Erlöschens der Hirschhorner, auch 
förmlich zugesicherte Lehnsfolge auf Zwingenberg zugewendet, 
um die sich nach dem Tode des eben genannten Friedrieb der 
aus jener Ehe entsprossene Sohn Engelhardt von Göler bewarb, 
und seine Rechtsansprüche, gegenüber dem Geschlechte der von 
Eitz, das jedoch um einen Verwandtschaftsgrad niederer stand, 
auch zu behaupten wusste; denn er ward im April 1633 wirklich 

• 

in die Herrschaft Zwingenberg eingesetzt, in der er sich bis zur 
Nördlinger Schlacht (August 1634) auch zu behaupten wusste, 
ungeachtet Pfalzgraf Ludwig Philipp, der nach Friedrichs V. Tod 
die Verwaltung der von den Schweden bisher verwalteten pfälzi- 
schen Lande für den noch unmündigen Carl Ludwig antrat, ihn 
abschlägig besohieden , als er bei diesem um die erneuerte Be- 
lehnung für Zwingenberg nachgesucht hatte. Man betrachtete 
Zwingenberg als ein durch den Tod des letzten der Edlen von 
Hirschhorn heimgefallenes Leben. Vergeblieb suchte Engelhard 
von Göler, aus seinem durch bairisebe Truppen besetzten Schloss 
vertrieben, um Wiedereinsetzung bei Kurpfalz nach, während zu- 
gleich die Familie der von Kitz ihre vermeintlichen Ansprüche er- 
hob; vergeblich wendeto sich die verdrängte Familie an Kaiser 
und Reich, wie an die Kurfürsten der Pfalz, Carl Ludwig und 
Jobann Wilhelm, welcher letztere im Jahr 1696 und 1699 selbst 
so weit ging, seinen Hofkanzler, den Freiberrn Franz Melobior 
von Wieser, mit Zwingenberg, dem Schloss und Dorf, und andern 
Zugehörden der Herrschaft, wie solche die Edlen von Hirschhorn 
von Pfalz zu Leben getragen, zu belehnen, und der Nachfolger, 
Kurfürst Carl Philipp ernenerte 1718 dieses, nun auch auf die 
weibliche Descendenz übertragene Lehen. Indes* ermüdete die 



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> 



1*22 Krieg v. Hoch leiden : Ute Vesto Zwingenberg« 

ans dem Besitzstand gekommene Femilie der Göler von Ravens- 
burg nicht in ihren Bemühungen, auf dem Wege Rechtens wieder 
in den Besitz von Zwingenberg eingesetzt zu werden. Es gelang 
auch wirklich, allen Einwendungen von Knrpfalz ungeachtet, vom 
Kaiser einen günstigen Entscheid (1725) und im folgenden Jahre 
ein darauf bezügliches Executionsscbreiben zu erwirken, was bei 
fortdauernder Weigerung von Seiten der Kurpfalz 1728 erneuert 
ward, und so endlich am Ende desselben Jahrs die Wiederein- 
setzung herbeiführte, während nnn ein neuer Process um den 
Schadensersatz, den die Göler'sche Familie ansprach, sich entspann, 
in welchem Kaiser und Reich, Preussen (Friedrich IL), die frän- 
kische Ritterschaft, deren Beistand die GöJcr'sche Familie zu ge- 
winnen gewusst hatte, hereingezogen ward, bis am 8* Februar 
1746 die endliche Auseinandersetzung durch völlige Restituirung 
der Göler sehen Erben erfolgte, die aber sofort — am 9. Februar 
— die ganze Herrschaft mit allen Zubehörden, Gütern, Gefällen 
u. s. w. um die Summe von 400000 Gulden und 1000 Ducatcu 
Scblüsselgeld an Kurpfalz verkauften. Nach kurzer Verwaltung 
unmittelbar unter Kurpfalz, als einer besondern Amtsvogtei, ging 
die Herrschaft Zwingenberg als Lehen in derselben Weise wie 
früher, in die Hände des vom Kurfürst Karl Theodor damit 1778 
belehnten Grafen und Fürsten von Brezenheim über, der aber nach 
dem Lüneviller Frieden dieselbe wieder an den Fürsten von Lei- 
Dingen verkaufte; bald jedoch bereute man den Kauf, der bei der 
damaligen Lage der Finanzen doppelt hart schien und in der Aus- 
führung auf Hemmnisse und Schwierigkeiten jeder Art stiess. Da 
trat zur beiderseitigen Zufriedenheit Baden, das kurz zuvor die 
Souveränität über die Leiningischen Besitzungen (in deren Nahe 
Zwingenberg liegt) erlangt hatte, in. den Kauf ein, der am 11. 
Januar abgeschlossen ward, um für die damals noch minderjäh- 
rigen Söhne aus der zweiten Ehe Karl Friedrichs eine Besitzung 
zu gewinnen, welche alsbald, am 29. März 1808, zur Standesheir- 
sebaft erhoben ward. 

u. Dies ist im Allgemeinen die Geschichte der Veste und Herr- 
schnft Zwingepberg, wie sie uns der Verf. in den vier ersten Ab- 
schnitten seiner, durch eine ruhige, streng unparteiliche Darstel- 
lung, durch zweckmässige Auswahl des Wichtigeren und Sonde- 
rung des minder Wichtigen sich empfehlenden Schilderung vor- 
geführt bat. Daran knüpft sich noch in einem fünften Abschnitt 
eine Schilderung des dermaligen Bestandes der Herrschaft, ihrer 
£age, ihrer Cultur, ihrer Bevölkerung und dcrgl., dann aber auch 



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Krieg v. Hochfetden : Die Vcule Zwingenberg. 123 

eine genaue Beschreibung der Veste delbst, wobei zuvörderst die 
wohl ausgewählte Lage der Burg auf einem Vorsprung, die An- 
lage des Ganzen wie die Anordnung der einzelnen Theile bespro- 
chen wird; dann wendet sich der Verf. in einer Äusserst belehren- 
den Werse, wie man es von einem so gründlichen Kenner der 
Befestigung skunst des Mittelalters nicht anders erwarten kann, zu 
des einzelnen Tbetteri des Baues, wie er in der ersten Periode 
des fünfzehnten Jahrbundefts auf den Trümmern der gebrochenen 
Burg sich erhob, beschreibt dieselbe aufs genaueste, mit sorgfäl- 
tiger Unterscheidung von dem, was später angebaut oder verän- 
dert ward, und berührt dabei auch manches Andere, was die Bau« 
kunst jener Zeit betrifft : lauter Gegenstände , auf welohe wir alle 
diejenigen insbesondere aufmerksam machen müssen, die mit ähn- 
lichen Studien sich beschäftigen, oder durch dieselben zur Unter- 
suchung von Burgen des Mittelalters, sey es der frühem oder der 
spätem Periode geführt werden* Bedenkt man, wie hier oft, bei 
dem Mangel urkundlicher Nachrichten, die Art des Baues, die 
Anordnung der einzelnen Theile und deren Beschaffenheit das ein- 
zig siehere Mittel ist, die feeH des Baues, und damit oft auch des 
Geschlechts, das dieselbe sich angelegt, nach seiner Blüthenzeit 
zu ermitteln, so wird man sieh nicht verhehlen , wie die sichere 
historische Grundlage hier so oft ron einer gründlichen und ge- 
nauen Kenntnis* mittelalterlicher Baukunst einzig -und allein ab- 
hängt, die bisher mehr vom religiösen Standpunkte aus, in Bezog 
auf Kirchen, Klöster, Kapellen und dcrgl. Gegenstand der Erör- 
terung geworden ist, während man die Werke der Befestigung 
ausser Aoht Hess. Wir können daher hier nur den schon mehrfach 
ausgesprochenen Wonach wiederholen, dass es dem Verf. dieser 
Schrift recht bald möglich werden möge, das grössere Werk, 
das ihn schon viele Jah¥e beschäftigt, einer Geschichte der Befe- 
stigdngskunst des Mittelalters und der Anlege aller dahin ein- 
schlägigen Bauwerke , namentlich also auch der Ritterburgen 
Deutschlands nach den verschiedenen Zeitaltern, erscheinen zu 
lausen. Bitte fühlbare Lücke unserer Literatur würde damit aus^ 
gefüllt, dem historischen und antiquarischen Forscher unserer Vor- 
zeit aber damit eine sichere Anleitung in die Hände gegeben wer- 
den, deren Mangel er bisher oft schmerzlich empfinden mnsste. 

Der schönen und netten Stiche, welche Abbildungen der Burg 
Zwingenberg von verschiedenen Seiten und Standpunkten aus lie- 
fern, so wfce der mit seltener Genauigkeit ausgeführten Umrisse 
UUd Pläne Uwes Ref. noch am Schlüsse gedenken : sie bilden eine 



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I , 

124 Krieg r. Uocbfeldcn: Der Saalliof in Frankfurt. 

recht ansprechende und zu der schönen typographischen Ausstat- 
tung des Werkes gut passende Zugabe. 

Eine andere, um dieselbe Zeit erschienene Schrift desselben 
Verf. gibt uns die erfreuliche Aussicht, dass wir von der Erfül- 
lung des eben geäusserten Wunsches nicht allzu ferne stehen: 
denn sie ist ein äusserst dankenswerter Beitrag zu dem ge- 
wünschten Werke; sie betrifft eines der ältesten Denkmale deut- 
scher Baukunst, das älteste jedenfalls der alten freien Reichsstadt 
Frankfurt : 

Die ältesten Bauwerke im Saalhof zu Krankfurt a. AT.; seine 
Befestigung und seine Kapelle. »7 S. in klein 4. mit zwei Tafeln. 

Hervorgerufen, wie das Vorwort bemerkt, durch den Abbruch der 
ältesten Bauwerke des Saalhofes im Jabr 1842, sucht die Schrift 
zunächst das Andenken daran durch eine genaue Beschreibung zu 
retten, berührt aber dabei so manches Andere von all gemeinerem 
Interesse für die richtige Einsicht und Würdigung mittelalterlicher- 
Baukunst, dass man billig dem Ganzen eine grössere Aufmerk- 
samkeit zuwenden muss. Der Verf. hat auch hier in einem be- 
sonderen Falle näher gezeigt, wie die Baukunst der Länder des 
europäischen Westens noch im neunten Jahrhundert ganz an rö- 
mische Muster und Formen sich hielt, und zwar nicht blos bei 
kirchlichen Bauten, sondern noch mehr bei Befestigungen, bis mit 
dem Anfang des zehnten Jahrhunderts das römische Element ver- 
schwindet, und ein neues, das germanische Element, seine An- 
fangs langsame, später aber schnelle und durchaus eigenthümliche 
Entwicklung beginut, „so dass die Denkmale später römischer und 
karolingischer Baukunst viel weniger von einander verschieden» 
sind, als jene aus dem Anfang des neunten von den Denkmälern 
aus dem Ende des zehnten Jahrhunderts. Die römischen Traditio* 
nen sind mit einemmale verschwunden ; das aus Bruchsteinen erbaute 
Mauerwerk jener Zeit zeigt nicht die entfernteste Spur gleich hoher 
Lager; kleine und grosse, ganz unregelmässige Stücke werden 
durch reichlichen Mörtel zusammengehalten. Als charakteristische 
Eigenschaft dieser Mauern findet sich der reichliche Mörtelverputz, 
nicht nur von innen, sondern sehr oft auch von aussen. Von allen 
Arten der künstlichen römischen Steinverbindung bat sich nur eine 
einzige in roher Nachahmung erhalten, -die besonders im eilften 
Jahrhundert häufig gefunden and nach der ährenf örmjgen Stellung 



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Krieg v. Hochfclden: Der Saalhof in Frankfurt. ]2$ 

- 

der Steine Opas spicatum genannt wird. Die Widerstandsfähigkeft 
der Befestigungsanlagen suchte man unter diesen Umständen nur 
in der Dicke und Massenhaftigkeit der Mauern, indem man daa 
römische sehr wirksame Vertheidigungsmittel Süsserer Seitenbe- 
streicbung gänzlich vergass n. s. w. u (S. 8.)* Wir haben diese 
längere Stelle absichtlieh mitgetbeilt, weil sie Ansichten und Leb- 
ren enthält, auf welche unsere Altertumsforscher nicht genug 
aufmerksam gemacht werden können, wie denn noch Manches der 
Art gelegentlich hier vorkommt, was gleiche Beachtung anspre- 
chen muss. 

Wenden wir uns nun zu dem speciellen Gegenstande, der 
diese und ähnliche Betrachtungen hervorrief, so handelt es sich 
hier zunächst darum, die Ueberreste karolingischer Befesti- 
gungen des Saalhofes zu Frankfurt am Main nachzuweisen, 
d. b. des Ortes, wo Ludwig der Fromme in dem ersten Abschnitte 
des neunten. Jahrhunderts — jedenfalls vor 822 — ejnen Palast 
sieh erbaute, der nach der Sitte jener und der folgenden Zeit mit 
Ringmauer und Graben verseben, also befestigt war. Der jetzige 
Saalhof, seit 1697 in Privatbesitz übergegangen, nimmt genau die 
Stelle dieser alten Königspfalz ein, welche seit 1298 lebenweiser 
Besitz mächtiger Dynasten, seit 1338 angesehener Börger gewor- 
den war: und wenn der Raum derselben allerdings nicht beträcht- 
lich ist, demnach für das Gefolge des Kaisers, die Ministerialen 
u. s. w. keinen Platz bieten konnte, so ist zu bedenken, dass ge- 
rade die Ansiedlung derselben ausserhalb der Pfalz mit die näch- 
ste Veranlassung zu der weiteren Anlage gab, aus welcher dann 
die Stadt Frankfurt erwachsen ist. Es ist dem Verf. gelungen, 
den Umfang und den Zug der Ringmauer nebst dem sie umge- 
benden Graben zu ermitteln, und selbst noch Reste der ersten nach- 
zuweisen, die um so merkwürdiger sind, je seltener überhaupt in 
Deutschland noch Baureste karolingischer Zeit angetroffen werden. 
Die äusserst genaue und gründliche Erörterung muss man in der 
«Schrift selbst nachlesen. Auf einem der dazu gehörigen Verthci- 
digungsthürme aufgesetzt erscheint die so viel besprochene Saal- 
faofscapelle, deren Bau jedoch, wie der Verf. aufs überzeu- 
gendste nachweist, in die ersten Jahre des dreizehn;« n Jahrhun- 
derts fällt; ihre Bestimmung scheint nicht sowohl eine kirchliche 
gewesen zu seyn, sondern, wie der Verf. höchst wahrscheinlich 
macht, die Aufbewahrung der Reichskleinodien zum Gegenstande 
gehabt zu haben, welche früher (im Jahre 1125 bis 1153) auf der 
Feste Trifels, wo zu dem gleichen Zwecke eine ähnliche Capelle 
auf einem Thurme angebracht sich befindet, verwahrt, dann nach ^ 
Hagenau in den neuen Palast Friedrich^ I. gebracht, von da aber 
heimlich entführt, am 11. Novbr. 1208 dem Kaiser zu Frankfurt 
übergeben, aber schon im Jahre 1215 auf den Trifels wieder zu- 
rück gebracht wurden. So würde dann auch um das Jahr 1208 
der Bau der Kapelle zu setzen seyn, die übrigens weiter in Ur- 
kunden nicht vorkommt, deren Schutzheiligen wir nicht einmal 
kennen, wahrscheinlich, weil sie, nachdem der nächste Zweck ihrer 



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12ß 



ZeiiRo: Di« freir Rci< Igstadt Spricr. 



Errichtung, die Aufbewahrung der Reicbskleinodicn, durch deren 
Entfernung erfüllt war, nun verlassen blieb. 



Von einem Denkmal der alten freien Reichsstadt Frankfurt 
dürfen wir uns wohl zu einer andern nicht minder berühmten, 
freien Reichsstadt in unserer Nähe wenden, deren frühere Anlage 
Gegenstand einer Monographie geworden ist, wie nie wohl auch 
von andern alten Städten unseres Vaterlandes gewünscht werden 
dürfte: 

Die freie Reichsstadt Spei er vor ihrer Zerstörung nach urlcund* 
liehen Quellen örtlich geschildert von Prof. Dr. Zeuss. Mit altem 
Plane und alten Ansichten der Stadt. Speier. Buchdruckerei von 
Daniel Kranzbühler. 1843. 34 S. in gr. 4. 

Der Verf. gibt darin ein äusserst genaues Bild der Stadt 
Speier nach allen ihren einzelnen Bestandteilen , ihren jetzt ver- 
, sebwundenen Vorstädten, den Plätzen, Kirchen, Thoren, Strassen, 
merkwürdigen Gebäuden u. dergl., wie selbige vor dem Jahr 1689 
bestand, wo französische Mordbrennerei die Stadt Speier so gut 
wie andere Nacbbarsiädte zu beiden Ufern des Rheins, auch Hei- 
delberg nicht ausgenommen, in einen Schutthaufen verwandelte, 
aus welchem sie erst lnngsam sich wieder erhob , ohne je wieder 
ku der Bedeutung und dem Ansehen zu gelangen, das ibr in der 
früheren Periode Deutschlands eine so bedeutende Stelle zugewie- 
sen hat. War doch am Anfange dieses Jahrhunderts die (seitdem 
auf das Doppelte wieder gestiegene) Bevölkerung der Stadt auf 
kaum fünftausend Seelen herabgesunken, während sie früher 
auf einem Flächenraume, der den des heutigen Mannheim (mit 
seinen 22000 Bewohnern) übersteigt, gewiss zum wenigsten an 
dreissigtausend Einwohner in ihren Mauern zählte; eine Zahl, 
die, wenn man die engere Anlage der alten Städte, das auf einander 
Gedrängte der Häuser und dergl. bedenkt, gewiss nicht übertrie- 
ben, eher zu gering angenommen seyn wird. Und von dieser Stadt 
erhalten wir hier eine ganz genaue Topographie ihres ehemaligen 
Bestandes, durchweg erhoben nach urkundlichen Nachrichten und 
blos auf solche Quellen gestützt, denen hier die spraobliche For- 
schung anf eine äusserst nützliche Weise zu Hülfe gekommen 
ist. Wenn freilich aus der Zeit der ersten Anlage nur spärliche 
Nachrichten auf uns gekommen sind , so liegt dagegen seit der 
Mitte des dreizehnten und besonders seit dem Anfang des vierzehnten 
Jahrh. eine Reibe von Urkunden und Quellenschriften i n Perga- 
ment und Papier vor, aus welchen der Verf. eine solche, urkund- 
lich treue Zusammenstellung zu geben vermochte, welche alle Be- 
nennungen der einzelnen Stadttheile, deren Uragrän/.ung, die ein- 
zelnen Strassen, Thore, Kirchen und andere Hauptgebäude genau 
verzeichnet, und daran weitere Erörterungen bald vom lokalen, bald 
und meistens von einem höheren, sprachlichen oder historischen 
Interesse knüpft, welche unsere Kenntniss städtischer Einrichtun- 
gen des Mittelalters und überhaupt des städtischen Lebens und Trei- 



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Zcüsa: Die freie Reichsstadt Speicr. 127 

bens jener Zeit nicht wenig" zu fördern vermögen. Unter de» er- 
wähnten Quellen , welche die Grundinge dieser Darstellung bilden, 
ist besonders ein jetzt im Carlsruher Archiv befindliches Necrolo- 
giom vetus Spirense, in der zweiten Hälfte des dreizehnten Jahr- 
hunderts angefangen und durch die folgenden Jahrhunderte fort- 
gesetzt, zu nennen, dann aber auch noch eine jetzt zu München 
aufbewahrte Handschrift, welche den Bericht eines bisher noch 
nicht bekannten Chronisten der Stadt Speier, Wolf gang Baur 
(-J- 1516) über den Dom, die Stifter, Klöster und Kirchen zu 
Speier enthält und zugleich den Beweis liefert, wie Bisegrein in 
seiner 1564 erschienenen Chronik das, was er gibt, meist wörtlich, 
zum Thcil auch mit Abkürzungen, aus dieser um 1563 geschriebenen 
Handschrift entnommen hat. Förderlich der Arbeit des Verf. waren 
auch zwei alte Pläne, der eine um 1730 aufgenommen, aber die 
frühere Ummaueruug der Vorstädte wie der innern Stadt, eben so 
einzelne Hauptpunkte im Ionern der Stadt, wie sie noch vor dem 
Brande waren, genau verzeichnend, was wir aus der Abbildung 
ersehen, welche der Verf. seiner Schrift beigegeben hat; ein an- 
derer alter Plan im Kreisarchive von 1719 gibt einen blossen 
Grundriss. , 
Der Verf. beginnt mit einer sehr genauen und gründlichen 
Erörterung über den Namen der Stadt und die urkundliche Schrei- 
bung desselben, d. h. nicht sowohl des römischen (Nemetes) und 
des vorrömischen, celtischen (Noviomngus), wiewohl der Verf. auch 
darüber eine sehr beaebtenswerthe Bemerkung in einer Note S. 3 
mitgetheilt bat, sondern des deutschen, noch jetzt geltenden, des- 
sen erstes Vorkommen der Verf. bis ins sechste Jahrhundert zu- 
rückführt, in sofern nemlich bei dem sogenannten ravennatiseben 
Geographen (dessen Compilation der Verf. , wie wir auch in un- 
serer römischen Literaturgeschichte gegen Pacheron und Andere 
angenommen haben, unter Carl den Grossen setzt) aus einem go- 
thischen Schriftsteller, Athanarid, unter den aufwärts von Mainz 
gelegenen rheinischen Städten, neben Gorroetia (Worms), Alt- 
rip e (Altrip) auch ein Spbira erscheint, auf welches dann ein 
Porza, Stratisburgo, Brezecha, Bazela — lauter be- 
kannte Städtenamen — folgen, so dass auch in Sphira Niemand 
die Benennung Spira, unter welcher der, nach dem gleichnami- 
gen , durchlaufenden Flüsschen benannte Ort schon in karolingi- 
schen Urkunden vorkommt, verkennen wird; erst zu Anfang des 
sechszehnten Jahrhunderts, wo das alte gedehnte i zu ei wird 
(Rhin = Rhein, Win = Wein u. dergl.), kommen die Schreibun- 
gen Speir (statt* des älteren Spir, Spire) und mit eingeschal- 
tetem e Spei er vor. Nach dieser schönen sprachlichen Ausein- 
andersetzung, deren Ergebniss wir hier in der Kürze mitgetheilt ha- 
ben, wendet sich der Verf. zuerst zu der innersten Stadt, als dem 
ältesten Theile, dem ursprünglichen Kern des Ganzen, bestimmt die 
verschiedenen Hauptausgänge dieser mittelalterlichen Burg oder ci- 
vitas, das Burgthor, das Stadtthor und die andern Nebenausgänge ; 
dann folgen die äusseren Thore, welche die Vorstädte umschlos- 



• 



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128 Zcusi : Die freie Reichsstadt Spcicr. 

seil, die vor den Burgthoren an die vier Seiten der innern Stadt 
sich anlehnten, und rückwärts durch die Burgmauer, nach den vor- 
deren Seiten aber durch eine von aussen um sie herumlaufende 
Mauer geschützt waren; auch hier knüpfen sich an den örtlichen 
Nachweis sprachliche Erörterungen über die hier vorkommenden 
Benennungen, was dann weiter auch zu manchen historischen Be- 
merkungen führt. In gleicher Weise werden Mauerthürme, Gra- 
ben, Warten in Betracht genommen, dann die Vorstädte selbst 
einzeln genau in derselben W T eise besprochen: und nun folgen die 
inneren TheUe des Ganzen und die hauptsächlich hier hervorragen- 
den Punkte: zuvörderst die Stifter, Klöster, Pfarrkirchen und Ka- 
pellen Neben dem Hoch- oder Domstift in der östlichen Ecke 
der innern Stadt, wo der seit 1030 erbaute Kaiserdom in aller 
seiner Pracht und Majestät, von der wir uns jetzt, nach der fran- 
zösischen Zerstörung, kaum noch einen Begriff machen können, 
sich erhob, dessen Umgebung mit den verschiedenen zum Stift ge- 
hörigen Gebäuden (auch der bischöflichen Wohnung, die wahr- 
scheinlich an der Stelle der früheren kaiserlichen PfrJz sich befln- 
fkf) bis tief in die innere Stadt hinein sich erstreckte, finden wir 
in der nordwestlichen Ecke das Weidenstift (nach dem heili- 
ligen Abt Guido), in der südwestlichen das Stift zur heili- 
gen Dreieinigkeit, und ausserhalb der Mauern das Gennans- 
stift: diese Stiftskirchen sind jetzt spurlos verschwunden. Eben 
so werden die Klöster, vier Mannsk!öster und zwei Frauenklöster, 
die verschiedenen, mit Begräbnissplätzen umgebenen Pfarrkirchen, 
Kapellen und dergl. aufgeführt und urkundlich nachgewiesen; es 
folgen dann in gleicher Weise die verschiedenen städtischen Ge- 
bäude, unter denen auch drei Brod- und Fleischschrannen, das 
neue Spital und andere Mildthntigkeitsanstalten, die Mühlen, Bru- 
cken, Brunnen und Badhäuser (deren nicht weniger als acht hier 
aus Urkunden nachgewiesen werden — eine gewiss beträchtliche 
Zahl die zu Vergleichungen mit andern Städten des Mittelalters 
auffordert) erscheinen, und daran reihen sich nun die Strassen der 
innern Stadt wie der Vorstädte, die Bauptstrassen, wie die kleine- 
ren und die Nehengässchen , so weit dieselben urkundlich auszu- 
mitteln waren; auch hier wird Richtung und Lage, Benennung und 
Gebrauch derselben näher besprochen; die Strassen und Anlagen 
ausserhalb der Mauern machen den Beschluss dieses topographi- 
schen Bildes, das uns der oben schon erwähnte Plan, dem auch 
die Abbildungen von Speier aus Sebast. Münster (von 1550) und 
aus Merian (1660) beigefügt sind, veranschaulicht, während der 
Anhang (S. 27ff.) uns eine Anzahl von ungedruckten Docurocnten 
aus den vom Verf. benutzten Quellen als schätzenswerthe Belege 
seiner verdienstlichen Forschung bringt, von der wir hier nur ei- 
nen schwachen Umriss zu geben vermochten. 

Chr. Bahr. 



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Nr. 9- HEIDELBERGER 1844. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



KURZE ANZEIGEN. 



1 Monis Chrysostomi Opera Gratet. E rteensione Adolphi Em-» 
perii. Pars prior. Oratio J— XXX. Brunsvigat, impensis Q. 
Wtstermannt. 1844. 8. 359 S. 

2. Lettre i M. Hase sur Is discours de Dion Chrysostome inti - 
tule Höge de la chevelure, par J K Qcel. Leydr, H. W. Harenberg 
st Comp. ±889. 8. 39 S. 

An der Spitze der Sophisten, welche die in Alexandrien einbnlsn- 
mirten nnd zur Fortpflanzung auf ferne Generationen wohl praparirten 
Schatze dea griechischen Altertbums noch einmal aufwärmten und den 
nach geistigen Genüssen durstenden Römern, Griechen und Asiaten mehr 
als drei Jahrhunderte hindurch vorsetzten, steht Dion aus Prusa in By 
thinien, um die Mitte des ersten Jahrhunderts n. Ch. geboren. Seine 
Zeitgenossen , welche die mehr redseligen als beredten, mit Blumen an- 
tiker Gelehrsamkeit reichlich geschmückten Vorträge für baares Gold 
nahmen, ertheilten ihm den Beinamen Chrysostomus, und setzen uns, 
wenn es an andern Beweisen fehlte, schon dadurch in den Stand, über 
den Geschmack jenes Zeitalters zu urtheilen. Mag aber dieses Urtheil 
ausfalle* wie es wolle, so ist man jedenfalls darüber einverstanden, dass 
diese nach nnserm Geschmack an Worten reichen, an Ideen armen 
Schriftsteller nicht nur für die Charakteristik ihrer Zeit, sondern noch 
mehr für die Kenntnis» des höheren Alterthnms vermöge der zahlreichen 
Bruchstücke und Notizen für die Philologie von hohem Werthe sind. 
Um so mehr war es seit langer Zeit zu bedanern, dass der Coryphäe die- 
ser Literatur in einem Zustand auf uns gekommen ist, der ihn fast un- 
geniessbar machte« Die Corroptel betrifft bei Dion nicht nur einzelne 
Wörter, sondern die Abschreiber, denen seine langgedehnten Reden noch 
nicht lang genug waren, haben sich an ihm besonders durch kürzere und 
längere Interpolationen versündigt, die so abgesebmakt sind, dass sie 
sich mit dem Beinamen Chrysostomns auf keine Weise reimen. In Be- 
tracht dieser Sachlage hatte sich Herr Professor nnd Bibliothekar Geel 
in Leyden schon längst zu einer neuen Ausgabe entschlossen, gab aber 
diesen Plan wieder anf, als er vernahm, dass Herr L. Dindorf in Leip- 
zig|dieselbe Absicht habe. Allein auch Herr Dindorf kam über der Ar- 
beit an der neuen Ausgabe von Stepbani Thesaurus nicht an die Aus* 
fährung seines Planes, und so begnügte sich denn Herr Geel, dem Dion 
die verloren geglaubte Rede, xo>>y; ryxefyuev, au resfituiren, d. h. mit an- 

XXXVII. Jahrg. 1. Doppelheft 9 



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130 Kurse Anzeigen. 

deren Worten, darzuthnn, daie das van Synesitis in seinem Lob der 
Kahlknpfi gkeit erhaltene Stück von Dion's Rode ('.ob Ganze gey, was 
Syncsius knnnte, und wahrscheinlich nur ein Proöiiiiom war, dergleichen 
die Rhetorcn und Sophisten immer mehrere vorräthig hatten, wie Cicero 
in den Briefen an Atticus XVI., 6. von sich sagt : habeo volumen prooe- 
miorum: ex eo eligere söhn, quura aliquod <ru'yypa^a iostitui. Diesem 
Sendschreiben Hess er im Jahr 1840 eine Speciulausgabe der Olympi- 
schen Rede folgen , in deren holländisch gelehrtem Commcntare er 
zeigte, was er zu leinten vermöge, und wie er es geleistet zu wissen 
wünsche: seine reichen llülfsmittel aber Übermächte er mit einer nicht 
gepng 'zu rühmenden Grosimoth an Herrn Prof. Emperius in Brann- 
schweig (in der Lettre ä M. Hase spricht er von den „travaux intrfres- 
sants de MM. Jacobs, Görlitz, Em per, Pflugk et Btiguet"), der schon 
im Jahr 1830 durch seine Observationes in Dionein, und im Jahr 1832 
durch sein Programm De Oratione Corinthiaca falso Dioni Chrysostoroo 
adscripta Zeugniss von seinen gründlichen Studien über diesen Schrift- 
steller abgelegt hatte. Bei dem Mangel an kritischen Hülfsmitteln war 
Herr Emperius bei diesen seinen ersten Arbeiten vorzugsweise an die 
Conjeeturalkritik gewiesen, und auf diesem Gebiete bat er sieh mit so 
glücklichem Tacte bewegt, dass viele seiner Conjecturen später durch die 
Handschriften bestätigt worden sind. Nachdem er aber durch das reiche 
Erbe des Herrn Geel in den Besitz von Collationen Römischer, Florenti- 
niseher, Mailänder, Venetianischer, Moskauer und Münchner Handschrif- 
ten gekommen war und den Codex Meermanninnus, der Privnteigenthum 
Geel's ist, während seiner ganzen Arbeit neben sich liegen hatte, hat er 
die Conjectur in ihr der diplomatischen Kritik untergeordnetes Verhält- 
niss zurückgedrängt, und so haben wir nun für die 30 ersten Reden einen 
nach sicheren Quellen vielfach berichtigten, vollkommen lesbaren Text 
erhalten. Auf einzelne Beispiele einzugehen , ist uns darum nicht mög- 
lich, weil die Ausgabe so angelegt ist, dass der kritische Apparat zwar 
▼ollständig unter den Text gesetzt ist, der über die aufgenommenen Les- 
arten Rechenschaft gebende Commentar aber erst in dem zweiten Band 
folgen wird. Ausser dem Commentar werden Einleitungen in die einzel- 
nen Reden nebst Angaben des Inhalts, die auf Dion bezüglichen Stellen 
des Suidas, Photius, Philostratus, Synesius und einiger Anonymi, eine 
Abhandlung über Leben und Schriften des Dion, endlich ein genaues 
Verzeicbniss der Eigennamen zugesagt. Wenn dies Alles geleistet seyn 
wird, wozu wir nahe Aussichten und in dem Chnracler des Herausgebers 
eine, so weit es bei Menschen möglich ist, sichere Bürgschaft haben , so 
werden wir nicht ermangeln, ausführlicher zu berichten. Nur jetzt möge 
diese kurze Anzeige genügen, um auf das Werk aufmerksam zu machen. 
Sicherem Vernehmen nach wird die Gesammt-Autgabc des Philostratus 
von Herrn Prof. Kayser in Kurzem erseheinen: möchte es doch Herrn 
Krabinger gefallen, einmal den ganzen Synenius erscheinen zu lassen, und 
wäre es auch nur mit den Hülfsmitteln der Münchner Bibliothek ! Unter 
s» sicherer Hand gewinnen solche Schriftsteller sehr viel, wenn sie nach 
den Grundsätzen der heutigen Kritik durchrorrigirt werden! Ausserdem 
sind l.iltnnins und Julinnua provinciae tarnue, für deren Besorgung der 
Mann gesucht wird. Wir wünschen /sehr dass, diese Herbstrosen der 

r 

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Käme Anzeigen. 131 

griechischen Literatur sorgfältig: gepflegt werden möchten, denn «ras En- 
ripides von dem vierzigjährigen Tragiker Agathon Ragte, tcuv ttaktvv v.at 
to fA8Toir<»$ov koAo'v, das gilt von der ganzen Geschichte der griechischen 
Literatur und Kunst. 

CA. Walz. 



Observation* criticae in Piatonis comici reliquias scripsit C. G. 
Cobet. Amsterdam* apud Johannem Müller. MDCCCXLl. 8. 
IV. und 200 S. 

Herr Cobet beschenkt uns hier mit einer trefflichen Beilage an 
Meinet es Fragraenta Poctarnm Cnnioediae antiqunc. T. 2. Der grosse 
Umfang der Meinckischen Sammlung erschwert eine Sn alle Einzclnhei- 
ten eingehende Prüfung der Fragmente; die ausserordentlich grosse 
Masse gesammelt, geordnet, kritisch und exegetisch behandelt zu haben 
ist schon Verdienstes genug, und wie reichhaltig in jeder Hinsicht Mei- 
ncke's Werk ist, bedarf keiner weiteren Auseinandersetzung; doch bleibt 
immer hie und da bei der immensen Ausdehnung des Stoffes etwas zu 
thun übrig, wie unter andern das oben genannte Buch zeigen kann, in 
welchem einer der ausgezeichnetsten Rivalen des Aristophanes zu nähe- 
rer Kcnntniss gebracht und eine ansehnliche Zahl seiner Fragmente sehr 
glücklich emendirt wird. 

Den Untersuchungen über Plato selbst geht im ersten Kapitel eine 
Geschichte der altern Attischen Komödie vorher; die Verdienste ihres 
Schöpfers, des Kratinus, werden gewürdigt und seine Vorgänger in Me- 
gara'und Athen als schwache Anfänger dargestellt. Schon früher hat 
Ree. in einer Benrtheilung von Bergk's Commcntt. de Reliq. Com. Att. 
antiquae die Dunkelheit dieser Periode berührt; um über die Grösse dea 
Fortschrittes ganz sicher entscheiden zu können, müsste von den Komi- 
kern vor Kratinus und auch von ihm selbst mehr bekannt seyn; doch 
war der Fortschritt gewiss sehr bedeutend. Hiernach macht der Verf. 
nach dem Vorgang von Ciarisse wahrscheinlich, dass das unter dem Ar- 
chon Morychides gegebene Gesetz, das *cu/jtcuda7v betreffend, eigentlich 
von Periklei ausgegangen sey, und verbessert gelegentlich Cic. de rep. 
IV, 10. in den Worten: sed Periclem , cum jam suae civitati maxima 
auetoritate plurimos anaos domi et belli praefuisset, violari versibus et 
eos agi in scena non plus deeuit, qunm si Plautus noster voluisset aut 
Naevius P. et Cn. Scipioni aut Caccilius M. Catoni maledicere durch 
Tilgung des eos Die zwei Jahre, während welchen die Komödie in ih- 
rer politischen Richtung gehemmt war, verwandte Kratinus zufolge der 
hier ausgeführten Vermuthung auf die Ausarbeitung seiner vortrefflich- 
sten Komödie, der Chirones (p. 24). Dann dauerte die Freiheit der ko- 
mischen Bühne ungestört fort von Ol. 85, 4 bis Ol. 91, 2, wo Syrakosius 
auftrat und jrtVn neuem denselben Atitrag stellte. Ob dieser mit dem 
Hermokopidenproccss zusammenhing und viele riW darum zustimmten, 
weil sio die Aufdeckung ihrer Sünden scheuten (p. 41), lassen wir dahin- 
gestellt seyn, glauben aber gern mit dem Verf. , dass Akibiadcs der Ur- 



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332 



Kurze Anzeigen. 



• 

lieber jenes Vorschlags war und Syrakosins nur sein Werkzeug bei die- 
sem Angriff auf die der scenischen Einkleidung sich bedienende Opposi- 
tion. Hier können wir nicht umhin, die treffliche Emendation des sehr 
verdorbenen Fragmentes Ton Phrynichue Schol. Av. 1297, an welchem 
sich mehrere Kritiker vergeblich versucht haben, anzuführen. Die cor- 
rupten Worte lauten so: N^uif' §x* Su^ay.oV/ov. eViCpav^ ydg aurw Mal ptya 
rvyot. a(p»/A«To ydq kw/xw$«7v, ou; eV«5u'fAcuv. Daraus macht Cobet (p. 39) 
awei Anapaeste in optima forma: 
• 

War es von nun an dem komischen Dichter versagt, eine und die« 
selbe Notabilität ein ganzes Stück hindurch zu verfolgen, so blieb ihm 
doch noch die Freiheit, den Staat selbst und seine Lenker mit Nennung 
der Namen zu persifliren. Dieser Uebergangsperiode gehören bereits die 
Vögel des Aristophanes und der gleichzeitige Monotropos des Phrynichus 
an, in welchem Stücke Tinion, dieser finstere Hypochondrist, dargestellt 
war, gewiss mit der Absicht, ihm in den Mund zu legen, was mit eini- 
gem Schein gegen bekannte Personen vorgebracht werden konnte (p. 42). 

Am Schluss des Kapitels wird noch nachgewiesen, wie mehr durch 
die Verarmung der Bürgerschaft als durch die feindliche Stimmung be- 
leidigter Mitbürger, z. B. des Agyrrhius, Kinesias etc., wenn auch diese 
das Ihrige dabei thaten, die alte Komödie ihre eigentümliche Form im 
Gebrauch des Chors und der Parabase einbüsste und mit Ol. 94 die so- 
genannte mittlere Komödie ihren Anfang nahm, in welcher Gattung Be- 
ziehungen auf gegenwärtige Personen und Umstände zwar nicht ausge- 
schlossen waren, doch viel verdeckter und vereinzelter zum Vorschein 
kamen. 

Im zweiten Kapitel handelt der Verf. über Plato im Allgemeinen. 
Dass ihn die Alcxandrinischen Kritiker unter die vorzüglicheren Dichter 
seiner Gattung rechneten, beweist schon der Umstand , dass sie ihn mit 
Commentaren begleiteten; er war einer der T^arro^tvot (p. 56), welchen 
Ausdruck zuerst Geel in der Bibliotheca Critica Nova IV. p. 20 erläutert 
hat. Mit vollem Recht und grosser Evidenz erkennt der Verf. in dem 
von spätem Grammatikern und andern Schriftstellern dem Plato gemach- 
ten Vorwurf, dass er nicht des reinsten Atticismus sich bedient und des 
Plagiats sich schuldig gemacht habe, nur einen Beweis der Bornirtheit 
und Unwissenheit jener Leute; insbesondere wird den Leser die Stelle 
des Kapitels interessiren , wo des Clem. Alex, bekannte Abhandlung über 
die Plagiate der Alten p. 783 sqq. durchgenommen und gezeigt wird, 
dass der Alexandrinische Katechete seine dort entfaltete Gelehrsamkeit 
sflbst nur von Aristobulus entlehnte, welcher seine Urtheile über die 
l'tngiate der Alten theils aus Lexikographen, ganz nach Art neuerer aus 
Indices schöpfenden Vielschreibern genommen, theils durch selbst ge- 
schmiedete und den angeblich ältesten Dichtern, wie Orpheus und Mu- 
siins untergeschobenen Verse gestützt hatte, mithin Clemens, während er 
die Griechen eines literarischen Diebstahls beschuldigte, selbst einen sol- 
chen beging und dabei von jenem jüdischen Fälscher auf das Kläglichste 



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Kurze Anzeigen. • ISS 

* 

getauscht wurde. Demungeachtet bat mancher Gelehrter neuerer Zeit 
wiederum dem Clemens nachgesprochen, und das bedeutend klingende 
aber sinnlose Wort des Kirchenvaters auf guten Glanben angenommen: 
ÜAarcov i Kcop/xot *a\ 'A?frro(pa'vwt tv AcuSdXai rd dMtjktuv uCpa/fouvra/, wo- 
ran alle Erklärungaversuche scheitern müssen, und jede Emendation ver- 
schwendet ist; denn die Stelle ist nun einmal ein Produkt der Gedan- 
kenlosigkeit des Schriftstellers. So dürftig konnte ein Pläto nicht seyn, 
dass er dem Aristophanes einen Yers stahl, ein solcher Einfall konnte 
nur einem schwachen Geist kommen, der in einem Lexieon comicorura, 
worin ähnliche Ausdrücke zusammengestellt waren, blätterte; die Pla- 
giate der Dramatiker, welche sich diese mitunter vorwarfen , sind ganz 
anderer Art, vergl. Ariatoph. Nub. 353, sie bestanden nur in der Ent- 
lehnung der Sujets. So wollte Eupolis den Aristophanes bei der Ausar- 
beitung der Ritter unterstützt haben ; auf diesen ehemaligen Freund und 
Mitarbeiter, spätem Neider und Feind gehen die scharfen Anzüglichkei- 
ten Vesp. 1025 Pac. 763 and Nah. 552. Aach Plato fühlte sich durch 
Aristophanes Genie verdunkelt, beide spotteten über das *okoe&tHov uyak- 
l*a der Friedensgöttin, Eupolis in seinem Autolykus und Plato in den 
NTkäf. Wahrscheinlich hatte Aristophanes den schwäche™ Rivalen gereini; 
jedenfalls ist es ein sehr geistreicher Gedanke des Verf., dass mit den 
Lakonen im Frieden (Ve. 100), welche dort den Wein verschütten ond 
dadurch den Tod des alten Kratinus herbeiführen, die gleichnamige Ko- 
mödie des Plato parodi't werde, diese war im Jahr vor dem Frieden ge- 
geben worden. Vortrefflich sind hier die Emendationen zweier grössern 
Bruchstücke ans eben jenem Drama. Auch die auf Aristophanes sielenden 
Sprichwörter 'Agtca&z^ fAifxsTrat uud rtr^dbt yt'yovt scheinen beide Gegner 
angewandt zu haben, weil er nicht nur seine ersten Komödien, sondern 
auch viele seiner spätem unter fremden Namen, wie des Kallistratns ond 
Philoaides zur Aufführung brachte, wenn er auch selbst als Verfasser 
nicht unbekannt blieb; die Leute, welche die unverdiente Ehre auf sich 
nahmen, waren zu wenig ausgezeichnet, als dass man ihnen so schöne 
Werke hätte zutrauen dürfen. Irrig, wie der Verf. glaubt (p. 103), deu- 
teten einige Gelehrte nach dem Vorgang späterer Scholiasten jene Worte 
auf Plato selbst, der so verächtlich von sich gesprochen habe; vergl. 
Meineke H. C. C. p. 162. Wenn übrigens Cobet annimmt, die Stellen, 
worin der Dichter seines Verhältnisses zu Cleon Erwähnung thut, wie 
Acharn. 377. 628, Vesp. 1025. seyen auf Aristophanes zu beziehen, eine 
Ansicht, worin ihm Bergk zu den Fragmenten des Aristopb. p. 932 vor- 
angegangen, so pflichten wir doch lieber dem Scholiasten bei» der in 
dem Aeginetischen Klorachen den Kallistratns erkennt; dieser hatte, 
wie hei uns Redakteure von liberalen Zeitschriften, die günstigen und 
ungünstigen Folgen der Publikation zu tragen. Man vergleiche die über- 
zeugende Auseinandersetzung C. F. Hermanns in dem Programm zum 
Sommersemester 1842. 

. Kehren wir zu Plato zurück, ven dessen einzelnen Werken in dem 
dritten und vierten Kapitel die Rede ist. Seine Stärke scheint mehr in 
der Behandlung der Sujets, welche der mittlem Komödie angehören, ge- 
legen zu haben. Der Charakter dieser war mythologische und tragische 
Parodie , benützt zu verdeckter Persiflage des gegenwärtigen Zustande» 

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131 Kurze Anzeigen. 

* 

der Republik und berühmter oder berüchtigter Personen. Dazu gehör- 
ten namentlich Redner und Philosophen. Erstere soll unser Komiker 
häufig angegriffen haben. Dio Namen der Platonischen Stücke, welche 
dieser Gattung zufallen, sind p. 176 aufgezählt. Leider wissen wir fast 
nichts von der Anlage derselben und müssen aus Nachrichten kundiger 
Grammatiker und aus grössern Fragmenten uns eine Vorstellung von der 
Eigentümlichkeit dieser in der Mitte zwischen alter und neuer Komö- 
die) s< hwebenden Dramen bilden. Von den der alten Komödie angehöri- 
gen Stücken Plato's bat der Verf. am meisten den II«/ffÄv3fo$ , TVe'fßcAo^ 
und KXaofyw* berücksichtigt und sehr schätzbare Beiträge zur Geschichte 
dieser verrufenen Demagogen geliefert. Der Pisander, glaubt Cobet, 
kann nicht später aufgeführt worden seyn , als noch vor den Rittern, 
weil Plato in dieser Komödie dem Aristophanes vorwarf, dass er wie ein 
Arkadischer Miethsoldat sich für Andere abquäle, vor den Rittern aber 
hatte Aristophanes noch nichts unter eigenem Namen gegeben. Da in- 
de'ss dieser Dichter öfters zu dem anfänglichen Verfahren zurückkehrte, 
so ist der Schluss des Verf. nicht sicher. Hyperbolus aber kam jedenfalls 
noch vor der Verbannung dieses Demagogen auf die Bühne, aber kurz 
vorher und nach dem Ma^/na; des Eupolis, der Ol. 89, 3. erschien. Er- 
mordet wurde Hyperbolus auf Samos Ol. 91, 4. nach sechsjährigem Exil 
(Thuc. VIII, 13), also verbannt Ol. 90, 3. Mithin muss die Komödie des 
Plato auf Ol. 90, 1 oder 2 falten. Iiier nimmt der Verf. Anlass von den 
Versen der Pnrabase in den Wolken Vs. 518— 5fi2 zu sprechen und ihnen 
ein neueres Datum als den übrigen Theilen der Parabase anzuweisen, sie 
muss nämlich nach der genannten Komödie Plato's geschrieben seyn, 
etwa Ol. 90, 2. Von Kleophon vermuthet derselbe, er habe für die Hin- 
richtung der Sieger bei den Aeginussen gestimmt, und zwar aus den 
Schimpfreden , die in der Parabase der Frösche auf Kleophon fallen un- 
mittelbar nach den indirekten Erraahuungen, die unschuldig Angeklagten 
zu verschonen. In dem Kleophon des Plato erschien auch ein verzoge- 
ner Demos, wie in den Rittern. 

Im vierten Kapitel kömmt manche interessante Einzelnheit vor, es 
ist insbesondere der Behandlung der isolirten und ausser deutlichem Zu- 
sammenhang stehenden Fragmente gewidmet, wesshalb wir uns begnü- 
gen, darauf hinzuweisen als Proben tüchtiger Interpretation .und Kritik. 

Kay str. 



De Chaer emone , poeta tragico. Scripsit et fragmenta exhibuit Hen- 
ricus Bartsch . Prostat Moyuntiae in Faberiana libraria ap. 
F. H. Euler. MDCCCXLIH. Commentatio separatim edita ex pro- 
grammate yymnasii Maydalen. Vratislav. Indicibus aueta. 58 S. 
ingr.4. . 

Eine in jeder Beziehung recht gediegene Monographie, der man 
bald ansieht, dass sie nicht der Versuch eines Anfängers ist, der eine 
Probe seiner akademischen Studien abzulegen gedenkt (wie diess bei 



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Kurze Anzeigen. 189 

Schriften der Art, namentlich bei Fragmentensammlungen öftere der Fall 
ist), sondern ans reiferen Studien hervorgegangen ist, daher anch loa 
Seiten der Behandlung kaum Etwas zu wünschen übrig lässt. Dass sie 
nicht umfassender, dass sie nicht vollständiger ausgefallen ist, dass noch 
so Manches in dem hier behandelten Gegenstande ungewiss und dunkel 
bleibt, liegt in der Natur der Sache, zunächst in der beklagenswerten 
Dürftigkeit der Nachrichten, die uns aus dem Altertbum über einen Dich- 
ter zugekommen sind, der, dem Eurlpides in Vielem ähnlich, durch geist- 
reiche Darstellung Wenige seines Gleichen unter den» Zeitgenossen ge- 
funden hatte. Um sojnehr aber lohnte es sich der Mühe, die vorbände« 
nen Zeugnisse nnd Machrichten zu sammeln, die Bruchstücke seiner Ge- 
dichte zusammen zustelle n , um auf diesem Wege zu allgemeineren Re- 
sultaten über den Character, Werth und Bedeutung seiner ^Poesien zu 
gelangen und dem Dichter selbst in der Reihe hellenischer Dramatiker 
die Stellung anzuweisen, die er nach seinen Leistungen anzusprechen hat. 
Und diess hat der Verf. in einer sehr befriedigenden Weise zu leisten 
versucht, wenn auch gleich, wie bemerkt, der Mangel näherer Nachrich- 
ten und die geringe Zahl der Fragmente überall hindernd in den Weg 
trat, überdem auch der Verfasser (was nur zu loben ist) keineswegs durch 
eine, wenn auch sinnreiche, so doch immer sehr t rügliche Phantasie die 
Lücken auszufüllen sucht, welche unter solchen Umständen mehrfach 
hervortreten mussten. Groppc's Beispiel, der die Iphigenie in Aulis des 
Euripides*) für ein Werk dieses Chäremon ausgeben wollte, hat den 
•Verfasser nicht irre geleitet, wohl aber gab es ihm, wie er selbst in dem 
Vorwort bemerkt, eine nähere Veranlassung mit Chäremon sieh au be- 



*) Hören wir doch, wie der neueste Herausgeber dieses Stücks über 
diese und ähnliche Versuche zunächst hinsichtlich einiger Euripi- 
deischen Dramen sich ausspricht: ,, — certum est fernere fecisse 
illos, qui propter ejusmodi inaequalitates non morum sed consilio 
rnm, quas item in Aeschylo, Sophocle, Aristophane, Plauto, Shaks- 
peario, Schillero aliisque animadvertas, iquippe eas, quas qui tollit, 
ipsum drama tollet, et Rhesum et Iphigeniam Aulidensem abjudiea- 
runt ab Euripide, dnmque has fabulas ad coelum extollunt, inique 
vitnperant deprimuntque tragicum , quasi tale quid tarn rectum at- 
que elegans nec comminisci nec ad fidera perducere potuerit. Quo- 
rum Gr uppeu b, homo ingeniosus minimeque rudis, libertate sub 
rustica praejudioatis indulgens opinionibus, cui labori imparem cen- 
set Euripidem, ei non dubitat idoneum Chaeremonem, mediocrem 
[?] poetam, merito miram sententiam explodentibus eum aliis , tum 
Rittero in animadveras. ad Aristotel. poet. p. 188 et Firnhabero etc.' 4 
So schreibt Bot he in dem Vorwort seiner neuen, mehrfach berich- 
tigten, und auch mit einem neuen Register versehenen Ausgabe die- 
ses Stücks (Euripidis Iphigenia Aulidensis. Recensuit Fri- 
dericus Henr c s Bothe. In naum scholarum. Editio secunda emen- 
datior. Lipsiae, suratibus librariac Hahnianae MDCCCXLII1. 99 & 
in gr. 8.) , auf welche wir bei dieser Gelegenheit aufmerksam ma- 
chen wollen. 



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schäftigen: und so hat wenigstens die grundlose, oder, wie man sirh 
jetzt auszudrucken beliebt, geistreiche Verrauthung Gruppe«, der ge- 
lehrten Welt doch den Vortheil gebracht, dass sie in einer gründlichen 
Arbeit die Belehrung über einen wenig bekannten, und doch in seinen 
Leistungen namhaften Tragiker erhalten hat, welche überhaupt au geben 
möglich war. In einem ersten Kapitel werden die Schriftsteller des Al- 
terthnras, welche des Chäremon gedenken, aufgeführt und dann in der 
Kürze auch die übrigen, in der Literaturgeschichte hervortretenden Män- 
ner genannt, wrlohe denselben Namen tragen: denn näher in diesen Ge- 
genstand einzugehen, hätte den Verf. tn weit von^ seinem nächsten Ziele 
abgeführt. Cap. II. behandelt die schwierige Frage nach der Lebenszeit 
des Chaoremon. Weder das Geburts- noch das Todesjahr lässt sich mit 
einiger Sicherheit genauer angeben: die Vermutbung des Verf. (S. 1), 
dass der Dichter von Olymp. XCIII. bis Olymp. CX. gelebt, mithin noch 
die Zeiten, des Aristophanes und der mittleren Komödie berührt, hat we- 
nigstens keine besonderen Bedenklichkeiten gegen sich. Cap. III. soll 
die Frage nach dem Vaterlande , der Stellung des Dichters und der Bil- 
dung desselben erledigen, was auch, soweit es möglich» geschieht. Dass 
Chäremon ein Athener, oder vielmehr, dass Athen der Schauplatz seiner 
Wirksamkeit und Thätigkeit war, wird man anch ohne bestimmtes Zerns - 
nies gern dem Verf. glauben, der übrigens die Angabe eines neueren Ge- 
lehrten,' wornach Chäremon ein Sehüler des Socrates (der Olymp. XCV., 
2 starb) seyn soll, mit Recht abgewiesen hat, obwohl er selbst Näheres 
über den Bildungsgang und die Studien seines Dichters anzugeben ausser 
Stand war; auf das Ansehen und den Ruf, dessen Chäremon sich allge- 
mein erfreute, macht er aber mit allem Grnnd aufmerksam. Mehr 
Wichtigkeit sprechen die beiden folgenden Abschnitte an : Cap. IV. de 
Chaeremontis scriptis und Cap. V. Tragicus poeta Chaeremo quo jure 
idem fuisse comicus perhibeatur, quaeritur. Wir müssen auch hier dem 
Verf durchaus beistimmen, wenn er (S. 13) sich bei dem Widerspruch 
der alten Zeugnisse von denen die namhafteren allerdings den Chäremon 
zu einem Tragiker, Suidas aber und die ihm nachschreibenden, zu einem 
Komiker machen, entschieden für die erste Ansicht erklärt, die auch 
durch die noch bekannten Namen seiner Dramen und deren Bruchstücke 
eine Bestätigung gewinnt; es sind aber deren folgende: ' AXtywißota, 'A^'A.- 
Asi/5 0«f<r/TOKrcvo5 , A/ovwoi, Qutmj;, 'low, M/vua/, 'Odu0or«u( TfaufJariOf, 
Oivtu's, Kivrav^oit von welehen die Bestimmung des letztgenannten Stü- 
ckes, das weder eine Tragödie noch eine Komödie, im strengen, kunst- 
gemässen Sinne des Wortes gewesen zu seyn scheint, sondern ein ans 
epischen, lyrischen und dramatischen Bestandtheilen zusammengesetztes, 
auch im Metrum höchst vielartiges und gemischtes Allerlei (darauf führt 
die nähere Untersuchung des Verf. S. 41—44) insbesondere Schwierig- 
keiten verursacht hat. Dazu kommt noch eine Anzahl von Bruchstücken 
aus unbekannten Dramen, und einige Epigramme, die unser Verf. nicht 
ansteht, dem Tragiker Chäremon, und keinem der andern dieses Namens, 
welche die Geschichte der griechischen Literatur kennt, zuzuweisen 
(Vergl. S. 11). <Jang und Inhalt der kaum dem Namen nach und in 
einzelnen geringen Bruchstücken noch bekannten Dramen näher zu be- 
stimmen, erlaubt der geringe Umfang dieser Bruchstücke keineswegs, 



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V 



Kurse Anzeigen. 137 

man anders nicht in eitle Vermuthuncen «ich einlassen will, die 
der Verf. vermieden hat; dagegen bat er Cap. VI. (de nnmerorum ratio - 
De p. 17 ff.). VII. (de poesi et arte p. 21 ff.). VIII. Ode dicendi gcfiere 
p. 81 ff.) Sprache und Darstellung des Dichters, wofür immerhin eini- 
ges Matertal vorlag, com Gegenstand ausführlicher Erörterungen ge- 
macht; darin die metrischen Eigentümlichkeiten des Chäreraon, insbe- 
sondere aber den Charakter seiner Poesie, seine Behandlongeweise den 
Stoffs, seine Darstellungs- und Ausdrucksweise, besprochen, und gezeigt, 
wie nahe er in Allem dem Euripidcs steht und dessen Bahn folgte 
(vergl. 8* 30). Die sorgfältige, mit kritischen und exegetischen Bemer- 
kungen jedsr Art begleitete, auch deshalb mit einem dreifachen Index 
▼ersehene Zusammenstellung der Fragmente selber beginnt S. 33 und 
reicht bis S. 52. 



1, Scholiorum Theocriteorum Pars inedita, quam ad codicis 
Genevensis fidem edidit J. Ädert, sc hol. norm, alumn. et in gymnas. 
, Genevens. Professor. Turici. Impensis Meyeri et ZeUeri i843. VI. 
und 94 S. in kl. 8. 

9. Theo er ite par J. Ädert, ancien eleve de Vicole normale, Ii- 
cencie es tettres et re'gent de la premiere classe latine au College de 
Geneve. (Mit dem Motto aus Ovid Metamorph. X 9 6: „nee tarn 
turpe fuit vinci, quam contendisse decorum est.) . Geneve chez Jm<- 
lien et Fils, libraires 1843. 66 und 30 S. in gr. 8. 

Es kann nur erfreulich seyn, wenn auch aus der französischen 
Schweis ein frisches Lebenszeichen gründlicher philologischer Studien, 
wie wir sie an andern Orten der deutschen Schweiz, insbesondere zu 
Basel nnd Zürich, mit so vielem Eifer und Erfolg gepflegt sehen, uns 
entgegentritt. Beide Schriften beziehen sich auf Einen and denselben 
Autor, dessen Verständnis« wie dessen Texteskritik sie fördern sollen, 
namentlich auch (wie dies bei der sweiten Schrift insbesondere der Fall 
ist) in allen den Fragen, welche, auf die Gestaltung der Gedichte, ihre 
Aechtbeit, ihr Entstehen nnd ihre Vereinigung in die noch vorhandene 
Sammlung, ihren Verfasser und seine Lebenszeit und dergl. mehr Bezug 
haben. Die in der zuerst genannten Sohrlft mitgetheilten griechischen 
Scholien sind einer Genfer Handschrift entnommen, die in das viersehnte 
Jahrhundert gehört, sehr nett geschrieben ist, aber, da der Schreiber 
sein Original, das er abschrieb, nicht recht verstand, oder nioht recht 
lesen konnte, von Schreibfehlern und einzelnen Unrichtigkeiten wimmelt. 
Indes« ist die Handschrift darnm durchaus nicht werthlos, wie auch un- 
ter andern aus der öfteren Uebereinstimmung mit zwei Vaticaniechcn 
(Nr. 3. 4.) und einer guten Pariser Handschrift (bei Gail M. 2832; bei 
Gaisford A) hervorgeht} sie hat darum auch schon die Aufmerksamkeit 
früherer Herausgeber auf sich gezogen, die selbst einige Proben daraus 
snitgetheilt hatten. Herr Ädert giebt uns nun alles Das, was noch nicht 
bekannt geworden war, in einem eben so getreuen als correcten Abdruck; 



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138 Kurze Anzeige» 

and ausserdem hat er noch die von Gail ans Pariser Handschriften 
edirten Scholien, die bei der geringen Verbreitung der theuern Ausgabe 
Gaü's wenig bekannt geworden waren, seinem Abdruck beigefügt, durch 
beigesetzte Zeichen die Genfer wie die Pariser Scholien unterscheidend. 
Auf diese Weise bildet das Ganze eine Vervollständigung der verschie- 
denen grösseren Ausgaben des Theocritus, insbesondere derjenigen, welche 
die griechischen Scholien enthalten, Uebrigens hat Herr Ädert sich nicht 
auf einen blossen Abdruck beschränkt; er hat in einer Adnotatio critica 
von S. 59 an eine nahmbafte Anzahl von Verbesserungen, Nachweisungeo 
und erörternden Bemerkungen niedergelegt, die um so dankenswerther 
sind, je verdorbener zum Theil die Gestalt ist, in der die Jiier mitge- 
theilten Scholien auf uns gekommen sind, während sie doch manches 
Bemerkens werthe, öfters auch aus andern Schriftstellern der classischen 
Zeit Anführungen und Verweisungen enthalten. So wird z. B. zu Id. I., 
52 bei der Erklärung von «tv5^m«; auf Herodot verwiesen, wobei Herr 
Ädert richtig an die Stelle IV., 190 denkt, übrigens in den Genfer Scho- 
lien Etwas ausgelassen vermuthet, was ihn S. 57 zu einem Verbesse- 
rungsvorschlag veranlasst hat. Sonst stimmt das Genfer Scholion wört- 
lich mit der Herodoteischcn Glosse zu jener Stelle überein, so dass Ein« 
dem Andern entnommen seyn dürfte. So mag auch der Zusatz in dem 
Genfer Scholion zu Id. II. , 73 Kai ßwreo^ 6 ßuB6$ xaja Hfodo'ra» auf des- 
sen Stelle III., 23 (s. die dortigen Erklärer) sich beziehen; Anderes, was 
die Genfer Scholien bringen , stimmt mit Suidas ganz überein. In dem 
Pariser Scholion XVI., 100 wird wiederum eine längere Stelle aus He- 
rodot I., 178. 179 über das Asphalt mitgetheilt. Die Vermuthung des 
Herausgebers in dem Scbolium zu Id. XVII. , 98 (wo über den Namen 
des Nil auf einen in den Zügen der Schrift des Codex nicht erkennbaren 
Autor verwiesen wird), dass hier an Callisthenes zu denken sey» 
scheint auch uns höchst wahrscheinlich, wenn wir auf die von Wester- 
mann in seinem schönen Programm über diesen Autor P. II. p. 5 sq. an- 
geführten Stellen einen Blick werfen, woraus hervorgeht, dass Callisthe- 
nes im vierten Buch der Hellenica näher vom Nil und den merkwürdi- 
gen Erscheinungen dieses Flusses, seinem periodischen Anschwellen und 
den Ursachen desselben gehandelt hatte. 

Ein griechisches Register, eines der in den Scholien vorkommenden 
Eigennamen, insbesondere der darin citirten Autoren, und ein anderes 
für die griechischen Worte, bildet den Sehluss der auch von Seiten der 
typographischen Ausstattung (wie überhaupt Alles, was aus dieser Zü- 
richer Presse kommt) durch den überaus netten (der kleineren Ausgabe 
des Plato ganz ähnlichen) und correcten Druck sich empfehlenden Schrift . 



Anderer Art ist die unter Nr. 2 oben angeführte Schrift, hervor- 
gerufen als gelehrte Abhandlung durch den Concurs um eine erledigte 
Lehrstelle der griechischen Literatur zu Genf und selbstständige Sta- 
dien des Verfassers über Theocrit's Idyllen und die gesammte bukolische 
Poesie der Griechen enthaltend. Der Verf. legt darin die Ergebnisse 
sorgfältiger Studien vor, die ihn schon seit längerer Zeit beschäftigt 
hatten, und diese Ergebnisse sind gestützt auf eine gründliche Forschung 



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Kurze Anzeigen. 131) 

and in einer klaren, wohlfauslichen Weige vorgetragen, unter steter Be- 
rücksichtigung der älteren wie der neueren Literatur, mit welcher letz- 
tern, zumal wenn man an Frankreich und Deutschland und das dort Er- 
schienene denkt, der Verf. der früher in beiden Ländern gründliche phi- 
lologische Studien gemacht hat, durchaus bekannt ist, so dass nicht leicht 
Etwas ihm entgangen seyn dürfte: dass ihm nicht Alles so, wie er es 
wünschte, zugänglich war, beklagt er selbst; jedoch scheint uns das, was 
er in dieser Hinsicht unbenutzt lassen musste, von keinem besonderen 
Belang oder Bedeutung zu seyn. Wir wollen einige Hauptergebnisse 
dieser Forschungen hier in der Kürze anführen, im Uebrigcn aber, de» 
näheren Inhals wegen, auf die lesenswerthe Schrift selber verweisen. 
In einem ersten Abschnitt: Les pre'de'cesseurs de Theocrite (p. 
1—17) werden Namen und Ursprung, Veranlassung und Anfänge der bu- 
koüschen Poesie bei den Griechen besprochen, insofern diese in der Per- 
son des Theocritus und seinen Schöpfungen zuerst hervortritt, aber ge- 
wiss vor ihm schon in irgend einer Weise und in einer wenn auch min- 
der ausgebildeten Form bestanden hatte. Dass Sicilien das Vaterland 
dieser Dichtgattung ist, betrachtet der Verf. als ziemlich sicher; er will 
daran selbst die Vermuthung knüpfen, dass sie hier aus den Festen der 
Diana, wie dio Tragödie aus den Festen des Bacchus hervorgegangen, 
Und sucht deshalb nachzuweisen, wie und warum gerade in Sicilien die 
Idylle sich habe entwickeln können, während man an andern Orten wohl 
auch Hirtcnlieder kannte, die aber eben so roh und ungeschlacht gewe- 
sen, wie ihre Hcerden. Jn den Verhältnissen und in der Natur des Lan- 
des, in dem Leben seiner Hirten, in der Blüthe des Landes zwischen dem 
fünften und sechsten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, und der um 
diese Zeit auch besonders emporblühenden Poesie, die, wie der Verfasser 
sagt, von dem glanzvollen Hofe der Tyrannen bis zur ärmlichen Hütte 
des Hirten verbreitet war, sucht der Verf. die allgemeine Begründung 
seiner Ansicht, indem bestimmte Nachrichten darüber mangeln. Dass er 
auf die Nachricht Aelian's von einer Idylle Daphnis des Stesicborus 
nicht das Gewicht legt, das Einige neuerdings darauf haben legen wol- 
len, so dass dann Stesichorns als der sigentliehe Eifinder der buko- 
lischen Dichtgattung (d. h. in der Form, in der sie uns durch Theocrit 
bekannt ist) anzusehen wäre, billigen wir durchaus. Denn dass bereits 
sechshundert Jahre vor Christo (um welche Zeit wir doch wohl die 
Blüthezeit des Olymp. LV., 1 bis LVI. oder 560—556 a. Chr. gestorbe- 
nen Stesiehorus zu verlegen haben) Idyllen in dem Sinn und Geist, den 
wir, nach dem Erscheinen der Idyllen des Theocritus, mit diesem 
Worte, als einer bestimmten Dichtgattung, zu verbinden gewohnt sind, 
bereits gedichtet worden, wird Niemand glaublich finden können, welcher 
den Gang der griechischen Literatur und Cultur, die Entwicklung der- 
selben, zunächst der Poesie, ebenso wie den Charakter der buko li- 
sch en Poesie auch nur einigermassen kennt; denn es handelt sich hier 
nicht um einfache, volksthümliche Hirtenliedcr, sondern um eine 
liunstmässige Poesie in einer bestimmten, fest ausgeprägten Form, wie 
sie in den Zeiten des Stesiehorus noch nicht vorhanden war, dessen 
Daphnis unbedenklich unter die Reihe elegischer Dichtungen zu setzen 
ist Freilich entbehren wir aller näheren Nachrichten über irgend einen 



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Kurze« Anzeigen. 



bukolischen Dichter vor Theocrit, and vermögen darum auch kaum die> 
Art and Weise der Entwicklang dieser für ans mit eineramal in diesem 
Dichter hervortretenden Dichtgattung näher zu bestimmen. Und über 
diesen Dichter selbst, seine Person, seine Bildung, seine Lebensverhält- 
nisse, wie wenig sind wir unterrichtet! Wie beschränkt sind die dar- 
über auf uns gekommenen Nachrichten der Alten, die auch nicht einmal 
mit einander übereinstimmen, sondern in theilweisem Widerspruch zu 
einander sich befinden! Der Verf. beschäftigt sich mit diesem Gegen- 
stände in einem zweiten Abschnitt p. 18 ff. Vie de Theocrite. Ea 
erscheint ihm als ziemlich sicher, dass Theocrit gegen 305 a. Chr. zu 
Syracus geboren, zum Vater den Proxagoras, zur Mutter die Philina 
hatte, dass er des Philetas und Asclepiades Schüler war und anter der 
Regierung; des Ptolomäus Lag. und Philadelphia in Aegypten, so wie 
des Hiero in Sicilien nm Olymp. CXX1V, oder 280 a. Chr. lebte. In 
jüngeren Jahren auf der Insel Kos, wo er des Philetas Schüler ward, 
•ich eine Zeit lang aufhaltend, und vielleicht auch von da zuweilen nach 
Samos sich wendend, wo der Dichter Asclepiodes glänzte, machte er zu 
Kos die Bekanntschaft des Ptolemäus, der als Philadelphus nachher 
(286 a. Chr.) den Thron Aegypten'» bestieg, so dass also Theoer it's Auf- 
enthalt in Kos etwas vor diese Zeit verlegt werden muss. In dieser frü- 
heren Bekanntschaft des Dichters mit dem Herrscher von Aegypten wird 
dann die nächste Veranlassung gesucht, die den Dichter aus Sicilien, 
zunächst aus Syracus, dessen Lage bei den Kriegen Hieros II. mit den 
Mamertinern uud dann mit den Römern (seit 264) in manchen Beziehun- 
gen bedenklich und misslich geworden war, nach Alexandrien führte, wo. 
er, wie die Adoniazusen zeigen, nun seinen Aufenthalt nahm. Weitere 
Machrichten fehlen; auch Zeit und Art des Todes ist nicht näher be- 
kannt, denn die aus zwei Versen in Ovid's Ibis (551 sq.) hervorgegangene« 
Nachricht, dass Hiero den Dichter habe stranguliren lassen, entbehrt 
auch in den Augen des Verf., wie in unsern, einer sicheren Begründung 
oder Wahrscheinlichkeit. 

An diese Untersuchung, deren Hau ptresul täte wir mitgetheilt ha- 
ben, knüpft sich eine andere S. 31 ff. über die Authenticität der den Na- 
men Theocrit'« tragenden Idyllen; ein in neueren Zeiten auch diesseits ' 
des Rheins unter uns viel besprochener, insbesondere von Wissowa, auf 
den auch unser Verf. deshalb verweist, behandelter Gegenstand. Eben 
darum glaubte auch unser Verf. sich kürzer fassen zu können, um nur 
auf einige, bei dieser Frage in Betracht kommende Punkte aufmerksam 
zu machen. Da Theocrit die einzelnen Idyllen zu verschiedenen Zeiten * 
und an verschiedenen Orten gedichtet, so wäre anzunehmen , dass die 1 
noch vorhandene Sammlung derselben entweder von ihm selbst veran- 
staltet, er also selbst eine Ausgabe derselben geliefert, oder dass dieses 
durch einen Andern geschehen: und für die letztere Annahme entschei- 
det sich unser Verf., indem er, mit Bezug auf ein Epigramm des Arte- 
roidorus, diesem zunächst das Verdienst zuschreiben möchte, eine Ver- 
einigung der verschiedenen Gedichte Theocrit's in Eine grössere Samm- 
lung zu Stande gebracht zu haben, nnd es darum wenig glaublich fin- 
det, das« damals schon Untcrschleife stattgefunden, Unächtcs unter die 
achten Schöpfungen des Thcocritus aufgenommen worden , d. h. zu einer 



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Kurze Anzeigeft* 141 

Seit, wo Theocrit entweder noch lebte, oder, wenn auch gestorben, doch 
durch seinen Ruhm als Dichter noch in zu frischem Andenken stand, als 
dass an solche Verfälschungen zu denken wäre, zumal wenn man an die 
von den Alexandrinischen Gelehrten in andern Fällen so scharf geübte 
Kritik denken will. Die Geschichte der Sammlung, ihre Schicksale im 
Laufe der folgenden Jahrhunderte nachzuweisen, ist schwer oder viel- 
mehr unmöglich; nicht unglaublich aber, dass in einer Sammlung so 
verschiedenartigen und mannigfachen Inhalts Einzelnes, es sey absicht- 
lich oder unabsichtlich, aus inneren wie äusseren Gründen (die jetzt kaum 
mehr zu ermitteln eeyn dürfteu) , durch Abschreiber wie durch Gelehrte 
ausgefallen, ohne dass daraus ein besonderer Grund des Verdachts bei 
dem theilweise in einzelnen Handschriften anf diese Weise Ausgefallenen 
zu entnehmen wäre, während die in dieser Beziehung allerdings auffal- 
lenden nnd bedeutenden Verschiedenheiten der Handschriften sich eher 
werden erklären lassen. Man muss nachlesen, was der Verf. S. 58 ff. 
über diesen Punkt bemerkt hat. Und kein anderes Resultat geht ihm 
auch aus der Betrachtung des Dialekts hervor, dessen Verschiedenheiten, 
dessen Abweichungen ebenfalls als ein 'Grund des Zweifels geltend ge- 
macht worden sind, und, weil die Handschriften hier nicht genügend aus- 
helfen, der Wortkritik in der Sichersteltung des Textes und der einzel- 
nen Formen so vielfache Schwierigkeiten darbieten. Dass die Dichter 
der Alexandrinischen Schule einer bestimmt abgeschlossenen, scharf be- 
gränzten und geregelten Dialektsform sich bedient, oder dieselbe über- 
haupt gehabt und beobachtet, bezweifelt der Verf. — und wohl mit 
Recht; sie erscheinen ihm in dieser Beziehung, von der sprachlichen 
Seite aus, gewissermassen als Eklektiker, die der Euphonie, dem Vera 
vielfach Rechnung getragen haben, und dadurch in der Wahl der For- 
men, der Worte u. s. w. sich bestimmen Hessen, so dass es uns dann, 
zumal bei der Verschiedenheit des Inhalts ihrer Poesien, die nicht immer 
streng an den Begriff Einer besondern Gattung sich festhalten, minder 
auffallend wäre, die Vermischung der verschiedenen Gattungen der Poe- 
sie eben so auch in der Mischung der dialektischen Formen gewisser- 
massen zu finden, demnach auch bei Theocritns das Vorherrschen 
des dorischen Dialekts mit Modifikationen des epischen Dialekts in ein- 
zelnen Idyllen eben so wie das umgekehrte Verhältniss in andern uns 
minder befremdlich erscheinen, am wenigsten aber als Grund einer Ver- 
dächtigung, als ein Beweis der Unäcbtheit angesehen "werden sollte. Un- 
ter allen Idyllen Theocrifs erscheinen Id. I. bis XI., XIII., XIV., XV., 
dem Verf. als diejenigen, in welchen der dorische Dialekt am stärksten 
hervortritt, dann lässt er diejenigen folgen, in denen der epische Dia- 
lekt durchzudringen und seine Formen nicht selten an die Stelle der da* 
riechen zu setzen sucht, wie XVIII. bis XXI., XXIII., XXVI., XXVII., 
XXX., insbesondere Id. XXV. , wo der epische Dialekt fast ganz vor- 
herrscht, während in Id. XII., XVI», XVII., XXII., XXIV. die dorischen 
Formen in grösserer Zahl hervortreten. Der grosse Einfluss Horaer'e und 
aeiner Dichtungen auf Theocrit ist dem Verf. keineswegs entgangen, der 
seine Untersuchung mit einer starken Erklärung wider die Gegner der 
Aechtheit der Idyllen-Sammlung in ihrem gegenwärtigen Bestand schlieft: 
„On voit donc aar quelles fragiles bases reposaient loa argumenta ai aou- 



» < 

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Karze Anzeigen. 



vent re'pdtdo et presenttfs quelque fois comme irreTragable« de tone cos 
critiques qtii ont vouln porter In luraiere dann reu tenebree philologiqoee 
et renverser ce que nous avions nl long-tcmps admird sur la foi des an- 
ciens, snr Tautorite' de tone les manuscrits et sur les tdmoignages re'unis 
de la science et da gout." — 

Aul diese allgemeinen, Leben und Dichtungen Theocrit's betreffen- 
den Untersuchungen folgen nun von Seite 40 Etudes sur quelques 
Idyllen, zunächst die erste, die zweite, die dritte u. dreiundzwanzigste, 
wobei sich der Verf. aufs entschiedenste für die (von Manchen bestrittene) 
Aechtheit der zuletzt genannten Idylle ausgesprochen hat. Es werden 
vom Verf. hier gewisaerniassen Einleitungen zu diesen Idyllen, Betrach- 
tungen über deren Inhalt, den Gang und die Beziehungen eines jeden 
Gedichtes und dergl. mehr unter genauer Berücksichtigung der deutschen 
wie der französischen Literatur gegeben ; die Texteskritik ist zwar aus- 
geschlossen, aber in eine Appen dice geworfen, welche auf 30 Seiten 
eine Anzahl von Stellen aus einzelnen Idyllen kritisch und exegetisch 
behandelt, mithin ebenfalls den Beweis liefern kann, wie der Verf. keine 
Seite der seinen Dichter betreffenden Studien ausser Acht gelassen , und 
mit gleichem Geschick, mit gleicher Gewandtheit und umsichtiger Kennt- 
nis» auch auf diesem, hier gerade so schwierigen Felde sich zu bewegen 
-versteht. 



Des S ophocles Antig one, Griechisch und Deutsch, herausgegeben 
von August Boeckh. Nebst zwei Abhandlungen über diese Tra- 
gödie im Ganzen und über einzelne Stellen derselben. Berlin. Ver- 
lag von Veit und Compagnie. 1843. VIII. und 301 8. in gr. 8. 

Nachdem in diesen Blättern verschiedentlich der deutschen Ucber- 
aetzungen Sophocleischer Dramen und noch zuletzt der Donner'schen mit 
einem Lobe gedacht war, in das auch der Verf. dieser Uebersetzung ein- 
stimmt, insofern er dieselbe als die unstreitig geschmackvollste, lesbar- 
ste und metrisch vollkommenste des Sophocles bezeichnet, wird die vor- 
liegende, die von einem Meister hellenischer Sprache und Wissenschaft 
aasgegangen, zunächst durch das Bemühen eines deutschen Fürsten, die 
Würde und Erhabenheit des allhelleniHchen Draraa's uns wieder naher 
su bringen, hervorgerufen ist, um so weniger unerwähnt gelassen wer- 
den können, auch wenn hier nicht in eine nähere Prüfung, wozu weder - 
Zeit noch Raum vorhanden ist, eingegangen wird. Anfangs war blos 
eine Ueberarbeitung derjenigen Stellen bezweckt, wo die zur Aufführung 
der Antigone gewählte Donner'sche Uebersetzung die Eigentümlichkei- 
ten der Urschrift nicht völlig wiedergegeben hatte; später entschloRS sich 
der Verf. auch die übrigen Particen neu zu übersetzen, und das so ent- 
standene Werk legt er uns hier vor, begleitet von einem gegenüberste- 
henden griechischen Texte, „um dem gelehrten Leser die Vergleichunff 
„zu erleichtern, wie weit, namentlich in Rücksicht auf die Form der 
„Rede, die Leber tragung mit dem Grundtext übereinstimme. Denn die- 



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Kurze Anzeigen. 



148 



„sen so genau als möglich wiederzugeben, ohne der Sprache Gewalt an- 
„zuthun, war mein erste* Bestreben; und nur in dem Grade, als diess 
„erreicht wird, kann eine Uebersetzung des Sophocles gelungen heissen, 
„da seine Werke so vollkommen sind, dass sie durch jede Abweichung 
„von seinem Ausdruck und von der Farbe, die er dem Ausdruck gegeben 
„hat, alsbald verlieren." So äussert sich S. VI. der gelehrte Kenner 
hellenischer Poesie über sein Werk und über das Ziel, das ihm vor 
Augen schwebte: gewiss dasjenige, was jedem, der Aehnliches versucht, 
vor Augen stehen sollte. In wiefern er diess Ziel erreicht hat, nament- 
lich in welchem Vcrhältniss seine Leistung zu der Donner'schen steht, 
deren erste Ausgabe von dem Verf. hier und dort auch benutzt worden 
ist: diese Frage zu beantworten, wollen wir Andern überlassen, und statt 
einer solchen Prüfung, die doch immer nur Einzelnes erfassen und daran 
aich halten könnte, lieber uns des Genusses erfreuen, den. der eine wie 
der andere Versuch in nicht geringem Grade uns zu bieten vermag. Eben 
darum unterlassen wir es auch, Proben dem Leser vorzuführen, die, an« 
dem Zusammenhang herausgerissen, doch schwerlich dazu dienen kön- 
nen, eiuen Totaleindruck des Ganzen zu verschaffen. Was den beige- 
fügten griechischen Text betrifft, so wird ausdrücklich bemerkt, dass bei 
dessen Feststellung viele kühne Vermnthungen, wie sie in den letzten 
Zeiten gewagt worden, unberücksichtigt geblieben sind (und wohl mit 
Recht); was zur Rechtfertigung der aufgenommenen Lesart, oder zur 
Erläuterung dient, ist in der zweiten der beiden Abhandlungen, welche 
der Uebersetzung sich unter der Aufschrift: „lieber die Antignne 
des Sophocles anreihen, enthalten. Beide Abhandlungen, von wel- 
chen die erste die allgemeinen, zur richtigen Auffassung dieses Stücks 
nöthigen Punkte behandelt, die andere eine Reihe von kritischen Bemer- 
kungen zu einzelnen Stellen liefert, sind der gelehrten Welt bereits be- 
kannt, da sie schon in den Jahren 1824 und 1828 in den Denkschriften 
der Berliner Akademie der Wissenschaften erschienen sind, hier auch 
im Ganzen nur unwesentliche Veränderungen , nebst einigen Zusätzen, 
au denen auch die 1825 niedergeschriebenen nachträglichen Bemerkungen 
zu der ersten Abhandlung zu rechnen sind, erlitten haben. Aus diesem 
Grunde wird man es uns auch erlassen , näher in den Inhalt beider Ab- 
handlungen, die in diesem erneuerten Abdruck einem grösseren Kreise 
zugänglich gemacht worden sind, einzugehen, da er sich wohl als be- 
kannt bei Allen denen voraussetzen lässt, die mit Sophocles sich etwas 
näher beschäftigt haben. 



Die Lustspiele des Aristophanes. Uebersetzt und erläutert von Hiero- 
nymus Müller, Professor und Conrector des Naumburger Dom- 
gymnasiums. Erster Band, Leipzig. F. A. Brockhaus 1833. XVIII. 
und 497 S. in gr. 8. 

Dass eine neue Uebersetzung der Komödien des Aristophanes auch 
nach den bisher angestellten Versuchen , einzelne Stücke so wie das 
Ganze zu übertragen, nichts Ueberflüssigcs ssy, kann Jeden ein Blick in 



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Kurze Anzeigen. 



die vorliegende, und eine Vergleichang mit den früheren Uehe rsetrungen 
von Vom wie von Droysen bald lehren: anch sind es nicht Erstlings - 
oder Jugend verbuche , die uns hier geboten werden, ee sind vielmehr 
Vebertragnngen. deren erste Anfänge bis in da« Jahr 1805 zurückgeben, 
die aus anhaltender Uebung und fortgesetzten Studien seit dieser Zeit 
hervorgegangen sind. Fr. A. Wolf war das Muster, nach welchem der 
Verf. arbeitete, wie er S. XII. ausdrücklich versichert; In der Weise 
dieses seines Lehrers suchte er „stets auf griechischem Grand and Be- 
den verharrend, zwischen einer an dem Buchstaben haftenden nnd nur 
zu oft unserer deutschen Sprache trotz ihrer Bildsamkeit ond Gefügig- 
keit Gewalt anthuenden Strenge und einer an Travestie grenzenden Um- 
schreibung die Mitte zu halten", wobei er eben so wohl gebildete, mit 
einer Kenntniss des griechischen Altcrthums cinigermassen ausgestattete ' 
Leser, als solche, welche für ihre Studien des Aristophnnes ein beque- 
mes und sicheres Hülfsmittel in Händen zu haben wünschen , vor Augen 
hatte. Für solche waren denn auch Erklärungen und Erörterungen im 
Ganzen wie im Einzelnen durchaus nöthig; deshalb geht eine ausführ- 
liche, an hundert Seiten, fast ein Viertel des ganzen Bandes füllende, 
Darstellung ,dee griechischen Drama's voraus, welche das Wesentliche 
darüber nach den vorhandenen Quellen und Forschungen enthält, und so 
zu sagen eine Charakteristik desselben zu geben sucht; jedem einzelnen 
Stücke aber ist auch eine besondere, Veranlassung ond Tendenz dessel- 
ben besprechende Einleitung vorausgeschickt; der Uebersetzung seibat, 
welche sich möglichst an die Versmansse des griechischen Originalen 
hält, sind zahlreiche Noten unterstellt, die über jeden schwierigen Punkt, 
über jede aus dem Gebiete der Geschichte, der Antiquitäten u. s. w. zu 
erklärende Anspielung oder Beziehung des Dichters die erforderlichen 
Erörterungen geben, wobei Nichts übersehen ist, was zur richtigen Ein- 
sicht in das Einzelne wie in das Ganze des Stücks erforderlich ist. Denn 
ohne solche Zugaben wird jede Uebertragung des Aristophnnes ein un- 
verständliches Räthsel seyn und bleiben müssen. Die vorliegende zeich- 
net sich wirklich vor ihren Vorgängern durch strenges Festhalten an der 
weisen Mitte aus, die wir oben, mit den eigenen Worten des Verf., als 
Hauptziel seiner Anfgabe bezeichnet haben /die wir aber bei seinen bei- 
den Vorgangern, welche sich mehr nach der einen Seite hinneigen, 
nicht in der Weise beachtet sehen, und doch selbst dann beachtet 
müssen wünschen, wenn blos Förderung der Studien des Originals durch 
die Uebertragung und deren Benutzung erzielt werden soll. In den Ein- 
leitungen wie in den Noten steht der Verf. durchweg auf einem histo- 
rischen Boden, der ihn vor manchen Missgriffen und Verirrungen bewahrt 
hat, zu denen hier so leicht Gelegenheit und Veranlassung namentlich für 
den sich bietet, welchem nähere und gründliche Studiendes hellenischen 
Drama's abgehen. Vorliegender Band enthält drei der bedeutendsten 
Stücke des Aristophanes: den Plntus, die Wolken nnd die Frösche. 

Chr. Bäkr. 

CDer Beschlust folgt! 



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Nr. 10. HEIDELBERGER 1844. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 

' 1 J 

Kurze Anzeigen. 

« 

(Beschlüsse 

• # 

Üeber die Unterscheidung zwischen Servitute* rusticae und urbanae. Eint 
civilistische Abhandlung von Dr. E. Za Charta v % Langenthal, 
ausserordentlichem Professor der Rechte und Beisitzer des Spruch- 
coUegiums zu Heidelberg. Heidelberg, Verlagshandlung von C. Jl 
Winter. ±844. 8. VIII. und i04 Seiten. 

Ich habe in diese* Abhandfang za aeigen unternommen, dass es 
überall keine rechtlichen Verschiedenheiten zwischen Servitutes rusticae 
und urbanae gebe. Namentlich habe ich zu beweisen gesucht: 1) dass 
nicht alle Servitutes rusticae im Gegensätze zu den Servitutes urbanae« 
sondern nur iter, actus, via, aquaeduetus, im Gegensatze zu allen übri- 
gen, nicht nur urbanae, sondern auch rusticae Servitutes, unter die man- 
eipi res gerechnet worden sind ; 2) dass der Eigenthümer einer Sache 
seinem Gläubiger eine Servitut an derselben in keinem Falle als Hypo- 
thek, und regelmässig auch nicht als Faustpfand bestellen könne, ausge- 
nommen den ususfruetus, und die habitatio, und unter den Grunddienst- 
barkeiten, nicht etwa alle Servitutes rusticae, sondern nur die vier: via, 
iter, actus, aquaeduetus; 3) dass auch in Beziehung auf den Verlust 
der Servitut durch Nichtgebrauch ein rechtlicher Unterschied zwischen 
den Servitutes rusticae einerseits und den Servitutes urbanae andererseits 
nicht stattfinde, sondern dass unter den Prädialservituten nur die fünf: 
iter, actus, via, aquaeduetus, aquaehaustus , kraft besonderer gesetzlicher 
Vorschriften, non utendo verloren werden, alle übrigen Prädialservituten 
aber, sowohl rusticae als urbanae, nur durch entgegenstehende usucapie 
libertatis untergehen. 

Wie sich- hieraus ergiebt, dass 'die Unterscheidung zwischen Servi- 
tutes rusticae and urbanae nicht etwa deswegen gemacht worden ist, 
weil für jene theilweise andere Normen galten als für diese, so habe ich 
zum Schlüsse der angezeigten Abhandlung noch besonders zu zeigen ver- 
sucht, wie die ganze Unterscheidung nur gemacht worden ist bei Gele- 
genheit und zum Behufe detaillirter Erörterungen über den Grundsatz! 
servitns praedio utilis esse d e b et. 

Für Druck und Papier hat der Verleger bestens gesorgt. 

Zaehariä v. Lmgenthal. 



XXXVII. Jahrg. L Doppelheft. 10 



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HS Kurze Anzeigen. 

Histoire dm droit Byzantin ou du droit Romain «tont V Empire & Orient, 
depuis la mort de Justinitn jusau' ä In prise de Constantinopte en 
1453, par Jean - Anselme - Bernard Mortreuil, Avocat d 
Marseille. Tome premier. Paris-, ehe% E. Guilbert, IAbraire, rue 
J. J. Rousseau, 3 et che* Gustave Thorel, IAbraire Place de Pan- 
theon, 4. 1843. 8. LH. und 436 Seiten. 

Aas einem doppelten Grunde freue ich mich; den Leaern dieser 
Jahrbücher die Erscheinung obiger Schrift anzeigen zu können: einmal 
ist ea eine Gcnagthnung zu sehen, dass die Bemühungen deutscher Ge- 
lehrten um «ras byzantinische Recht und dessen Geschichte auch im Aua- 
lande Beifall gefunden und Früchte getragen haben: alsdann aber ist 
auch die gegenwärtige Schrift von der Art, dasa sie ganz besonders em- 
pfohlen zu worden verdient. 

Abgesehen davon, dass meine Delineatio historiae juris Graeco - 
Romnni (Heidclb. ap. Winter 1839. 8) die Geschichte diesen Rechts bis 
auf die Gegenwart fortführt, hat Herr Mortreuil die in meiner Delinea- 
tio gegebene Skizze, im Ganzen mit Beibehaltung derselben Anordnung, 
im Detail ausgeführt. Er hat dabei die Literatur des byzantinischen 
Rechts vollständig ( — mit Ausnahme einiger neuerer Recensionen — ) 
und mit Sorgfalt benutzt: die Mühe, die sich der Verf. um Herbeischaf- 
fung eines vollständigen literarischen Apparats gegeben hat, ist ebenso 
der Anerkennung werth, wie der gesunde Takt, mit dem er sich durch 
die irrigen und widersprechenden Darstellungen der älteren Schriftsteller 
zu den richtigen Resultaten der neuesten Forschungen hindurch gear- 
beitet hat. 

Herr Mortwuil hat nicht über handschriftliches Material zu gebie- 
ten gehabt: er hat auch nicht danach gestrebt, durch Aufstellung neuer 
Hypothesen zu blenden. Er begnügt sich mit der Darstellung und Ent- 
wicklung der wichtigeren Thatsochen und Vermuthungen, indem er das 
Für und Wider einer gründlichen ßeurtheilung unterwirft. 

Darin besteht eben der grosse Werth des vorliegenden Buches, 
dass es eine vollständige und übersichtliche Compilation aua 
allen den grösseren Werken oder kleineren Abhandlungen und Recensio- 
nen ist, durch welche namentlich in der jüngsten Zeit das Dunkel der 
byzantinischen Rechtsgeschichte» erhellt worden ist. Und aus diesem 
Gesichtspunkte verdient es als ein sehr brauchbares Handbuch empfoh- 
len zu werden. 

Papier und Druck sind gut: leider aber sind viele Druckfehler 
stehen geblieben. Des Preis des bis jetzt erschienenen ersten Bandes ist 
8 Francs. 

Zachariä v. Langenthal. 



4 

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Kurie Antigen. 141 

• 

Staatsrechtliche Betrachtungen über Regierungsfähigkeit und Rt* 
gentschaft, mit besonderer Beziehung auf die Thronfolge in Hanno- 
ver. Von Dr. H. B. Oppenheim. Stuttgart, bei Krabbe. (Ver- 
mehrter und verbesserter Abdruck aus Bi. II. der Constit. Jahrb.) 

Vielseitige Aufforderungen aus dem Lande Hannover haben die 
Verleger bewogen, eine neue und billigere Autgabe dieser Abhandlung 
au veranstalten , was dem Verf. zur genaueren und schärferen Bestim- 
mung mehrerer Streitpunkte Gelegenheit gab. — Die allereontro- 
versesten Lehren des Privatfürstenrechts, so wie des eonstitutionellen 
Staatsrechts sind für den Fall zu entscheiden, der die Veranlassung vor- 
liegender Abhandlung bildet. Die Jurisprudentia heroica, und somit die 
ganz? deutsche Reichs - und Rechtsgeschichte ward als subsidiär ergän- 
zende RechtequeUe für die Lücken des vielfach allzu schweigsamen neue- 
ren Verf assuugsrechu angenommen. Dabei war es oft mühsam , das ge- 
meine Recht von den; Partikular-Rechten auszuscheiden, namentlich für 
die Fragen: 1) Welche Eigenschaften bedingen die Fähigkeit zur Re- 
gen tenwürde? — 2) Seit wenn, wie und warum werden Herrschaft 
und Regierung getrennt betrachtet 7 — 3) Wann und wie hat eine 
Regentschaft (Reichsverwesung) oder eine V or in undscha f t ein- 
zutreten? — wqbei auch diese beiden Begriffe auseinander gesetzt wer- 
den mussten. — Bat der Geschichte und dem Inhalt des alten und neuen 
Braunschweig- Hannoverschen Staatsrechts rousste, unter anderen, auch 
der heikle Verfassungsstreit berührt werden, folglich auch die gar sub- 
tile Lehre von dem agnatischen Consense; — dann die materielle und 
formelle Gültigkeit dar bekannten Verordnung des jetzt regierenden Kö- 
nigs, welch« für die — als rechtmässig vorausgesetzte — Thronfolge und 
Regierung des blinden Kronprinzen gewisse notarielle Vorsichtsmaesre- 
geln feststellte, und die schon interimistisch zur Anwendung kam. 

Hoffentlich wird die aufrichtig erstrebte Wahrheit der hierbei 
auagesprochenen Rechtisätze in einer freien Debatte erprobt werden. — 

• Oppenheim. 

" • 



Allgemeines verdeutschendes und erklärendes Fremdwörterbuch mit Be- 
zeichnung der Aussprache und Betonung der Werter und genauer 
Angabe ihrer Abstammung und Bildung von Dr. Joh. Christ. Aug. 
Heyse, weil. Schuldirector zu Magdeburg und Mitglied der Gelehr ~ 
ten-Vereine für deutsche Sprache zu Berlin und Frankfurt am Main. 
Neu bearbeitet von Dr. K. W. L. Heyse, Professor an der Uni- 
versität zu Berlin. Erste Lieferung. A bis Jus. Neunte recht- 
mässige, vermehrte und durchaus verbesserte Ausgabe. Hannover, 
1843. Im Verlage der Hahn* sehen Hofbuchandlung. 398 doppelte 

Die Zahl der Verdeutschungswörterbücner wäehst mit jedem Jahre 
und wird nachgerade Leginn: indessen weiss doch das besonnene Publi- 



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I 



148 Kurze Anzeigen. 

cum das Korn ton der Spreu zu scheiden, «owie den blossen Copistefi 
von dem selbstständigen und selbsttätigen Autor. Bei dem vorliegen- 
den Werke, von welchem jetzt die 9. Ausgabe vor uns liegt, und von 
dem vor 8 Jahren ein weit verbreiteter, reichhaltiger Auszug, unter dem 
Titel „Kleines Fremdwörterbuch" erschienen ist, hat Ref. nicht 
nöthig ausführlich zu seyn. Er hat im Jahr 1835 über die siebente 
Ausgabe Bericht erstattet und sein Urtheil abgegeben, auch einige Wun- 
sche in Beziehung auf dessen Vervollkommnung ausgesprochen, die er 
mit Vergnügen jetzt wenigsten« theilweise berücksichtigt findet. Er be- 
scheidet sich gern, dass bei vollständigerer Berücksichtigung das Buch 
vielleicht zu voluminös geworden seyn dürfte, ohne dass diejenigen, die 
ein solches Buch am häufigsten nachzuschlagen nöthig haben, einen sehr 
grossen Gewinn daraus gezogen hätten. Vergleichen wir nun das Buch, 
dessen Veränderung und Verbesserung sich auch auf den Titel er- 
streckt*), so finden wir eine mehrfache Vervollkommnung. Fürs Erste 
ist der Druck, ohne undeutlicher ins Auge zu fallen, kleiner, und in ge- 
spaltenen Columnen, wodurch sehr viel Raum gewonnen worden ist. 
Denn bei nicht unbedeutender Vermehrung hat dieser Theil bis zu dem 
Worte Jus personale 398 Seiten, während dasselbe in der 1. Ausgabe 
auf der 51t. steht, also sieben Bogen mehr. Zweitens hat das Buch sehr 
viele neue, eben so viele erweiterte oder verbesserte Artikel, endlich Ist 
auch eine Anzahl ganz entbehrlicher und überflüssiger Wörter wegge- 
lassen. Wir können unsere Anzeige schliessen, wenn wir unsern Lesern 
nur die neuen Artikel einer kleinen Anzahl von Seiten, so wie die ver- 
besserten oder vermehrten auf demselben Baume anfuhren: überzeugt, 
dass das Werk, das so wesentlich gewonnen hat, sich auch neben so vie- 
len Concurrenten , in der Gunst des Pnblicums erhalten werde. Wir 
wählen die ersten 9 Seiten. Hier stehen neu: A. C. = Augustana Con- 
fessio, Abakus, Ab (jüd. Monat), Abeliten, Abib, Abimelech, Abinadab, 
abituriren, Abner [dieser, so wie andere*hebräische Namen, auch ver- 
deutscht], Abrahamiten, Abrasirm, Abscissenlinie, a Capriccio, aecrescendi 
jus, acquaestus conjugalis, titulus acquirendia vermehrt und verbessert 
sind die Artikel A et O, Abandon und Abandonniren , Abdication, Abro- 
giren, Absentia ficta, Absinth, Acidum, Act. Ueberdies ist jetzt die Spra- 
che angegeben, aus welcher die Fremdwörter stammen; auch oft das 
fremde Wort selbst mit seiner Grundbedeutung: s. B. bei Apostel 
hiess es sonst: „m. ein Gesandter, Bote" u. s. w.; jetzt: „m. gr. (apo- 
stölos, von apostellein, absenden) ein Gesandter, Bote" u. s. w.; endlich 
ist auch die richtige Betonung der Wörter weit häufiger, als in den frü- 
heren Ausgaben, wo es nur immer nöthig erscheint, angegeben. — Der 
Druck ist eben so correct, als schön. Das Papier sehr gut. 



•) Die 7. Ausg. heisst noch: „Allgem. Fremdwörterbuch oder Hand- 
buch zum Verstehen und Vermeiden der in unserer Sprache mehr 
oder minder gebräuchlichen fremden Ausdrücke, mit Bezeichnung 
der Aussprache, der Betonung und der nöthigsten Erklärung von Dr. 
Job. Christ. A. Heyse." 

G. H. Moser. 



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Karze Ameisen. Iii) 

Die Liebekunst. Drei Bücher. Dem Publius Ovidius Na so nach- 
gedichtet von Dr. Christian Friedrich Adler . Leipzig, F. 
A. Brockhaus. 1843. LVIIl. und 19» S. in 8. 

Unter diesem Titel wird uns eine freiere Uebersetsung oder viel- 
mehr eine Uebertragung der bekannten Ovidischen Diobtnng in gereim- 
ten Versen gegeben, die allerdings für den, welcher eine allgemeine Idee 
von dem Inhalt, von Geist und Charakter der Ovidischen Dichtung ge- 
winnen will, ohne doch sie im Original lesen und verstehen au können, 
gewiss entsprechender, und ihm selbst willkommener seyn durfte, als die 
beliebten Uebercetzungen in dem, unserem Sprachgenius, zumal bei der 
Behandlung solcher minder ernsten, und selbst leichtfertigen Gegen- 
stände, minder ansagenden, steifen heroischen oder elegischen Versraaais, 
welches letztere der romische Dichter sich wohl deshalb mit wählte, 
weil es ihm selbst das geläufigste, bequemste war. In unsere Sprache 
ubertragen, hat der Hexameter (wie der Pentameter) neben der natürli- 
chen Steifheit, doch stets einen gewissen Ernst, eine gewisse Wurde, die 
ihn zur Behandlung solcher Gegenstände minder eignet und den Heraus- 
geber hinreichend rechtfertigen mag, wenn er, statt das lateinische Ori- 
ginal nach Wort und Sylbe mit ängstlicher Treue und Gewissenhaftig- 
keit in einer für gebildete deutsche Ohren freilich oft ganz ungenießba- 
ren Weise wiederzugeben, es vorzog, einen andern freiem Weg einzu- 
schlagen, der schon durch die Anwendung des Reims das Ganze unserer 
Begriffs- und Anschauungsweise näher bringt, wenn er auch gleich Man- 
ches in dem Original aufopfern, manche feine Nuance, weil es nun ein« 
mal nicht anders möglich ist, in der Copie schwinden lassen muss, wel- 
che hauptsächlich darauf ausgehen soll, im Allgemeinen einen ge- 
treuen Eindruck, ein Bild des Originals in der Seele des Lesers zu schaf- 
fen. Auf eben diese aber scheint es dem Verf. hauptsächlich abgesehen 
zu seyn ; und allerdings wird man ihm das Zeugniss nicht versagen kön- 
nen, dass es ihm von seinem Standpunkt aus gewiss nicht missgluckt ist« 
dem deutschen Leser, der Rom's Welt, Rom'« Poesie und Leben minder 
kennt, einen Begriff zu geben von der Frivolität des Inhalts, wie von 
der anziehenden Weise, mit welcher der Dichter das, was der Schmntz 
grosser Städte und die Verdorbenheit der Sitten im Alterthum so gut 
wie in der Neuzeit erzeugt hat, darzustellen und in das gefällige Gewand 
der Poesie einzukleiden versteht. Wenn wir in dieser Hinsicht dem 
Dichter so wie seinem gewandten Uebersetzer ihr Lob nicht verkümmern, 
namentlich dem Letzteren keineswegs die Anerkennung versagen wollen, 
die ihm Jeder, der mit Aufmerksamkeit diese Uebertragung gelesen, zol- 
len wird, so stellt sich doch das Verhältniss etwas anders, wenn wir 
na- h dem, bei alldem angenehmen Fluss einer oft dahinreissenden Dar- 
stellung, bei der schönen Harmonie des Rythmus, doch immerhin höchst 
anstössigen Inhalt des Ganzen fragen, das keineswegs eine edlere und 
h here Liebe zu seinem Gegenstände hat, sondern eine gemeine und nie- 
drige, wie sie mit der Auflösung der sittlichen Bande des Lebens, insbe- 
aonder auch der Heiligkeit der Ehe, Hand in Hand geht und in den 
Hönes der grossen Städte, in den Wollüstlingen höherer Stände ihre 
Verehrer findet. Dass es auch heute zu Tage an solchen so wenig fehlt 



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Kurze Anseigen. 



wie in dem alten Rom, wird Niemand leugnen wollen« Niemand aber 
auch, ohne darum gerade ein Pedant oder ein atrenger Methodist zu eeyn, 
die Behandlung solcher Verhältnisse und Gegenstände für eine der wah- 
ren Poesie würdige Aufgabe halten wollen. Aus diesem Grunde können 
vir bei aller Achtung tot dem Talent des Uebersetzers doch seine Recht- 
fertigung! der Moralität dieses Gedichte (S. XI.) nicht für befriedigend hal- 
ten und glauben, er hätte besser gethan, in seiner Einleitung einfach und 
offen darzulegen, welches denn eigentlich die Personen sind, für welche 
and in Bezug nuf welche der Dichter seine Kunst, die Liebe und Zu- 
neigung des andern Geschlechts zu gewinnen, niederschrieb, unter wel- 
chen Verhältnissen ein Gedieht, wie das vorliegende, entstand, dessen 
Inhalt doch schon einem Augustus so enstöseig erschien, dass er es aus 
den Bibliotheken Rom's entfernen liess und den Verfasser desselben aus 
der Hauptstadt wies — offenbar weil es seinen auf Förderung der Ehe 
und Achtung der mehrfach zerrütteten ehelichen Verhältnisse zielenden 
Absichten so ganz entgegen War, und das Gegenlheil in einer eben so 
anziehenden als verführerischen Weise lehrte ; wir glauben, dass er dann 
die Leser besser in den Stand gesetzt hätte , den Inhalt des Ganzen ge- 
hörig aufzufassen und zu beurtheilea. Dass es ihm selbst an einer ge- 
schickten und auch meist ganz richtigen Auffassung der verschiedenen 
Dichtungen des Ovidius nicht fehlt, zeigt die Einleitung, die eine im 
Ganzen woblgolungene Charakteristik dieser Poesien liefert, und jedes 
Urtheil mit einzelnen Belegen durch wohlgewählte, vom Verf. mit glei- 
chem Geschick übertragene Abschnitte aus diesen Poesien belegt, was 
unwillkürlich uns an einen Wieland (um gerade diesen zu nennen) und 
ähnliehe Uebertragungen desselben erinnert hat. Als Anhang hat der 
Verf. die schöne Elegie I., 3. aus Tibuil, und I., 2. aus Fropertius in 
ähnlicher Weise übertragen beigefügt: um so zugleich auch eine Probe 
der andern Dichter Rom's zu geben, die auf gleichen Gebieten, wie Ovi- 
dius sieh versucht. Auch hier zeigt der YJebersetzer dieselbe Gewandt- 
heit und Leichtigkeit, die seine Ovidischen Uebertragungen auszeichnet. 
Die äussere Ausstattung des Gänsen ist sehr befriedigend ausgefallen. 

- 

Sammlung orientalischer Mährchen, Erzählungen und Fabeln. Heraus- 
gegeben von Dr. Hermann Brockhaus, ausserordentlichem Pro- 
fessor der Sanskrit -Literatur an der Universität Leipzig. 

Auch mit dem besondern Titel : 
Die Mährchensammlung des Somadepa Bhatta aus Kasc h- 

• 

mir. Aus dem Sanskrit ins Deutsche übersetzt von Dr. Hermann 
Brockhaus, u. s. w. Leipzig. F. A. Brockhaus 1843. Erster 
Theil XVIII. und 915 S. Zweiter Theil VI. und »tl S. in 8. 

Diese neue Sammlung orientalischer Sagen, welche auf deutschen 
Boden verpflanzt werden svllen, und damit zugleich einen integrirenden 
Theil einer grösseren , von demselben Verleger unternommenen Samm- 
lung von Glassikern des Auslandes bilden, beginnt., mit einer in Indien 



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Karze Anzeigen. 151 

Vorzugs weite berühmten und hochgefeierten, dem Ramajana und Mahab- 
Ii a rata an die Seite gestellten Sammlung Ton Sagen, deren Verfasser 
Somadeva in den ersten Decennien des zwölften Jahrhunderts unserer 
Zeitrechnung in Kaschmir lebte und dichtete. Schon im Jahre 1839 hatte 
der deutsche Herausgeber die fünf ersten Bücher dieser Sammlung im 
Original, begleitet von einer deutschen Uebersetzung, herausgegeben: die 
letztere erscheint hier in einem erneuerten, unveränderten Abdruck, ge- 
eignet, Freunde der Literatur überhaupt mit der indischen Fabel näher 
bekannt zu macheu , und damit zugleich nähere Forschungen über die 
Beziehungen dieser Sammlung indischer Mährchen zu andern ähnlichen 
l'roducten dus Orients wie des Occidenta hervorzurufen. Wenn dies der 
Standpunkt ist, von dem die Wissenschaft aus das Erscheinen dieser 
Sammlung zunächst zu betrachten und zu würdigen hat, so kann darum 
doch auch ein zahlreiches, auf angenehme Unterhaltung rechnendes Pu- 
blicum zu der Lcctüre dieser Mährchen eingeladen werden, die jeden- 
falls als das beste anzusehen sind, was die alte Weft Indiens auf diesem 
Gebiete aufzuweisen hat. Was für solche Leser minder verständlich 
sevn sollte, wie z. B. die indischen Benennungen und dergleichen, wird 
in den am Schluss beigefügten Anmerkungen erklärt. Ueberdem ist, um 
su feeigen, wie auch noch jetzt die Mähfchendichtung im Volke Indiens 
lebt und weht, am Ende des zweiten Theils eine ans dem Munde einer 
Wäscherin zu Benares durch einen Engländer aufgeschriebene Erzäh- 
lung: die Tochter des Holzhauers überschrieben, in einer guten deutschen 
Uebertragnng beigefügt. 



Nieder ländische Sagen. Gesammelt und mit Anmerkungen be- 
gleitet, herausgegeben von Johann Wilhelm Wolf. Mit einem 
Kupfer und dem Motto aus Boratius : In longum tarnen aevum man- 
serunt hodieque manent. Leipzig. F. A. Brockhaus 1843. XXXfttt. 
und 708 8. in gr. 8. 

Oio Freunde velkstbümlicher Sage und Dichtung erhalten hier 
eine äusserst reichhaltige Sammlung, an Ort und Stelle aus schriftlichen 
nnd mündlichen, gedruckten und ungedruckten Quellen verunstaltet, und 
bei aller Treue und Anhänglichkeit an die ursprüngliche (oft ungenicss- 
bare oder unverständliche) Fassung doch in eine gefällige und wohl les- 
bare Form gebracht, welche von der Sorgfalt des Herausgebers in der 
Behandlung des mit nicht geringer Mühe zusammengebrachten Stoffs ein 
erfreuliches Zeugnis« ablegt. Jeder Sage, und es sind deren, sawmt der 
Nachlese in Allem fünf hundert und achtzig — ist die Angabe 
der Quelle, der sie entnommen, vorausgeschickt; in dem Inhalt der Sage 
hat sich der Verfasser durchaus keine Veränderung erlaubt, sondern sich 
streng an die Quelle gehalten j nur die Form musste die nöthige Umge- 
staltung erhalten, nm lesbar und verständlich zu werden. Eine schätz» 
bare Zugabe, die für den, welcher die Sagendichtung von einem höheren 
Standpunkt ins Auge fasst, besonder« Wichtigkeit bat, bilden die am 
Schluss des Ganzen S. QU ff. über einzelne Sagen und deren Besiebun 



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Kurz« Anzeigen. 



gen, Ursprung und dergleichen mitgelbeilten Nachweisungen und Erörte- 
rungen. Uebrigens beginnt die Sammlung mit der frühesten Zeit: Fries- 
land macht den Anfang, dann folgt Holland und das südlich davon ge- 
legene Belgien. Wie Vieles hier an Deutschland, an deutsche Sage und 
Dichtung erinnert, bedarf kaum einer besonderen Erwähnung; wohlthuend 
aber muss es für jeden Deutschen auch seyn, aus des Verf. Munde zu 
vernehmen, und in der ganzen Sammlung, wie er sie uns hier vorlegt, 
bewährt au finden, in welcher Reinheit deutscher Geist und deutsche 
Gesinnung in dem jetzigen Belgien sich noch erhalten, aller Einwirkung 
ungeachtet, die von dem nahen Frankreich, zumal von Paris aus, auf die 
grossem Städte des Landes geübt wird. Und dieser Umstand gibt dem 
Werke des Verfassers allerdings eine besondere Bedeutung für Deutsch- 
land und ein deutsches gebildetes Publikum, das diesen Versuch einer 
möglichst vollständigen Zusammenstellung dos SagenstofTg eines stamm- 
verwandten Volkes gewiss nicht ohne Befriedigung in die Hand nehmen 
wird. 



Nagellan, oder die erste Reise um die Erde. Nach den vorhandenen 
Quellen dargestellt von August Burk. Mit MageUan's Bildnis s. 
Leipzig. Verlag von Bernh. Tauchnitz jun. t844. VIII. und 319 
Seiten in 8. 

Diese, vom Verfasser wie vom Verleger wohl ausgestattete Schrift 
bildet eine recht empfehlenswert he Leetüre, namentlich auch für die jün- 
gere Welt, welche daraus eine eben so angenehm unterhaltende als nütz- 
liche Belehrung gewinnen kann , die gewiss , bei so manchem faden und 
höchst mittel massigen Gut, mit dem sich jetzt unsere Jugend nähren 
soll, doppelt zu beachten ist. Die getreu ans den Quellen geschöpfte 
Darstellung ist einfach und schlicht, das Ganze in eine, wie uns scheint, 
recht passende Form gebracht. Zu der lobenswertben äusseren Ausstat- 
tung dieser Jugendschrift ist noch ein hübscher Stich, MageUan's Bild- 
niss enthaltend, hinzugekommen. 



Vorlesungen über slavische Literatur und Zustände. Gehalten 
im ColUge de France in den Jahren von 1840 bis 1849 von Adam 
Mickiewicz. Deutsche, mit einer Vorrede des Verfassers verse- 
hene Ausgabe. Erster Theil (^Zweite Abtheüung) XXX. und £f. 
341-651. Zweiter Theil iZweite Abtheilung) XIV. und S. »41 
bis 447. Leipzig und Paris. Brockhaus und Avenarius 1843. in 8. 

Was in der Anzeige der beiden ersten Abtheilungen dieser Vorle- 
sungen (s. diese Jahrbb. 1843. p. 951) über den Charakter, die Anlage 
und Ausführung derselben bemerkt war, das gilt auch in jeder Bezie- 
hung von der andern Hälfte des Ganzen, deren Erscheinen wir hier an- 
zeigen. Man wird auch hier denselben dabinreissenden, angenehm an 



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Anzeigen. 158 

regenden durch vielfache Digressioaen und allgemeinere Betrachtungen 
angenehm wechselnden Vortrag wiederfinden, der besondert ein grösseres, 
gebildetes Publicum anzuziehen vermag, zumal da so Manches, was die 
neuere Zeit, im Allgemeinen die Verhältnisse und Zustände des neueren 
Europa berührt, zur Sprache kommt, und mit der Darstellung in eine 
nähere oder entferntere Verbindung gebracht ist. So schliesst der erste 
Theii , dessen zweite Abtheilung von der neunzehnten Vorlesung an zu- 
erst mit den Donau-Slaven , besonders den sangreichen Serben, dann mit 
Polen und Russland ausschliesslich sich beschäftigt, in der ein und dreis- 
aigsten Vorlesung mit einer allgemeinen Betrachtung über den philoso- 
phischen und politischen Gang Europa'«, welchen der Verfasser dem 
politischen und religiösen Fortschritte Polens total entgegengesetzt fin- 
det; diess führt ihn denn anch auf die verschiedenen Systeme der Phi- 
losophie neuester Zeit, und damit natürlich auch zu Hegel, dessen phi- 
losophisches System der Verfasser in folgender Weise seinen (französi- 
•eben und polnischen) Zuhörern darlegt: „Nach He^el ist Gott als Geist 
und als Kraft, als Seyn und Nichtseyn zu denken; dieser Gott des Welt- 
alls verwirklicht sich im Menschen, er wächst als Pflanze, als organi- 
sches Wesen, als Thier, als Kind, als Mensch und gelangt endlich in der 
menschlichen Serie zum Begriff seiner selbst. Deutlicher gesprochen: 
der einzige individuelle Gott ist der Mensch. Der Gedanke verwirklicht 
sich im Menschen und gewinnt in ihm das Wissen seines eigenen Da- 
seyns. Aber der geschichtliche, der (collective) gemeinsame Gott, sich 
nicht begnügend, in den Individuen, die als Philosophen ihre Ideen be- 
greifen, der Gott der Weltgeschichte hat sich in die Völker einverleibt. 
Nach Hegel verkörperte er sich einst in den Reichen des Morgenlandes, 
in den Herrschern Babylon's und Persiens, z. B. in der Person des Kö- 
nigs Ninus. Später zog er Griechenland vor, wo er sich in der Kunst 
besonders bethäligte und die glänzende Kunstperiode erzeugte; dann 
ging er nach Rom über und trat als politischer Gott auf. Endlich erlag 
er in einer nochmaligen Umwandlung, die Form der germanischen Race 
annehmend. Hegel sagt nicht genau, in welchem Königreiche Gott jetzt 
gerade residirt; aber aus seinem politischen Systeme lässt sich leicht 
errathen, dass er, ihm zufolge, gegenwärtig in Preussen residirt. Der 
politische Gott hat sieh zum Preussen gemacht." (S. 647). 

Mag diese Stelle zugleich als Probe der Art und Weise dienen, 
wie der Verfasser die deutsche Philosophie überhaupt aufgefasst und für 
seine Zwecke benutzt hat, die er in ähnlicher Weise auch in der zwei- 
ten Abtheilung des zweiten Theiles verfolgt, wo er mit den Cultursu- 
ständen Polens und Russlands beschäftigt ist, hier ein Alles materiali- 
stisch bewältigendes Streben nachweisend, dort mit der Idee des Messia- 
nismns sich tröstend und beruhigend. Die Uebersetzung des Ganzen 
(von Siegfried) ist äusserst fliessend, und lässt so wenig wie die 
Ausstattung Etwas zu wünschen übrig. 



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154 



Kurze Aozelgen. 



Kritik und Erklärung der Episteln des Borax. Ein Hand- 
buch zur tiefern Auffassung der Episteln des Horaz von B. D nu- 
tzer. Zweiter Theü. Braun schweig, Verlag von Q. C.E.Meyer 
sen. 1844. 640 S. tn 8. 

Auch mit dem besonderen Titel; 
Kritik und Erklärung der horazischen Qe dichte. Von B. 
Düntzer. Vierter Theil : der Episteln zweites Buch nebst der 
Ars Poetica etc. 

Mit diesem Bande, dessen unmittelbaren Vorgänger wir in diesen 
Jahrbb. 1843 p. 415 ff. angezeigt haben, schliesst der Verf. sein Werk 
ab, das er in dem Vorwort als den ersten Tollständigen Versuch bezeich- 
net, in den Geist der horazischen Gedichte einzudringen und sie lebendi- 
ger Erkenntniss entgegen zu führen! In wie fern diese Behauptung, die 
allerdings von grossem Selbstvertrauen in die eigenen Leistungen zeugt, 
richtig ist, steht hier nicht zu untersuchen, indem hier blos von dem Inhalte 
dieses Bandes eine kurze Mittheilung zu geben beabsichtigt wird, das 
Weitere aber dem eigenen Urtheil der Leser überlassen bleibt, zumal da des 
Verfassers Grundsätze, seine ganze Behandlung«- und Au ffassungs weise, 
der er sich auch in diesem letzten Theile treu geblieben ist, aus den 
früheren Theilcn zur Genüge bekannt und mehrfach besprochen worden 
ist, als dass es nöthig wäre, hier von Neuein darauf zurück zu kommen. 
Die Angriffe der Gegner wider sein Verfahren haben den Verf. durchaus 
nicht wankend in seiner Ansicht raachen können, weil diese, wie er sagt, 
aus einem vorurteilsfreien, lebendigen Studium der Gedichte selbst her- 
vorgegangen um! aus dem Ganzen gebildet ist. (Das werden aber auch 
die Gegner von ihren Behauptungen sagen, auf deren Widerlegung sich 
der Verf. weiter nicht eingelassen bat). Denn „was eine ästhetische Auf- 
fassung soll, glaube ich reiflicher erwogen zu haben, als die meisten 
meiner Gegner, die ich um ihre stückweisen, kümmerlich an der Schale 
klebenden Deutungen nicht beneide. Wollten sie meiner Schrift eine 
sorgfältigere Würdigung widmen, so dürften sie vielleicht erkennen, 
dass hier Alles mit grosser Umsicht und Beachtung aller Einzelheiten 
behandelt ist, alz ihnen bei ihrer flüchtigen, spruagweisen Lesung schei- 
nen möchte. Diu von mir mit guter Absicht erstrebte Kürze ist Vielen 
hinderlicher gewesen, als es bei Kundigen hätte seyn sollen u s. w." 
Ob sich die Gegner damit beruhigen Morden, wird billig zu bezweifeln 
«ejo; ob alle in dieses Selbstlob einstimmen, mag eben sowohl gerech- 
tem Zweifel unterliegen, auch ohne dass man gegen den Verfasser unge- 
recht werden oder das Verdienstliche, das überhaupt jeder derartige Bei- 
trag für eine bessere Auffassung und für das erweiterte Verständniss der 
horazWhen Dichtungen hat, verkennen zu wollen. Zwei früher vom 
Verf. angekündigte Abbandlungen, welche diesem letzten Theile beige- 
geben werden sollten , die eine „über Horaz als Mensch und Dichter 4 ', 
die andete ,,Geschichte der bisherigen Erklärung" wurden 'zurückgelegt, 
dagegen eine Einleitung auf S. 1 — 53 vorausgeschickt, welche über die 
Abfassungszeit des vierten Buchs der Oden sich verbreitet (dessen ein- 
zelne Lieder, mit Ausnahme von VI. und XII. naeh dorn Verfasser sämnat- 



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I 



Korse Anzeigen. 155 

lieh in das Jahr 140 und 741 zu setzen sind) dann eine Verschiedenheit 
des Charakters der Oden dieses Buchs im Vergleich zu den Oden der 
drei andern Bächer zu ermitteln sucht, indem im vierten Buch nicht die 
jugendliche Frische und Lebendigkeit, die rege Phantasie gefunden wird, 
die selbst noch in den Oden des dritten Buches bemerklich seyn soll, 
eben so eine grössere Freiheit in der metrischen Behandlung, was zu 
weiteren Erörterungen über die in den Oden der verschiedenen Bücher 
überhaupt bemerkliche Verschiedenheit metrischer Behandlung führt; 
an das vierte Buch der Oden reihen sich dann nach der Ansicht des 
Verf. die beiden Briefe des zweiten Buchs nebst der Ars Poetica an, in- 
sofern alle drei Briefe wahrscheinlich (s. S. 36 ff.) zusammen von Hora- 
ths herausgegeben worden; die Zeit der Abfassung wird folgenderranssen 
bestimmt: der zweite Brief an Floros 143 oder Anfang 744; dann der 
erste sn August, an jenen sich unmittelbar anschliessend 744 ; der Brief 
an die Pisonen 745. An die Erörterungen dieser Punkte schliesst sich 
auch Anderes an, namentlich in Betreff der metrischen Behandlung und 
der hier in den Satiren und Episteln und deren einzelnen Büchern her- 
vortretenden Verschiedenheiten, welche der Verf. im Einzelnen nachzu- 
weisen sucht. Nach dieser Einleitung folgt dann S. 54 ff. der zweite, 
S. 183 ff. der erste Brief des zweiten Buchs, S. 342 ff. die Ars Poe- 
tica, ganz in derselben Weise behandelt, wie die Satiren und die Episteln 
des ersten Buchs; die Ars Poetica ist eingeleitet durch eine Erörterung, 
welche die verschiedenen Erklärer dieses Gedichts, die verschiedenen An- 
sichten und Grundsätze, von denen sie bei ihrer Bearbeitung ausgegan- 
gen, und Sinn und Zweck des Ganzen, wie Bedeutung des Einzelnen, zu 
bestimmen versucht hatten, bis auf die neueste Zeit herab, der Reihe 
nach aufführt nnd mit der Schrift von Enk schliesst, die aber zunächst 
mit dem alten Horatius und seiner Ars poetica wenig zu schaffen, 
wohl aber Form und Einkleidung, bei Verändertem Inhalt, daher entnom- 
men hat; s diese Jahrbb. 1842. p. 318 ff. Fragen wir nun nach der ei- 
genen Ansicht des Verf. über diess merkwürdige Gedicht, das in alter 
and neuer Zeit so manche auffallende und so verschiedene Ansichten und 
Urtbeile hat über sich ergehen lassen müssen, so Spricht er sich darüber 
S. 374 in folgender Weise aus: „Man inuss bei unserm Gedichte von 
der Bestimmung des Wesens der horazischen Briefe ausgehen, wie wir 
sie Bd. III. S. 83 f. versucht haben. Mannichfaltige Besprechungen und 
Betrachtungen über Poesie, besonders veranlasst durch die Briefe des 
zweiten Buchs, bestimmten unsern Dichter in vorliegendem Gedichte, der 
einen im Brief an Augustus berührten Gegenstand weiter ausführt, hier 
seine Gedanken über diesen Punkt auszusprechen, und zwar richtete er 
dieses an die ihm befreundete, solchen Betrachtungen nicht abgeneigte 
Familie der Pisonen. Nicht ganz unwahrscheinlich möchte es seyn, dass 
der Dichter gerade den siegreich zurückkehrenden Piso [ncmlich den Fi- 
so, der 739 das Gonsulat bekleidete und 743 den Zug gegen die Thraker 
unternahm, von dem er 745 zurückkam nach Rom; vergl. S, 80 ff.] mit 
diesem Briefe erfreut habe. Eine weitere Beziehung auf Verhältnisse 
Piso's oder seiner Söhne ist nirgend bestimmt angedeutet, anch dem We- 
sen der Epistel ganz fremd. 4 ' Näher in das Einzelne der, besonders auf 
die richtige Auffassung des Zusammenhangs, der leitenden Ideen <!"- 



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156 Karte Anzeigen. 

Dichtere im Allgemeinen und der Ausführung im Einseinen. gerichteten 
Erklärung durch Vornahme einzelner Stellen einzugehen , liegt unserer 
Aufgabe fern, die, wie oben bemerkt worden, nur im Allgemeinen von 
dem Inhalt dieses Bandes eine nähere Nachricht zu geben beabsichtigt 
und damit auf sein Erscheinen aufmerksam machen soll. 



Literarische Symp athien der industriellen Buchmacher ei. 
Ein Beitrag zur Geschichte der neueren englischen Lexicographie 
von Dr. J. G. Flügel, Conaul der Vereinigten Staaten von Nord- 
america; nebst einem Vorwort von Professor Dr. Gottfried Her- 
mann, Comthur des k. sächs. Civilverdienstordens , Ritter des k. 
russ. Stanislaus-Ordens etc. Leipzig 1843. In Commission hei Au- 
gust Weichardt. IV. und 41 S. in gr. 8. 

Wir zeigen hier eine kleine, aber höchst merkwürdige Schrift an, 
die wohl die Aufmerksamkeit aller Gelehrten Deutschlands, aller Männer 
von wahrer literarischer Ehre, auf sich ziehen sollte. Denn sie zeigt in 
einer Reihe der eclatantesten Belege, wie traurig es bei uns noch mit 
allem Dem bestellt ist, was in die Sphäre des literarischen Eigenthum» 
und die gesetzliche Verfassung der Presse gehört, wie schutzlos das gei- 
stige Eigcntbum dem Raub oder der schmählichen Verstümmlung eines 
jeden Freibeuters ausgesetzt ist, der die Leistungen Anderer aufs scham- 
loseste auszubeuten und aus der beabsichtigten Täuschung eines leicht- 
gläubigen Publikums Gewinn zu ziehen versteht. Herr Flügel, dessen 
Englisches Wörterbuch nach dem einstimmigen Urtheil der com- 
petentesten Richter, dem sich auch die Stimme des Nestors deutscher 
Philologie in dem Vorwort anschliesst, anerkannt das beste ist, das 
wir jetzt besitzen, hat für eine Leistung, die die Aufgabe seines Lebens 
war, die mit seltener Ausdauer unter den mühevollsten Studien jeder 
Art ununterbrochen bis an das gewünschte Ziel geführt ward, den Lohn 
eingeerndtet, sein Werk durch fremde Hände schmachvoll geplündert und 
selbst verstümmelt zu sehen! Und doch hat er längere Zeit mit Ruhe 
und Gednlt dieser Mißhandlung zugesehen, bis eine erneuerte markt- 
schreierische Ankündigung eines solchen literarischen Piraten ihn zu der 
vorliegenden Bekanntmachung nöthigte, die allerdings ein trauriges Do- 
cnment deutscher Pressverhältnisse nnd literärischer Zustände abgibt. 
Das Publikum kann ihm nur dafür vollen Dank zollen: denn die Vor. 
öffentlicbung solchen Treibens ist das einzige Mittel, das dem Ehren- 
mann übrig bleibt, sich und sein geistiges Eigenthum gegen solchen 
Raub zu schützen und einigermassen sicher zu stellen. Es handelt sich 
hier nicht um einzelne ausgeschriebene Stellen und benützte Artikel — 
ein guter Lexicograph muss sich in dieser Beziehung ohnehin schon viel 
genug gefallen lassen — es handelt sich vielmehr um eine in weit grös- 
serem Umfang getriebene Plünderung, um schamlosen Nachdruck und 
um eine Verstümmelung, wie eie sein Werk unter den Händen zweier so- 
genannten Literaten und Doctoren — eines früheren Maeuucurs und eines 
früheren Buchladendieners — erlitten hatte, die dabei noch frech genug 



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I 



Karze Anzeigen, 15' 

«raren, ihrem, in Folge der eigenen Unwissenheit schmählich entstell- 
ten, mit Fehlern jeder Art überladenen Machwerke den Namen dea 
Herrn Flügel, dessen Werk sie aasgeschrieben, vorzusetzen, um so 
desto grösseren Gewinn ans dem offenbaren Betrüge zu erzielen. Wäh- 
rend diese in England geschah and englische Verleger sich ohne 
Schaan) des Raubs und der Fälschung annahmen, erging es in Deutsch- 
land nicht besser. Am frechsten, um von anderen Plünderungen der 
lexicographischen Werke unseres Verfassers in geringerem Massstabe 
nicht zu reden, trieb es ein Herr 6 rieb, der ein von ihm neu gefertig- 
tes englisches Wörterbuch auf die prahlvollste Weise mit eioer fast 
beispiellosen Arroganz dem Publikum anpries und, wie in solchen Fällen 
zu erwarten, über alle seine Vorgänger das Verdammungsurtheil aua-, 
sprach. Uud doch, was au seinem Werke gut ist, war aus Flügel's Wer- 
ken entnommen: und wie es mit den marktschreierischen Behauptungen 
dieses Plagiarius über die Vorzüge seines Werkes vor allen andern der 
Art, über die grössere Vollständigkeit und dergleichen mehr steht, daa 
kann der geneigte Leser aus dieser Schrift in den zahllosen Belegen, 
wie sie von S. 9 an bis S. 82 hier vorgelegt werden — lauter Belege 
grober Unwissenheit und gleicher Machlässigkeit — sattsam ersehen. 
Möge das Publicum sich diese zur Warnung dienen lassen, und dem 
Verfasser Dank wissen, dass er sich entschlossen, das schändliche Ge- 
werbe dieser literarischen Piraterie, and Charlatanerie aufzudecken und 
in seiner ganzen Blosse darzulegen! 



Der Urzustand der Erde, und die Hypothese von einer stattgehabten Ver- 
änderung der Pole, erklärt durch Übereinstimmung mit Sagen und 
Nachrichten aus ältester Zeit, Eine geologisch-historische Untersu- 
chung über die sogenannte Sünd fluth- Katastrophe von Friedrich 
Klee, Nach der dänischen Handschrift des Verfassers von Major 
G. F, v, Jenssen-Tusch. — Stuttgart E. Schweizerbart'sche 
Verlagshandlung, 1843, VIII, »88 S, 

In der Einleitung zu diesem Buche, welches der Verf. „Deutsch- 
lands Naturforschern" gewidmet hat, gibt derselbe einen kurzen Abrita 
der Geschichte der Geologie, um auch die. in dieser Wissenschaft weni- 
ger Bewanderten, auf den Standpunkt zu stellen, ihm im Verlaufe seiner 
Untersuchungen folgen zu können. In gedrängter Uebersicht theilt der Verf. 
die wichtigsten Epochen der Geologie mit und macht unter andern auf die, 
zum Theil sehr abentheuerlichen Begriffe aufmerksam, welche lange 
Zeit über gewisse Versteinerungen gehegt wurden, bis es einem Bln- 
menbach, einem Cu vier gelang, diese irrigen Ansichten aufzuklären, 
und den Grund zu einer eigenen Wissenschaft der Petrefactenknnde zu 
legen, welche in kurzer Zeit die reissendsten Fortschritte gemacht hat. 
— Hierauf führt der Verf, Elie de Beaumont's geistreiche Erhe- 
bunga-Theorie an, sowie die geologischen Systeme Lyell 's und Leon- 
hard 's, und geht endlich zu dem Haupt- Gegenstände 1 seiner Forsch un- 



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158 



Kurte Anzeigen 



gen über. Er stellt hauptsächlich drei Fragen auf, deren Beantwortung 
von ihm versucht wird nämlich: 1) Rühren die diluvianischen Gebilde« 
welche fossile TJeberreste von vollkommen organisirten Pflanzen und 
Thiercn enthalten, von mehreren oder nur von einer einsigen Ueber- 
Rchwemmung, der sogenannten Sündfltith (Diluvium) her?; 2) herrschte 
vor dieser Sündfluth überall auf der Erde tropisches Klima, oder nicht? 
und 3) existirte um jene Zeit ein Menschengeschlecht , das zum Theil, 
oder gänzlich in den Flutben umkam? — Ehe der Verf. au der Beant- 
wortung der ersten Frage schreitet, führt er die wichtigsten jener, zum 
Theil kolossalen Geschöpfe an, deren Reste in diluvianischen Gebilden 
gefunden worden sind, und hebt besonders den Umstand hervor, dase die 
Ueberbleibsel jener Thiere nicht selten an Orten getroffen werden, wo es 
sehr unwahrscheinlich ist, dass dieselben gelebt haben konnten, wie z. B. 
die Eleplmmen, Rhinecerosse, Nilpferde, Tiger in England, Frankreich 
und Deutschland. Der Verf. billigt keineswegs die Ansicht, dass alle 
jene ThieTc ihre eigentliche Heimath in den Tropenländern gehabt, durch 
eine eingetretene Fluth in kältere, nördliche Gegenden gelangt seien, in- 
dem derselbe dngegen die Thatsache aufstellt, dass an manchen Orten 
die Uebcrreste von Thieren, wie z. B. die Hyänen - Knochen in Höhlen 
Englands und Frankreichs in solcher Menge gefunden werden » dass man 
notwendigerweise anf den Gedanken kommen müsse, die Thiere hätten 
einst da gelebt, wo nun ihre Gebeine umherliegen. 

Auch zwei anderen Hypothesen glaubt Herr Klee nicht beitreten 
zu dürfen. Die eine gibt ein, nach und nach verändertes Klima als 
Grund an, und der zweiten zufolge «oll die Erde in der Vorzeit eine, von 
der jetzigen abweichende Stellung gegen die Sonne, d.h. eine andere Axe und 
andere l'ole gehabt haben. Am meisten pflichtet der Verf. der Ansicht 
bei, dass in der Urzeit auf der ganzen Erde tropisches Klima geherrscht 
habe, welches durch eingetretene Natur-Ereignisse In höheren Breiten in 
Kälte verwandelt worden sei. Hat man nun an eine schnelle oder all- 
mählige Erkaltung zu glauben? Und was für gewaltige Phänomene 
waren es, welche diesen ausserordentlichen Wechsel hervorriefen? Der 
Verf. sucht die Veranlassung in einer Veränderung der Erdaxe und der 
Pole, und glaubt die Ursache zu dieser Veränderung in der eigenen Ent- 
wickelung der Erde finden zu müssen. Eine unmittelbare und wichtige 
Folge dieser Veränderung der Erdaxe war eine allgemeine FJuth, welche 
das Land überschwemmte, und von grossem Einfluss auf die Gestalt der 
Eüeten war. Der Verf. theilt nun die bedeutendsten Umgestaltungen, 
welche die verschiedenen Küsten des Festlandes durch diese Fluth er- 
fuhren, mit, und sucht namentlich zu beweisen, dass die Meerbusen und 
Föhrden des Kattegats, sowie die „Rollstein- Formation" durch dies Na- 
tur-Ereigniss entstanden sind, — Von vielem Interesse sind die zahlrei- 
chen, auf uns gekommenen Sagen und Mythen der verschiedensten Völ- 
ker, welche der Verf. zusammengestellt hat, um darzuthun , wie trotz 
dieses gewaltigen, durch dio Axialveränderung bewirkten Natur -Ereig- 
nisses, ein Theil der Bewohner des Festlandes, namentlich der Menschen 
(welche derselbe als existirend annimmt) im Stande waren, sich dem Un- 
tergange zu entziehen. Unter diesen verschiedenen Nachrichten über 
dieses Phänomen sind, ausser der Mosaischen Erzählung, die Chaldäischc, 



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, Kurte Anzeigen. 159 

Indische nml die Griechische besonders hervorgehoben , so wie eine im 
Auszog mitgctheilte Weissagung der Vnla. (Letztere enthält nämlich 
eine rhapsodische Beschreibung vom Welt-Untergänge , wie die alten 
Nordbewohner sich ihn vorstellten.) Herr Klee sucht noch mehrere 
geologische Erscheinungen in Uebcrctnstimmung mit dieser allgemeinen 
Fluth zu bringen, und stellt am Schlüsse noch eine neue Theorie über 
die Bewegungslehre unseres Planetensystems auf — Die äussere Aus- 
stattung dieser Schrift lässt nichts zu wünschen übrig. 

€?. Leonhard. 



Biographischer und juristischer Nachlast von Dr. Karl Salomo Za- 
chariä v. Lingenthal, Qrossherzoßl. Badischem Geheimtür athe 
IL Klasse, ordentl. öffentL Rechtslehrer an der Universität Heidel- 
berg, Comthur des Ordens vom Zähringer Löwen. Herausgegeben 
von dessen Sohne Dr. K. E. Zachariä v. Lingenthal. Stutt- 
gart und Tübingen. J. 6. Cotta'schtr Verlag. ±848. ±99 S. 8. 

< 

Ton der ersten Abtheilung dieser opuscula postuma des gefeierten 
Lehrers unserer alma Ruperto - Carolina , welche eine sehr lebendige und 
geistreiche Autobiographie desselben enthält, ist in der Chronik der Univer- 
sität, Intellig. BL Vf. VI. Not. dieses Heftes die Rede. Unsere Pflicht 
aber ist es, wenigstens in der Kürze auch den Inhalt der zweiten Ab- 
theilung z« berühren, in welcher der ju ristische Nachlass des Verstor- 
benen zusammengestellt ist, soweit derselbe druckfertig sich vorfand und 
zur Herausgabe eignete. 

Es enthält die zweite Abtheilung eilf Abhandlungen, welche ver- 
schiedene Gegenstände, ans dem Gebiete des philosophischen, des öffent- 
lichen, des deutschen und des Kirchenrechts, betreffen. Einige dieser 
Abhandlungen scheinen, wie der Heransgeber bemerkt, der letzten Voll- 
endung zu ermangeln. Bemerkenswerth aber sind folgende: 

i. Ueber das S taats- Kirchenrec h t der Staaten dea 
rheinischen Bundes. Der Herausgeber vermuthet, dass diese Ab- 
handlung schon im Jahr 1810 verfasst worden sei. Es wird in ihr aus- 
geführt, dass nur das Collegialsystem zur Grundlage des Kirchenstaats- 
rechts der rheinischen Bundesstaaten gemacht wenlen könne, und es wer- 
den die aus diesem Principe hervorgehenden Consequenzen dargethan 
oder doch angedeutet. Diese Abhandlung ist auch für die Gegenwart 
von hohem Interesse: denn dasselbe Princip und dieselben Consequenzen 
müssen auch jetzt noch in den ehemaligen rheinischen Bundesstaaten im 
Ganzen als die geltenden angesehen werden. Wahrscheinlich ist gerade 
deshalb diese einer älteren Zeit angehörende Abhandlung in den Nach- 
lass mit aufgenommen worden, während alle übrigen Abhand langen dem 
letzten Lebensjahre des Verstorbenen angehören. 

» 

« w 



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160 Karze Anzeige. 

2. Da« deutsche Recht, eine Quelle des gemeinen 
katholischen Kirchenrechts, — nnd: Das Recht der katho- 
lischen Kirche ist auch in dem Sinne ein deutsches Recht, 
dass es auf den sittlichen Zustand der Völker deutschen 
Ursprungs im Mittelalter besonders berechnet war. Diese 
Abbandlungen zeigen, wie in dem Kanonischen Rechte nicht nur einzelne 
veetigia juris Germanici vorkommen, sondern wie das kanonische Recht 
in seiner Fortentwickelung sich fast ganz mit dem germanischen Leben 
identifiqirt hat. 

8. War auch der hohe Adel d>* Ahnenprobe in den 
deutschen Stiftern unterworfen? Es wird auf diese Frage 
eine verneinende Antwort gegeben. Damit sind einige Stellen der fol- 
genden Abhandlung in Verbindung zu setzen, wo es unter Anderem Seite 
158 heisst: „Klüber (in der Schrift: die eheliche Abstammung des 
fürstlichen Hauses Löwenstein Wertheim S. 198) leitet einen Grund für 
die eheliche Abstammung dieses Hauses daraus ab, dass die Söhne 
der Klara Dettin mehr als eine Ahnenprobe hätten bestehen müssen. 
Allein er übersiebt die Einwendung, die man gegen die Noth wendigkeit 
einer Ahnenprobe aus dem Obigen entlehnen kann.'* 

4. Noch ein Beitrag zu der Lehre von den nicht stan- 
desmässigen Ehen des hohen deutschen Adels. Eine rechts- 
geschichtliche Skizze, welche die Mangel des gegenwärtigen Rechtszu- 
standes in Beziehung auf die standesmässigen Ehen des hohen Adels in 
ein helles Licht stellt, und am Schlüsse als den besten Ausweg einer 
gesetzlichen Abhülfe den Grundsatz des britischen Royal- Marriage- Act 
zu empfehlen scheint. 

5. Ueber die Frage: Kann der Verleger einer Druck- 
schrift sein Verlagsrecht ohne Zustimmung des Verfas- 
sers veräussern? Die Antwort lautet in der Hauptsache so: Kann 
es dem Schriftsteller einerlei sein, ob A oder B sein Verleger ist, so 
kann das Verlagsrecht einem Anderen abgetreten werden. Im entgegen- 
gesetzten Falle hat der Schriftsteller das Recht, wegen Veräusserung 
des Verlagsrechts Schadensersatz zu fordern, oder sie nach Befinden zu 
verhindern. 



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Xr.il. HEIDELBERGER 1844. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



Literarhistorisches Taschenbuch, herausgegeben von R. E. Prutz. 
Zweiter Jahrgang 1844. Mit Beiträgen von J> Kahlert, von K. jf. 
Mayer, K. Rosenkranz, F. Vischer und dein Herausgeher. Leipzig. 
Otto Wigand. 1844. 383 S 8. 

Der Verfasser dieser Anzeige, der auch den ersten Tbeil des 
Taschenbuchs in diesen Jahrbüchern angezeigt hat, kann versi- 
chern, dass er den Inhalt desselben dem. des ersten Tfaeils vorzieht. 
Er glaubt dies sagen zu dürfen, obgleich er ein verdächtiger 
Richter scheinen könnte, da der Herausgeber ihm die Ehre erwie- 
sen hat, ihm diesen Theil au widmen; er fordert indessen nicht 
weitem Glauben, als so weit ein jeder Leser beim Lesen des Ta- 
schenbuchs mit ihm übereinstimmt. Er vermeidet daher auoh je- 
den Schein, als wenn eine kritische Zeitung ein Tribunal und ein jeder 
Doctor oder Anonymus, der seine Weisheit darin auskramt, ein 
Richter wäre. Aus diesem Grunde fügt er seinen Namen bei, und 
gibt also sein Urtbeil nur für das eines Einzelnen, nicht für das 
eines kritischen Gerichtshofs, oder gsr des ganzen Publikums aus, 
wie derjenige zu tbun pflegt, der sieb der Objeotivität rühmt oder 
recensirt, ohne seinen Namen au unterzeichnen. 

Ref. kann nun um so unbedenklicher blos seine eigne Meinung 
und den Eindruck aussprechen, den die Aufsätze auf ihn persönlich 
gemacht haben, als diese grösstenteils mehr ästhetischer und phi- 
losophischer, als eigentlich bistorisoher Art sind, also einem Fach 
angehören, welches er zwar als Dilettant und für seine rein mensch- 
liche Ausbildung studirt hat, in welchem er aber doch kein com- 
petenter Richter ist. Der erste Aufsatz von K. A. Mayer han- 
delt unter der Aufschrift „über das französische Siebenge- 
stirn von den französischen Lyrikern des sechzehnten und sieben- 
zehnten Jahrhunderts.' 1 Dieser Aufsatz S. 1—73 war dem Ref. 
schon darum anziehend, weil er der französischen poetischen Li- 
teratur des sechzehnten und siebenzehnten Jahrhunderts viele Jahre 
hindurch eine ganz besondere Aufmerksamkeit vorzüglich in der 
Beziehung geschenkt hatte, als durch dieselbe die altclassische, 
die italienische und spanische Bildung in einer neuen Form in 
ganz Mitteleuropa verbreitet ward. Der eigentlich poetische Ge- 

XXWII Jahrg. 2 .Doppelheft. 11 



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162 



Pruts : Literarhistorisches Taschenbuch. \ 



halt der Dichter des Siebengestirns, welche bekanntlich classiscbe 
und italieajsfhe; Feimen in die frühere freiere Bewegung cWi ftai.- 
zösischen Gesangs zu bringen sachten, war ihm dabei ziemlich 
gleichgültig, weil er zu sehr Deutscher war, um es auch nar xa 
wagen, über die lyrische Gattung französischer Poesie ein Urtbeil 
haben zu wollen Er suchte indessen doch , weil er steh selbst 
kein Urtbeil zutraute, in den deutschen und französischen Lite- 
rargesebichten Rath und Hülfe, weil diese nothwendig den Punkt, 
der für ihn Nebensache war, als Hauptsache betrachten mussten; 
er fand aber weder bei de» Deutsehen noch bei den Franzosen 
ein durchgehendes und leitendes Princip, woran er sich hatte leh- 
nen können. La Harpe in seinem Cours de litterature ist zn 
französisch und zu reich an Redensarten, dio für uns Andere ohne 
alle Bedeutung sind. Die Verfasser der Nachtrage z» Sulzer etc. 
gehören, wie schon der Marne des Mannes andeutet, unter dessen 
Fahne sie sich gestellt haben, einer ganz verschollenen Lehre vom 
Schönen und. Erhabenen an, und sie sind auch zn breit, um tief 
zu scyo. Auch Herr Mayer hat es (vielleicht mit Recht) irtobt 
der Mühe wertb gehalten, ausführlicher von der Lyrik des Sie- 
bengestirns zu bandeln, er bat vielmehr sein Hauptaugenmerk auf 
die Entstehung des Dramas gerichtet; so bat es auch Ref. immer 
in seinen Vorträgen gehalten. Der Verf. des erwähnten Aufsatzes 
handelt namliob in der ersten Abtbeilung desselben kurz, klar und 
historisch, ohne philosephiscße Anmassung, von den französischen 
Lynkero, nur allein, um in der zweiten Abtheilung von Jodelle 
und von der Entstehung des Drama' s zu bandeln. Da ein- 
mal d^e Rede von französischer Lyrik war, so hätte lief, ge-* 
wünsch*, dass sieh Herr Mayer über die spätem lyrischen Dich- 
ter und schon über die mebrsten Sterne der Plejaden nicht so ganz/ 
kurz gefasst hätte. 

Kr beginnt mit Ronsard, über de» er ziemlich ausführlich han- 
delt. Von 8. 11—29 werden zuerst die nöthigen Notizen über 
Ronsard/s classiscbe Bildung gegeben, und dann seine verschie- 
denen poetischen Arbeiten aufgezählt und mit kurzen und passen- 
den Bemerkungen begleitet, die von aller philosophischen Anmas- 
sung ganz frei sind. Der Verf. hat überall Proben und Beispiele 
beigefugt, so dass Jeder selbst urtheilen kann. Das ist die rechte 
Manier. 8ehr kurz wird hernach S. «»-31 von du Beliay , und 
31—33 von Anton de Reif und gar zn kurz von S. 33—37 von 
nllen übrigen bis auf Jean Baptiste Rousseau gehandelt. S. 3T 
beginnt der zweite und wichtigste Tbeil des Aufsatzes, nämlich 



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Pfutx: LiterarbUtoriachc« Taschenbuch. I*S 

die Andeutung des Ursprungs des regelmässigen französischen 
Drama s. Übe der Verf. auf Jodelte übergebt, bat er aus den be- 
kannten Nachrichten, und zwar im Ganzen etwas dürftig, die be- x 
kannten, von Bouterweok sehr ausführlich mitgeteilten historischen 
Notizen von dem französischen Volkslastspiele und von den Schau- 
spielern gegeben, welche zu Fastnacht oder auch bei festlichen 
Gelegenheiten Stücke aufführten. Er hat nicht für gut gehalten, 
aus der Poesie des eigentlichen Mittelalters, aus den tronbadours, 
trouveres und ihren Nebenbuhlern in den verschiedenen Provinzen 
und Dialekten den Ursprung des Volksdrama's , so weit es weder 
mit dem Studium der Alten, nooh mit dem Pfaffenthum zusammen- 
hangt, in seiner Entstehung aus den Dialogen und einzelnen dia- 
logisirten Soenen der früheren Dichter herzuleiten. Er folgt dem 
gebahnten Wege, gibt also über Mirakel und Mysterien, 
Brüderschaft der Passion, Knfans sans souci, cleres 
delaBazocbe die bekannten Notizen, die er indessen sehr 
kurz fasstj da Alles dies ganz ausführlich und vollständig in der 
bekannten grossen Bouterweek'sohen literarischen Compilatlon ab- 
gehandelt ist. 

Seite 45 geht Herr Mayer zu Jodelle über und handelt von 
dessen dichterischen Arbeiten der Reihe nach. Diesen Theil de* 
Aufsatzes wird man gewiss mit Interesse lesen. Um den Lesern 
der Jahrbücher an einem Beispiele zu zeigen, auf welche Weiso 
der Verf. die Materie behandelt hat, wollen wir hier einrücken, 
was er von ^der Cleopatre captivo des ersten regelmassigen tra- 
gischen Dichters der Franzosen S. 68 sagt, nachdem er eine aus- 
> fübrliehe Analyse der sämmtlichcn fünf Aufzüge dieses Stücks 
verausgeschickt bat. „Fassen wir nun", sagt er' dort, „unser Ur- 
» theil über das Ganze kurz zusammen. Der Dichter hat einen 
glücklichen Stoff in feuriger und nicht selten würdiger Sprache 
dargestellt ; das Interesse wächst von Act zu Act, und der grosse , 
Beifall, den das Stück gefunden, ist trotz des vielen Bombast*, 
der Gespreiztheit, sogar der Rohheit, der wir überall begegnen, 
dennoch ^ehr begreiflich. Die Handlung dagegen, der Unwabr- 
scaeinliobkeit gar nicht zu gedenken, ist überaus geringfügig, 
woran das Streben, die Einfachheit der griechischen Dramen fest- 
zuhalten , and die unselige Einheit des Orts und der Zeit die 
Hauptschuld tragen mag. Ja ein spöttischer Critieus könnte den 
Verlauf der ganzen Handlung so darstellen: Erster Act. Ich will 
stechen. Zweiter Aet. Sie soll nicht sterben. Dritter Act. Ich 
will doch sterben. Vierter Aet leb bcscWiesse zu sterben. Fünf- 



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1*4 Prot«: Literarhistorisches Taschenbuch. 

ter Act. Sic ist gestorben. Auf dieselbe Weise gebt der Verf. 
hernach die Tragödie Didon se sacrifiant und das Lustspiel Engen 
durch. 

Der zweite Aufsatz 8. 73—130, von Professor Vi scher, 
gehört gewissermassen als Ergänzung zu dem im ersten Jahrgang 
enthaltenen vou Stnhr, über die Einführung Shakespea- 
re' s in Deutschland, denn er handelt von Shakespeare in sei- 
nem Verbältniss zur deutschen Poesie, insbesondere zur politischen. 
Herr Vi scher rühmt nämlich an den Deutseben, welche im acht- 
zehnten Jahrhundert für Shakespeare eiferten, dass sie die Eng- 
länder in der Würdigung ihres eigenen Dichters beschämt und 
der kahlen Verstandeskritik, die er nach seiner Auferstehung von 
den Todten seit Garrick bei ihnen erfahren habe, ein Ende ge- 
macht hätten. Dagegen wirft er den Deutschen jener Periode vor, 
dass sie von Anfang an eine üble Neigung gezeigt hätten, auf 
das andere Extrem herüberzugehen. Sie hätten, statt aufzuzeigen, 
ys'ie der grosse Dichter mit demselben Organe, mit welchem er 
schuf, d. b. mit der Phantasie, anzufassen sey, aus gewaltsamer 
Opposition an die Stelle der Phantasie das Phantastische gesetzt 
und ihn phantastisch genommen, wo er es nicht sey; auch hätten 
sie das wirklich Phantastische in ihm einseitig auf sich wirken 
lassen, in Urtheil und Nachbildung. Herr Vischer will daher 
durch den Aufsatz dahin wirken, dass eine Seite des grossen dra- 
matischen Dichters beachtet und benutzt werde, welche bis dahin 
grössteutheils unbeachtet geblieben sey. Er sagt in dieser Bezie- 
hung: „Was bis jetzt noch nicht anerkannt ist und gewirkt hat, 
wie es sollte, ist Shakespeares reine und volle Gesundheit.' 4 

Die dann folgende Charakteristik der poetischen Wirksamkeit, 
welche die drei dramatischen Dichter, Göthe, Schiller und der ver- 
deutschte Shakespeare im 18. Jahrb. in Deutschland gehabt haben, 
lässt sich nicht durch ausgebobene Stellen klar machen, sie muse 
im Znsammenbange gelesen werden. Die Ausführung des Ge- 
genstandes ist mehr philosophisch als historisch gehalten, so dass 
* Ref. keiuen eigentlichen Beruf oder auch nur Befugniss hat, sieb 
in Erörterungen einzulassen, oder auf den Inhalt näher einzuge- 
hen. Nur Eins will er bemerken, und glaubt dadurch den Lesern 
der Jahrbücher einen Dienst zu erzeigen, welche durch die oben 
angeführten Worte des flerrn V i scher' s, dass durch ein Miss- 
verständuiss die Nachahmung Shakespeares in Deutschland zum 
Phantastischen und Abenteuerlichen geführt habe, auf eine ähn- 
liche Weise in Irrtbum könnten geleitet werden, als dem Ref. wie- 



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1 Prutz: Literarhistorisches Tatchenbach. 1<»5 

derf ahren ist. Dieser glaobte nämlich, Herr Vis ober wolle die 
Kreuz- und Quersprunge der von den französischen Romantikorn 
jetzt langst überbotenen deutschen Originalgenies, welche alle 
Regel verschmähen, und der Regel wie dem gesunden Menschenver- 
stände kuhnlich Hohn sprechen, durchaus missbilligen ; das ist aber 
keineswegs seine Absicht. Er sagt vielmehr S. 84 — 85: Die roman- 
tische .Schule ist das leuchtende, glühende Abendroth der modernen 
deutsehen Poesie in ihrer ersten Entwickln ngsgestalt. Auch den Mei- 
ster Tiek soll man nicht verkleinern, es gilt, seine Schwächen aufzu- 
weisen, aber nicht, den Ächen Kranz, der ihm noch bleibt, mit roher 
(freilich soll man das nicht, wenn man auch über ihn und seine 
Werke denkt, wie Ref., der übrigens kein Urtheit hat, da er diesen 
Tbeil der Literatur Andern überlässt) Hand zu zerpflücken. Doch 
fahrt Herr Yischer fort, es nagte freilich ein Wurm schon an der 
ersten Blöthe dieser Schule, dieser Wurm war Polemik, und zwar 
diesmal nicht die Polemik aus der ersten, sondern schon aus der 
zweiten Hand. Dies war die zweite, und eben darum nicht mehr 
die einfache, sondern schon künstlich gewürzte nnd gewärmte 
Auflage der Polemik, die schon der jugendliche Göthe eröffnet, 
aber dann mit der Production vertauscht hatte. Damit der Ver- 
stand ja nicht merken soll, dass die Phantasie ein anderes Ding 
sey, als er, erhob man vielmehr ihre Formen, die nur ein Moment 
in ihr, nur ihr dunkler Schoos ist, zum Princip: das Traumhafte, 
das Wunderbare wurde als Medusenhaupt für die Philister aufge- 
stellt, die Wirklichkeit phantastisch ironisirt, der vertrauten Men- 
schengestalt die Dichtigkeit und Schwere, eben damit aber auch 
der feste und klare Boden ihrer Gegenwart weggezogen. Wäh- 
rend eine gesunde Poesie von der Prosa und dem Philisterthum 
nicht weiss und barmlos in ihrer erhöhten Welt als einer Wirk- 
lichkeit lebt, an der Niemand zweifelt, schielte man immer nach 
den Philistern bin, pikirte sich darauf, sie zu mystifleiren, nnd 
wurde so überhaupt pikirt, absichtlich, caprieiös, und daraus er- 
klären sich auch Tiek's berühmte „Schrullen" in der Auslegung 
Shakespeare^. Dazu setzt Herr Vischer unmittelbar einen Satz, 
den er hernach mit Beispielen erläutert. Er sagt: 

Wir sind über diese Schrullen noch nicht hinaus ; sie ha- 
ben im Allgemeinen ihren Grund in der deutschen 
Grillenhaftigkeit und Deutungswuth überhaupt. Eben 
jetzt liegt ein schreiendes Beispiel davon vor mir. 

Der dritte Aufsatz ist einem Dichter der scblesiscben Schule 
gewidmet nnd nimmt nur einen kleinen Raum ein S. 133—15». 



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1(56 Prutr LiterarhtitorUcbes Taschenbuch. 

Daniel von Czepko von Dr. August Knhlert. Der Verf. 
dieses Aufsatzes saebt diesen Dichter ans seinem handschriftlichen 
Nachlass einen Platz in der Literargeschi oh te der deutschen Poe- 
sie zn verschaffen, statt dass er bis dahin nur aus seinen gedruck- 
ten Gedichten und nur als geistlicher Dichter bekannt gewesen ist 
Kr sagt in dieser Beziehung: 

Daniel von Czepko bat ungemein viel gedichtet, sogar Welt- 
liches, was man mit Rücksicht anf aeine tief religiösen Psalmen 
ihm kaum zutrauen sollte. Woran es gelegen, dass nach seinem 
Tode nur so Weniges aus seinen Manuskripten zum Druck aus- 
gewählt worden, ist schwer zu bestimmen. Denn naehdem ich das 
noch jetzt handschriftlich Vorhandene, wovon hier nähere Kunde 
gegeben werden soll, kennen gelernt habe, bin ich wenigstens 
genötbigt, zu gestehen, dass viele dieser schlesischen Dichter etwa 
von 1640—1740 ihren Platz in der deutsehen Literatur mit ge- 
ringerem Rechte eingenommen haben, als Czepko es hatte thun 
können. Ref. gesteht übrigens aufrichtig, dass es viel wichtiger 
für den Ruhm der Provinz Schlesien, als für den der gesammten 
deutschen Literatur zu seyn scheint, dass wir die vergessenen 
und veralteten Gedichte dieses Daniel kennen lernen, der sogar 
nach dem Geständniss des Herrn Kahlert selbst zu seiner Zeit 
kein Prophet gewesen ist. Die aus dieses Danielas Nachlass an- 
geführten spitzfindigen und spielenden Disticha sind in der Manier 
des Angelus 8ilesius, aber weniger poetisch und weniger philo- 
sophisch. Sie haben weniger Werth in Rücksicht auf Styl und 
Sprache, es zeigt sieh aber darin, wie in Jakob Böhme und An- 
gelus, ein- vergebliches Bestreben, die Gottheit, oder wenn man 
will, das Absolute, in Worte, in die Schranken menschlicher 
Vorstellungen und Gefühle zu bringen, da es doch als blosse Ahn- 
dung jenseits beider liegt, und deshalb , wenn es ergriffen werden 
soll, nur antbropomorphistisch kann ergriffen werden. 

Ueber den vierten Aufsatz in diesem Theile S. 163—942 hat 
Ref. keinen Beruf, irgend Etwas zu sagen, da der Gegenstand 
desselben ganz ausserhalb seines Fachs liegt. Er ist überschrie- 
ben: Hegers ursprüngliches System 1798 — 1806. Aus 
Hegels Nachlass von Karl Rosenkranz. Den Sebluss 
dieses Tbeils macht ein Aufsatz des Herausgebers, den Ref. um 
so mehr mit dem grössten Antbeile und zu seiner wahren Beleh- 
rung gelesen bat, als er längst schon eine Darstellung der Wirk- 
samkeit des bedeutenden Mannes gewünscht hatte, welche nicht 
V s vom literarischen Standpunkte aus und in der gewöhnlichen 



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v. Gkch: Ansichten über Staats - und öffentliches Leben. 167 

Manier, sondern mit Berücksichtigung unserer fceit and ihrer Phi- 
losophie entworfen wäre. Dieser Aufsatz ist Aberschrieben : L u d- 
wig Holberg; ein Beitrag zur Geschiebte der däni- 
schen Literatur in ihrem Verhältnis* znr deutschen, 
vom Herausgeber. 



Ansichten über Staats- und öffentliches Leben. Von Carl Grafen 
von Giech. Nürnberg, firuck und Verlag von Friedrich Campe. 
1343. »65 S. 8. 

D« es in Deutschland leider sehr selten Ist, dass höhere Be- 
amte und Männer von Stande dem Publicum oder doch einem 
Tbeile desselben von ihrer Verwaltung und von Hindernissen und 
Hemmungen Rechenschaft ablegen, welche Ursachen gewesen Seyen, 
dass sie Ihre Pflicht nicht so hätten erf allen können , wie sie , der 
Landesherr und die Untergebenen es gewünscht hätten, so bewun- 
derten neiner Zeit alle Freunde stiller, ohne Lärm und ohne Re- 
vftitttfoh durch die Verwaltung deutscher Karsten zu bewirkender 
Verbesserungen den Verf. dieser Schrift als den edelsten Patrio- 
ten und Menschenfreund, eis er seinem Könige öffentlich und frei- 
müthig erkürte, warum er mit gutem Gewissen sein ehrenvolles 
Amt nicht ferner verwalten könnte. Dies geschah in einer offi- 
ziellen Schrift, welche zu unser aller Freude, aber gegen des 
Verf. Wissen und Wollen, eine grosse Verbreitung erhielt und in 
Deutschland sehr viel Aufsehen erregte. Schon in Rücksicht auf 
diese Rechenschaft, welche der Verf. damals seinem Könige öffent- 
lieli »biegte, ohne seine Schrift in den Buchhandel zu geben, wird 
man diese durch den Buchhandel und mit des Verf. Bewilligung 
verbreitete Schrift mit doppelter Aufmerksamkeit lesen. Wir linden 
Iii derselben kein System, wohl aber Grundsätze. Das Buch ist 
philosophisch, ohne Terminologie und Vornehmthun; er hat mehr 
Aehnlichkeit mit des Osnabrückef Möser Schriften, eis mit Carl 
Friedrich von Moser 's wohlgemeinten und patriotischen, aber 
oft engherzigen und platten Arbelten. Ref., der sich sonst mit 
Politik und Staatswissenschaften an und für sich nicht zu be- 
schäftigen pflegt, hat es daher für Pflicht gehalten, diese Arbeit 
einen würdigen Geschäftsmanns, der kein Routinier, sondern ein 
denkender Kopf und ein Mann von edlem, menschlichen Sinn ist, 
freudig zu begrussen. Rr gibt seine Anzeige nicht für ein ge- 
lehrtes competentes Urthcü aus , sondern nur für eine Erklärung 



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168 V. Gtccht Ansichten über Staats« und öffentliche« Lüben. 

aber den Eindruck, den das Lesen dieser dem Grundsatz der mehr- 
st en Beamten durchaas entgegengesetzten Ansichten auf ihn 
gemacht hat. 

Die einzelnen Bemerkungen, welche der Herr Verf. aus sei- 
ner eigenen Erfahrung geschöpft und dem Publioum mitgetheilt 
hat, sollen hier nach der Ordnung der Nummern, deren dreissig 
sind, angeführt werdon. Nr. i. beantwortet die Frage, ob es 
durchaus nothwendig sey, dass jeder höhere Beamte den ganzen 
Gamaschen- Dienst aller untern Stellen durchgemacht habe? Das 
Resultat der geistreichen Untersuchung wird Jedem einleuchten, 
der mit uns wünscht, dass Deutschland endlich von der Herrschaft 
der gelehrten Systeme, der römischen Jurisprudenz und der unter 
allerlei Vorwand versteckten Begünstigung der Vornehmen oder 
Servilen durch die höchsten Beamten möge befreit werden. Der 
Verfasser lehrt nämlich: Dass es Grundsatz seyn und bleiben 
müsse, dass Niemand zur Anstellung in höhere Aemter 
gelangen könne, der nicht vorher die Pike getragen 
habe, und zwar in denjenigen Kreisen, die mit dem Volksleben 
in unmittelbarer Berührung stehen. Er fügt ganz vortrefflich hin- 
zu: In diesen Kreisen ist die reichste Quelle der Erfahrungen 
eröffnet, deren Mangel in den mittlem und höhern Aemtern nie 
mehr vollständig ersetzt zu werden vermag. Nr. II. behandelt 
einen sehr wichtigen Gegenstand, nämlich" die Vielsobreiberei 
und das Vielregieren, worüber bekanntlich in Preussen und 
in Baiern mehr als in andern Staaten geklagt wird. Der Verf. 
beweist zuerst, dass diese unselige Erscheinung auch ihre gute 
Seite habe, weil der Unfug im Grunde doch daher komme, dass 
man in Deutschland durch langsames und stufenweises Fortschrei- 
ten alle die Vortbeile all mäh] ig zu erlangen hoffe, welche man in 
Frankreich durch eine gewaltsame Revolution erlangt habe. Das 
Resultat seiner Untersuchung über die drei Verhältnisse unserer 
Regierungen zu ihrer Zeit und deren Bedürfniss, durch welche 
das Vielschreiben und Vielregieren veranlasst wird, fasst er her- 
nach S. 10 folgendermassen zusammen : Alan wird also nach dem 
Vorhergehenden in diesem Uebel unserer Zeit nichts Zufälliges, 
nichts Willkührliches, sondern eine Erscheinung erkennen müssen, 
die über uns gekommen ist, wie so vieles Andere, was ein not- 
wendiges Glied bildet in der Reibe der Zustände, welche unsere, 
menschliche und staatliche Entwickelung ausmachen. In ihrem 
letzten Grunde läuft die Vielscbreiherei und das Vielregieren da- 



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v» Giech: Ansichten üW Staats- und öffentliches Leben. 169 

rauf zurück, dass wir Geschichte haben, Kinder einer Zeit sind, 
io welcher die Cultur grosse Fortschritte macht. Und in der That 
können wir die drei Momente, die sieb uns als Ursachen der Viel- 
sebreiberei darstellen, als eben so viele Erscheinungen der Civi- 
lisation und Geschichte erkennen u. s. w. Der Verf. bestimmt 
aber gleich hernach seinen Satz genauer dadurch, dass er die bei- 
den Erscheinungen Krankheiten der Zeit nennt und deshalb 
S. 13 f. die Frage zu beantworten sncht. Ob es denn kein Heil- 
mittel gegen diese Krankheit unserer Zeit gebe? Diese Heilmit- 
tel, oder wie es der Verf. anders nennt T diese Erlösung aus der 
Halbheit unserer gegenwartigen Zustände, werden im Folgenden 
eben so fein, zart und schonend, als weise und mit echt histori- 
schem Blick angedeutet. Aus den Winken, welche der Verf. auf 
den folgenden Seiten gibt, wird man am besten lernen, welchen 
Spielraum diejenigen, welche durchaus rückwärts gehen, oder ganz 
still stehen wollen, den zahlreichen Menschen unserer Zett ver- 
schaffen , welche , ohne Menschen, Leben, Geschäfte zu kennen, 
der Menschheit durch Theorien und Systeme helfen, oder auch 
Alles zerstören wollen, um nach ihrem Plane bauen zu können. 
Er sagt mit Recht S. 14: Liegt uns nun gleichwohl das Ziel 
der Wiedergewinnung einfacher Verhältnisse noch ziemlich fern, 
so erblicken wir doch auch schon in unsern Tagen manche Er- 
scheinung, an welche wir die Hoffnung dazu knüpfen dürfen. 

Diese Erscheinungen, und unter ihnen besonders die Aner- 
kennung des Gemeindeprinzips werden hernach angeführt 
und auf eine meisterhafte Weise angedeutet, wie dem Beamten - 
und Dienerwesen durch eine im Volke und aus dem Volke her- 
vorgerufene Verwaltung könne gesteuert werden. Nr. 3 überge- 
hen wir, weil die in diesem Stücke gegebenen vortrefflichen Winke 
im . Buche selbst müssen nachgelesen werden. Nr. 4 enthält eine 
freundliche Mahnung an die Fürsten, sich etwas vertrauter mit 
dem i Leben und den Bedürfnissen des Volks zu machen , und in 
ihrem eignen Lande mit eignen Augen zu sehen und sich nicht 
blos am Hofe und bei schneller Durchreise, sondern in den ver- 
schiedenen Orten und Provinzen ihrer Staaten zu orientiren. Je- 
der Edle am Hofe sollte die gewichtigen Worte merken und den 
Fürsten wieder verkündigen, mit denen der Verf. eeblicsst: „Es 
scheint/ 1 sagt er S. 86, „in dem wohlverstandenen Interesse der 
Fürsten selbst tief begründet zu seyn, der unverkennbaren 
Tendenz der Gegenwart, das Fürstenleben in dem Le- 
ben des Staats untergehen zu lassen, ein Gcgengc- 



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110 v. Giech: Ansichten über Staate- und öffentliche! Leben 

wicht entgegen zu setzen." Die fünfte Nummer sseigt die 
Lächerlichkeit des jetzt modische« Redeos vom historischen Prio- 
cip. Der Verf. sogt mit Recht, die voroehmeo Leute, welche jetzt 
beflisse« sind , dos Leben und den CuJtns des Volks noch ihren 
Theorien, wie sie sagen, zu restonriron, verkennten den na- 
turgemäßen Gang der Entwicklang des öffentlichen Lebens der 
Völker nnd gäben steh dem Wahne hin, man Mono die Pflanze, 
Volksleben genannt, machen nnd willkührlich gestalten, dadurch 
werde dann das, was man biotoriaohen Standpunkt nenne, 
ein aotih is tsrischer. Dazu gehört in Nr. 6 die Stelle, wo 
von den Forderungen der Zeit an den Staatsmann die Rede ist. 
Ref. will den ganz vortrefflichen Satz hersetzen, der in Deutsch- 
land und in Frankreich, in der Schweiz und in Italien jetzt durch- 
aus unbekannt au seyn scheint: „dass der Staatsmann, dessen 
Blick lediglich in die Vergangenheit gerichtet ist 
nnd dessen Bestreben blos dahin geht, die Zustände 
der Vergangenheit znrüokzuf Uhren, seine Zeit und 
seine Kraft einer Aufgabe widmen wird, deren Ge- 
lingen nur vorübergehend möglich ist, für die Dauer 
aber mit dorn Gesetze der Weltordnung unvereinbar 
ist und daher nicht bestehen kann. Je einfacher der Satz 
ausgedrückt ist, desto edler, schöner und wahrer scheint er uns! 
Die siebente Nummer gilt dem Verhältniss des Weibes zum öffent- 
lichen Leben, und setzt dies in derselben edlen, würdigen und 
einfachen Manier auseinander, worin das ganze Buch abgefasst 
ist - 

In der achten Nummer handelt der Verf. von dem Unter- 
schiede des Staatsmannes vom blossen Geschäftsmann. Er sagt 
S. 41 sehr treffend: „Der Staatsmann nimmt seinen Standpunkt 
nicht losgerissen vom Ganzen , sondern im Ganzen; es ist der 
universelle Staadpunkt, den er einnimmt. Der Geschäftsmann 
dagegen isl losgerissen vom Ganzen, ihm zerfällt seine Aufgabe 
in Binzeinheiten ohne innere Verbindung/ 4 Dieses wird nachher 
phUesophisoh, oder wenn man will, dialektisch schärfer bestimmt, 
und der Verf. sagt am Schlüsse ganz klar, warum es überall 
schlecht gebt, weil nämlich nur Routiniers auf unsern Anstalten 
gebildet werden, und Gedäcbtnisswerk und Mechanismus allein von 
Angestellten gefordert und bei ihnen gesucht wird : vom Schlimmem 
zu schweigen. Auf diese Weise würde nämlich Ref. den Schlnsa- 
satz umschreiben, der folgendermassen lautet: „Dass sich abef 
serer Zeit das Bedürfniss nach Staatsmännern vielleicht mehr 



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r. Gieefo: Ansichten über Staats- und öffcntUcbca Leben. 171 

als in früherer Zeit geltend machen will, wird dann nicht befrem- 
den, wenn man die grössere Aufgabe erwägt, welche ihr vorge- 
zeichnet ist eine Aufgabe, welche wohl nur vom universel- 
len Standpunkt aus erkannt und nur von diesem aus gelöset zu 
werden vermag. 

In den drei folgenden Nummern handelt der Verf. zuerst von 
dem, was er Cardinaltugend des Verwaltungsbeamten nennt, dann 
von halben und einseitigen Maasregeln der Regierungen, was be- 
sonders für Baiern wichtig ist, vom Strassenbau auf eine 
Weise, welche zugleich seiner Philosophie, seinem Herzen, seiner 
practisoheo Erfahrung Ehre macht. Man freut sich, einmal einen 
deutschen Schriftsteller über Verwaltung zu lesen, dem es weni- 
ger um Bochmachen und um eitle Ehre, als um die Tbat und um 
das Leben zu thun ist. Nr. 19 handelt er von dem, was Roth 
thut, oder von der unausweichlichen Noth wendigkeit, die unter- 
sten Organe der Staatsverwaltung, die sogenannten Landämter, 
durchaus zu reformirea, statt dass man sie bis dabin in ihren frü- 
hern, aus andern Zeilen und Zuständen herrührenden Einrichtun- 
gen belassen habe. In Nr. 13 betrachtet der Verf. die Reaction 
auf dem kirchlichen Gebiet, die in unsern Tagen Alles in 
Bewegung bringt, mit dem ruhigen Blick des Staatsmannes und 
Philosophen. Ref. ist ganz der Ueberzeugung des Verf. Auch 
er glaubt, dass Pietisten, Fanatiker und Jesuiten, die den Glauben 
durch Zwang oder durch Schelten und Drohen festhalten wollen, 
nur noch zu allen Uebeln, die uns drücken, die Heuchelei im Le- 
hen, im Geschäft, in der Wissenschaft hinzufügen. Die Liberalen 
aber, die für Vernunftreligion eifern, vergessen gewöhnlich, dass 
es einen mit dem Wesen des Volks und mit dem Cultus seit an- 
derthalb tausend Jahren innig und unzertrennlich verbundenem 
Mechanismus des innern und äussern Lebens, dass es Feste, Ge- 
bräuche, Lieder, Gewohnheiten gibt, denen man mit der Vernunft 
nicht beikommen kann, die man dulden muss, ohne sie gerade 
zu fördern. Nr. 14 gibt der Verf. nicht blos Winke über das 
Verhältnis« der Verwaltung zum Leben, sondern er gibt auch 
die Grundzüge der in dieser Beziehung unter dem vorigen Könige 
von Preuasen und dem vorigen Könige von Baiern gemachten Ver- 
besserungen. Er scbliesst S 75: „Nach allen diesen Bemerkun- 
gen und Vorgängen wird es gewiss als dringende Forderung der 
Zeit ausgesprochen werden müssen, dass sich unsere Staatsregie- 
rungen immer mehr eu dem Standpunkte erheben, ihre Organe von 
den Banden frei zu machen, die sie über die Gebühr an die Amts- 

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1T2 v. Giech: Ansichten über Staats- nnd öffentliches Leben. 

und Geschäftsstube fesseln, am sie dem Leben wieder näher zu 
stellen; mag nun dieser veränderte Standpunkt aus einer klaren 
Brkenntniss der Sache hervorgehen oder nothwendig erwählt wer- 
den, weil die Aufgabe der Vei waltung immer mehr wachsen und 
drängen, und nur durch Ergreifen der zum Ziele führenden 
Mittel entsprechend gelöst werden könne. 

Wie richtig der Verf. das Leben und die verwickelten Ver- 
hältnisse unserer Zeit beurtbeilt, wird man aus dem sehen, was 
er 1841 niederschrieb, als man überall meinte, mit der Beendigung 
der Kölner Sache sey dem kirchlichen Gezänk ein Ende gemacht. 
Er sagte in Nr. XIX. unter der Aufschrift kirchlicher Friede 
voraus, was in Erfüllung gegangen ist: „Wir können die viel- 
verbreitete Ansicht nicht theilen , dass die kirchlichen Streitfragen 
jetzt schon in Deutschland beigelegt seyen, und dass wir uns ei- 
nes definitiven, so zu sagen, ewigen Friedens erfreuen dürften, 
es sey denn, dass das Wort ewig bei diesem geistlichen Frie- 
densschlüsse in keiner andern Bedeutung genommen sey, als in 
welcher es bei den weltlichen Friedensschlüssen schon längst im 
Gebrauche ist." Vollkommen wird jeder wahre Freund des Volks \ 
dem beistimmen, was Nr. XX. sehr verständig gegen die Freunde 
der sogenannten Volksbelustigungen, welche diesen Namen in un- 
sern Zeiten nicht mehr verdienen, erinnert wird. Der Verf. geht 
von dem unläugbaren Satz aus: Es ist nicht mehr das alte 
Volk /welches sich in Musik und Tanz erfreut, und es ist nicht 
mehr die alte Sitte, welcher das Volk bei diesen Vergnügun- 
gen folgt Das Volk ist ein anderes geworden, es ist aus der 
Innigkeit des Gemüthslebens heraustretend, eingegangen in die 
Zeit des Reflections- und Culturlebens. Dazu gehört als not- 
wendige Folge der Satz S. 93: Ist nun das Volk, welches sich 
dem Tanz und der öffentlichen Freude hingibt, ein anderes ge- 
worden, so scheint hiedureb auch die Aufgabe des Staats dieser 
Volksfreude gegenüber eine andere geworden zu seyn. Der Staat 
darf dieselbe nicht mehr in dem Grade sich selbst überlassen, 
wie früher. In Nr. 21, wo mit sehr feiner Hindeutung auf das, 
was wir jetzt rund um uns vorgehen sehen, der Satz durch- 
geführt wird , dass die Extreme sieb berühren , spricht der 
Schlusssatz eine Wahrheit aus, welche den deutschen Fürsten 
nicht oft genug kann gesagt werden, weil sie oder die von ihnen 
gewählten Minister allein den Beruf haben, die Vermittelung zwi- 
schen der alten und der neuen Zeit zu leiten. „Wer die Aufgabe 
bat, diese Vermittelung zu leiten," heisst es, „wird seinen Stand- 

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v. Giech: Ansichten über Staats- und öffentliches Leben. HS 

punkt über den Gegenständen nehmen müssen, denn nur denn 
bat er dieselben unter steh. Wer in denselben steht, ermangelt 
des freien Urtheils und ist zum Vermittler nicht gemacht; wenn 
daher in solchen Zeiten Partbeimänner an der Spitze der Ge- 
schäfte stehen, so ist von ihnen kerne Heilung der Zeitgebrechen 
zu erwarten." Kdel und gross gedacht ist, was Nr. XXII. vom 
Wirken für den Beruf gesagt wird. Bei Nr. XXIIL, d. b. 
bei der Behandlung der famosen Urlaubsfrage in Baden, braucht 
Ref. nicht zu verweilen, da er die Politik Badens in so guten 
Händen sieht, dass weder die Regierungspartei noch die der Op- 
position eines lauen Dilettanten als Mitstreiter bedarf. Herzlich 
stimmt Ref. dagegen allem Dem bei, was der Verf. Nr. XXIV. 
vorträgt. Jeder Satz ist dem Ref. wie aus seiner Seele geschrie- 
ben. Es ist nämlich dort von der Unvereinbarkeit der Dombau - 
Wuth mit der neueren Zeit, ihren Forderungen und Leistungen 
die Rede. Der Graf hätte die Narrheit der Ritterburgen und ihrer 
gotbischen Schnörkel und Alles, was damit zusammenhängt, auch 
noch erwähnen können. Wie armselig erscheint die neuere Zeit, 
die erst römische und griechische Formen, dann ägyptische in 
Möbeln und Bauwerk ängstlich nachbildet, und endlich, weil sie 
nichts Eignes erfinden kann, die Fratzen und Schnörkel und müh- 
seligen Schnitzeleien des Mittelalters anbetend nachahmt. 

Der Graf sagt in Beziehung auf das Ausbauen des Doms, 
der unausgebaut ein grosse*» Monument einer vergangenen Zeit 
war: „Arbeiten wir muthig am Bau aller Anstalten 
wahrer Humanität und menschlicher Veredlung; die- 
ser Bau wird dann sicherlich zur Vollendung gebracht 
werden, und er wird den Deutschen dann mehr seyn, 
als die steinernen Dome der Vergangenheit." Der fol- 
gende Abschnitt, über Ordensverleihungen, passt ganz zu dem, 
was gegen das unselige System, die Fehler der alten Zeit zu er- 
neuen, und sie mit noch grösseren vermehrt, als neue Erfindung 
auszuschreien, auf allen Blättern dieser Schrift gesagt wird. Der 
Verf. schliesst: „Alles, was dazu beiträgt, die Ordensverleihun- 
gen auf ihr Wesen zurückzuführen, kann nur dazu dienen, die 
Bhre uod den Glanz derselben zu erhöhen. Die beiden folgenden 
Kummern, über Eide und Amtsbestellung, übergebt Ref., weil die 
Bemerkungen darüber ganz eigentlich ins Geschäftsfach gehören. 
Bei Nr. XXVIII. über den Staatsdienst im Allgemeinen 
ist dem Ref. besonders aufgefallen, dass zwei höbe Staatsbeamte, 
O. F. v. Moser und der Graf v. Giech, von denen der Eine ein 



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174 % Gi#r.h: Ansichten über Staat«- «nU öffentliche! Leben. 

halbes Jahrhundert später lebte als der Andere, doch aber die 
deutschen Angestellten einerlei aassagen. Was C. F. v. Moser 
vor fünfzig Jahren von den Lohndienern im deutschen Staatsdienst 
sagte, mag man im Patriotischen Archiv nachleseu; bei Graf 
Giech heisst es S. 127: „Eine grosse Anzahl der Staatsdiener 
gebt von der Betrachtungsweise aus, das Ganze sey am des Ein- 
zelnen willen da, nicht aber der Einzelne wegen des Ganzen» So 
auch im Staatsdienste. Ich bin vom Staate bezahlt, darum diene 
ich ihm, und ich diene ihm im Verhältnis* als er mich bezahlt," 
(Ganz Mosers, wess Brod ich es» u. s. w.) Die dreissigste 
Nummer bildet gewissermaßen eine eigne Abhandlung, welche 
vom Geroeindewesen handelt und von S, 132— £34 fortlauft En 
wird historisch und philosophisch vom Gemeinde- und Städtewe- 
sen, von ihrem Ursprung und ihrer Einrichtung in den verschie- 
denen Staaten Deutschlands mit dem von VororÜieil and System 
gleich anbefangenen Sinn gehandelt, den der Verf. auf jeder Seite 
seines Buchs so rühmlich gezeigt hat; Ref. bedauert daher sehr, 
dass der Raum dieser Blätter ihm nicht vergönnt, das Einzelne 
durchzugehen Und Stellen anzuführen. 

Die Leser der Jahrbücher werden, wenn sie auch nur diese 
einfache Anzeige und nicht einmal das Buch selbst gelesen haben, 
ohne Zweifel darin mit dem Ref. übereinstimmen, dass es in 
Deutschland, wo das Büchermachen ein Handwerk ist, und wo die 
Schriftsteller höchst selten das Leben und die Geschiebte kennen, 
worüber sie schreiben, ein Glück ist, wenn einmal Männer wie 
Moser und v. Moser, Dohm und der Verfasser dieser^ Ansichten 
die Feder ergreifen, um über Geschichte und Staatswissensehaft 
aus eigner Erfahrung Licht zu verbreiten. Ref. verdankt den 
Ansichten sehr viele Belehrungen, die ihm um so wichtiger sind, 
je mehr er selbst das Leben aus dem Leben und acht aus Büchern 
zu beleuchten wünscht, und je seltener er auf philosophisch ge- 
bildete Schriftsteller trifft, welche zugleich klar, verständlich und 
practisch sind. 



GesckicMe der Deutschen von Heinrich Luden. Dritter fouul. Jena, 
Friedrich Luden* iS43. #16 Ä. 6. 

Die beiden ersten Theile dieser Geschichte der Deut- 
schen, oder besser, der vollständigen Vorlesungen des Verf. über 
diese Geschichte, sind in diesen Jahrbüchern ausführlich angezeigt 



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Luden: Geschichte der Deutschen. Bd. II!. 175 

werden; W wird daher genug seyn, der Erscheinung der Port« 
setzung nur im Allgemeinen za erwähnen. Einen Auszug 39a 
geben, oder einzelne Stellen zur Probe auszuheben, oder die An- 
siebten de« Verf. darzulegen oder zn prüfen, ist um so mehr über-» 
flüssig, als das grössere allgemein verbreitete Werk eigentlich 
eine spatere Arbeit ist als diese Vorlesungen» Wir haben näm- 
lich bei der Anzeige der beiden ernten Tbeile schon bemerkt, das» 
dies nenn Werk kein Auszug aus der grösseren Arbeit sey, son- 
dern eine im zusammenhängenden Vortrage gegebene Darstellung 
der deutschen Geschichte zum Gebrauche derjenigen, welche we- 
der die Quellen kennen und benutzen, noch eine strenge histo- 
rische Kritik zu üben lernen wollen. Was nun diesen Theil an- 
gebt, so werden die Leser des Büchs und die der Jahrbücher, 
auch ohne dass es ibnen gesagt wird, von einem so gelehrten und 
berühmten, durch viel jährige beliebte Vortrage über Geschichte 
geübten akademischen Lehrer, wie der Herr Geheime Hofrath L*> 
den ist, voraussetzen, dass er sich gleich bleibe. Sie werden 
dies beim Lesen des dritten Tbeile vollkommen bestätigt finden, das 
kann ihnen Ref. versichern. Das Einzige, was Ref., der dem Pu- 
blicum dieses Werk zu empfehlen wünscht, zu thun hat, ist da- 
her, dass er durch Angabe des Inhalts dieses Theils nachweist, 
ob Herr Luden wirklich bemüht sey, uns etwas rascher, als in den 
beiden andern Tbeilen geschehen war, über die im grösseren Werk 
ausführlich von ihm behandelten, Zeiten hinauszuführen. Dieser 
Band beginnt nämlich mit dem sechzehnten Buche, und. dieses ent- 
hält die Geschichte des saliscben Konrad CIL) von aeinar Wahl 
zum Kaiser bis zu seinem Tode. Dan siebenzehnte Capitei ent- 
hält Heinrichs IIL Regierung und die Geschichte der Minderjäh- 
rigkeit seines Sohns Heinrich's IV. bis auf die Entfernung seiner 
Mutter vom Anlheil an der Vormundschaft und an der Verwal- 
tung des Reichs,, Das achtzehnte Buch führt die Geschichte Hein- 
rich^ IV. bis auf den Aufstand der Sachsen und auf die Zerstö- 
rung der Harzburg. Das neunzehnte Buch enthält die Geschichte: 
Heinrichs bis auf die Wahl Rudolfs zum Gegenkaiser. Da» 
zwanzigste und ein und zwanzigste Buch behandeln die letzten 
Geschichten Heinrichs IV. und die Regierung Heinrichs V. Das 
zwei und zwanzigste Buch enthält die Regierung Lothar's und 
Konrad s IIL Das drei und zwanzigste Buch erzählt die Ge- 
schichte Friedrich^ I. (Barbarossa) bis auf die Demüthigung der 
Republik Mailand und die Wiederherstellung des kaiserlichen An- 
sehens in Italien. Das vier und zwanzigste Buch reicht bis auf 



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> 



116 Drox: Geschichte Ludwig'« XVI Th. III. 

Friedriche dritten Kriogszug nach Italien. Ref. kann nicht verhehlen^ 
dass er bei dem Alter, worin sich der Verf. befindet, immer noch 
fürchtet, dass auch dieses Werk bei Lebzeiten seines Verfassers nicht 
bis zu den Zeiten werde geführt werden, über welche wir ihn am 
liebsten hören würden, da wir seine Ansichten über die frühere 
Zeit schon aus dem grösseren Werke kennen. Zu gleicher Zeit 
mit der Fortsetzung dieses von ihm früher angezeigten Werks 
des Herrn Luden erhält Ref. die Fortsetzung einer von diesem unter- 
nommenen oder doch unter seiner Aufsicht gemachten Uebersetzung 
eines französischen Werks über die Geschichte der ersten Zeit der 
französischen Revolution. Ref. tbeilt blos den Titel in der Absicht 
mit, um auf die Erscheinung dieses Theils aufmerksam zu machen, 
denn die Uebersetzung und das Original werden wohl dadurch bei 
einem grossen Theile des Publicuros hinreichend empfohlen seyn, 
dass sich ein Mann, wie Herr Luden ist, so viele Mühe mit dem 
Buche gegeben hat. 

Geschichte der Regierung Ludung's XVI. in den Jahren, da die franzö- 
sishe Revolution verhütet oder geleitet werden konnte, von Joseph 
Vroz . Dritter Theil. Anhang. Mir ab tau und die constituirende 
Versammlung. Aus dem Französischen. Jena. Friedrich Luden. 
i843. 464 S. gr. 8. 

Heber diesen dritten Theil der Geschichte Ludwig's XVI. von 
Droz hat Herr von W Ossenberg- neulich bei der Anzeige des 
Originals seine Meinung in diesen Jahrbüchern ausgesprochen; 
Ref. verweist darauf und bat nichts über die angezeigte deutsche 
Uebersetzung zu sagen, weil sie keine Znsatze, Vermehrungen 
oder Berichtigungen enthält, sondern blos das Original treu wie- 
dergibt. Ref. wäre ausserdem zum Beurtheilcr des ganzen Werks 
nicht der passende Mann, weil die Manier des Verf., seiner Rieh« 
tung, Denkart und Methode durchaus fremd ist, ohne dass dieses 
der Arbeit des Herrn Droz das Geringste an ihrem Wertbe raubt; 
denn verschiedene Theile des Publicums bedürfen ganz verschie- 
dener Art Geschichte, nnd verschieden organisirte Naturen werden 
sie ganz verschieden bebandeln. 



CDrr ikfttchiHSS folgt! 



i 



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Nr. 12. HEIDELBERGER 1344. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 

k 

* 1 < » 

£>ro*: Geschichte Ludwig'* XVI. TA. /#/. 

(Besckluss.) 

> 

Diesen letzten Satz beherzigen Systematiker, Kritiker und 
Männer, die sich in ihrer Art die Geschichte zu bebandeln, aus- 
gezeichnet haben, gar zu selten, und werden einseitig; darum 
wiederholt Ref. so oft, dass das, was er für sich, für seinen 
Zweck und für das Publicum, welches bei ihm Unterricht sucht, 
verwerfen, und um dies thun Zu können, oft mit Schärfe beur- 
theilen muss, in andern Beziehungen brauchbarer seyn kann, als 
das, was er billigt. Die fortschreitende Civilisation und Literatur 
führt leider ein Bedürfnis» vieler Bücher herbei, damit viele Stirn-* 
men über dieselbe Sache gehört werden können, wodurch es dann 
freilich dem gewöhnlichen Leser auch immer schwerer gemacht 
wird, sich ein Urtheil zu bilden und einen historischen Takt zu 
erlangen. 



Geschickte von Hessen durch Christoph Von Rommel. Vierten 
Theils vierte Abtheitung. 

s 

Auch unter dem Titel: 

Neuere Geschichte von Hessen durch Christoph von Kommet* 
Vierter Band. Cassel, im Verlage von Friedrich und Andreas Per* 
thes in Hamburg und Gotha. 1840. 810 S. 8. 

Obgleich der Verfasser dieser Anzeige in dem Augenblicke* 
als er dieses Bucb erhielt, durch dringende Geschäfte, oder wenn 
man lieber will, Beschäftigungen gehindert War, dem würdigen 
und verdienten Verfasser Schritt vor Schritt zu folgen Und das 
Buch mit der Ausführlichkeit anzuzeigen, welche die Wichtigkeit 
desselben verdient, so glaubt er doch, diesen Theil des wichtigen 
Werks wenigstens flüchtig anzeigen zu müssen. Er ist hocher- 
freut, dass der Protestantismus und die edein Fürsten, die ihn an 
der Spitze der Volksstämme, deren erbliche Führer sie waren, am 
XXKVIf. Jah*z. 2. Doppelheft. 1 12 



I 



178 v. Rommel: Geschichte von Hcmcii. Th. IV. 

tapfersten fertfaeidlgt haben, ih dem Verfasser den Ufvnn rgafim- 
den baten, der J sfe J £e%en Ihre eigenen 6ratAefl*)G?ehö8*en \%- 
theidigt and die norddeutschen Sophisten unserer Tage durch treue 
landabe cfer Thatsachen zermalmet 

Der Verf. hatte im vorhergehenden Bande die Geschichte bis 
auf den unglücklichen Zeitpunkt geführt, als Landgraf Moritz 
gezwangen war, die Regierang niederzulegen, als die schändlichen 
Cabalen der Darmstädter vom Kaiser belohnt wurden, als Tilly 
und Wallenstein, oder eigentlicher gesagt, rohe Gewalt and jesui- 
tischer Fanatismas von einem Ende von Deutschland bis zum an- 
dern herrschten, und als den Resten deutscher Freiheit noch viel 
grössere Uehel drohten. Wer die Geschichte jener Zeit aus den 
Quellen kennt, oder, was einerlei ist, wer sie bei Herrn von Rom- 
mel liest, wird durchaus nicht begreifen können, wie es in udsern 
Tagen Leute geben kann welche die Unverschämtheit haben, sich 
Protestanten zu nennen, und gleichwohl unter dem Vorwand das 
Kaisertbom 7 oder was sie albern und faselnd Deutschbeit nennen, 
in Schutz zu nehmen, die spanische und jesuitische Herrschaft, 
welche unter dem Namen des Kaisers geführt ward, durch So- 
phismen als Recht rühmen und Eifer für Freiheit des Denkens und 
Glaubens als tinrecht schelten können. Wenn das nicht eine per- 
flda flies ist, so sind wir Alle irre. 

Der Anfang des Buchs (des sechsten), dessen erstes Haupt- 
stück Wilhelm V. and Georg II. überschrieben ist, bat es mit 
dem Darmstädter Georg II. za fthun, und meldet zunächst zwei 
lustige, aber doch nicht gerade interessante Begebenheiten, die 
Hochzeit Georg 1 » IL, and die am Ende Mai 1627 von Georg and 
seinen beiden Brüdern in Marburg angestellte Feier des hundert- 
jährigen Jubiläums, der ihm mit dem ganzen Oberfürstentham zu- 
gesprochenen hohen Schule zu Marburg. Bei dieser Gelegenheit 
spricht Herr von Rommel deutlich aus, was er von dem Treiben 
der Leute hält, welche in unsern Zeiten der Religion durch For- 
men, Formeln, Kirchlichkeit und Zwang aufhelfen wollen, weil der 
Weg durch Verordnungen und Polizei so gar leicht, der andere durch 
Beispiel ächterund wahrer Religiosität, durch Lehre, Barmherzigkeit 
und strenges Leben sehr schwer und den eiteln Heuchlern, welche die 
Ministerial- und Consistorialrcligion am mebrsten betreiben, ganz 
und gar unmöglich ist. Herr v. Rommel berichtet nämlich bei Gele- 
genheit der Anwesenheit des Landgrafen in Marburg: Die strenge 
Zurückführung zum Buchstaben der symbolischen Bücher hemmte 
die freiere Entwickelang des Geistes, und alle Bemühungen Ge- 



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v. Rommel: Geschichte von Heuen. Tb. IV. IV) 

■ 

org T s, die ihm bis zum westpbäliscnen Frieden überlassene hohe 
Schale durch kaiserliche Vergünstigungen , durch die seinen Brü- 
dern und Rödern Reichsfürsten verliehene Keotorals würde, durch 
das Beispiel seiner hier studirenden Söhne, durch Vermehrung der 
Einkünfte zu beben, überwog die Barbarei des langwierigen Kriegs 
und der tief eingerissene Unfug des Pennalismus. 

Da wir einmal dieser Stelle erwähnt haben, können wir nicht 
umhin, aufmerksam darauf zu machen, dass Bildung, Leetüre und 
Beschäftigung der Fürsten jener Zeit durchaus verschieden von 
jhref gegenwärtigen Beschäftigung, Unterhaltung und Leetüre War. 
Einem verständigen Mann, der die Zeiten und Umstände des dreis- 
sigjährigen Kriegs und das industrielle Treiben, das durchaus prac* 
tische Streben, die lose Leserei unsrer Zeit kennt, wird es ganz < 
unbegreiflich seyn , wie man , ohne verrückt zu seyn , Form, For- 
mel und religiöse Ansicht des siebenzehntcu Jahrhunderts unserer 
Zeit zumuthen oder gar aufdringen mag. Herr von Rommel 
berichtet von Georg II. von Darmstadt: „Er hatte die heilige 
Schrift bis zu seinem achtzehnten Jahr achtzehn Mal, nachher 
während seiner fünf und dreissigjäbrigen Regierung noch acht und 
zwanzig Mal in verschiedenen alten und neuen Sprachen durch* 
gelesen, und übertraf seine« Vater an ernster Liebe zu den 
Wissenschaften." Die zweite Hälfte dieses Capitels ist den 
Persönlichkeiten Wilhelm's V. von Cassel, und der beiden mathigen » 
Amalie Elisabeth gewidmet. Das ganze folgende Hauptstück be- 
schäftigt sich blos mit den hessischen Angelegenheiten, welche 
Ref., der nur die deutschen Geschichten, nioht die fürstlichen 
Geschäfte und die Kanzleiverhandlungen ihrer Juristen in dem 
Buche aufsucht, ganz übergehen muss. Die Reise Wilhelm's nach 
Prag zum Kaiser, der ihn vorher zu höchst unbilligen Verträgen 
mit Darmstadl genötbigt hatte, ist etwas ausführlicher behandelt, 
als nötbig scheint, weil es gewiss besser gewesen wäre, die vie- 
le« interessanten urkundlichen Notizen, welche bei der Gelegen- 
heit gegeben werden, in angebängten Noten oder Exoursen mit- 
zutbeilen. Interessanter wird dieses Capitel von Seite 63 an, das 
beisst, von dem Augenblick an, als durch das RestHutionsedict 
allen Blinden und Verblendeten die Augen über die eigentlichen 
Absichten der Jesuiten , die in München und in Wien Alles gal- 
ten, hätten geöffnet werden sollen. Dies war bekanntlich nicht der 
Fall; der hessische Geschichtschreiber gibt uns Nachricht, dass 
der Landgraf von Darmstadt zu einer Zeit, als Augsburg mit dem 
Schicksal bedroht war, weiches Douauwerlh längst getroffen hatte. 



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v. Kommet: Geschichte von Hessen. Th. IV. 



und welches gerade in dem Augenblick Dortmund traf, seinem 
Nachbar Wilhelm, mit dem er sich ionig gegen deo gemeinschaft- 
lichen Feiod hätte verbinden sollen, Vorstellungen machte, welche 
nur etwa einem tobenden Kanzelbelden oder irgend einem Profes- 
sor der Theologie unserer Zeit, der Bischof werden oder einen 
höbern Ordensgrad erhalten will, einfallen können. 

Herr v. Rommel berichtet S. 71 : Der bibelfeste Georg , statt 
der Aufforderung Wilhelms Gehör zu geben, und sich den durch 
das Restitutionsedict ausgesprochenen Planen der Feinde der pro- 
testantischen Religion in Verbindung mit ihm zu widersetzen, 
habe diese Gelegenheit ergriffen, um ihn auf den 
Unterschied der veränderten und der unveränderten 
Augsburg! sehen Confession aufmerksam zumachen. 
Wenn die Sache nicht so tragische Folgen gehabt hätte, so würde 
man nicht wissen, ob man lachen oder weinen sollte! Aber der 
Deutsehe darf über dergleichen Dinge nicht reden, da ja in sei- 
nem Vaterlande Heuchler, Pedanten, Sophisten, Fanatiker, auch 
sogar in unsere Zeiten, wo es ganz unmöglich ist, den alten 
blinden Glauben wieder herrschend zu machen, Regierungen und 
Fürsten zu Maasregeln verleiten, die ganz unfehlbar dahin führen 
werden, die Religion zu vernichten und den Aberglauben zu er- 
halten 1 War es doch ganz umsonst, dass, wie uns Herr von 
Rommel berichtet, Landgraf Wilhelm dem theologischen Georg 
erwiederle: „dass die gemeinsame Grundlage des evangelischen 
Glaubens und ihrer Abscbeidung von dem Glaubenszwaag, den 
Satzungen und den Ceremonien der ausgearteten römischen Kir- 
che, das belle, klare und unverfälschte Wort Gottes, die erste und 
einzige Richtschnur desselben die beilige Schrift sey; dass seine 
Religion keineswegs von der zum Urchrietenlhum der ersten Jahr- 
hunderte zurückgekehrten hessischen Kirche unter Philipp dem 
Grossmütbigen abweiche. Dass dieser tbeure Held der Reforma- 
tion durch die Hornberger Synode, durch die offenen Instructionen 
seiner Reichstagsgesandten, durch das Marburger Religionsge- 
spräcb, durch die Anstellung Zwingliacher und Lutherischer Uni- 
versitätslehrer, durch das Bündniss mit den Schweizern, durch die 
Bucersche Concordie, durch die Verwerfung der spitzfindigen 
Lehre von der Allentbalbeinheit Christi, durch die Unterzeichnung, 
sowohl der in Eile und Furcht aufgesetzten, sogenannten unver- 
änderten, als der nachher gemilderten Aogsburgischen Confession 
seinen Abscheu gegen jede uobrüderliehe Trennung, seine evange- 
lische Lehre und nein Bekenntniss hinreichend bezeugt habe. 4 * 



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v. Rommel: Geschichte von Hcwen. Th IV. 181 

Alles das war in den Wind geredet, Landgraf Georg und seine 
Theologen wollten nicht hören, sie mussten aber glücklicherweise 
fühlen, als gleich hernach die Schweden erschienen. Ware es 
nicht viel besser gewesen, Georg hätte weniger Gelehrsamkeit 
und mehr gesunden Menschenverstand gehabt, er h&tte weniger 
oft die beil. Schrift ganz durchgelesen, wäre aber mehr von freien, 
rein menschlichen Gedanken erfällt gewesen?? 

Das dritte Hauptstück behandelt die Geschichte der beiden 
Landgrafschaften bis auf die Schlacht bei Lützen. Dies Capitel 
ist für den Bearbeiter der deutschen allgemeinen Geschichte von 
der grössten Bedeutung, denn es bereichert diese aus Urkunden 
und kann zugleich als Gegengift gegen die neueren, breit sophi- 
stischen Geschichtschreiber des dreissigj&brigen Kriegs dienen. 
Der Verf. der hessischen Geschichte ist, wie es von einem wackern 
Hessen nicht anders zu erwarten war, einfach, wahr, klar und 
huldigt keiner Zeitphilosophie und keinem System, das sein Mini- 
sterium gern geltend machon möchte. Ref. bedauert daher, dass 
ihm der Raum dieser Blatter nicht erlaubt, den Herrn von Rom- 
mel gewissen Sophisten gegenüber zu stellen, die er, um auch den 
Schein des Gehässigen zu meiden, nicht nennen will. Wir werden 
hier zunächst aufmerksam gemacht auf die Correspondenz Wilbelm's 
mit Gustav Adolf, als dieser noch in Preussen verweilte, und ganz 
besonders auf die Reise nach Holland, welche der Landgraf in 
demselben Augenblicke unternahm , als Gustav Adolf sich zum 
deutschen Kriege anschickte. Herr von Rommel nennt auch gleich 
im Anfange des Capitels diejenigen deutschen protestantischen 
Fürsten, mit denen der Landgraf gegen die Unterdrückung durch 
die Kaiserlichen und die Liguisten correspondirte, und macht auf- 
merksam darauf, dass er in Holland auch den unglücklichen Fried- 
rich V. von der Pfalz antraf. Bei dieser Gelegenheit hat S. 89 
Herr von Rommel aus einem Briefe des Prinzen von Oranien die 
Gründe kurz zusammengedrängt, welche die Holländer abhielten, 
sich mit den deutschen Fürsten und mit Gustav Adolf in nähere 
Verbindung einzulassen. Sie hatten ganz Recht. Von den an- 
dern protestantischen Fürsten verlassen, von den Niederländern 
abgewiesen, war es bekanntlich Wilhelm ganz allein, der sich 
eher als alle teutsoben Fürsten dem Schwedenkönige in die Arme 
warf, weil der Kaiser, der ihn und seine Mitfürsten und alle Pro- 
testanten hätte schützen sollen, zuerst den Eid gebrochen und die 
wechselseitig schuldige Treue verrathen hatte. Dieses berichtet 
Herr von Rommel S. 88»~89 auf folgende Weise: 



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fit 

162 v. Rommel: Geschichte von Hessen. Th. IV. 

Sobald Landgraf Wilhelm sich Überzeugt hatte, dass von dem 
Kaiser keine Wiederherstellung, von dem Kurfürsten Ton Sachsen 
(Aug. 1630) keine kräftige Vereinigung zu erwarten sey, und sobald 
er durch den vod Stettin nach Weimar und Cassel heimlieb abge- 
sandten Dietrich von Falkenberg Nachriebt von der Ankunft Gu- 
stav Adolfs mit seiner Heldenschaar ( fünfzehntausend Mann) er- 
halten hatte, eilte er allen deutschen Fürsten zur Verbindung mit 
Schweden voran. Zuvor traf er Verabredung mit den des Dresd- 
ner Jochs müden Herzogen von Sachsen, besonders Wilhelm und 
Bernhard, befahl allen Einwohnern von Cassel, sich auf mehrere 
Monate mit Vorrath zu versehen und scbloss, trotz der Abtrec~ 
nuhg seines noch immer zürnenden Vaters, einen Familienbund 
der Casselschen und Rottenbnrgischen Linie, welche bald nachher 
zu einem herrliehen Wachsthum gelangte. Wilhelm, Juliane 
und Hermann thaten sieh n&mlieh im Namen der hei- 
ligen Dreieinigkeit mit Herz und Mund zusammen, 
bei Gustav Adolph, ihrem nahen Blutsfreund, dessen 
königliches und ritterliches Amt es sey, die Ehre 
Gottes und unschuldig bedrängte christliche Mit- 
glieder zu vertheidigen, Schutz und Hülfe zu suchen. 
Im Folgenden findet man sehr ausführlich berichtet, Welche 
Schwierigkeiten anfangs der hessische Bevollmächtigte fand, wie 
er Sie beseitigte und das berühmte Bündniss abscbloss. 

Landgraf Georg zog hernach den Kopf schlau aus der Schlin- 
ge, er wandelte den Weg der Mfite oder der kalten Politik, wes- 
halb auch der Vertrag, den er mit Gustav Adolf scbloss, die Bil- 
ligung des Kaisers und des Kurfürsten von Mainz erhielt Der 
Verf. berichtet Seite 172: Gustav Adolf gestand dem Landgrafen 
von Darmstadt, der sich ausdrücklich vorbehielt, in kaiserlicher 
Devotion zu beharren, zum Behuf fernerer Friedensvermittelung 
und bis zur Entscheidung derselben, eine freundliche, dem schwe- 
dischen Heere unschädliche Neutralität, erliess ihm und schien 
Landen, mit Einschluss Philipps zu Butzbach und Friedrich^ zu 
Homburg einstweilen alle Einlagerung, Kriegssteuer , Besatzung, 
Durchzüge, Lauf-, Sammel- und Musterplätze, ertheilte ihm hier- 
über einen offenen, an alle schwedische Befehlshaber gerichteten 
Schutzbrief, und verlangte nur von allen Hessendarmstäd tischen 
Platzen (aus denen jedoch den schwedischen Truppen keinerlei 
llindcrniss oder Schaden zugefügt werden sollte) die Mainfeste 
Rüsselsheim zum Zweck des Krieges o. s. w« 

Die Plane Gustav Adolfs in Beziehung auf das deutsche 



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v. Kommt 1: Gefliehte von Hessen. Th. IV. 183 

Reich und dessen elende Verfassung hat Herr von Rommel 8eite 
180 — 183 kurz und doch vollständig io eine Uebersicht gebracht. 
Gua(a.vAdplf wollte damals bekanntlich auch Wilhelm von Hessen und 
Herzog Bernhard von Weimar bedenken. Wilhelm nahm einstweilen 
von Fulda Besitz. W ir dürfen hier der Kriegsgeschichte nicht folgen, 
können aber dic'Leser der Jahrbücher versiebern, dass sie in diesem 
Haupt^cK viele ganz neue Nachrichten über den Zustand Deutsch- 
IaD0> in 4jejer Zeit finden werden, und dass sie nicht nöthig haben, 
sieb durpjl Redensarten , durch objectives Geschwätz und durch 
eine Wieste Masse von unbedeutenden Sachen durchzuwühlen,, um 
die Thatsacheu herauszufinden. Das vierte, und das fünfte Haupt- 
etQck des, sechsten Buchs, welche die Geschichte des Kriegs in 
den Jabreu 1632 — 1637 bebandeln, machen gewisserraassen ein 
ganzes Buch aus, denn sie füllen 267 Seiten , oder S. 215 — 482. 
Wilhelm War bekanntlich un\ 1637, als die deutschen Fürsten sich 
yo.n den Spbweden getrennt , der Kurfürst von Saehsen sogar die 
Waffen gegen sie ergriffe* hatte, vom Kaiser geächtet, seines 
Ftfratentboms beraubt, als Verbannter in Ostfriesland gestorben, 
als sein? >»1ttwe A^aUa Elisabeth den mannlichen Mutn zeigte, 
der ihren Namen und ihre Ehre in den Annalen der deutschen 
Nation unsterblich gemacht bat Um zu zeigen, auf welche Weise 
Herr von Rommel diesen Theil der Geschichte behandelt, wie wich- 
tig das Studium desselben für deutsche Geschichte überhaupt ist, 
gjaufct Jlef. keine bessere Stelle des Buchs wählen zu können, als 
die, [n welcher er uns die Lage der Dinge zu der Zeit schildert, 
aii naefc Wilhelms V. Tode die Sorge für das Land, für die Re- 
ligio« and für dW unmündigen Söhne auf Amalia Elisabeth lastete 
(seit dem 21. September 1637). Nachdem nämlich der Verf. am 
Schlüsse des seobsien. Buchs 473—477 den Inhalt des Testa- 
menjta £es Landgrafen und die Einrichtungen der von ihm seiner 
Wittwe als der bestellten Vormünderin und Pflegerin zur Seite 
gestern .Regentschaft genau angegeben hatte, beginnt er das 
siebente ßuoh S. 4&& auf folgende Weise: 

fler plötzliche Tod des Landgrafen Wilhelm zu einer Zeit, 
wo sieb al|e .evangelische Rejchsfürsten, mit Ausnahme Bernhardts 
W Wk in W <tem Kaiser unterworfen, Schweden, Frankreich und 
die GleneraJstaaten von dem JMittelpuncte des Kriegs entfernt hat- 
fe*, sebjen das Ende des Freiheitskampfs und den Uebergang 
Hessen-Cassels, des letzten Pollwerks des Protestantismus, zu ver- 
k&nden. Ein vom Kaiser geachteter, im Auslande gestorbener 
Regent, eine Wittwe mit sechs unmündigen Kindern, ein Nach- 



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181 



v Rommel i Geschichte voo Hessen. Th. IV. 



folger von «cht Jahren, eine mit dem regierenden Hanse noch 
nicht völlig abgetbeilte Nebenlinie, ein von unversöhnlichen Fein- 
den, von abgefallenen Freunden, von eigennützigen Nachbarn um- 
gebenes, von kaiserlichen nnd lignistiseben Trappen umringtes, 
tief erschöpftes und verwüstetes Land, eine Kammerscbuld von 
zwei Millionen fünf und neunzigtausend Tbalern, eine getrennte 
Regierung und ein getrenntes Heer, ein solcher Staat glich einem 
von Sturmeswellen hin- und bergetriebenen , seines Steuermanns, 
seiner Masten und Segel beraubten, dem nächsten Freibeuter preis- 
gegebenen Fahrzeuge. In so verzweifluogsvoller Lage vereinte 
sieb die Klugheit einer hochherzigen, über die Schwächen ihres 
Geschlechts erhabenen Frau mit der Ausdauer eines treuen, kräf- 
tigen, mehr als einmal das eigne Blend zu gemeinsamer Rettung 
verschmerzenden Volks. 

Auf den folgenden neunzig Seiten dieses ersten Hauptstücks 
des siebenten Buchs wird die Geschichte der Landgräfln und ihrer 
Verwaltung, die des Kriegs und die des Landgrafen Georg von 
Darmstadt von 1637—1640 fortgeführt. Das zweite Hauptstück 
erzählt hernach die Geschichte von 1640 — 1646. Die beiden letz- 
ten Capitel enthalten den Schloss der mit dem dreissigj ährigen 
Krieg in Verbindung stehenden Ereignisse. Ref. bezeugt dem 
Verf. seine aufrichtige Dankbarkeit für .die Bereicherung seiner 
Kenntnisse der Binzelnbeiten deutscher Geschichten während der 
traurigsten Zeiten, und bezeugt zugleich, dass jede Behandlung der 
Geschichte des siebenzehnten Jahrhunderts, bei welcher diese docu- 
meutarisebe und sehr ausführliche Geschichte von Hessen nicht 
zu Ratbe gezogen und zu Grunde gelegt wird, künftig weder 
gründlich noch vollständig genannt werden kann. 

Eine andere Seite dieses Werks, welche hervorgehoben zu 
werden verdient, ist, dass des Herrn von Rommels Arbeit, als 
Landesgeschichte, welche jeder hessische Staatsbürger gelegent- 
lich, sowohl über Familien, Personen, Begebenheiten als über 
Rechte und Verhältnisse, die sich im Laufe der Zeit gebildet haben, 
aufschlagen und nachlesen kann, auch sogar Weisse's Sächsischer 
Geschichte vorzuziehen ist, weil diese mehr für den Rechtsge- 
lehrten und den Beamten im Finanz- und Administrationsfach, als 
für den Bürger im Allgemeinen eingerichtet ist. Spittler's Ge- 
schichte von Hannover gebt nicht ins Einzelne, und Wenk ist 
nicht zum Lesen eingerichtet. Da Herr von Romme] so sehr vie- 
len Raum den Geschichten widmet, welche die Fürsten persön- 
lich angehen, sich daa Land Hessen, wie Frankreich seit 1660, ■ 

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Borgnet: Etüde« rar le regne de Charte« le Simple. 185 

immer mehr in der Person* seiner Landgrafen zusammendrängt, 
and die waokern Hessen nnr in dem Landgrafen and darch ihn 
irgend Etwas sind, so ist Ref., wenn er es anders erlebt, sehr 
begierig, die Bände zu lesen, welche das achtzehnte Jahrhundert 
und den Anfang des neunzehnten enthalten. Er hofft, von dem 
hessischen Historiker sehr viel Gutes über seine Landgrafen zu 
erfahren, was er nicht kennt oder doch bisher verkannt hat, und 
wenn ihn ein Mann, wie Herr von Rommel, über diese Landgra- 
fen des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts eines Bessern 
belehrt, wird er, so alt er dann auch immer seyn mag, nicht säu- 
men, ihr Lob zu verkündigen. 



Etüde sur le regne de Charles-Le-Simple. Par JnT. Borgnet, Profee- 
seur d Vuniversite de Liege et correepondant de Vacademie Royale 
des Sciences et BeUee lettre» de BruxeUee. Kxtrait du Tome XVII. 
des Memoire* de Vacademie dans sa siance du 4 Mais i843. 36 S. 
gr 'össtes 4. 

Da der Verf. dieser gründlichen, mit Kritik und mit einem 
sehr grossen Fleiss im Studium der Quellen ausgearbeiteten Ab- 
handlung die Güte gehabt hat, sie dem Ref., dem sie in dem 
Bande der Abhandlungen, worin sie enthalten ist, entgangen seyn 
werde, zu überschicken und sie gerade in dem Augenblicke in 
seine Hände kommt, als er an einigen Anzeigen für die Jahrbü- 
cher schreibt, so glaubt er seine Dankbarkeit nicht besser bezeu- 
gen zu können, als dadurch, dass er deutsche Gelehrte, wenn auch 
nur mit wenigen Worten, auf diese gründliche Arbeit aufmerksam 
macht. 

Der Verf. vertheidigt hier den Sprössling eines Geschlechts, 
welches die deutsche Geschichte noch n&ber angeht, als die fran- 
zösische, und erklärt sich im Allgemeinen dahin, dass er nicht 
der Meinung sey, dass die letzten Carolinger, gleich den letzten 
Mero vingern, sowohl physisch als moralisch so tief gesunken ge- 
wesen seyen, dass sie in jenen Zeiten, wo das Volk nur kräftige 
Männer an seiner Spitze duldete, durchaus nicht ferner hätten re- 
gieren können. Gleich vorn berein gibt bei dieser Gelegenheit der 
Verf. der Abhandlung kund, dass er nicht, wie seine Landsleute 
pflegen, das, was die Mode in Paris für Geschichte ausgibt, auch 
dafür anerkennt, und dass er Phrasen drechseln und Geschichte 
schreiben zu unterscheiden versteht. Er führt nämlich gleich in 
der ersten Note eine Stelle aus dem Bombast an, den Michelet 



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im Bor&Mt: Ktudc« mt 1c regne de Charles le Simple. 

otiter dem Titel Geschichte von Frankreich herausgibt , in welcher 
dieser die moralische Impotenz CarlY des Dicken, witzig uu4 
spielend mit der physischen in Verbindung: bringt, und fügt fwas 
für diese ganze Art von romantischer Geschichtacfareibung güt> 
hinzu : II est fäebeux que cette phrase destioee a faire do l'ef et, 
tembe eompletement a faux. A notre avis, lexistence d'u# bäteroV 
ae prouve pas Hmpuissance, et M. Mi dielet a probablement oublie. 
que Charles-le-Gros en avoit an. Seite Absiebt bei der in dieser, 
Abhandlung mit sorgfaltiger Benutzung und Nochweisuog der 
Quellen angestellten neuen kritischen Prüfling der einzelnen Haupt- 
vorwürfe, welche unsere Geschichtschreiber Carl dem Einfältigen 
zu machen pflegen, gibt Herr Borgnet folgendermassen an: 

II seroit «ans donte ötrangement paradoxal de faire des de- 
seeodans de Charlemagne de grands et energiques oaracteres ; on 
peut au moins soutenir, que dans Tappreoiation de leurs actes, 
Phistoire n'a pas ecoute la voix d'une rigoureuse impnrtiaiitd. Nous 
voulons essayer la rehabilttion de Charles-Ie-Simple cc- 
lui d'entre eux auquel un outrageant surnom semble 
avoir attache un caractere de stupidite notoire. 

Bs werden dann S.' 6—8 die Chroniken und andere Quellen 
dieser Geschichte einzeln angeführt und durchgangen und ihr Ge- 
wicht gegen einander abgewogen. Unter den Zeugnissen über 
Carl den Einfältigen zieht Herr Borgnet Richers etwa fünfzig 
Jahre nach Carl's Tode gegebene Charakteristik dieses Caroiiq- 
ger's den üebrigen vor. Er findet sie mit seinen Untersuchungen 
völlig übereinstimmend. Dieser Verfasser der Chronik der Stadt 
Rheims, welche dem unglücklichen Prinzen noch treu blieb, als 
schon alle andere abgefallen waren, schreibt nämlich: Karolas, 
rex oreatus, ad extremam benevoientinm intendebat. Corpore prae- 
stanti, ingenio bono simplicique. Exercitiis militaribus non adeo 
assuefactus. At litteris liberalibus admodum eruditus. In daodo 
profusus, minime avarus. Duplici morbo notabilis, libidinis intern- 
penane, ao circa exequenda negotia paullo negligeutior fuit. 

Der Verf. geht hernach die ganze Geschichte der Zeit der 
letzton Corolinger und besonders Carl's des Einfältigen prüfen* 
durch, Ref. darf ihm aber, so gern er es th#e, im Einzelnen nicht 
folgen« Im Allgemeinen bemerkt er, dass sogar dieser gründliche 
Forscher durch die herrschende Meinung, die unter den Franzosen 
für Urtheil und sogar für ein Gottesurtheil gilt, so sehr in Re- 
spect gehalten wird, dass er nur ganz bescheiden gegen Sismon- 
di's Flüchtigkeit nnd Oberflächlichkeit zu protestiren wagt. Er 



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Bavgnet: Etüde« nur lo rognc de Charles le Simple. 181 

beschwert sich blos darüber, dass Sismondi's Republicanismus ihn 
irre geleitet habe. Weon es aber nur das wäre , so hätten die 
eorpuienten Bände des diffosen Werks immer einigen Werth für 
den Forscher, sie haben aber gar keinen!! Dass Herr Borgnet 
ein achter kritischer Forseber ist und besser als Sisraondi weiss, 
wie man mit den Chroniken verfahren muss, beweiset schon die 
einzige Zeile p. 19: Lee chroniqueurs de cette epoque ont par 
fois d'etranges recits. Dies wird hernach vortrefflich angewendet, 
and I.uitprand ist bekanntlich der Mann, von dem dieser Aus- 
spruch ganz besonders gilt. 

Da Herr Borgnet die Geschichte Odo> ond Carl s Jahr für 
Jahr durchgeht and Ref. durch den Raum beschränkt ist, so will 
er, am deutsche Forscher auf diese gründliche Arbeit aufmerksam 
zu machen , blos anführen , was hier in Beziehung auf die Auf- 
nahme der Norminoer in die Normandte zur Rechtfertigung Carl's 
gesagt ist. Die Rechtfertigung der Aufnahme Hrolffs and seiner 
mit ihm getauften Landsleute in die Landstriche der Küste, welche 
später nach ihnen die Normandie genannt wurden, sagt er, ist 
leicht zu führen, und fährt dann fort: Bei der Zerrissenheit des 
fränkischen Landes, ward es ganz unmöglich, den Normfinnern 
das Gebiet, in dem sie sich festgesetzt hatten, wieder zu entreis- 
sen. Odo hatte gar nicht gewagt, es zu versuchen; wie konnte 
Carl, der viel weniger Hülfsquellen hatte, mit den Vasallen, die 
sich nicht einstellten, wenn er sie zur Verteidigung des bedroh- 
ten Gebiets rief, mejir ausrichten, da diese Vasallen selbst ihm 
riethen, das Gebiet aufzugeben? Dann führt der Verf. Depping's 
Zeugnisse an, dass Carl die Vasallen wegen der Abtretung be- 
fragte. Br fährt fort: Die Abtretung an Hrolff war nothwendig, 
nie war ausserdem vorteilhaft für Frankreich, weil dadurch ein 
Mann, der vorher ein grausamer Feind war, ein Verbündeter wurde, 
dem selbst daran lag, den den Feinden ausgesetzten Theil de« 
Gebiets zu vertheidigen und neue Ankömmlinge abzuwehren. Diese 
Abtretung ward ausserdem Carl durch die Rücksicht auf seine 
Familie zur Pflicht gemacht, und man darf nicht übersehen, dass 
die Nachfolger des Normannischen Heerführers sich stets der Nach- 
kommenschaft des Mannes, der ihnen ein neues Vaterland gege- 
' ben hatte, treu bewiesen. Carl verdient so wenig einen Vorwarf 
wegen der Abtretung, dass man im Gegentheile seine Scbarfsicht 
loben sollte and wir (Herr Borgnet) stimmen ganz mit Deppiog 
feberem, wenn er sagt: „Carl that, was die unglückliche Not- 
wendigkeit und die beste Staatskloghcit vorschrieben , er sicherte 



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188 Borgnet: Etodet nur le rep;nc de Charles le Simple. 

durch Brief and Siegel den Normannero das, was sie längst er- 
obert hatten. Er nahm diesen Entschlnss in Ueberein Stimmung 
mit den Grossen seines Reichs, den einzigen Repräsentanten der 
ganzen Nation. Wenn daher eine Schmach auf dem Abtretungs- 
vertrag haftet, so fällt diese auf diese Reicbsversaromlung, beste- 
hend aus Leuten, die alle Mittel' in Händen hatten, das Gebiet 
unverletzt zu erhalten und Prankreichs Ehre zo retten." Zu die- 
sen Worten Depping's fügt Herr Borgnet hinzu: dass man bei 
der Beurtheilung des Benehmens der letzten Carolinger gegen die 
Normanner die Worte der Chronikenschreiber der spätem Zeiten 
zu buchstäblich genommen hat. Ja, es ist wahr, die Nachkommen 
Carl's des Grossen haben, um die Seeräuber abzuhalten, öfter das 
Gold als das Eisen angewendet ; aber gewöhnlich gaben sie, wenn 
sie dies thaten, nur der zu beklagenden Nothwendigkeit nach. Odo, 
Robert, Rudolf, diese drei ersten Könige aus Capetingiscben Hause, 
haben sie nicht auch Tribut bezahlt? Dies waren doch fähige 
und kräftige Fürsten, würden sie das gethan haben, wenn sie es 
hätten vermeiden können? Man hat aber ihre Zugeständnisse an 
die Normanner nicht beachtet, während man zur Entschuldigung 
der letzten Carolinger die Verlegenheit, worin sie sich befanden, 
gar nicht n Rechnung gebracht bat 



Vier Schriften, welche Ref. der Güte des Verf. verdankt, will 
er am Schlüsse noch erwähnen, zwei, um ihre Titel zur Kenntoiss 
des Publicums zu bringen, zwei andere, um ihrer vielleicht ein- 
mal ausführlicher zu gedenken. Die zwei ersten sind: 

1. Literarische Sympathien der industriellen Buchmacher ei. 
Ein Beitrag zur Geschichte der neueren englischen LemcographU 
von Dr. J. G. Flügel, Consul der Vereinigten Staaten von Nord- 
america; nebst einem Vorwort von Professor Dr. Gottfried Her- 
mann, Comthur des k. sächs. Civilverdienstordens , Ritter des k. 
russ. Stanislaus-Ordens etc. Leipzig 1843. In Commission bei Au- 
gust Weichardt. IV. und 41 S. in gr. 8. 

9. Ueber das Werk : La Russie en 1839. Par le marquis de Custine von 
N. Gr et sch t aus dem Russischen ubersetzt von W. von Kotzebue. 
Paris. Quai Malaquais Nr. 15 Comptoir des Buchdruckervereins. 
Heidelberg bei Karl Groos. 9Z S. 8. 

Nr. 1. darf hier nicht berührt werden, weil der Herr Hofrath 
Bahr darüber Alles gesagt bat, was Ref. etwa sagen könnte. 



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Gutta*'« III. nachgeladene Papiere, von Geijer. I. Bd. 189 

Was Nr. 9. angebt, welches eine sehr scharfe, tadelnde Beur- 
teilung der Russie en 1839 oder vielmehr ihres Verfassers ent- 
hält, so darf Ref. nichts weiter thnn, als das Schriftoben erwäh- 
nen, da er nicht Recensionen reoensiren darf. 

Die beiden Schriften, welche er künftig:, wenn ihn der Herr 
Hofratb Bahr wieder einmal auffordert, einen Beitrag zu liefern, 
ausführlicher anzeigen will, sind : 

f. Johann Sleidan's Commentar über die Regierungszeit Carte V., hi- 
storisch-kritUch bearbeitet von Dr. Theodor Paur. Leipzig, bei 
Wilhelm Engelmann i843. 158 S. 8. 

2. Peter der Grosse und Leibnitz, von Dr. Moritz C. Posselt, 
Dorpat und Moskau. Verlag von Friedrich Severin. 1843. 284 
Seiten in 8. 

Schlosser. 



4 

Des Königs Gustav III. nachgelassene, und fünfzig Jahre nach sei- 
nem Tode geöffnete Papiere. Debersicht, Auszug und Vergleichung 
von C. G. Geijer. Aus dem Schwedischen. Erster Theil. 
Hamburg, Perthes 1843. VIII. und »08 S. 

Wer bei der Eröffnung der mysteriösen Kisten in Upsala et- 
was ganz Neues und Unerwartetes erwartete, mochte sieb in die- 
ser Erwartung get&uscht finden; was bis jetzt davon bekannt ge- 
worden, sind mehr erläuternde Belege, bestätigende Actenstücke 
zu Thatsachen und Ergebnissen, deren wirkliches Wesen auch 
vorher schon durch sorgsame historische Forschung enthüllt wor- 
den war. Doch lässt sich gerade deshalb manches Einzelne er- 
gänzen, berichtigen und das Gesammturtheil über Gustav III. und 
seine Geschichte, wie es manche Historiker bisher schon nicht ohne 
Anfechtung ausgesprochen hatten, aus des Königs eignen authen- 
tischen Berichten zur unbezweifelten Gewissheit bringen. — 

Die neuen Aufschlüsse leicht zugänglich zu machen, hat 
Geijer nun das Wesentlichste beigetragen; aus dem Wust ver- 
schiedener Papiere, von denen ein ansehnlicher Theil aus Briefen, 
ein anderer aus Actenstücken und politischen Documenten, ein 
dritter aus Arbeiten und Aufsätzen König Gustav's besteht, bat der 
berühmte Gesobichtschreiber Schwedens sorgfältig und mit ge- 
wohntem historischen Takt das Wichtigere hervorgehoben, in ge- 
schichtlicher Verbindung es vergleichend neben einander gestellt, 



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190 Gastav's III. nathgetaftsene Papiere, von Gcjjer. I. Bd. 

und uns bald durch Auszüge, bald durch wörtliche Mittheilungen 
in den Inhalt der Papiere Einsicht verschafft. Ohne überall oeu 
zu aeyn, sind 'die Aufschlüsse lebendig, eindringlich und so viel 
wie möglich in ihrer ursprünglichsten Gestalt festgehalten, einzelne 
Parthien bilden eine vollständige Geschichte, ohne Unterbrechung 
aus Gostaus eigner Feder musivisoh zusammengesetzt. — 

Die historischen Belebrungen, die ms so auf eine anziehende 
und fruchtbare Weise geboten werden, beschränken sich theils 
auf Gustav's persönliche Verhältnisse, theils verschaffen sie uns 
in den Zustand Schwedens genaue meist aktenmassige Einsicht. 
Die persönliche Geschichte des Königs, das Wesen seines Cha- 
rakters und seiner politischen Bildung tritt hier um so unverhüll- 
ter hervor, als er selbst theils mit Willen, theils unbewusst dem 
historischen Leser Stoff genug gibt zu einer unbefangenen und 
sicheren Würdigung. Wenn wir seine Gewandtheit und sein an- 
gebornes Talent der Darstellung, überhaupt seine Virtuosität in 
der Form bewundern, seine richtige Würdigung der schwedischen 
Zustände unter der Oligarchie, seine treffenden ürtheile über ana- 
loge Verhältnisse, namentlich die Lage von Polen, rühmlich her- 
vorheben müssen, so bleibt doch auch des Frivolen, Eiteln, nach 
dem Scheine Haschenden noch genug übrig, und er selbst hat in 
den vorliegenden Papieren sich weniger Zwang angethan , als in 
seinen woblgesetzten Reden und pomphaften ProcJamationen. Der 
Heranageber hat dies (S. 12) in den W'orten angedeutet: „Sehwe- 
dens grosse Erinnerungen und Alles, was mit denselben zusam- 
menhangt, verwandelten sich unter der Feder Gustav's III. leicht 
in Gegenstände des Witzes und beredter Darstellung 11 ; und in 
Wahrheit ist's auch ein gar zu schroffer Gegensatz zwischen der 
ernsten Gemessenheit, dem tüchtigen und einfachen Wesen des al- 
ten Sohwedentbums und dem flüchtigen, leichtfertigen Thun des 
französisch erzogenen und eoeyclopädistiseb gebildeten Königs. 
Das Tändeln und Spielen mit französischen Verseben mochte an- 
ter andern Verhältnissen und auf dem geweihten Boden von Ver- 
sailles und Trianon eher an seinem Platze seyn; unter dem ern- 
steren Himmel Skandinaviens und in einem Augenblick von so 
verhängnissvoller Bedeutung, wie die Zeit Gustav's war, hat es 
etwas unserem Gefühle Widerstrebendes, wenn der Kronprinz oder 
König, auf dessen 8chultern die ungeheure Verantwortlichkeit ei- 
ner ganzen Zukunft liegt, solch frivolem Zeitvertreib nachhängt. 
Es mochte noch zu entschuldigen seyn und in der Erziehung, wie 
sie die Fürsten des achtzehnten Jahrhunderts in ganz Europa be- 



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Gmtav'8 III. tiachgehnwedc Papiere, von Goijer. 1. Bd. l»l 



tarnen, seine Erklärung finden, dass der junge Gustav eine ao 
bette Zeit Wie die Christines II. in französischen Alexandrinern 
zierlich besingt (8. 12); aber bei den Sitzungen im Reichsrath, 
denen der Kronprinz fleiseig beizuwohnen sieh rühmte, gab es denn 
doch wichtigere Dinge zn thnn, als Rollen zu Hofsobauspielen aus- 
zutheilen oder französische Verse aus Voltaire zu notirea (S. 46). 
Der Geist der "Repräsentation , die Nichtigkeit äusserer Manieren, 
des Haschens nach Glanz und Effekt mosste freilich genährt wer- 
den in einem empfänglichen, jugendlichen Gemülhe, dessen Bezie- 
hung so beschaffen war, dass Gustav selbst (S. 83) sich glücklich 
preist, nicht ganz dadurch verdorben worden zu seyn, und aus 
dessen frühestem Unterricht man eher sehliessen sollte, es bandle 
sich um die Erziehung eines Hofcavaliers , als um die gediegene 
Bildung eines ernsten Regenten, dessen Volk schon seiner Natur 
nach all den höfischen Künsten der Versailler Muster widerstrebte. 
Aber für Gnstnv blieb diese Bahn die -entscheidende, noob in spa- 
tern Jahren spricht er mit grosser Wirme über die Art von Bil- 
dung, die ihm die Gräfin Wrangel schon als Knaben beigebracht, 
und fügt hinzu (C. '24}: „Sietesass jenen Ton der grossen Wert, 
welcher jedem Alter benagt, jene Artigkeit, welche Ludwig's XIV. 
Zeitabschnitt eingeführt hatte, welche jetzt anfängt, sich zu ver- 
lieren, und gleichwohl überall die einzig wahre ist." In dem wich- 
tigen Augenblick, wo der Kronprinz seine künftige Gemahlin zum 
erslenmale begrüsst, regt sich In ihm Nichts von allen den wider- 
strebenden Gefühlen, die solch einem Momente so nahe liegen, nicht 
einmal die alte Abneigung, die er gegen die Princessin bisher em- 
pfand, wird laut; es sind anziehendere Dinge, die seinen Blick 
fesseln. ,,Der Aufzug ist glänzend, reicher, als man es von der 
Sparsamkeit des Reichsraths hatte erwarten sollen" (8. 43), die 
Princessin stellt sich Ölit Würde dar, und der Graf Horn „reprÄV 
sentirt sehr gut", kurz das „Ganze bildete ein vollendetes Ge- 
mälde!" 

Je weiter sich Gustav von dem schwedischen Ernste entfernte, 
am so naher waren seine Beziehungen zu Voltaire, Hume, d'AIembert, 
und allen den zierlichen Salonspuppen, die damals für ganz Europa 
zu Paris die Gesetze des Geschmacks und Tones entwarfen. Der 
bekannte Creutz, als er 1763 mit einer ausserordentlichen Mission 
oach Madrid gessbickt wird, hat dem Kronprinzen nichts Wichti- 
geres zu melden, als seine Bekanntschaften mit den pariser Schön- 
geistern ; Uume „wünscht lebhaft einen jungen Prinzen zu sehn, 
welcher in einem Aller von sechszehn Jahren das Lesen mit Stärke 
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X 



192 Guetftv'a III. nachgelassene Papiere, von Geijer. I. Bei. 

gedachter and lichtvoller Werke dem der Erzeugnisse der Eitelkeit 
und des Leichtsinns vorzieht" (S. 96), der alte Fucba Voltaire 
vergiesst oflficieJle Thräncn der Kührang, als er hört, dass der 
Kronprinz seine Henriade aaswendig wüsste (8. 97), er lässt sich 
herab, nach den kleinsten Lebensumständen des Prinzen, der ein 
nordischer Salome werden soll, zu fragen (ebendas.) — and das 
Allea achreibt der Höfling ohne Rückhalt dem siebzehnjährigen 
Prinzen, und fügt selbst noch Phraaen hinzu, wie die: „Europa's 
Augen sind auf Ew. Königl. Hoheit gerichtet", ao dass dem be- 
dauernswertben Jüngling der Kopf verdreht werden moss, und auch 
er voll Entzücken seinem Schmeichler schreibt: „Voltaires Beifall 
schmeichelt mir unbeschreiblich*' (S. 97). Bald war der junge 
Fürst von dem ernsten und tüchtigen Streben nach wahrem, un- 
vergänglichen Regentenrubm abgewandt, and da er nioht die Gei- 
stesstärke seines grossen Oheims Friedrich's II. besass , Gold von 
Flitter zu unterscheiden, fiel er den Pariser Seelenverkäufern ganz 
in die Hände. Er tritt in Correspondenz mit einem Manne wie 
Marmontel (S. 98), lässt sieb wie Kostbarkeiten die Bände der 
Encyciopädie, die das orthodoxe Schweden natürlich als Contre- 
bände ansah, von Paris aas zasebicken, und Creatz, der geschäf- 
tige diplomatische Agent, muss ihm genaue Nachrichten geben über 
den Pariaer Ton, über neue Kleiderarten, Möbel, Wagen, ja ein- 
mal wird er sogar mit der hochwichtigen Mission beauftragt, sieh 
zu erkundigen, wie der verstorbene Dauphin an seinem Hochzeits- 
tage gekleidet gewesen; Gustav will seinen eignen Anzug danach 
einrichten ! (S. 98). Eine schöne Aassicht für Schweden, das ver- 
armte, durch eine schamlose Oligarchie fünfzig Jahre lang ausge- 
saugte Land! — 

Und während der Kronprinz and die grosse Schaar seinen 
gleichdenkenden Standesgenossen Holz Mim Feuer hinzutragen, 
ahnen die vornehmen Herren gar nicht, dass daraas eine Flamme 
erwachsen könne, die vor der absoluten Monarchie nicht mehr Ach- 
tung besässe, eis vor dem unbedingten Kirchenglauben. 

CSchluss folgt.) 

i 



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Nr. 13 • HEIDELBERGER, i§44. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR« 



Gustav' s III. nachgelassene Papiere, ton Geifer. 1. Bd. 

CBeschluas.) 

* 

In thöriehtem Jabel rühmt Creotz (S. 96. 97) die „rocrkwür- 
" digen and interessanten Aufsichten für die Menschheit'' in vielen - 
noch angedruckten Schriften der Voltaire'scben Schale; er hofft 
mit dem Kronprinzen auf einen Sieg der allgemeinen Vernunft and 
der künftige König eines streng kirchlichen Volks lfisst sich die 
frechen Ausfälle der Encyolop&die noch besonders bezeichnen (S< 
98); von den Folgen ahnten die Herren gar nichts, frie Folgen 
blieben aber nicht ans; zwanzig Jahre später musste sich Gustav 
von einem der gewichtigsten Zöglinge Voltaire 1 «, von Brissot, den 
Don Quixote des Nordens schelten lassen, und der Sehleier zerriss, 
aber für die Bethörten zu spat. 

Dass der König sich übrigens durch seine Pariser Freunde 
von seinen Ansichten über königliche Macht eben so wenig ab» 
wenden Hess, als Catharina II., Choiseul and Pombai durch ihren 
Terrorismus für die voltaire'sche Aufklärung wirklich za Aufge- 
klärten wurden, das geht ans vielen Stellen des vorliegenden Ban- 
des hervor. Die alte schwedische Verfassung, wie sie anter Gu- 
stav Wasa noch seiner Meinung gewesen war, will er für Schwe- 
den zurückführen; .,da dauern", wie er selbst sagt (S. 70), „die 
Reichstage nur zwei bis drei Tage; der König führte das Wort; 
die Beratschlagungen beschränkten sich fast immer auf Ja und 
Nein'' u. s. w. Wie denn jeder Despotismus, am legal za werden« 
sich auf frühere verstorbene Formen zurückberuft, so will auch 
Gustav III. seinen Schweden dies bequeme, friedliche Ideal einer 
reichsstfindiscben Verfassung wiedergeben, and der Entwarf, den 
er noch vor der Revolution 1772 entwarf (S. 78 ff.), gibt eine prak- 
tische Anwendung jener „alten Verfassung sideeu u Schwedens. Der 
Entwurf, obwohl noch mild, gleicht doch schon in Vielem dem » 
spätem Verfassungsgesetz, welches der König zugleich mit der Re- 
volution den Schweden gab; schon in den wenigen allgemeinen 
Sätzen ist dem König die volle executive Gewalt, ein Anthcil an 
der Gesetzgebung, das Heer, die Justiz n. s. w. überlassen, und 
XXX VII. Jahrg. 2. Doppelheft, 13 



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* 



Gnsta>« III. binlerlawene Papiere, von Geijer. L Bd. 195 

erste Bürger eioes freien Volks zu eeyn!" (8. 181). Am 
folgenden Tage ward jene Verfassung gegeben. — 

Was man bisher wohl im Allgemeinen wosste, der Autbeil 
der fremden Gesandten, die Bestechungen und Geldsendungen na- 
mentlich von Frankreich, sind hier akteamfissig bestätigt. Wie man 
den Grafen Vergennes mit unaufhörlichen Geldforderongen plagte, 
darüber sind des Grafen eigne, fibellaunige Briefe im Auszuge ab- 
gedruckt (S. 198), und was in Paria für Mittel angewandt wor- 
den, um Immer weitere Summen dem tief verschuldeten Frankreich 
abzupressen, darüber ist eine sein* offenherzige Depesche von Creutz 
(8. 167) mitgetheilt. Welch bedeutende Summe allein in den drei 
Wochen vom 18. August bis 8. September von Paris ans geliefert 
ward, bat der König selbst aufgezeichnet (S. 171. 179.); es sind 
Über zwei Millionen Thaler! Prankreich selbst stand auf einem 
gierenden Vulkane; was mussten seit Aiguillon nicht dort für 
Mittel angewandt werden, um dem hungernden Volke Geld abzu- 
zwingen, und hier verschleuderte man Millionen zur Begründung 
eines Despotismus, der in Frankreich selbst schon in den letzten 
Zflgen lag! — 

Wie der Staatsmann die Revolution von 1779 und ihre Folgen 
anzusehen hatte, und welche Bürgschaften Gnstav's Charakter dem 
ruhigen Beobachter bot, dafür ist wieder Friedrichs II. Unheil 
entscheidend ; wer die Briefe liest, die Friedrich seinem siegestrun- 
kenen Neffen unmittelbar uach dem Gelingen der Revolution schrieb 
CS. 196 ff.), wird mit Erstaunen sehen, welche Uoglücksahnungen 
den grossen König gleich anfangs erfällten. Seine Warnungs- 
atimme blieb aber angehört — 

Dies kann genügen , um die interessante und wichtige Seite 
dieser Aktensammlung hervorzuheben; dass Geijer uns das Rechte 
ausgewählt, nichts Bedeutendes verborgen hat, konnte man von ihm 
erwarten , aneh wenn er nicht hier an vielen Stellen sprechende 
Proben eines eben so unpartheiischen Freimuthes als historischen 
Taktes angegeben h&tte. Der vorliegende' erste Band sch Messt mit 
dem Jahre 1772; die Veröffentlichung des Ganzen dürfte eine län- 
gere Unterbrechung erleiden, da uns Geijer verspricht (S. VI.), 
erst die sehr dankenswerthe Fortsetzung seiner schwedischen Ge- 
sell teilte zu geben. — - 

L. Huettiser. 

» 



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19)« PhyiikalUche Literatur 

PHYSIKALISCHE LITERATUR. 



1. Travaux de Ut Cotnmission pour fixer les Mesures et les Poids de 
V Empire de Russie. Rediges par A. Th. Kupffer. Membre de 
cette Commiesion et Academicien. IL Bde. ffr. 4. nebet einem Band 
mit 15 Tafeln gr. Fol. St. Petersburg, i841. 

9 • i£* *X/^?£f*JÄ?8 4^/1 %Mf%Hl ^TOJ*^J©Ä JR-Orf ^V^* €#^Äfs^e?J*J7l I %f\(£ te\& U%£ (Stt r?7f $t$^J 

of tke eartk. By Francis Bai ly, Esg. Vizepresident of tke Royal 
Astronomical Society, and sold at their Apartments. Somerset House* 
1843. I. Vol. ffr. 4. 

3. Correspondance mathimatique et physique de quelques cilebres Geo- 
mttres du XVI Herne Siede. Precidee d'une notice sur les travaux 
de Leonard Euler , tant inprimis qu'inedits et publiee sous les au- 
spie es de Vacadimie imperiale des sciences de Saint - Peter sbour ff. 
Par P. H. Fuss, Conseiller dUtat actuel de S. M. VEmpereur de 
toutes les Russies, membre. et secre'taire perpetuel de VAcad. Imp. 
des Sc. de St. Petersbourff, docteur ex philos. membre de plusieurs 
academies et soeiitis savantes russes et itranylres. Chevalier des 
ordres Impiriaux et Royaux de St. Stanislas, de St. Vladimir et de 
Ste. Anne. T. I. avec le portrait de L. Euler, gravi sur acier, 4 
planches de figures et 3 fac-similes. XXXV. und 67» S. T. IL 
avec le portrait de Dan. BernouÜi, gravi sur acier, 4 planches 
de figures et 3 fac-similes. XXIII. u. 713 S. ffr. 8. St. Peters- 
boury, 1843. 

Ref. vereinigt die Anzeigen dieser drei wichtigen Werke, 
weil sie in gewisser Beziehung Aehnlichkeit mit einander haben, 
insofern alle drei von Academieen aasgehen, die allein so bedeu- 
tende literarische Erzeugungen zu liefern im Stande sind. Diese 
gelehrten Corporationen haben nämlich die Aufgabe, die Wissen- 
schaft zu erweitern, statt* dass die Universitäten zunächst das Be- 
stehende weiter zu verbreiten bestimmt sind; die bei Letzteren an- 
gestellten Lehrer, namentlich der Naturwissenschaften, werden zwar 
mitunter bedeutend unterstfitzt, um unbekannte Aufgaben zu lösen ; 
allein für so grossartige Unternehmungen, als die hier in Rede 
stehenden, genfigen die ihnen zu Gebote stehenden HulfsmiUel 
nicht, und ausserdem ist ihre Zeit durch Berufsgescbafte zu sehr 
in Anspruch genommen, als dqss sie einen so grossen Theil der- 
selben aufzuopfern vermögten. Dazu kommt aber noch insbeson- 
dere der Umstand , dass die mühsam erhaltenen Resultate dieser 
Art ein zu kleines Publicum finden, welches der allgemeinen An- 

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I 



RossUches Maas» und Gewicht 11)7 

erkeonung ihres bthen Werthes ungeachtet die Kosten ihrer Ver- 
öffentlichung zu decken nicht im Stande ist, wie sieb dieses na- 
mentlich bei dem grossen Werke Hansteen's über den Magne- 
tismus gezeigt hat. Inniger Dank sey daher den Regierangen 
dargebracht, welche Academieen errichten und auf eine solche' 
Weise freigebig unterstützen, dass die sonst vielleicht für immer 
unbekannt bleibenden Probleme dadurch gelöset und den Sachken- 
nern, die sich dafür interessiren, zug&nglich gemacht werden. Eine, 
so weit der Raum unserer Zeitschrift gestattet, nähere Anzeige 
des Inhalts wird übrigens unsern Lesern willkommen seyn, da 
Werke dieser Art nicht in viele Hände kommen, es aber sehr 
wichtig ist, von ihrer Existenz nähere Kenntniss in haben, ond 
zu wissen, wo man über diese wichtigen Gegenstände Auskunft 
zu finden vermag, wenn man derselben bedarf. 



Das erste Werk enthält eine neue, durchaus vollständige und 
höchst genaue Revision des russischen Maass- und Gewicht -Sy- 
stems, eine sowohl in wissenschaftlicher als auch in praktischer 
Hinsicht sehr wichtige Aufgabe. In Beziehung auf die wissen- 
schaftliche Bedeutsamkeit könnte nur ein der Sache durchaus Un- 
kundiger sagen, es sey im Grunde doch nicht von Belang, die 
Länge einer Elle bis auf etwa ein Hundertstel genau zu kennen, 
da eine solche Kleinigkeit selbst in der Anwendung nicht in Be- 
tracht komme. Vom Gegentheil überzeugen uns die vielen ver- 
geblichen Bemühungen neuerer Gelehrten , die bei den alten Völ- 
kern, den Persern, Griechen, Römern, Arabern u. s. w. ehemals 
gebräuchlichen Maasse und Gewichte mit der erforderlichen Schärfe 
zu kennen; denn alle diese in andern Stücken sehr cultivirten Na- 
tionen waren im eigentlich Wissenschaftlichen noch nicht so weit 
vorgerückt, um die Wichtigkeit solcher Bestimmungen einzusehen, 
und auf geeignete Mittel zu denken, diesen Mängeln abzuhelfen. 
Es war der französischen Nation vorbehalten, und wird in der 
Geschichte als denkwürdige Thatsaohe ewig feststehen, dass mit- 
ten unter den Wirren einer grauenvollen Revolution von ihr eine* 
Normalgrösse aufgefunden und bestimmt wurde, die sich so lange, 
als die Erde selbst nicht eine wesentliche Aenderung ihrer Gestalt 
ond ihrer Bestandteile erleidet, stets wieder auffinden und als 
Urmaass jeder künftigen Bestimmung zum Grande legen lässt. An 
dieses wendet man sich daher noch jederzeit, sobald irgend ein 
Land die Regolirung seines Maasssystems beabsichtigt, und was 



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198 Russische» Maas« und <S «wicht. 

Frankreich in dieser Beziehung auf dem Gebieft der Wissenschaft 
errungen bat, bleibt ihm ungeschmälert, wahrend alle seine mit se 
vielem Blnte erkauften materiellen Eroberungen wieder verloren 
sind. In praktischer Beziehung ist eine genaue Feststellung des 
üblichen Maasssystems für jedes Land, insbesondere für jedes 
grössere und auswärtigen Handel treibendes unumgänglich not- 
wendig. Was für einen weiten Vorsprung in diesem Stücke die 
neuesten Zeiten vor den filteren gewonnen haben, das wird im 
höchsten Grade anschaulich, wenn man überlegt, dass sogar die 
absolute Grösse der berühmten Cölner Mark, die in den meisten 
Staaten als Norm der Münzen gilt, nicht mit der erforderli- 
chen Scharfe ausgemittelt ist. Diesem naoh darf man sich wohl 
nicht wundern . wenn namentlich in den einzelnen teutschen 
Staaten früher nicht bloss eine unglaubliche Verschiedenheit, son- 
dern sogar eine solche Unbestimmtheit des Maasses herrschte, dass 
unter andern das ältere badische Maass gar nicht bekannt ist. 
Mit einziger Ausnahme von England, wo man schon früher sehr 
genaue Beatimmungen und mit hinlänglichem Fleisse gearbeitete 
Normalmaasse hatte, sind diese in allen übrigen Ländern neuer, 
als die in ^Frankreich, und man hat auf dieselben mehr oder we- 
niger Mühe und Kosten verwandt, je nachdem dieses der 8ache 
angemessen schien; in einigen Staaten hat man sich begnügt, die 
Normalgrössen nach den von bewahrten Künstlern in Paris ver- 
fertigten Exemplaren herstellen zu lassen, was für den Mosa prak- 
tischen Nutzen auch vollkommen genügt, und in allen den Fällen 
auch angemessen ist, wo die einzelnen Staaten den grossen Auf- 
wand einer, allen Forderungen genügenden Regulirung zu nöti- 
geren Zwecken verwenden müssen. Wie nötbig es übrigens sey, 
zugleich auf die Anwendung der gesetzlichen Bestimmungen mit 
Strenge zu halten, und die hierzu erforderlichen Master gehörig 
zu vervielfältigen und zuganglieh zu machen, weil sonst die Ge- 
winnsucht sehr bald zu Abweichungen führt, wodurch das Interesse 
des Publicums gefährdet wird, das kann man unter andern daraus 
abnehmen, dass etwa vier Jahre naoh der ursprünglichen Reguli- 
Tuag fest alle in Paris gebräuchliche Maasse und Gewichte sich 
merklich verfälscht zeigten. 

Bei der bekannten Maassrogulirung in Frankreich beabsichtigte 
man, eine stets unveränderliche Grösse zum Grunde zu legen. Die 
Auffindung einer solchen Basis ist und bleibt au sich für immer 
von unschätzbarem Warthe, allein unser Verf. bemerkt mit Recht, 
h»s die russische Commissioa die Einführung einer selchen rein 



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RHMischei Maas» und Gewicht. 199 

wissenschaftlichen, der Nation durchaus fremden Normalgrösse für 
eine utopische Idee gehalten habe. Ausserdem aber heisst es Seite 
XIV.; „Lorwqu'il est diffioile de changer le Systeme metriqne 
„daus un pays, qui est en revolution, comme Tetait la France, on 
t ,peut bien penser, que cela est impossible dans un pays, qui jouit 
„dune profonde trauquilüte." Blickt der ruhige Beobachter auf , 
jene wahrhaft grossartige Unternehmung der Franzosen zurück, 
so ist der hohe wissenschaftliche Werth derselben »war keines- 
wegs zu verkennen, allein für die Praxis war schon die ursprüng- 
liche Idee nicht zweckmässig, die Ausführung selbst aber wurde 
v offenbar übereilt. Der erste Fehler hatte zur Folge, dass die Be- 
hörden doch endlich nachgeben, und die Beibehaltung der üblichen 
Namen im Verkehr gestatten mussten, der zweite aber bewirkte, 
das« das definitiv fortgesetzte Meter dem ideellen nicht vollkom- 
men gleicht, weil spätere Untersuchungen einige Bestimmungen 
verbesserten, und diesem nach ist Frankreich nicht weiter gekommen, 
als wohin andere Nationen auf einem viel kürzeren Wege gelangt 
sind, in sofern das zu Paris befindliche normale Meter die Basis 
des dort legalen Maasssystems bildet, nicht aber der zehnraillion- 
ste Theil des Quadranten der Erde, sofern beide um eine aller- 
dings geringe Kleinigkeit von einander abweiehen. Ueberhanpt 
sind die Mensche» allzusehr geneigt, sobald sie etwas Neues auf- 
gefunden haben, sofort das Alte g&uzlich umzustossen, nicht be- 
denkend, wie viele Mühe es kostete, dieses festzustellen, and dass 
das Neue auf dem bereits Bestehenden am leichtesten und feste- 
sten gegründet wird. Offenbar wart es ungleich besser gewesen, 
die alte ehrwürdige Toise von Peru mit ihrer Unterabteilung, 
eben so die üblichen Gewichte und Hoblmnasse, wenn auch mit 
den erforderliehen Berichtigungen beizubehalten, diese aber genau 
zu reguliren und den eingerissenen Missbrauchen einen festen 
Damm entgegenzusetzen. Wurde dann zugleich diese Nornutl- 
g rosse auf die unveränderliche des Erdquadranten zurückgeführt, 
wie dieses auch noth wendig in sofern geschehen musste, als das 
Meter 443,296 Linien jener Toise enthalt, so wäre dieses prak- 
tisch ungleich zweckmässiger gewesen, und der Wissenschaft 
wäre die Mühe erspart, alle die älteren Messungen auf die neue 
Grösse zu reduciren. tiillig hätten die Franzosen ans einer ge- 
wissen revolutionären Neuerungssuoht sieb nicht sollen verleiten 
lassen, alle die früheren Bestimmungen ihrer wahrhaft wackeren 
Gelehrten auf gewisse Weise zu entwerthen oder mindestens den 
Gebrauch der gefundenen Resultate zu erschweren. Diese Gründe 



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200 



RussUcl.es Maaas und Gewicht. 

* * 



leiteten später auch die anderen Staaten bei ähnlichen Bemühungen, 
namentlich die Engländer, welche ihr uraltes Normal maass, den 
Yard, beibehielten, und ihn daneben auf eine unveränderliche Grösse, 
die Länge des einfachen Secundenpendels zu London im Niveau 
des Meeres reducirten, eine Normalgrösse, welche der von den 
Franzosen gewählten schwerlich nachstehen dürfte. 

Das russische Maasssystem ist ein seit langer Zeit besteben» 
des, indem Peter der Grosse durch einen Ukas festsetzte, das« die 
Sacfaene sieben englischen Fuss gleichen und aus drei Arschinen, 
jede zu 98 Zoll bestehen solle. Ist die Rede von einem russi- 
schen Fuss, so ist dieser dem englischen gleich, und wird auch 
eben so abgetbeilt. Die Schwierigkeit der Sache Hegt aber kei- 
neswegs in einer solchen gesetzlichen Bestimmung, sondern darin, 
daas die wirklieb vorhandenen Grössen von den gesetzlich be- 
stimmten nicht abweichen, und die hierbei sieb entgegenstellenden 
Hindernisse sind ungleich grösser, als sie nach einer oberflächli- 
chen Ansicht zu seyn scheinen; denn sobald es auf absolute oder 
auch nur auf eine unmerklich abweichende Genauigkeit ankommt, . 
ist es nichts weniger als leicht, die erforderlichen Normalgrössen 
zu erhalten und zu bestimmen* Das russische Maasssystem wurde 
daher etlichemal revidirt, namentlich unter andern durch P. H. v. 
Fuss, Paucker und Masalsky; jemehr sich indess Russlands 
Handel mit den verschiedensten Völkern ausbreitete, und je höher 
der wissenschaftliche Standpunkt wurde, auf welchen man sieh 
dort erhob, um so dringender zeigte sich das Bedürfnis«, auch in 
diesem Zweige den andern Völkern nicht nachzustehen. Diese 
Grunde bewogen den bekannten Minister der Finanzen, Grafen 
Cancrin, eine Commission zu ernennen, welohe unter der Direc- 
tion des Generailieutenunts Karneef, später des Generalmajors 
Kovalevsky, beide Direotoren des Bergwerksdepartements, aus 
den Herren Arsenief (vom Ministerium des Innern), Iljine 
(vom Ministerium der Finanzen), Sobolevsky (vom Bergwesen- 
departement), Danilof (vom Departement der Münze), Cbcmiot 
(vom Ministerium der Finanzen) und dem Academiker Kupffer, 
dem Berichterstatter, bestand, denen noch der Generallieutenant 
Schubert (Director des Karten-Depots), der Astronom Struve, 
der Prinz Odoevsky (vom Ministerium des Innern) und Ma- 
salsky (vom Ministerium der Finanzen) als Gebulfe zugesellt 
wurden. Die Aufgabe dieser Commission bestand dem Wesen 
nach aus zwei Stücken, zuerst genaue Mustern. aasse derjenigen 
Staaten, mit denen Russland in Handelsverbindungen steht, auzu- 



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t 



HUMiochea Muasa und Gewicht. 201 

schaffen, und mit den vaterländischen zu vergleichen, zweitens 
aber die inländischen Maasse und Gewichte in höchst genauen 
Mastern, dem Gesetze gemäss, darzustellen und eine hinlängliche 
Zahl Copieen derselben anfertigen zu lassen, um sie in allen De« 
partements des weiten Reiches, und bei denjenigen Behörden zu 
verfheilen, die zunächst Gebrauch davon machen müssen. 

Bezeichnen wir zuvörderst den Nutzen, welchen das Publicum 
durch die werthvolle Arbeit der Commission erhält, so ist dieser 
ein sehr bedeutender, insofern nicht bloss die russischen Maasse 
und Gewichte sehr genau bestimmt, sondern auch mit einer Menge 
der in andern Staaten gesetzlich bestimmten verglichen sind. In 
den cultivirten, Handel treibenden, Staaten bestehen zwar jetzt ge- 
setzliche Bestimmungen über die Maasseinheiten, auch sind hin- 
länglich genau gearbeitete Muster ziemlich allgemein vorhanden, 
inzwischen crmangeln die letzteren nicht selten der höchsten er- 
reichbaren Genauigkeit, weil solche Prüfungen einen sehr grossen 
Aufwand erfordern, und ausserdem ist es unglaublich schwer und 
höchst kostspielig, hinlänglich genaue Copieen derselben zu er- 
halten. Selbst nach Petersburg, wie Ref. aus glaubhafter Quelle 
weiss , kam einmal ein Maassstab, welcher nach beiliegendem Cer- 
tificate genau verglichen seyn sollte, allein die weitere Nachfor- 
schung ergab dennoch, dass dieses nicht wirklioh geschehen war. 
Bei den ausgebreiteten Verbindungen und der imposanten Stellung 
des russischen Staats lässt sich schon vermuthen, dass es der 
Commission möglich war, durch ihre Gesandtschaften und Consuln 
möglichst genaue Copieen zu erhallen , und der vorliegende Be- 
richt tbeilt ausserdem die Actenstücke mit, aus denen evident her- 
vorgeht, das« dieses wirklich geschehen sey. Die auf solche Weise 
erhaltenen Copieen wurden dann mit den russischen Normalgrös- 
sen genau verglichen, und auf diese Weise sind demnach auch 
hierüber weit richtigere Bestimmungen zur Kenntniss des Publi- 
cums gebracht, als dieses bisher durch metrologische Werke ge- 
schehen konnte. Um aber zu übersehen, auf welche Länder sich 
diese Vergleiohung erstreckt, theilen wir die Liste derselben mit. 
Es sind rerglichen die Längenmaasse , Gewichte und Hohlmaasse 
von Oesterreich, Preussen, dem Königreich beider Sicilien, Gross- 
herzogthum Toscana, Baiern, Grossbritannien, Frankreich, Sachsen, 
Schweden, Rom, dem lombardisch-venetianischen Königreiche, den 
Niederlanden, Sardinien , Bremen, Lübeok, Polen, Hessen-Cassel, 
Würtemberg, Lievland, Curland, Esthland, Finnland, der Türkei, 
China und den Jonisoben Inseln. Hierzu kommen noch das Hao- 



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202 RustUcItc.» Maas« und Gewicht. 

delsgewicbt von Aegypten, Mailand, Neapel, Pienont upd Ragusa t 
desgleichen einige Längenroaasse, als der ägyptische Pic, die spa- 
nische Vara, der Moldauscbe Kot und Kbaieb, der wellacbische 
Endaze and Kbaieb, und endlich noch die gesetzlichen Bestimmun- 
gen der Maasse und Gewichte von Bueuos-Aires und Lissabon, 
und die in den neuerdings erhaltenen persischen Provinzen noch 
üblichen. Die wichtigsten der hier aufgezahlten sind uiebt bloss 
mit den russischen, sondern auch mit den französischen und eng- 
lischen verglichen, und nebst ihren Unterabtheilungen zur leichte- 
ren Uebersicht in Tabellen zusammengestellt. 

Die Hauptaufgabe, n&mlich die Regulirung und definitive Fest- 
stellung des russischen Maass- und Gewichts-Systems, geht von 
einem Vkns aus, welchen der Kaiser Nico laus unterm 11. Okt. 
1835 au den dirigirenden Senat zur Publicirung im ganzen Lande 
erliess. Hiernach sollen die gebräuchlichen, hereits durch Pe- 
ter den Grossen festgesetzten Namen und Grössen beibehal- 
ten, jedoch den Bestimmungen gemäss durch die ernannte Com- 
mission in absolut genauen Mustern hergestellt, diese Muster aber 
sicher aufbewahrt und zugleich solche Biarichtungea getroffen 
werden, dass für immerwährende Zeiten diese Normalgrössen zur 
Controle dienen, und von ihnen hinlänglich genaue Copieen ge- 
nommen werden können, um diese dahin zu senden, wo es nötbig 
ist. Die Beibehaltung des bereits bestehenden und durch lange 
Gewohnheit bekannten Systems war ans bereits erwähnten Grün- 
den offenbar am zweckmässigsten , denn bei allen Gegenständen, 
die so allgemein in die comnjeroiellen Verhältnisse einer ganzen 
Nation, ja wohl gar vieler Nationen eingreifen, darf die Bequem- 
lichkeit für die Gelehrten kein entscheidendes Motiv abgeben, da 
diese sich mit den Reductionen schon zu helfen wissen. 

In Gemässheit des genannten Ukases ist die Normalgrösse des 
russischen Maosss>stems die Sascbene von 7 englische Fuss, 
, welche in drei Arschinen, jede zu 28 engl. Zoll, die Arschine 
aber in 16 Wersohok getneilt wird. Man rechnet ausserdem, 
namentlich bei wissenschaftlichen Bestimmungen, zur grossen Be- 
quemlichkeit für die Ausländer, nach Fussen, die dem englische« 
gleich sind, und wie diese in 12 Zoll, der Zoll in 10 Linien ge- 
theilt werden. Zur Einheit des Gewichts dient das englische Pfund, 
wie sich dasselbe bereits in einem sehr schönen Muster iu der 
Münz© befindet. Der Bestimmung nach soll dasselbe dem Gewichte 
von 25,019 Kubikzell reinem Wasser bei 13^ Grad R. im leeren 
Baume gewogen gleich seyn. Der Berichterstatter macht auf den 



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Rassische* Mna«e und Gewicht 203 

Umstand aufmerksam , dass die Temperatur liebt auf 0« C. , wie 
dieses meistens zu geschehen pflegt, festgesetzt ist, und die Nor- 
malgrösse des Gewiohts durch einen Bruch ausgedrückt wird. Was 
die Bestimmung der Temperatur betrifft, so ist diese deswegen ge- 
wählt, weil auch die englischen Maassbesthnmungen auf 62° F. 
= 33°,33.. . Et. festgesetzt sind, im Allgemeinen aber bleibt es 
immerhin fraglieh, ob niobt diese mittlere Temperator praktisch 
einen Vorzug habe, da doch der am meisten übliche Nullpunkt 
der Thermometer kein absoluter, die Abwesenheit aller Wärme be- 
zeichnender, ist. Dazu kommt der Umstand, dass das Wasser, 
welches hierbei nls Norm dient, seine Dichtigkeit mit der Tempe- 
ratur ändert, vor dem Gefrieren aber sich wieder ausdehnt, und 
sehr nahe bei 4°C. am diebtesten ist. Hieraus folgt dann, dass 
das Pfund dem Gewichte von 85 Kubikzoll Wasser in seiner 
grössten Dichtigkeit mindestens naber kommen würde, wodurch 
man also eine runde Summe erhielte. Nimmt man die Sache in 
grösster Scharfe, so ist die Ausdehnung des Wassers durch Wär- 
me mittelst zahlreicher Bemühungen der verschiedensten Gelehrten 
wohl so genau aufgefunden, als dieses überhaupt möglich scheint, 
und nach den hierdurch erhaltenen Grössen würde das Gewicht 
des russischen Pfundes dem Gewichte von 26,008 Kubikzoll reinen 
Wassers gleich kommen (vergl. Neues Wörterbuch Bd. X. S. 913), 
wonach also der Unterschied so unbedeutend ist, dass er für die 
Praxi« verschwindet, und durob die allerfeinsten Messungen kaum 
aufgefunden werden kann. Das Pfund, welches 409,5174 Gram- 
men gleieht, wird dann wieder in 96 Solotniks, daa Soiotnik in 
96 Doli getbeilt, und ist zugleich Münzgewicbt; für daa Medi- 
eioaigewicht dagegen hat man das Nürnberger beibehalten, und in 
runder Zahl auf | des Handelsgerichts oder 8064 Doli festge- 
setzt; 40 Pfund machen ferner ein Pud und 10 Pud 1 Berko- 
witz. Daa Normal maass für Flüssigkeiten ist daa Vedro, wel- 
ches 30 Pfund Wasser bei 13£ Grad B. im luftleeren Baume ge- 
wogen enthalten soll, wonach man also für den gewöhnlichen Ge- 
brnueh einen Inhalt von 750 Kubikzoll annehmen kann. Der ge- 
taetzliohen Bestimmung naoh soll es in 10 Kruscbka's getheilt 
werden, man duldet aber im Verkehr eine Abtheilung in 8Chtof's, 
die noch gebräuchlicher iat, als die legale; 40 Vedro's machen 
eine Tonne. Für trockene Substanzen dient das Tscbetverik, 
deaaen Inhalt 64 Pfund reines Wasser bei der angegebenen Nor- 
maltemperatur, oder in genähertem Werthe 1600 Kubikzoll entfiel- 
en soll, und in 8Gnrnitzi getbeilt wird. Acht Tschctvcrik 



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204 Rassische* Mjsis und Gewicht 

geben das sehr gebräuchliche Tschetvert, welchen vorzüglich 
beim Messen des Kornes dient. Endlich besteht die Werst aus 
600 Saschenen (3600 englische Fuss), and ist also unter den be- 
kannten Meilen, mit Ausnahme der chinesischen Li die kleinste; 
«um Feldmaass aber dient die Des sät ine von 2400 Quadrat- 
Saschenen« 

Wo nicht die erat«, doch die am meisten Aufsehen erregende 
Maassregulirung war die bereits erwähnte französische, indem eine 
grosse, für diesen Zweck ernannte Commission alle durch wis- 
senschaftliches Studium aufgefundene Mittel aufwandte, um die 
Normalmaasse in höchster Scharfe darzustellen. Dort bediente man 
sich des zuerst des für diesen Zweck eigends oonstruiten Compa- 
parateur's, und bei allen nachfolgenden ähnlichen Operationen be- 
folgte man mehr oder minder genau die dort angegebene Methode. 
Für denjenigen, welcher diese genauer kennt, ist es sehr interes- 
sant, sie mit der in Petersburg befolgten zu vergleichen, von wel- 
cher zwar nicht gleich viel Lärm grmacht ist, die aber jener nicht 
nur nicht nachsteht, sondern sie hinsichtlich der Feinheit der Mes- 
sung und der Solidität der gebrauchten Apparate unleugbar Über- 
trifft. Hierüber ins Binzeine einzugeben, verstattet der Raum un- 
serer Zeitschrift nicht, und selbst dann würde das Mitgetbeilte 
für denjenigen nicht genügen, welcher sich einer ähnlichen Arbeit 
unterziehen will, und deswegen nicht wohl umhin kann, das Werk 
selbst ganz eigentlich zu studiren, was ohnehin auch allen denen 
grosses Vergnügen machen wird, welche lernen wollen, wie man 
den jetzigen Anforderungen der Wissenschaft gemäss genau ex- 
perimentirt. Auf den Tafeln sind die sämmtlicben gebrauchten 
Apparate in grossem Massstabe genau abgebildet, die XIII. Tafel 
des 9. Bandes zeigt aber den Grundriss und die drei Facaden des 
Gebäudes,' welches zu Petersburg eigends dazn gebauet ist, um 
die Comparateure mit Zubehör, die drei Waagen und die Normal-' 
muster der Maasse und Gewichte darin aufzubewahren, nebst ei- 
ner Vorrichtung, um diese mit Bequemlichkeit genau zu copiren. 
Schliesslich fühlt Ref. sich noch verpflichtet, die Anerkennung der 
Verdienste öffentlich auszusprehen, welche der Berichterstatter, 
Akademiker Kupffer, um die Vollendung einer so grossartigen 
Aufgabe sich erworben hat, da es wabrlioh kein geringes Unter- 
nehmen ist, die zahllosen erforderlichen Messungen und die müh- 
samen Berechnungen zu vollenden, die hierin erforderlich waren. 



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1 

Bailj: Versuche mit der Dreh wag«. 



Das «weite anzuzeigende Werk, Baily'a Veranebe znr Be- 
stimmung der mittleren Dichtigkeit der Erde enthaltend, verdankt 
seine Entstehung gleichfalls der Aufforderung einer gelehrten Ge- 
sellschaft, und zwar der Londoner königlieben astronomischen So- 
cietät. Wenn gleich das darin behandelte Problem kein solches 
praktisches 'Interesse hat, wie das vorher beleuchtete, so steht sein 
wissenschaftliches dagegen um so höher, denn es bietet das ein- 
zige Mittel dar, in Gem&ssfaoit des Newton'sefaen Attractionsgo- 
setzes die mittlere Diohtigkeit aller Körper unseres ganzen Son- 
nensystems zu bestimmen , und beurkundet somit die unglaubliche 
Kraft des menschlichen Geistes, welcher mittelst verhältnissmässig 
sehl 1 winziger Apparate die im unermesslichen Weltenraume sich 
bewegenden Massen näher kennen zu lernen vermag. Man be- 
greift hieraus leicht die Aufmerksamkeit, welche seit geraumer 
Zeit dieser Aufgabe von den Gelehrten zugewendet wurde 

Vorzugsweise waren die Bemühungen der Engländer von je- 
her auf die Lösung dieses Problems gerichtet. In Gemissheitdes 
von dem unsterblichen Newton aufgefundenen Anziehungsge- 
setzes folgerte dieser achte Naturpbilosoph, dass so wie die Erde 
im Ganzen alle Körper anzieht, auch ein einzelner Theil dersel- 
ben, z. B. ein Berg, eine ähnliche Wirkung zeigen müsse, vor- 
ausgesetzt, dass diese, die sich zur Schwere im Ganzen nur wie 
die Grösse der Bergmasse zu der der ganzen Erde verhalten kann 
überhaupt noch messbar sey. Die Saohe stand im Widerspruch 
mit den Hypothesen des berühmten Cartesius, allein so gern 
auch die Franzosen den Triumph ihres Philosophen über den der 
Britteo gefeiert hätten, so waren die waekeren Gelehrten, welche 
seit dem Jahre 1736 die grosse peruanische Gradmessung voll- 
führten, doch aufrichtig genug, nicht blos die Richtigkeit der New- 
tonschen Theorie anzuerkennen, sondern auch zu gestehen dass 
sie einen Einfluss der Cordilleren auf das Bleiloth wahrgenommen 
hätten. Inzwischen leuchten die grossen Schwierigkeiten die ei- 



hätten. Inzwischen leuchten die grossen ... fe ^,,. CH UJt . ei 
ner wirklichen, und obendrein einer genauen Messung dieser Art 
entgegenstehen, von selbst ein, und daher legte erst im Jahre 177f 
der berühmte Astronom Maskelyne der königl. Sooietät einen 
Plan vor, eine solche am Berge Sheballien wirklich auszuführen; 
der Plan wurde genehmigt, die grossen Kosten zur Ausführung 
desselben bewilligt, und Hutton unterzog sich der Mühe, ans den 
erhaltenen Resultaten die mittlere Dichtigkeit der Erde au berech- 
nen. Wissenschaftliche Studien gewähren, ausser der Erweiterung 
der Kenntnisse, sehr häufig noch ein rein menschliches Interesse 



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f • 



•im Baily: Versuche mit der Brehwage. 

und so bat es auch auf Ref. eine» tiefen Eindruck gemacht, das» 
der ehrwürdige Hntton ans Verliebe fftr eine Arbeit, die ihm so 
viele Zeit und Mühe gekostet hatte, in seinem 84, Lebensjahre 
noch den Wonach aussprach, selbst nach Aegypten zo reisen, um 
die Anziehung der dortigen Pyramiden gegen das Bleiloto zu er- 
mitteln. Leicht verzeibliob ist es daher wohl, wenn der wackere 
Gelehrte seine Arbeit hooh schätzte, nnd die ähnliebe eines ge- 
wiegten Nebenbuhler« dagegen in Schatte« au stellen suchte; in- 
zwischen gewährt die grundliche Kritik, womit Baily die von 
Hutten seinem Gegner gemachten Vorwürfe beleuchtet (aWI.), 
ein hofies wissenschaftlichen Interesse, mnn lernt daraus die ganze 
Aufgabe näher kennen, und gelangt zu der Ueberzeugung , dsss 
jene Verwürfe keineswegs genügend begründet sind. 

Allerdings scheint es am nächsten bei der Sache zw liegen, 
und' als einfachstes Mittel sich darzubieten, die Dichtigkeit der 
ganzen Erde durch die eines Theils derselben, eines grossen Ber- 
ges, zn bestimmen, allein sobald man die Sache näher betrachtet, 
stesst mnn auf eine durchaus unüberwindliche Schwierigkeit, näm- 
lich die hierfür unerlässliobe absolut genaue Ermittelung des spe- 
ci fischen Gewichtes der Massen, aus denen der Berg besteht, und 
der Verkeilung derselben. Aus dieser Ursache ist denn auch die 
durch Button gefundene mittlere Dichtigkeit der Erde keineswegs 
so genau, als mit Recht zu verlangen wäre, ohngeaehtet Mas- 
kelyne's Messungen nichts zu wünschen übrig lassen und die 
durch Play fair und Lord Webb Seymonr aufgefundene mitt- 
lere Dichtigkeit des Shehallien einen Grad von Genauigkeit errei- 
chen, wie man ihn bei einer so höchst schwierigen Aufgabe er- 
warten darf. Ebendaher haben nur wenige Gelehrte seit jener 
Zeit die vorgeschlagene Methode in Anwendung gebracht, die 
obendrein durch ihre Grösse und Kostbarkeit der Ausfuhrung leicht 
abschreckt, und die wenigen, die überhaupt darauf einzugehen im 
Stande waren, haben nur geringe Beiträge zu dem Vorhandenen 
geliefert. 

Während die genannten Versuche angestellt nnd berechnet 
wurden, kam ein anderer Engländer, Micbell, auf qHe Idee, die 
Anziehung an sich grosser, im Verhältnis» nu einem ganzen Berge 
aber kleiner Bleimassen gegen höchst bewegliche Körper durch 
Versuche ans zu mittein. Zur Erreichung der möglichst feinen Em- 
pfindlichkeit wählte er einen sehr leichten, in seinem Schwerpunkte 
aufgehangenen Waagebalken , bei welohem indes« bloss die leicht 
bis zum Verschwinden zu vermindernde Torsion des tragenden 



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Baily; Versuche mit der Drehwaage. ZU? 

Fadens überwunden werden sollte, und wurde hierdurch der Erfin- 
der der Drehwaage, welche später In den Händen des sinnreichen 
Coulomb viele herrliche Resultate geliefert hat. Der Tod bin- 
derte ibn an der wirklichen Anstellung der Versuche, inzwischen 
wurde sein Plan durch den berühmten Cavendish vor dem Jahre 
1798 in Ausführung gebracbt. Dieser in seinen späteren Jahren 
Übermässig begüterte Physiker bednrfte hierzu keiner Unterstützung, 
da er, an wenige Bedürfnisse gewöhnt, der Wissenschaft ohnehin 
sehr grosse Summen opferte. Die von ihm erhaltenen Resultate 
haben gerechte Ansprache auf Vertrauen, denn obgleich die an- 
ziehenden Massen verhältnissmässig nur klein sind, so ist dagegen 
ihre Masse und Dichtigkeit, wie nicht minder die Entfernung des 
anziehenden Punctes mit grösster Schärfe bestimmbar, und die Fein- 
heit des zum Messen dienenden Waagebalkens übertrifft noch die 
des Bleilothes. Aus 17 Versuchen folgerte Cavendish die mitt- 
lere Dichtigkeit der Erde =5,46; allein Baily (8.90) zeigt durch 
lichtvolle Zusammenstellung des Ganzen, dass die Summe der Ver- 
suche 29 beträgt, welche nach Beseitigung eines leicht zu ent- 
deckenden Druckfehlers die Dichtigkeit der Erde im Minimum 5,07, 
im Maximum 5,88, im Mittel 5,45 geben, was übrigens bereits frü- 
her bekannt war, (Vergl. Neues Wörterb. Bd. III. S. 9«4). Die 
grossen Schwierigkelten solcher Versuche gehörig würdigend, äus- 
serte Cavendish den Wunsch, sie nochmals mit wo möglich 
noch grösserer Aufmerksamkeit zu wiederholen; allein da sich un- 
ter seinem Nachlass nichts darauf Bezügliches findet, so blieb das 
Problem bei der bedeutenden Abweichung der beiden auf verschie- 
denem Wege gefundenen Resultate immer noch zweifelhaft, und 
nach wiederholten Anregungen erhielt die König], astronomische 
&ocietät auf den Antrag Airy's vom Gouvernement die Bewilli- 
gung eines ausserordentlichen Fonds von 500 Lstl. zur Bestreitung 
der Kosten, übertrug ihrem Mitgliede Baily die Anstellung neuer 
Versuche, und seinen grossen und anhaltenden Bemühungen ver- 
danken wir die hier vorliegenden wichtigen Resultate. Die König!, 
astronomische Sooietät hielt für angemessen, von dieser zu ihren 
Memoiren gehörigen Abhandlung besondere Abdrücke machen zu 
lassen, und ihrer zuvorkommenden Güte verdankt auch Ref., ge- 
wiss nebst vielen andern Gelehrten, das Glück, durch dieses be- 
deutende Werk seine Kenntniss eines für Physik und Astronomie 
höchst wichtigen. Problem^ erweitern zu können. 

Während dieses in England geschah, gerade im Jahre 1835, 
als die dortige Societat ein eigenes Comite für dieses Problem er- 



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208 . Baily: Versuche mit d«r Drebwaagc 

nannte, unternahm ein rühmlichst bekannter teutacher Gelehrter* 
Reich in Freiberg, aas eigenem Antriebe and ohne öffentliche 
Unterstützung die Iiisang desselben, and beendigte nach Herstel- 
lung der erforderlichen Apparate im Jahre 1837 seine Versuche. 
Die hierüber erschienene gehaltreiche Abhandlung bat Ref. seiner 
Zeit in dieser Zeilschrift (1838. Hft. 1. S> 66.) angezeigt; Baily 
kannte sie auch, nennt sie zwar a Small octavo, oontaining 
only 66 pages, ist aber dennoch weit entfernt, ihren hohen Werth 
zu verkennen, indem er den Versuchen alle Gerechtigkeit wieder- 
fahren l&sst, und nur bedauert, dass deren Zahl so gering sey, 
indem nicht mehr als 67 zu 14 Resultaten vereinigt wurden, und 
dass die gebrauchten anziehenden Bleimassen nur 99 Pfund wogen, 
statt dass Cavendish 700 Pfand schwere in Anwendung ge- 
bracht hatte. Baily spricht sein Unheil über die werthvollen Be- 
mühungen unsers Landsmannes, deren grosse Schwierigkeiten Nie- 
mand besser, als er selbst aus eigener Erfahrung zu würdigen 
vermochte, in folgenden Worten aus (8. 97): „The whole of \ 
„tbese experiments appear to have been made with great care and 
„attention, and thc motion of the torsion rod appears also to have 
„been very regulär and uniform: consequently there is no great 
discrepancy in the results ja er erlaubt sich nicht einmal, 

die durch Reich gefundenen Resultate seinen eigenen wesentlich 
nachzusetzen. In der That dürfte es schwer seyn, bei einer Ver- 
gleichung beider Versuchsreihen zu entscheiden, welcher von ihnen 
ein grösseres Gewicht bezulegen sey. Allerdings waren die durch 
Reich angewandten Bleimassen kleiner, allein sie genügten bei 
der Feinheit des Apparates, und die geringere ZshI der Versuche 
wird durch die unerwartet genaue Uebereinstimmnng der erhalte- 
nen Resultate hinlänglich aufgewogen, indem er wahrscheinliche 
Fehler nur 0,0933 beträgt; die angewandte Methode der Berech- 
nung hat Baily genau geprüft, und nichts dagegen einzuwenden 
gefunden, auf den Unterschied aber, dass die anziehenden Massen 
in den Versuchen von Cavendish und Reich aufgehangen, in 
denen von Baily aber auf einem Gestelle rubend waren, legt letz- 
terer selbst keinen entscheidenden Werth. 

(Der Schtttss folgt.) 



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Nr. 14. HEIDELBERGER 1344. 




Eine zum Verständnis« genügende Beschreibung der von Baily 
gebrauchten Apparate würde hier zu viel Raum erfordern, und es 
mögen daher nur einzelne Andeutungen genügen. Reich wählte 
zur Sicherung gegen Störungen durch Luftzug und Süssere Er- 
schütterung einen unterirdischen Raum, Baily dagegen sicherte 
ein abgelegenes Zimmer seiner Wohnung gegen den Einfluss des 
Windes und des Wechsels der Temperatur durch hierfür genü- 
gende Mittel, auch zeigen die bei heftigen Winden angestellten 
Versuche keine merkliche Abweichungen von den übrigen. Dass 
die einzelnen Theile des Gesamm'apparates ausnehmend genau ge- 
arbeitet waren, laset sich von der hervorstechenden Fertigkeit der 
englischen Künstler schon in voraus erwarten. Die anziehenden 
Massen, grosse Bleikugeln, waren aus einem enormen Cylinder ge- 
drehet, bei dessen Gusse das Vorbandenseyn von inneren leeren 
Räumen sorgfältig vermieden wurde. Durch das Abdrehen erhiel- 
ten sie eine so vollkommene Kugelgestalt, als sieb erwarten läset, 
und mikroskopische Messungen von 14 verschiedenen Durchmessern 
ergaben im Mittel 12,1066 Zoll; durch hydrostatische Wägungen 
von vier aus dem Cylinder genommenen grossen Stücken ward das 
speeifisebe Gewicht des Metalls =11,36 und durch unmittelbare 
Wägungen in der Münze ihr absolutes Gewicht =380,469 Pfund 
Av. du P. gefunden. Sie ruheten auf den Enden eines horizonta- 
len Balkens, welcher durch Schnure während der Beobachtungen 
leicht um eine verticale Axe so gedrebet weiden konnte, dass sie 
abwechselnd an die eine oder die entgegengesetzte Seite der an- 
gezogenen Kugeln gebracht werden konnten, und somit eine posi- 
tive oder negative Lage gegen diese erhielten. Vorläufige Proben 
zeigten, dass die Verschiedenheit der angezogenen Kugeln keinen 
merklichen Unterschied hervorbrachte, und Baily beschränkte sieb 
daher auf Kugeln von Platin, Blei, Zink, Glas, Elfenbein, grossere 
von Blei und hohle messingne, deren Durchmesser nach der ange~ 
XXXVII. Jahrg. 2. Doppelheft 14 

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Baily : Versuche mit der Drehwaage 



gebenen Reihen folge 1,47»; 2,060; 2,010; 2,01»; 2,012; 2,568; 
£,524 erfgl. Zoll, nie «peerfischen Gewichte über, mit Ausnahme 
der letzten, »1,042; 11,186; 7,060; 3,253; 1,813; 11,338 betra- 
gen. Bierbei kann Ref. die Bemerkung nicht unterdrücken, wie 
■ehr ihm die Ungleichheit des speeifischen Gewichts des Bier« auf- 
gefallen sey. Die grossen Massen sowohl, als auch die vier klei- 
nen Kugeln waren insgesammt aus dem erw&hnten colossalen, fünf 
Fuss langen Cy linder verfertigt, wenigstens muss man dieses vor- 
aussetzen, und das Gegentheil ist nirgend angedeutet. Wie ver- 
trägt sieb aber hiermit der Unterschied des speeifischen Gewichts 
der Massen 3=11,35 und das der zweizeiligen Kugein =11,186? 
Eine Angabe der Temperatur, für welche die Grössen bestimmt 
sind, findet sieb nicht, vermutlich aber ist hierfür die in England 
Abliebe von 62° F. gewählt, und es lässt sich nicht wobl anneh- 
men, dass die Wägungen bei so ungleichen Temperaturen ohne 
Redaction vorgenommen seyn sollten, um hieraus die bedeutenden 
Unterschiede zu erklären. Die Kugeln wurden jederzeit an die 
Enden des Torsionsbalkens geschroben, bei der Bestimmung ihres 
Gewichts aber nahm man darauf bedacht, die SchraubenöfTnungeo 
gehörig auszufüllen. 

Hiernach waren also die von den drei berührten Experimen- 
tatoren gebrauchten Apparate im Wesentlichen einander gleich, ob- 
wohl der neueste sich durch grössere Dimensionen und anschei- 
nend durch schönere Bearbeitung auszeichnete. Ein nicht bedeu- 
tender Unterschied liegt darin, dass Reiob nur eine einzige anzie- 
hende Masse in Anwendung brachte, statt dass die beiden andern 
sich zweier bedienten, deren Anziehung also die doppelte war, weil 
sie auf den entgegengesetzten Seiten der angezogenen Kugeln be- 
findlich nach gleicher Richtung wirkten; Cavendish konnte sich 
des zn so grossem Vortbeil durch Poggendorff und Gauss io 
die physikalischen Apparate eingeführten reflectirenden Spiegels' noch 
nicht bedienen, endlich aber brachte Baily die neueste, durch 
Gauss sinnreich aufgefundene bifilare Aufhängung des Waage- 
balkens neben der einfachen in Anwendung. Im Ganzen war also 
der jüngste Apparat wohl der vollkommenste, und die Zahl^der 
damit angestellten Versuche übertrifft die Gesammtsumme der 'durch 
die beiden andern gelieferten um ein Vielfaches, denn ausser einer 
zuerst erhaltenen, nachher verworfenen Reihe sind deren nicht we- 
niger als 2153, jeder aus 4 Beobachtungen bestehend, in den an- 
gehängten Tabellen genau aufgezeichnet, und nach der von Airy 
für diesen Zweck aufgestellten Formel berechnet. Die Abw/elohun- 



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Baily : Versuche mit der Drehwaage. 21 1 

• 

gen der einzelnen Resultate zeigen allerdings grössere Unterschiede, 
als wir deren bei Reich finden, allein die mittleren zeigen dagegen 
eine merkwürdige Uebereinstimmnng. Aus allen Versuchen ergibt 
sich die mittlere Dichtigkeit der Erde =5,6747 mit einem wahr- 
scheinlichen Fehler von 0,0038; mit Weglassung der »weiten Reibe, 
wobei zweizeilige Bleikugeln und bifilare Aufhängung an Sei**- 
faden angewandt wurden =5,6754; mit Weglassung der drei Rei- 
ben, wobei ein messingener Waagebalken diente, =5,6666 und der 
zwei Reiben mit den elfenbeinernen Kugeln = 5,6683 ; läset man 
aber alle diese genannten Reiben weg, =5,6604, welches vom ge- 
sternten Mittel gleichfalls nicht bedeutend abweicht. Werden die 
von drei verschiedenen Experimentatoren mit einem grossen Auf- 
wände von Zeit, Mühe und Kosten gefundenen Resultate mit einan- 
der verglichen, so fand Cavendish die mittlere Dichtigkeit der 
fCrde =6.48; Reich =5,44 und Baily =5,67, mit einem an 
sioh zwar nicht bedeutenden Unterschiede von +0,14 und —0,09, 
wenn man den grössten und kleinsten gefundenen W r erth vom Mit- 
tel aus allen dreien abzieht, dennoch aber beträgt die Ungewissheit 
bei einer Vergleichung dieser Unterschiede mit dem Mittelwertbe 
immer noch oder r"js*i» WÄ8 De * e ' nem *<> höchst wichtigen 
Probleme, worauf bereits so unsägliche Mühe verwandt ist, noch 
immer als bedeutend erscheinen muss. Die sehr genaue Ueberein- 
atimmung der durch Cavendish und Reich gefundenen Werthe 
verdient zwar allerdings Beachtung, dürfte aber dennoch wohl nicht 
«ls entscheidend gelten , da die überlegene Zahl der mit einigen 
Modifikationen angestellten Versuche von Baily entgegensteht; 
nochmals eine Versuchsreihe mit einem neuen Apparate anzustellen, 
dürfte wohl kein geeignetes Mittel seyn , zu einem noch mehr ge- 
in&herten Resultate zu gelangen, denn die vorliegenden sind bis 
auf einen seltenen Grad erschöpfend , mehr dagegen liesse sich 
wühl davon erwarten, wenn ein mit dem ganzen Probleme h inlang - 
liob vertrauter Gelehrter, wozu wohl niemand geeigneter wäre, als 
n"er wackere Reich, sich der grossen Mühe unterziehen wollte, 
«die sämmüicbeu vorliegenden Versuche einer nochmaligen Revision 
xu unterwerfen, um zu ermitteln, aus welchen Ursachen wohl die 
«Unterschiede entsprossen seyn könnten, und ob nicht auf irgend 
4ine Weise die drei Resultate einander mehr genähert werden kön- 
Baily scbliesst aus einzelnen sehr bedeutenden Abweicbun- 
übereinstimmend mit Cavendish, dass noch unbekannte stö- 
rende Einflüsse vorhanden seyn müssen. Vorzugsweise richtete er 
sein« Aufmerksamkeit auf die Wärmestrahlung, worauf ihn iosbe- 




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212 , t. Fuss: Briefwechsel. 

sondere Forbes aufmerksam gemacht hatte, und die er daher sorg- 
fältigst zu beseitigen sachte; allein Ref. Aennt keine Thatsachen, 
wodurch eine anziehende oder abstossende Wirkung der strahlenden 
Warme an sich nnd abgesehen von erzeugter Luftströmung be- 
gründet wäre. Mehr dagegen dürfte es geeignet seyn, einen mög- 
lichen Eihfluss elektrischer Anziehung nicht sogleich in Voraus zu 
verwerfen, denn Ref. erinnert sich noch lebhaft an die überraschen- 
den rätselhaften Erscheinungen, die ihm früher ein höchst feiner 
Coulomb scher Waagebalken zeigte. Andere Gelehrte wollen hie- 
rin zwar durch Luftströmungen erzeugte Bewegungen finden, allein 
anderer Gründe nicht zu gedenken, zeigten sich anfänglich überall 
keine Bewegungen, vielmehr ein Stillstehen des Waagebalkens, aber 
allezeit in einer bestimmten Richtung, deren Ursache sich nirgend 
zeigen wollte, und eben so lässt auch Baily nicht unbemerkt, dass 
sein Waagebalken verschiedenemale nach einiger Zeit nicht auf 
den Nullpunkt der Skale zeigte, worauf er ihn gerichtet hatte, son- 
dern nach der einen oder anderen Seite davon abwich. Ob aber 
selbst unter Voraussetzung vorhandener Thcrmoelektricitat ein Rin- 
fluss derselben auf die Oscillationen der bei diesen Versuchen ge- , 
brauchten Waagebalken merkbar werden könne, ist auf allen Fall 
sehr zweifelhaft. 



Das dritte der hier ungleich anzuzeigenden wichtigen Werke, 
der Briefwechsel verschiedener berühmter Mathematiker des 18. 
Jahrhunderts, verdankt seine Entstehung gleichfalls der K. R. Aca- 
demie der Wissenschaften zu Petersburg und dem günstigen Um- 
stände, dass der durch seine literarische Wirksamkeit allgemein 
hochgeachtete Secretär derselben schon von seiner frühesten Jagend 
her in die nähere Bekanntschaft mit einigen derselben gezogen war. 
Als nämlich L. Euler im Jahre 1772 ausnehmend an Augen- 
schwäche litt, waudte er sich an Dan. Bernoulli, damals Pro- 
fessor zu Basel, mit der Bitte um einen geeigneten jungen Mann 
zur Hülfe, und erhielt diese in dem später berühmt gewordenen 
Nicolaus Fuss, dem Vater des Herausgebers der vorliegenden 
Briefe. Dieser erzählte mit wahrhaft rührender Pietät gegen sei- 
neu grossen Lehrer viele Einzelnheiten aus dessen Leben seinem 
Sohne, und erregte dadurch dessen Aufmerksamkeit auf diesem und 
diejenigen Männer, mit denen derselbe in näherer Verbindung ge- 
standen hatte, und hierin liegt wohl ohne Zweifel eine Hauptur- 



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v. Fuss: Briefwechsel. 213 

suche, welche die Heraasgabe der vorliegenden Briefe veranlasste. * 
Die Biograpbieen des berühmten Geometers sind zwar genügend 
bekannt, inzwischen tbeilt onser Verf. hier (S. IX L — L.) noch ei- 
nige sehr interessante Einzelnheiten mit, die das Ganze zu vervoll- 
ständigen dienen. 80 wird hier bestätigt und erklärt, was in der 
That an das Unbegreifliche grenzt, dass der fast erblindete Greis 
vom Jahre 1773—1789 nicht weniger als 3Ö5 Abbandlangen, also 
fast die Hälfte aller seiner 756 literarischen Producte, zu liefern 
vermochte. Die meisten derselben, wo nicht alle, worden nämlich 
von ibm bloss entworfen, die Aasführung des Calcüls and die Re- 
daotion besorgten aber seine Schüler, hauptsächlich Nie. Fuss 
und Golovine, wobei man zugleich eine so seltene Hingebung 
für einen hochgeachteten Lehrer wahrhaft bewundern muss. Eu- 
ler hatte in der Mitte seines Zimmers einen grossen Tisch mit ei- 
ner Schieferplatte , worauf er mit Kreide in wenigen Zügen den 
Entwurf seiner Abhandlungen machte. An jedem Morgen kam 
Fuss zu ihm, las ihm ausser den Zeitungen die angekommenen 
Briefe seiner ausgebreiteten Correspondenz und die neuesten litera- 
rischen Erzeugnisse vor, besprach die neu ausgedachten Probleme 
und trug den Entwurf derselben in ein grosses Buch ein, arbeitete 
diesen aus, und dann wurde die mehrmals besprochene, nachher 
rein geschriebene Abhandlung der Aeademie übergeben. Täglich 
machte sich Euler etlichemale regelmässig einige Bewegung in 
seinem Zimmer, wobei er mit der Haod über die Einfassang des 
genannten Tisches hinfahr, die dadurch eine auffallende Politur 
erhalten bat. 

Ehemals waren, wie unser Verf. mit Recht bemerkt, die Brief- 
wechsel der Gelehrten zur Mittbeilnng ihrer neuesten Geistespro- 
duete häufiger als in unseren Zeiten, wo eine reiche Journalistik 
zur Bekanntmachung jeder neuen Entdeckung die bequemsten Hülfs- 
miftel darbietet. Unter die wichtigeren x Sammlungen dieser Art 
gehört wohl ohne Zweifel das Commercium philosophicum et ma- 
thematicum, welches den Briefwechsel zwischen Leibnitz und 
Job. Bernoulli in den Jahren 1694 — 1716 in zwei Quartbänden 
(Laus, und Genf 1746) enthält, eine reichhaltige Quelle für die 
Geschichte der Mathematik in dieser Periode abgibt, und worao 
sich die vorliegende Sammlung ziemlich genau anschließt Aller- 
dings iat die jetzt übliche Metbode in sofern die bessere, als allen 
Neue weit allgemeiner durch die Zeitschriften verbreitet wird, die 
früher gebräuchlichen Briefwechsel aber zeigen die Gelehrten mehr 
in ihrer Eigentümlichkeit, und deuten zugleich den Gang an, 



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214 v. Fuss: Briefwechsel. 

wie die neuen Entdeckungen aas ihren anfänglichen Elementen all- 
mälig bis zur Vollendung gelangten. Bekanntmachungen von Brie- 
fen streng wissenschaftlichen oder geschichtlich interessanten In- 
halts , im Gegensätze der unbefugten* Veröffentlichung solcher, die 
nur im Vertrauen auf die Verschwiegenheit der Empfinger ge- 
schrieben wurden, weil der Inhalt entweder die Schreiber oder an- 
dere Personen compromittirt , sind daher allezeit von hohem Inter- 
esse, und das Publicum wird es unserm Verf. gewiss sehr danken, 
das» er diese wichtigen Schatze der Vergessenheit entzogen hat. 

Um, den Inhalt der vorliegenden Sammlung etwas naher zu 
bezeichnen, möge hier erwähnt werden, dass P. H. v. Fuss so- 
gleich nach seiner Anstellung als beständiger Secretair der Peters- 
burger Academie die vorhandenen Archive untersuchte, worin er 
10 Packete Briefe ans der Korrespondenz L. Eni er 's fand, unter 
denen neben einer Menge unwichtiger sich namentlich 10 Briefe 
vom älteren Jon. Bernoulli, 6*3 von Daniel Bernoulli, dem 
Begründer der Hydrodynamik, und 4 von Nicolaus Bernoulli, 
dem Verfasser der Wahrscheinlichkeitsrechnung befanden Einige 
Lücken zu ersetzen, dienten verschiedene Copieen nicht vorhande- 
ner Briefe, die sein Vater Nicolaus Fuss gemacht hatte, einen 
Haupttheil der ganzen Correspondenz bilden aber die Briefe von 
Euler und einigen andern tielehrten an Goldbaoh, einen wegen 
der unglaubliohen Vielseitigkeit seiner Kenntnisse und seiner eifri- 
gen wissenschaftlichen Bestrebungen damals mit Recht hochge- 
schätzten Gelehrten, die sich in den Archiven zu Moskau befanden, 
und durch die zuvorkommende Güte des Prinzen Obolensky zur 
Disposition unsere Verfassers gestellt wurden. Ueber alles diesen 
gibt die Vorrede nähere Auskunft, worin man ausserdem interes- 
sante biographische Notizen über die Verfasser der gesammelten 
Briefe findet. Der Herausgeber entschuldigt sich, dass er die Briefe 
in der Originalsprache, worin sie gesohrieben sind, mitgetheilt und 
nicht übersetzt habe; allein da mit Ausnahme von einigen wenigen 
italienischen nur die lateinische, französische und teutsche Sprache 
vorkommt, deren Kenntniss man von Gelehrten billig erwarten muss, 
so bedarf es deswegen keiner Entschuldigung, vielmehr gewährt es 
ein eigentümliches Vergnügen zu gewahren, mit welcher Fertigkeit 
die berühmten Männer der damaligen Zeit sich in allen drei genann 
en Sprachen auszudrücken wussten. Ausserdem enthalten die bei- 
den Bände t noch neben den zum Verständniss nöthigen acht Tafeln 
mit Figuren die woblgelungenen Portraite von L. Euler und Da- 
niel Bernoulli nebst acht Facsimiles der Handschriften, die 



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Fuas: Briefwechsel. 215 

I 

sämintlich sehr deutlich, die lateinische von E ni er und insbeson- 
dere von Gold b ach aber wahrhaft schön sind, während die von 
Jon. Bernouli aus dem Jahre 1741 Spuren einer durch Alter 
und Körperleiden erzeugten Unsicherheit anzeigt. W£s 

Der Raum unserer Zeitschrift gestattet nicht mehr als eine 
nur allgemeine Bezeichnung des Inhalts der werthvollen Brief- 
sammlung. Der erste Band enthält ausser einem Verzeichniss der 
sämmtlichen 750 herausgegebenen Werke und Abhandlungen L. 
Euler's und der noch nicht bekannt gewordenen, deren einige in 
den ßiograpbieen des Verfassers genannte sich nirgend finden, im 
Ganzen 177 Briefe von Euler und Goldbach aus den Jahren 
1729—1763, deren vom Herausgeber kurz gefasster Inhalt sich 
meistens auf mathematische Probleme, vorzugsweise namentlich auf 
die Theorie der Zahlen bezieht. Ausser diesen für die Männer 
vom. Fach, wichtigen Discussionen findet man verschiedene allge- 
mein interessante Bemerkungen und Nachrichten, die eine nähere 
Einsicht in die äusseren und wissenschaftlichen Verhältnisse der 
damaligen Zeit gewahren. Unter andern ersiebt man aus dem 
137. Briefe von Euler, dass derselbe ein geübter Schachspieler 
war, denn er beabsichtigte mit dem berühmten philidor zuspie- 
len, als dieser sich 1751 in Berlin und Potsdam aufhielt, aber 
wegen der Händel, 1 in die er seiner Maitresse wegen mit dortigen 
Officieren verwickelt wurde, diese Stadt schleunig verlassen musste. 
Von einer weiten Verbreitung der Cartcsiscben Philosophie zeigen 
eich verschiedene Spuren, namentlich erwähnen Goldbach und 
Euler wiederholt (Br. 36. Br. 149 und 150) eines Werkes, wel- 
ches der sonst eben nicht bekannte Lunesobloss oder Leune- 
scbloss*) (angeblich 1658) verfasst haben soll, dessen Inhalt 
Beider Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Unter andern befand 
sich darin folgendes Problem : wenn Gott *us einem Gefässe alle 
darin enthaltene Materie wegnähme, und den Eintritt jeder andern 
verhinderte, so würden sich die Wände des Gefässes berühren, 
und überall nicht von einander abstehen. Man ersiebt bald , dass 
dieses sich auf den bekannten Streit über den leeren Raum be- 
zieht. Sinnreicher argumentirte L eunensebloss, die Luft sey 
1380 mal dünner als das Wasser, weil der Halbmesser einer Was- 
serwelle nur etwa 1 Fuss in einer Secunde, einer Luftwelle da- 



*) Der richtige Name ist Lennenschloss. Er war Professor der 
Mathematik an der hiesigen Universität, und seine Paradoxa sind 
auch hiejr im angegebenen Jahre in 4. erschienen. 



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III v Fum: Brief wechnel. 

gegen 1389 Fuss betrage. Im 107. Briefe redet Euler auch über 
Orfyre's Perpetuum Mobile, bält dasselbe aber für eine sehr 
lange gebende Uhr, und erwähnt, dass der Erfinder die Maschine 
zerschlagen, später aber ein unter Wasser bewegliches Schiff con- 
struirt habe. Der 1Ö9. Brief von Euler aus Berlin am «5. Aug. 
1766, worin er zugleich seine Ernennung als Mitglied dor Pari- 
ser Academie meldet, liefert einen Beweis der unglaublichen un- 
eigennützigen Thätigkeit des grossen Mannes, indem er erwähnt, 
dasa ihm das Porto jahrlich wohl 200 Tblr. koste, die er aber 
gern aufwende. Hier findet man auch im 1*1. Briefe aus Berlin 
vom 13. Oct. 1748 Euler's Argumentationen über die mögliche 
Darstellung achromatischer Objectivlinsen, die sich zwar nicht aus 
zwei Glassorten, wohl aber aus Glas uod Wasser oder zwei an- 
dern durchsichtigen Materien von ungleicher Brechungskraft müss- 
ten verfertigen lassen, da ja das Auge gleichfalls achromatisch 
sey. Nur ein Brief von Euler enthält ohne irgend eine wissen- 
schaftliche Andeutung ausschliesslich Nachrichten von seiner Fa- 
milie, und von der Ausplünderung seines Landgutes in Charlotten- 
burg durch die Russen, weil die vom General Tschernitcheff 
gesandte Sauvegarde zu spät kam ; doch rechnete er mit Bestimmt- 
heit auf die ihm versprochene Entschädigung. Wie sehr übrigens 
der grosse Friedrich neben vielen andern Sorgen sich die Be- 
förderung der Wissenschaften, und namentlich das Gedeihen seiner 
Academie, angelegen seyn Hess, ersieht man aus einer gelegent- 
lichen Aensserung Euler's, dass er ihm über alles, dieses Insti- 
tut betreffend, während der Abwesenheit des Präsidenten Bericht 
abstatten müsse; von einer seltenen Humanität desselben, und einer 
in der Mitte des vorigen Jahrhunderts ganz unerhörten Herablas- 
sung eines Monarchen gegen seine Diener zeugt aber ein Billet, 
welches derselbe an Eule r schrieb, als dieser ihm einige Pfirsiche' 
aus dem academischen Garten gesandt hatte, das wir hier der 
Rarität wegen wörtlich mittheilen wollen: „Xai bien recu votre 
„lettre du U de ce mois (Mai 1763) avec les pre*sens qui Tao- 
„compaignoient. Quelque plaisir que la benote et la boote des 
„fruits que Vous M'avez envoyes M'ait cause, Jen ai encore 
„ressanti d'aventage de Tattention que vous avez bien voulu Me 
„temoigner par-la. Je vous en remercie et Je verrai avec satis- 
„faction les occasions pour vous en Barquer Ma reconnoissance. u 
Die Briefe des zweiten Theils enthalten verhältuissmässig nicht 
so viele rein wissenschaftliche Untersuchungen, als die des ersten, 
dagegen aber eine Menge eingestreuter Bemerkungen, die über 



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I 

f 

v. Ffl8§: ßriefwccluel. 217 

den Goog der mathematischen Studien and die Lebensverhältnisse 
der Gelehrten jener Zeit interessante Auskunft geben. Voran ge- 
hen 14 Briefe des alten Job. Bern ou Iii an seinen Schüler L. 
Euler, welcher im ersten vom 9. Jan. 1728 doctissimus at- 
queingeniosissimusvirjuvenis; im letzten vom 24. Mai 
1746 aber m athematioorum princeps genannt wird. Leider 
fehlen hierbei die Antworten oder diejenigen Briefe, welche Ba- 
ier id seinen Lehrer geschrieben hatte. Bs folgen demnächst 27 
Briefe von Nicolaus Bern oul Ii dem Jüngeren und Goldbach 
von 17dl bis 1795, denen sich die 71 Briefe der Correspondenz 
zwischen dem Letzteren und Daniel Bernoulli von 1723 bis 
1730 anschliessen. Hierin findet sich auch die Biographie des 
Nicolaus, verfasst von seinem Bruder Daniel, die von Gold- 
bach in seinem Blogium benutzt ist. Beide Brüder liebten sich 
mit innigster Zärtlichkeit, so dass sie bedeutende Opfer zu brin- 
gen bereit waren , um nur vereint zu bleiben. Den gehalt- 
reichsten Theil bilden die 58 Briefe, welche zwischen Daniel 
Bernoulli und L. Buler von 1726 bis 1755 gewechselt wer- 
den, und worin sich die bedeutendsten Nachrichten über den Gang 
der mathematischen Wissenschaften in dieser Periode befinden. Die . 
meisten Nachrichten dieser Art sind von Bernoulli. So erzählt 
er unter andern, dass der Buchhändler Dulsecker zu Strassburg 
seine Hydrodynamik drucke, und ihm ausser 30 Freiexemplaren 
noch 100 Thaler Honorar gebe, womit er selbst so zufrieden war, 
dass er sofort mit Buler und Andern für die Strassburger Ver- 
leger negotiirte. Bei seinem aufrichtigen Interesse für das Ge- 
deihen der Wissenschaften, insbesondere durch vereinte Bemühun- 
gen der damals berühmten Academieen, war er fortdauernd ein 
eifriger Anbänger Russlands, woher er eine Pension bezog, die 
ihm auch im Auslande stets ausgezahlt wurde. Als der Professor 
Bohoepflin zu Hüningen ihm die Festung daselbst zeigen wollte, 
und dazn eine Einlasskarte vom Commandanten verlangte, gab ein 
anwesender Offleier diesem zu verstehen, er möge sich in Acht 
nehmen, da der Fremde noch im Solde der Czarin stehe; der Com- 
mandant aber hatte schon damals (i. J. 1735) zu grosse Achtung 
gegen tiefe Gelehrsamkeit, als dass er dieses hätte beachten sol- 
len, vielmehr gab er ihm ohne Zögern die verlängte Erlaubniss. 
Ebendaher interessirte er sich lebhaft für die damals nach Peru 
abgebende Gradmessungs - Commission , wünschte, dass von Russ- 
land aus gleichzeitig ähnliche Operationen zu Kamtschatka vorge- 
nommen werden, und dass überhaupt die Academieen beider Reiche 



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218 



v. Fuss: Briefwechsel. 



sieb zu gemeinschaftlichen Unternehmungen vereinigen mügten, 
zu welchem Ende er sieb erbietet, auf eigene Kosten nach Paris 
zu reiten, „wo er wohl gelitten sey, und in einer Reputation stehe, 
„die seine Meriten weit übersteige." Ref. erwähnt unter mehreren 
diese Aeusserung seiner Bescheidenheit, da derselbe übrigens der 
Wissenschaft und der Gültigkeit seiner gefundenen Resultate nichts 
vergibt, weswegen er auob bei seiner höohsten Anerkennung der 
Verdienste Euler'» seine abweichenden Ansichten streng gegen 
diesen vertbeidigt. Interessant in dieser Beziehung ist der 92. 
Brief, worin er ihn vorwirft, dass er in der Theorie der Floth die ' 
Verdienste Newton's, welcher gerade in dem wesentlichsten 
streitigen Puncte die richtige Ansicht hege, zu sehr in Schatten 
gestellt habe, wodurch dann eine missbilligende Aeosserung der 
Pariser Aoademie veranlasst sey, da bei dieser Newton gegen- 
wartig (i. J. 1748) in eben so hohem Ansehen stehe, als in Eng- 
land selbst. ,Ioh weiss zwar wohl," fährt er fort, „wie wenig 
„Ew. Ursach haben, mit den Engländern zufrieden tu aeyn, wel- 
„che, anstatt Sie als ein wahres ornamentum saeculi nostri zu ve- 
„neriren, vielmehr Alles verachten; aber ich bin versichert, dass, 
„wenn der grosse Newton noch lebte, er selbst ganz anders 
„von Ihnen würde geredet haben." Dass Euler in einigem Vor- 
urtheil gegen Newton befangen war, lässt sich nicht verkennen, 
merkwürdiger Weise aber fand eben ein solches zwischen Ber- 
aonlli und d'Alembert gleichfalls statt, woraus dann die wie- 
derholten Ausfälle des Ersteren gegen den Letzteren erklärlich 
werden. Unter anderem beisst es im 43sten Briefe: „Unterdess 
„habe ich aus Herrn d'Alembert Hydrodynamik gesehen, dass er 
„in mathesi applicata sehr schwach ist. Dass er präiendirt, für 
„alle Jasrszeiten die Direction und vim ventorum pro omni olimate 
„per formulas difficiliimas integrales hergeleitet zu haben, darauf 
„kann ich nichts anders sagen, als verba sunt, welche der Mathe- 
„matik mehr Scband als Ehre machen." Im 47. Briefe sind die 
Ausdrücke noeh schärfer: „Herr d'Alembert hat mich in gar vie- 
„len Puncten refutirt und an einigen Orten ganz kindische Mei- 
nungen gehabt es ist mir aber wenig daran gelegen, ob er 

„seinen Irrthum erkennt oder nicht. Ich will Niemand die Wahr- 
heit wider seinen Willen aufdringen." Daneben aber kann Ber- 
nau Iii als ein Muster der Bescheidenheit dienen, die selbst dem 
gerefcttcn Geraüthe in solchen literarischen Streitigkeiten nicht feh- 
len sollte, wie aus folgender Stelle im 65. Briefe sichtbar herver- 
geht: „Dessen allem ungeachtet hebe ich für den Herrn d'Aiem- 



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v. Fum: Briefwechsel. 2M* 

„sert eine sehr grosse und wahrhafte Hochachtang, und sehe ich 
„bevor, dass er mit dem Alter seiner Jugend bevues reiebliob er- 
setzen wird. Ew. hatten mir zu viel flattirt, da Sie mir gesagt 
„haben, meine piece sur les vents habe das sogenannte Acocssit 
„erhalten, da sie doch nur als eine piece qui a concouru gedruckt 
^worden, auf welche man keine weitere Reflexionen gemacht. 
„Wenn ieb solches gewusst hatte, würde ich derselben Druck nicht 
„zugegeben haben; denn da ich diese piece aus blosser complai- 
„sance für Ew. in 2 oder 3 Tagen geschrieben, so ist es nicht 
„billig gewesen, dass man sich derselben bedient habe pour servir 
„de trophee." Zum Beschluss möge hier noch eine Aeusserung 
aus dem 34. Briefe Platz finden, die dadurch ein spezielles In- 
teresse gewinnt, dass sie gerade vor einem Jahrhundert geschrie- 
ben ist. „Inzwischen glaube ich, dass die vera theoria magnetis 
„allzeit inter desiderata bleiben werde. Ks scheint einmal, Gott 
„habe in creatione mundi einige prineipia gebraucht und efablirt, 
„welche supra captum nostrura posita Seyen; und unter diese rechne 
„ich auch die gravitationem mutuam universalem oder attractionem, 
„welche wir eben so wenig begreifen werden; als die actionent 
„mutuam animae in corpus. Unterdessen will ich lieber etwas su- 
„pra captum als contra captum statuiren." Manche Philosophen 
glauben zwar diese und noch viele andere Probleme gelöset zu 
haben, Ob indess die ächten Naturphilosophen nach abermals hun- 
dert Jahren damit im Reiben seyn werden, tfisst sich wohl In Vor- 
aus bezweifeln. Höchst gewichtig und beachtenswerth ist aber 
sicher die hier angegebene Regel, wohl dasjenige, was über un- 
ser Fassungsvermögen hinausgeht, anzunehmen, nur nicht was 
demselben widerstreitet. 

Die in der fünften Abtheilung enthaltenen 6 Briefe von Da- 
niel Bernoulli an Nicolaus Fuss beziehen sich ausser eini- 
gen wissenschaftlichen Andeutungen hauptsächlich auf die Ange- 
legenheiten der Petersburger Academie, die 4 Briefe der sechsten 
Abtheilung dagegen von Nicolaus Bernoulli, dem Neffen des 
älteren Jobahn, an L. Euler sind rein wissenschaftlichen In- 
halts. Die hier gegebene kurze Anzeige endlich möge zur Ue- 
berzeugung führen, welchen reichen Schatz des Interessanten und 
Wissenswürdigen der verdienstvolle Herausgeber dieser Briefe 
dem für solche Sachen empfanglichen Publicum dargeboten hat. 



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220 Neumann'i Handbuch, und v. Ettinghauten: Anfangsgrunde. 

Ref. hält für angemessen , die drei neuesten Handbücher der 
Physik mindestens namhaft zu machen: 

1. Handbuch der Physik für Unterricht und Selbstbelehrung , mit im- 
merwährender Beziehung auf Anwendung. Von Johann PA. Neu- 
mann, Prof. am k. k. polytechnischen Institute in Wien. Erster 
Band. Dritte, zu einem durchaus neuen Werke umgestaltete Auf' 
läge, mit 7 Kupfertafeln. Wien 1842. XIV. und .51* 8. 8. 

» 

Die erste Auflage dieses Handbuchs erschien 1818 in zwei 
ungleichen Bänden, deren erster kleinerer ausser einer Einlei- 
tung und der Erläuterung der allgemeinen physikalischen Prinei- 
pien die Bewegungsgesetze und deren Anwendung auf feste, 
tropfbare, flüssige und elastische Körper enthielt, nebst einer kur- 
zen Uebersicht der chemischen Grundlehren, die für das Studium 
der Physik ganz unentbehrlich sind. Angehängt waren 12 schätz- 
bare Tafeln der Maasse und Gewichte, der Festigkeit u. s. w., 
welche beim ersten Theile der dritten Auflage fehlen, während 
übrigens der nämliche Gang der Untersuchungen beibehalten ist, 
abgerechnet etwa, dass gleich anfangs vom Thermometer gehan- 
delt wird, einem allerdings sehr wesentlichen Apparate, auf wel- 
chen man sich im Verlaufe der Untersuchungen häufig bezieben 
muss. Dass überall die Resultate der neuereu Forschungen be- 
nutzt wurden, bedarf wohl keiner besonderen Erwähnung, zugleich 
nber sind die wesentlichen Demoostrationen durch Figuren erläu- 
tert und die wichtigern Apparate nicht bloss in genauen, sondern 
auch schönen Zeichnungen dargestellt, was insbesondere für die- 
jenigen Leser von grossem Nutzen ist, die nicht Gelegenheit hat- 
ten, die Originale in grösseren Cabinetten kennen zu lernen. 



*. Anfangsgründe der Physik. Vom Professor A. v. Ettingshausen. 
Wien. 1843. 

Von diesem Werke liegt bis jetzt bloss der erste Heft von 
1 6. 1—160 vor, und ist daher nur eine vorläufige Anzeige mög- 
lich. Dass das Publicum von den Leistungen des berühmten Ver- 
fassers grosse Erwartungen hege, versteht sich von selbst, and 
nach der erschienenen Probe werden diese auch sieber befriedigt 
werden. Ins Einzelne einzugeben, ist überall nicht Absicht des 
Ref., und bei einem so kleinen Theile, dem ausserdem die Figu- 
ren fehlen, nicht angemessen. Der Gang der Untersuchungen ist 



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>. Buff: Eiperim«nUlpby«ik. 221 

In gewisser Hinsicht ein eigentümlicher, indem nach einer kurzen 
Erläuterung der allgemeinsten Begriffe im ersten Capitel die bei- 
den folgenden tiefer in die Wissenschaft der Chemie and Kry- 
stallologie eingeben, als sonst zu geschehen pflegt. Die drei fol- 
genden Hauptstftcke, welche vom Gleichgewichte der Kräfte, den 
allgemeinen Bewegungsgesetzen und der Schwere bandeln, sind 
vortrefflich bearbeitet, indem die bekannten Lebren auf eine ele- 
gante Weise aus einfachen Hauptprincipien streng mathematisch 
bewiesen werden. Ref. sieht mit grosser Erwartung einer baldi- 
gen Fortsetzung des begonnenen Werkes entgegen. 



3. Grundzüge der Experimentalphysik mit Rücksicht . auf Chemie, und 
Pharmacie. Zum Gebrauche bei Vorlesungen und zum Selbstunter- 
richte f von Dr. B. Buff, Professor an der Universität zu Glessen. 
Mit zahlreichen Bolzschnitten und ausgeführten Tafeln. Erste Lie- 
ferung. Beidelberg, i843. i»8 S. Text und 37 S. Tabellen. 

— > _ » < • 

Dieses Werk soll nach der Ankündigung in drei Lieferungen 
vollständig bis im März 1844 erscheinen, und das Publicum wird 
sicher diese Garantie der Verlagshandlung sehr beifällig aufneh- 
men. Die auf dem Titel gegebenen äusseren Verhältnisse, welche 
den bereits rühmlichst bekannten Verf. zur Herausgebe diese* 
Werkes veranlassten, um dadurch eine allerdings bestehende Lücke 
in der sonst wobl überreich zu nennenden Literatur auszufüllen, 
dürfen als bekannt vorausgesetzt werden. In Giessen blühet durch 
Liebig' s Ruf das Studium der Chemie vorzugsweise; mit dieser 
Wissenschaft steht aber die Physik im innigsten Zusammenhange, 
und wenn gleich das, was für die Erstere aus der Letzteren un- 
entbehrlich ist, aus jedem guten Handbuche entnommen werden 
kann, so muss es doch sehr zur Erleichterung des studirenden 
Chemikers dienen, wenn in einem eigens hierzu bestimmten Werke 
die für ihn besonders wichtigen Lehren vorzugsweise hervorge- 
hoben und ausführlicher behandelt sind. Diesem Zwecke gemäss, 
welchen der Verfasser stets vor Augen gehabt hat, fehlen hier * 
gerade die allgemeinen ohemischen Principien , sofern diese dem 
Cursus der Chemie anheimfallen, und nach einer kurzen Darstel- 
lung der verschiedenen Körperzustände wird sogleich von der 
Wärme gehandelt, mit specieller Beziehung auf die Operationen 
des Chemikers. Den Rest dieser ersten Lieferung bilden die sta- 
tischen nnd mechanischen Gesetze der festen und flüssigen, sowohl 



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ttt Buflf: Experimentalphysik. 

tropfbaren als expansibeln Körper, wobei vorzugsweise vom Wagen 
-und von ar&ometrischen Messungen ausführlich gehandelt wird. Eine 
-seb&tebare, gerade für die specielle Bestimmung des Werks höchst 
wichtige Zugabe bilden die angehängten Tabellen der verschiedenen 
Maasae und Gewichte, der Dichtigkeiten,, der Ausdehnung durchwär- 
me, der Warmecapacitftten, der Schmelz- nnd Siedepunkte und der 
vielfach modiflcirten araometrischen Bestimmungen einfaoher und 
gemischter Flüssigkeiten ; sie zeichnen sich alle, insbesondere aber 
die erste, durch Vollständigkeit nnd bequeme Anordnung vortbeil- 
haft aus. Zum Beweine, wie genau Ref. gelesen habe, möge er- 
wähnt werden, dass S. 17 der Tabellen Popp. Ann. statt Pogg. 
Ann. steht. S. 83 wird der Siedepunkt des Leinöls zu 316° C. an- 
gegeben, die bekannte Bestimmung von Murray; allein es dürfte 
doch fraglich seyn, ob dieses Oel, wie alle Fette, überall siedet, 
und ausserdem verdickt sich gerade dieses vorzugsweise durch 
längeres Stehen bis zum eigentlichen Harze, weswegen schwerlich 
ein fixer Siedepunkt stattfinden kann. S. 22 des Textes heisst es: 
„die Schmelzpunkte der Körper sind also feste Temperaturen." Da 
unmittelbar vorher genagt wird, die Uebergangstemperntur von der 
Festigkeit zum Flüssigkeitszustande sey bei den meisten Kör- 
pern sehr scharf bezeichnet, so findet zwar gegen jene Angabe 
.Mino eigentliche Einwendung statt; allein gerade in Beziehung 
auf die specielle Bestimmung des Werkes wäre es wohl angemes- 
sen gewesen, auf den bisher weniger beachteten, sehr bedeutenden 
Unterschied der Temperatoren des Schmelzens und Gestebens man- 
cher Körper, *. B. der fetten Oele, des Wachses, Stearins u. «. w. 
■aufmerksam zu .machen« 

Die Vexlagsjiandlnug ist rücksichtlich ihrer Obliegenheiten 
„nicht zurückgebliehen ; da« Papier int schön weiss, dünn aber nebr 
r £est, .die jtersebiedenen Lettern sind ausnehmend scharf und «ehr 
geeignet, Raum zu ersparen, ,die zur Erläuterung dienenden Fi- 
guren sind in ausnehmend scharfen Holzschnitten zwischen dem 
Text gedruckt) .ganz ungemein schön aber sind die beiden Stejn- 
drucktafeln ., deren erste eine auftb für den Künstler zur Nachbil- 
dung genügende Zeichnung der Fallmascbine, die zweite 4ie cuier 
Hainen Waajje im Ganzen «od iP ihren ^woluen Tbeilen enthalt. 

Huncke. 

• _ 



■ ■ . ' ■ ■ I. I I ' ' , ' - 



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Borat: Geologie uppliqaee. 



228 



Geologie appliquee, ou traite de la recher che et de V exploitation des 
miner aux utile s, par Arne die Burat, Ingenieur, Professeur <f ex- 
ploitation des mines d Vecole centrale des arts et manufactures, etc. 
IV. et 504 pag. 1843. Paris, thez Länglois et Leclercq (Leipzig, 

Wir wüsstea uns nicht leicht eines Buches zu erinnern, das, 
gleich diesem, beim ersten Blink, duroh seine, in jeder Beziehung 
musterhafte, Ausstattung so sehr für sieb einnähme. Druck und 
Papier sind vortrefflich , Stahlstiehe, flelzsehnitte und Litbogra- 
phieen, welche in Menge beigegeben wurden, lassen nichts zu 
wünschen übrig, und die verschiedenen Bergmanns- Arbeiten auf 
dem Gestein u. s. w. sind namentlich mit seltener Wahrheit darge- 
stellt. Der Inhalt des Buohes entspricht vollkommen seinem -Äus- 
sern Gewände; wir haben es mit Befriedigung, und nicht ohne 
mannigfaltigste Belehrung, durchlesen. Bedenkt man den qualvol- 
len Znstand, in welchen gewisse deutsche ^Buchhändler versetzt 
werden, wenn von Uebernahme eines Manuscriptes die Rede ist, 
dem auch nur eine verboltaissmässig geringe Zahl von Abbil- 
dungen beigegeben werden sollen, die bange, selbst peinliche 
Sorge, womit sie die wohlfeilsten ^Künstler" aufzuspüren bemüht 
sind , so inuss man dem französischen Verleger des Burat 1 sehen 
Werkes, seiner „Freisinnigkeit" wegen besondere Gerechtigkeit 
*w?ederfahren lassen« 

Hören wir vor Allem oasern -Verf. i in seinem Vorwort. 'Der, 
seit so vielen Jahrhunderten betriebene, 'Bergbau — iitss sind 
seine Worte — schuf gewissermaßen Geologie und Mrnera- 
1 ogie . Die Mineralsehstze eines Landes sind in Wahrheit » mit 
-dessen gelegiecher Beschaffenheit zu innig verbunden, als dass 
man nicht, beim Krf ersehen der besetze, welche hinsichtlich der 
'votisbnren Prodöcte des unorganischen Reiches obwalten, auch jene 
zu ergründen streben sollte, die beim entstehen der Erde selbst 
•herrschten. Und wenn seit Werner's Zeit Geologie und Mine- 
ralogie sich entfernten von der Praktik, der sie ihren Ursprung zu 
danken haben; so war diess noth wendig, weil ihnen eine wissen- 
schaftliche Begründung werden musste, damit sie, ihrer Seite, beim 
Bergbau leiten konnten, wovon dieselben ursprünglich nur entlehnte 
Schlussfolgen gewesen waren. — Heutiges Tages nimmt die 
Geologie in würdiger Weise eine Stelle unter den „strengeren" 
Wissenschaften ein ; Tbeorieeo, Nomenolatur, Classificationen wor- 
den festgestellt, iu so weit die, dem Beobachter zugänglichen Phä- 



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224 Burat: Geologie aupliqneo. 

noraene solches gestatteten; and nun schien es an der Zeit, die 
Geologie ihrem Ursprange wieder einmal zuzuführen and eine 
Darlegung der Thatsachen zu versuchen, wodurch jene Wissen- 
schaft mit Kunstfleiss und Gewerben verbunden ist. Unsere, stets 
der Anwendung zugekehrten, Forschungen fährten zur Erkennt- 
nlss : dass beim Bergbau, und überhaupt bei jeder Gewinnung nutz- 
barer Mineral-Erzeugnisse, die geologischen Grandsatze es sind, 
welche leiten müssen; Bergleute jedes Standes, selbst Steinbrecher, 
werden genötbigt, in mehr oder weniger umfassendem Sinn, Geo- 
logie zu treiben, and wenn diese Wissencbaft auch nicht zureicht, 
am anmittelbar der Entdeckung von Erz - Lagerstätten «. s. w. 
zuzuführen, so wird sie dennoch nie entbehrt werden können , wo 
es sich darum bandelt, bei der Leitung von Unternehmungen Miss- 
griffe zu vermeiden. 

Die erste Hälfte des vorliegenden Werkes entwickelt, in sechs 
Kapiteln, die Gesammtheit geologischer Thatsachen, welche zur 
Kenntniss der Lagerungs- Verhältnisse nutzbarer Mi- 
neralien nothwendig sind. Mit sacbgemasser Ausführlichkeit 
findet man abgehandelt: allgemeine und- besondere Lagerstatten; 
neptunische und platonische Felsgebilde ; Anwendung der Gesteine 
bei Bauten jeder Art and Gewinnung derselben in Frankreich; 
verschiedenartiges Vorkommen von Anthracit, von Steinkohlen, 
Braunkohlen und Torf, von Steinsalz and Gyps, verbanden mit 
Andeatangen über deren Ursprung and ihre Zugutmae. og; Auf- 
treten von Eisenerzen in Lagern ähnlicher Massen in Item and 
neaern Formationen; Gange und Stockwerke, mit den* Erzen, wel- 
che sie führen ; Beschreibung wichtiger Bergwerks - Bezirke in 
England, Russland, Frankreich« Oesterreich, Scandinavien, Spanien, 
im Erzgebirge Sachseos und auf dem Harze, in Amerika u. s. w. 

In der zweiten Hälfte wird von« der Gewinnung nutzba- 
rer Mineralien gehandelt. VII. Kapitel. Versuch - Arbeiten 
and Versuchbaue. Gestein-Festigkeit. Verschiedenartiges Gezähe 
[die mannigfaltigen Gerätschaften findet man sämmtlicb, durch 
sehr gelungene Holzschnitte zwischen dem Texte dargestellt]. 
Spreng -Arbeit; Feuersezen. Bohr- Arbeiten, artesische Bronnen* 

(Der Besthlitst folgt* 



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Nr. 15 HEIDELBERGER 1844. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 

Burat: Geologie appäquee. 

* 

(Beschlüsse 

VIII. Kapitel. Tagebaue. Gewinnung von Felsarten anter freiem 
Himmel. Torfgräbereien. Unterirdische Gewinnung. Verschie- 
denartiger Abbau von Erz-Lagerstätten [mit einer bildliehen Dar- 
stellung des Pörsten- und Strossen Baues, welche, an Deutlichkeit 
und Zierlichkeit, Alles überbietet, was uns in dieser Bezie- 
hong bis jetzt zu Gesicht gekommen]. Steinkohlen - Gewinnung 
[dazu u. a. eine Abbildung des Pfeilerbaues, wie solcher zu 
Newcastle in Brauch ist, um desto werthvoller, da die Darstellun- 
gen jener Gewinnungsweise, in den uns bekannt gewordenen 
bergmannischen Schriften , meist gänzlich verfehlt ist]. Steinsalz- 
Gewinnnng [mit einem wohlgerathenen Durchschnitt eines Sink- 
werkes]. IX. Kapitel. Gruben- Ausbau, Zimmerung und Maue- 
rung [die eingedruckten Holzschnitte stehen, waa Belehrung be- 
trifft, den L 5 s oh er' sehen Modellen, die früher in Freiberg kauf- 
lieb zu haben waren, nicht viel nach]. X. Kapitel. Wetter- Lo- 
sung, mit sachgemäßer Ausführlichkeit, waa die verschiedenarti- 
gen Ursachen der Entstehung böser Wetter betrifft, die Mittel zur 
Zerstörung und Entfernung schädlicher Gase, die Davy'aehe 
Lampe und deren Vervollkommnung, den natörlichen und künstli- 
chen Wetter- Wechsel u. a. w. Wollten wir einen Tadel uns ge- 
statten, so Wörden wir die Frage stellen : waa den verdienten Verf. 
bestimmte, die „Respirations-Apparate" unerwähnt zu lassen, und 
von den „Grubenbetten 4 ' und „Krankentonnen" nicht zu reden 
XI. Kapitel. Förderung. XII. Kapitel. Wasser-Losung [u* a. 
mit vortrefflichen Abbildungen der Wassersäulen - Maschinen , wie 
solche zu Huelgoet im Brauche sind]. XIII. Kapitel. Aufberei- 
tung der Erze. XIV. Kapitel. Allgemeine Betrachtungen über 
den Gruben-Betrieb und Andeutungen über Bergwerks -Gesetzge- 
bung. 

So weit unsere Bemerkungen über Burat 1 ■ Werk, denen 
wir gern mehr Ausführlichkeit gegeben hätten, wären wir nicht in 
Sorge gewesen, den uns vergönnten Raum zu uberschreiten und 
XXXVII .lahrß 2 Doppelheft. 15 



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22G 



Stegratyert Bergwerkekunde. 



vielleicht selbst manchen Lesern dieser Blätter lästig zu werden. 
Die „Geologie appliquec" anf deutschen Boden verpflanzt, 
müsste für Viele eine sehr willkomrane Gabe seyn. Heron de 
Vi lief os se lieferte ein, för seine Zeit klassisches Werk, dessen 
grosse Verdienste wir weit entfernt sind in Zweifel stellen zu 
wollen ; allein es ist zu bedenken, dass über rfreissig Jahre ablie- 
fen, seit die „Rieh esse minerale*' erschien, der Preis des 
Originals macht dasselbe für Privatleute schwer zugänglich und 
selbst jener der deutschen Bearbeitung (welche, was den Atlas 
betrifft, viel zn wünschen übrig lässt), obwohl er keineswegs un- 
mfissig zu nennen, bleibt immer ein nicht geringer. — Möge die 
Uebersetzung keinem von den „allzeit fertigen Schnapphähnea" in 
die Finger gerathen. 

Zum Schlüsse haben wir noch der, in ganz eigentümlicher 
Weise und höchst zierlich ausgeführten, Karte zo gedenken, wel- 
che dem Buche beigegeben ist. Es stellt dieselbe alle, in Frank- 
reich vorhandenen, Steinkohlen-Ablagerungen dar, und, was recht 
sinnreich, mit Unterscheidung der zu Tag ausgehenden, so wie 
der durch andere Formationen bedeckten, ferner findet man anf 
der Karte Angaben sämmtlicber, auf Eisenerze jeder Art betrie- 
benen, Gruben. 

* ■ 

- * 

i ■ ■ i 

k 

Grundriss einer populären Bergwerksknnde. Zum Selbstunterrichte. 
Von C. Stepmayer . Mit »trei Kupferlafelu IV. und HO Betten 
8. Wien, 1849. Sei A. Pichler* 'e Wittwe. 

4 

\ 

Mit dem BuraTscben Werke kann das Stegmayer'scbe 
nicht in die Schranken treten, aber die kleine Schrift verdient 
Beachtung und wird Jenen, die dem Bergwerksstudium sich wid- 
men wollen, gewies von mannigfachem Nutzen seyn. Nach einer 
allgemeinen Einleitung folgen fünf Abschnitte über Geognosie, 
Arbeitsichre "(Gezähe , Beleuchtung der Gruben, verschiedenartige 
Baue and Abbaue, Zimmerung und Mauerung u. s. w.), Mathe- 
matik (w° hl zu ausführlich, was nie Erklärung von Begriffen be- 
trifft, die man als Jedem bekannt annehmen darf; das über Mark- 
schetdekunst Gesagte recht verständig), Bergwerks - Haushalt und 
Bergwerkslebre. — Wie treu es der Verf. mit dem abgehandelten 
Gegenstände, mit seinen Lesern und mit sich selbst meint, das er- 
gibt sein Vorwort und selbst schon das von ihm gewählte Motto : 



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■ 



Barchardi: Lehrbuch des rqm. BechU II. Th. 272 

„Verstehest Du die Sacbe, se unterrichte Deinen Nächsten « (Je- 
sus Siraob Cay. 6. V. 14 ) 

v. Leonhard. 



• 

Jjekrbuch des Römischen Rechts von Dr. Georg Christian Bur- 
chardi, ordentlichem Professor des Rechts an der Universität zu 
Kiel, etc. Zweiter TheiL Das System und die innere Geschichte 
des Römischen Privatrechts. Erste Abtheilung: enthaltend den 
allgemeinen Theil und das Familienrecht. Stuttgart. A. Lieschinq 
& Comp. i843. 8. XIV. und 3H 6 Seiten. 

(?«tgl. die«e Jahrbücher 1842 6. 216 ff.) 

Ich sollte billig- den vorliegenden zweiten Band dieses Lehr- 
bucbs zu recensirep Anstand nehmen. Denn man höre, was der 
Herr Verf. über meine Reeension des ersten Bandes, worin ich 
Zweifel an seiner Kritik geäussert hatte, in der Vorrede zu die- 
sem zweiten Bande sagt: „Bd. I S. 26t ist die Vermuthung hin- 
geworfen, dass der 8chlüssel zur 1. 2 C. de offic. praefecti prae- 
tor, (i, 26) von Alexander Sever über die Verordnungen der 
Präfecten des Prätoriums, in der eigentümlichen Stellung Ulpian* 
zu jenem Kaiser liegen möchte. Darin hat Herr Prof. Zacharia 
in den Heidelberger Jahrbüchern 1842 S. 218 einen argen Ana- 
chronismus zu finden geglaubt, weil die 1. 2 C. cit. vom August 
235 datirt, damals aber Ulpian schon vier Jahre todt gewesen sey, 
und Buch holz hat ihm neuerdings in Seil 's Jahrbüchern, Bd. II 
Heft 1 S. 98, beigestimmt. Es wäre nun allerdings schlimm, 
wenn ich die Zeit der Constitution unbeachtet gelassen hätte; ich 
habe aber im Gegentheil noch etwas weiter gesehen. Denn im 
August 235 war Alexaodnr Sever selbst auch bereits vier Monate 
todt, woraus folgt, dass die Subscription der angeführten I. 2 C 
unrichtig sein muss. Ueberdies ist die Stelle ein Resoript, dessen 
Fassung zeigt, dass die zu Grunde liegende Anfrage nicht kün/v 
tige, sondern schon vorhandene Verordnungen der Präfecten be- 
troffen hatte. Selbst also, wenn Ulpian zur Zeit der Erlassung 
des Rescripts schon todt gewesen wäre, konnten seine Acta sehr 
füglich dazu Anlass geben, und kein früherer Präfect des Präto- 
riums besass solche Gewalt, wie Ulpian, der nicht nur der erste, 
absichtlich allein ernannte Präfect, sondern eine Zeit lang gewis- 
serroassen Regent des Staats war. u 



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228 Burcbardi : Lehrbuch des röm. Rechts. II Tb. 

Ich wiederhole es, nach dieser Zurechtweisung, scheint- es, 
hatte ich billig von einer Kritik des Herrn Verfassers , dessen 
Blick den meinigen weit überflügelt, gänzlich abstehen sollen. 
Allein, — ich gestehe aufrichtig, dass ich noch weitere Belebran- 
gen von dem Herrn Verfasser zu erhalten wünschte: ich möchte 
wohl wissen,' wie er sich gegen die anderen Fehler, die leb 
ihm in meiner früheren Recension vorgeworfen habe, vertheidigen 
dürfte, ich möchte erfahren, wie er manche Erinnerungen, die ich 
weiter unten machen werde, zu beseitigen gedenkt. Zudem liegt 
es mir ob, mich gegen die obige Zurechtweisung zu vertheidigen, 
um des Herrn Buchholz willen, den ich mit mir ins Verderben 
gerissen zu haben beschuldigt werden könnte. 

Also der Herr Verf. weist meine Rüge zurück: er habe, noch 
etwas weiter gesehen, als ich. Wohlan denn, wie weit hat denn 
sein Blick getragen? — Er hat entdeckt, dass die Subscription 
der angeführten 1. 2 unrichtig sein muss. Und nun? was folgt 
daraus? Das giebt uns der Herr Verf. zu rathen auf: dass- und 
wie die Richtigkeit seiner Hypothese daraus hervorgehe, sagt er 
uns nicht. Aber darin liegt gerade die Kunst des Verf.: die 
Aposiopesc sollte so recht vernichtend wirken: Veni, vidi, vici! 
Doch ich lasse den logischen Hiatus zur Seite, und frage viel- 
mehr: ist denn wirklich die gedachte Subscription verfälscht? 
Wenn die Subscription zu der Inscription niebt passt, so kann der 
Fehler auch in der Inscription liegen. Ihre Logik, Herr Bur- 
cbardi, ist auch hier etwas hinkend! Indessen sowohl die In- 
scription als die Subscription der 1. 2 C. cit. sind handschriftlich 
zu gut beglaubigt, als dass hier Überhaupt von Unrichtigkeit die 
Rede sein könnte. Die 1. 2 C. cit. ist wirklich erst nach dem 
Tode des Kaisers expedirt worden (Vergl. meine 'AvixXoxa 
p. 242 sq. In eben diesem Werke kann der Herr Verf. mit Hülfe 
des Registers noch mehrere Berichtigungen zu dem ersten Bande 
seines Lehrbuchs finden.) Also der Herr Verf. hat das Ziel of- 
fenbar Überschossen: es wird bei meiner Rüge bleiben müssen; 
man müsste und wollte denn mit dem Herrn Verf. annehmen, dass 
der Kaiser, vier Jahre nach dem Tode Ulpian's, diesem durch Er- 
höhung des Ansehens der Pracfecti Praetorio eine Parentation habe 
halten wollen. Das aber credat Judaeus Apella! 

Doch gonug der Antikritik! Ich habe sie nicht unterdrücken 
wollen, damit der Leser gleich wisse, dass ich für den Verf. und 
sein Buch nicht eben günstig gestimmt bin. Wenigstens soll man 
mir nicht vorwerfen, dass ich an dem Verf. durch die nachfol- 
sende Kritik heimlich Rache zu nehmen gesucht habe. 

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Burkhard!: Lehrbach de« röm. Recht«. II. Tb. 229 

Der Verf. hatte in der Vorrede zum ersten Bande des Lehrbuchs 
angekündigt, daas im zweiten TJteüe ein gedrängtes System des rom. 
Privatrecht» , also ein sogenanntes Institotionencompendium folgen 
werde. Dieser ursprüngliche Plan war etwas sonderbar: der erste 
Theil eine ausführliche Rechtsgeschichte, der zweite Theil ein In- 
stitutioneneompendium, — das wäre kaum ein baVmonisobes Ganzes 
geworden! Darum ist es allerdings nur zu loben, dass der ursprüng- 
liche Plan geändert worden ist, mit anderen Worten, dass der 
zweite Theil das System des römischen Privatrechts in Verbin« 
dang mit innerer Rechtsgeschiehte enthalten soll. Der Verf. er- 
klärt jezt (Vorrede S. V), dass jener erste Plan nicht von ihm 
ausgegangen sei: „denn ich theile," sagt er, „ganz die Ansicht 
derjenigen, welche meinen, dass es solcher (Institutionen)coinpen- 
dien längst mehr als genug gibt, und dass durch eine neue Form 
des, schon hundert Mal umgegossenen, dürftigen Stoffs wenig zu 
gewinnen ist Gerne habe ich daher, dem veränderten Wunsehe 
des Verlegers entsprechend, in den zweiten Theil, dessen erste 
Abtheilung hier erscheint, die innere, Geschichte des Römischen 
Privatreehta aufgenommen." Das ist nun, wie gesagt, an sieb 
ganz vortrefflich, aber etwas auffallend ist es mir, dass ein Mann, 
wie der Herr Prof. Burcbardi, zuerst nach den Wünschen sei- 
nes Verlegers den Plan zu seinem Werke entwirft und hinterher, 
ebenfalls nach den Wünschen seines Verlegers, denselben wieder 
abändert. Gewiss ist es recht und billig, dass der Schriftsteller 
den Wünschen seines Verlegers entgegenkomme. Aber bei einem 
streng wissenschaftlichen Werke, und in solchen Hauptpunkten, 
wie hier in Frage standen, kann und darf doch der Schriftsteller 
wahrlich niobt seine Einsicht der des Verlegers unterordnen. Auf 
mich wenigstens macht es einen angünstigen Eindruck, wenn die 
Form oder der Inhalt eines wissenschaftlichen Werkes niobt ein 
reines Product der Ueberzeugung des Schriftstellers, sondern theil-» 
weise durch die Wünscho des Verlegers bestimmt worden ist. 

Wirklieh glaube ich auch, dass der plözlichen Abänderung 
des ursprünglichen Planes diejenige Mangelhaftigkeit des vorlie- 
genden Werkes zuzuschreiben ist, die vor Allem zum Tadel Ver- 
anlassung giebt Die dogmatischen Darstellungen nemlich sind in 
dem zweiten Theile des vorliegenden Lehrbuchs überall vorherr- 
schend: sie umfassen überdies weit mehr als die prima elementa. 
Die geschichtlichen Erörterungen dagegen sind nichts weniger als 
vollständig: das Lehrbuoh des Verf. ist vielmehr ein Institutionen- 
compendium mit einzelnen historischen oder chronologischen No- 



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230 Burchardi: Lehrbuch des röra. Rechts. II. Th. 

i 

tizen , nicht aber ist es ein' Lehrbuch der Institutionen und 
der inneren Geschichte des römischen Rechts. Als Belege 
zu diesem Urtheile will ich nur die folgenden Beispiele anführen: 
In der Lehre von der Infamie (§. 16—18) kommt nur die eine 
historische Notiz vor, das» nach dem älternn römischen Rechte 
auch die censorische Notation zu den Fällen der minuta existima- 
tio gehört habe, und mit den Censorea verschwunden sei. Ritte 
nicht gerade bei dieser Lehre, in welche erst durch geschichtliche 
Betrachtung die richtige Einsicht zu vermitteln gelungen Ist, selbst 
in einem blossen Institotionencompendium, geschweige denn in ei- 
nem Lcbrbuche der inneren Rechtsgeschichte, eine historische Ent- 
wickelung Noth getban? — Ein anderes Beispiel: In der Lehre von 
der Sklaverei wird einfach berichtet f§. 123), dass die 1. Aelia 
Sentia und die 1. Furia Caninia die Manumissionsbefugniss be- 
schrankt habe. Aber ist das Geschichte? Die geschichtliche Be- 
trachtung fehlt: Veranlassung, Grund und Zweck dieser Geseze, 
kurz der ganze geschichtliche Zusammenhang, in dem man sich 
diese das Eigenthum so sehr beschränkenden, dem favor liberta- 
tis so sehr widersprechenden Geseze zu denken hat, ist auch ent- 
fernt nicht angedeutet. Und ist es Geschichte, wenn der Verf. die 
nackte Bemerkung hinzufügt, dass Justinian diese Geseze, — jenes 
theilweise, dieses ganz — aufgehoben habe? — Endlich lese man 
den g. 27, der eine geschichtliche Uebersioht geben soll über die 
rra römischen Rechte vorkommenden juristischen Personen. Sin 
werden einzeln in chronologischer Reihe aufgezählt, — Staat, Ca- 
rlen, Gentes. PriestercoIIegien , Zünfte, Tribus, Curien der Städte, 
Tempel, Kirchen, piae causae, — sodalitia, — und zuletzt die 
venetisebe und prasinisebe Faction! Von einigen wird 
bemerkt, dass die Zeit ihrer Anerkennung, bei anderen, dass die 
Eigenschaft juristischer Personen zweifelhaft sei. Ich frage, 
was lernen wir aus diesem Paragraphen? Gewinnen wir an Ein- 
sicht in die Natur und das Wesen, den Umfang und die Gestal- 
tung der juristischen Personen, überhaupt oder bei den Römern 
insbesondere? mit einem Worte, was soll die dürre chronologische 
Ntfmenclatur? Mir däucht, dass eine Geschichte dieser Art höchst 
unfruchtbar, ja dass ein Lehrbuch der Geschichte des römisebsn 
Rechts, in dieser Art behandelt, eine Versündigung an der Rechts- 
gesebiebte ist! 

Freilich der Herr Verf. scheint anderer Meinung zu sein. Er 
rühmt sich in der Vorrede des besonderen Verdienstes , gedrängte 
Darstellungen gegeben zuhaben. „Eine so compresse Schreibart", 



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Burcfcardi: Lehrbuch des röm. Rechts. 11. Th. VR 

heisst es 8. VI, „verursacht freilich ausserordentliche Mühe, wenn 
sie oioht holperich und dunkel werden soll; allein ich habe mich 
diese um so weniger verdriessen lassen, je mehr mir die breite, 
schwatzhafte und wässerige Schlafrocksmanter, welohe jetzt selbst 
in Lehrbüchern einzureissen droht, zuwider ist,' 4 Quod quisque 
juris in alium statuit, ipse eodem jdre utatur! Der Herr Verf. ist 
streng gegen Andere: wohlan, so muss auch er mit Strenge ge- 
richtet werden! Ieh will dem Leser noch ein paar Proben von 
der comp res sen Schreibart des Verf. vorlegen. S. 96 heisst es: 
,.Als legitim gelten alle Kinder einer Ehefrau, vorausgesetzt, dass 
ete. ; woraus sich sogleich ergiebt, wer zu den Unehelichen ge- 
höre, welche juristisch vaterlos, aber bürgerlich nicht 
zurückgesetzt sind." Wie geschickt sind hier diese zwei 
Grundsäze mit der vorangehenden Begriffsbestimmung verknüpft: 
der Verf. hat die Wiederholong des äobjects und ein paar Punkte 
glücklich gespart! Dergleichen findet sich häufig, z. B. 8. 85 Z. 2. 
— Bin anderes Beispiel. 8. 988 heisst es: „Gefangene Feinde 
gehören dem alten Völkerrecht zufolge dem, der sie f&ngt, ausge- * 
ltommeo wenn die Truppen im Dienst Gefangene machen, indem 
diese zum Besten der Staatskasse verkauft werden, was in frühe- 
rer Zeit venditio sub corona hiess. Auf gleiche Weise erleiden 
aber auch diejenigen, welche in feJndliohe Gefangenschaft gera« 
then, elde capitis diminutio maxima etc. u Dass in dem letzteren 
ßatze das Subject, (die Römer,) weggefallen ist, ist Folge der 
Cempreesion: aber wie geschickt ist dieser Satz mit dem vorher- 
gehenden verbunden! „Auf gleiche Weise!" Wie viel kann man 
sich bei diesen Worten denken oder nicht denken! — Die Lehre 
von der Sklaverei (§. 119) beginnt: „dem allgemeinen Reefatsge- 
braueb im Alterthum gemäss hatten auch die Römer von jeher 
Sclaven, und selbst die christliche Zeit änderte bierin nichts, als 
dass Honorias den Juden verbot, christliehe Selaren zu halten, 
was vjelleiebt später auf alle NichtChristen nnd Ketzer ausgedehnt 
ward. Obgleich aber der Sdave den rechtlosen Sachen beige- 
zählt wird, se hat man doch niemals den Menschen ganz in ihm 
zu übersehen vermocht etc." Welche ausserordentliche Mühe 
muss es dem Verf. gekostet haben, diesen fliessenden Uebergang 
mit „Obgleich aber" zu finden! Fürwahr, wenn das der ge- 
priesene compresse Styl ist, so erhalte mir Gott die Schlafrocks- 
' manicr! 

Mit dem Streben des Verf. nach compresser Darstellung scheint 
es zusammenzuhängen , dass er in den Anmerkungen zum Texte 



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232 Burcbardi: Lehrbuch de« rem. Rechts. II. Tb. 

eine erdrückende Masse von Citaten der Quellen zusammengehäuft, 
aber nur selten verarbeitet hat. Zuweilen werden im Texte zwar 
blos die prima elementa gegeben, in den Noten aber alle Stellen 
citirt, deren man bedarf, um eine detaillirte dogmatische Darstel- 
lung zu entwerfen. Ob dies vortheiibaft ist für das Studium oder 
die Wissenschaft, will ich nicht erst lange untersuchen. Dagegen 
muss ich einen anderen, noch mehr auffallenden Fehler oder Man- 
gel der Anmerkungen hervorheben, von dem ich nioht weiss, ob 
er auch eine Folge der von dem Verf. beliebten compressen 
Schreibart ist Ich meine die Art und Weise, wie die Literatur 
behandelt ist Eine Menge alter, zum Tbeil unbedeutender, Dis- 
sertationen werden, oft über kleine Detailfragen, citirt; neuere, 
weit wichtigere Abbandlungen und Schriften dagegen werden, oft 
bei wichtigen Streitpunkten, völlig mit Stillschweigen übergangen. 
S. 87 z. B. werden Wirschi nger's, Drummer's, Gensler's 
Abhandlungen über das jurameotum in litem angeführt, die be- 
kannte Sehr oter's che Abhandlung aber nicht; S. 908 ist Brun- 
aich de unitate personae citirt, v. d. Pfordten's neuere, um- 
fassende Abhandlung nioht, S. 49 ist die ganz specielle Disserta- 
tion von Bauer de cive novo ad collectam ob debitum civitatis 
antiquum obligato allegirt, dagegen findet sioh S. 149 IT. bei der 
Lehre von den Interdicten auoh nioht eine literarische Bemerkung; 
endlich von Schmidt 's Klagen und Einreden sind S. 111 sogar 
alle einzelnen Ausgaben aufgezählt, dagegen Puchta's, nach 
Form und Inhalt olasisoher Cursus der Institutionen, wovon dem 
Verf. der erste und der zweite Band bekannt sein konnte und 
musste, durchaus ignorirt! 

Bei diesem allgemeinen Charakter des vorliegenden Lehrbu- 
ches wird wohl der Verf. die in der Vorrede (S. VI) ausgespro- 
chene Hoffnung aufgeben müssen, dass sein Buch den Höpfner'- 
schen Commentar und ähnliche Werke in einer dem jezigen Stande 
der Wissenschaft mehr entsprechenden Weise zu ersezen geeig- 
net sein werde. , ( — Beiläufig gesagt, es ist doch lustig und trau- 
rig zugleich, wie häufig jezt nach der aura popularis gehascht 
wird mit der Versicherung, dass man ad modum Minelli oder in 
usum Delpbini geschrieben habe! Als ob nicht das und grade 
das auch für die Studirenden das Brspriesslichste wäre, was für 
die Wissenschaft als ein wahrer und dauernder Gewinn betrachtet 
werden kann! — ) Ja! ich begreife gar nicht, wie der Verf. sein 
nach Form und Inhalt so total verschiedenes Lehrbuch dem HÖpf- 
nerschen Commentare an die Seite stellen konnte, und muss über- 



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Burchurdi : Lehrbuch des röni. RechU. II. Th. 2« 

haapt mit voller innerer Ueberzeugung mein ürtbeil über die Ar- 
beit des Verf. dabin fällen, dass sie weit entfernt ist, das Ideal 
' eines Lehrbuchs erreicht zu haben. Namentlich ranss ich, insofern ' 
das Buch für Anfanger bestimmt ist, noch besonders ragen, das« 
die leitenden Grandsätze der einzelnen Lehren, das, worauf es bei 
einer jeden Lehre hauptsächlich ankommt, nicht genugsam hervor- 
gehoben, sondern oft in einer Masse von einzelnen Details und 
untergeordneten Säzen verdeckt und vergraben sind. Oft hängen 
diese detaillirten 8äze nur lose zusammen, reihen sich nicht an 
irgend einen philosophischen oder historischen Faden der Ent- 
wickelung an; sie müssen oft dem Studirenden und Leser trocken 
and verwirrend erscheinen, anstatt ihm das Gesammtbild eines In- 
stituts anschaulicher und lebendiger zu machen. 

So wenig ich nun auch mit dem Lehrbuche des Verf. als 
solchem zufrieden bin, so kann nnd will ioh dooh keineswegs 
in Abrede stellen, dass sich im Einzelnen viel neue und sohäz- 
bare Bemerkungen und Zusammenstellungen in demselben finden. 
Es würde eine anmassliche Thorbeit sein, wenn ioh die Arbeit des 
Verf. als eine gänzlich werthlose bezeichnen wollte. Der Herr 
Verf. ist als ein tüchtiger Jurist bekannt: es versteht sich von 
selbst, dass man auch viel Gutes in seinem Lebrbuche antrifft. 
Das Lehrbuch als solches aber ist darum nicht minder ein ver- 
fehltes Produet. Der Herr Verf. hätte besser gethan, das einzelne 
Gute in Monographien mitzutheilen , dafür würde ihm das Publi- 
kum herzlich Dank gewusst haben, und zwar am desto mehr, je 
mehr er Liebe and Sorgfalt auf die Ausführung seiner Meinungen 
oder Hypothesen verwendet hätte. 

Jedoeh, auch was die einzelnen Säze betrifft, ist der Inhalt des 
vorliegenden Lehrbuchs nicht durchaus vortrefflich. Ich muss viel- 
mehr auch über den zweiten Band desselben das ürtbeil wieder- 
holen, das ich schon über den ersten Band in diesen Jahrbüchern 
niedergelegt habe, das Urtheil nemlicb, dass sich unter den eigen- 
tümlichen und selbstständigen Ansichten und Vermutbungen des 
Verf. und überhaupt unter den in diesem Lebrbuche aufgestellten 
Säzen nicht wenige finden, welche bei einer strengeren Kritik 
die Probe nicht halten, geradezu unrichtig oder doeh schief er- 
scheinen. 

Wie ich bei der Beurtbeilung des ersten Bandes dieses Ur- 
theil durch eine Reihe von Beispielen belegt habe, so will ich 
dasselbe auch jezt in Beziehung auf die erste Abtheilung des 
zweiten Bandes thun. Ich glaube mich dabei auch diesmal nicht 



uiguizec 



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2*4 Burchardi : Lehrbuch des röoi. Recht«. II. Tb. 

* 

vor den Zurechtweisungen fürchten zu müssen, die die Vorrede 
zur zweiten Abtheilung bringen könnte. 

Der 8- 2 bandelt von den Arten der Rechte Im subjectiven 
Sinne. Es beisst da unter Anderem, man unterscheide „allge- 
meine Rechte, jura communia, welche sich auf allgemeine 
Recbtbestimmungen gründen, und Privilegien, privilegia s. be— 
neflcia, deren ea zwei Hauptarten giebt, die besonderen Rech- 
te, die auf besonderen Rechtsvorschriften beruhen, und die Pri- 
vilegien im engeren Sinn, welche Einzelnen speciell von 
der gesetzgebenden Gewalt verlieben sind." Gewiss weiss der 
Herr Verf. so gut als irgend Jemand, dass andere Juristen eine 
solche Unterscheidung der Rechte im subjectiven Sinne nicht ge- 
macht haben: er bat also hier etwas Neues gegeben und geben 
wollen. Fragen wir nun: ist diese neue Unterscheidung in den 
Quellen begründet? 6er Verf. rühmt sich, unmittelbar aus den 
Quellen geschöpft zu haben: dadurch veranlasst, schlägt man be- 
gierig die elf in den Anmerkungen citirten Stellen nach, und — 
begreift nicht, wie der Verf. das im Texte Gesagte darin gefun- 
den haben kann! Von jura communia oder jura singularia im 
subjectiven Sinne erscheint darin keine Spur! Der Ausdruck 
jura communia kommt sogar nirgends vor! Also quellenmassig 
ist diese neue Unterscheidung nicht. L&sst sich dieselbe vielleicht 
philosophisch vertheidigen ? "Ebensowenig! Ein Recht, wel- 
ches auf einer singulären Rechtsvorschrift beruht, ist in seiner 
conoreten Erscheinung nichts Besonderes, nichts Singulftres mehr: 
nur das jus im objectiven Sinne, worauf es sich gründet, ist Sin- 
gular! - 

In §. ±2 wird gesagt, dass das römische Recht „wahre Zwit- 
ter, hermaphroditos s. androgynos für unmöglich" halte. Hier ist 
zuvörderst der Ausdruck androgyni den lateinischen Recbtsquellen 
unbekannt. Hermaphrodit! aber werden in denselben für möglich 
gehalten. Ob darunter wahre Zwitter zu verstehen sind, ist eine 
andere Frage. Ist sie zu bejahen, so hält da* römische Recht 
wahre Zwitter für möglich: ist sie zu verneinen, so beissen 
die wahren Zwitter nicht bermaphröditi* Also ist das, was der 
Herr Verf. gesagt hat, jedenfalls irrig. Oder hat der Herr Verf. 
eine andere Logik? 

8. *3 soll die 1. Plaetoria die Eintheilung in minores und 
majores eingeführt haben: als ob das Cesez etwa so gelautet 
hätte: „Art. 1. Alle Menschen sollen eingeteilt werden in mino- 
res oder majores XXV annis! u 



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Burcliardi: Lehrbuch des roiu. Rechts II. Th. 235 



S. 98 wird von dem Ansprach eines Menschen auf Achtang 
und achtbare Behandlung gesprochen: das Gesez räume Jedem das 
auf verschiedene Weise gcschüzte Recht ein, von Allen, wenig- 
stens änsserlich, achtbare Behandlung verlangen zu können. — 
Aber wie mag der Verf. das aas dem in Anm. 1 hervorgehobenen 
Umstände ableiten, dass es eine actio injuriarum giebt? Mit die- 
ser Klage kann man doch wahrlich nicht achtbare Behandlung 
verlangen oder erzwingen: nnd sonst ist mir kein Rechtsmittel 
bekannt, durch welches Jemand, so lange er noch nicht besonders 
für unwürdig erklärt worden ist, eine änsserlich aobtbare Behand- 
lung, z. B. das Abnehmen des Hutes, von Anderen verlangen 
könnte! 

Der $. 36 beginnt mit folgenden Worten: „Wegen ihres 
überwiegenden Einflusses auf die Rechtsfähigkeit und die Rechts- 
verhältnisse werden drei verschiedene Zustände vorzugsweise als 
Status personarum bezeichnet, obgleich der Ausdruck Status auch 
in anderen weiteren Anwendungen vorkömmt." Sollte man danach 
nicht meinen, daBs zwischen dem Status im engeren Sinne und an- 
deren menschlichen Zuständen eine innere, wesentliche Verscbie- 
• denbeit nicht stattfände, dass auch die letzteren von Einfluss auf 
die Rechtsfähigkeit seien? Die alte Einteilung in status na- 
turales und civiles möchte fast noch tauglicher gewesen sein, als 
die Darstellung des Verfassers. ■ 

Nach 47 soll die Uebertragung der mancipi res auf Pere- 
grinen ausgeschlossen gewesen sein, da deren Veräusserung eine 
mancipatio oder in jure cessio erf Odert habe. Obstupuil Ochsen, 
Esel, Pferde z. B. soll der Römer nicht an Peregrinen haben über- 
tragen und veräussern können? 

S. 194 wird von der judicis postulatio gesagt, es sei von der- 
selben bekannt, dass dabei die Worte „tempore judicem arbi- 
trato ve postulo, ut des u vorkamen. Wirklich? wo steht das? Die 
Beziehung dieser Formel auf die judicis postulatio ist doch wohl 
blosse Vermuthung. Und ist denn jene Formel selbst so gewiss? 
Valerias Probus, den der Verf. citirt, giebt sie selbst an einem 
anderen Orte wieder anders an, und das „tempore" ist doch un- 
zweifelhaft falsch! 

Die condemnatio soll nach S. 137 deswegen bei allen For- 
mulae auf Geld gerichtet gewesen sein, „damit, wenn etwa der 
eigentliche Gegenstand nicht geschafft werden konnte, gleich das 
dafür zu erlegende Aeqnivalent feststand." Wie viel vergebliche 
Mühe ist an die Erklärung jener Thatsache verschwendet worden' 



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2*6 Burcbardi: Lehrbuch des rom. Recht«. II. Tb. 

Seht, die Sache itt ganz einfach, die Einrichtung war sehr ver- 
nünftig ! Unbegreiflich bleibt nur, wie sie im späteren Rechte 
wieder aufgegeben werden konnte, warum sie in neueren Proceas- 
gesezen nicht wieder adoptirt worden ist! 

S. 984 Anm. 3 heisst es: „die restitnirte I. 9 C. ne Christ, 
manci 1, 10 ist dunkel"; gleichwohl scheint sie der Verf. auf 
S. 35 Anm. 4 verstanden zu haben. Hat vielleicht der Verf. hier 
die neueren, sehr verständlichen Restitutionen in den Ausgaben 
von Beck oder Herrmann, dort aber die mangelhaften Resti- 
tationen in den älteren Ausgaben nachgeschlagen oder im Auge 
gehabt? 

Von der manumissio testamento wird S. 993 gesagt: „sie 
wirkt immer erst nach dem Tode des Testators, weshalb die so 
Freigelassenen liberti orcini heissen, weil ihr Herr sich im Orens 
befindet" Der erste Saz war, wenn der Verf. compress schreiben 
wollte, sehr überflüssig: die folgenden Säze sind falsch. Nicht 
alle servi testamento manumissi sind liberti orcini, nicht alle li- 
berti, deren Herr sich im Orcus befindet, heissen orcini. Nach 
dem Ausdruck des Verf. sieht es fast so aus, als ob die testa- 
mento manumissi einen Spiznamen gehabt hätten : man ahnet nicht, 
dass die Eigenschaft eines libertus oroinus juristisch bedeutsam 
war, und dass gerade deswegen für diese Art der Freigelassenen 
ein besonderer Kunstausdruok in Gebrauch kam. 

Doch genug der unerfreulichen Kritik! loh habe sine studio, 
aber cum ira geschrieben. Wer sollte auoh nicht unwillig wer- 
den über die Art und Weise, wie der Verf. sich in der Vorrede 
über die „breite, schwatzhafte und wässerige Schlaf rooksmanier" 
ausläset, „welche jezt selbst in Lehrbüchern einzureissen droht!" 
Welche Lehrbücher der Verf. im Auge hat, ist unschwer zu er- 
rathen: aber wahrlich darunter ist keines, welches nicht dem sei- 
nigen vorzuziehen wäre. Sein Lehrbuch ist zu ungünstiger 
Stunde concipirt worden, und sein 'sohlecht verhehlter Missmutb 
macht das Uebel nur ärger! 

Zachariä v LingenthaL 



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M. Bcheim's Buch f. d. Wienern, berausgeg. tob Karajan. 237 

Michael Beheim's Buch von den Wienern. 1469—1465. Zum ertten 
Mahle nach der Heideiberger und Wiener Handschrift herausgegeben 
von Th. G. Karajan. Mit Facsimile und Notenbeilage. Wien, 

P. Rohrmann, k. k. Hofbuchhändler. 1843. 8. CX. und 477 8. 

... . ■ / 

Et tritt hiermit, wie der Heraasgeber sagt, nach bald vier- 
hundert Jahren Beheim's schlichte Chronik unverkürzt ans Tages- 
licht; ein wichtiger Beitrag zur Geschichte deutscher Städte über- 
haupt und zu jener der grössten, der Kaiserstadt, insbesondere. 
Sie schildert einen traurigen Abschnitt der Wiener Geschichte. 
Zwei Brüder im Kampf um ein Reich, das keiner von Beiden 
wahrhaft zu beglücken die Befähigung besass, beide vereint aber 
in unheilvollem Streite nur doppelt zerfleischten. Bin Reich, das 
an ererbten Uebeln siechend, zum Tbeil durch fremde Schuld her- 
beigeführt, der kräftigen Hand eines weisen Lenkers bedurfte, hier 
aber nur die traurige Wahl hatte zwischen einem rohen Despoten 
und einem zwar gntmütbigen und schwachen Regenten, der, ein- 
geschüchtert durch die moralischen Gebrechen seiner Zeit, stör- 
risch sich zurückzog, überhaupt aber nicht den gewaltigen Geist 
besass, der unerschrocken eingreift in seine Zeit und siegt oder 
untergeht. Ein trauriges Bild in kunstlosen, aber wahren Zügen 
geschildert, werthvoll gleich einem treuen Bildnisse, wenn auch 
nioht begeisternd, erhebend gleich einem Ideale. In dieser Hin- 
sicht stellt sich auch die Bedeutung unseres Denkmals angleich 
höher, als wenn wir seinen dichterischen Gebalt ins Auge fassen; 
ja wir haben dann aus gleicher Zeit ihm nichts Ebenbürtiges an 
die Seite zu stellen. Für den kritischen Erforscher der Geschichte 
-Kaiser Friedrich'* IV. wird Von nun an Beheim's Buoh eine nicht 
zu umgebende Quelle werden. Den Mangel an Ansichten über 
den innern Zusammenbang der Ereignisse ersetzt hier eine Fülle 
von unverkennbar naturwahren Schilderungen , die ihm nur um so 
festere Grundlagen zu bedächtigen Schlüssen bieten dürften. 

Wenn sonach der Werth unserer Chronik zunächst, auch nach 
des Verfassers ausgesprochener Absiebt (3, iöff.) ein rein histo- 
rischer ist, so ist doch anch die künstlerische Seite der Beachtung 
nicht unwürdig. Dass das Werk weder ein eigentlicher Spruch, 
noch ein regelrechtes Lied sein sollte, lehrt schon die Ueberscbrifr, 
in der es sonst schwerlich hiesse, dass man es lesen könne wie 
einen Spruch oder singen wie ein Lied, wenn es das eine oder 
das andere wirklich wäre. Die strophische Form erscheint nach 
der Ansicht des Herausgebers nur als eine äusserlicbe Beigabe, 



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238 31. Bcheim's Buch v. d. Wienern, herauegeg. von Karajan. 

um dem Gedenkbuche, wenn es sich auch zum gesungenen Vor- 
trag eignete, leichter noch Eingang zu verschaffen. Dass man an 
den Vortrag mit Gesang wirklich ernstlich dachte, beweist die 
beigegebene Melodie, welche der als Kenner mittelalterlicher Mu- 
sik auch aus F. Wolfs Buch über die Lais rühmlich bekannte 
Scriptor der Wiener Hofbibliothek Anton Scbmid in das neuere 
Notensystem transponirt und unserer Ausgabe beigelegt hat. In 
wie fern die Chronik Beheim's auch sonst für die Geschichte der 
deutschen Poesie von Bedeutung ist, duroh gelegenheitlichen Be- 
zug auf die deutsche Heldensage und andere ältere Dichtungen, 
auf deutsche Mythologie und Reohtsalterthümer , auf die poetische 
Bildersprache, auf altertbümliche Ausdrücke, Sprüchwörter und 
sprüchwörtliche Redensarten, das hat Herr von Karajan in der 
Einleitung mit feinem Sinne und grossem Fleisse zusamroenge- 

Beheims Sprache, wie die jeder Uebergangsperiode , ist ein 
wunderliches Gemisch neuerer und älterer Worte, die auch zu- 
weilen fremden Sprachen entnommen sind. Eine nahmhafte Reib« 
von Beispielen solcher seltenen Ausdrücke, welche S. XIV f. auf- 
geführt werden, lässt genügend entnehmen, in wie mancher Hin- 
sicht Beheim's Buch der Wiener für den Freund der Vergangen- 
heit belehrend ja ergötzend zu nennen sei, besonders wenn dieser 
mit einem derben, zuweilen polternden und wenig zierlichen Er- 
zähler sich zu begnügen versteht und nicht etwa den Maassstab 
vollendeter Kunst an ein Werk zu legen versucht, das sich selbst 
und mit allem Rechte ihren Anforderungen gleich von vorne her- 
ein ausdrücklich entzieht. 

lieber das Leben des Verfassers gibt der gelehrte Herausge- 
ber in der umfassenden, und die verschiedensten Fragen auf das 
Fleissigste beleuchtenden Einleitung 9. XXVI ff. eine lichtvolle 
Zusammenstellung alles dessen, was ihm hierüber zugänglich war. 
Michael Beheim ist geboren am 27. Sept. 1416 zu Sulzbaoh, Ober- 
amts Weinsberg, demselben Orte, der in unseren Tagen längere 
Zeit der Aufenthaltsort eines von Beheim freilich grundverschie- 
denen, und an poetischer Kraft ihm unendlich überlegenen Dich- 
ters war, Eduard Mörikes. Michael Beheim's Voreltern waren in 
Böhmen ansässig, und wenn der Name seines Urgross vaters, den 
er Cuntz Bilsner nennt, nicht trägt, so dürfte nach des Herrn von 
Karajan Verrauthung die Gegend um Pilsen als die Heimath des 
weit verbreiteten Geschlechts der Beheimer, ßehame, Pchame, Pe- 
heme und wie sonst noch die wüste Schreibweise jener Zeit den. 

V 

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M. Btheims Buch v. d. Wienern, herauegeg. vnn Karajaa. 339 

Landesaamen entstellte, anzunehmen sein. Michaelas Vater war 
seines Zeichens ein Weber und bestimmte auch den Sohn diesem 
eintönigen mähseligen Handwerke, wobei er selbst den Meister 
machte. Das war nun freilich keine Beschäftigung für «inen un- 
ruhigen Kopf wie Beheim, der wohl oft über den knarrenden Web- 
stuhl bin wanderlustig in das schöne Thal von Weinsberg mag 
geblickt haben. In seine Knabenjahre fällt die Belagerang der 
damals festen Burg durch den Kurffirsten von der Pfalz 1429. 
Der Anblick des regen kriegerischen Treibens dnrob so lange Zeit 
«nd aus solcher Nähe beobachtet, so wie das ritterliche Leben am 
Hofe Konrad 1 » von Weinsberg überhaupt, der seines Aufwands 
wegen überall bekannt war, mag nicht ohne nachhaltigen Ein- 
druck an dem an eine langweilige Beschäftigung geketteten Kna- 
ben vorübergegangen sein. In die Junglingsjnbre getreten, wird 
er wobl bald neben seinem Handwerk die Kunst Gedichtes zu trei- 
ben begonnen haben, was ihn, wie begreiflich, immer mehr seiner 
ganz mechanischen Beschäftigung entfremden musste. Doch er- 
innerte er sich noch in spätem Zeiten dankbar jenes Handwerks, 
das ihn gar manches Jahr hindurch redlich ernährt hatte. Etwa 
um 1439 trat er in Koorad's von Weinsberg Kriegsdienste, spä- 
testens in dasselbe Jahr fällt auch seine Verheirathung. Seinem 
Herrn mag er wohl an verschiedene Höfe gefolgt sein. Nach 
dessen Tode 1448 trat er in die Dienste Albrecbt'e von Branden- 
burg. Von ihm wurde er gegen die erbittertsten Bothenburger zu 
Felde gesandt, von diesen gefangen genommen und schmachvoll 
behandelt. Seine ferneren Schicksale erzählt Beheim zum Theile 
in einem besondern Gedichte „von meiner Mervart, die ich über 
das Westermer tat." Er machte Reisen nach Heidelberg, Köln, 
Westfalen und Sachsen ; weiter nach Dänemark an den Hof Chri- 
stian^ L, und nach Norwegen bis Drontheim : von dort wieder zu- 
rück zu Albrecht von Brandenborg. Bald darauf sehen wir ihn 
im Diensto Albrecbt's VI. von Oesterreich, 1456 mit König Ladis- 
laus zu Semlin, Belgrad gegenüber; 1467 scheint er mit demsel- 
ben nach Prag gezogen zu sein. Von ihm ging Beheim zum 
Kaiser Friedrich and fand zu Wien willkommene Aufnahme. Den 
Umtrieben der albertinischen Parthei gelang es nun endlioh, zur 
schnelleren Verwirklichung ihrer verräterischen Pläne die auch 
sonst missvergnügten Wiener zum offenen Aufstand gegen den 
Landesherrn zu bewegen, wozu sie vor allem mit der Belagerung ' 
der kaiserlichen Bnrg begangen. Beheim, der als treuer Diener 
des Kaisers die zahllosen Beschwerden einer nennwöchentlichen. 



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240 M. Bebeim'a Bnch t. d. Wienern, beransgeg. von Karajau. 

äusserst hartnäckigen Belagerung mit vieler Aufopferung erduldete, 
schildert dieselben sowie die ferneren Ereignisse dieses Aufstände 
in seinem Buche von den Wienern mit lebendigen Farben. Nach 
Beilegang dieser politischen Wirren, keinesfalls vor 1465 verliess 
Beheim Oesterreich, nachdem er vom Kaiser seine Entlassung er- 
halten hatte. Später finden wir ihn am Hofe des Pfalzgrafen 
Friedrich, von 1474 verschwinden alle sicheren Spuren Ober die 
Lebensumstände unseres Dichters. — Das Hauptergebniss der Un- 
tersuchungen über seine Biographie fasste Herr von Karajan in 
den Worten zusammen: Wir erkennen in ihm einen Mann, der 
aus niederem Stande hervorgegangen, durch geistige Beschäfti- 
gung bis in die höchsten Kreise dringt, hier aber für redliebe 
Offenheit den Haas der Grossen erntet, wie treu er auch, selbst 
mit Lebensgefahr seinen Pflichten nachzukommen tiberall bemüht 
ist, endlich aber seinen Erfahrungen erliegend und am Ende sei- 
ner Tage, des ewigen Kampfes müde, gute Miene macht zu bö- 
sem Spiel, und was er sonst herausfordernd getadelt, in bitterer 
Ironie nun hämisch lobt, und nur noch dichtet, um zu leben. So 
entschwindet sein Bild unsern Blicken, und sein Charakter wie 
seine dichterische Befähigung seheint jedenfalls von Gervinns in 
der Geschichte der deutschen Dichtung zu wegwerfend, zu lieblos 
bezeichnet. 

Die gegenwärtige Ausgabe des Buchs der Wiener (andere 
Schriften des Dichters finden sich Einleitung S. LXXI ff. verzeich- 
net) beruht vorzugsweise auf dem vom Dichter selbst geschriebe- 
nen Exemplar. * Ueber das Verhältniss der andern abweichenden 
Handschriften findet sich eine umfassende gründliche Erörterung 
in der Einleitung; die Lesarten sind ausgezogen und hinten, wa- 
rum nicht lieber unter dem Text? aufgeführt. Ein Facsimile des 
Autographs legt die Schwierigkeit, daraus den Text zu geben, vor 
Augen. Namentlich sind a und o sich so ähnlich, dass die Schrift- 
zeichen kaum und in wenigen Fällen entschieden zu trennen sind. 
Es fragt sich daher, ob nicht Trennung beider Laute nach einem 
grammatischen Prinzip wäre durchzuführen gewesen; z. B. S. 205 
ist doch wohl zu lesen Z. 8 lob, Z. 9 offt not, Z. 17 römischen, 
Z. 27 non, Z. 31 wot; in allen diesen Fällen liest unsere Aus- 
gabe a für o. 

CDer Schlüte folgt.) 



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Nr. 16. HEIDELBERGER 1844. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 

i 

« 

JIJ. Beheim's Buch von den Wienern, herausgegeben von 

Karajan. 

CBeschluss.) 

Im Gänsen aber ist dieselbe jedenfalls als eine mit grosser 
Liebe und glücklichem Fleisse in Behandlung des Textes, in aus- 
führlicher Einleitung und reichem Namenregister ausgeführte Ar- 
beit zu bezeichnen, wie dies von dem gelehrten Schüler und 
Freunde Lacbinann's nicht anders zu erwarten stand. Die Ver- 
lagsbuchhandlung hat ihrerseits das Buch würdig ausgestattet. 
Auf dem Titelblatte steht des Dichters Wappen in Holzschnitt. 



Tristan und Isolde. Von Gottfried von Strassburg. Nachgebadet von 
B ermann Kurtz. Erste Lieferung. Stuttgart, L. F. Rieger'- 
seke Buchhandlung (Adolph Becher). 1844. 8. 

Das neu erwachte Interesse unseres Volks an den poetischen 
Schöpfungen der vaterländischen Vorzeit hat vielfache Thätigkeit 
den Meisterwerken mittelhochdeutscher Poesie in der Absicht zu- 
gewandt, dieselben auch solchen zoganglich und geniessbar zu 
machen , welchen die wissenschaftliche Kenntniss der alten Sprache 
abgebt. Wir haben eine ganze Reihe von Erneuerungen des Ni- 
belungenliedes, seit wenigen Jahren sind drei Bearbeitungen der 
Gudrun erschienen und damit die zwei Kleinode unseres alten 
volksmässigen Epos in neoer Sprache nachgebildet. Unter den 
konstmässigen mittelhochdeutschen tipopöen stehen Parcival und. 
Tristan oben an; und zu verwundern war es, nsohdem der Parzi- 
val kurz naoh einander zwei Uebersetzer gefunden, dass dem Tri- 
stan noch nicht ein ein einziger geworden war, da doch für die 
Sage vom Tristan in unserm modernen Bewosstsein, sollte man 
denken , weit mehr Empfänglichkeit sich linden muss , als für die 
duroh und durch mittelalterliche vom Parzival. Gottfried s Tristan, 
dieses ewig junge Lied der Leidenschaft, wie es hier mit Recht 
XXXVII. Jahrg. 2. Doppelheft. 16 



/ 



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248 TrUUn und IsoMc Gtftfrie«'« v. ^ftborg. 

genannt wjrfl, grftndvahr and sittlich trotz, winer Vejrwe£CtnJ]ejteu, 
trotz aljef yer^irruig fler sittlichen Verbfttnisve, flas Werl eines 
der grössten Dichter deutscher Zange, erscheint hier zum erstenmal 
in die jetzt lebende Sprache eigentlich übersetzt Frei bearbeitet 
ist der Tristan schon früher worden, von A. W. v. Schlegel in 
Octavstanzen , letf er nicht vollständig , und noch jüngst von Im- 
mermann, der gleichfalls sein Werk nicht vollendet hat Eine ei- 
gentliche Uebersetzung altdeutscher Dichtungen hat nun aber frei- 
lich die grössten, wir möchten fast sagen unüberwindlichen Schwie- 
rigkeiten, welchen die mit der Uebersetzung aus wirklich fremden 
Sprachen verbundenen gar nicht zu vergleichen sind, eben weil 
sie auf ganz anderen Verhältnissen beruhen. Bine grosse Anzahl 
der alten Wörter ist in der neuern Sprache noch gebräuchlich, so 
jedoch, dass sich die Bedeutung mehr oder weniger merklich und 
entschieden verändert und von der alten entfernt hat, und es ge- 
bort schon mehr als eine gemeine Kenntniss und Vertrautheit mit 
den altdeutschen Sprachdenkmälern dazu, um diese Veränderungen 
der Bedeutung allenthalben und in allen Fällen nur zu fühlen. 
Noch schwieriger aber wird es seyn, diese Worter in die neue 
Sprache zu verpflanzen. Sollen sie geradezu beibehalten und dem 
Leser ein Quid pro quo aufgetischt werden? Der Reim, in wel- 
chem dieselben stehen, wird in den meisten Fällen dazu verführen, 
wo nicht nötbigen. Soll man nun im Beim sich die Archaismen 
erlauben, ausser dem Reim sie tilgen? Das gäbe ein seltsames 
Spraobgemenge. Lässt man sie überall stehen, so wird das Ge- 
menge freilich nicht viel geringer, und man läuft Gefahr, von 
•Olchen, die die alte Sprache nicht kennen, nicht verstanden oder 
»issverstanden zu werden, Kenner aber, für die ja ohnehin solehe 
Arbeiten nicht sind*, werden damit auch nicht zufrieden seyn. Den« 
in beiden Fällen werden aie in der Bearbeitung ein Spracbge— 
misch erkennen, das einem um so unangenehmer auffallen muss, 
je mehr man sich gewöhnt hat, für die Sonderung und Unterschei- 
dung der Bedeutungen der einzelnen Wörter in den verschiedenen 
Perioden sein Ohr zu schärfen und offen au halten, und je öfter 
gerade der Sprachgeäbtere sich in den für den Kunstgenuss im- 
mer atörenden Fall gesetzt sieht, sich zu bestimmen, ob der Bear- 
beiter hier die alte oder die neue Bedeutung des Worts wolle 
gelten lassen. Nun sagt man freilich: die moderne Romantik hae 
alterthümliche Ausdrücke und Wendungen bei uns wieder einge- 
bürgert. Warum sollte diese der Uebersetzer altromantischer 
Dichter in die moderne Sprache nicht gebrauchen dürfen * €Je- 



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Triitan und Isolde Gottfried'* v. Strasburg. 243 

wiss würde man diese Archaismen dem Uebersetzer z. B. einer 
altfranzösisehen Dichtung oder dem Verfasser eines Gedichts im 
mittelalterlichen Costüm nicht allein nachsehen, sondern selbst ala 
Vorzog anrechnen ; aber hei Uebersetzungon ans dem Altdeutschen 
hst die Erfahrung wenigstens bis jetzt das* Gegentbeil gelehrt; 
man will möglichste Entfernung der alten Ausdrücke, man will 
ganze und vollständige Modernisirung. Auch ist hier wohl zu 
scheiden: die neuroroantisobe Dichtung hat wohl Altere Wörter 
wieder gebraucht, Maid, Recke und dergleichen,, Mage in der Be- 
deutung von Verwandter schon kaum ; allein mit altertümlichen 
Wendungen, z. B. einen eines Dings gewähren oder dergleichen, 
war sie mit Recht sparsamer, und zweideutige Werter, wie Moth 
in der Bedeutung von Wille, gehen nur in einem Zusammenhang, 
der alle Zweideutigkeit abschneidet. Die bisherigen Uebersetzer 
ans dem Altdeutschen gehen jedoch , verführt meist von der Be- 
quemlichkeit , die alten Reimwörter beizihebalten , mit wenigen 
Ausnahmen um einen guten Schritt weiter, als unser neuromanti- 
scher Dichter. Wollte man nun aber diese Spraehmengerei an 
nioh auch zugeben, so tritt damit noch ein anderer wesentlicher 
Umstand ein, dass nemlich dadurch der ganze Ton der Darstel- 
lung 1 in der Bearbeitung ein anderer wird, als im Original und als 
der Verfasser beabsichtigt hatte. Einmal erscheinen dadurch diese 
Diebtangen altertbümlieh , was sie in ihrer Zeit nicht sein sollten 
noch welken; die kunstmassigen Epopöen in kurzen Reimpaaren 
waren wenigstens durch und dureh modern, und nun erhalten sie 
ein ihnen durch die Darstellung selbst aufgedrücktes alterthümli- 
ehes Gepräge, das dem Kern derselben fremd ist Ferner, lesen 
wir z. B. im Plural die Kind statt die Kinder, was dem Reim zu 
Liebe aus der alten Sprache beibehalten werden könnte, oder ban 
statt haben und dergleichen, so maobt uns das den Eindruck des 
Naiven, um nicht zu ssgen Kindischen, ein Eindruck, der wieder 
nichts weniger als mit Absieht und Ausführung des Originals stimmt 
Diene Dichtungen erscheinen meist nur dem der alten Sprache 
Unkundigen naiv, und sind vielmehr durchweg kunstreich, berech- 
net, oft, besonders in späterer Zeit geziert und manierirt. Zu 
diesen sprachlichen Schwierigkeiten der Erneuerung altdeutscher 
Gedichte kommen ferner noch metrische. Uebergehen wir hier die 
volks massigen Epopöen, deren strophischer langzeiliger Bau weit 
leichter nachzubilden ist, und wenden uns vorzugsweise zu den 
Jcunstmassigen, welche in unbeschränkt fortlaufenden kurzen Reim- 
paaren abgefasst sind. Das metrische Hauptgesetz für dieselben 



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244 



Tristan und Isolde Gottfried'« v. Strasburg. 



ist bekanntlich das, dass Zeilen mit stumpfen Reimen vier, Zeilen 
mit klingenden der Regel nach drei Hebungen zukommen. Stampfe 
Reime sind aber in der mittelhochdeutschen Sprache viel leichter 
zu erreichen, als in der neuhochdeutschen, da jene an kurzen 
Wurzel vocalen , die mit darauf folgendem tonlosem e bloss eine 
einzige stumpfe Reimsilbe ausmachen, weit reicher ist, als die 
neue, in der sich so viele ursprünglich kurze Vocale gedehnt ha- 
ben. So ist das Wort „sagen" für uns entschieden zum klingen- 
den Reime tauglich, im Mittelhochdeutschen nur zum stumpfen, da 
das a kurz ist, und nicht auf „fragen" mit gedehntem a reimen 
darf. Auf diese Weise treten denn im Parzival, Tristan und der- 
gleichen viele Zeilen mit vier Hebungen ein, die, ins Neuhoch- 
deutsche übertragen, nur drei haben dürften, da das reimende 
Wort durch Dehnung des Grundvocals in der neuen Sprache aus 
einem stumpfen Reime zum klingenden geworden ist Ks bleibt 
für den Rearbeiter nichis übrig, als entweder das alte Reimgesetz, 
zu ignoriren, wodurch dem ganzen Gedicht eine Zier geregelter 
Mannigfaltigkeit und oft wobl berechneter Abwechselung eutgeht, 
oder, wie Karl Simrock beim Parzival gethan hat, sei es durch 
Wahl eines andern Reimworts, sei es dnroh Entfernung einer 
Hebung aus der Reimzeile dem Uebelstand zu begegnen, in welch 
letztern Falle freilich manches nicht gerade Unwesentliche von 
dem Original wird fallen gelassen werden müssen. Die Liste der 
hier angedeuteten Schwierigkeiten einer Uebertragung altdeutscher 
Poesien in die jetzige Schriftsprache liesse sich leicht noch ver- 
mehren; allein schon das Gesagte wird hinreichen, um die Frage 
aufwerfen zu dürfen, ob unter solchen Umstanden überhaupt eine 
Berechtigung zu einer derartigen Arbeit vorhanden ist, und nun, 
wenn sie unternommen wird, dem Rearbeiter immerhin Nachsicht 
angedeihen zu lassen für manches, was man anders wünschen 
möchte. Die Absicht bei einer solchen Rearbeitung kann nur die 
aeyn, durch dieselbe zum Geouss des Originals anzulooken und in 
diesem Sinne sei uns denn auch vorliegende Nachbildung des Tri- 
stan herzlich willkommen. In dieser ausgesprochenen Absiebt 
sohliesst sich auch die neue Ausgabe in der Seitenzahl an die 
massmannisobe Edition des Tristanlieds an, um solchen Lesern, 
welche den unnachahmlichen Zauber des Urtextes selbst gemessen 
wollen, die Lesung desselben auf die einfachste Weise möglich 
zu machen. 

Ich habe die bis jetzt erschienene Parthie des Werks mit 
Aufmerksamkeit durchlesen, und sicher ist dieselbe so leicht und 



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Vilraar: Anfangsgrunde der deutschen Grammatik. 245 

gefällig lesbar, als irgend eine ähnliche Arbeit. Die erste Liefe- 
rung erzählt nach dem auch im Urtext schwer verständlichen Ein- 
gang die Geschichte der Eltern des Helden, Riwalins und Blan- 
cbeflurs, ihren Tod, die Erziehung Tristan's bei dem Marschall 
Enal Ii Foitenant, seine Entführung durch fremde Kaufleute, wäh- 
rend er auf deren Schiff ins .Schachspiel vertieft ist, sein Zusam- 
mentreffen mit seinem Oheim König Warke von Kornwall auf ei- 
ner grossen Jagd, bei der er sich dem Hofgesind und dem König 
selbst so beliebt macht, dass dieser ihn in seiner nächsten Nähe 
zu behalten bescbliesst; ferner die Ankunft Ruals, seines ver- 
meintlichen Vaters, der ihn allenthalben gesucht hat und nun eine 
allgemeine Erkennung vermittelt, und scbliesst endlich mit Tri- 
stan's Schwertliede. In der Fortsetzung wird sieb H. Kurtz ge- 
nau an das Original ansobliessen , so weit die Bearbeitung Gott- 
friede von Strassburg reicht. Bekanntlich hat dieser grosse Mei- 
ster das Werk nicht vollendet und die beiden Fortsetzer haben 
ihn nicht erreicht Bei dem Schlüsse, wo keine Pietät gegen den 
Meister mehr gebot, soll daher willkührlicher verfahren werden. 

Von kleinern, wohl unter die Kategorie der Druckfehler ge- 
hörenden Versehen bemerke ich S. 4: ich verwirf, eine freilich 
noch in der schwäbischen Volkssprache erhaltene Form, statt ver- 
werfe. Ein paar Zeilen tiefer unter je statt stets. S. 83 ist zu 
Jenen mesnie. 

A. Keller. 



Anfangsgründe der deutschen Grammatik, zunächst für die obersten 
Klassen der Gymnasien, I. Lautlehre und Flexionslehre nebst go~ 
thischen und althochdeutschen Sprachproben, Von Dr. A. F. C. 
Vilmar. Zweite verbesserte und vermehrte Auflage. Marburg 
1841. VIII. und 104 S. 

Die Entunckelung der deutschen Sprache vom vierten Jahrhundert her 
bis auf unsre Zeit. Ein Beitrag zur deutschen Phonologie. Von M. 
Wocher. Ulm, 1843. VIII. und 84 S. 

Von welcher Bedeutung und Wirksamkeit Grimm 1 * deutsche 
Grammatik sei , zeigen ausser manchen andern Beweisen auch die 
vielen Schriften über frühere oder jetzige deutsche Sprache, wel- 
che dnreh jenes merkwürdige und unvergleichliche Buch mehr 
oder weniger veranlasst worden sind. Darunter gehören, welche 
wir hier besprechen wollen. In Grimm vereinigt sich Alles, um 



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246 ' Viluiart Anfangsgründe der deutschen Grammatik. 

dem Studium unserer Muttersprache aufzuhelfen, um der Ge- 
schmacklosigkeit und Unwissenheit, die früher dabei herrschte, 
endlich Schranken zu setzen. Erstaunliche Kenntnisse in allen 
deutschen Dialeoten sowie in andern verwandten Sprachen, Scharf- 
sinn, Scharfblick und ein glücklicher Taot, die Grenzen der histo- 
rischen Erfahrung in Ehren zu halten und nie in jene hyberbo- 
reisohen Regionen sich zu versteigen, wo die Nebelgebilde krank- 
hafter Phantasien und wunderlicher Träume ihr unglückseliges 
Wesen treiben, diess sind die Vorzüge, welche Grimm's Werk so 
sehr verbreitet und ihm auch bei den Verehrern des classischcn 
Alterthums dankbare Anerkennung verschafft haben. Was diesem 
Buche allein vorgeworfen wird, wiewohl bei weitem nicht von 
allen, ist eine minder bequeme Einrichtung. Man kann es aber 
auch nie allen recht machen, und wenn die Zahl derer, welche an 
ihre wissenschaftlichen Bereicherungen keine Mühe setzen mögen, 
überaus gross ist, darf man's dem tbätigen Manne übel nehmen, 
dass er sie so wenig hat bedenken können oder wollen? Kein 
Vorwurf ist es aber gewesen, wenn man, um auch Schüler zweck- 
mässig mit Grimm's Behandlung der deutschen Sprache vertraut 
zu machen, sein .Werk zu ausführlich gehalten und des Bedürf- 
niss eines passenden Auszugs, wenigstens aus der Laut- und 
Flexionslebre, lebhaft gefühlt und seit längerer Zeit auch befrie- 
digt bat. Unter den verschiedenen Auszügen nennen wir nur den 
von Herrn Vilmar, dessen Titel wir dieser Anzeige vorgesetzt 
haben. Es ist nach unserm Dafürbalten bei weitem der beste und, 
da für altdeutsche Sprache noch so vieles gethan werden kann, so 
möchte ich ratben, diese Versuche endlich einmal einzustellen and 
mit jenem guten Auszuge zufrieden, andere Themen zu wählen. 
Um nur einen Gegenstand anzugeben, der nicht einmal von dem 
Lieblingsthema sehr verschieden wäre, wie nützlich wäre es, wenn 
Jemand von dem einzigen althochdeutschen Dialect eine umfas- 
sende Grammatik schreiben wollte, so wie wir eine über den go- 
thiseben Dialect von den Herausgebern des Ulphilas zu erwarten 
haben. 

Wir wenden uns wieder zu Herrn Vilmar's Buch. Der Verf. 
kennt seine Quelle sehr genau und der Abriss, den er davon ge- 
geben hat, ist recht gut für den Standpunct des Schülers berech- 
net und beschränkt sich mit Recht auf den gotbisehen und die 
hochdeutschen Dialecte. Dass vorerst nur ein Tbeil der Gramma- 
tik bebandelt ist, besagt sohon der eben angeführte Titel. In Be- 
treff des rechten Maasses möchten wir keine Partie weder für k« 



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Wocher: Die Entwicklung der deutschen Sprache. 247 

ausgedehnt noch, was wenigstens die Bachstaben anbelangt, für 

KU knapp halten. Bei den Flexionen freilich vermissen wir noch 
manches, Was dach unserer Meinung nicht fehlen darf. Denn 
am der Nachhilfe der Lehrer irgend etwas anbeim zn stellen, 
mttssten ihre Kenntnisse weniger dürftig sein, als sie es bei den 
meisten sind. Weön z. B. Herr Vilmar bei den Verbalanomalien 
vom Althochdeutschen den Conjunctiv Präs. und Prät< neben dem 
Indicativ angibt) warum geschieht es nicht auch vom Gothiscben? 
Um das Verbnm magan (posse) zu nehmen, so werden die go- 
thiscben Coajanotivformen magjau Matth. 9, 28, mahtddjau 
nicht weniger als die althochdeutschen megi, mohti der Angabe- 
bedürfen. Auch werden bei letztern die Nebenformen magi, 
mahti Graff 2» 607. 608. nicht tibergangen werden dürfen. In 
magi neben megi sehen wir nämlich den Fortschritt zum mittel- 
hochdeutschen müge, dagegen in mahti lieben mohti den Fort 
bestand das filtern a in der gothiscben Form mabtödjau. Seil 
ich nun auch noch von der Declination einen Fall anführen, so 
ist das Paradigma der starken Feminina auf a nicht zureichend, 
und es hätte der Gen. Sing, auf ü, der Dat. Sing, auf a (vergl. 
Gr äff BS und 14) ebenfalls angegeben werden müssen. Ebenso 
bitten auch anderwärts ähnliche Abweichungen nicht fehlen dür- 
fen, Der Umfang des Bachs wäre bei einer kurzen Angabe der- 
selben nur unbedeutend erweitert worden, während es an practi- 
sohem Werthe so viel dadurch gewonnen hätte. Hoffentlich wird 
bei einer dritten Auflage, die nicht lange ausbleiben dürfte, für 
Alles, was in der Art noch zu wünschen übrig bleibt, gesorgt 
werden. Dann werden vielleicht doch auch die beigefügteu Lese- 
stücke um Einiges zu vermehren sein. 



Dem Stoff nach gleich, aber in der Tendenz 5 und BehandJang 
durchaus verschieden HM das andere Buch, zu dem wir jetzt über- 
gehen. Dem Tffcel nach erwartet man eine ähnliche Schrift wie 
die eben besprochene; nur freilich dass der Znsatz ein Beitrag 
zur deutseben Fhonologie einen neueil Standpunkt der Be- 
trachtung vermnthe» läset. Es verhält sich aber so damit, wie 
ich jetzt, Wenn der Leser es zufrieden ist, mit des Hefrn Verfas- 
sers eigenen, nur hie und da etwas abgekürzten Worten der Vor- 
rede- berichten werde. 

«Ähre eigene Bewandaits bat es noch mit allem, was auf 
deutsobe Snracbkunde Bezug hat. Hier ist das grosse Werk ron 



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348 Wocher: Die Entwicklung der deuUehen Sprache. 

J. Grimm billig von angemeiner Autorität. Aber eben die bewun- 
dernde Ehrerbietung and Dankbarkeit, womit für allen etwaige 
Gelingen der pbonologisehen Betrachtung des deutschen Sprach« 
lebens auch ich dem grossen Lehrmeister mich verpflichtet fühle, 
wie andererseits das eigene Interesse der Wissenschaft ist. es, was N 
mich bestimmen mass, noch weitere and speoiellere Nacbweisongen 
über den wichtigen Gegenstand za geben. Da ich in der Pbono- 
■ logie (Herr Wocher hat eine „Allgemeine Phonologie u schon frü- 
her bekannt gemacht) eine directere Bestreitung abweichender An- 
sichten und ausführlichere Naobweisung im Einzelnen nicht pas- 
send finden konnte, and gerade dieses Irrungen veranlassen mag, 
so wird die besondere Zusammenstellung dessen, worin die Er- 
gebnisse der pbonologisehen Metbode von der in Grimm s Gram- 
matik angenommenen Betrachtungsweise abweichen, wol gerecht- 
fertigt sein and im weitem nach zar geeigneten Veranschaulichung 
dienen, wie einfach so manche Räthsel des Spracblebens vom 
Standpunct der Phonologie za lösen sind. Wer ein Freand der 
deatseben Sprache ist, für den wird es jedenfalls nioht ohne In- 
teresse sein , den allmäligen Verlauf ihrer Entwicklang in solcher 
Ueberscbaa za verfolgen. Eine umfassende Besprechung . aller 
Abweichungen von Grimm's Grammatik war indess weder erfor- 
derlich, noch so leicht thunlich. Zunächst handelt es sich ja doch 
nur um ein paar Hauptgrundsätze, die in aller weitern Betrach- 
tung das Urtheil bestimmen." 

Ich glaube, dass der Leser, der vielleicht kein Grammatious 
ex professo ist, mir Recht geben werde, wenn wir ans die letzten 
Worte Herrn Wocber's zu Nutzen machen and ans eine umfas- 
sende Besprechung ersparen. Es bandelt sich doch auch in nn~ 
aerm Fall nur am ein paar Hauptsätze, die das weitere Urtheil 
bestimmen. Wir können die Phonologie, der wir ein glückliches 
Gedeihen wünschen, hier ganz auf sich beruhen lassen und brau- 
chen für dies Mal nur einige Blicke auf die Anwendung za wer- 
fen, die Herr Wocher von ihren Gesetzen macht und mit der er 
ans manche Räthsel des Spracblebens za lösen and auch abwei- 
chende Ansichten Grimm's zu bestreiten sucht. 

Die Lautgesetze für das Sprachorgan, welche Herr 
Wocher $. 8 aufstellt, wollen wir vor allem kurz mittheilen. 

1) Die zur Bildung eines Consonanten erforderliche Mund- 
stellung neigt sioh lieber zu dem einen als zu dem andern Vocal. 
Dieses Lautgesetz (Gesetz der Vooalneigung) wirkt vor- 
und rückwärts, auf An- und Auslaut eines Consonanten, und 



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Woeher: Die Entwicklung der deutschen Sprache. 149 



schliesst umgekehrt auch das organische Verhältniss der verschie- 
denen Vocale zu einem bestimmten Consonanten in sich. In aller 
Anwendung aber muss es mit den andern Lautgesetzen innig ver- 
banden sein. 

S) Hierbei ist der Grad von Kürze oder Dehnung der Aus- 
sprache von wesentlichem Einfluss, wonach es sich in jedem be- 
sondern Fall bestimmen moss, ob der eine oder andere Vocal füg- 
samer und bequemer sei. Ein Vocal, der in grosser Dehnung be- 
quem zu sprechen (z. B. ga), wird minder bequem wo nicht hart 
and widrig bei flüchtiger Aussprache. Wir nennen es das Ge- 
setz der Quantität. 

3) Nicht allein zwischen je zwei der nächsten oder anmittel- 
bar sich berührenden Laute and Silben besteht ein organisches 
inniges Yerh&ltniss, das die mehr oder minder bequeme Ausspräche 
bedingt, sondern auch zwischen den sammtlichen Lauten eines 
Wortes; ja noch mehr — auch zwischen Wörtern und Wörtern 
im lebendigen Geweb eines Satzes. So wäre vielleicht 
bei flüchtigem Aussprechen ga oder ge nahezu gleich bequem, 
anders aber im Wort: der Gast, die Gaste; da wirkt Endong 
und Artikel ein. — Es ist das Gesetz der Symphonie (or- 
ganische Assimilation oder Attraction). 

Es liesse sieh nun zwar über diese Lautgesetze, wie sie ans 
Herr Wocher aufstellt, manches sagen, allein, wie gesagt, es 
scheint passender nur an ein paar Beispielen zu sehen, wie sie 
sich im Gebrauche des Herrn Verfassers ausnehmen. Er lehrt 
ans S. 53, 54, dass wenn ich vant im Plural in wir vunden 
ablautet, die Bequemlichkeit dieses Ablauts im lebendigen Context, 
z. B. si vunden daz vogellin nicht verkannt werden könne. 
.Es zeige sich in diesem Ablaut eine gute Wahrnehmung des Sym- 
phonismus in etwas beschleunigtem (immerhin aber noch wohl ge- 
haltenen) behaglichen Tempo. Wir müssen gestehen, dass wir 
für das behagliche Tempo in wir vunden keinen Sinn haben, 
der Context sei nun von welcher Art er wolle, and dass wir 
vanden, wenn es existirte, uns ebenso bequem wie jenes schiene. 
Nun haben wir freilich hiermit gegen Herrn Wooher noch nichts 
. bewiesen ; man könnte uns vielmehr etwa Mangel an feinem Sprach- 
gefühl vorwerfen, oder man könnte gar meinen, unsere einge-' 
fleischte Ansicht möchten wir der Wahrheit nicht opfern. Zorn 
-Glück steht uns aber noch ein Mittel zu Gebot, welches wirksa- 
mer sein mag. Was könnte wohl geeigneter sein, Herrn Wocher 
seines Irrthums zu überfahren, als wenn wir eine Stelle, die er 



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250 Wocher: Die Entwicklung der denUchen Sprache. 



Belbst citirt, alt Senge gegen ihn auftreten lassen. Der Verf. 
robrt nämlich in einer Anmerkung zu dem, was er aber den Ah- 
laut de« Pinr. Pract. sagt, folgende zwei Stellen ans WaCkerto. 
Leseb. »40, »8 (Grimm Rnol 306, »3) sie vuhten »ft grimme 
Nib. XXIX., 40 (Laohm. 1785, 9) dd si hie bi Ezeien vähten 
manigcn wfk. Die gesperrte Schrift von sie vor vuhten, tan 
Szelen vor v&hten soll den Sympnontsmos hervorheben, und 
min wird ganz kurz hinzugefügt * beides im Context sehr bequem. 
Nun versetzen wir aber , dass aller Bequemlichkeit zum Trotz In 
der erstem Stelle die hiesige Handschrift die Form auf & bat. 
Damit man aber nicht etwa an einen Schreibfehler denke, so he>- 
ttertert wir, dass auch im Iwein der Wechsel von vfthten und 
vuhten bei einer und derselben Stelle, z. B. 5999. 7946. (vergt. 
Lachm. zu 4108) vorkommt. Sollten Unsere Leser zu boren wun- 
sehen, was die schlichte Grammatik über jenes dopp eiförmige 
Pfaeterttum sage, SO geben wir folgenden Aufschlüsse vuhter 
Ibach erster Conjogation ist die Ältere tform, die im Althochdeut- 
schen allein vorkommt (vergl. Graff 3443). Sie hat stell zwar 
noch bis ins 19. und 13. Jahrhundert fort erhalten, jedoch nur Mi 
mittel niederdeutschen Dichtern Cdet Abschreibern; im mittelhoch- 
deutschen gilt dagegen nur v Anten nach zweiter Conjogation. 
Solche Uebergfinge ans einer in die andre Conjogation kommen 
auch sonst vor. Dass aber in den Werken , ans denen Wir das 
Schwanken zwischen vuhten und * An ten nachwiesen, auch noch 
andere Beweise rorkommen, dass die Schreiber, welche erBteres 
haben, Niederdeutsche seien, bestätigen mir die Vorreden von W. 
Grimm zum Rolandslied S. XIX., und von Lacbmann zum Iwein 
(zweite Ausgabe) S. 367. 

Eitlen andern Fall, wo Herr Wocher nicht weniger Im Irt- 
thum Ist, treffen wir S. 35, wo vom organischen Formen- 
Wechsel im Context homogener Wörter die Rede «t Da 
heisst es wieder ganz kurz: „Man vergleiche im lebendige« Ctort- 
telt mit eigenem Sprachgefühl fou theru bürg . in there 
fristi . mit theru muater." Dies Mal ist nur die Endung des 
Artikels in der Schrift hervorgehoben, das übrige aollen wir seihst 
herausfühlen. Ueberhaupt handgreifliche Regeln, wie die gewöhn- 
liche Grammatik sie überall bietet, finden Aich Wenige bei der 
pbonologisehen Methode. Ich weiss daher triebt, eh ich Herrn 
Wocfcer'a Sinn erratbe, wenn ich so beobachte: fhertr ist ge- 
wühlt, weil es bequemer zu btf, mua, den Anfangen der darauf 
folgenden Wörter, passt am thera; thera hingegen, weil e* sieh 



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* 



Wocher: Die Entwicklung der deutschen Sprühe- 2*1 

mit f ri besser verträgt als theru. Oder sollen wir steh das des 
Artikel vorhergehende Wort in die Beobachtung sieben? Wie 
dem nun sei, so können wir eine Sprache, wenn sie wirklieh so 
delicat ist, keine männlich« nennen. Der Leser würde und viel- 
leicht den Beweis , dass die althochdeutsche es nicht gewesen sei, 
und dass jener Formwechscl keineswegs auf der ihr angedichteten 
SubtUität beruhe, erlasssn, aber dem Verfasser dürfen wir ihn 
nicht vorenthalten. Wir nehmen nur das mittlere Beispiel, um die 
Geduld nicht unnötbig auf die Probe zn setzen. Ebenso gut wie 
in thera fristi sagt Otfried auch in thern fristi z. B. HL, 
9, 19. Noch andere Stellen findet man bei Graft* 3, 836. Weit 
mehr als in dem Bisherigen schadet Herr Wooher sieh nnd seiner 
Theorie in dem, was jetzt ananfahren ist. Bs heisst auf dersel- 
ben Seite allo — alla — alle — ellu* Diese Formen man- ^ 
nigfaltig bei Otfried, scheinbar regellos, aber fühlbar dem heimli- 
chen Spracbgesete folgend. Man vergleiche „allo ziti, alle 
worolt, alle thie liuti, ellu sin gewalt-" Wir wollen 
dem Leser nicht das Wort a 1 deoliniren, aber um einen Vergleich 
zu machen, was würde man von uns urtheilen müssen, wenn wir 
die lateinischen Beispiele omnia tempora, omnem mfcndum, 
amnes bomines, omnis potent ia für soheinbar regellos^ 
aber fühlbar dem heimlichen Sprachgcsetn folgend erklären woll- 
ten? Dies ist nicht das einzige Mal, dass wir uns von des Ver- 
fassers schwachen Kenntnissen in der altdeutschen Grammatik 
überzeugen können, vielmehr bietet er uns leider nur zu oft dazu 
Gelegenheit. So sind S.59 das mhd. Praet. b out für bot, S. 44 
das and. Praes. werthit für wirthit, S. 17 der ahd. Dativ va- 
teru gotb fadaramma Herrn Woeher's eigene Erfindungen, die 
er zum Thsil gemacht bat, um uns feine phonelogische Unter« 
schiede zu zeigen. Und dieser Mann will für das Stndium der 
deutschen Sprache neue Grundsätze aufstellen und GrimnVs For- 
schungen zureobt weisen ? Wie jedooh Letzteres geschehe, davon 
soll jetzt zum Schluss eine Probe gegeben werden. Es ist gut, 
im Allgemeinen vorauszuschicken, dass Grimmas Satz, der auf 
grammatischer und metrischer Erfahrung beruht, dass in Bezug 
auf Quantität der Vooale alimäblig eine Neigung zur Production 
in den deutschen Dialekten eintrete, Herrn Wocher ein Hauptär- 
gerniss gibt, und dass er, nachdem er entgegengesetzter Meinung 
sein zu müssen sieb eingebildet hat, von allerlei Wörtern uns 
neue Quantitäten, namentlich in den ältesten Dialecten, lange Vo- 
cale aufdringen will. Stellt z. B. Grimm mhd triben (pelli- 



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255 Wocber: Die Entwicklung der deutschen Sprache. 

* 

mos), triben (pepulimus) auf, so sagt Herr Wocber umge- 
kehrt im Praeseos tribeo im Praet. triben; schreibt jener goth. 
giba (donum), kosom (elegimos), so setzt dieser gib», 
küsum. Es wäre noo aoob hier wieder, wie bei der Symphonie 
und dem Context, ganz leicht Herrn Wocher zu zeigen, wie ober- 
flächlich er sich in diesen Dialekten umgesehen habe, es könnte 
z. B. von dem zuerst angeführten Worte aus der genauen Verst- 
und Reimkunst des mhd. Dialeots bewiesen werden, dass das Praes. 
triben nur im weiblichen, das Praet triben nur im männlichen 
Keim vorkommt, aber eine Verteidigung Grimm 's würde nach 
dem, was bisher zwischen Herrn Wocher und uns zur Sprache 
gekommen ist, sehr unpassend erscheinen. Wir begnügen uns 
daher mit der versprochenen Probe und wählen dazu die beiden 
andern Wörter giba und kusum. Es steht 8. 90 geschrieben : 
„Sollte u im Gothischen nach Grimm's Annahme kurz sein, so 
hätten wir z. B. weis kusum (wir erkoren) zu lesen, also 
das Pronomen onverbältnissmässig zu betonen." Aehnliob S. 91 i 
„Sollen wir den Artikel sö als Länge stark dehnen und giba 
mit zwei Kürzen sprechen ? Wäre dies dem logischen Verbältniss 
gemäss? Ich denke, wir lassen lieber langes i und u aooh im 
Gothischen gelten." Welcher unserer Leser, fragen wir, glaubt 
wobl, dass der Sprachgeist, als er die beiden goth. Wörteben gi- 
ba, kusum schuf, bei jenem den Artikel, bei diesem das Prono- 
men zu Hilfe genommen habe, um die Quantität zu bestimmen? 
Aber diese Ungereimtheit selbst einen Augenblick zugegeben, steht 
denn wirklich, fragen wir Herrn Wooher, Artikel und Pronomen 
zu jenen Wörtchen im Miss verbältniss? Verhält sich nicht, nm 
uns metrischer Zeichen zu bedienen, sö zu giba, weis zu ku- 
sum wie - (=w) zu uu(=— )? Nehmen wir einmal ri^tlq 

foptv , so bekommen wir das ungleiche Verbältniss (= ww 

oder — «« oder uu— ) zu wo (c=:— u oder o— ). Wer möchte aber 
darum den Griechen einen Verstoss gegen logische Combinationen 
vorwerfen? 

K. A. Hahn. 



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Cicero de Officii« ed. Stnerenbnrg. IM 

M. T. [TulliiJ Ciceronis de Officiis UbriUI. Recensuit Ru- 
dolphus Stuerenburg, Phil. Dact. Bymn. Hüdb. Vir. Accedit 
Commentarius. Lipsiae. 8umptu Reichenbachiorttm fratrum. ±843. 
VI. und 182 Seiten, wovon der Text 123 einnimmt. 

4 

Wer, wie Ref., die im Jahre 1834 erschienene Ausgabe des- 
selben Werkes von demselben Herausgeber vor sich hat, deren 
Vorrede LX. Seiten, deren Text 194 Seiten enthielt, wozu noch 
8 Oommentationes mit 100 Seiten kamen, und zu welchem noch 
ein Commentar in einem besondern Bande versprochen war, wird 
sich wundern, noch vor Erscheinung des versprochenen Common- 
tars, eine neue Ausgabe angekündigt zu sehen, die sich nicht 
als zweite ankündigt, und doch nicht die mit neuem Titel ver- 
sehene erste ist, und überdiess in einem andern Verlag erscheint 
Erwägt man jedoch, dass der Herausgeber von mehrern Seiten 
über jene Ausgabe Bemerkungen genug erhielt, die ihn von der 
Unzweckmässigkeit . derselben überzeugen mochten , und dass er 
diess wohl auoh bald ohne jene Bemerkungen gefunden haben 
würde, so* wird man. sich diese Erscheinung erklären können. Der 
Herausgeber will an jene Ausgabe auf dem Titelblatte nicht mah- 
nen, zumal da die gegenwärtige ein ganz neues Werk ist In 
der Vorrede erklärt er jene für einen Missgrüt, und seine ver- 
meinte Verbesserung des Textes aufrichtig für eine Verschlimme- 
rung. Nach neun Jahren macht er nun diesen Missgriff auf eine 
ihn ehrende Weise wieder gut. Als junger Mann hatte er mit 
der Rede des Cicero pro Arehia poe*ta im Jahr 1839 rühmlich 
debütirt, und dann zu sehr geeilt, ein neues Werk erscheinen zu 
lassen , bei dem er einem nicht baltbaren Prinoip zu Liebe, gewal- 
tig rasch im Aendern zufuhr, und jede Aenderung unbedenklich 
für eine Verbesserung erklärte. In ähnlicher Weise hatte der 
verstorbene Prof. Beier, nachdem er die Officien mit reicher Aus- 
stattung hatte erscheinen lassen, bei dem Lälius einer Maxime ge- 
huldigt, die uns für den Text des Cicero, wäre sie consequent 
durchgeführt worden,' eine verbissene, zerhackte und stammelnde 
Prosa geboten hätte. 

Herr Dir. St. bietet nun hier durchaus keine Schulausgabe, 
obgleich Nichts bindert, seinen jetzigen Text zum Grunde zu le- 
gen, wenn auch nioht alle seine Aend erringen oder Verbesserungs- 
versuche gebilligt werden können: auch gibt er nichts weniger, 
als einen erklärenden und Cicero's Gedanken mit seinen Quellen 
oder Nachahmern vergleichenden oder gar einen sogenannten forf- 



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254 Cicero de Offieiit ed. Stuerenburg. 

laufenden Commentar. Sein Commentar ist nichU weiter, als da«, 
was Petr. Victorius Explicationes saarum in Ciceronem castiga- 
tionnm nannte. Br bespricht fast keine Stelle, bei der er nicht 
irgend Etwas kritisch zu erörtern hatte, entwickelt keinen Sprach- 
gebrauch, ausser tum Belege irgend einer kritischen Behauptung, 
nnd gibt keiae Sacherklaruag , wenn sie nicht »um Beweise einer 
Lesart dienen rauss. In der Vorrede nimmt der Herausgeber übri- 
gens den Mund etwas voll, nnd stimmt einen ziemlich hoben Ton 
an, wenn er sagt, Lambin, Beier und Orelli (Andere werden nicht 
genannt) haben zwar viele Stellen berichtigt, aber doch habe er 
bei den meisten Stellen die Untersuchung wieder von vornen he-* 
ginnen müssen , er habe eingewurzelte Vorartfaeile zu beseitigen, 
seit Jahrhunderten verworfene Leearten als trefflich nachzuweisen 
gehabt, viele Conjecturen gemacht nnd aufgenommen, keine aber 
machen wollen, die er nieht habe aufnehmen können, endliob habe 
er das Ansehen des Nonius in diesen Büchern als unverdient nnd 
ungehörig dargethan. Für alle diese Behauptungen gibt nun der 
Commentar allerdings Belege: aber es ist weder mit dieser Arbeit 
nun Alles abgetban v noch ist das, was geschehen ist, durchaus 
Aber allen Zweifel erhaben. Namentlich spielt in den Anmerkun- 
gen der Ton, der auf diesem oder jenem Worte ruhen oder nicht 
ruhen soll, und dessen falsche Auffassung so viele falsche Aen- 
d orangen, so viele Missverstandnisse herbeigeführt habe, eine fast 
zu grosse Rolle, so dass man oft zu fragen versucht wird, eb er 
nicht etwa den Cicero selbst corrigirt habe ; und obgleich in recht 
vielen Stellen die Angabe des Worts, auf dem der Ton liege, als 
richtig erkannt werden darf, so mischt sich doch leicht zu sehr 
die Subjeotivität des Betrachtenden ein, als dass man Bemerkungen 
der Art immer objective Gültigkeit zuschreiben dürfte. Oft eitirt 
er seine zweite Auegabe der Oratio pro Archia, die dem Ref. lei- 
der nieht zn Gebote stand. 

Indem wir nun eine Anzahl Stellen des e raten und zwei- 
ten Ruches zu besprechen uns anschicken, bemerken wir zuerst, 
dass wir nur die neue Ausgabe der O/Ticien ins Auge fassen, 
tbeils der Kürze wegen, theils weil der Heransgeber selbst sich 
von der ersten gleichsam losgesagt bat. Wir bemerken ferner, 
dass wir dem Herausgeber die Anerkennung schuldig sind, er 
habe mit feiner Sprachkenntniss und mit Besonnenheit gearbeitet, 
habe wirklieh nicht wenige Stellen zuerst recht verstanden, viele 
durch Beseitigung von Conjecturen Anderer, manche durch eigene 
leichte nnd einleuchtende Conjecturen geheilt, und hei dem Tadel 



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Ckero da Offioiü ed. Stuerenbursr. 356 

«einer Vorgänger im Ganzen «ich 49t verieteeuden Tones enthal- 
ten, der der Sache schadet , und so gen* und gar bei» Erfordere 
Bisa einee eresten und tüchtigen Strebcns ist. Wir kflueen una 
nicht enbeisobig machen, alle die Stellee, oder euch nur mehrere, 
herauszuheben , die uns zu dem Urtbeil zu berechtigen scheinen» 
der feit bebe deren diese Ausgabe wesentlich gewannen, und, 
verdiene sehr die Beachtung picht nar der Bearbeiter, sondern auch, 
4er Leser des Cicero, so wenig wir auch alle diejenigen Steilen 
berühren können, welche uns zu Ä weifein oder BedeiikUohkciten 
veraelessten, und wohl auch verfehlt schienen. Pen überwiegen- 
den Baum müssen wir jedoch den Einwendungen gestatten. 

L, i, 3: nemiei video Graecorum adbuc oontigisse, ut idem 
utroqee in genere lab o rare t. Dass die M8S. fest eUe in labo- 
raret zusammenstimmen, und das« elabornrot eitler gesagt wäre, 
auch hier nicht vom Erfolge , sondern vom Streben die Rede sey, 
das zusammen bestimmt den Heraosg,, sich für laborerct zu enU 
scheiden, Wir erwiedern; Pass nach genere das e in den Ä^SSk 
ausiel, wird keinen der Paläegrapbie Kundigen befremden, un& 
darum euch die Autorität der CeddU kein Gewicht in die Wag- 
schale gegen elaboraret legen, Pees das Letztere nicht ohne ei- 
nige Eitelkeit gesagt wäre, mag seyn: dass aber der Vater, ee^ 
nem Sohne gegenüber, nicht mit gerechter Sclbstecbätzung spreche^ 
ist eine Forderung moderner Pelioatesse: und somit fällt aoeh die 
dritte Einwendung weg, das« Cicero mehr vom Streben« als. vom* 
Erfolge, spreche» Denn wahrlich, er durfte wohl von einem Er«« 
folge seines Ströhens reden, und dess er dann sequeretur, und 
nicht coneequeretur sehreibt, ist einerseits, im Hinblick auf sich, 
von Cicero bescheiden genug, andererseits läset er wieder den, 
©riechen Gerechtigkeit wiederfahren» indem er einräumte, sie hät- 
ten etwa wohl Etwas in der Art leisten können , wenn sie diesen. 
Weg eingeschlagen hätten. So mochten wohl die Herausgeber 
denken, die elaboraret vorzogen, t~ Die Bemerkung über die ver- 
sichernde Bedeutung von equidem (I.» !, 4) ist richtig, so wie die; 
Warnung, dass man es nicht für „ich für meinen Theil" nehmen, 
soll. Es sollte aber, wenn einmal diese Bemerkungen nothwendig 
schienen, ernstlich beigesetzt seyn, dass Cicero, der es immer mit 
der ersten Person des Singulars verbindet, die, letztere Meinung 
selbst veranlasst habe: auch könnte für die, für welche die An- 
gabe der rechten Bedeutung nöthig schien, auch der Grund, auf 
dem sie beruht, angedeutet werden. — I., 2, 7: Oinnis — , quae 
a ratio ne suseipitur de aliqua re institutio, debet a deflnitionc 



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25« Cicero de Officüs ed. Stuerenburg. 

* 

proflcisci. Das a haben freilich die Handschriften: die des Ref. 
hat sogar darüber die Glosse ab intellecto, also nicht in dem 
Sinne, wie Herr Dir. St. erklärt: a philosophia, eher, wie Andere 
es erklären, s. v. a. quam ratio suseipit. Aber fragt man nach 
der Rechtfertigung dieser Prosopopöie , so bringen die Erklärer 
die heterogensten Stellen ans Cicero (von denen dennoch keine; 
auch nur den Worten nach, zutrifft), sondern auch aus andern 
Schriftstellern, z. B. wer sollte es glauben? — den Vers des 
Lucretius I., 948: id quoque enim non ab nulla ratione vide- 
tur bei. Wir enthalten uns, zu tbun, was Beier aufs «Befriedi- 
gendste gethan hat, nemlioh die Notwendigkeit der Lesart quae 
ratione suseipitur darzuthun, und bemerken nur noch, dass das 
a die Zuthat eines Grammatikers ist, welcher diesen Satz mit dem 
folgenden debet a definitione proflcisci in eine vermeintliche 

, Harmonie bringen wollte. Und wenn Herrn Dir. St. das ratione 
wieder nicht bescheiden genug klingen will, so fragen wir, ob 
denn der Vater nicht zum Sohne sagen soll, er wolle thun, was 
seyn muss? man müsse nemlich, wenn man methodisch verfahren 
wolle, erst den Begriff dessen, von dem es sich bandelt, feststel- 
len? — I., 4, 14: quod, etiamsi nobilitatum non sit, tarnen hone- 
stum sit. Allerdings haben die meisten Codd. honestum sit, und 
Zumpt sagt in der kleinen Ausgabe, dieser Conjunotiv entspreche 

• dem sit in der Protasis, und sey ungefähr so viel wie erit: Herr 
Dir. St. aber lässt den Begriff von wahrlich im Conjunctiv lie- 
gen, und will es „cum scita quadam asseveratione" gesagt seyn 
lassen. Aber was einmal grammatisch falsch ist, wird durch diese 
Versicherung weder elegant nooh richtig. Und da man weiss, 
dass nach Vocalen und nach — um die ältesten MSS., z. B. die 
Codd. rescripti, 'st geben, so darf man annehmen, dass, besonders 
da non sit eben vorausging, hier, wie oft genug geschah, von 
spätem Abschreibern 'st in sit verwandelt, oder sit gelesen wurde. 

I 7 ? 20: et huic [iustitiae] coniuneta beneficientia. So 

[benefleientia] haben freilich viele MSS., auch haben diese Schrei- 
bung Mehrere empfohlen, deren Gründe (wenn man sie so nennen 
kann) in der Ausgabe des Grävius zu dieser Stelle sich finden, 
die aber schlecht genug sind. 

CDer Beschlust folgt.! 

* * 



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Nr. 17- HEIDELBERGER 1344. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



Cicero de Officiis ed. Stuerenberg. 

CBeschluts.) 

■ 

Das Richtige, die rechte Analogie, hat Beier noch gegen 
Sofaätz in Schatz genommen. Dass aber, wie unser Heraasgeber 
ssgt, beneficientia geschrieben werden müsse, „ubi majore qua-* 
dam vi dicendum est", das ist doch schwerlich mehr, als ein Ein- 
fall. Beneficientia folgt nothwendig der nemlicben Analogie, wie 
magnificentia and mnniflcentia, von beneflcas, magnificus, inunift- 
oas. Demnach müssten wir in Zukunft auch eine grossartige 
Magniflcenz magniflo i e n tia , and eine grossartige Muniilcenz 
muniflcientia nennen: wären beide etwas kleinlich and bettelbaft, 
so müssten sie sich magnificentia and manificentia nennen las 
sen. — I., 7, 21: — qaod cuique obtigit, id quisqae teneat: e 
quo si qui sibi appetet, violabit ios humanae societatis. So die 
meisten und besten Codd. (die Aasgabe eo si qui sibi plas ap- 
petet, viol. j. h. soc. aas wenigen, ohne Zweifel oorrigirten, MSS. 
Beier, nach Görenz's Vermutbang, läset eo weg). Egregie, sagt 
der Heraasgeber. Denn nicht das ist Verletzung des Rechts der 
menschlichen Gesellschaft, wenn man mehr wünscht, als man hat, 
sondern wenn man Andern das nicht lassen will, waa ihnen ge- 
hört. Gut. Ref. findet an dem eo -.- plus doch kein sonderliches 
Wohlgefallen. Denn erstlich sieht es der Correctur eines den 
Text nicht Verstehenden gleich; sodann sagt Zumpt mit Recht, 
gegen das Trachten nach grösserem Besitz sey Nichts einzuwen- 
den, wohl aber dagegen, wertn man nach des Andern Eigenthum 
trachte. Hat man nun aber so den rechten Sinn, so genügt es 
nicht, aliquid zu suppliren, wie uns angesonnen wird: denn so 
Etwas lässt] Cicero nicht ans. Hat er nun aber pro Tall. §. 17. 
geschrieben: si quis quem imprudens oociderit, so kann und wird 
er auch wohl an unserer Stelle geschrieben haben: e quo si qui 
quid sibi appetet — . Und das halten wir für die achte Lesart. 
Die Entstehung der Corruptel erklärt sich leiebt. — I., 9, 2t>: 
nam altern m iustitiae genus assequuntnr, in in ferenda ne eui 

XXXVII Jahr- 1 Hopp Pili. iL 17 



958 Cicero ite OfTiciis eil. Stnerenbcrg. 

noeeint iniuria, in altero dclinquunt. Viele Ausgaben lassen 
inititlae weg und in vor inferenda: und für das Letzte haben sie: 
inalterumincidunt. Der Herausgeber folgt den MSS., be- 
sonders dem Berner Codex. Mit der ersten und dritten Verände- 
rung sind wir einverstanden, mit der Aufnahrae des in niebt ganz. 
Ref. kennt die Stellen wohl, die man für dieses in anfuhrt, na- 
mentlich die scheinbar ähnliche pro Ligar. 2: In I/igario conser- 
vando multis tu — graturo facies*). Aber Cicero's Sprachge- 
brauch steht doch über den Lesarten auch der besten Abschreiber. 
Wie leicht wiederholte sich das i n durch ein Versehen : und der 
Sinn von i n inferenda ist doch ein anderer, als der von inferenda. 
Jener Satz sagt, man soll beim Unrechtthun oder Beleidigen Kie- 
manden schaden: der andere erst gibt den rechten Sinn: man soll 
Keinem durch Unrechtthun oder Beleidigung Schaden zufügen. 
Das Letztere, sagt Cicero, sey noch nicht genug: man müsse den 
Nebenmenschen auch durch thätige Hülfe vor Schaden zu bewah- 
ren suchen: sonst schade man ihm doch mittelbar. — < I., 11, 37: 
Adeo summa erat observatio in hello movendo. Dies ist das in 
der Manier des Tacitus geschriebene, viel besprochene Epiphonem 
zwischen zwei Anekdoten, den Sohn des altern Cato betreffend, 
welche weder zusammen, noch zum Zusammenhang passen, da sie 
von einer einzelnen Person handeln, während in der Abhandlung 
selbst vom Staate die Rede ist. Blickt der obige Satz rückwärts 
auf die oben erzählte erste Anekdote, so ist er gar nicht in Ci- 
cero's Art und Weise, welcher in diesem Falle begonnen hätte: 
Tanta erat etc. Soll er auf das Folgende blicken, so wäre die 
passendere Wortstellung: In movendo etiam hello etc. Nun heisst 
uns aber Herr Dir. St. die Stelle so übersetzen und verstehen: 
Sogar bei Erregung eines Krieges herrschte die grösste Gewis- 
senhaftigkeit. Da fragt sich denn, ob dadurch, dass ein Vater 
einen einzelnen, seines Eides für jetzt entbundenen, Krieger nicht 
ohne einen neuen Eid in die Reihen der Kämpfenden eintreten 



") Noch ähnlicher sind Stellen Off. IL, 22, Hr. Africanu» in exridtnrin 
Numantia rti publirac profuit; II., 19, 63: iaiuriam in deterrenda 
liberalitate sibi etiam fieri putant. Ja, wenn man uns noch ähnli- 
chere nachweist, so würden wir schon das wiederholte in (weil in- 
ferenda folgt) darum vermieden glauben: weil Cicero z. B. , um es 
vermeiden, sagt: in cunabulis (nicht ia inc u nab ul is). Div I., 
36; wogegen er ab in cunabulis, und ad ineu nabnla ('* 2, 15; 
Or. 1, 67), und nicht eunab. schreibt. 



— — - 



Cirero de Ofliciis ed. Sttierenberg. 



liess, sich die Gewissenhaftigkeit des Staates bei Erre- 
gong (oder Unternehmung; wenn man movere für suseipere 
nehmen will) eines Krieges gezeigt habe? Der Kürze wegen ver- 
weisen wir auf Beier's Excurs zu dieser Stelle, auf die Bemerkun- 
gen von Gernhnrd, und die Abhandlung in einem Programm aus 
Coburg vom Jahr 1841 : J. G. Schneider, Kritik der Stelle bei Cic. 
de Offic. I., 11, 36 sq. , der Alles, von Popilius Imperator bis zu 
movendo, für ein Einschiebsel erklärt. Auch ist observatio, ohne 
Object, als Gewissenhaftigkeit gebraucht, etwas anstössig. — I., 
15, 49: Multi enim faciunt multa temeritate quadam, sine iudicio 
vel morbo in omnes vel repentino quodam, quasi vento, impetu 
animi incitati — . Egregie sio Codd. optimi, sagt der Herausg. : 
„der Sinn ist: Sei es aus Schwäche oder von einem plötzli- 
chen Einfall getrieben.' 4 Dass man vel modo corrigirte, sagt er, 
sey schon darum falsch, weil es aut beissen müsste, wenn modo 
recht wäre, weil es mit einem Zweifel ausgesprochen würde. Auch 
Zümpt erklärt morbo durch perpetua quadam animi imbecillitate. 
Das wäre Alles recht gut, wenn es nur mit dergleichen Erklä- 
rungen abgethan wäre, und sich nicht Cicero's Sprache und jedes 
richtige Sprachgefühl dagegen sträubte. Dagegen möchte man 
uns sogar Stellen anführen, wie pro CJuent 65: mulier non iam 
morbo, sed soelere furiosa; Verr. IL, 4, 1: Venia nunc ad 
istius, quemadmodum ipse appellat, Studium, ut amici eius, mor- 
bum et insaniam; ib. 3, 36: ille — sodalis istius erat in hoc 
morbo et insania. An allen diesen gibt der Zusatz oder der 
Gegensatz genug zu verstehen, was gemeint ist. Wie es hier 
steht , vel morbo i» omnes (sc. faciunt) , ist es bei Cicero in ho- 
hem Grade anstössig, und der Herausg* mochte sein Egregie für 
andere Stellen aufsparen. Will man nicht, weil kurz vorher qua- 
dam bei temerilate steht, Und bald darauf quodam, quasi venio, 
impetu — corrigiren vel morbo quodam, oder vel morbo quasi 
quodam, oder vel quasi quodam morbo; so kann man am 
Besten mit Beier (in den Addendis) und am einfachsten zugleich 
velut morbo lesen. Das Anstossige bei den letzten Verbcsserun- 
gen, in Hinsicht auf Wortstellung, lässt sich wohl durch eine ln- 
terpunetion nach iudicio etwas vermeiden, wiewohl die Stellung 
von in omnes immer etwas anstössig bleibt, wiewohl sich in om- 
nes — incitati zusammen construiren lässt. — I, 18, 61: maxi- 
mcque ipse populns Romanus animi magnitudine excellit; und 
I., 19, 64: ut quisqne animi magnitudine maxime cx cell et, ifa 
maxiuie vult priueeps oranium esse. Warum es das eine Mal ex- 



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260 Cicero de OfficiU ed. Stuerenberg. 

cellit heisst, und das andere Mal excellet, worauf doch valt, and 
nicht volet. folgt, werden unsere Leser selbst dann schwer be- 
greifen, wenn wir sagen, dass an der zweiten Stelle die besten 
Codd. excellet haben, dieselben aber an der ersten Stelle excell i t. 
Sie werden sagen : auch der beste Codex rechtfertige Iceinen Ver- 
stoss gegen Grammatik und Sprachgebrauch. Sagt man ihnen aber, 
Cicero habe excellet geschrieben, und die seltenere Form gewählt 
„cum sententia verborum gravissima sit" (ohne Zweifel von ex- 
celleo, das in Cicero's Werken gar nicht vorkommt, sondern nur 
aus ihm von Priscian, aus einem Briefe: effice et labora, ut ex- 
cell eas) citirt wird, so werden sie wieder nicht begreifen, was 
denn in dem Brieffragment und an unserer Stelle für eine beson- 
dere „gravitas" sey, dagegen nur eine levis excellentia in der 
Stelle I., 18, 61, wo von der animi magnitudo populi Romani die 
Rede ist, oder Lael. 9, 30, wo es heisst: ut — quisque maxime 
virtute et sapientia munitus est, ita — maxime excell it, oder meh- 
rern ähnlichen. Und so geht es dem Ref. auch. — I., 22, 77: in 
dem bekannten Verse stimmen wir auch für die Lesart conce- 
dat laurea laudi (nicht linguae), und zwar wegen der eige- 
nen Erklärung des Cicero in der Rede in Pison. 30. und ad 
Famm. XV., 6, 1 Aber dass wir mit ihm annehmen, laus sey, 
wie toga, poetisch für pax gesetzt, das muthe der Herausg. uns 
nicht zu, wenn es schon eine laus in pace parta gewesen ist. — 
S. 133 f. In der Regel ist das Notenlatein des Herrn Dir. St. 
gut, wenn uns schon das ewig wiederkehrende efferri, für be- 
tont werden, etwas anstössig ist. Aber hier ist doch gewiss 
eine sehr unschöne Wortstellung, wenn wir lesen; „Codices multi 
pro eessere, quod ipsa vi, qua — verbum oessere efferetur, 
defenditur, cesserunt. Wie? wenn ihm Jemand vorschlüge, 
die Häufung der Verba noch besser durch folgende Eleganz zu 
verstärken: Codices multi pro eessere, quod ipsa vi, qua ver- 
bum, quod cessationem significat, effertur, defenditur, 
cesserunt exhibent — gewiss, er würde über seine so con- 
sequent erweiterte Wortstellung selbst erschrecken. — I., 26, 91: 
Cavendum est, ne assentaloribus patefaciamus aures, neo adulari 
nos sinamus. Der Herausg. behält das nec fast aller MSS. (wo- 
gegen Heusinger aus einem Cod. und aus Nonius die Lesart ne- 
ve aufnahm) und sagt ganz gut: „cum illorura arborum: ne as- 
sentatoribus patefaciamus aures, et horum: nec adu- 
lari nos sinamus sententia simillima sit (jawohl!), neve per- 
versum est." Aber wie? wenn wir noch einen Schritt weiter gin- 



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Cicero de Öffidil ed. Stuerenberg. 261 

gen, and die Werte nec adulnri nos sinamus für eine zwar alte, 
aber höchst 'überflüssige Zugabe eines Interpreten erklärten, da 
sie gar nichts weiter als das Vorige sagen, auch Nichts verschö- 
nern und Nichts erweitern, sondern blos eine abgeschmackte Tau- 
tologie enthalten. — I, 86, 92: quae [res familiaris] primnm bene 
parata sit, nullo neque turpi quaestu neque odioso. Allerdings 
haben die Codd. überwiegend parata, und die Minderzahl parta. 
Das Letztere ist jedoch allgemeiner Sprachgebrauch, und bene pa- 
rata res familiaris, för bene parta, lässt sich gar nicht nachwei- 
sen. ' Aber wir werden in der Note belehrt , dass parata besser 
sey, weil darauf, und nicht auf bene, der Ton liege: sage man 
aber bene partns oder male partns, dann liege der Ton freilich 
auf den Adverbien. Id quod erat demonstrandum. Aber woher 
weiss Herr Dir St. denn immer, möchte man fragen, welche« 
Wort sono effertur oder exprimitur, wie er zu sagen liebt? Und 
was wurde denn hier aus dem Tone folgen für die Richtigkeit ei- 
ner falschen Lesart? und ist nicht am Ende dennoch bene betont, 
da es dem turpis und odiosus quaestus entgegengesetzt ist? — I., 
23, 99: Adhibenda est igitur — reverentia adversus homines et 
optimi cuiusque et reliquoruro. Der Herausg. will hier 
Nichts geändert wissen, aber er wundert sich über zweierlei: 
erstlich, dass die Erklärer nicht merkten, dass diese Genitive 
•ubjectiv sey eo, und nicht objectiv, der Sinn also sey: optimus 
quisqqe et reliqui [das wäre also, elegant umschrieben, alle Men- 
schen?] adversus homines [natürlich auch alle?] reverentiam ad- 
bibere debent; zweitens, dass man sich einbilde, Cicero werde/ 
ausdrücklich fordern, ut reverentia adhibeatur et adversus Optimum 
quemque et adversus reliquos, id est plebem ipsam — ? Könnte 
man sich hiebei nicht auch über zweierlei wundern: erstlich, 
dass der Uebergang von einer Construction zur andern, den die 
besten Schriftsteller (auch Cicero) Bich oft erlauben, um das Steife 
der Einförmigkeit zu vermeiden , von dem Herausgeber nicht ge- 
duldet werden will, dass neinlich reverentia erst mit adversus und 
dann mit dem Objects-Genitiv construirt werde; zweitens, dass 
er den einzig richtigen Sinn der Vorschrift nicht will gelten las- 
sen, nemlich: dass Mancher denken werde, es sey hinlänglich, nur 
den Bessern mit Achtung zu begegnen, dass aber dies nicht ge- 
nug sey, weil man nicht blos den Bessern Achtung schuldig sey, 
sondern den Menschen, als Menschen, überhaupt. — I., 28, 100: 
Quam [naturam] si sequemur ducem, nunquam aberr Abimus, seque- 
murque et id, — , et id, etc. So haben allerdings fast alle MSS. 



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Cicero de OfficiU ed * Stucrcnberg. 

und nicht assequemur, wie Or., nicht consequemur, wie Bensinger 
gibt. Wir können uns allenfalls mit seqnemnrqne befreunden und 
conformiren, so dass der Sinn ist: „Halten wie uns an die Natur 
als Führern», so verfehlen wir nie den Weg: nein, wir halten uns 
damit an das, was — und an das, was 44 u. s. w. Nun sollen wir 
aber, nach dem Herausg., annehmen, sequi sey s. v. a. nunquam 
aberrare. Dies geht jedoch eben so wenig an, als das frühere 
Ansinnen, laudi für paci zu nehmen. Bedenklich bleibt dabei doch 
immer, dass sequi, so nahe beisammen hintereinander, in zweifa- 
cher Bedeutung genommen werden muss. — I., 36, 131: rie aut 
tarditatibus utamur in gressu mollioribns. So (gressn) sollen 
wir lesen aus den meisten Handschriften, nicht in in gressn, mit 
Heusinger, Orelli und Andern. Denn, sagt Herr Dir. St., non 
solum in gressu, sed omnino in gressu cavendum est, ne tar- 
ditatibus utamur mollioribus. Also das gilt Nichts, dass gressus 
ein Dichterwort ist, und in Cicenfs Sprache, überhaupt in der 
klassischen Prosa, gar nicht vorkommt? Also ingressus soll bei 
Cicero nicht das Gehen selbst, sondern vielleicht den Anfang des 
Gehens bezeichnen? Sollen wir etwa die grosse Anzahl von 
Stellen nachweisen, wo ingredi bei Cicero geben heisst, nicht zu 
gehen anfangen, oder in Etwas hineingehen? Oder ge- 
nügt es, dies für ingressus zu tbun, wenn wir anführen N. D. I., 
34: ingressus cursus, aceubitio; in Pison. 34, 83: ingressus tuos; 
de Or. I., 36, 161: vestigia ingressnmque — ? 

II., 3, 13: neo ferrum aes, anrum argentum effoderetur peni- 
tus abditum. Von ferrum bis zu abditum lasst der Herausg. (mit 
Ausnahme von effoderetur) die Worte wie einen Vers drucken, der 
der jedoch der Scansion starke Hindernisse entgegenstellt. Die 
Ordnung der Wörter ist allerdings so in den meisten Handschrif- 
ten: doch nicht in allen gleich. Um einen jambischen Senar zu 
-bilden, haben mehrere Herausgeber das nec dazu genommen, was 
wohl schwerlich dazu gehört. Beier hat nach Cic. de N. D. II., 
60, 151. (wo es beisst: nps aeris, argenti, auri venas penitos ab- 
ditas) die Metalle wieder anders gestellt, nemlicb argentum vor 
anrum. Rechnen wir nun dazu, dass an der Stelle, welche C. Haupt 
(in Seebode's Archiv für PhiloL n. Pädagogik. I. p. 818 f.) hei 
Aeschylus Prora. 580. als die Quelle nachgewiesen hat, die Me- 
talle abermals in anderer Ordouog stehen, nemlicb. 

— . — — — — 7v«f£« 3« yBovii 
KkHQjfJ-fAtv avSfw'irc<ff<v tu$«Ak;>«ra, 



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» 



Cicero de Officii« ed. Stuereuberg »» 

XaXv.dv, ff/ä^ov, u^yu?«», X?V«P' W T * W ( , 

so dürfte zur Bildung eines Senars folgende Aenderung oiebt zu 
kühn seyn: 

t 

argfntmp, OMrtiui, ferrum pcoitq« »bdituiu, 

wo man dann, wenn man effoderetur nicht mit Einigen für einge- 
^ schoben erklären und auch diese Worte von exciderentur abhän- 
gen lassen will, das erstere Verbum doch einschalten kann. — II., 
7, 25: Ab ea [oonjuge] est enim ipse propter pellicatus suspl- 
cionem interfeotus. Es ist wahr, ipse (es ist Alexander, der Ty- 
rann von Pherä) steht in den meisten Handschriften. Aber zwei- 
felhaft ist es, ob es auch das Bessere ist, und nicht das ipsa der 
Minderzahl vorzuziehen seyn dürfte, wie es denn Heusinger, Beier 
und Orelli wirklich vorgezogen haben. Zwar sagt Herr Dir. S t. : . 
Opponitur enim dominus potentissimus imbeoillae mulieri. Sic 
plane Graeci suo avxbq utuntur. Allein gerade nicht an Stellen 
wie die unsrige. Der Sinn ist wohl der: Der Tyrann war im / 
höchsten Grade misstrauisch , so dass er selbst seiner Gattin, die 
er doch sehr liebte, misstraute. Sein Misstrauen rechtfertigte sich 
aber auch: denn gerade von ihr wurde er, weil sie ihn im 
Verdacht der Untreue hatte, ermordet-, also: ab ea enim ipsa. 
Dass er, und kein Anderer, ermordet worden sey, brauchte nicht 
gesagt zu werden, und der Sinn ist nicht: er, der mächtige Ge- 
bieter, wurde von dem schwachen Weibe ermordet. — It., 16, 56 : 
oum ipsa — illa dclectatio multitudinis ad breve exiguumque sit 
tempus, eatque a levissimo quoque — . Die Codd. haben eaque; 
eatque ist Conjectur des Herausg., welcher behauptet, eaque per- 
versum esse omnes coosentiunt. Das nun eben nicht; denn Beier 
sagt, es sey hier ein Wechsel der Constructlon, und der Sinn sey : 
eaque ad stomachum levissimi cuiusque. Zumpt erklärt es ohne 
Aenderung, wie unser Herausgeber: und da in diesen Jubel das 
leichtsinnigste Gesindel zuerst mit einstimmt, oder: da der Jubel 
von dem leichtsinnigsten Gesindel ausgebt. Orelli vermuthet: ea- 
que levissimo quoique i. e. cuique, waa wir dahingestellt seyn 
lassen, wenigstens nicht ganz einleuchtend finden. Aber das eat- 
que des Herrn Dir. St. genügt noch viel weniger, und ist gar 
nicht Ciceroniacb, wenn er schon sagt, e a t sey gut genug für das 
Gesindel, für welches profleiscatur zu gut wäre. Ware es nur 
auch lateinisch genug! Man kann gay nicht sagen: deleotatio it 



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2U Cicero de OfficiU ed. Sluerenberg. 



ab boc vel illo. Man wird also das eaque entweder so wenig be- 
halten und, so gut es geht, erklären müssen, oder man mnss schrei- 
ben exeatqne, prodeatque oder etwas Aebnliohes. - II., 18, 63: 
Hone ergo consuetudinem benignitatis largitioni mnnerum longe 
antepono. Allerdings haben die Handschriften ergo; Lactantios 
aber, der diese Stelle anführt (Div. Inst. 6, 12, 16.), las ego, 
was J. F. Heosinger billigte, und Orelli nach Beier aufgenommen 
hat. Bei Lactantios ist keine Variante. Sein Cod. der O/ficien 
war aber weit älter, als unsere ältesten. Ego entspricht ausser- 
dem sehr dem Spracbgebrauche des Cicero, wogegen die Folge- 
rungsparükel (man betrachte den Zusammenhang) so nackt hin- 
gestellt, etwas schroff da steht. Herr Dir. St. sagt zwar, man 
soll übersetzen: Diese Sitte eben, und wegen dieser Bedeutung 
der Partikel ergo unten III., 16, 67. nachsehen. Schlagen wir 
diese Stelle nach, so finden wir gar kein ergo, ausser ein von 
dem Herausgeber erst hineingesetztes an einer Stelle, wo bisher 
stand: Kae Sergio serviebant, und, weil (wie wir weiter unten 
sehen werden) Sergio hier unstreitig falsch ist, Beier und Orelli 
nach Heusinger'a Rath und mit Zumpfs Zustimmung, blos geben: 
Eae serviebant. An dieser Stelle nun schrieb Herr Dir. St., ex 
conjectura certissima, wie er sagt, Eae ergo serviebant, und heisst 
uns Überselzen: „Dies eben hatte eine Servitut auf sich ." Es ist 
aber gewiss eine petitio prineipii, ja ein Circulus in demonstrando, 
wenn man Etwas, das selbst nooh eines Beweises bedarf (nera- 
liob, 0ass }Jf., 16, 67. ergo zu lesen sey, und dieses eben be- 
deute), als erwiesen, ja als Mittel etwas Anderes zu erweisen, 
gebraucht. Ref. glanbt, der Stelle, von der wir eigentlich spre- 
chen, IL, 18, 63, wäre nicht übel durch Vereinigung der Lesar- 
ten der MSS.. und des Lactantius geholfen, wenn man, zurück- 
blickend apf das, was schon im 16. Cap. des zweiten Buches ge- 
sagt ist (§. 56: liberales autem [sunt], qui suis faeultatibus aut 
eaptos a praedonibus redimunt, aut aes alienum suseipiunt amieo- 
rum — aut opitulantur in re vel quaerenda vel augenta), wenn 
man, sagen wir, läse: Hanc ergo ego consuetudinem benignita- 
tis largitioni — longe antepono. Wer die Ähnlichkeit der Ab- 
breviaturen von ergo und ego in den Handschriften kennt, wird 
das Wegfallen einer derselben begreiflich finden. — Jetzt nur 
noch ein paar Worte über die schon zum Theil besprochene Stelle 
III., 16, 67, auf deren Verbesserung der Herausgeber sich so viel 
zu Oute thut, dass er eine andere damit stützt. Die Saebe ist 
{Hess. £in gewisser Gratidianus verkaufte an einen gewissen Ser- 



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» •. f 



Cicero de Ofliciit ed. Sturcuberg. 205 

gius ein Maus, von dem er selbst dasselbe früher gekauft hatte. 
Auf dem Hause lnstste eine Beschwerde [Eae (sc. ae- 
des) Sergio serviebant-, haben die MS$. offenbar falsch: denn 
Sergius war ja der Käufer]. Diese Beschwerde (Servitut) hatte 
der Verkäufer im Kaufbriefe nicht angegeben , und es entstand 
wegen dieses Verschweigens (ob es gleich Sergius, als früherer 
Besitzer, ohnehin wissen konnte) ein Process. Da sollen wir nun 
Eae ergo serviebant lesen, und das ergo in der Bedeutung eben 
nehmen, die weder bewiesen ist, noch auch passend wäre. Will 
man sich aber nicht mit Eae serviebant begnügen, und Sergio 
entweder für ein ungeschicktes Supplement eines Abschreibers 
oder für eine halbe Dittographio der folgenden Sylbe ser — neh- 
men, was doch wohl anginge; so müsste man annehmen, es sey 
die Abbreviatur von antem ausgefallen, und schreiben Eae autem 
serviebant: denn diese Partikel allein passt, nicht aber eine fol- 
gernde. 

Haben wir nun bisher dem Herrn Dir. St. meistens wider- 
sprochen, so fordert es die Gerechtigkeit, auch unser Lob zu mo- 
tiviren, das wir für wohlverdient halten, und eine Anzahl Stellen, 
wenn auch nur kurz, anzudeuten, wo wir ihm ganz beistimmen, 
and zwar wie sie uns, ohne besondere Auswahl, aufstossen. 

I., 2. 4. lässt er, nach mehreren MSS. , mit Zustimmung der 
Grammatik und des Sinnes, in vor negligendo weg. — Dagegen 
nimmt er aus guten Gründen 1 , 3, 8. hoc autem commune officium 
xa&qxoy vocant auf, wo Einige entweder officium oder xaS7jxov 
weglassen, weil sie meinten, officium oder xaSijxov sey das Prä-' 
dioat, wo dann eins als überflüssig erschien, obgleich nur xa&i?- 
Ttov das Prädicat ist, denn passivisch müsste es heissen commune 
officium vocatur xa&q*oi>. — I., 17, 55: Illud enim honestum quod 
saepe dieimus, ctiamsi in aiio non cernimus, tarnen nos movet. 
Das non ist eine Zugabe des Herausgebers, welcher sagt, der 
Ton liege auf cernimus, nicht auf alio; das cernere bezeichne ein 
sinnliches Erblicken, was bei dem honestum nicht stattfinde, auch 
sey der Indicativ cernimus erst richtig, wenn man non einschiebe, 
welchen Fehler schon Lambin bemerkt habe. Der Sinn sey also: 
„ob • — wir es gleich nicht wirklich (sinnlich, körperlich) erbli- 
cken- 1 . oder: „wenn uns das honestum auch nicht als ein Gegen- 
stand sinnlicher Anschauung in die Augen fällt.' 1 Deutlicher wäre 
freilich oculis non cernimus (sed mente tantum et animo). — L, 
94, 82: quibus periculosa et calida consilia et quietis cogita- 
tionibus splendid iora et raajora videantur. So gibt Herr Dir. .ot Iii. 



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Cicero de Officüs cd. Stuerenbcrg. 



3t. nach den besten M8S., wogegen, ohne handschriftliche Auto- 
rität, lins der Ausgabe des Victorias, pach dem Vorgänge von J. 
Gronov, Peerce, Ernesti und Heusinger, jetzt gelesen wird: qui- 
fcus ^ calida oonsiJi» quietjs et opgitatis e splendidiora et 
majora vjdeantur. Kein Cod. hol cogilatis. — I., 39, 118: — ple- 
rumque — parentium praeceptis imbuti ad eorum consuetudinem 
deducimur. — — noonulli tarnen sive felicitate quadam sive 
bonitate natorae sine parentium disoiplina rectam vitae secuti sunt 
viam. Bisher Jas man sive parentium disciplina. Herr Pir, ${. 
corrigirt sine, eine Verbesserung, zo deren Empfehlung jedes \Vort 
Überflüssig erscheint. 1 — Fast eben so einleuchtend ist folgende 
Verbesserung II., 8, 30sq.: Haec enim [familiaritas amicorura] 
est una res prorsos ut non multum differat inter snmmos et me- 
diocres viros, eaque aeqne utrisque est propemodum comparanda. 
Honore et glorin et benevolentia fortasse non aeqne omnes egent. 
— . Das erste aeque ist eine schätzbare Zugabe oder Restaura- 
tion des Herausgebers. War einmal, nach dem so ähnlichen ea- 
que, das aeqne übersehen worden und ausgefallen, so nahm man 
des folgende propemodum für prope ad eundora modum oder für 
certo quodam modo, und vermieste die Partikel nicht, auf der doch 
eigentlich der Nachdruck hätte ruhen sollen (ungeachtet propemo- 
dum die angegebenen Bedeutungen nicht hat), wie man aus dem 
Gegensatze non aeque omnes egent sieht. — % Sehr billigen möch- 
ten wir auch IT., 17, 60 ; Toto pgitnr ratio talium largitiooum ge- 
nere vitiosa est, temporibus necessaria: et tum ipsum [gerade 
auch in solchen Fällen] et ad fncultates accommodanda et niedio- 
critate mpderanda est. — Die Ausgaben haben tum ipsa, eine 
Forme), der bei Cicero einigemal in den Briefen ad Atticum vor4 
Kommenden nunc ipsum nachgebildet. Wenn nnr auch für tone 
oder tum ipsum sich, ausser dieser Stelle, ein einziger Belog lande. 
— II., 23, 81: et eos, quorura bona alii possederant, egere ini- 
quissimum arbitrabatur, et quinquaginta aonorum iiossessione 
moveri [sc. illos, qui nunc possiderent, oder aliquem] non nimis 
aequum putabat — . Dies ist des Herausgebers Conjeoturj die 
MSS. haben meistens possessio n es movere, einige wenige, poa- 
sessiones moveri, wie die neuern Herausgeber haben, ausser 
dass Zumpt in der kleinen Ausgabe possessiones movere herge- 
stellt hat« Das Letztere ist nicht übel, aber ohne Beispiele im 
Sprachgebrauch: denn castra movere Ist picht analog. Die Cor- 
rectur des Herrn Dir. St. läset sich aper als publicistischer Aua- 
druck nachweisen ans de Leg. Agr. c. Rull IL, 91, 57: se mo- 



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Kurz: Bildtiugftgt'Ki-u ilpr frau/. Sprache 267 

vcri possessionibus negant oportere, und in Verr. Act. iL L. I., 
45, 116: ergo quia possessor est, non inoves possessione? 

Der Druck des Buches ist schön und correct. Druckfehler, 
wie S. 127 particulum, S. J2S utila, sind sehr selten. 

G. H. Moser. * 



Die französische Conjugation nebst einem Versuche über die Uildunys- 
gest'tze der französischen Sprache von Heinrich Kurz. Zürich. 
V erlag von Meyer und Zeller, tS49. XVI. und Ü4 S. in 8. 

: - . ; ■ \ rfä^: Artig* 

Die Schrift, die wir hier anzeigen, ist keine Schuiscbrift, etwa 
bestimmt, das Erlernen der Sprachformen, hier zunächst der Con- 
jugationen, zu erleichtern, sondern eine eben so scharfsinnige als 
gründliche Untersuchung aus dem Gebiete der allgemeinen Sprach- 
forschung, die jetzt mit allem Rechte immer mehr Boden und 
Ausbreitung gewinnt; sie ist daher nicht sowohl für den Schüler, 
der die französische Sprache erst noch erlernen soll, als für den 
gelehrten Sprachforscher bestimmt, dem sie den Bildungsgang «Jer 
französischen Sprache und die dabei vorwaltenden allgemeinen 
Gesetze, so wie deren Anwendung im Einzelnen bei dem Conju- 
gationssystem nachweisen soll. Sie zerfällt daher in einen ge- 
doppelten Abschnitt, .einen allgemeinen und einen besondern, wel- 
eher letztere dieses System der Conjugation, den ganzen Organis- 
mus desselben nach allen seinen einzelnen Erscheinungen darzu- 
legen sucht, während der allgemeine, die ersten sechs und vierzig 
Seiten füllende Abschnitt den Versuch macht, dje allgemein gül- 
tigen Biidungsgesptze der Sprache aufzuweisen, demgemäss zuerst 
über die Laute und deren Wandlung, über Vokale wie über Coq- 
sonanten, und Alles, was dabin gehört, sich verbreitet, dann die 
Elision, die Zusammenziebung, die Verwandlung eines Vokals in 
einen Halbvokal, und eben so umgekehrt die eines Halbvokals in 
einen Vokal, die Einschiebung eines Consouanten, wie die eines 
Vokals, die Veränderungen der Vokale in Folge ausgefallener 
Consouanten, die Abwerfung der Conspnaoten, die Assimilation 
und dergleichen naber bespricht. In dem andern Abschnitt wer- 
den zuvörderst Personen-, Tempus- und Modusendungen, so wie 
die Bildung der Tempora behandelt, und darauf geht der Verf. zu 
der Conjugation selbst über, indem er die Verb« in ihren yer* 



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268 Kurt: Bildnngftgeietz der frans. Sprache 

Bcbiedenen Stämmen nach einer dreifachen Abstufung (schwache 
Verben in drei Classen, starke oder ablautende Verben, in zwei 
Classen nach dem Ablaut i oder u, und unregelmässige Verba) 
Gehandelt und mit einer alphabetischen Uebersicbt der erklarten 
Zeitwörter, so wie mit einer synoptischen Uebersicbt der Conju- 
gation seine werthvolle Untersuchung beschliesst, die, wie bemerkt, 
zwar zunächst die Schule nicht berührt, aber, und dies hoffen, 
dies wünschen wir, nicht ohne wohlthätigen Kinfluss auf die Schule 
und die Behandlung der Sprache, zunächst der Grammatik, in der- 
selben bleiben und dadurch das Erlernen einer Sprache, deren in- 
neres Leben dann auch zur währen und vollen Anschauung ge- 
bracht wird, nicht wenig fördern wird: wie dies bei allen derarti- 
gen Ergebnissen der allgemeinen Sprachforschung der Fall ist 
oder wenigstens seyn sollte. Im Allgemeinen nimmt der Verf., 
so wenig er auch geneigt ist, in Abrede zu stellen, wie der Stoff 
der französischen Sprache, der Wortschatz ganz ein ganz ererbter, 
aus der Sprache Rom's aufgenommener ist, doch eine durchaus 

* 

selbstständige Behandlung und Gestaltung dieses Stoffs an, die 
eben darum der Sprache selbst eigenthümlich, nur aus ihr selbst, 
und aus keiner andern, also auch nicht aus der lateinischen, die 
höchstens nur als Vergleicbungsmittel gebraucht werden könne, 
zu erkennen sey. So tritt der Verf. der älteren, noch immer hier 
und da verbreiteten Ansicht, welche die einzelnen Formen und 
Erscheinungen, der französischen Sprache so gut wie die Worte 
selbst, aus dem Lateinischen unmittelbar abzuleiten sucht, oder 
auch dazu ein eigenes Mittelglied einer romanischen Sprache schafft, 
schnurstracks entgegen, indem er gerade den entgegengesetzten 
Weg einschlägt und hier durch seine Annahme eines durchaus 
eigenthümlichen Entwicklungs- und Bildungsgangs der französi- 
schen Sprache, und damit eines durchaus selbständigen Organis- 
mus derselben (wie ihn eben seine Schrift im Einzelnen, insbe- 
sondere bei der Conjugation, nachweisen soll) weiter geht, als es 
selbst Diejenigen erwarten dürften, welche, wie Ref., zu der Ue- 
berzeugung gelangt sind, dass unter den verschiedenen sogenann- 
ten Töchtersprachen dea Lateinischen keine mehr in der Form, in 
der Bildung und Gestaltung des aufgenommenen Wortschatzes von 
der Muttersprache, oder vielmehr von dem älteren, zu Grunde lie- 
genden romanischen Idiom, als dessen Fortbildung und weitere Ent- 
wicklung wir überhaupt die franzosische Sprache so gut wie die 
andern sogenannten Töchtersprachen des Lateinischen ansehen 
möchten, eich entfernt bat, als eben die französische. (Das Nä- 



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Kurz : Bilduagsgcaetz der franz. Sprache. 



• 

269 



hcrc s. in der eben unter der Presse befindlichen dritten Auf- 
lage meiner Geschichte der römischen Literatur §. 4. p. 14.). So- 
nach beschränkt der Verf. den Einßuss des Lateinischen auf das 
Lexicalische, wo es sich um Wörter und hlos uro diese handelt ; wie 
aber die grammatischen Verhältnisse der Wörter, also auch die 
Wortbildung in Betrachtung gezogen werden, „da kann das La- 
teinische im Ganzen und im Allgemeinen zu Nichts mehr dienen; 
denn hierin hat eben die französische Sprache ihre eigentümli- 
chen Gesetze, ihren eigentümlichen Bildung«- und Entwicklungs- 
gang, der von dem anderer Sprachen wesentlich verschieden und 
aus ihnen weder abzuleiten noch zu erklären ist. Man kann und 
muss also zwar das einzelne Wort, wie es sich ohne Flexion dar- 
bietet, mit dem Lateinischen, oder überhaupt der Sprache, aus 
welcher es stammt, zusammenstellen, und aus dieser Vergleichung 
die Gesetze ableiten, welche bei dem Uebergange des Lateinischen 
ins Französische geherrscht haben; aber man kann und darf diese 
Zusammenstellung nicht in so weit ausdehnen, die einzelnen Wort- 
und Flexionsformcn der einen Sprache aus der anderen erklären 
zu wollen. 14 So hat sich der Verf. S. X. ausgesprochen; und das 
von ihm angeführte Beispiel von mouvoir, das aus dem Latei- 
nischen movere entstanden ist, während (je) meux nicht aus 
moveo unmittelbar erwachsen, sondern sich nach dem rein franzö- 
sischen Gesetze, der Betonung gemäss, aus dem schon französisch 
gewordenen mouvoir entwickelt hat, eio Beispiel, das leicht 
durch andere sich vervielfältigen Hesse, spricht allerdings für die 
aufgestellte Lehre, für welche der Verf. noch insbesoadere den 
Umstand geltend macht, dass gerade diejenigen Formen, welche 
unmittelbar aus den entsprechenden lateinischen Formen entstanden 
sind, der weit überwiegenden Mehrzahl der andern gegenüber als 
unregelmässig erscheinen. Wir betrachten sie lieber nicht als 
Unregelmässigkeit, sondern vielmehr als Archaismen, als einzelne 
Formen, welche das immer allgemeiner werdende, immer mehr zur 
Geltung gelangende Bildungsgesetz der neuen Sprache seiner Herr- 
schaft nicht unterwerfen konnte: womit wir freilich aber auch von 
der Annahme eines solchen Bildungsgesetzes, und zwar eines 
nicht von aussen hereingezogenen, sondern in der Sprache selbst, 
und zwar unbewusst liegenden, ausgehen, und dies als massge- 
bend und bestimmend für die Wortbildung, für Flexion, für De- 
clination und Conjugation betrachten. Der Verf. hat dieses Ge- 
setz erkannt und verfolgt: in der Uebcrzeugung, dass die fran- 
zösische Sprache sich selbständig und in dieser Selbständigkeit 

•^^^^ • •v r . i 

; 1 . , Digiti4ed by Google 



21« 



Rein und Kopstadt: Ursprung der franz. Sprache. 



auch organisch entwickelt habe, hat er den vorliegenden Versuch 
unternommen . in welchem die französische Conjugation ohne alle 
Rücksicht auf die lateinische einer näheren Betrachtung unterwor- 
fen wird, welche eben das Gesetz, das bei ihrer Entwicklung vor- 
waltete, ausfindig machen und zu klarer Anschauung bringen soll. 

Weiter in eine Erörterung des Details und der einzelnen Re- 
geln, wie sie durch ein sorgfältiges, mehrjähriges Studium dem 
Verfasser sich herausstellten, einzugehen, würde für die wenig- 
sten unserer Leser anziehend seyn : es muss dies dem sorgfältigen 
Studium der Schrift, auf die wir durch unsere Anzeige aufmerk- 
sam machen möchten, überlassen bleiben, mag auch hier vielleicht 
noch zu einzelnen Modifikationen in der Folge führen : uns war 
es zunächst darum zu thun, die Grundsätze und die Ansichten des 
geistreichen und scharfsinnigen Verfassers anzudeuten, da gewiss 
Niemand deren Wichtigkeit und Bedeutung verkennen wird, selbst 
wenn er auf den ersten Augenblick davon überrascht seyn sollte, 
während eine Beachtung derselben gewiss zu einer richtigeren 
Ansicht in das Wesen und den Charakter der französischen, wie 
der übrigen romanischen Sprachen, und damit dann auch zu einer 
zweckmässigeren Behandlung derselben führen wird. 



Verwandten Inhalts erscheint eine andere kleine Schrift, die 
wir hier um so weniger unerwähnt lassen wollen, als ihre Ver- 
fasser, durch namhafte literarische Hülfsmittel keineswegs begün- 
stigt (selbst Raynouard und Roquefort waren ihnen nicht zugäng- 
lich), ihre Aufgabe mit desto grösserem Fleiss und Selbständig- 
keit zu lösen versucht haben, und ohne die eben angezeigte Schrift 
zu kennen, tbeilweise in den von ihnen gewonnenen Resultaten 
mit dieser zusammentreffen, und Manches selbst näher im Einzel- 
nen belegen, während sie andererseits mehr der entgegengesetzten 
Ansicht, welche den Einfluss der lateinischen Sprache auch auf 
die Formen und die Bildung der Worte Ausdehnt, zu huldigen ge- 
neigt sind. Die Schrift, ein 8chulprogramm, führt den Titel: 

Weber den römischen Ursprung der f ranxösisc hen Spra- 
che. Von Dr. A. Rein, Rector, und Uugo Kopstadt, Lehrer 
der französischen Sprache an der höheren Stadtschule zu Crefeld. 
Crefeld, 1843 Druck und Vertag der J. U. Funche y schen Ruch- 
handiung. 24 S. in 4. 

Die Verfasser, ausgehend von dem Satze: ,,der römisoht 



Rain und Kopsladt: Ursprung der franz. Sprache. Wi 

ürjj^jg^g der fttlllÄÖsiscberi Sprache ist eine Thatsaehe, die keines 
R|^^es begaff. Ist auch der innere Organismus derselben ein 
vWAg anderer geworden, so ist doch die grosse Mehrzahl ihrer 
,^rte ^;anz unverkennbar römischer Abstammung und diese nur 
fi^lten yerdnnkelt" haben sich zunächst die Aufgabe gestellt, die 
Veränderungen, welche die römischen Worte in der französischen 
Sgtaofei , erlitten, ohne Rücksicht auf die Ursachen derselben unter 
alU^ejaeii Analogieen zusammenzustellen und diese mit Beispie- 
len zu belegen, dann aber auch über die völlige Romanisifnng 
Galliens durch die römische Broberuug und den nur geringen 
sprachlichen Einfluss der germanischen Einwanderung einige Re- 
merkuogen vorauszuschicken. Je mehr nnd mehr es immer aner- 
kannt wird, dass die französische Sprache ihren gesammten Wör- 
terschatz fast ausschliesslich aus der römischen vererbt, dass nur 
wenig gallische oder celtische, so wie, in Folge des späteren Ein- 
dringens germanischer Stämme, germanische Elemente hier sich 
auffinden lassen, desto mehr vsrdient der Grund dieser merkwür- 
digen Erscheinung aufgesucht und in allen seinen Folgen und 
Wirkungen erfasst und erkannt zu werden. Denn auch unsere 
Verfasser sind der Ansicht, doas die germanische Nationalität un- 
ter den in Pallien als Eroberer eingedrungenen Franken (die als 
compacte Volksmasse doch nur in dem nordöstlichen Winkel sich 
niederliessen) , in dem Zusammenleben derselben mit den Roma- 
nen, deren Gesittung und Sprache bald angenommes ward, all« 
mählich verwischt werden, wobei sie den Einfluss der Kirche und 
Geistlichkeit auf die Germanen als ein hauptsächlich mitwirkendes 
Moment ansehen, neben manchen andern ihren Einfluss übenden 
Verhältnissen, welche bald eine völlige Vermischung und Ver- 
schmelzung der an Zahl ungleich geringeren, über den grösseren 
Theil des romanischen Galliens zerstreut lebenden, in eine ganz 
andere Lebensweise, in andere Sitten und dergleichen hereinge- 
zogenen, aneb überdem durch Kriegs- und Eroberungszüge mehr- 
fach beschäftigten, germanischen Bevölkerung mit der Masse der 
Romanen herbeiführen mussten. 

Was nun den sprachlichen Theil der Sehrift von S. 12 nn 
betrifft, so hat man die Veränderungen, welche die römischen Werte 



im Französischen erlitten haben, zunächst berücksichtigt. I. Die 
Veränderungen der Wortstämme (A. Veränderungen der Vokale. 
B. Der Consonanten. C. Veränderungen durch Ausstossung eines 
oder mehrerer Ruchstaben. D. Veränderungen durch Einschaltung 
eines Consonanten.). II. Veränderuugen der Endungen, und zwar 



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212 



Euripidis Mcdea ed. fvlotz. 



der Substantiv- and der Adjectivendungen. — Eine weitere Aus 
führung und Fortsetzung dieser Forschung ist sehr zu wün 
sehen« 

Chr. Bahr. 



Bibliotheca Graeca curant. Frid. Jacobs et Val. Chr. Fr. Rost, 
poetar. Vol. XI. 

Auch unter dem Titel: 
Euripidis tragoediae recens. et comment. instruxit Aug. Jul. Edm. 
Pflutjk. Vol. I. Sect. I. contin. Medeam. Editio altera quam 
curavit Reinholdus Klotz. Gothae. MDCCCXLH. Sumptibus 
Fridericae Hennings. 

Wieder eine zweite Auflage eines Theiles der „Bibliotheca 
Graeca", die wir freundlichst willkommen heissen dürfen, da die 
Besorgung derselben, nach dem zu frühen Tode des ersten Her- 
ausgebers, guten Händen anvertraut worden ist. Quura Euripidis 
Medeam, sagt Herr Prof. Klotz, post b. Pflugkii operam in ea 
fabula collocatam iterum edendam susciperem, id mihi ab i Iiis viris, 
quorum auctoritate hoc munus acceperam, demandatum est, ut et in 
ipsis poctac verbis in hac nova editione constituendis judicio plane 
libero uterer et in annotationibus Pflugkianis tollendis, mutandis, 
ampliflcandis non m'nus versarer arbitratu meo. Hoc enim consi- 
lio ajebant edi, ut omnem Bibliothecam Graecam, sie hanc quoque 
Eur. fabulam uti quod quoque tempore ut verissimum et Optimum 
esset cognitum, id ipsum lectoribus, maxime junioribus, offerretur, 
non autem ut eo impediretur libelli usus, si etiam illa tractanda 
et cognoscenda a tironibus essent, quae ad intelligcndam Euripidis 
fabulam nihil conferre prorsus viderentur. Das ist ein die Redac- 
tion und den Empfänger ehrender Auftrag, dessen Ausführung 
keine dem Dichter schädlichen Beschränkungen in sich schliesst; 
es ist derselbe aber auch so natürlich aus der ursprünglichen Idee 
einer jeden grössern Sammlung von Schriftstellern hervorgehend, 
dass man nur um so tiefer beklagen muss, dass dieselben Grund- 
sätze nicht bei der zweiten Auflage der Heouba befolgt sind. 

(Fortsetzung folgt.) 



Nr. 18. HEIDELBERGER 1844« 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 

« / 

Eiaipidis Medea ed. Klotz* 

(BeschlttMs.) 

Sehen wir also, wie der neue Herr Herausgeber die ihm ge- 
stattete Freiheit benützt bat. Hac Übertäte eqnidem ita usus sum, 
fahrt derselbe fort, ut ea, quae in b. Pflogkii annotatione aut falsa 
aperte aut certe ad applicandam hanc fabulam plane inutilia esse 
intellexissem , sine ulla dubitatione tollerem, si qüidem nihil inde 
ntilitatis ad causam melius cognoseeodam redundare posset [ein 
Grundsati, dem Wir um so eher beistimmen, als auch wir das Ue- 
berflfissige in den Pflngkischen Noten bei verschiedenen Gelegen- 
heiten rügen mussten *)] , pauca autem nisi quae aut äd gramma- 
ticorum citationes pertinerent, quae necessario ad recentissimas 
quasque editiones immutandae et supplendae erant, aut quae ad ' 
sermonem ipsum, quo interdum b. Pflugkios haud emendato satis 
usus erat, spectarent, in ejus commentariolo , non addko nomine 
meo corrigerem, plurima vero adjecto mei noroinis signo, quae aut 
ad poetae orationem melius constituendam aut ad singulorum loco- 
rum sententias rectius explicandas vel ad linguae leges atque an- 
tiquitatis res rationesque accuratius cognoscendas facere videren- 
tur, de meo afferrem. 

Wir haben hier allerdings eine völlig neue, mit vieler Sorg- 
falt und richtigem Blicke ausgeführte Beoension des Euripideischen 
Stücks. Der selige Pflugk hatte hier gar Vieles einem zukünfti- 
gen Herausgeber aufgespart. War er doch selbst mit sieh dar- 
über nicht im Beinen gewesen, welche Ausdehnung er seiner An- 
notation namentlich dem kritischen Tbeile derselben, gäbe; wenig- 
stens in den Ausgaben der übrigen Stöcke war er nicht so 
spärlich mit den kritischen Noten gewesen**), so dass bief 

*) Vergl. Jahn'« Jabrbb. 1835. II. p. 193—204. 1836 &VI., 4. p. 87t 
—384. 1941. XXXI. p. 119. Ztechr. f. AUorth, W. 1*37. p. 1057— 1100. 

*•) Pflugk schreibt selbst in der Vorrede des ersten Bandes p. I<X. cujus 
generis plurn dedi, postquaro illam pristinam Im titatem qua usus 
• um in Medea, minus probatam intetleji. 
XXXVII. Jahrg. 2. Doppelheft. ifc 



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> 



274 Euripidia Mcdea ed. Kluis. 

eine Lücke auszufüllen den neue» Herautgeber überlas**!» blieb. 
De hätte ee allerdings eine beschwerliche Arbeit gegeben, die 
Lesarteo einzelner Codices ond Conjecturen nachzutragen, ohne 
damit eine neue Recension zo verbinden. Ganz anders in dem 
vorliegenden Falle, wo die nene Arbeit auch neue Resultate geben 
musste. „Nemo me vituperabit, qood in oonatitnenda poetae ora- 
tione et omnino librornm scriptaram religiesias quam ante me in 
edenda bao fabula a mnltis factum erat, servandapi putavi et in 
annotatione critica diligentius quam vulgo fleri solet in ejusroodi 
editionibus, singnlorum librorum auetoritates appellavi. Etenim 
quum in omnibus rebus tum in studiis antiquitatis praestst id se- 
qui potins, quod verum sit, qusm id quod verum videatur. — In 
arte autem critica factitanda, a qua in veterum scriptorum libris 
nulla interpretatio plane sese poterit abstinere, non satis est sin- 
gulas scripturas nosse, nisi etiam earum auetoritates cognoveris." 
Das ist richtig, nur vermisst man jetzt um so mehr eine Absobä> 
tzuug der einzelnen handschriftlichen Hilfsmittel. Wir haben ab 
und an wobl die Notiz meliores Codices secotus sum gefunden, 
nirgends jedoeb eine Bestimmung, welche unter diesem Ausdruck; 
zu verstehen seyen. Es wird sich der Herr Herausgeber einer 
Untersuchung über den Werth und Unwertb, über Alter und Ju- 
gend der vorhandenen, bisher benutzten Handschriften schwerlich 
entziehen können , da der sei. Pflugk eine solche (praef . XML) 
versprochen hatte, dies Thema zwar hin und wieder zur Sprache 
gebracht, jedoch noch nicht allseitig behandelt ist, und eine Ver-i 
mittlung zwischen den divergirenden Ansichten darüber kaum z» 
erwarten steht*). Wir richten die inständige Bitte an ihn, dass 
er den bezeichneten Punkt recht ins Auge fasse, namentlich auch 
den W T ertb und Ursprung der Correcturen in dem Havmensis in's 
rechte Liebt setze. Eine neue Collatioo dieser Handschrift, durch) 
Vermittlung von Freund Osenbrüggen in Kiel von einem jungen 
Gelehrten sehr fleissig angestellt, ergibt das bis zur Evidenz, dass 
der Corrector nach einem bessern Codex die Correctur vorgenom- 
men. Ohne seine Hilfe wäre die Kopenhagener Abschrift wenig 
erbeblich, da der Schreiber derselben ein der griechischen Sprache 
zwar kundiger Mann gewesen ist [denn die dem Sinne nach hin- 



*) Wir erwähnen Elmsley praef. ad Baccli.; Lenting praef. ad Andro- 
mach.; Hermann pr. ad Andrem.; Witzscbel in actis aoe Gr. II., 1. 
p. 113 sq. Wir haben in nnaern Vurdaclitt. p. 5aq., so wie in der •• 
a. Ztaehr. 1887. p. 1061. und 1810 p. 147. unser Schärflein gegeben. 



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tinripidit Medea ed. Klüts 275 

geschriebenen Wörter sind meistens griechisch richtig, so sehr sie 
such des Metrum verletzen mögen]*), eher mit einer bedeutenden 
Quantität Sorglosigkeit seine Arbeit ausfahrt. Ihm ist's um de« 
Inhalt mehr als um die Form au tbun gewesen, wie er denn auch 
Tor Allem den mit yvopri roth bezeichneten Versen Aufmerksam« 
keit geschenkt hat**). Sonst verseblagt's ihm nichts, theils die 
Namen der Personen zu ändern***) oder sie so gut wie ganze 
Verse und einzelne Worte auszulassen f) , theils einen Vers «er 
dem andern zu setzen ff), theils endlich Worte in den Text zu 
ziehen, die offenbar nichts als die Paraphrase eines Seholiastea 
wnreofff). Bs war eine bedeutende Mähe, welche der Corrector 
auf sieh nahm , die Handschrift nach einer andern zu verbessern. 
Diese andere muss aber melioris uotae gewesen sey«, denn die 
Cerrecturen geben überall das Bessere ffff): wir haben nur fünf 



•) Vergl. V. 122. 178. 811. 324. 

••) Man schreibt uns darüber: Universales sententiae irtsignitafe sunt 
voce yv<v(J*f rabro adscripta his loeis: v. 48. ante vta yap <£. ante 
v. 86. 261. vera. 263. ante ywy yaQ. ante vors. 319. 489. 5*1. 618. 
730. 912. 1018. 1079. 112«». 1360. - post vers. 1404. — Aliae natatae 
sunt voce Mfu^ 4 oodem modo adscripta: ante v. 447. 516. 581. 808. 
post vor*. 912. (bic i«ero versus insignitus est voce yvo» proseripts}. 
ante v. 1071. 1224. 

*'*) z. B. v. 178. und 179. werden der Trophof gegeben, so dasa die Anti- 
atrophe des Chors unterbrochen würde, v. 944—945 werden dem 
Jason genommen, so dass die Rede der Medea von 942 bis 959 geht, 
f) Auslassungen von Versen: 895. 5J8. 1121. In allen drei Fällen hat 
der Corrector den ausgelassenen Vers tun Rande nachgeholt. Auch 
v. 785 war ausgelassen: sed statim ab ipso librario, ut videtur, in 
tnargine adscriptus est. So änderte der Schreiber selbst auch an 
andern Stallen seine Handschrift, s. B. 25t. 968. 430. 504. 509\ 597. 
607. 632. 699. 766. 872. 1264. — Auslassung von Worten, a. 0. v. 
143. 187. 594. — Auslassung von den Namen der Redenden, die sonst 
mit rother Dinte vorgeschrieben, v. 567—708. 817. 818. 366. 1004. 
1009. 1011-1017. 1116. 1129. 1132. 1395—1899. 

ff) Recht sinnlos ist das v. 234—286. geschehen. Es ist dart geschrie- 
ben kaßttv • ou ya$ «ukA«»7$ dvaXXayai | xaxou yaq to'3' cfAy/ov «a. 
kov • %dv n»V dyaiv | fuyt<rro% » xkhJv Kaß»7v tj xf^ov. Da hat der 
Corrector dann wieder folgen lassen ou' y<fy «uxA. iiraAA. 

ff+) *. B. wenn v. 110. steht Ma*e7; 1? t% w*f«{. 

tttt) Vergl. 857. 92. 406. 21. 48. 50. 58. 500. 31. 85. 88. 635. 51. 64, 
lUt. 11. 21. 819. 53. 905. 22. 26. 27. 49. 83. 1004. 40. 43. 64. 97. 
1HI9. 16 25. 38. 39. 40. 82. 1261 75, 98« 1362. 69. bO 1400. 



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Euripidi« Mcdca ed. Klotz. 



Stellen entdeckt, wo man verschmäht hat, die Handschrift des Cor- 
rectors anzunehmen, sonst ist man ihm, wenigstens in der vorlie- 
genden Ausgabe, überall gefolgt, zumal er mit Cod. VaC nr. 909 
dergestallt übereinstimmt, dass er nach diesem seine Verbesserun- 
gen gegeben zu haben scheint. Ob an jenen fünf Stelleo ihm nicht 
zu folgen gewesen, lassen wir jetzt dahin gestellt seyn; soviel 
wird aber aus dem Gesagten einleuchten, dass in die kritische 
Annotation jede Correctur des Havn. hatte eingetragen seyn sollen, 
also zu v. 751 für £©v, v. 1040 <pi\on statt -rcxva, v. 1249 
Xaßov für XaSoi, v. 1298 f t u^v statt et ur t . 

Auch der exegetische Theil der Adootation bat einen reichli- 
chen Zuwachs erhalten, der auf die seit der ersten Ausgabe zur 
Erklärung des Stücks tbeils von Witzschel, theils von Gottfried 
Hermann, tbeils von uns gegebenen Beiträge Bezug nimmt, stets 
dabei aber von dem Grundsatze beseelt ist, dem Schriftsteller die- 
jenigen Worte zu vindiciren, welche durch handschriftliche Auto- 
rität überliefert sind. Si cui nimiopere in explanandis quibusdam 
locis, quos faoilius erat, corruptos pronuntiare et levi quadam cor- 
rectione aliter constituere, laboravisse videbor, eum rogatum volo 
ut, priusquam ipse judicet, quid verum sit, eadem diligentia sen- 
tentiam loci perpendat, qua ego affirmare possum me usum esse, 
antequam de singuüs locis proponerem sententiam meam. Diese 
Bitte denken wir dem Herrn Herausgeber zu gewähren, wenn wir, 
nach dem Umfang dieser Blatter, die Resultate dieser neuen Aus- 
gabe theilweise einer Prüfung unterwerfen. Wir fürchten nicht zu 
denen geworfen zu werden, die uns allerdings auch bekannt sind, 
qui vix inspectis scriptoris verbis ao vix auditis aliis interpretibus, 
de locis difficillimis judicant et id potius quod ipsis videatur, pro- 
nuntiant, quam quod causa requirat. 

Zu v. 13 wird jetzt eine Erklärung von dem eigentümlichen 
Ausdrucke 

gegeben. So lauten die Worte bei Herrn Kl. im Zusammenhange : 

mir*} rt «-avra cv^s'^cue* J Iä<rovt 

tyvyyj xcAmüv cuv a(ßi'xiro ySdva *) 

yicMg f*ryi<mj yiyvkrat aatnj^ia 

crau ywvf xfo$ avS^a btyocrar^ • 

") Wohl nur ein Verseben des Druckes. Alle Codd. and Edd. haben 
<0\>y>1 etc, bis x^'w* vor au'n/ t« bis IaVow. Hätten sie's nicht, so 
uinsstc so geändert werden; denn etc. gebt auf den Vers av w%\ 



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Euripidis Medea cd. Klotz. 2™ 

Hermann hatte abweichend von der frühern Auffassung, dass «o- 
Xitäv för noXixau; stehe, gemeint, vielmehr sey x$* va för X &0 ** 
gesetzt. Witzschel hatte beigestimmt, auf ein Beispiel ans Hersel, 
v. 67 sieb stützend. Da heisst es 

cl^vü KOfJLtftuv oüirtp giV Eu'f iktSä'u;;. 

Das sey Evf>D«r&et, otmep etat. Herr Klotz h&lt es für doppelt 
falsch; einmal weil die Stellung der Worte noXtxäf als Haupt- 
begriff gebe, dann weil dort x&ovi in gedoppelter Bedeutung an- 
genommen sey: jßovä sey der Ort des Landes, das ergänzte 
X$ovl müsse aber die Einwohner des Landes bedeuten. Die Ein- 
würfe sind unerheblich. Gesetzt es stünde iSv «oXtxdv, würde 
dann nicht die Hermann'scbe Weise durchaus notbwendig seynf 
Aber dass eben so nicht steht, sondern das Relativ, anders wie in 
dem Beispiel aus Heraclid. nach nokijüv kommt, will uns als das 
Vornehmlicbste bedünken, was gegen Hermann einzuwenden ist. 
Man zweifelt dort keinen Augenblick, wie zu ergänzen, hier aber ; 
darum wenden wir uns nun mit Herrn Klotz der frühern Erklä- 
rung wieder zu. Der Dativus TioXixonq wird von dem folgenden 
Relativ wv attrabirt. Wir wundern uns, keine weiteren Beispiele 
zu sehen. Oder sollte das aus Jon v. 102, was wir uns notirt, 
das einzige seyn? Da bcisst's 

ijjuuT; 5i ro'you; ou( in *at$o$ 

Wie ist das anders zu erklären, als dass itovou; durch den fol- 
genden Accus, des Relativpronoms attrabirt wurde. „Wir wollen 
in der Weise, wie wir von Jugend anf gewohnt sind. 44 Wie in 
der Stelle der Medea der Dativ <pvyy ein weiterer Anlass war zur 
zur Attratüon, so hier die Nähe des Dativs ätoo&okt». 

v. JöO ist jetzt eine Erklärung gegeben, wesshalb die Lesart 
der bessern Codd. xl aoL wots xdq änXaaxov xoixaq ?po< anic- 
<m Savdxov xeXtvxd» aufgegeben sey gegen xL$ aoi «ots. 



etc. Uebrigena ist Aridrom. 201 ala Parallelstelle berbeizaziehen zu 
dem ganzen Gedanken, wo es heisst: 

tyt\ov<Tt yd$ /* *EAA»yv«5 'Enrepc; r are, 

a u' r $ r ' a/xavf d xou' rupavv©$ ijv. 



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278 Euripidis Meile« cd. KloU. 

„Der Soholieet erkenne e* an und aus nacroi hätte leicht werden 
können xl aw." Wir halten von solchen Muthmassungen nicht 
viel; zunächst war zu fragen, was passt hier besser? Auf den 
Soholiasten, das wird Herr Klotz selbst an verschiedenen Orten 
eingestehen müssen, ist in Sachen derartiger Krittk bei Enripides 
blotwenig zu geben. iSeine Worte rlq doa, fnolv ovxoq 6 fy©?, 
6 tris dxopeoxov to»t^ xotxq;, a$ ontvoti Sdvaxov Inmip- 
+ai können noch zur Paraphrase von *• <ro» dienen sollen. Dem 
Chore steht die Frage hier besser: „warum soll eine unersättliche 
Liebe den Tod beschleunigen? das bitte nicht"; als „welche un- 
ersättliche Liebe soll dir den Tod bringen ?" Dagegen sichern 
die Worte des Seholiasten, mit den besten Codd. vereint, die Les- 
art dnXdaxov. Wenn Gottfr. Hermann neuerding« in dem Aus- 
drucke „den Vorwurf unersättlicher Wollüstigkeit finden will , wo 
etwas ganz anderes, nämlich die Sehnsucht nach dem untreu ge- 
wordenen Manne genannt werden musste" und deshalb Kmslev'e 
dnXdxav in der Bedeutung von dvdvtyov xotra« adoptirt, so 
vergisst er, dass der Chor allerdings die Liebe' der Medea für zu 
heftig hält. Das ist keine amrpqoavvn, keine Heff?»« äXtc tt- 
dovaa, wie er sie sich in dem zweiten Stasimon wünscht, sondern 
era iaoq dyav IX&cbv, kein fi$ t6 aa^oov in <af>€xqy x dycov 
fStbenob. fr. VI}, kein ftouyofiivsw otaxoov ymXavüa, p^pjj- 
odpevoq (Iph. Aul. 543) wenn Medea lieber sterben will, als sich 
Verstössen sehen Im Allgemeinen möohten die Ansichten, die 
Jason v. 566 sq. ausspricht, wohl auch diejenigen der Weiber 
seyen. Tviaixl Kvtkqk; «poxa na^xu^or, beisst es Androm. «41. 
dkyoq yvva^lv &vtyb<i etpyeo&äu ist Klyt. Entschuldigung in 
Cboepb. 9»0. Vergl. hier Medea 1368. — - Die Anffibrung des 
Sohol. zu v. 156 dient allerdings zum Beweise, daas derselbe 
*WT<n gelesen. Wie aber, wenn au« seinen Worten ab tyyol, ^ 
X*^inatv€ pijo^ ötjfio« Jemand folgerte, er habe <jv gewollt, was 
man Wer allerdings als Ctogensatz von Zttvq vermisst? Wer da 
nun xeaep av yt pr t xnQdoaov lesen wollte? So mis stich ist der 
Reours auf den Seholiasten, Dass ntivm unpassend hervorgehoben 
wird, wo das Pronomen ganz ausgelassen werden konnte, noch 
kein Gegensatz wie dXlä xj K V eovoet statthaft ist, möchte kaum 
bezweifelt werden. Die Beifügung von av ye würde diese Her- 
vorhebung auf av übertragen. Das der Grund, weshalb wir av 
ys vorschlagen, wenn auch sonst an und für sich Beispiele wie 
Hec. 398 die Auslassung des Pronomeos in Gegensätzen ausser 



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Euripidi» Medca cd. Klotz. «¥ 

Zweifel stellen. Vergl. unsere Becensioo der Witzsooelscben 
Medca in d. Jenaer N. Literatztg. 

Bei dem Auftreten der Medea v. 916 sq. folgt Herr Klotz in 
Allgemeinen der znletzt angenommenen Erklärung, nur dass er 
xov$ plv öpiKXT®v dno — xovq & iv Svftaioiq auf eine neue Weise 
fasst: „et qui ab ooulis dominum se removissent et qui se populo 
dedissent." Das stützt sich auf die, vielleicht nach Witzsobel dem 
vorangehenden ytyärei$ untergelegte Bedeutung, wonach dasselbe 
proptorea adjectum est, quod poeta intclligit non tarn ipsos severoe 
quam qui aliorum judioto faoti sunt et austeri faabentur. Wir be- 
streiten, dass der Dichter in das Particip. yiyiö« diese Kraft habe 
legen können, die dasselbe eben so wenig wie «w> haben kann. 
Man bat wohl früher gesagt exeoSai stehe für &vat , aber nicht 
nmgekebrt, hier zumal, wo gleich v. 223 wieder yey<6$ in der ge- 
wöhnlichen Weise steht. Der Satz olSa 70^ enthält ein UrtbeÜ, 
dass es wirklich so sey im Leben. Ich weiss, dass viele Men- 
schen oepvoi sind, drum könntet ihr auch mioh dafür halten, käme 
ich nicht auf eure Aufforderung. Oder ihr breitet mich für träge 
und onthätig, bliebe ich ruhig im Hause. Wir bestreiten ferner, 
dann xobq iv &vpauu$ in der Bedeutung qui se populo dederunt 
gesagt werden könne, und wenden uns deshalb der ßeidler'scbeo 
Auffassung wieder zu. Der Dichter legt seinem Protagonisten 
Werte fur's athenische Publicum in den Mond ; denn die ganze 
Expektoration von den fyvotq und datois, die nicht zum Wohle 
des Staats beitragen, hat ein untergeordnetes Moment für, die 
genhhokliohe Situation der Medea. Bs liegt etwas Hochtrabendes 
in den Worte*, wohl nicht ohne Absieht des Dichtere, der hernach 
den Jason zu der Medea nagen läset - 

und früher v. 985 Ihre «"»<p La als Motiv des Über sie ausgespro- 
chenen Exils ninstellt Sie darf nicht wie ein gewöhnlich Weib 
bei ihrem ersten Auftreten erscheinen, zumal nach der Schilderung 
von ihr, welche der Zuhörer bereits aus dem Munde der Trophos 
gebort. Ganz andere ist die Sprache des Prometheus beim Ae- 
sculus (Prom. 436), obwohl in der Situation Aehnücbkeit ist 

*) Die Ausdrücke erhalten durch den weitern Verlauf des Acschylischcn 
Stuckt ihre Bedeutung. Vergl. v. »T2 und 1W2 der Dindorfschcn 



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?§6 Euripidia Mcdea cd. Klotz. 

Da ist Robe und einfache Sprache ; hier dürfte wohl der Schau- 
spieler einen der schwersten Momente seiner ganzen Rolle wie- 
derzugeben haben! Die Gereiztheit, der Argwohn, das Misstrauen, 
der Rachedurst, die Verzweiflung sollen dem Ausdrucke der oo<pL<* 
Platz machen. Denn sie will Hülfe zunächst; allein vermag sie 
nichts. Drum die Entschuldigung ihrer längeren Fernhaltung von 
der Gemeinheit der nöXef, dann der Versuch, ihr gegenwärtig 
Leid, als das gemeinsame aller Frauen darzustellen; aus dem Loose, 
welches uns die Gesellschaft angewiesen, wonach wir dem Manne 
ao untergeordnet sind, geht alles Unglück hervor; die Frauen se- 
hen schon in Medea's Loose ein Schicksal, was sie Alle treffen 
kann; drum sagen sie Hilfe zu, ein, Schweigen zunächst, das aber 
bedeutsam genug für den spätem Verlauf des Stückes ist: drum 
weiter nehmen sie von der Klage über die Männner das Thema 
zum ersten Stasimon. — Uebrigens ist zu otpvbs „in malam par- 
tem dictum" passend aus Elmsley's Note das Beispiel aus Hippol. 
v. *«. beigefügt; doch hätte v. 98 *ü V oi aepyo$ etyMi** 
ßfoxolt nicht ausgelassen werden sollen. • 

v. 298 ist jetzt geschrieben iv <» y<xo fio» ndvra yiyv&a* 
*uv xa"katq f nach der Erklärung von G. Hermann*). Wenn die- 
selbe nur beigefügt wäre! in quo mihi situm erat ut omnia recte 
instituerem. Intelligit enim haeo (nemlioh -tyv%nv dUföafxa und 
uarSavtiv XPT^®) CD( >ro videri debere ft^ xa\®$ tyvaopeva: unde 
addit, non mirum esse, si quid minus recte consulat: per quem 
enim sibi steterit omnia recte facere, ab eo des er tarn esse. Wir 
halten diese Auffassung für gezwungen; sollte für die Medea, 
welche für ao^ gilt und ihre Selbständigkeit nachher genugsam 
zeigt, der Ausspruch passen: ich habe zu sterben gewünscht, weil 
der mir fehlt, unter dessen Leitung ich mein Leben und meine 
Beschlüsse gut einzurichten verstand! Die Entschuldigung klingt 
lächerlich. Die Untreue des Gatten bat mir die Lebenslust ge~ 



Autgabe. Nicht zu ubersehen ist, dass Eurip. hier v. 229 ebenfalls 
den Ausdruck auSttäj; gebraucht, sowie der Gidanko von v. 221 zu 
den vom |Dsnau* in Aescb. Suppl. 176 seinen Töchtern ertheilten 
Regeln der Lebensklngheit (gehört. Siwtcuo* Tapet xoi>[rdJ% rd x^oVcuira 
Ii St' avBaiiav, w; 'AxtAAtu( iv roi% (fy\t%i Jj Std tjjv evptyopkv cw; ij Nio- 
ß*f A^gift? ist die Ansicht des Schol. zu Prouieth. 485, die 
freilich zu eng gefasst ist. Vergl. unsere Bemerkung zu Ipb. Aul. 
11^. 

f ) So die Note. Aber Hermann tritt nur in Matthias Fussstapfen. 



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Euripidis Medea ed. KloU. 3Ö1 

nommen, das kann sie sagen*), nicht aber, die üntreoe des Gat- 
ten bat mir meinen Beratber genommen, der mir eine Hülfe war, 
Alles im Leben auf eine passende Weise zu erkennen und das 
Beste zu wählen. Wir müssen deshalb der Auffassung treu blei- 
ben, die wir in nasern Verdacht p. 146 not. mitgetheilt 

v. 934 steht jetzt nach Mattbia nanov yfy xovX eV akyiov 
xaxov, n&v ry? äf&v plywxot, n *axöv "kaßtlv $ XW** 6 *- ' 
Früher stand *ovx % and nach xaubv eine grössere Interpnnction. 
Die besten Handschriften geben zwar toüto; dabin führt auch 
das %6it des Herrmann eher als nach xov9t t aber das xaxov 
▼erlangt allerdings den Artikel oder, da der hier nicht ins Me-^ 
trum passt, das bestimmende xovSe. Wir würden aber nicht er- 
klären sed hoc leve: istoc enim malo acerbius est aliud, sondern 
lieber primum dieo, istoc enim etc. Denn nicht Stqn6xtqv o&pa- 
to( Xa§*iv ist das zweite, wie Herrn, nach dem Schol. annimmt, 
sondern die Ungewissbeit, ist der Mann gut oder schlecht. Stande 
xoxot? nicht, so würden wir rovxo vorziehen, wie Hei. «71 in 
ähnlicher Weise steht: . 

Kai Toüro fxti^ov tjj^ a'\*j9§ia$ Kaxo'v 

So aber nehmen wir die Matthi&'sche Weise ancb deshalb, weil 
die Auslassung des Inetxa 8k dann dem Zuschauer fasslicher 
wird. Der Zusammenbang, dessen Andeutung sich für die Schul- 
ausgabe wobl geeignet haben würde, ist unserer Ansicht nach 
folgender: wir müssen zuerst mit unsern Schätzen uns den Mann 
erkaufen ; und dann wissen wir noch nicht einmal , ob er gut ist 
oder schlecht: drum prüfen wir, denn Scheidung ist js schimpf- 
lieb. Wie aber hatte ich prüfen können, die iob zu nenen Men- 
schen, neuen Sitten kam; da „hatte ich pdvriq seyn müssen. — 
Wenn v. 261 ff/xi? beibehalten wird, so kann man das nur gut 
heissen. Medea bat mehr Aussicht auf Gewährung der Bitte, 
welche sie doch erstrebt, wenn sie dLxy hinzusetzt,, d. h. nach 
Becbt. Nicht vergeblich ist dieser Begriff hinzugefügt; so kommt 



*) Der herrschende Charakter der Medea in der Poesie ist die unbe- 
dingteste Liehe und Hingebung; keine Rücksicht kennend, jeder 
That, jeder Demüthigung ans Liebe fähig, innig, rührend, ihre. He- 
xenkünste nur im Dienste der Liebe übend, wird sie ganz in Wuth 
und Rache verwandelt durch Treubruch. So Welcker die Gricch. 
Trag. I. p. W7. 



« 

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Enripidit Medea ed. Klotz. 



aoeh der Cher, lieht Mob v. »67, traf das im« er wieder 

hinaus. Verg*. 578, wo er zum Jason sagt ov dlxaia tpäv do- 
aiif, v. 810, wo er das Versprechen seiner Hülfe so motivirt vö- 
stowt 0ps*äVy {«XlafißasOvdte, v. 1000 <4*«u<d$, selbst nach v. 1232 
io^X* • «^aLfics* woXXd xaxa {rvd^eiv £y$t*e>c laosr». Witzsohel 
Übersah das, wenn er schreibt: eteuim Medeam hie *e ulturam 
fatentem non dabitare deeebat an jure id factora sit, «nun Iaso- 
nis quam aoliebatar poeoam jnstam esse iper se samere deberet. 

2« 384 ssoyovftey x*v movm* **x?*l*& a *»tte Fr. 

Jacobs früher geschrieben; haeo exapeetabatur sententia: non «st 
teils nestra eonditlo, nt «Iiis üftfetentes mala nostrss aogeamus 
miserias. Dagegen lasst sich nichts sagen, woM aber dagegen, 
das« Herr Kietz diesen Sinn in den Worten findet. In »oröv 
mfönp&a kann das non and nimmer liegen. WiM man den Ans- 
dmcb nicht fof in HapaXX^Xov gesetzt annehmen, so mtiss der 
Vers emendift werden. Aber nicht so wie Musgrave weilte, den« 
dessen Bnftndstion lasst die Medea eingestehen , dass eis ein no- 
vo q dem Kreon werde. Man kann übrigens «ec. 496 herbeizie- 
hen, wo auf den Ausruf der Polyxena %alp 9 6 Ttxovaa ! die Mut- 
ter antwortet xaioovoiv cLXXoi. Das sind nun einmal beliebte 
Wortspielereien des Dichters. Mit Elmsley das einen kalten Sehens 
zu nennen, sind wir, wie Herr Klotz, weit entfernt, finden viel- 
mehr darin auch unsererseits die Absicht einet Bitterkeit. — In 
der krit. Note zu v. 368 wird behauptet, der flava, habe dp am 
Versende. Dem müssen wir widersprechen, da unsere Ceflatton 
ausdrucklich bemerkt, taut tttftt stehe dort. So hatten wir auch 
hier die Weberei nstimmubg der Handschrift mit Rom. A. und Wür- 
den hiebt anstehe», »<Wr**ott* *o*t zu schreiben. 

Bei der Behandlung des ersteh*) Stasitaon bitten wir eine 
etwas grössere Ausführlichkeit gewünscht, die sieb wenigstens 
bestrebt hätte, den innigsten Zusammenhang mit der zuletzt vor- 
angegangenen Sceue darzulegen. Bern Scholissten zu Aefcarh. 
4Ö0 iat's genug WVcbgesptoefaen , dass Böripides's Chorgeeange 



*) Und nicht dieses allein. Hätte bei dem dritten nicht darauf hinge- 
wiesen werden können , wie grade das Lob Athens* das auf die Zu- 
schauer einen eben so günstigen Eindruck geäussert haben mag als 
das erste Stasimon in Soph. Oed. Cel. die Ursache gewesen, dass die 
Medea mit besonderem Glsnse aoigefübrt wurde. Vergib Piot. de 
glor. Ath. VI., p. 149 A. Es gehören aber die mcliaofeeu Chotyar- 
tieen überhaupt zu den schönsten der Enripidcischen Muse. 



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Eurrpidis Med** cd. KtoU 388 

meistens Themata bebandelten, «die zu dein \ivbo<; der Tragödie 
niebt mehr als zu jedem beliebigen andern paarten» Oder eoUte 
de« Aristot. Autorität hier angerufen werden, der in «einer Poetik 
18, 7 sagt : x°& v f*optoy tlvat, vov oXov xal <rev«yaw^ra&04 
*C »a f ' 'Et>oi«ttn **V d>« waaÄ 2t>^oxX«i? Darunter i«t keines- 
wegs ä« verstehen, es seyen die ChorgeÄnge des Bnrif>Wes «>- 
ß6X*pa, wie das bei Agatfaon der Fall warf nein! auch bei En- 
rinidee <r»vay«w»^iTa* * ** T anders als bei Soehecies, 

Ausserdem wire hier, oder deeh an dem fünften Stasknon der 
scheinbare Widerspruch zu notiren gewesen , der zwischen v. 426 
nnd v. 4086 stattzufinden seheint. Während es nemlieh nn der 
ersten Stelle beisst, nicht legte Pboebos In ans Weiber die Kraft 
des Gesanges, sonst Wörden sie einen Hymnus ertönen lassen, sa- 
gen die Werte der letztem «Ua y£o *V»t peina Kai ^pZ*. 
Zur Vermittlang war dann wohl povo* dort ku erklären und mit 
dem Homerischen Ausdrucke der ersteren Stelle Arien* 
&»Mv zusammenzuhalten. Der Ausdruck (i«v<r«t 3« «saXatf«*- 
Ws)«* Xfäevo äotSCv xäv ipäv fyfvtwrcu &*$axo<tvv<*v durfte webt 
den Anläse ku einer kurzen Hindeatung auf den dem Diester ge- 
machten Verwarf des Weiber hasse» geben -, den er hier theilwefse 
auf die Dichter oiner früheren Zeit zurückschiebt. Oder liegt 
darin geradezu ein Versuch, sieh gegen einen ihm bereits gemach- 
ten Vorwurf zu wehren? Schon in der Tetralogie , welche man 
aa die Aleeste an knüpfen pflegt, bat der Dichter von der Un* 
treue der Weiber gesprochen*, wie aus dem zweiten (Fragment der 
Kreterinnen erhellt» Auch in dem fünften vStasimon kann man 
eine solche Verteidigung de« Dichters entdecken : «fö< «fittt«* 
ijXSov pei£ot% n r*vtäv Sqkvp iftvvdv, v. 1083. Man denke 
nur nn den in den Fröschen n^era Dichter gemachten Vorwurf I In 
frühern Tragödien hatte Bnripides den weiblichen Chor, den er ja 
besonders liebte, gewiss bereits häufiger tiefere Betrachtungen an- 
stellen lassen*). 



*) Der Schlu* wt webl erlaubt. Wir machen bei der Gefefrenheit auf 
die« bislang auch unbenutzte Merkeeichen cur Chronologie der En- 
ripideiiohen Stucke aufmerksam. Der Dichter redet in solchen «tei- 
len «elbst. UdXat fjtiv wA» U/t4 Vlf Sfr qtkk* <fyta> 5 «p£ (Phoen. 438) und 
W * u\ y s «iW; ^Aov «,? y+fui Acyw (ib. 96E) und ähnliche Redens- 
arten führen Sentenzen ein , die der Dichter, wenn nicht im Stöcke 
selbst, was nicht immer der Fall , schon in andern Stöcken rauss 
ausgesprochen haben. Halten wir jenes erste Stasiraon im «typo!. 



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Euripidis Medea cd Klotz. 



Zn v. 416 ist oTpecpovoi gelassen , was Elmeley nicht Mos 
aas metrischen Gründen, wie bei Herrn Klotz steht, ins Futur 
▼erwandeln wollte. „Futurum fortasse melius sententiae convenire, 
oatendunt und X>?§ov<rt." Dem war wohl zu widersprechen, 
wir's nur mit Hinweisung auf ^wa». Das Futur würde eine 
Tautologie dem Dichter Wbeilen , während das Präsens auf den 
Augenblick der Gegenwart hinweist, vou wo bereits der bessere 
Ruf beginne, -r Bei v. 410 hätten wir gern die Bemerkung ge- 
sehen, dass aväpdoi auch zu dem SeJv d" zu ziehen sey (denn 
sonst würde das &«dp ä' ovxixi etc. gar nicht passen), bei v. 429 
die Angabe gewünscht, was unter paxodf alSv zu verstehen sey. 
Drückt es das Lebensalter der Redenden, oder jene lange Zeit 
ans, die seit jenen erwähnten na"kaiytvtl% aoidoi verstrichen? 
Im erstem Falle würden wir eine neue Notiz zu den wenigen über 
den Chor erhalten, die Eurip. gegen seine Gewohnheit so spärlich 
im Stücke selbst gegeben. Die Entscheidung dieser Frage hängt 
•her von der andern ab, ob dprä^nc* äv als dritte oder erste 
Person zn nehmen. Der Chor kann aber nicht sagen: „sonst 
würde ich sobon lange gesungen haben"; das wäre kein Gegen- 
satz zn den Sängern der Vorzeit; vielmehr: „sonst würde mein 
Geschlecht schon lange gesungen haben, denn seit jener langen 
Zeit sind Beispiele schon genug vorgekommen. 14 dvra^oe nem- 
lich v rv&pn, ans v. 423. Die Uebersetzung zn v. 426 scheint in- 
dess unter paxpo$ alä>v das Lebensalter der Choristinnen zu ver- 
stehen. Das bedeutet der Ausdruck allerdings in einer der unse- 
rigen ähnlichen Stelle des Aescbylus Agamemn. 105 xvpiöq tipt 
äpoeip etc. Ixt, yäp ScdSiv xaxanriu fioXndv, äXxbv 



6C5 fxtawv 3* ouVor' ifxxXyr&ijtrQijmi yjv&xa$ cu'3' t¥ tyyvi r<; p' ati Xt-yti» 
zuiammeD, so darf man die Fragmente, die des heftigen Weiber- 
hasses voll, deshalb allerdings nicht in die Zeit setzen wollen vor 
der Medea, also vor 87, 1 oder vor dem Hippol. Denn anter de» 
vollständig erhaltenen Stücken hat der Dichter auch nach jener Zeit 
oft genng seinem Aerger auf die Weiber Luft gemacht, z. B. in der 
Andromache. Aber steht z. B. in Suppl, 478 entyai ii xcu fxy — c£( 
itf *bkn lAiuStfov i'yeuv d\xtfytt etc., so denkt der Dichter, da zu dem 
Satze mit tut, in der vorangehenden Rede des Königs der Herold kei- 
nen Grund finden kann , an dieselbe Situation des Königs und des 
Heroldes in Heraclid. v. 288, wo der Erstere mit dem njv -roXiv hksv- 
Bfyav k'xttv stets gekommen war. Dürfte nicht darin eine Zurückwei- 
sung auf ein früheres Stuck, also ein Merkzeichen zu finden seyn, 
dass Heraclid. vor den Suppl. gegeben? 



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Euripidi« Medea ed. Kleiz. 285 

ovnQvxot, ai&v, aber es ist eine uninteressante Vorstellung, dass 
„alte" Weiber hier den Chor ausmachen sollen. Frauen sind es, 
aber Frauen paxpov aiavoql doch wohl des Alters, in welchem 
Medea steht 1 Die aber steht noch in der Fülle der weiblichen 
Jahre. 

Zu v. 4661 ist die Note beigefügt: ahnotandum videtur in da- 
tivo yAwaoTj non hanc quidem, quam olim voluit Matthiae, oppo- 
sitionem reticeri: quum manu te ulcisci nequeam, sed eam vocera 
lenem tarnen afferre oppositionem ad rem, quae vituperatur in al- 
tera. Alioq'uin omissa esset illa vox a poeta. Was soll das heis- 
sen ? Wir verstehen gar niobt , welehen Gegensatz, Herr Klotz 
hier durch yXAaa^ ausgedruckt findet. Ein müssiger Zusatz kann 
yX&oari allerdings nur nach Homerischer Webe seyn! Warum 
will man es dann aber durchaus mit Xiytiv verbinden, und nicht 
lieber mit ftiynrxov^ Diess SehimpCwort, da es für die Zunge 
das grösste ist, spreche ich über dich aus. Wir haben uns für 
diese Erklärung schon in unsern Verdächtt. p. 152 entschieden. — 
Zu v. 473 ist in Bezug auf die Wortstellung nicht Mos Emsley's: 
bic ordo verborum nostris inelegaos videtur. Aliter sentiebant ve- 
teres wiederholt, sondern nach einem Grunde derartiger Wortum- 
Stellung geforscht. Wir würden einen solchen niobt mit Herrn 
Klotz in der Absiebt des Schriftstellers oder des Redenden su- 
chen, den Zuhörer aufmerksamer zu machen, da ein solobes Mit- 
tel schwerlich die beabsichtigte Wirkung haben dürfte. Eine un- 
gewöhnliche Wortstellung wie diese 

kann, zumal der Satz so klein, unmöglich dazu beitragen, die 
Aufmerksamkeit zu erhöhen. Wenn dies Ziel erreicht wäre, wäre 
der betreffende Satz ja langst vorbei. Will man die auffallende 
Wortstellung, als in der Absicht des Dichters gelegen, rechtferti- 
gen, so kann es nur mit der Leidenschaft des Redenden gesche- 
hen. Medea spricht in grosser Heftigkeit, da nimmt wohl das 
eine Wort seinen ungewöhnlichen Platz vor dem andern. 

Bei v. 665 wendet sich Herr Klotz jetzt der Ansicht Mattbia'a 
wieder zu. Die Stelle beisst ooL ie yop naidiav ri del; ipoi 
ti Xvti Tola* niXXovoiv xixvoiq rä 4<dvt öp^aau. „Neque enim 
tibi aliis liberis opus est. u Da Jason meint, der ganze Zorn der 
Medea gebe nur aus ihrer sinnlichen Liebe hervor, so passt die- 
ser Gedanke recht wohl für seinen Mund. Nur gestehen wir, 



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286 Euripidi» Meden ed. KIM«. 

ihisB die Verbindung von tc-ts ans auffällig »leiht. Vergleichen 
wir Snppl. 306 

m 

VVVI ih CQl T« TOÜTO T»JV T/f*jjv (ptysi 

Ka'fxoi Teaptwtiv ou (poßov typt 

so bringt das auf die Idee, hinter ooL ti /4f mit einen Komma 
zu interpungiren , so dass aoi %$ ydtp i\tol ts Xvti zusammenge- 
hört. Zu naidav ti dci wurde aus dem eben vorhergegangenen 
00i leicht cm ergänzt werden. Der Sinn bliebe derselbe, die Ver- 
bindung würde aber klarer und besser, endlich wäre «Tu dann nicht 
mit dem Dativ eonstroirt. Euripides bat wenigstens den Access- 
tiv Aberall, nur Aiolos VI., 3 ausgenommen, äkX* «v nöXu dtt, 
wo leicht noXtv zu emendiren. Vergl. Valcken. zu Hippel. 93. Von 
der Verbindung mit dem Dativ kannte Blmsley überhaupt nar dte 
drei Beispiele: Aiol. VI., 3; Soph. Bl. 619, und Agam. 857 ans 
den Tragikern. Auch in Suppl. 789 steht in gleichem Sinne der 
Ausdruck %l yd? p* naidmv. Im Suppl. 450 hangt aber der 
. Dativ tc'kvok eben so wenig von £»t ab, wie In Med. 886 rj von 
1pr n wie man wohl geglaubt bat. 

v. 708 ist gesehrieben: piv, ov^i xaoTfpciv <H ßovXe- 

tat, als Antwort auf Aegeus Frage kd cV Iaarot j ovdk tau' 
iwiiveae. „Ita ego librorom scripturam dtstlnxi primna itaque Ie- 
git olim schol. qui haec sie explfaat: <j> naiv ckt tto Xoyw plv 7ifot~ 
»otsitat, •»© de «Vr® oe S«As» x^avet* *at dvT^en«. — Dielt 
hoc: oratione quidem vult, revera autem non vnlt Id illa sio dixit, 
ut ad prius membrum assumeodum esset verbum <k*b rov xo»vov. 
Oratione quidem vult [contra venire], vi autem resistere non vult." 
Wir müssen diese Auffassung für eine sehr gezwungene halten ; 
wir mochten den Zuhörer sehen, der das aus jenen Worten her- 
ausgehört haben würde. Auf eine Frage gehört eine Antwort. 
Wenn Herr Klotz meint, die Worte ovdk tavx inr t vtaa zeigten, 
dass Aegeus auf eine Antwort verzichte, so hat er den Gebrauch 
des Dialogs gänzlich ausser Acht gelassen. Jener Zusatz ist 
nichts als eine Ausfüllung des Verses in stichomythischer Rede. 
Die Frage behält also ihre volle Kraft, und als Antwort darauf 
passt nur Xd>» plv orjfl, xa^xe^tlv «*i ßovXexai, was Witzschel 
richtig erklärt: dem Worte nach zwar nicht, doch will er, dass 
iebs geduldig ertrage. Das Wort und der innere Wille sind die 
Gegensätze. So gut wie die Trophos oben v. 74 — 75 auf dieselbe 
Frage der Verwunderung und des Erstannens eine Antwort er— 
hält, so hier Aegeus. 



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I 

Enripirfia Medes «d. flots 287 

Die Verse £86— 18» haben jetzt folgende Gestalt, ganz ver- 
schieden von der frühem Aasgabe: 

äyowtv eu pi9»7t, av ix ya/a; 
A©»yw{ di <ru^5 xa/ 5«Si t»w jaoto* 

Bu ist der in den besten Handschriften gebotene Text. Auch 
wir haben ihn bereits im Jahre 1885 (Jahn's N. Jabrbb. XII., 9 
p. 187) geschätzt, and schützen ihn trotz den Einwendungen, die 
ein Gelehrter in denselben Jabrjbb. 183«. IV., 1 p. 69 sq. dagegen 
gemacht bat, aar dsss wir jetzt mit Gottfr. Hermann zu Pkoen. 
1909 p&tlc belassen, d. i. p&üvc, und nicht auf den Acoueativ 
*<kni*w9*tina** dringen, wie Didymus gelesen (wiewohl der«» 
selbe grammatisch richtig. Vergl. unsere Note zu Iph. Aul. 1016), 
weil Rom. A. und Havn. den Dativ haben. Die andere Lesart, die 
Witzsobel wieder adoptirt bat, — man würde sich wundern müs« 
sen, dass man aus orx dv niboto bat *a% &v w. und nioht lieber 
cux* dp machen, wollen wenn dies bei den Tragikern Porsog 
zugelassen hatte — will dem Dichter einen „bessern*' Gedanken 
aufdringen. Bs liegt aber der Unterschied des zweiten and er- 
sten Gedankens in dem fiXog yivtf dp Schwöre mir, dann He» 
ferst du mich nieht ans. Jetzt hast da nuYs bereite zugesagt; 
kommt Schwur und Zusage zusammen, so bist du Freund mir 
und leistest den Befehlen keine Folge. Beides ist mir aber werth, 
denn iob bin sehwaob und meine Feinde sind stark. Dass aU&ec 
„ad Medeam pertinere" hat auch der Schreiber des Havn» ver* 
standen, der <ptXo<; yi pot dv gesetzt, was der Cerreoter über- 
sehen. 

r. 777 sq. Ist der von dem einen nnrentinisohen Codex ausge>r 
lassene Vers in Schutz genommen, an wie die Lesart Igte, din 
durch ^xetr, was man ans der ed. Hervag. 9 genommen, ver- 
drängt war. Herr Klotz hatte nur nicht sagen dürfen : rati jam 
eo loco potuisse ab inchoata struetura recedi, denn der Infin. wurde 
als von doxü put abhfingig angesehen, so gut wie die folgenden 
5f?pa)op' ilvai. Die Erklärung geht daran/ hinaus, es hätte yäuoi 
stehen sollen, doch wurde der Nominativ durch das folgende Pro- 
nomen im Accus, attrahirt and der Accus, daraas. Die Erklärung 
ist nen and mit der von Rost and Matth iä in den Grammatiken 
angeführten Stelle aus Traohin. v. 988 in Vergleieb gestellt Da 
heisst's : 



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288 s turipidit Medca ed. KloU. 

»5 oXßtwv ufykov tvgoüeat ßiov, 

wo Tot^e allerdings flu3e seyn sollte. Bs sind das Nachlässig- 
keiten der Diction, die eben nur als solche — es sey denn, dass 
aneh das Metrum dieselben verlangt — zu entschuldigen sind, 
ebenso wie die Wiederholung des Demonstrativs naeh dem Rela- 
tiv, worüber G. Hermann zu Soph Phil. 315 nachzusehen. Die 
letztere Redeweise beabsichtigt ausserdem eine grössere Dentlich- 
keit. Es kann nicht in Abrede gestellt werden, dass die Umstel- 
lung von v. 778 und v. 779, welche G. Hermann in Johns Jahrbb. 
XXXIII., 9 p. 191 proponirt, womit die Aenderung von xavxa 
v. 777 in xavxa verknüpft ist, der lastigen und undeutlichen Rede 
noch besser zu Hülfe kommt; weon man sich nur vor solchen 
Umstellungen nicht so -sehr zu hüten hätte. Wir würden dann 
lieber yauoixi xv^dwov S' ovq gesehrieben und die Versordnung 
nicht angegriffen haben. Geben wir auch unseren Erklärungsver- 
such in den Verdäcbtt. p. 168, der in xeu xaX<5$ l^et ein Inter- 
positum £ia ueaov fand, gegen den Vorschlag des Herrn Klotz 
gern auf, so möchten wir doch noch lieber, dass yäpov$ bis 
iyv(Day.tva von Hoxti uoi abhängig sey. Man löse nur einmal 
den Satz auf. Medea will zum Jason sagen xai «faxet aot xavxa 
xal xaX&q I^ct, d. h. mir sagt das zu und ist schön, ydaovi; xal 
%vu<f>o<f tlvai etc. , dass die neue Ehe gut ausgesonnen und uns 
zuträglich ist Sollte man nicht sagen dürfen ydaovi 5»p<po?a 
alvat xavxa xaXäq d * D * °^ T0 * °* ^oyo* tv tlfquivoi 

Anch die von uns in der Recension der ersten Auflage schon 
berührte Stelle 866 sq. müssen wir hier wieder herbeiziehen, um 
nachzusehen, was seit jener Zeit zu der Erklärung jener aller- 
dings schwierigen Stelle geschehen ist, Witzsohel lässt zwar die 
Vulgata stehen, aber meint, es sey doch xapSiu* xt zu emendi- 
ren, was er indess selbst für überflüssig und schleppend hält 

CDer Schluss fotyt.) 



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Nr. 19 HEIDELBERGER 1844, 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



Euripidis Medea ed. Klotz. 

« 

„ CBeschluss.') 

Herr Klotz will durch eioc richtige Erklärung geholfen wisserf. 
B S d<r<n tysvot; sey mentis intimae audacia, x«'f' u « d * a ? 3 <* bezeichne die 
externa oder vielmehr corporis fortitudo. So stehe xo^ auch v. 1042 
Kc ? 3/a yd? o'ixtrut . . de fortitudine externa. Aber mit dem körperlichen 
Herzen thut Medea bei der That nichts: der Müth sitzt sv *af3<>, d. lt. 
so viel wie «vi <jpfso7, nichts weiter. Auf die Frage, wie der Dativus x* 1 ? 1 
auf den Genitiv (ppevo; folge, meint er: poeta ubi venit ad alteram mem. 
brum, alius genitivi, quem erat adjuncturns, ei in mentem venit, et quod 
potuit ad B^daoe, referri uti praecedens (p? «vo ; , id ad verbuin >*j-^st ad- 
juoxit itaque pro iruSsv S%d<TQ% - ystqdc, recte atque ordine tc$m Sgdoot,- 
A>f\j/8i dixit. De Gcnitivo autem rsVtvtuv hoc dico , qui non singula 
cxempla a grammaticis sed vim ac potestatem casuum didicerit, hacsita- 
turum non esse. Nam uti totus comparatus locus est, est fere idem, 
quod *aru r«xviuv ciBav. Dies ist in dem ganzen Commentare die merk- 
würdigste Stelle. Mag man noch so gut das Wesen und die Bedeutung 
der Casus kennen, es soll wohl schwer werden, hier den Genitiv tskvwv 
so, wie Herr Klotz, zu verstehen. Und welch eine verschrobene Wort- 
stellung gibt das! Unerklärt bleibt zwar nicht die Entstehung jener 
Redefügung, aber wohl der Grund derselben. Wie $?«vo£ und nafS/a 
durch ij—jj auseinandergehalten werden dürfen, das soll erst noch nachge- 
wiesen werden. 

Man kommt ohne Aenderung nicht durch. Die leichte Vereinigung 
der Volgata und der handschriftlichen Lesart gibt 

X*Jf2 T*K*(WV viSw 

Ka^5/6t r« Aq^/ci 

tatvdv Tf«;a'Y©wra ro'A/txav. 

Es ist <3ihe Verschmelzung zweier Fragen: woher wirst Du die 
kraft Deiner Seele nehmen, wirst Du sie haben, wenn Du gegen die 
Hand, gegen da« Herz Deiner Kinder die schreckliche That unternimmst. 
Das «j nimmt gmde so die Frage auf in Hec.*) 1013. 

»ouSijra, ireirAov tvre$ 17 xpttyacr' *x«<$; 



*) Nicht minder in Soph. Antig. 126u\ wenigstens nach der Hermann'- 
sehen Erklärung. 

XXXVII. Jahrg. 2. Doppelheft. 19 



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Euripidis Medea ed. Klotz. 



Nun ist *fo(ayowa mit x e, f* nn ' ita ^' a *u verbinden, denn wenn 
die Mutter den Mord beginnt, so wird eie zunächst de? flehenden Hand 
der Kinder Gewalt anthnn, da« Bitten derselben erst bewältigt hoben 
müssen, ehe sie in das Herz den Mordstabisenken kann, narfta, an x*'?< 
durch ein einfaches rt geknöpft, gibt das Eigentliche an, indess ist x*'?' 
richtig gedacht. Erst wird sie sich von den Händen der Kinder losma- 
chen müssen*). Gerade diese bittende Hand, die vaiest <Wra* ir<rvovT»$ 
können ri B^d<ro^ <fy>tvc; brechen. Bei Aescbyl. steht in Choeph. 827 sq. 
dt« Gegentheil. Der Chor warnt auch: 

• 

o-u Äi Sap<Tcüv, orav tjxg \*tyo% üpycuv 
irauaat; var^it, £'py«J, SfotoVa 
*fdc fri, t#*kvov, irarfo? au'5av, 
nai Ttpatvcvv «V/juo/u^ßov dfrav 
Il«f(ritut r sv (p^so-iv 
napJ/av »yjSwv etc. 

In v. 1015 ist die s. g. palmaria paene necessaria conjectura Porsoni wirst 
nach den Bemerkungen, die wir früher im Jahn. 1835. vol. XIII. p. 192 
und in uns. Verdächtt. p. 171. gemacht, der handschriftlichen Lesart 
K£ara~( gewichen, obwohl Witzschel die letztere von Neuem für falsch 
erklärte. „Nequaquam intelligo quid velit sibi particula xai, qua prono 
men o*u' miro quodam modo effertur; nec perspicio, quo pacto cum hoc 
response conciliari queant Medeae verba äXXcvf Karate» xßoo-Sav ij ruXan 
s'yw." Mit dem ersten dieser Einwürfe kann es Herrn VV. nicht Ernst 
gewesen seyn. Herr Klotz hat mit Recht nur den zweiten beachtet, und, 
unsere Erklärung von xara£cu verwerfend , übersetzt: pritisquam islo 
modo ipsa vincam, alios deducam infelix cgo. Es fragt sich nur, wie 
das zu denken sey: denn dass Medea hier doppelsinnig rede, ihre Worte 
eine doppelte Erklärung zulassen müssen, liegt auf der Hand. Der Pä- 
dagog darf den Mord nicht ahnen. Herr Klotz schreibt: Medea de übe- 
ris ad inferos mittendis, paedagogus de pueris ad Jasonem patrem dedu- 
oendis cogitat. So ist auch unsere Ansicht, nnr wundern wir ups» dass 
Herr Klotz nicht ausdrücklich schrieb cAAeu; sey der Accusativ nach den 
Verbis der Bewegung. Die Worte: „werde ich sie doch vorher zu An- 
dern führen* 4 , versteht der Alte so: „muss ich die Kinder doch vorher 
beim Jason und der Königsfamilie lassen 4 *', und tröstet deshalb, du bist 
nicht die einzige Mutter, die von den Kindern getrennt wird [fragt Herr 
W. noch, wesshalb xai <rü im vorigen Verse?], Medea aber meinte „zu 
den Göttern der Unterwelt. 44 Unsere frühere Ansicht, die Ambiguität 
läge darin, dass xora'gey in Medca's Sinne von Karayvi^u, in des Alten 
Sinne von nardym herzuleiten sey, wird nun falsch. An und für sich 



*) Wenn es in einer von sich selbst verstehenden Sache auf ein Bei- 
spiel ankommt, so vergl. Hero. für. 986 

<£3av« 3' o rAtj/uwuv yovavt wfosT«co)v xoTpej 
nal Tfd; yivtiov yjuqa *ai St'otjv ßaXvv 



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I 



Eoripidis Medea cd. Klotz. 291 

S 

möchte daran weniger auszusetzen seyn. Wir erinnern an das dva- 
^o/ukv &6fxon in Choeph. 131, was von dvdeers* and dvdyttv hergeleitet 
wird. Das xfart?; v.a.\ onJ des Pädagogen druckt dieselbe Hoffnung ans, 
mit welcher in Cboöpli. v. 840. der Chor den Wechselgesang unterbricht: 
dXX sV äv in ToTvd« Sac; X^'i vM -^ty ntXaSbv^ evtySoyyoTfyo-j; etc. 

In v. 1054 und 1055 ist die frohere Lesart beibehalten. Also steht 
gegen die Autorität der bessern Handschriften — auch des Havn., was ich 
bereits in meinen Verduchtt. p. 180 angegeben — Sv/xaovv. Dagegen ist 
v. 1056 p>j tot« aufgenommen, wie ich a. a. O. p. 182 als passender 
hingestellt. Ancb die frühere Erklärung ist geblieben. Weder WKz- 
scbel noch Herr Klotz haben mit einem Worte meines Versuches, eine 
neue Erklärung au geben, gedacht; und dennoch muss ich auch hier den 
schon von mir p. 180 sq. dagegen gemochten Einwand wiederholen, das« 
X«fpa 3<a$9«/f»v man um miscricordia corrurapere nicht wohl bedeuten 
könne, dass kein Zuhörer das verstanden haben wurde, das« nicht mit 
Matthiä yvoSp*]* SiadpSei^tv ans Again. 941 aufzurufen scy. Denn dort ist 
Alles aus dem Znsammenhange und dein Ausdrucke yvw'f**] klar, hier 
aber nicht. Wir hatten bereits von "xv$ a eu< e * c> die neue Sinnesände- 
rung der Medea beginnen lassen, anf ein Scholion gestützt und der Dc- 
elamation des Zuschauers aufgegeben, das zu verdeutlichen. Dann hiesse 
es, „ich will die Hand nicht besudeln", wie x*^ a ä/a<pS«/p«<v in dem Zu- 
sammenhange wohl heissen durfte. Gefällt der Vorschlag nicht, so wird 
biatytopi, die dritte Person, zu emendlren seyn, worin Subject ist otw fxij 
Si>u;. Denn dass Witzschel seinem grossen Lehrer darin beistimmen 
wurde, dass Medea mit ort» fxij etc. den Jason bezeichne, hätten wir für 
unmöglich gehalten. Wie käme denn der plötzlich hieher? Wie käme 
aie darauf quid ad me attinet, adveniat Jason an absit: videat ipse de 
hac re? Sie hat sich mit den Weibern des Chors unterhalten, hat oben 
v. 1048 eingestanden, wie wichtig dieselben ihr v. 860 oq. vorhergesagt, 
dass im entscheidenden Momente ihr das Herz fehlen würde. Drum will 
sie fort ins Hans, wo sie allein ist, wo die Gegenwart des Chors ihr 
nicht jeden Augenblick das Grässliche ihrer That zuruft, darum wird 
sie, wie Naturen ihrer Art in solchen Lagen so leicht, hart und vor- 
wurfsvoll gegen den Chor: bleibt ihr doch hier, wer nichts im Hanse 
zu thun hat, der wird schon draussen bleiben, er wird dann seine Hand 
nicht besudeln, ich vollziehe den Mord. Dass nun faVoow der richtige 
Ausdruck , liegt auf der Hand. Hält Gottfr. Hermann für nothwendig, 
in diesem Sinne trif *f*o*t »v Stapaetv zu schreiben, so haben wir nichts 
dawider. Herr Klotz durfte .die Stelle übrigens nicht wohl so stief- 
mütterlich behandeln. 

v. 1128 ist, ohne WitzehePs Autorität zu nennen, die Erklärung 
desselben, die auch wir für richtig halten, adoptirt. Dasselbe ist auch 
noch an einigen andern Stellen geschehen. Wir würden das nicht be- 
merken, wenn Herr Klotz nicht Aehnliches bei Witzschel monirt hätte, 
z. B. zu v. 1296 und zu v 278. — v. 1166 ist die Vorstellung beibehal- 
ten, Glauee habe sich auf die Schuhspitzen gestellt und rückwärts ge- 
schaut. Woher das? Ein fyB&s xov; ist ein gestreckter Fuss. Sie geht 
im Zimmer anf und ab und schaut auf ihr schönes Kleid ; das über den 
vorwärts gestreckten Fuss in schönem Wurfe hinabfällt. Machen es im 



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292 Eurlpidis Medea ed. KloH. 

t 

sere Damen andern , wenn sie ein neue» Kleid anprobiren und «ich de« 
Schmuckes freuen? — In der Urbersetzung, si vero per vim ageret, ist 
der Optativ äyot v. 1216 nicht gehörig ausgedrückt. Es liegt darin „so 
oft sie es that «, das Jedesmalige. — Undeutlich ist uns die Bemerkung 
zu v. 1296 roaxime propterea etc. geblieben. 

Von diesen Ausstellungen gehen wir au einigen Noten über, denen 
wir vollkommen beistimmen. Manche derselben sind mit richtigem 
Blicke nachgetragen. Zu ▼. 13? wird «Vit pot tylXov xsxfavra/ übersetzt 
quoniam mihi amica effecta est Tel facta est sc. domus. Sollte das aber 
nicht schon Hermann'« Meinung gewesen seyn ? [v. 139 ist es dagegen spitz- 
findig, <ßf«u3a ra'S' fövj wiederzugeben: „an solche Dinge ist nicht mehr 
su denken/* Es heisst „das ist hin* 4 und da muss jeder den vorangegan- 
genen Begriff ergänzen. So i«ts auch im Herc. für. 480, wo unter raüra 
zwar alles Vorangegangene, zunächst aber ßiot, tuSaifAwv zu verstehen.] — 
Dass zu v. 168 die Anspielung des Aristophanes im Plut. 601 nicht an- 
genommen wird, können wir, wenn die Weigerung des Herrn Herausg. 
hier auch schlecht zu seiner Annahme zu v. 526 passt, nur gutheissen 
nach dem, was wir in der Einleitung zu unserer Jphigenia Aul. p. 50 sq. 
über die nothwendige Vorsicht in derartigen Annahmen geschrieben ha- 
ben. Auch dem Aristophanischen Scholiasten ist darin nicht unbedingt 
su trauen*). Hätte Aristophanes verlangt, seine Zuschauer sollten etwa 
zwei {und zwanzig Jahre nach der Aufführung der Medea bei dem Aus- 
rufe in Plut. 601 tJ To'Ai; "Ajvyou?, kAv«S' o/u Mytt sieb erinnern, da»« Eu- 
ripides dort geschrieben xAuVS' ola Xvyet *at mßoärai^ so musste er, da 
dieser Ausdruck doch an und für sich im Mindesten nichts Ungewöhn- 
liches enthält, glauben, es kenne Jeder die Medea Vers für Vers auswen- 
dig; etwa wie Chrysippus (vergl. Diog. Laert. VII, 180). Eine Anspie- 
lung mag es gewesen seyn, da auch in Equit. 818 steht <u »c'A/; "Afyouc 
mAu«5' ola Afytf , aber auf eine andere Stelle, in welcher nothwendig die 
ganze Verbindung von Worten stehen musste, namentlich das w «a'A* 
"A k yo\a nicht fehlen durfte. Dass man sich derselben Situation erinnere, 
ist eine Forderurig, die der Komiker eher stellen kann. Uns ist bei den 
Worten des Streps. in den Wolken v. 41 sq. gleich in den Sinn gekommen, 
ohne dass der Scholiast oder sonst Jemand daran denkt, dass hier der 
Anfang der Medea verspottet werde. Denn hier kommt die Situation 
und der Ausdruck zusammen. Auch in dem ou fujv «*fcu 7' cu; dqy 0 5 >jv 
dort v. 53, ist ein ironischer Rückblick, ähnlich wie im Plut. 922 e*s7vo 
V 01/ /WAe/' av ii<Tuylav iyoiv fljv rffyo'i, worauf die Antwort lautet a'AAa 
xfoßariov ßlov Aty«/;. Denn das betriflt eine politische Tirade des Euripi- 
des (die wir oben berücksichtigt) , gegen welche der Komiker stets zu 
Felde zieht'*). Dass dagegen die Thesmophor. 946 ein Rückblick auf 



•) Zu Nuub. 41. Paz 1010. Lysciser. 368. Vesp. 1453. Ran« 1417 zie- 
hen die Scholien die Medea herbei. 

•) So ist aoeh Nub. 493 D. Ubot*d <r % J T^ß^ra, p} *\*fyäiv Oy viel- 
leicht — nachdem die Absiebt des Komikers unverkennbar dabin 
geht, in den Wolken die Medea zu berücksichtigen — eine Anspie- 
lung auf den Anfang der Rede des Kreon v. 282 bOomd et — assj fMi 



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Euripidis Medea ed. Klotz. 393 

Medea 976 sey, eine Annahme, wozu leicht die Lächerlichkeit der Worte 
verleiten könnte (dort : ©ük fom tr »Airi; ow3ef*/a cwryQiat» hier: vuv, sAwäs* 
cvxiTi t*oi xatSwv <o«$), kann man erst dann zugeben , wenn Aristoph. in 
jenem Stücke mehrfach die Medea im Auge hat. Das hat er dort v. 1141 
offenbar gethan, denn er hat einen ganzen Vers aus der Medea (299) 
aufgenommen. Dass übrigens Herr Klotz nicht auf Porson gehört, der 
die Ansicht aufgestellt, weil Aristoph. jenen Vers verspottet, habe der 
Dichter in einer zweiten Recension das in einzelnen dürftigen Hand- 
schriften befindliche «mj statt ?o$d geschrieben, können wir im Einklänge 
mit dem, was wir in der Vorrede zu uns. Iphig. p. 62 gesagt, nur billi- 
gen. Euripides hat derartige und noch ganz andere Invectiven des Ko- 
mikers völlig ignorirt. — - Wir stimmen bei, wen v. 182 (ßtAa Kai rad* 
au 3a durch btnevola haec quoque ei verba dicas übersetzt wird; wenn 
v. 443 endlich rwv AiKrgaiv aufgenommen, da diese Lesart handschrift- 
lich, «rtuv ob des vorangehenden cci in v. 441 ganz unnöthig, rwv ver- 
ständlich genug ist; wenn v. 594 Xinr^a ßwrtMatv, was Witzschel noch 
egregia Elmsleji emendatio nennt, dem handschr. A. ßamX&n hat wei- 
chen müssen, und v. 1218 dxitrryj wieder in den Text gesetzt ist. Wir 
beissen es gut, wenn v. 970 o^xoViv r a/*Jv geschützt wird [vergl. unsere 
Nute zu Iphig. Aul. p. 200], wenn zu v. 1295 der Partikel ?• das Recht 
wird, was auch wir ihr stets gegeben haben [nnr vermissen wir, weshalb 
roiibs dort betont werden konnte. Jason hält es wohl für fast unmöglich, 
dass sie in diesem Hause, ihrer bisherigen Wohnung, sich jetzt noch 
aufhalten werde], wenn zu v. 87? darauf aufmerksam gemacht wird, dass 
Medea just dieselben Argumente in ihre Rede aufnimmt, welche oben 
vom Jason ausgesprochen. Derartige Fingerzeige helfen sehr zum inni- 
gem Verständnis* der Tragödie, und doch sind sie so selten, höchstens in 
s. g. Enarrationen anzutreffen. Wer hat zu Hecuba v. 394 bemerkt, dass 
Odysseus sich derselben Worte bedient, welche früher die Hecuba ihm 
entgegengesetzt? Als diese es v. 396 eben so thun will, da wird Odys- 
seus böse. Das sind absichtliche Rückblicke des Dichters, in deren Ver- 
bannung ihm eine Schönheit entzogen wird. — Was zu v. 475 über den 
Sigmatismus und ähnliche Verhältnisse der Sprache gesagt wird, hat un- 
sere Billigung im Allgemeinen, doch glauben wir, es liege eine gewisse 
Annotation darin. Namentlich ist es das Verbuni oW{«fV, welches derartige 
Verbindungen Hebt. Wir notiren zu den gegebenen Beispielen Jon. 386. 
Or. 450. Hei. 8*9*). 

Was die Interpunction angeht, so weichen wir an drei Stellen ab; 
wir würden zu v. 184, um das Verständniss zu erleichtern, vor ouM »tu 
ijrtot, statt des Koroma ein Kolon setzen, v. 336 am Schlüsse jeder Inter- 
punction aufheben, da die Rede unvollendet ist, wie die Anmerkung zu 
diesem Verse selbst annimmt, endlich v. 993 nach ßtorav die Interpunc- 
tion streichen, oder nach der Weise von Witzschel interpungiren. 



ti fysVgf Weleker führt in seinen „Griech. Tragg." p. 634 an, dass 
Aristoph. die Medea in den Wolken v. 1401 berühre j wir haben die 
Stelle nicht gefunden. 
*) Herr Klotz hat seine Aneichten in den Leipz. N. Jahrbb. XXXV., 4 
p. 449 noch weiter ausgeführt. 



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294 Euripidis Medea cd. Klotz. 

Einzelne Anmerkungen , su denen theile die Schwierigkeit einen 
Ausdrucks oder die Note Witsschels hatte Veranlassung geben können, 
vermissen wir, während an andern Stellen Herr Klotz dem letztern Her- 
anageber mit Glück opponirt bat. So an v. 122, v. 945, V. 1871. Auch 
an v. 524, wo für die Beibehaltung der gewöhnlichen Sataabtheilnog ein 
ähnliche« Beispiel an« SnppL 219 herbeigezogen werden kann. Oa heisst'n 

> 

^5 xai ei) (Qatvtt itndScx; , o\i vofyot, Y«*ywq, 
00T/5 etc. 

Da« it ist wie hier o5 5 , Beiden der den Tragikern beliebte Ueber- 
gaag durch'« Relativ. Warum nun an andern Stellen den Vorgänger so 
gänzlich ignorirt? So hatte W. au 60 in dem Ausdrucke frAtü <rc eine 
lenis irri«io gefunden und angenommen, v. 61 bei Seite gesprochen, hatte 
▼. 695 an« eigaer Conjectur mim geschrieben: billigt Herr Klotz da«, 
oder hält ers nicht der Widerlegung wcrth? Und doch hätte er so oft 
eine wohlthätige Anregung finden können, hie und da eine Annotation 
nachzutragen. Zu v. 280 lässt Herr W. die Person'sche Anmerkung wie* 
der abdrucken, die doch zu eng gefasst ist. Ee hätte müssen auf die dem 
Euripides beliebte Weise hingewiesen werden, vor der Seeno das Thema 
derselben erst kurz anzugeben. So ist das iqwtacBat an vielen Stellen 
der U ebergang, welche wir zur Iphig. v. 1124 gesammelt .haben , nur 
dass dort Medea 280 und Troad. 30? ausgelassen ist. Auch in Hecob. 
413 ist das tsAo; hiytt fc? rtüv ifxdov v^o^^Sry/uutrcuv nur nur Einführung 
der folgenden Scene gesetzt, die nichts weiter als die leinten »fo^tfy- 
fxora enthält — Zn v. 545 vermissen wir die Erklärung von *«W, die 
Witzschel ganz richtig für nach tragen« werth gehalten. Es wird mit dem 
Ausdrucke auf die xdvot wieder hingewiesen, welche Medea vorher um 
Jason gehabt haben wollte. In Hec. v. 271 ist der Ausdruck ähnlich : 
rip ph iinattu to'vö' sIjuuXAw/ucoi Aoyev, d. h. jenem «Vkcmov, was du oben hin- 
gestellt hast, trete ich also entgegen. Sonst steht wohl das Pronomen 
?ot dabei, wie Herc. für. 295 n)v <r»)v ikttiba. Zu v. 1059 ist die Leeart 
"Ai8$ f welche Elmsley vorzog, ganz ignorirt. Es hätte Witzschers 
Note wohl verdient, mit ihren Einwendungen aufgenommen zu werden« 
— Die Redensart SjyytiXas cl %yyv\at, v. 1011. bleibt ohne Anmerkung. 
Scheute sich Herr Klotz, die Note von Witzschel aufzunehmen, wesshalb 
verwies er nicht auf Pflugk zu Hec. 873*), oder anf Seidl. zu El. 1122, 



') Herr Klotz hat zwar die Sache Pflug*'« im Auge gehabt, z. B. zn 
v. 279 die Berücksichtigung der Pflugk'schcn Note durch Herrn, zur 
Holen. 1609 nicht ausser Acht gelassen (wohl aber, was Kühner in 
der Gr. Gr. p. 451, l gegen Pfl. su v. 675 monirt hat); vielleicht 
dass es der Pietät gegen den um Eurip. viel verdienten Pflugk ent- 
sprochen haben würde, wenn anf dessen Noten au andern Eurip. Stü- 
cken mehr verwiesen wäre. Wir noüreo inr eine spätere Auflage 

1 

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Bur iridis Modea ed. Klotz. 1 21» 

Schärer su Oed. Col. 27« ? Autoritäten, welche fruserer Note zu Iph. 
Aul. 645 nachzutragen sind '). — Die Note Witsschel's stt v. 1864 alter- 
cantus eadera dicendi forma, qaa alter usus est, respondent, ist geeignet 
auf eine Feinheit des Dialogs aufmerksam zu machen, die auch bei Ae- 
Bchylus'*) gebräuchlich. Wecsbalb repetirt ein Herr Klotz nicht? Wen* 
halb nicht den Scholiatten zu v« 1142 aber die ar&fcu •yvva/xeüv? ist eo 
zu billigen, data zu v„ 1409 die Pflugk'ache frühere Note wieder abge- 
druckt ist, nachdem Witzschel dagegen sein Bedenken ausgesprochen? 
Darf die kritische Annotation zu 605 fgnoriren, dass Gottfr. Hermann 
rtpbwv geschrieben? Dass v. 1068 rou Pierson Verdächtigt Ist? 

Neu ist tu dieser Ausgabe eine Verteidigung sämmtltcher In der 
Medea verdächtigten Verse. Herr Klotz hat mir die Ehre erwiesen, In 
hierher gehörigen Fällen seine Zustimmung zu der von mir geführten 
Vertheidlgnng zu geben, wobei er auch neue Argumente einftieseeu Hast. 
In dieser Beziehung steht die Ausgabe derjenigen ton Witzschel schnür» 
stracks entgegen. Wir haben bei der Beurtheilung der letztem Ausgab« 
Gelegenheit erhalten, die Sache der verdächtigten Verse von Neuem und 
weit läuft ig zn fuhren, und stehen nicht an, hier zu erklären, dass trotz 
der gewichtigen Stimme von Gottfr. Hermann alle unsere neueren Unter- 
suchungen über dies Thema ein von dem frühern nicht abweichendes 
Resultat geliefert haben. Jene, in der Neuen Jen. Literaturzeitung zu 
lesende lieecnsion beschäftigt sich au Ts Neue mit allen uus bekannt ge- 
wordenen Einwürfen, namentlich sucht sie den von mehreren Seiten mint 
gewordenen zufälligen Umstand, dass innerhalb dieses einen Stücks mehr« 
lache Rcpetitionen von Versen vorkommen, in der Eigenschaft eines Ein- 
wanilcs gänzlich zu entkräften. — Neu ist dieser Ausgabe ferner die 
Beifügung der Fragmente des Ennins an den betreffenden Stellen, endlich 
eine häufigere Bezugnahme auf ähnliche Stellen lateinischer Dichter. 
Wir ertauben uns, zu dem Lictzteren noch einiges beizufügen, was viel- 
leicht in einer dritten Auflage nachgetragen werden könnte. Zu dem 
Anfange der Medea darf man wohl Ovid. amor. II., 11 anziehen, der ja 
so oft und gern (vergl. auch Hec. 669 sq. mit Metam. Xlll., 479) dem 
Eurip. folgt: 



folgendes: zu v. 193 auf Pflugk zu Androm. 9 zu verweisen, sn v. 
261 anf Hec. 132, zu v. 218 auf Hei. 932, zu v. 280 auf Andr. 26, 
zu 8J7 auf Hei. 487 und 497, zn 347 auf Heracl. 714, zu 364 auf 
Ale. 615, zu 386 auf Andr. 334, zu 437 auf Ale. 925, au 442 auf 
Ale. 798, zu 459 auf Andr. 87, zu 466 auf Andr. 257, zu 516 auf 
Hec 879, zu 609 auf Andr. 255, zu 666 auf Andr. 1051, zu 687 auf 
Andr. 1000, zu 752 anf Her. 748, zu 942 auf Ale. 1112, zu 1107 auf 
Hei. 589, au 1134 auf 41c. 1079, su 1252 auf Ale. 400, zu 1823 auf 
Ale. 741, zu 1866 auf Her. 159, au 1399 auf die Noten au Andr. 94, 
Hei. 675. In einzelnen der bemerkten Noten nimmt Pflugk auf sein« 
Annotation nur Medea directen Reeurs, theils Früheres vervollstän- 
digend, theils abändernd. 
*) Weiller sagt in der Jung fr. van Orl. IV., 3 ebenso: „ich sehe was 
ich seh.«« 

") Ansah. Prometb. 69. 971. Choeph. 774. Soph. Oed. tyr. 547-562. . 



* 

N 



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296 



Kurze Anzeigen. 



Prima malas doonit mirantihus aequoris undis 

Peliaco pinns vertice caesa vias: 

Quae coneurrentes inter teraeraria cautes 

Conspicnam fulvo vellere vexit ovem. 

O utinam rerao ne quis freta longa inoveret- 

Argo funestas pressa bibisset aquas ! 

Wai Medea v. 474 als Grund ihrer Worte angibt : ry~' n yd ? \%ia<ra hw- 
(jßtffStjaofxat y^vx^v komcu; <ts kou <tv Xvinpst xAucuv, thut auch Charinua in 
Terent. Andria IV., 1, 15 „raolestus certe ei fuero, atque animo morem 
gessero." Zu Medea v. 586 wurden wir Ter. Andr. IV., 4, 54, zu v. 
1013 sq. aber Andr. III., 4, 1? occidi eq. herbeiziehen. 

Die Auagabe liefert den Beweis, dass die Redactoren der Biblio- 
theca Graeca in der Wahl eines Nachfolgers des sei. Pfluglc glücklich 
gewesen 'sind. Wir wünschen , dass Herr Klotz recht bald die Müsse 
finde, uns mit den Ausgaben der übrigen Euripideischon Tragödien zu 
erfreuen. Nächstens von der de« Hercules furens und der Phocnissen. 

Hanau. 

C. G. Firnkaber. 



KÜRZL ANZEIGEN. 

! 

Dr. Ferd. Krauss: DU südafricanischen Crustaceen , eine Zusam- 
menstellung aller bekannten Malacostraca [Süd-Afric*'*J> Bemer- 
kungen über deren Lebensweise und geographische yerbreitung 9 nebst 
Beschreibung und Abbildung mehrer neuen Arten [68 SSJ mit IV. 
lithographirten Tafeln, gr. 4. Stuttgart, in E. Schweizerbart's 
Verlagshandlung. 1843. 

Unter den Naturforschern , welche unsteten Fusses ferne Küsten- 
Gegenden durchstreifen , gibt es viele, welche mit Fleiss und Emsigkeit 
die buntfarbigen und dauerhaften Weicbthier-Schaalen des Strandes sam- 
meln und bei ihrer Nachhausekunft gemächlich untersuchen und be- 
schreiben. Aber von den überall zwischen den ersten sich umhertreiben- 
den Krustazeen ziehen meistens nur die grossem den flüchtigen Blick 
auf sich, der die übrigen in ihren Schlupfwinkeln aufzufinden selten ge- 
wöhnt ist, -und die grösste Mühe der Zubereitung wird an Orten, wo kein 
Bleiben ist und es an den nöthtgen Bequemlichkeiten und Bediugnissen 
mangelt, nicht immer von ganz glücklichem Erfolge belohnt. 

Unser Verf. nun, welcher in den Jahren 1888—1840 an der Süd- 
Spitze Afrikas nur Behufs naturhistorischer Studien verweilte, hat sich 
vor seiner Abreise von Konservator De Haan in Leiden sine genaue 
Anleitung zum Sammeln und Aufbewahren dieser Thiere ertheilen las- 



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Kurze Anzeigen. 2517 

< 

•en und machte sie «ovohl während ■eine« Aufenthalts in der Kap- Ko- 
lonie, wie während eine» zebnmonatlicben Verweileng in dem am 4 Grade 
nördlicher gelegenen und an Formen weit reicheren Natal-Lande zu ei- 
nem vorzüglichen Gegenstande «eines Beobachtens und Sammeln«, und 
die von da mitgebrachten Exemplare (deren er noch eine Anzahl an Na- 
tu rforncher ablassen könnte) gehören zu den schönsten und besterhalte- 
nen, die man in Europa aus so fernen Gegenden zu erwerben Gelegen- 
heit hat. 

Zur Einleitung werden die Küsten-Gegenden des Caps und des Na- 
tal-Landes in allgemein naturhistorischer Hinsicht vergleichungsweise 
geschildert (S. 1-7 . — Darauf folgen des Verfassers sehr werthvollen 
und belehrenden Beobachtungen über Lebensweise und Vorkommen der 
Malacostraca Süd-Africa's (S. 9 — 18), die um so willkommner sind, als 
wir seltener etwas darüber aus so fernen Gegenden vernehmen. — S. 19 
bis 22 handeln von ihrer geographischen Verbreitung; — S. 28—66 lie- 
fern die Beschreibungen aller bis jetzt daselbst bekannt gewordenen Arten, 
und S. 67—68 die Erklärung der Abbildungen. Man wird sich am be- 
sten einen Begriff von den Leistungen des Verf. machen können, wenn 
man erfährt, das« Milne Edwards in seiner Histoire naturelle des 
Crustace« in seiner Rdgion Madecasse (zwischen dem Rothen Meere 
und dein Cap) nur 5£, und darunter vom Cap selbst mit Gewissheit nur. 
11 Arten aufzählt, dass Mac Leay 1838 in Smith' s Illustration« of 
the Zoology of South -Africa, Annulose (p. 53; noch 36 Bracbyuren hin- 
zufügt, welche Smith während eines vieljährigen Aufenthalts auf der 
Süd-Spitze gesammelt hat. Kraus« bringt aber die Zahl der Dekapoden 
auf 93 (76 Brachyuren), die der Storaatopodeu auf 1, und die der Tetra- 
dekapoden auf 26, mithin im Ganzen 120 Arten, von denen er 89 Arten 
selbst gesammelt hat. — Von diesen 120 Arten sind bis jetzt 
• 20 im Indischen Ozean, 

18 im Rothen Meere, 
• 13 in Japan, 

8 in Australien, 

5 auf Isle de France, 

5 in Europa, 

5 in America, 

1 auf Tristan d'Acunha, 
im Ganzen 58 aber auch an andern Orten gefunden worden ; 62 Arten sind 
der Gegend bis jetzt eigen. Nur 5 davon kommen am Cap und in Natal 
vor, 3 leben in Süsswassern und keine auf dem Lande. 

Die Beschreibungen sind mit grossem Fleisse gemacht; die Syno- 
nyme der schon bekannten Arten jedoch nicht alle angeführt, weil man 
sie bei Milne Edwards finden kann. Die Lithographien von Fede- 
re r siud eben so genau als zierlich und ausdrucksvoll. Von 26 Arten 
sind nicht nur je ein vollständiges Bild, sondern auch allerwärt« noch 
Einzelnheiten der wichtigsten Theile des Körpers oft in vergrössertem 
Maasstabe gegeben* Das Ganze ist mithin eine höchst willkommene und 
dankenswertbc Bereicherung unserer zoologischen Literatur. 

Ii rann. 



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298 Karze Anzeigen. 

Geologisch* Bemerkungen Über die Hegend von Btden bei Rastatt. Von 
J. F. L. Bausmann. Göttingen, in der Pietrich' sehen Buchhand- 
lung. i844. 4*S. 

Der, durch ieine Heilkräfte nud seine herrlichen Umgebungen mit 
Recht gefeierte, Kurort, dem jährlich Tarnende aue den verschiedensten 
Ländern zuströmen, ist anch in geologischer Beziehung Von hohem In- 
teresse. Gerade diese ausserordentliche Mannigfaltigkeit in der Gegend 
Badens ist durch die sehr verschiedenartige Zusammensetzung der Berge 
und Felsmassen bedingt Der Terf. nacht auf den Unterschied aufmerk- 
sam, der zwischen dem lieblichen, reizenden Baden und dem nachbar- 
lichen, nur wenige Stunden entfernten W 1 1 d b a d e obwaltet Dort wech- 
seln freundliche Wälder, blumige Auen, Berge und Felsen von mannig- 
fachen, zum Theil auffallenden, malerischen Formen; hier ist eine ein- 
förmige, aber immer grossartige Natur, wenige Wiesen, v*u hohen 
Bergrücken umschlossen, die mit dunklen, finsteren Tannen bewachsen 
sind. Beide Rurorte liegen in demselben Gebirge, auf fast gleichen Hö- 
hen, und dennoch diese au/fallende Verschiedenheit, deren Grund wir 
besonders In der Zusammensetzung der Berge und Höhen jener Gegen- 
den suchen müssen. Bei Wildbad bestehen die Höhen nur aus buntem 
-Sandstein; bei Baden treten Granit, Gnciss, Porphyr mit seinen Con- 
glomeraten, Thonschiefer, Steinkohlen-Gebilde, bunter Sandstein und 
Muschelkalk auf. — Hofrath Hausmann hat einen, seit einer Reihe 
von Jahren Wiederholten, Aufenthalt, einer sorgfältigen Untersuchung 
den Umgebungen Badens gewidmet, und es kann nur in hohem Grade er- 
freulich sein, wenn ein so gewichtiger Gewährsmann wie unser Verf. 
seine Ansichten über die geologische Beschaffenheit einer Gegend aus- 
spricht, welche durch das Vorkommen der verschiedensten Gesteine mit 
zu den interessantesten, aber auch verwickeltsten des ganzen Schwarz- 
waldes gehört 

Wie bekannt besteht dieses Gebirge zum grössten Theile aus Gneiss 
und Granit. Von den anderen platonischen Gebilden kommt nur dem 
Porphyr noch einige Verbreitung zu; dies ist namentlich bei Baden 
der Fall. Unter den neptnnischen Felsarten herrschen bunter Sandstein 
und Muschelkalk vor, während jüngere Gesteine, wie Lias, Keuper etc. 
auf geringeren Raum beschränkt sind, Das Steinkohlen- und „Ueber* 
gaftge" Gehirge sind nur wenig verbreitet. Die Diluvial-Gebilde erlang- 
ten erst in nener Zeit höhere Bedeutung durch die gründlichen, lehr- 
reichen Untersuchungen von Fromherz. — Gneiss und Granit sind In 
der unmittelbaren Mähe von Baden nur Wenig aufgeschlossen; aber wei- 
ter gegen Gernsbach zu, im Murgihale, findet man allenthalben Granit; 
aus ihm besteht die Höhe, worauf Schloss Eberstein ruht ; von da sieht 
«r sich über den Hnmmelberg durch das Oosthal bei Oberbeuren gegen 
Gerolden und Malschbach. Höchst eigentümlich ist das Granit -Cort- 
gfomerat mit abwechselnden Lagen von feinerem Korn, welches den 
Granit an seinen nordwestlichen Grenzen bedeckt. Der Verf. sieht das- 
selbe als eine „bei dem Emporsteigen des Granites gebildete, durch Efn> 
wirken von Dämpfen mehr oder weniger modißeirte und unter Einflute 
der Wasser-Bedeckung abgelagerte Masse" an. Von grosser Bedeutung 



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Karze Anzeigen. 299 

j 

für 4a» relative Alter der platonischen Gesteine bei Boden ist das Vor- 
kommen de« Steinkohlen-Gebirge». Eine kleine Afclagerang desselben ist 
hinter dem Ceoversationshaoss aufgeschlossen, andere Parthieen finden 
•ich im oberen Theile de» Thaies von Mählenbach und bei Malschbach. 
Mächtiger entwickelt ist das Steinkohlen -Gebilde in der Gegend von 
Neuweier, Gallenbach, Varenbalt nnd Umwege. An allen den genannten 
Orten ruht die Formation anf Granit nnd Congl enteret, und «war in ho- 
rizontalen oder nur wenig geneigten Schichten. Sie besteht ans abwech- 
selnden Legen von Sandstein, Gonglomerat («bisweilen von Kohle durch- 
drungen) nnd Schiefer, der mitunter Pflanzen-Abdrucke enthalt, nebst ge- 
ring mächtigen Schichten von Schieferkoble. Die Art und Weise, wio 
die Steinkohlen-Gebilde hier abgelagert sind, spricht für Bildung der- 
selben nach dem Emporsteigea des Granite». [In dieser Hinsicht unter- 
scheiden sie sich wesentlich von den Steinkohlen - Ablagsrungen, welche 
sich in der Gegend von Offenburg finden. Dort treffen wir die Kohlen, 
oder vielmehr Anthracit-Lagen — denn nach Gmelin's Analyse haben 
wir es nicht mit Steinkohlen, sondern mit Anthracit au thun — und die 
■ie begleitenden Schichten Von Kohleneebiefer und Koblensandstein zwi- 
schen Gneiss, so dass diese Felsart Hangendes und Liegende» derselben 
ausmacht. Anthracit, Schiefer nnd Sandstein-Bänke sind unter einem 
Winkel von 75° aufgerichtet, und lassen manche denkwürdige Erschei- 
nung wahrnehmen, deren genauere Entwicklung hier zu weit führen 
würde.] Hausmann glaubt die Kohlen -Gebilde bei Offenbarg ei- 
ner älteren Formation, und zwar dem „Uebergaogs"-Gebirge zuzählen 
an müssen» Vielleicht gehört das Gebilde der Anthracit führenden Grau- 
wacke, die bei Badenweiler und andern Orten des südlichen Schwarzwal« 
de« auftritt, an. 

Sehr verbreitet in den Umgebungen Baden» ist der Porphyr; er 
bildet z. B. einen grossen The« der Berge, die »ich von Lichtenthai 
Mab Neuweier ziehen, anter andern den Cäcilienberg, Lehwnberg, Gei- 
senberg, Yberst und Vberg. Der Verf. bezeichnet diesen Porphyr als 
sogenannten Thonstein- Porphyr. Unter demselben kommt noch ein feläV 
spath reich es Gestein vor, das fast die nämliche Verbreitung wie der Por- 
phyr besitzt. In der Gegend von Ganzenbach nnd Beuren finden sich in 
dieser Felsart Bergkrystall , Amethyst, Chalcedon, Karniol nnd Jaspis, 
cum Theil von seltener Schönheit. Eigentlicher Feldstein-Porphyr — 
„Euritporphyr" , wie ihn der Verf. nennt — erscheint unterhalb der 
Stadt, an der rechten Seite des Oosthaies am Fusse des Pfalzenberges. 
Diese beiden Porphyre sind indess von gleichem Aller, und jünger als 
das Steinkohlen-Gebirge, indem sie durch den Granit ihren Wegnahmen, 
was ans den zahlreichen Granit- Einschlüssen im Porphyr-Conglomerat 
hervorgeht. Zugleich mit den Porphyren kommen „Porpbyr-Congleme- 
rate" und „Porphyr-Brcccien" vor. Letztere stehen in der Mitte »wi- 
schen dem Porphyr und dem Conglomerate. Es ist zumal aus eckigen 
und abgerundeten Fragmenten verschiedener Porphyre, aas Granit-Brok- 
ken, FclcUpath- und ^narz- Parthieen , welche durch einen Quarz-Teig 
gebunden sind, zusammengesetzt. Das Conglomerat, welches sich mehr 
dem Charakter de» Rothen Todt- Liegenden nähert, besteht aus mehr 
oder weniger zerbröckeltem und zermalmten Granit und Porphyr, sclto- 



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200 Kurse Anseigen. 

ner aua Gneis* und Thonschiefer. Während man die Porphyr- Breccie 
als emporgestiegenes Gebilde zu betrachten hat, ist das Conglomcrat 
mehr für ein Gestein anzusehen, das als ein Product der Reibung und 
der Einwirkung von Dämpfen neben den Massen des Porphyrs und der 
Breccie era porgedrungen, und unter dem Einflute des Wassers sich ab- 
gelagert hat. 

Der bunte Sandstein bildet unfern Baden, zu beiden Seiten des 
Oosthaies, die Vorberge, den Fremersberg und den Haarberg, und sieht 
sich von da gegen das Murgthal. An dem grossen Stauffenberge erhebt 
■ich die Felsart zu einer Höhe von 2000 Fuss, alle nachbarlichen Berge 
überragend. Dies so sehr abweichende Niveau, in welchem der bunte 
Sandstein bei Baden und noch an andern Orten im Schwarzwalde, zumal 
an den Hornisgründen (3600 F.) und dem Kniebis (2900 F ) auftritt, ge- 
hört zu den höchst merkwürdigen Thataachen ; in dem Schwarzwalde er- 
bebt er sich zu Höben , die er sonst nirgends in Deutschland erreicht. 
Der Verf. glaubt diesen Niveau-Unterschied nicht durch das Hervorbre- 
chen platonischer Gebilde zu erklären, sondern er betrachtet die Thäler 
des Schwarzwaldes, wo- jene Erscheinung sich zeigt, als wahre Spalten, 
und schreibt deren Entstehung dem Einfluss einer hebenden Kraft zu, 
welche ungleichmässig auf alle Theile des Gebirgea wirkte, und so dica 
verschiedene Niveau gewisser Gebilde hervorrief. Demnach war der 
Schwarzwald, noch in späterer Zeit, Katastrophen unterworfen, welche 
das Gebirge in seine gegenwärtige Höhe versetzten und den Ursprung 
eines Theiles seiner Thäler bedingten. Schon Fromherz hat in sei- 
nem gediegenen Werke über die Diluvial-Gebilde des Schwarzwaldes da- 
rauf aufmerksam gemacht, wie noch in der Diluvial-Periode mächtige 
Erschütterungen eintraten, welche jene grossartigen Trümmermaaaen 
(„Felsenmeere") auf vielen Schwarzwald-Höhen, so wie jene Seedurch- 
brüche in den erhabensten Theilen des Gebirges hervorriefen. — Am 
Schlüsse bemerkt Hausmann — und gewiss mit vollem Rechte — dn§s 
er das Vorkommen von Spuren ehemaliger Gletscher unfern Geroldsnu 
nicht gefunden habe, derselbe theilt vielmehr die Ansichten, welche 
Fromhers in dem oben genannten Werke ausgesprochen, und Männer 
wie Hausmann und Fromherz sind gewohnt, genau zu beobachten.. 

G. Leonhard. 



Heber die Abnahme der Krankheiten durch die Zunahme der Civilisation, 
von Dr. K. F. H. Marx, Hofrath und Professor an der Georg. 
Universität. Aua dem zweiten Bande der Abhandlungen der Königl. 
Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen. Göttingen, in der 
Dietrich 1 sehen Buchhandlung 1844. 4. 56 8. 

Eine mit Wärme geschriebene und durch einen reichen Schatz den 
Wissens ausgestattete Schrift! Dcr^ Verf. versteht unter Civilisation ei- 
nen Zustand, in welchem Künste, Wissenschaften, Moralität und Sitten 
sich gehoben und vervollkommnet haben (S. 66). Daaa ein aolcber Zu- 
stand auch auf die physische Beschaffenheit dea Menschen eine günstige 



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Kurze Anzeigen, 



801 



Rückwirkung üben müsse, versteht sich gewissermassen von selbst. Die- 
jenigen, welche über die schlimmen Folgen der Civilisation in gesund- 
heitlicher Rucksicht klagen, bedienen sich dieses Wortes in durchaus ir- 
riger Weise. Sie denken dabei entweder gar nicht, oder doch nicht aus- 
schliesslich an einen gehobenen, vervollkommneten Zustand der mensch- 
lichen Gesellschaft, sondern entweder an einen Zustnnd der Verbildnng, 
der Afterbildung oder aber an die Schattenseiten, welche auch neben ei- 
nem, durch Künste und Wissenschaften, durch Moralität und Sitte geho- 
benen Zustand nebenhergehen. Unser Verf. beschäftigt sich weder mit 
den Folgen, welche eine verkehrte Bildung auf den Gesundheitszustand 
des Menschengeschlechts ausübt, noch mit den Schattenseiten, welche 
die wahre Civilisation in- ihrem Geleite haben mag. Er halt sich aus- 
schliesslich an die Lichtseiten reiner Civilisation. Von diesem Stand- 
punkte ausgehend, liefert er uns auch ein recht anziehendes Lichtbild, 
welches der Philosoph, der Philantrop, der Statistiker, der Geschichts- 
forscher, der Menschenkenner überhaupt mit nicht minderem Interesse 
betrachten wird, als der Mediciner. 

Nach einer kurzen Einleitung weist der Herr Verf. die Vortheile, 
welche die Zunahme der Civilisation in gesundheitlicher Beziehung zur 
Folge gehabt, im einzelnen nach, und bespricht bei dieser Gelegenheit 
namentlich die Geisteskrankheiten, den Blödsinn, die Taubstummheit, die 
Anstalten für Blinde, Verwachsene und Verkrüppelte, die physische Be- 
handlung der Kinder, die Nahrungsmittel, die Armenpflege, die Einrich- 
tung der Gefängnisse, die Bestrafung der Verbrecher, die Behandlung 
des Militärs zu Wasser und zu Land, die Krankheiten einzelner Arten 
von Künstlern und Handwerkern, die Krankenpflege in Hospitälern und 
Privathäusern, die Rettung der plötzlich Verunglückten und Scheintod- 
ten, die Schutzmittel gegen Ansteckung, die Thierlieilkuude, die Ausrot- 
tung endemischer Schädlichleiten; die unausbleiblichen Folgen aufge- 
klärterer Ansichten, des zunehmenden Wohlstandes, erleichterten Bezugs 
der Medicamente und der Fortschritte der Arznei Wissenschaft (S. 10— 28). 
Es werden darauf die scheinbaren Einwendungen gegen diese Behaup- 
tungen widerlegt (S. 28. 2*J.) und zum Beweise der von dem Verf. auf* 
gestellten Ansichten die vornehmsten Krankheiten einzeln besprochen; 
namentlich finden sich hier erwähnt die Lungenschwindsucht, die Scro- 
pheln, die Rachitis oder englische Krankheit, die Syphilis, der Veitstanz, 
die Tanzwutb, die Starrsucht, die Lähmung, die Neuralgien, die Was- 
serscheu, der Säuferwahnsinn, das -Zittern der Vergolder, die Malerkolik, 
Congestionen, Hämorrhoiden, Entzündungen, die Fieber, die orientalische 
Fest, das gelbe Fieber, das Wechselfieber, die Ruhr, die asiatische Cho- 
lera, der Seescnrbut, der Aussatz und die Menschenpockeo (S. 30—55). 

Bei allen diesen Punkten findet sich eine auf bewährte Autoritäten 
gestützte Vergleichung unserer Zeit mit der Vorzeit. Eine reiche Lite- 
ratur, welche bei dieser Gelegenheit angeführt wird, gibt dem Leser die 
Mittel an die Hand, sich über jeden der nur kurz besprochenen Gegen- 
stände weitere Belehrung zu suchen. 

i Die Fragen dagegen : was hätte geschehen können , um noch weit 
grossere Siege über die Feindin der Menschheit, die Krankheit, davon 
zu tragen, was auch jetzt noch immer zu diesem Zwecke versäumt, was 



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302 Kurze Anzeigen. 

hemmend den Fortschritten der Civilisation da und dort in den Weg ge- 
legt wird? Alle diese Fragen lagen ausserhalb des Pinns des Herrn 
Verf. Möchte doch diese Schrift denselben oder andere befähigte Man- 
ner veranlassen, auch sie zu untersuchen. Es ist gut zu wUsen, in wel- 
chem Verhältniss wir aar Vergangenheit stehen, allein hauptsächlich ist 
dieses darum gut, weil wir dadurch unser Verhältniss zur Zukunft er- 
kennen lernen, weil wir dadurch aufmerksam gemacht werden auf das, 
was noch zu thnn übrig bleibt. Denn vom Ziele der Vollkommenheit 
sind wir doch noch weit entfernt, und alle die Fortschritte, welche die 
Civilisation im Laufe der Jahrhunderte gemacht, verhalten sich za den- 
jenigen, welche uns noch bevorstehen, nur wie ein Strahl zum Sonnen- 
licht. 

v. Struve. 



Der Werltie Ion von Kuonrät von Wirzeburc, herausgegeben 
von Franz Roth, Frankfurt a. M, 1843. XL und 20 S. 

- 

Dies Gedicht Konrad's von Würzburg kann zu den Beispielen 
(Fabeln , Parabeln) gezählt werden , deren die deutsche Literatur eine 
bedeutende Anzahl aus dem XIII. Jahrhundert aufzuweisen hat. Sein 
Inhalt ist kurz folgender: Herrn Wirnt von Gravenbcrg (einem bekann- 
ten deutschen Dichter jener Zeit), dessen Sinn auf vergängliche Ehren 
und Freuden gerichtet gewesen war, erschien eines Tags, während er 
sich an einem Buche von der Minne ergötzte, ein Weib von unver- 
gleichlicher Schönheit, umhüllt von prächtigen Gewändern, auf dem Haupt 
eine Krone tragend. Erschrocken sprang er auf, um sie willkommen za 
heissen. Da beruhigt sie ihn, sagt, sie sei diejenige, für welche er so oft 
Leib und Seele gewagt, von der er gesprochen und gesungen habe. 
Naiv erwiedert er darauf, wenn er ihr je gedient habe , so sei es ohne 
■ein Wissen geschehen, ond er erinnere sich gar nicht, sie irgendwo ge- 
sehen zu haben, doch wenn ihr seine Dienste genehm seien , so seien sie 
ihr bis au seinem Tode mit dem regsten Eifer geweiht. Als er sie nun 
um ihren Namen bittet, da spricht sie, „mir dient Alles auf Erden und 
ich fürchte Niemand ausser Gott. Ich heisse die Welt, der du lange 
nachgestrebt hast, und will dir lohnen, wie du jetzt sehen wirst." Mit 
diesen Worten kehrt sie ihm den Rucken, der mit Schlangen, Kröten 
und Nattern behangen und voller Beulen und Geschwüre ist, und schei- 
det von dannen. Da erkennt der Herr Wirnt, dnss der verflucht sei, der 
ihr diene, und verlässt Weib und Kinder, uro das Kreuz zu nehmen und 
zum Kampf gegen die Heiden auszuziehen, wodurch er sich die Selig- 
keit nach dem Tode erringt. Daran knüpft unser Dichter nun die Be- 
merkung, dass der Welt Lohn voll Jammers sei, und wer in ihrem 
Dienste gefunden werde, dem entgehe die ewige Freude, die Gott seinen 
Auserwählten bereitet habe, und schliesst mit dem Rathc , wer seine 
Seele retten wolle, müsse die Welt fahren lassen. 

Die kleine allegorische Erzählung, deren Inhalt wir eben mit we- 
nigen Worten angegeben haben, ist schon früher mehrmals gedruckt 



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Kurze Anzeigen. 303 

Worden, dfeh «las Verdienst eine«! nach allen vorhandenen Maouaoripten 
kritisch aufgestellten Textes gehört Herrn Roth, dejr die Werke Kourads 
von Wurzburg fleissig studirt hat, und von dem wir auch den Schwan- 
ritter dieses Dichters Zu erwarten haben. Nach dem vorliegenden Schrift- 
eben zu urtheilen, dürfen wir uns von seinem Verfasser , der hier zum 
ersten Mal unter den Herausgebern altdeutscher Gedichte erscheint, 
grundliche Arbeiten versprechen. Herrn Roth's Text der kleinen Alle* 
gorie dünkt uns sehr gelungen, wenigstens wüssten wir, etwa die Zeilen 
101. 102. ausgenommen, keine bedeutende Ausstellung daran zu maehvn. 
Die beiden genannten Verse nämlich, die mit männlichen Reimen ge- 
bunden sind 

von Grävenberc her Wirent 
erschrac von ir wo! zwirent 

(denn Wirent: zwirent ist nach den deutschen Quantitätsgesetzen 
des XIII. Jahrhunderts soviel als uu= — , indem zwei Consonanten, die 
anf ein stummes e folgen, keine Position bewirken), haben nur drei He- 
bungen, was gegen Konrads Gebranch ist, der in erzählenden Gedichten 
die Verse mit männlichen Reimen viermal, die mit weiblichen dagegen 
dreimal hebt. Wir legen dem Herrn Herausgeber folgende Emendatio- 
nen zur Prüfung vor, entweder mit weiblichen Reimen 

von Grävenberc her Wirnet 
erschrac von ir wol zwirnet 

Die Formen Wim et : zwirnet verhielten sich dann zu den obi- 
gen ungefähr wie werlet (vgl. Wack. Leseb. 175, 26 and Trist. 10868 
Hag) zu werelt, und dass wenigstens zwirnet wirklick vorkommt, 
wissen wir ans GrironTs Grammatik III., 288. Oder man kans, mit Bei- 
behaltung der männlichen Reime, lesen 

«an Grävenbe'rc 4er Wrre Wirent 
der erschrac von ir wol zwirent. 

Herr Roth möge sehen, ob einer und welcher der beiden Vor- 
schlage Konrads Sprachgebraach wirklich angemessen sei. Die dem Text 
beigefügten Lesarten hätten wir, insoweit sie aar Orthographie her Art 
sind, weniger ausführlich gewünscht. 

K. Ä. Hahn, 



Üeber die Beigen des Julius Cäsar. Ein geographisch-kritischer 
Versucht begleitet von einigen andern dahin einschlagenden Untersu- 
chungen : namentlich über die Caracaten, die Gründung des Brzstifts 
Mainz und die Academie KarVs des Brossen, Nebst der einzig rich- 
tigen Karte der Römischen Provinzen : Belgica I. und II., und Ger- 
mania f.«. II. Von Karl Christian Freiherrn v. Leutsch, 



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Kurze Anzeigen. 



Verfasser des Markgrafen Gero. Qiessen 1844. J. Ricker' seht 
Buchhandlung. VITT, und 136 S. gr. 8. 

/ 

Wenn man in dieser Schrift einen beachtenswerthen Beitrag zur 
geographischen Kunde der uns zunächst berührenden Vorwflt anzuer- 
kennen hat, in so fern der Verf., der sein nächstes Augenmerk auf das 
Vcrständniss der Commentarc Cäsar's über den gallischen Krieg in ei- 
nem seiner wesentlichsten Theile gerichtet hatte, dann Ton Belgien aus- 
gehend , auch die ostwärts daran gränzenden deutschen Gaue, selbst die 
rheinischen bis Mainz und selbst noch weiter aufwärts in den Kreis sei- 
ner Betrachtung gezogen hat, so wird man damit noch nicht eine unbe- 
dingte Billigung mit all den kühnen, in unsern Tagen wirklich unerhör- 
ten Behauptungen ausgesprochen haben , wie sie theilweise in dieser 
Schrift zu finden , ja mit einer Sicherheit und Bestimmtheit, ausgespro- 
chen sind) welche uns bei einem Forscher, der über Andersdenkende, ja 
über ganze Zeitperioden und ihre Leistungen (die er freilich nicht kennt) 
oft ein so scharfes, rücksichtsloses Urtheil sich erlaubt, doppelt in Ver- 
wunderung und gerechtes Staunen versetzen muss. Wir wollen hier 
nicht an das verwerfende Urtheil erinnern 9 das schon die Vorrede pag, 
YHsq. über Ptolemäus ausspricht, der durchaus nichts für die deutsche 
Geogtaphie Brauchbares enthalte, der also in dem, was er von Deutsch- 
land berichte, in den Angaben der deutscheu Völkerschaften und der- 
gleichen mehr gar keinen Glauben verdiene, dessen ganzen hieher ge- 
hörigen Abschnitt der Verf. für durchaus untergeschoben und für das 
Machwerk eines Menschen erklärt , der seine vollständige Unwissenheit 
in Betreff der alt-deutschen Geographie nur durch eine grenzenlose Un- 
verschämtheit zu bemänteln suchte. Ref. ist keineswegs geneigt, ein- 
zelne Versehen, irrige Angaben und dergleichen bei Ptolemäus in Schutz 
zu nehmen und diesen Schriftsteller von allen derartigen Irrthümern 
freizusprechen ; aber so weit zu gehen , wie der Verf. hier getban hat, 
dazu fehlt aller Grund , aller Boden ; wir entziehen uns vielmehr eine 
wichtige, bei dem grossen Mangel anderer Nachrichten höchst schätz- 
bare Quelle, die, mit Kritik und Vo rs ich t benutzt, keine Klippe 
zu nennen ist, an welcher, wie der Verf. sich auszudrücken beliebt, bis- 
her alle Versuche, mit der alten Geographie Deutschlands aufs Reine zu 
kommen, gescheitert sind, sondern vielmehr eine Leuchte, die in das 
Dunkel bereynischer Wälder des alten Germaniens immerhin einige» 
Licht zu bringen vermag. 



(Tier ScMuss folgt) s 



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Nr. 20. HEIDELBERGER 1844' 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 

Kurze Anzeigen. 

- 

iBeschluss ) 

Es kommen aber noch ganz ander« Dinge in diesem Bachlein vor« 
nachdem der Verf. über die in Cäsar'« Schriften vorkommenden Beigen, 
die er von den dnreh die über Denttchland herrschenden Semnonenprie- 
ster in dieses Land geschickten Ingävonen abstammen lässt, die auf dem 
Titel der Schrift bezeichnete, in das Detail der einielnen Völkerschaften 
und Staaten eingehende Untersuchung geliefert hat, die vir der Prü- 
fung Anderer überlassen wollen. Uebrigens hat der Verf. hier, was im 
Allgemeinen nur zu billigen ist, auch die auf die römische Zeit unmit- 
telbar folgende Periode des Mittelalters mit herbeigezogen, nicht ohne 
Erfolg, wie wir ans der Untersuchung über den Ursprung des Erzstiftet 
Mainz ersehen. Indess möchten wir dabei dem Verf. Vor Allem ein sorg- 
fältiges Studium der Karolingischen Zeit und der daraus hervorgegange- 
nen Literatur und des Einflusses derselben auf die folgenden Zeiten em- 
pfehlen, um dadurch vor solchen Missgriffen sich so bewahren, wie sie 
von S. 72 an zu lesen sind. Er würde sich dann bald überzeugen, dass 
ide „gelehrte Akademie" ttarl's des Grossen die er so hart mitnimmt 
und für eine „Bande von Marktschreiern, unwissenden Zigeunern und 
wahren Irrländern" ausgibt, in der Wirklichkeit gar nicht existirte, am 
wenigsten in der Art und Weise, wie er sich dieselbe als eine karolin- 
gische Akademie der Wissenschaften, ganz analog einer heutigen kaiser- 
liehen oder königlichen Akademie, vorstellt. Diese „Esel" Von Akademi- 
kern (so nennt sie der Verf.), die sich als die wahren Eigenthümer der 
gesammten europäischen Gelehrsamkeit betrachteten, fanden es (so fährt 
der Verf. fort) für gut, erstens Schulschriften, die schlecht genug aus- 
fielen, zusammen zu schmieren und denselben aus anmassender Beschei- 
denheit nicht nur falsche Namen vorzusetzen, sondern sie theils hiedurch, 
theils durch erlogene Vorreden und dergleichen in die Zahl der achten 
alten Autoren und Klassiker elnznsch würzen , wie zum Beispiel den 
Eutrop, den Cornelius Nepos, Porapontus foela, wohl auch 
Florus und dergleichen. Zweitens sollen sie Werke der alten Auto* 
ren, die sich noch erhalten hatten, dergestalt überarbeitet haben, dasa 
sie sogar wegstrichen, was sie unnöthig oder unangemessen fanden i 
als Beispiel wird angeführt der Aussog des Paulus Dlaconus und Festus, 
wobei der Verf. auf den Gedanken kommt, Paulus Diaconus habe erst den 
Festus Pompejus selbst zusammengeschrieben, denn, um diese Verfäl- 
schung zu bemänteln, sein eigenes Werk wieder epitomirt, und diese 
Epitoroe sey es, welche wir ganz noch besässen, während von dem grös- 
seren Werk »ich nur Bruchstücke erhalten. Weiter wird solchem Ver- 

XXXVII. Jahr-. 2. Doppelheft« 20 



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Kurze Anzeigen* 



fahren berge messen, ^thns der grössto Theii des dritten Buches von Ci- 
oero's Natura Dcorum (sie) fehlt", wobei vir billig fragen, hat 
der Verfasser die Scbrift auch nur angesehen und gelesen, hat er sich 
mit den darauf bezüglichen Untersuchungen, namentlich den kritischen, 
auch nur einigerroassen bekannt gemacht? Eine Frage, die man freilich 
auch eben so gut hinsichtlich der vorher angegebenen und so mancher 
andern Behauptungen wird stellen können. Als ein Beispiel, wie diese 
karolingischo Akadeniisten zugesetzt, was nach ihrem Ermessen gefehlt, 
werden „viele Stucke der Ho ra zischen Oden' 4 angeführt, „die von ihnen 
herrühren/* [Man sieht, der Yerf. hat Etwas wohl ans den Zeitungen 
Ton Hofmann- Peerlkamp's Kritik gehört, ohne es jedoch zu verstehen 
oder sich nur näher darüber gehörig zu orientiren]. Endlich, als Bei- 
spiele von ganz neuen Büchern, welche diese Menschen „zusammenge- 
flickt" (um des Verf. Ausdruck zu gebrauchen), werden die sechs Scri- 
ptores Historiae Augustae angeführt und selbst den Valerius 
Max im us möchte der Verf. hierher nehmen. Ueberhaupt ist der Verf.* 
ziemlich freigebig mit solchen „unwiderleglichen Beweisen von der allen 
Glauben übersteigenden Dummheit und Anmassung dieser kaiserlichen 
Akademieten" , deren Schlechtigkeit aber auch weiter aus den Verfäl- 
schungen und Verkrüppelungen, die sie sich mit den Texten der alten 
Autoren erlaubten, „eben so unwidersprechlich" hervorgehen soll. Als 
Beispiele solcher Verderbnisse nnd Entstellungen werden auch hier Ca- 
sars Gallischer Krieg nnd des Plinius Naturgeschichte angeführt, dann 
auf die absichtliche Befeindung und Unterdrückung alles Mero vingischen, 
aus niedriger Schmeichelei gegen die Karolinger, hingewiesen nnd in die- 
sem Sinn und Geist wird dann weiter forträsonnirt. Wir hören bei dieser 
Gelegenheit, wie „diese akademischen Einfaltspinsel" die Tabula Itinera- 
sia Peutingeriana gefertigt, „die als ein vollkommenes geographisches 
Monstrum keiner andern Zeit als der Karl's des Grossen zugeschrieben 
werden kann 4 *, daher denn auch auf diese Tafel, weil „damals schon alle 
Spuren des römischen Alterthums verwischt waren, Nichts zu bauen ist" 
(S. 79) j bei derselben Gelegenheit soll auch ein zweites Werk entstanden 
seyn, „das sogenannte Itinerarium Antonini, und ist dies eigentlich 
blos die in eine Abschrift und in die Form eines Buchs gebrachte Ta- 
bula Peutingeriana selbst", „es verdient also gerade dasselbe Lob wie die 
Tabula." Nicht viel besser ergeht es der Notitia dignitatum; in 
dem Geographns Ravennas ist aber Alles erlogen, alles geht unter 
einander; „nichtsdestoweniger ist das Bnch unschätzbar" — nnd awar 
um einiger sonst nirgends vorkommenden Nachrichten über die deutsche 
Geographie! In den Commentarien Cäsar's über den Gallischen Krieg 
findet aber der Verf. gewaltige Abgeschmacktheiten, von fremder Hand 
eingeschoben; er ist durch die genaue Betrachtung zu dem Ergebniss ge- 
langt, „da*s Cäsar's Buch durch nnd durch verfälscht und verändert sej 
und also eines neuen Herausgebers Hauptsorge dahin gehen müsse, alle 
diese Verderbnisse zu entdecken und auf diese Art die Schrift, die Cäsar 
wirklich geschrieben, uns wiederherzustellen." Und der Verf. verfehlt 
auch nicht, anzugeben, wie es ein künftiger Heransgeber anzufangen 
habe, um diesen Zweck zu erreichen: seine Vorschriften sind freilich von 
der Art, dass man bald sieht, der Verf. hat von dem, was man Kritik 



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Kurze Anzeigen. 80t 

nennt, von deren Handhabung and Ausübung in den uns uberlieferten 
Texten alter Schriftsteller ganz und gar keine Idee, und dieses selbe Re- 
sultat ergibt sich auch zur Genüge, wenn man auf die Ausführung selbst, 
wie sie der Verf. versucht hat, auch nur einen Blick wirft. Er bat 
nemlich von S. 88 — 124 eine Zusammenstellung aller der in Cäsar's ge- 
nannten Commentarien vorkommenden Stellen zu liefern gesucht, „die 
„sich entweder durch ihren der ganzen Geschichtserzahlung schnurstracks 
„zuwiderlaufenden Sinn als Einschiebsel darstellen, oder die durch die 
„Abgeschmacktheit ihres Inhalts ihre» fremden Ursprung verrathen, oder 
„die durch ihr holperiges Latein, oder weil es leere, nichtssagende and 
„fade Glossen und Umschreibungen des knum Gesagten sind, den unwis- 
senden Mönch, der sie ausheckte, nicht verläugnrn können/« Soder 
Verf., der es auf diesen fast vierzig Seiten (wobei Cäsar's Stellen nicht 
vollständig abgedruckt, sondern nur mit den Anfangs- und Endwortern 
angegeben sind) in der That mit seinen Verdächtigungen weitergebracht 
hat, als irgend einer seiner Vorgänger. Alle ähnliche Versuche auf dem 
Felde der classischen Literatur Rora's müssen weit hinter einem solchen 
Verfahren zurückbleiben , welches seine Verdächtigung nicht anders zu 
begründen weiss, als durch Sätze, wie: „Monstra ea in epongiam abeun - 
to" oder „Monachum et ista sapiunt" oder „Merae Nugae" ,.Monachales 
nugas dele", oder „Sanum ego desidere sensum" (wir vermissen Ihn bei 
dem Verf.), oder „dele, delenda sunt, ridicula, otiosa sunt, and 
wie die hundertmal in verschiedenen (auch mitunter höchst unlateini- 
achen) Ausdrücken sich wiederholenden Redensarten lauten. Um so we- 
niger wird es nöthig seyn, bei einem solchen Verfahren länger noch zu 
verweilen, oder gar eine Widerlegung zu versuchen, die eben so überflüs- 
sig als unnütz wäre da, wo die nÖthigen Vorkenntnisse durchaus ver- 
rnisst werden, ohne welche eine solche Besprechung gar nicht möglich 
ist. Eben deshalb haben wir uns auch bei den vorher bezeichneten Be- 
hauptungen gar nicht aufgehalten, die uns nur in so fern in Staunen ge- 
setzt haben, als wir es in der That für unmöglich hielten, dass ein Ge- 
lehrter heutigentags noch solihe Sätze im Ernite in die gelehrte 
Welt zu senden vermöge. 

Als eine schätzbare Beigabe des Buchs sind noch die Conjectu- 
rae in Ermoldi Nigelli Carmina zu nennen S. 125—129, einzelne 
Verbesserungsvorschläge in zahlreichen Stellen dieses karolingiseben Dich- 
ters, dessen historischen Werth der Verf. durchaus richtig gewürdigt hat. 



Allgemeine Cultur-Qeschichte der Menschheit, von Gustav 
Klemm, Nach den besten Quellen bearbeitet und mit xylographi- 
schen Abbildungen der verschiedenen Nationalphysiognomien, Geräthe, 
Waffen, Trachten, Kunstproducte u. s. w. versehen. Erster Band. 
Die Einleitung und die Urzustände der Menschheit enthaltend. Mit 
acht Tafeln Abbildungen. Zweiter Band. Die Jäger- und Fi- 
schervolker der passiven Menschheit. Mit 3t Tafeln Abbildungen 



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306 Kurze Anzeigen. 

Leipzig. Druck und Verlag von B. G. Teubner. 1843. X. und 

362 S. VilL und 359 S. in 8. 

■ *■ 

Das Unternehmen, von dem wir hier Rechenschaft zu geben haben, 
ist ein sehr ausgedehnte«, das bis zu seiner Vollendung noch eine Reihe 
von Bänden erwarten läset, berechnet auf ein Publikum, das über die den 
Menschen umgebende Welt sammt allen ihren Erscheinungen, dann über 
den Menschen selbst, seine physische wie intellectuelle Bildung und 
Entwicklung in naturgciuässein Fortschritt von den ersten und rohesten 
Naturzuständen an nähere Belehrung sucht und sie auch hier finden wird. 
Aber nioht blos für ein gebildetes Publikum im Allgemeinen, sondern 
auch für die jüngere Lesewelt hat der Verf. zumal in den Schilderungen 
der Naturvölker der neuen Welt eine sehr anziehende und belehrende 
Leetüre geliefert, welche, indem sie die Ergebnisse wissenschaftlicher 
Forschung uud zahlreicher gebildeten Reisenden durch die verschiedenen 
Thcile unseres Erdkörpers in ein Geeammtbild gefasst, Torführt, doch 
darum keineswegs als eine blosse Compilation sich darstellt, wie schon 
ein Blick in das Buch selbst zeigen kann ; der Verf. hat vielmehr nach 
seinem Standpunkte, Hnd der Bestimmung und dem Zweck seines Unter- 
nehmens gemäss, das Ganze systematisch erfasst und dargestellt, wobei 
allerdings die Ergebnisse einer nur Wenigen in dieser Art zugänglichen 
und bekannten Reiseliteratur, die hier als Unterlage dienen muss, be- 
nutzt wurden. Dieser Standpunkt des gelehrten Verf. aber ist, wie wir 
S. 21 lesen, keineswegs der politische der Menschheit in ihrem Verhält- 
niss zum Staat, noch der literarische, der artistische, der antiquarische, 
der gewerbliche, sondern es geht vielmehr des Verf. Versuch dahin, „die 
allmählige Entwicklung der Menschheit von den rohesten, an die schwäch- 
ste Kindheit, ja an das thierische Wesen gränzenden Uranfängen bis zu 
deren Gliederung in organische Volkskörpcr nach allen ihren Richtungen, 
also in Bezug auf Sitten, Kenntnisse und Fertigkeiten, häusliches und 
öffentliches Leben in Frieden und Krieg, Religion, Wissen und Kunst, 
unter den von Klima und Lage von der Vorsehung dargebotenen Ver- 
hältnissen zu erforschen und nachzuweisen. 14 So wird die Menschheit als 
ein Individuum erfasst, au dem dieselben Erscheinungen und Zustände, 
dieselben Stufen der Entwicklung, wie bei dem einzelnen Menschen sich 
darbieten. Um diese nun zu erfassen, muss der Blick zu den verschiede- 
nen Völkern der Erde in verschiedenen Zeiten und Lagen sich wenden, 
hier Alles genau betrachten und dann die einzelnen Wahrnehmungen 
nach ihrer mutbmasslichen Aufeinanderfolge auch an einander zu reihen 
suchen. Demgemäss ist nach dem Plan des Verf. die Folge der Cultur- 
zuständo bei den verschiedenen Völkern der alten und neuen Welt zu 
ermitteln, das Ermittelte dann neben einander zu stellen, um daraus ein 
Bild der Entwicklung der Gesammtmenschheit zu gewinnen. So werden 
dann weiter drei Grundzustände bei den Völkern der Erde unterschieden, 
J. der Zustand der Wildheit, wo feste Sitze, fester Besitz und eigent- 
liche Oberhäupter fehlen; 2. der Zustand der Zahmheit, wo aus den 
Familien Volksstämme in bestimmter Begränzung, und bestimmten Ober- 
hauptern (Priester) erwachsen, wo ein nomadisches und sessbaftes Leben 
sieh entfaltet , soweit es unter einer solchen Priesterherrschaft möglich 



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Kurse Anzeigen» 309 

tut. Der dritte Zustand ist der der freien Nationen , auf den höchsten 
Stufen der Cultur, wo die geistigen Kräfte sich nach allen Riebtungen 
entfalten; neben den Persern, Arabern, Griechen nnd Römern sind es be- 
sonders die Germanen , welche das vollkommenste Bild dieses Znstandes 
darbieten, „dessen eigentlicher Hebel das Christenthum durch seine auf- 
lösende Macht der nationellen Priesterherrschaften ist. „Durch diese drei 
Stufen soll also die Entwicklung der Menschheit Ton ihrem frühesten Er- 
scheinen an in diesem Werke verfolgt und in einem Bilde dargestellt 
werden, zu dessen richtiger und vollständiger Auffassung dann anch eine 
Darstellung des Schauplatzes selbst, auf dem diese Entwicklung erfolgt, 
auf dem das Menschengeschlecht auftritt, vorausgeht, weil davon diese 
Entwicklung selbst abhängig oder vielmehr dadurch bedingt und be- 
stimmt ist. Deshalb hat der Verf. in sein Werk eine Darstellung der 
Erde, sowohl an und für sich, als in ihrem Zusammenhang und in ih- 
ren Beziehungen zu andern Weltkörpern (Sonne, Mond, Gestirne) aufge- 
nommen, und damit sein Werk eröffnet. Es bildet dies den ersten, auf 
die, Plan, Anlage und Ausführung des Ganzen besprechende Einleitung 
folgenden Abschnitt: die Erde als We 1 1 k o r p eT S. 29— 85, worin 
allerdings eine Reihe von Gegenständen zur Sprache kommen, die man, 
nach dem Titel des Ganzen zu schliessen , vielleicht hier entweder gar 
nicht, oder doch nicht in der Ausdehnung behandelt, erwartet hätte. Der 
Verf. gibt übrigens, von dieser Frage abgesehen, hier einen sehr befrie- 
digenden und klaren Uebcrblick alles Dessen, was Sonne, Mond (Sonnen- 
und Mondfinsternisse), Sterne (Cometen), die Atmosphäre der Erde, die 
Meteore, die Witterung nnd dergleichen betrifft, dann folgen die ver- 
schiedenen Gewässer, insbesondere das Meer in seinen verschiedenartigen 
Erscheinungen, und deren Einfluss auf die Menschheit und deren Ent- 
wicklung, das Feuer (Erd wärme, vulkanische Erscheinungen) und znletzt 
die Erde selbst, d. h. die Gestaltung des Erdkörpers und was dazu ge- 
hört. In gleicher Weise werden darauf die Producte der Erde (S. 86 bia 
172), die Erscheinungen auf dem Gebiete des Mineralreiehs (die ver- 
schiedenen Gesteinsarten), die Producte des Pflanzenreichs, zumal in ih- 
ren Beziehungen zum Menschengeschlecht und dessen Cultur, bespro- 
chen nd selbst eine Darstellung der Thierwelt in gleichen Beziehungen 
zum Menschen gegeben. Jetzt erst, nachdem auf diese (ob nicht zu aus- 
führliche?) Weise die äusseren Bedingungen des menschlichen Lebens, 
die Erde und ihre Producte dargestellt waren , kommt der Verf. auf den 
Menschen, den er zuerst in seinen allgemeinen Beziehungen nnd Verhält- 
nissen betrachtet (S. 178 — 228); es ist demnach hier von dem Körper 
und den Trieben, von der Kleidung, den Gerätschaften, Waffen nnd der- 
gleichen, von Ehe und Familie, von den verschiedenen Racen , von den 
Anfängen des Staats, von Religion, Kunst und Wissenschaft, aber immer 
nur im Allgemeinen die Rede, indem das speciello später unter den ein« 
zelnen Abschnitten folgt. Bemerkenswerth ist hier die bei Gelegenheit 
der verschiedenen Menschenracen (nach Blnmcnbach und Prichard) vom 
Verfasser S. 196 versuchte Abtheilung der ganzen Menschheit, die er, 
als ein Wesen wie der Mensch selbst, geschieden in zwei zusammenge- 
hörige Hälften, eine active und eine passive, eine männliche und eine 
weibliche betrachtet. Der Charakter der ersten Hälfte, der minder zahl- 



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310 Kurse Anzeigen. 

reichen, aber in ihrem Körperbiu , wie auch in geistiger Hinsicht hervor- 
ragenden durch den Willen, durch das Streben nach Herrschaft, Selbst- 
ständigkeit und Freiheit, woraus rastlose Thätigkeit, ateter Fortschritt 
und ein Trieb zum Forschen und Prüfen hervorgeht, spricht sich in den 
Persern, Arabern, Griechen, Römern und Germanen aus; in die andere 
passive, durch Schädelform, Gesichtszuge u. s. w. abweichende Hälfte 
bringt der Verf. die Chinesen, Mongolen, Malayeo, Hottentoten, Neger, 
Finnen , Eskimo's und Amerikaner ; und es ist in der That interessant, 
wie der Verf. , tob seinem , aus der Betrachtung des Culturzustandes der 
Völker der Erde hervorgegangenen Standpunkt, diesen Gegensatz zwi- 
schen activen und passiven Völkern im Einzelnen durchzufuhren und 
nach allen einzelnen Momenten zu verfolgen sucht. Es knüpft sich da- 
ran eine andere, nicht minder anziehende und wichtige Betrachtung über 
den Ursprung und die Verbreitung des Menschengeschlechts (S. 201 ff.), 
wobei der Verf. der passiven Raoe die Priorität einräumt; die Annahme, 
dass Asien die Heimath der ganzen Menschheit gewesen , dass von hier 
aus dio übrigen Welttheile, zuerst Africa und Europa, später auch Ame- 
rica, bevölkert vÄden, hat auch in seinen Augen die meiste Wahr- 
scheinlichkeit. Die passsive Raoe war es, welche zuerst alle Lande über- 
zog, zu einer zahlreichen, ruhigen Bevölkerung heranwuchs, die ur- 
sprünglich ein Jäger- und Fischer-, dann ein Hirtenleben führte, und 
daraus, durch die zunehmende Bevölkerung genöthigt, zum Ackerbau 
überging, in Folge dessen mancherlei Einrichtungen hervortraten, insbe- 
sondere ein priesterliches Staatsleben, das mit einer gewissen, auch 
ausser lieh sich in Denkmalen der Baukunst kundgebenden Oultur ver- 
knüpft war , und in Aegypten und Indien seine höchste Blut he erreichte. 
Mittlerweile war in dem Hochland um das Himalajagebirg ein anderes 
kraftvolles Geschlecht herangereift — die active Race — das alsbald über 
die Erde, man weiss freilich nicht genau wie, sich ausbreitete, das frü- 
her schon Afghanistan, Iran, Arabien, Kaukasien, Kleinasien und Grie- 
chenland betreten, dann die Alpen besetzt und später in den deutschen 
Gebirgen, wie in Scandinavien, «ich ausgebreitet; die Hyksos, die Ae- 
gypten bezwangen, die Perser, welche die theokratiachen Reiche der Mo- 
der, Assyrer, Babylonier stürzten, die Heroen der Griechen, die Roinuli- 
den, welche dio etruskischen Theokratien und Monarchien überwanden, 
die Germanen, Araber, Türken , Tataren (die von den passiven Mongolen 
zu unterscheiden sind), die unbändigen Tscherkessen, die Inka's von Mexi- 
co, die Eries der Südsee sollen lauter Mitglieder dieses kaukasischen 
Stammes seyn, der die Reiche der passiven Nationen s am rat ihrem Prie- 
sterthum stürzt oder dieses mit dem Königthum vereint und die von den 
passiven Nationen begonnene Cultur nan auffasst, um sie weiter fortzu- 
bilden. Wir haben diese Sätze, an die sich noch eine Reihe von weite- 
ren Betrachtungen und Erörterungen über beide Menscheuraoen und ihr 
Verhältnis* zu einander anknüpft, absichtlich hier mitgetfaeilt, weil sie, 
wie Niemand sich verhehlen wird, von der grossesten Wichtigkeit sind, 
und darum alle unsere Aufmerksamheit mit Recht in Anspruch nehmen. 
Eine näheie Prüfung, die, zum Theil wenigstens, uns in fremdartige, 
aber der historischen Tradition hier sich annähernde Gebiete der Natur- 



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Kuno Anzeigen. 311 

künde, der Anatomie, de? Physiologie u. e. w. fahren wurde , wird man 
an dieser Stelle nicht erwarten. 

Nach diesen allgemeinen, aber zum Ganzen allerdings notwen- 
digen, jedenfalls erwünschten Erörterungen treffen wir noch im er- 
sten Bande Seite 229 ff. eine Schilderung der Urzustände der passiven 
Menschheit; die Wilden in den Urwäldern, an den Seeküsten und in 
sterilen Ebenen werden uns hier nach ihrer körperlichen Beschaffenheit, 
ihren geistigen Anlagen, ihrer Lebensweise ia allen Beziehungen geschil- 
dert, auch die Spuren einer staatlichen Entwicklung und religiöser An- 
schauung am Schluss des Abschnittes noch besonders nachgewiesen. Zu- 
erst erscheinen die Wilden Amerika'«, dann folgen in einem eben so um- 
fassenden, alle einzelnen Züge des Lebens beachtenden Bilde die Bewoh- 
ner von Neuholland, zuletzt noch dio Pescheräh , die Bosjesuian , die Ca- 
lifornier (S, 283-356), und der ganze zweite Band setzt diese ins Ein- 
zelne gehende, eben so genaue als getreue Schilderung fort, indem er die 
Jäger- und Fischervölker der passiven Menschheit uns nach ihrem äus- 
seren Leben, wie nach den Stufen ihrer geistigen Entwicklung darstellt« 
zunächst ins Auge fassend die Jägervölker Amerika'«, wobei der Verf. 
mit grossester Sorgfalt und Genauigkeit in Alles, auch das scheinbar 
minder Wichtige des Details eingeht; und in dieser Beziehung eine un- 
mittelbar aus den zahlreichen, grösseren und kleineren Reisewerken 
gebildeter Europäer entnommene Darstellung geliefert hat, wie man sie 
vergeblich anderswo suchen wird. In diesem Gesammthikl, das auf diese 
Weise vor uns sich entfaltet, wird man nicht leicht irgend einen Zug 
vermissen : die beigefügten Tafeln der Abbildnngen machen das Einzelne 
noch anschaulicher und dienen auch von dieser Seite zur Vervollständi- 
gung dieses Bildes. Die Körperbeschaffenheit, die Seeleuzu stände , die 
Lebensweise, in Bezug auf Nahrung und deren Erwerb, die Jagd und 
die dazu nöthigen Waffen, die Bereitung der Speisen, die Kleidung sammt 
Schmuck und Zierrath, die Wohnungen und Lagerstätten, die verschiede- 
nen Gerätschaften und Werkzeuge, die Arten der Fahrzeuge, das ganze 
Familienleben wie das gesellige Leben, und endlich der Tod mit der 
Leichenbestattung u. s. w,, dann hinwiederum Spiele und Festlichkeiten, 
Tanz, öffentliche Zusammenkünfte, auch das Kriegswesen, so wie die 
religiösen Vorstellungen sammt Cultus und Zauberei, endlich die gerin- 
gen Spuren einer geistigen Cultur: dies Alles und noch vieles Andere, 
was dazu gehört, finden wir hier berücksichtigt. Die Polarmenscben 
sind Gegenstand einer weiteren, in ähnlicher Weise durchgeführten Dar- 
stellung S. 197 ff.; das Leben der Grönländer, der Eskinio's und Kamt- 
schadalen wird in allen den genannten Beziehungen mit gleicher Ge- 
nauigkeit geschildert; die Bewohner des Nootka-Sundcs $.316 ff. macheu 
den Beschluss des Ganzen, das uns die umfassendsten Kenntnisse des 
Verf. auf dem Felde der Ethnographie, und die Bekanntschaft wie zweck- 
mässige Benützung einer ausgebreiteten, diese Gegenstände betreffenden 
Literatur, im vortheilhaf testen Lichte erblicken lässt. 
• Aua diesen beschränkten Angaben des reichen Inhalts dieser beiden 

Bande mag man ersehen, wie der Verf. den Begriff einer Culturge- 
sebichte erfasst, und diese selbst darnach zu behandeln versucht hat» 
Auch über das, was in den näclpteu Bänden dieses von 4«r Verlagshaud- 



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812 



Kurze Anzeigen 



lung so wohl ausgestatteten Werkes folgen wird , mag man daraus 
einen Schluss ziehen. Wir aber machen am Schluss unserer Anzeige 
noch aufmerksam auf die dem ersten Theil angefügte Beilage S. 851 ff., 
welche unter der Aufschrift: „Fantasie über ein Museum für die Col- 
turgeschichte der Menschheit' 4 einen der Beachtung sehr zu empfehlen- 
den Plan zur Anlage einer derartigen , für die Geschichte der Entwick- 
lung der Menschheit wichtigen Sammlung enthält, deren Grundlage na- 
turbistoriseh sevn soll, d. h. oryktognostisch, woran sich dann die Samm- 
lung der Pflanzen, der Thiere , und dann eine anthropologische» die 
Menschheit, deren Verschiedenheit nach Racen u. s. w. befassende an- 
schliesst, und darauf die übrigen, die verschiedenen Culturstufen der 
Menschheit bezeichnenden Abtheilungen in der vom Verf. hier genau vor- 
gezeichneten Reihenfolge, sich anschliessen. 



biographisch -literarisches Lexicon der Schriftsteller des Grossherzog- 
thums Hessen im neunzehnten Jahrhundert. Bearbeitet und heraus- 
gegeben von H. E. Scriba, evanget. protest. Pfarrer zu Messel, 
ordentl. Mitgliede des histor. Vereins für- Hessen etc. etc. Zweite 
Abtheilung. Die Schriftsteller des Jahres 184» in theüs neuen Mitr- 
theilmngen, theils in Fortsetzung der in der ersten Abtheilung ent- 
haltenen Artikel nebst den Nekrologen der von 1800 — 1842 verstor- 
benen Schriftsteller des Grossherzogthums Hessen enthaltend. Darm- 
stadt 1843. Verlag der Hofbuchhandlung von Jonghaus. VIII. und 
879 S. in 8. 

Wenn man erwägt , dass nur dureh tüchtige Specialarbeiten , die 
ein bestimmtes Land oder eine bestimmte Zeit umfassen, eine allgemeine 
Literargeschichte Deutschlands zu Stande kommen kann, so wird man 
das vorliegende Lexicon, das sich an die früheren Werke von Rieder, 
Justi etc. anreiht und sie fortsetzt, um so mehr willkommen heissen, als 
dasselbe durch möglichste Vollständigkeit nnd Genauigkeit in allen ein- 
zelnen Notizen — Haupteigenschaft und Haupterfordernisse einer solchen 
Arbeit — sich empfiehlt und so in der That zeigt, dass der Herausgeber 
keine Mühe gescheut hat, um das von ihm gesteckte Ziel zn erreichen. 
Eben so wohl diejenigen, welche, obgleich in Hessen selbst nicht gebo- 
ren, doch später dort ihren bleibenden Wohnsitz nahmen, als auch die, 
welche, in Hessen geboren, später in andere Länder gezogen, sind nebst 
denen, die in Hessen selbst geboren und geblieben, berücksichtigt: wo- 
durch das Ganze allerdings an Umfang, und an Werth nicht wenig ge- 
wonnen hat. Wer da weiss, welche Mühe es oft in einzelnen Fällen, ja 
leider in nnr zn vielen, kostet, die erforderlichen biographischen und 
bibliographischen Notizen, und zwar sichere und verlässige, zn gewinnen, 
der wird gern dem Verf. Dank zollen für das in so befriedigender Weise 
zn Stande gebrachte, schwierige Unternehmen, wobei er der Unterstützung 
befreundeter Gelehrten in der Vorrede dankbar gedenkt, wie er denn 
am Schlüsse derselben auch ausdrücklieh versichert, jede Erinnerung und 



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I 



Karze Anzeigen. 313 



Mittheilung, durch welche der Zweck de« Lexicons gefördert werden 
könne, bereitwillig anzunehmen. Und za einer solchen lieht «ich Ref. in 
einem ihn selbst (als einen geborenen Hessen) betreifenden Artikel S. 24 
veranlasst, wo unter den von ihm verfassten Schriften nach eine Schrift 
sich angeführt findet, die seinen jungern Bruder, einen Theologen, den 
Ministerialrath Dr. Carl Bahr in Carlsrahe zum Verfasser hat, nera- 
lich die Symbolik des Mosaischen Cultas, welche in zwei Oc- 
tav-Bänden Heidelberg 1837 ff. bei Mohr erschienen ist. Von den Sop- 
plementbandcn meiner Geschichte der Römischen Literatur 
(von welcher eben die dritte Auflage unter der Presse ist) ist hier der 
zweite, der die christliche Theologie enthält und Carlsruhe 1837 er- 
schien, nicht angeführt, wohl aber der dritte, der die Carolingische Li- 
teratur enthält; von dem Abriss der römischen Literatargeschichte 
werdca hier zwei Ausgaben von den Jahren 1828 und 1833 angeführt, 
es ist aber nur eine bis jetzt erschienen, zu Heidelberg 1833, obwohl 
eine zweite allerdings vorbereitet wird. Dagegen fehlt mein Specialen 
Observv. in Plutarehi Vit Artaxerxia in Creuzer's Melett. T. III. vom 
Jahr 1819, and meine Akademische Rede De literarum Uni versi täte Con- 
stantinopoli quinto p. Ch. n. saeculo condita. Heidelberg. 1835. in 4. 

Chr. Bahr. . 



Vier Documente aus römischen Archiven. Ein Beitrag zur Geschichte 
des Protestantismus vor, während und nach der Reformation. Leip- 
zig. Hahn 9 sehe Verlagsbuchhandlung 1843. VIII. und 130 Seiten 
in gr. 8. 

Die Verlagsbaudlnng verdient gewiss allen Dank, data sie zu dej 
Herausgabe dieser für Kirchengeschichte wie für kirchliches Hecht in 
mehrfacher Beziehung sehr interessanten Actenstücke des fünfzehnten 
und sechzehnten Jahrhunderts die Hand bot. Wir erhalten hier Dem- 
iich eine Reihe von Actenstücken, deren Originale in Rom liegen, in ei- 
nem getreuen Abdruck zum erstenmale bekannt gemacht, in einer durch« 
weg correcten, ao der Richtigkeit des Abdrucks nicht deu mindesten 
Zweifel erregenden Weise; das erste dieser Documente, einer Vaticani- 
Bchen Handschrift nr. 4012 (aus dem Archiv der Engelsburg) entnom- 
men^ gibt unter der Aufschrift: „Processus contra hacreticos de 
opinione dampnata examinatos corara dominis deputatia 
ad instantiam domini Antonia de Eugubio, procuratoria 
fiscalis factus anno 1465'* die Verhandlungen einer Untersuchung, 
Welche Seitens der Inquisition gegen eine, uns eigentlich erst durch diese 
Actenstücke näher bekannte religiöse Secte eingeleitet ward, eine Art 
von Separatisten, welche unter dem Namen der fraticelli de opi- 
nione (Wahnbruder) im nördlichen Kirchenstaat um die bemerkte 
Zeit ihr Wesen trieben. Da später keine weitere Spur dieser Secte vor- 
kommt, ao acheint die Unterdrückung derselben allerdings der Inquisition 
durch die Untersuchung, deren Acten hier vorliegen, gelungen zu seyn; über 



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1 



814 Kurse Anzeigen. 

das gante, dabei beobachtete Verfahren, die Instruction dea ganzen Pro- 
cesses und dergleichen gibt allerdingt diese Publikation den besten Auf- 
schisse. Das zweite Stück p. 49 ff. ist ein Aotographum eines, uns je- 
doch nicht näher bekannten, angesehenen römischen Geistlichen, welcher 
Ton Besorgnissen ergriffen- ist über die Gefahr, welche der katholischen 
Kirche in Deutschland droht, sich aber noch nicht die Missbräuche und 
die Gebrechen seiner Kirche verhehlt, darum auf schleunige und gründ- 
liche Abhülfe derselben dringt , um noch grösserem Schaden vorzubeu- 
gen. Dies ist besonders in dem zweiten Theile oder Schreiben (es be- 
steht das Ganze aus zwei unmittelbur auf einander der Zeit nach folgen- 
den Schreiben) näher ausgeführt, während im ersten die Gründe bespro- 
chen werden, welche die Protestanten von dem Besuche des Concils zu 
Tricnt abhalten. Der Titel dieses an einen (nicht bekannten) Cardinal 
gerichteten vertraulichen, aber für die Reformationsgeschichte nicht un- 
wichtigen Memoire'a ist: Relazione d'un vescovo Romano, che trattava 
gli affari di religione in Germania nel tempo della Kiformazione sullo 
stato corrotto della chiesa cattolica, diretta ad un cardinale, aus dem 
Codex Vaticanus 1356, welcher, nach der Bemerkung des Herausgebers 
eine aus Familtenarchiven zusammengebrachte Sammlung interessanter 
Reden, Adressen, Memoiren etc. an Fürsten , Päpste und angesehene Be- 
amte derselben in lauter Autographis des XVI. Jahrhunderts enthält — 
also wohl noch manchen interessanten Schatz bergen mag. Das dritte 
Document p. 69 ff. ebenfalls ein Aotographum, trägt die Aufschrift: Tri- 
plex ratio, qua fratres praedicatores sui ordinis provinciam superiorts 
Germania« facile et optime reformare valeaot, reverendis patribns ejut- 
dem ordinis Gamundiae ad celebrandom provinciale capitulum congrega- 
tis, proposita per Fridericum Bartholomeum Klaindinst, 
ejusdem ordinis inutilem filium anno 1558. Der Verf., ein Dominicaner 
und Professor der Theologie au Dillingen, legte dem zu Gmündcn in dem 
bemerkten Jahre versammelten Provincial- Capitel seines Ordens dieses 
Memoire vor, in welchem er die Abnahme des Eintritts in die geistlichen 
Orden, den inneren, sittlichen und wissenschaftlichen Verfal dieser Or- 
den und anderes dahin gehörige bespricht, auf Abhülfe dieser Uebel- 
atände dringt, die er von einer besseren wissenschaftlichen Bildung, von 
grösserer Sittenstrenge und von der Förderung eines wahrhaft religiösen 
Sinnes durch Anstellung geistlicher, wohlgeleiteter Uebungen und der- 
gleichen, wie auch insbesondere durch ein gutes Beispiel der Oberes, 
durch Ausschliessung der Unverbesserlichen u. s. w. erwartet. Und dass 
er die Durchführung einer solchen Reformation , die Anwendung der von 
ihm vorgeschlagenen Massregeln in der Praxis nicht für unmöglich halt, 
zeigt eine besondere, von seiner Hand noch gemachte Nachschrift, sowie 
die Einsendung seines Memoire nach Rom zur Beachtung der höheren 
geistlichen Behörde. — Das vierte Actenstück p. 91 ff. , ebenfalls ein 
Autographum aus der Vaticanischen Handschrift 5503 (früher im Archiv 
zu St. Peter), ist ein Verzeicbniss einer Anzahl von Gemeinden in St&.- 
voyen, wie von einzelnen Gliedern derselben* welche wieder zu der kothol. 
Kirche zurückgekehrt, von der sie also vorher abgefallen waren: Nomi- 
na et parochiae guorundam haereticorum fidei catholicoe Romanae adu- 
natorum ex dioecesi et circa civjtatcin Geben [Gcbenneuaeai d, i. Gel 



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Kurte Anzeigen 



nevois] per B. P. Nicola um, clericum presbyterum , Scti Foelicis cura- 
tom, cx duodeeim ibi speculatoribus ab ordinario sclcctis, de scripta sub 
calco anoi 1598. 

■ ■ 

» 



Das deutsche Collegium in Rom. Entstehung, geschichtlicher Ver- 
lauf, Wirksamkeit, gegenwärtiger Zustand und Bedeutsamkeit des- 
selben; unter Beifügung betreffender Urkunden und Belege, darge- 
stellt von einem Katholiken. Leipzig. In der Hakn'schen Verlags- 
buchhandlung 1843. 909 S..8. 

Wer über die unter dem Namen Collegium Germanien m zu 
Rom um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts gestiftete Anstalt, wel- 
che die Bildung katholischer Priester aus Deutschland zum Zwecke hat 
und seit der Zeit ihrer Gründung sich nicht blos fortwährend erhalten, 
sondern in neuester Zeit sogar eines erneuerten und vermehrten Besuchs 
an «Deutschland zu erfreuen gehabt hat, näher unterrichten, wer sie nach alles 
Seiten hin, was ihre frühere wie ihre jetzige Einrichtung betrifft, ihre 
verschiedenen Schicksale seit ihrer ersten Errichtung, ihren jetzigen 
Bestand, den darin herrschenden Geist, *\> wie überhaupt die Mittel und 
Wege näher kennen lernen will, durch welche die der ganzen Anstalt 
su Grunde liegenden Zwecke — Bildung deutscher Priester, die, nach 
Deutschland zurückgekehrt, dort für Aufrechthaltung oder Wiedereinfüh- 
rung der römischen Kirche und des Cultus, wie überhaupt für die In- 
teressen der Kirche und des Papstes thätig seyn sollen, — erreicht wer- 
den sollen, dem kann diese Schrift um so mehr empfohlen werden, als 
sie mit der grossesten Ruhe und Partheilosigkeit geschrieben, sich auf 
das rein Factische, auf die historische, hier durch die Benützung mancher 
unbekannten Documcntc wesentlich geförderte Darstellung beschränkt 
und von oiner sehr bedeutenden und einflussreichen, nach ihren Einzel- 
heiten bisher, zumal in Deutschland , nnr wenig bekannten Anstalt , eine 
sehr genaue Beschreibung liefert, wie man sie an keinem andern Orte 
findet. Zehn Anlagen enthalten eine Reihe von merkwürdigen Urkunden, 
darunter auch am Schluss ein genaues Yerzeichniss aller der in neuester 
2säjt in das Collegium aufgenommenen Alumnen aus Deutschland mit 
be ihrer Heimath und des Jahres ihrer Aufnahme. 



Deutschlands Dichter von ±819 bis 1843. Eine Auswahl von 879 
charakteristischen Gedichten aus 131 Dichtern mit biographisch- lite- 
rarischen Bemerkungen und einer einleitenden Abhandlung über die 
technische Bildung poetischer Formen. Von Karl Gödeke. Ban- 
nover. Im Verlage der Hakn'schen Bofbuchhandlung 1844. hXXUI. 
und 406 8. in kl. 4. 

Indem wir diese wohlasgelegte und ausgeführte Sammlung der 
bcaoiidcrn Aufmerksamkeit der Freunde unserer Poesie und der wohlwol» 



81« 



Kurze Anzeigen. 



lenden Theilnahme einet grösseren Publikums In jeder Bezieh ung em- 
pfehlen , wird es tot Allem zu bemerken nöthig seyn, dass es hier sich 
um keine blosse Chrestomathie oder Anthologie , wie man dies Wort ge- 
wöhnlich versteht, handelt, d. h. um eine Auswahl einzelner, besonders 
hervorstechender, hier zu einem Ganzen von solchen Glanz - und Effekt- 
stücken vereinigten Gedichten deutscher Zunge, — eine in der Tbat bei 
dem reichen Material, das vorliegt, nicht allzu schwere Aufgabe — der 
Herausgeber sucht vielmehr durch eine Auswahl von besonders charak- 
teristischen Poesien jedes einzelnen Dichters uns nicht blos mit den be- 
sondern Eigentümlichkeiten, den charakteristischen Merkmalen eines 
s jeden einzelnen Dichters bekannt zu machen, sondern auch daraus zu» 
gleich den Gang, den die deutsche Poesie seit dem Jahre J 813 genom- 
men, den Charakter, Wesen und Geist derselben im Allgemeinen nach- 
zuweisen. Auf diese Weise soll das Ganze nicht blos ein Gegenstand an- 
genehmer Unterhaltung werden und Stoff zum Amüsement einem Publi- 
cum bieten, das sich sonst nicht besser zu beschäftigen oder zu unter- 
halten weiss; es soll vielmehr dazu dienen, eine gründliche Bekanntschaft 
mit den Erscheinungen der neuesten Zeit auf dem Gebiete der Poesie zu 
veranlassen und dadurch zu einer richtigen Einsicht in das Wesen der- 
selben überhaupt, wie in die einzelnen Leistungen führen, also die 
Kenntniss der poetischen Entwicklung in der jünggt verflossenen Zeit 
bezwecken. 

Dies ist die höchst achtungswerthe Aufgäbe, die der Herausgeber 
sich gestellt und in diesem, zunächst die lyrische Poesie im weiteren 
Sinne des Wortes befassenden Bande zu lösen gesucht hat. Hof- 
fen wir, dass, wie der Herausgeber andeutet, auch ein zweiter Band uns 
eine ähnliche, zu einem gleichen Ganzen abgeschlossene Aoswnhl aus der 
epischen uud dramatischen Poesie bringen wird. Dass die Auswahl selbst 
hauptsächlich durch das Streben geleitet ward, die Eigentümlichkeiten 
jedes Dichters aus der dargelegten Probe ereknnen zu lassen, ergibt sich 
schon aus dem Gesagten; dass auch dabei auf urkundliche Treue der 
Mittheilung möglichste Rücksicht genommen ward, wird kaum zu be- 
merken nöthig seyn, indem der Herausgeber hier eine kritische Sorgfalt 
und Umsicht beobachtet hat, wie man sie kaum bei den Herausgebern 
der Texte alter Poesien, griechischer oder römischer, zu erwarten pflegt, 
und diese Sorgfalt auch auf alles Das ausgedehnt hat, was zu ei isjjfc 
wohl lesbaren Tezte erforderlich ist, wie Interpunction, Orthographie ■ 
wobei er zugleich bedacht war, möglichst genau die Entstehungszeit csjEjä 
jeden von ihm aufgenommenen Gedichtes, so weit solches nur immer 
möglich war , zu ermitteln und anzugeben. Was nun aber weiter die 
Quellen, aus denen die Sammlung veranstaltet ward, betrifft, so wurden 
nicht blos die Dichter berücksichtigt, von welchen eigene poetische Werke 
von grösserem Umfang oder Sammlungen ihrer einzelnen Lieder heraus- 
gegeben waren, sondern es ward auch das, was zerstreut» z. B. in Alma- 
nachen und dergleichen erschienen war, bei der Auswahl berücksichtigt, 
um so möglichste Vollständigkeit zu erzielen , übrigens dio Quelle bei 
jedem Gedicht sorgfältig angegeben. Schwierig war dabei allerdings die 
Anordnung des auf diese Weise gesammelten und in eine bestimmte 
Reihenfolge zu ordnenden Stoffs. Sollte -das Princip der einzelnen Gat- 



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Kurze Anzeigen. 81? 

fangen und Abtheilungen, Neben- und Unterarten der lyrischen Poesie 
massgebend werden, in so fern die in dieser Hinsicht zu einander gehö- 
renden Gedichte auch neben einander zusammengestellt werden f so war 
die Ausführung schon durch den Umstand ungemein erschwert, dass die 
einzelnen Gattungen der Lyrik, zumal in der deutschen Poesie, viel tu 
wenig scharf abgegränzt und abgeschlossen sind , am eine solche strenge 
Ausscheidung der einzelnen Gedichte zu gestatten. Noch weniger mög- 
lich, war eine Anordnung nach bestimmten Scholen oder Richtungen un- 
serer vaterländischen Poesie. Denn wenn gleich im Allgemeinen ge- 
wisse Richtungen sich werden bestimmen lassen, so ist es doch nicht 
wohl ausfuhrbar, die einzelnen Gedichte darnach zu rubriciren oder zu 
classificiren. Eine streng chronologische Anordnung aber, die alle Ge- 
dichte, ohne Rücksicht aaf den Verf. oder den Inhalt and die Gattung 
den Liedes bloe nach der Zeitfolge ihrer Entstehung an einander reiht, 
ist eine todte und leblose, eben dadurch aber am wenigsten geeignet, die 
Zwecke zu fördern, welche der Herausgeher, wie wir gesehen, mit sei- 
nem Werke überhaupt beabsichtigt hatte. Er entschloss sich daher, dio 
einzelnen Dichter mit den Ton ihren Gedichten ausgewählten Proben 
nach den einzelnen Ländern zu ordnen, welchen sie angehören, wobei er 
jedoch sich nicht streng an die jetzige politische Eintheilung hielt, son- 
dern mehr der alten deutschen, die einzelnen Stämme und deren Eigen- 
tümlichkeiten mehr berücksichtigenden Reichseintheilung folgte, daher 
auch EIhubs so gut wie die Schweiz und Oestreich nicht ausschloss, was 
man nur billigen kann. Er beginnt mit Westphalen. wendet sich dann 
zu dem Rhein, wozu auch das gerechnet wird, was ans dem Elsass, aaa 
Hessen, Baden, Rheinbaiern (hier nur ein Dichter, R. J. Schaler J, 
Schweiz (auch hier nur verhältnissmässig Weniges) anzuführen war; 
dass das nun folgende Schwaben mehr berücksichtigt ist , liegt in der 
Natur der Sache; daran reiht sich Baiern (hier besonders König Lud- 
wig I., Graf t« Platen); Oesterreich, Schlesien, Sachsen, Pretiosen und 
Niedersachsen. Eine eigene Abtheilnng vereint, ohne Rücksicht auf die 
Heimath der Dichter, eine Auswahl von meist sehr gelungenen Zeitge- 
dichten verschiedener Dichter; sie bildet den Schluss des Ganzen, wel- 
ches uns, Alles in Allem achthundert zwei und siebzig Gedichte 
bringt, in der bemerkten Weise geordnet und mit den die Persönlichkeit 
jedes einzelnen Dichters betreffenden Notizen, so wie mit einer kurzen 
Charakteristik seiner Leistungen, welche jedesmal der Auswahl seiner 
Gedichte vorangeht, ausgestattet. Wir sehen diese biographischen No- 
tizen als eine schätzbare, dem Leser gewiss willkommene Zngabe an, 
auch wenn er nicht immer ganz mit dem Urtheil selbst, das über jeden 
einzelnen Dichter gefallt wird, übereinstimmen sollte; lobenswerth aber 
war es von dem Herausgeber, dass er, insbesondere da , wo die Auswahl 
der einzelnen Stücke umfangreicher war nnd mehrere oder grössere Ge- 
dichte aufgenommen wurden, die Erlaubniss der betreffenden Verlags- 
buchhandlungen einholte, die von diesen auch, wie wir aus einer Note 
p» VI. ersehen , meistens mit der grossesten Bereitwilligkeit ertheilt 
ward, nnd so von dem Heransgeber jeden Schein unbilliger nnd ange- 
rechter Benutzung fremden Gutes abwälzt. Je seltener heutzutage ein 

solches ehrenwerthes Verfahren beobachtet wird, je häufiger die Fälle 

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Karze Anzeigen 



des Gegentheils werden, desto mehr verdient es Anerkennung. In Frank* 
reich ist unlängst ein Fall vorgekommen, wo ein Herausgeber einer sol- 
chen Auswahl poetischer Stücke, die er ohne Einwilligung der betreffen- 
den Verleger publicirt hatte, einer gerichtlichen Verurtheilnng unterle- 
gen ist. 

Ehe wir von dem auch ausser lieh so wohl ausgestatteten Werke 
scheiden, ist noch des Abschnittes der Einleitung zu gedenken, der von 
S. XVI— L\ VIII. unter der Aufschrift: die technische Bildung 
poetischer Formen eigentlich eine vollständige Metrik ent- 
hält, in welcher aufs genaueste von den einzelnen Versarten, Strophen 
und derglciehen, auch mit Beifügung der nöthigen Beispiele gehandelt 
wird, so da 88 auch von dieser Seite der belehrende Zweck, der das ganze 
Unternehmen hervorrief, wesentlich gefordert wird. Die nöthigen Regi- 
ster zum Nachschlagen und leichteren Auffinden des Einzelnen fehlen am 
Schlüsse der Sammlung keineswegs. 



1. SämmUiche Schriften von Henriette Bänke, eeb. Arndt. Aus- 
gabe letzter Hand. Hannover, 184a. 8. Im Verlage der Hahn'- 
schen Hofbuchhandlung. Band XLVI1L bis LXVIII. 

9, Polterabend- 8 cenen und Aufzüge, nebst vermischten Ge- 
dickten von Henriette Hanke, geb. Arndt. Hannover, i843. 
8. Im Verlage der Höhnischen Hofbuchhandlung. 160 8. 

Seit der letzten Anzeige der gesammelten Schriften dieser frucht- 
baren und gemüthJichen Schriftstellerin (1843 p. 467 ff. vgl. 1842 p. 315) 
liegt eine weitere Reihe von Bänden vor, über die wir, was Inhalt, As- 
lage wie Ausführung der darin mitgetheilten Ersählungen betrifft, kein 
anderes Urtheil zu fällen im Stande sind, als das, was schon früher aut- 
gesprochen worden, und auch jetzt wieder nach seinem vollen Umfang 
wiederholt werden mnss. In allen waltet mehr oder minder der Geist 
des deutschen Familienlebens, der deutschen Häuslichkeit und was daran 
sich knüpft, vor, in allen zeigt sich ein acht weibliches Gemüth, das 
nicht in Unnatur, die man jetzt Originalität nennt, sich verkehrt, nie 
die Grundsätze des Anstandes und der guten Sitte verletzt , um der ge- 
meinen Sinnlichkeit zu fröhnen, wohl aber durch die einfache, anspruchs- 
lose Wahrheit, und durch die Treue aller Schilderungen und Darstellun- 
gen in allen Kreisen des deutschen Familienlebens in seiner ungeschmink- 
ten Einfalt und Anspruchslosigkeit anzieht und erwärmt* Wer dafür 
noch Sinn hat, den machen wir auf diese Sehilderungen zur angenehm 
unterhaltenden Leetüre um so eher aufmerksam, je weniger sonst 
von derartigen Schriften hier Notiz genommen wird, die, meist als Aus- 
geburten einer krankhaften und entsittlichten Zeit, ihren verderblichen 
Einfiuss leider nur zu sehr bereits geltend gemacht und dadurch unserer 
Nation, das was bisher ihr Stolz und ihre Ehre war — die sittliche 
Würde uod die natürliche Einfachheit eines häuslichen Familienleben 
— schmächlicb zu rauben versucht haben. 



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Kurze Anzeigen., 819 

Band LX VIII. bis LI. enthält t Die Familie Jaeobi. Bd. LH.: Der 
Barmherzige, der Schutzpatron. Bd. LIU — LV.: Die Schwägerin. Bd. 
LVI.: Der Alte überall und nirgends; die Sphinx. Bd. LVII.: Der Co- 
libri. Bd. LVIil.: Der Hat; Minna. Bd. LIX.: Der Amtsratb. Bd. LXI. 
und LXI1 : Die Schriftstellerin. Bd. LXIII.: Tante und Nichte. Bd. 
LXIV — LXVIII. : Der Schmuck, eine schon bei ihrem ersten Erscheinen 
mit allgemeinem und ungeteiltem Beifall aufgenommene Novelle, 
Ton der damals anch ein ausführlicher Bericht in diesen Blattern er- 
stattet ward. — Die äussere Ausstattung der einzelnen Bändelten ist, wie 
schon früher bemerkt worden, äusserst gefällig und nett. 



Alf Hilde. Ein Gedicht von Louise Tittmann. Hannover. Verlag 
der Hahn'schen Hofbuchhandlung 1849. $30 S, 8. 

Ein Epos, welches durch schöne Dictioa, herrliche VereiHcation, 
eine würdige, dem Ernste dieser Dichtart angemessene Sprache, unge- 
mein anspricht: je seltener überhaupt solche Eigenschaften in unserer 
an wahrer Poesie so armen Zeh immer mehr bei uns werden wollen« 
Der Schauplatz des Epos ist das Gebiet und die Umgegend der Weser: 
der Gegenstand ist aus der deutschen Vorzeit entnommen , nnd greift in 
die Zeit der Bekehrung der heidnischen Sachsen durch Karl den Grossen 
zum Christenthum ein; ah Mittelpunkt des Ganzen erseheint Alfhilde, 
die Tochter der Iduna, die jungfräuliche Priesterin der Hertha; ihre 
Verbindung mit dem Grafen Adelhart, so wie die des Sacbsenherzogs 
Tialf mit Suanwitha bildet den Inhalt des Liedes, dessen einzelne T heile 
Und Scenen zu einem passenden und schönen Schlüte sich vereinigen. 



Lehrbuch der deutschen Prosodie und Metrik -von Johannes 
Minckwitz, Dr. der Philosophie und der oberlaus. GeseUsch. zu 
Görlitz corresp. Mitglied. Nach neuen Grundsätzen bearbeitet zum 
Gebrauch für Universitäten, Gymnasien, Realschulen und Seminarien, 
wie auch zum Pr watgebrauch. Leipzig. Druck und Verlag von B. 
G. Teubner. ±844. gr. 8. X und 164 8. 

Wenn der Verf. am Schlüsse seiner Vorrede die Hoffnung ausspricht, 
dass die norddeutschen Schulen dieses Handbuch der Empfehlung 
würdig finden möchten, so glauben wir nicht minder, oder hoffen viel- 
mehr, dass auch die süddeutschen darin nicht zurückbleiben werden, 
da wir der Ueberzeugung sind, dass der Verf. ein in jeder Besiehung 
nützliches und darum empfehlenswerthes Lehrbuch geliefert, das seinen 
Gegenstand in einer so klaren, präcisen und wohlgeordneten, für den Un- 
terricht zweckmässigen JWeise behandelt hat , wie uns dies in andern 
Schriften der Art bisher nicht vorgekommen ist Denn dass ea bisher 
an einem Handbuchs fehlte, das als Grundlage dem Schulunterricht die- 
nen und, setzen wir hinzu, auch der Privatbelehrung nützlich sich er- 
weisen kann, das nicht zu Viel und nicht zu Wenig bietet , wohl aber 
die Hauptpunkte in klarer und fasslicher Weise, mit Beachtung des in- 

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320 



Kurte Anzeigen. 



Bern Zusammenhangt derselben vorlegt, wird man nicht wohl in Abrede 
zu stellen vermögen, und darin allerdings die beste Rechtfertigung für 
den Verf. finden , der 'seine Leistung selbst nur als einen Beitrag ange- 
sehen wissen will, durch welchen das Räthsel deutscher Verskunst, zu 
dessen Lösung er hier einen kühnen [aber sichern] Schritt gewagt, end- 
lich aufgehellt werde. Was wir dabei insbesondere hervorheben, ist die 
sorgfältige Ausscheidung des Antiken und des Modernen, des alt-classi- 
schen (Griechisch* Römischen) und des Deutschen , wobei allerdings den 
Verf. die Ergebnisse einer längern praktischen Hebung so unterstützten, 
dass er eine feste und sichere Basis gewinnen konnte. Wenn man dem- 
nach mit der Anordnung des Ganzen , das nuf einer solchen zuverlässi- 
gen Unterlage ruht, alle Ursache hat, zufrieden zu seyn, so wird auch 
die gedrängte Fassung der Regeln, die Klarheit und Bestimmtheit des 
Ausdrucks, die keiner weiteren Deutung Raum gibt, die zum besseren 
Verständnis« der einzelnen Regeln allcrwärts gegebenen Erläuterungen 
und Beispiele nur zur Empfehlung dieses Lehrbuchs, das auf einem im 
Ganzen beschränkten Räume doch so Vieles bietet, gereichen können. 
Das erste Hanptetück behandelt die Sylbenmessung der Wörter in drei 
Abschnitten, welche theils die allgemeinen, theils die besondern Regeln 
über Längen und Kürzen der deutschen Sprache, so wie über die mittel- 
zeitigen Sylben enthalten; im zweiten Hanptstück folgen die Versfüsse, 
im dritten die näheren Bestimmungen über die Anwendung der gemesse- 
nen Sylben (der langen, kurzen und roittelzeitigen) in Versen, ihrer Stel- 
lung und dem Arcent nach; im vierten die einzelnen Vorschriften über 
die rhythmische Bewegung, über Hiatus, Elision, Consonantenhäufung, 
über die Stellung der Worte in den Versen, über die rhythmische Male- 
rei. Das fünfte Hauptstück hat den Reim zom Gegenstande, seine Ent- 
stehung wie seine Anwendung, wobei denn auch (im ersten Abschnitt) 
von der Alliteration und Assonanz, wie (im fünften Abschnitt) von der 
Verbindung des Rhythmus und Reimes die Rede ist. Wenn der Verf. 
geneigt scheint, die Entstehung des Reims mehr in den nordischen Spra- 
chen zu suchen, während er die rhythmische Kunst für eine Erfindung 
der alten südlichen Völker Europa's, bei denen sie allerdings ihre höch- 
ste Ausbildung und Vervollkommnung erhielt, ansieht, so wird doch da- 
bei auch der Umstand zu erwägen seyn, dass auch die Volkspoesie der 
Völker des Alterthums des Reims oder des gleichen Klangs der Ausgänge 
in einer mehr accentuirenden als quantitirenrien Poesie keineswegs ganz 
entbehrt, zu haben scheint, und dass deshalb bei dem Verfall der altru 
rhythmischen Kunstpoesie, das neuaufblühende Kirchenlied, das zugleich 
ein Volkslied seyn sollte, die accentuirende Richtung und damit dann 
auch den Reim aufnahm, wie dies auch bei der aus der alten Volk- 
sprache sich nach dem zehnten Jahrhundert entwickelnden Poesie und 
Sprache der Romanen" der Fall war: wodurch , wie wir glauben, der 
Reim überhaupt in die Poesie der neueren Sprachen, zumal auch der 
deutschen kam, deren Beschaffenheit, im Verhältniss zum Rhythmus, 



liebsten metrischen Versformen, die einfacheren Versmaasse wie die zu- 
sammengesetzten, in derselben befriedigenden Weise behandelt, welche 
auch die übrigen 1 heile dieses zweckmassig angelegten und wohl ausge- 
führten Handbuchs auszeichnet, zum Schluss aber, was man sehr billigen 
rouBB, noch in einem siebenten Hanptstück Beispiele zur Uebung im Le- 
sen (S. 112—164) gegeben, welche mit Sorgfalt ausgewählt, selbst die 
altdeutsche Poesie nicht unberücksichtigt gelassen haben und für .den 
praktischen Gebrauch sehr -nützlich und lehrreich werden müssen. 




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Nr. 21 



HEIDELBERGER 

/ t 



1844. 



JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 




Geschichte des achtzehnten Jahr hunder ts und des neunzehn- 
ten bis zum Sturz des französischen Kaiserreichs. Mit besonderer 
Rücksicht auf geistige Bildung. Von F. C. Schlosser, Geheimen- 
rath und Professor der Geschichte in Heidelberg. Vierter Band. 
Bis auf den gescheiterten Versuch der Auflösung der französischen 
Parlamente um ±785. Dritte durchaus verbesserte Auflage. Hei- 
delberg, academische Buchhandlung von J. C. B. Mohr. 1844. 
VIII. und 594 S. gr. 8. 

Mit diesem Bande ist die dritte Auflage des Werks beendigt 
und der Verf. kann sich jetzt nasschlicssend der AusarbeiCung des 
fünften Theils widmen, welcher ganz gewiss noch im Laufe die- 
ses Jahres erscheinen wird. Er darf sich rühmen, dass er beim 
vierten Theile noch weit mehr als bei den drei andern ängstliche 
Sorge getragen bat, alles Verwickelte oder nicht ganz Klare zu 
entfernen, das Verständnis» zu erleichtern und jede billige For- 
derung an einen ernsten und rein belehrenden Vortrag zu bofrie- 
digen. Dass von Zierlichkeit und von dem, was der Haufe blü- 
henden Styl nennt, nicht die Rede seyn darf, versteht sich von 
selbst, so wie auch, dass eine gewisse Eigenheit, die in einer Sub- 
jectivitat ihren Grund hat, welche der Verfasser, der von ihm oft 
spöttisch erwähnten Objectivität entgegensetzt, nicht aufgeopfert 
werden durfte. 

Dieser vierte Band war in der zweiten Auflage einige Bogen 
weniger stark als die übrigen; dies hat es dem Verf. möglich 
gemacht, einige Lücken, welche er in der vorigen Ausgabe be- 
merkt hatte, in dieser auszufüllen. Er ist dabei sehr vorsichtig 
gewesen, wie man schon daraus sehen kann, dass alle Zusätze 
dieser Ausgabe nur efwa drittebalb Bogen ausmachen. Der be- 
deutendste Zusatz findet sich gleich vom in der deutschen Lite- 
rargeschichte , wo der Verf. den Abschnitt Philosophie ganz 
umgeschmolzcn und die Entstehung der Kant sehen Philosophie sehr 
viel genauer bezeichnet bat, als vorher geschehen war. Da die 
Materialien, welche er verarbeitete, sehr reichhaltig vor ihm lagen, 
<1. h. da seine Papiere bei weitem mehr enthalten, als er mitge- 
XXXVII. Jahrg. 3. Doppelheft. 21 




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822 Schlosser: Gccbichtcd. XVHI.u. XIX. Jahrh. Bd. IV. DriÜeAusfc. 

theilt hat, so wird das Publicum ihm gewiss die Gerechtigkeit 
wiederfahren lassen, anzuerkennen, dass er weit entfernt ist, Al- 
les, was ihm anziehend scheint, auch dem Publicum aufdringen 
zu wollen. 

In der Literatur hat er sich bemüht, hie und da durch einen 
kleinen Zusatz einem Missverständnisse seiner Worte zu begegnen. 
Dies ist z. B. bei F. U. Jacobi der Fall gewesen, wo die weni- 
gen Worte, die er eingeschoben hat, den Leser aufmerksam ma- 
chen werden, dass man auch in andern ähnlichen Fällen den Verf. 
nicht so verstehen darf, als wenn er, die Schwachen hervorbebend, 
die Vorzuge wegleugnen wollte. Der Verf. glaubt, dass nichts mehr 
schade, als blinde Bewunderung, dass aber die nachbetende Menge 
nur blinde Bewunderung, oder absoluten Tadel kenne, dass es 
daher historische Pflicht sey, stets die Seite hervorzuheben, die 
von denen, welche Eioer dem Andern Tadel oder Lob nachspre- 
chen, übersehen worden ist. Was Tadel angeht, so ist er überzeugt, 
dass selbst im Falle, dass dem Angestaunten oder diesem oder 
jenem Heros des Haufens auch einmal zuviel gethan werde, der 
Schaden gering sey, weil der grosse Haufen derer, die nur durch 
Dunst, Vorurtheil, Rauchern der ganz Kleinen und durch Kama- 
radschaft Bedeutung erhalten, nie zugeben wird, dass irgend ein 
Götze, durch dessen Anbetung, Nacbbetung oder Protection er 
Geltung erhalten kann, ohne Opfer und Rauch werk bleibe. Der 
Verf. ist darum auch immer ganz ruhig seinen Weg gegangen, 
weil er gesehen hat, dass ihm allein und niemand anders gescha- 
det werde, und was er litt, war ihm leicht zu tragen. Nur eine 
kleine Anzahl lernte van ihm, wie &o eitel aller Ruhm und alles 
Lärmen und Prahlen der Menschen sey; die grössere Zahl em- 
pfand immer einen grossen Verdruss über seine Art, Menschen 
und Dinge zu beurtbeilen. Diess gab der Tross dadurch zu erken- 
nen, dass er ihm zurief, Göthe oder Lessing, Herder oder Johan- 
nes voh Müller, irgend ein grosser Engländer oder Franzose, ir- 
gend ein Zcitungs- oder Universität« - Heros , welche alle doch 
ganz «udere Leute seyen als er, hätten so und so gesagt und ge- 
urtheilt. Endlich schickte man irgend einen Doctor legens hin- 
ter ihn. 

Unter den Zusätzen dieser Ausgabe wird man Mehreres über 
Kaiser Joseph finden, weil einige der Züge er aus einer Schrift 
entlehnt hat, welche von einem Mann herrührt, der bei Leopold und 
Joseph einen bedeutenden Platz einnahm, und des besondern Ver- 
trauens dieser beiden Kaiser genoss, welche aber wegen der Per- 



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Schlosser: Geschichte d. XV III. u. XIX. Jahrb. Bd. IV. Dritte Ausg. 38« 



ei finge der Lebensweise des guten Franz IL, die darin enthalten 
ist, weder unter einem deutschen Druckort hat erscheinen, noch 
zur Zeit ihrer Erscheinung recht bekannt werden dürfen. 

Kin anderer, etwas grösserer Zusatz geht Cagliostro an, weil 
der Verf. zur Zeit der Abfassung der vorigen Ausgabe glaubte, 
Cagliostro sey aus Göthe, dessen Aufsatz gewiss in aller deut- 
schen Leser Händen ist, bekannt genug, er besann sich aber her- 
nach eines Bessern. Der Verf. hat daher versucht, den Dichter, 
dem es um etwas ganz Anderes zu tbun war, als um die trocke- 
nen Thatsachen , aus dem Bericht der Inquisitoren zu ergänzen. 
Bf an wird jedoch finden, dass er von diesen nichts Anderes ent- 
lehnt bat, Als was von ihrer gehässigen Art zu inquiriren, und 
aas dem Erfragten oder Krpressten Folgerungen zu ziehen, ganz 
unabhängig ist. 

Wenn der Verfasser übrigens in der Vorrede dieses vierten 
Theils sich langer bei dem Schreibfehler Dartmutb statt Dur- 
bamyard aufgehalten hat, als die Sache zu verdienen scheint, 
so ist dies blos in der Absicht geschehen, um zu zeigen, wie 
kleinlich es wäre , wenn man bei einem Werke von bedeutendem 
Umfange an einem kleinen Verstoss Aergerniss nehmen, oder gar 
nach vermeintlichen Fehlern, die am Ende keine sind (denn auch 
das wird doch nachgewiesen) Aschen wollte. 

Wenn nicht dieser vierte Band so hätte eingerichtet werden 
müssen, dass die Besitzer der zweiten Ausgabe, den folgenden 
fünften Theil (unier dem Titel vierter) als Ergänzung anschaffen 
könnten, ohne etwas Wesentliches zu vermissen, so hätte 
' der Verf. gern die Geschichte bis auf die Eröffnung der. französi- 
schen Nationalversammlung fortgeführt, oder die belgische Revo- 
lution ergänzt; er würde dadurch, für den folgenden Thcil Raum 
gewonnen haben. Dieser Theil soll nämlich die Zeit von 1789 
bis 1797 begreifen, darf sich aber, nach der Form, die das Werk 
jetzt erhalten bat, nicht blos auf die französischen Angelegenhei- 
ten beschränken, wie in der ersten Auflage von 1823 geschehen 
war, welche bei Vorlesungen gebraucht werden sollte. 

Schlosser. 



Schafhäutr« Geologie 



Die Geologie in ihrem Verhältniete zu den übrigen Naturwissenschaften. 
Festrede für die Feier des Ludwigstages u. s. w., von Dr. Karl 
Sc hafhäutl, Ii« *. w. München, 1843. 89 S. gr. 4. 

Diese Schrift, obgleich kurz, verdient dennoch wegen der 
Wichtigkeit ihres Inhalts beachtet zu werden, denn sie bezweckt, 
den Beweis zn führen, dass die neuerdings von so vielen bedeu- 
tenden Gelehrten vertheidigte plutonisch- geologische Hypothese 
mit allen ihren Anwendungen, namentlich auf die Hebungen der 
Gebirge und die vulcanischen Phänomene, durchaus unhaltbar sey, 
und mit der früher angenommenen neptunischen vertauscht werden 
müsse. Bs lohnt sich daher allerdings der Mühe, die für eine 
solche gänzliche Umgestaltung einer bedeutenden Wissenschaft 
beigebrachten Argumente näher zu beleuchten, und hierzu hält 
sich Ref. für befähigt, sofern es sich zunächst um die Anwendung 
wohlbegründeter physikalischer Gesetze handelt, ohne dass er wagt, 
sich einen Geologen im ganzen Umfange dieses Worts zu nennen, 
weil hierzu eine Menge specieller Kenntnisse erfordert werden, 
welche zu erwerben er weder Zeit noch Beruf hatte. Aus leicht 
begreiflichen Gründen kann übrigens hier nur von einigen Haupt- 
momenten die Rede seyn, denn die Erörterung des Ganzen und 
seiner zahllosen Einzelnheiten ist von einem solchen Umfange, 
dass die Aufgabe ein mehrjähriges angestrengtes Studium erfordert. 

Zuerst theilt der Verf. diejenigen Beobachtungen mit, welche 
in der älteren und hauptsächlich in der neueren Zeit der plutoni- 
seben Hypothese zur Grundlage dienten. Den Hauptanhaltpunkt 
hierbei bildet der ursprüngliche Flüssigkeitszustand der Erde. Mit 
Recht nennt der Verf. die Hypothese einer Entstehung derselben, 
sowie der übrigen Planeten, aus Theilen der Sonnenatmosphäre . 
nur eine Spielerei des grossen Laplaoo, über die Hauptsache 
aber, den ursprünglichen Flüssigkeitszustand, geht er allzu leieht 
weg, wenn er (S. 14) sagt: „so Hess man, da man ohnehin schon 
,,so viel Feuer in der Erde fand, und da der Granit den grössten 
,,TbeU der Grundgebirge der Erde ausmacht, zu dessen Schmel- 
zung ungeheuer viel Feuer nötbig war, lieber sogleich die ganze 
„Erde in Fluss gerathen. u Wären die Geologen wirklich so ver- 
fahren, dann verdienten sie allerdings die Vorwürfe unbedaebtsa- 
men Scbliessens, die ihnen (S. 76 und 77 Anm.) gemacht werden; 
allein dieses ist keineswegs der Fall. Alle Geometer sind darüber 
einverstanden, dass die Erde in Gemässheit ihrer Gestalt und Ab- 
plattung ursprünglich einen die Fortbildung gestattenden Zustand 
der Weichheit (man sagt Flüssigkeitszustand) gehabt haben müsse. 



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Schafhäutr« Geologie. 3?5 

and die Geologen (baten daher wohl, diesen unumstösslichen An- 
haltpunkt bei allen ihren ferneren Untersuchungen nicht aus den 
Augen zu verlieren; denn es gibt des Gewissen, was obendrein 
die ganze Erde betrifft, nur wenig. Mit gleicher Gewissheit ha- 
ben die Astronomen ferner nachgewiesen, dass die Erde, wenn sie 
einmal ihre Rotation und ihren Umlauf um die Sonne in einem 
freien oder unmerklichen Widerstand leistenden Räume angenom- 
men hatte, die Lage ihrer Axe, mit Ausnahme einiger dem Caloül 
unterliegenden Schwankungen, nicht ändern kann, wodurch dann 
eine Menge Hypothesen, namentlich auch die neueste von Klee 
(s. diese Jahrb. Heft 1. S. 157) glucklieb beseitigt werden. Ge- 
wiss wissen wir ferner, dass die äussere Kruste der Erde ge- 
genwärtig in einem Zustande der Starrheit sieb befindet, weloher 
zwar partielle, aber keine das Ganze afficirende Aenderungen ge- 
stattet, und nun tritt die in ihrer Allgemeinheit hier übergangene 
Hauptfrage der Geologie ein, nämlich auf welche Weise aus ei- 
nem bestimmt festgesetzten Flüssigkeitszustande die wirklich vor- 
handene feste Kruste entstanden sey. Die Geologen argumentir- 
ten, der Flüssigkeitszustand, wenn auch nicht wie Wasser, doch 
mindestens wie Lava, könne nur ein feuriger oder ein wässriger 
gewesen seyn, und wählten die erstere Hypothese, nachdem die 
Bildung von Krystallen in feurigflüssigen Substanzen nachgewie- 
sen war, verwarfen dagegen die letztere, weil die zur wässrigen 
Auflösung in mittlerer Temperatur erforderliche Wassermenge über 
alle Vorstellung hinausgebt-, die Annahme einer höheren Wärme 
aber am Endo wieder zur ersteren führen würde. Dass sich beim 
Verfolge dieser Untersuchungen ins Einzelne bedeutende Schwie- 
rigkeiten herausstellen mussten, war mit Gewissheit zu erwarten, 
denn die Natur operirt mit grösseren Mitteln, als welche dem 
Chemiker zu Gebote stehen. Was der Verf. weiter sagt, dass 
„die Plutonisten untröstlich gewesen wären 4 ', als La place die 
seit 9000 Jahren nicht merkbare Erkaltung der Erde aufgefunden 
habe, durch Fourier's Theorie aber sich wieder erholt hätten, 
gehört eigentlich gar nicht her. Die Sache bezieht sich auf die 
historische Zeit, und trifft jede der beiden geologischen Hypothe- 
sen auf gleiche Weise. Aus den Gesetzen der Mechanik folgt, 
dass die Erde im Ganzen während der letzten 2000 Jahre der 
historischen Zeit, also nachdem sie schon längst auf die eine oder 
die andere Weise gebildet war, sich nicht um den zweihundertsten 
Tbeil eines Centesimalgrades abgekühlt haben kön^ne, und zu einer 
Abkühlung von etwa 10°C. mehrere hunderttausend Jahre bedür- 



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326 Schafhäutr* Geologie. 

fen würde. 0er erste Theil dieses Satzes ist mathematisch be- 
gründet, den zweiten folgert Fourier aus den von ihm gefunde- 
nen Gesetzen der Abkühlung, and er stimmt ausserdem mit der 
Beobachtung zusammen, dass zu Noah's Zeit die mittlere Tem- 
peratur in Palästina der jetzigen genau gleich war. Zugleich aber 
müssen wir den Petrefactologen so lange, bis das Gegentheil er- 
wiesen ist, glauben, dass unter mittleren Breiten in früherer Zeit 
tropisches Klima geherrscht habe. Wie alle diese widersprechen- 
den, aber sämmtlich wohlbegründeten, Tbafsacben sich vereinigen 
lassen, dürfte noch lange ein unauflösliches Rathsei bleiben, ver- 
mag aber nicht weder die eine noch die andere geologische By- 
tbese umzustossen, obgleich die Plutonisten daraus ein nicht durch- 
aus unbegründetes Argument für allmftlige allgemeine Erkaltung 
des Erdballs entnehmen. Die weiteren Untersuchungen Fourier 1 s, 
sowie auch Poissoft's und Pouillet's beziehen sich darauf, 
den Zustand 'des Gleichbleibens der Temperatur auf der Erdober- 
fläche durch den Calcül nachzuweisen, und können daher für keine 
der beiden geologischen Theoriecn direct beweisen; wenn aber 
unser Verfasser (S. 24) sagt: „die Temperatur der Erdober- 
fläche hängt ganz ab von der Erhöhung der Sonne über dem 
„Horizonte und von ihrem längeren Verweilen über demselben", 
wenn er diesen Satz mit einer Tabelle der mittleren Temperaturen 
vom 30. bis 71. Breitengrade beweisen will, und dantf fortfährt: 
„Das Gefrieren des Bodens in Sibirien hängt also von der Sonne 
„ab ; die Wirkung der Sonne erstreckt sich von Aussen nach In- 4 
„nen, und die Tiefe der gefrornen Erdschichte Steht wieder im 
„umgekehrten Verhältnisse mit dem Stande der Sonne, und es ist 
„nicht einzusehen, was den Boden tiefer gefrieren lassen könnte, 
„als sieh die Sonne erstreckt, wenn Feuer im Erdinnem vorbanden 
„wäre.", so hält es in der That schwer, au verstehen, was hiermit 
eigentlich gemeint ist. Unmöglich darf man doch wörtlich neh- 
men, dass das Gefrieren des Bodens in Sibirien von der Sonne 
abhängt, die Hauptfrage aber, warum der Bodeu in Norwegen nie 
gefriert, wenn er unter gleichen Breiten in Sibirien und Nordame- 
rica nur im Sommer etliche Fuss tief aufthaut, von da an aber 
mehrere Hundert Fuss tief stets gefroren ist, wird gar nicht erwähnt. 

Wir übergeben das, was über die Temperatur des Meeres ge- 
sagt ist, weil es der Strömungen wegen für die Hauptfrage kein 
bedeutendes Argument abgibt, doch hatten billig die heissen Stel- 
len des Meeresbodens, die man zwischen den Antillen und sogar 
bei Spitzbergen aufgefunden hat, nicht sollen übergangen werden, 



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/ Schafhttutr« Geologie. ZZ1 

<Ja einmal die Sache zur Untersuchung kam, denn die Plutonisten 
werden mit Recht sagen, dass der Verf. die Hauptsachen über- 
gebt. Einen dritten Haltpunkt sollen die Plutonisten in den, heia- 
sen Quellen finden (6. 29) und die artesischen Brunnen Jabel ei- 
nen Hauptstützpunkt abgeben (S. 33). Auf den Ursprung der 
f bermff, deren Wärme eine Folge chemischer Actionen seyn soll, 
weiter einzugeben, verstattet der Raum nicht, auch führt dieses 
zu keinem entscheidenden Resultate; rücksichtlich der aus Bohr- 
versueben erhaltenen Erfahrungen aber werden die Plutonislen 
den Verf. nicht so leichten Kaufs davon kommen lassen. Die 
wichtigen, hierdurch erhaltenen Thatsachen werden von ihm durch 
drei Autoritäten roo der Hand gewiesen, nämlich durch Poisson 
und Marcel de Serres, weil sie die Hebertbeorie der artesi- 
schen Brunnen verlassen haben, und durch Poggendorff in Ge- 
mässbeit seiner Aeusserung: „dass ein wesentliches Element, der 
„Winkel des Bohrloches mit dem Radius des Erdsphäroids gar 
„nicht berücksichtigt sey", und man nur aus Bohrlöchern in voll- 
kommenen Ebeuen auf die Wärmezunahme nach dem Innern der 
Erde schliessen könne. Ref., welcher Alles was der genannte, 
um die Förderung der Wissenschaft hoch verdiente, Gelehrte schreibt, 
mit vorzüglicher Aufmerksamkeit liest, wurde durch diese ihm bei- 
£el#gle Aeusserung nicht wenig überrascht, fand aber beim Nach- 
lesen etwas ganz Anderes, was der platonischen Hypothese im 
mindesten nicht widerstreitet. Dass die Bohrlöcher keine merkliche 
Winke,! mit den Erdradien bilden können, liegt in der Natur der 
Sache, befinden sie sich aber in fcügelichen Gegenden, so kommt 
die doppelte Krümmung der Isogeotherraen, die durch sie bestimmt 
werden sollen, sehr in Betrachtung, und blos hierauf hat Pog- * 
gendorff mit Recht aufmerksam gemacht. Dabei handelt es sich 
aber allein um die Auffindung eines bestimmten Gesetzes der mit 
der Tiefe zunehmenden Erd wärme, was zahlreicher Erfahrungen 
ungeachtet bisher noch nicht aufgefunden ist, weil in jedem ein- 
zelnen Ealle mehrere, meistens unbekannte, Einflüsse bedingend 
mitwirken, ohne jedoch das Hauptresultat umzustossen. Sofern 
aber alle Bohrlöcher, am besten diejenigen, in denen kein Wasser 
vorhanden ist, und daher die Resultate nicht unsicher macht, eine 
mit der Tiefe zunehmende Wärme zeigen, ja da man diese Zu- 
nahme selbst beim Eise in Sibirien bis auf mehr als 300 Fuss 
Tiefe wahrgenommen hat, so kann man doch unmöglich die That- 
sache der mit der Tiefe wachsenden Wärme in Abrede sfcllen. 
Die Plutonisten, denen unser Verf. so oft, und namentlich noch 



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Schafhätill'a Geologie. 



hier, Nichtbeachtung des Factischen vorwirft, werden mit Recht 
den Mangel der Berücksichtigung dieses selbst im Eise erhaltenen 
Resultates, eben wie der durch eingesenkte Thermometer gefunde- 
nen rügen. 

An diese Erfahrungen reihen sich die in den Bergwerken 
durch „tausend Experimente" (8. 37) erhaltenen, die i0br alle 
widerlegt werden durch die von Moyle angestellten, welche „zu 
„klar und zu sohlagend sind, als dass irgend eine Einwendung 
„dagegen gemacht werden könnte. Aber diese Experimente, die 
„einzigen zuverlässigen — haben mit Ausnahme des englischen 
„Chemikers Thomson alle übrigen Geologen zu ignoriren für 
„gut gefunden (S. 40). Es ist kaum zu glauben: bis jetzt hat 
„noch keine Seele auf dem Continente davon Notiz genommen, 
„aus dem einfachen Grunde, weil solche Behauptungen nicht in 
„eine Hypothese passten, der man einmal die Alleinherrschaft er- 
halten wissen wollte 14 (&» 36). Es würde zu weitläuftig seyn, in 
eine nähere Discussion der aus den Beobachtungen in Schachten 
erhaltenen Resultate einzugehen, inzwischen bedarf es dessen auch 
nicht, denn die Plutonisten haben ein leichtes Spiel, wenn sie zei- 
gen, dass Moyle' s Argumente seit 1827 (s. Neues Wört. Bd. in. 
S. 976) auf dem Continente allgemein bekannt geworden , dass 
sie aber in dem darüber entstandenen Streite von den englischen 
Geologen, namentlich Fox und Forbes, von denen sie also 
nichts weniger als ignorirt wurden, durch die triftigsten Gründe 
widerlegt sind, weswegen Moyle es gerathen fand, das Feld zu 
räumen, was ein englischer Gelehrter gewiss nicht thut, so lange 
er das Recht auf seiner Seite bat. Wenn aber wirklich „tausend 
Experimente" übereinstimmend mit den Ergebnissen der Bohrver- 
suche und der eingesenkten Thermometer auf eine mit der Tiefe 
wachsende Temperatur führen, so müsste es unerträglich langwei- 
lig seyn, bei jeder dahin einschlagenden Untersuchung die ganze 
Masse aller mit wenigen einzelnen Ausnahmen übereinstimmender 
Erfahrungen allezeit vollständig wiederzugeben; man begnügt sich 
daher mit dem erhaltenen Endresultate, bezeichnet aber das Ge- 
setz dieser Wärmezunahme nur annähernd, weil es noch keines- 
wegs scharf begründet ist. Was dann weiter von den Folgerun- 
gen über die Hitze in grösseren angenommenen Tiefen zu halten 
sey, weiss jeder, der mit der Sache vertraut ist; sie sind blos hy- 
pothetisch, weil sie von den unmittelbaren Erfahrungen zu ent- 
fernt liegen, und eben ein sicheres Gesetz der Wärmezunahme bei 
wachsenden Tiefen noch nicht aufgefunden ist. 



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I 



1 

Schafhäutr» Geologie. 329 

Die Schrift beschäftigt sich dann weiter mit den vulcaniscben 
Erscheinungen , allein es dürfte hier nicht der gelegene Ort seyn, 
ins Einzelne eines so ausnehmend schwierigen Problems einzu- 
gehen. Vorzugswelse hat 6. Bischof, zugleich auch ein tüch- 
tiger Chemiker, diese Phänomene mit der plutonischen Theorie in 
Verbindung gesetzt, unser Verf. dagegen entscheidet für die che- 
mische Hypothese. Dass die erste grosse Schwierigkeiten zu über- 
winden habe, obgleich sie auf einer wohlbegründeten Voraussetzung 
der grossen Hitze im Innern der Erde fusst, hat bisher (niemand 
bezweifelt, über die zweite aber äussert Gay-Lussac, dass er 
selbst sich nicht den allseitigen Umfang von Kenntnissen zutraue, 
um so schwierige Phänomene völlig genügend zu erklären. Die- 
ses Urtheil eines solchen Gelehrten sollte billig jeden Andern in 
seinen Behauptungen vorsichtig machen, und Ref. lässt es also 
dahingestellt seyn, ob alle die bestimmten Angaben des Verf., 
z. B. von einem in 15 Meilen Tiefe flüssigen Urkalke, vom Zu- 
dringen des Wassers durch mehr als 18 Meilen tiefe Spalten und 
Röhren, von 15 Meilen hohen emporzuhebenden Lavasäulen u. s. w. 
notbwendig sind für die plutoniscbe Hypothese, „die gebildet und 
„bis auf unsere Zeit herab erhalten ist durch Gelehrte, denen es 
„an einer gründliehen Kenntniss des chemischen Tbeils der Natur- 
wissenschaften mangelte, oder die geschreckt durch die Macht 
„der Schule und den Terrorismus des Ignorirens oder des Ana- 
„thema's derselben ruhig die Heerstrasse des grossen Haufens 
„wandelten" (S. 69). Uebergehen wir ähnliche, gewiss unzweck- 
mässige Declamationen über die Unwissenheit mindestens der Mehr- 
zahl der Geologen und über die Absurdität einiger allerdings un- 
haltbaren Hypothesen, die in jedem Zweige der Wissenschaften 
vorzukommen pflegen, im vorliegenden Falle aber unmöglich den 
Plutonisten im Ganzen zur Last fallen können, so sollen die Ur- 
gebirge durch ein Sinken der erstarrten Erdkruste und ein hier- 
durch bewirktes Hervorquellen einer breiartigen Masse in Folge 
chemischer Actionen entstanden seyn. Der Verf. täuscht sich sehr, 
wenn er glaubt, durch Anhäufung der wohlbekannten Schwierig- 
keiten, womit die plutoniscbe Hypothese zu kämpfen hat, und durch 
das Argument, dass es doch leichter sey, ein Sinken, als ein Em- 
porheben anzunehmen, dürfe diese neue Hypothese schon als be- 
gründet gelten. Wie t wenig dieseB der Fall sey, ergibt sich sehr 
bald schon aus der Berücksichtigung einiger hierbei in Betrach- 
tung kommender Vorfragen, deren einige nur des Beispiels wegen 
hier angeführt werden mögen, ohne im Mindesten in das Einzelne 



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Schafhüotl's Geologie 



> 



einzugeben« Diesen Urbrei unserer Erde einmal angenommen, 
fragt sich zuerst, wodurch die jetzt als fest vorhandenen Bestand- 
teile der Erdkruste früher in einem breiartigen Zustande waren? 
Erhärtete die obere Kugelschieht der Krde* so musste dieses über- 
all gleicbmässig geschehen; und wie kam es da, das» einige 
Theije einsanken? Versanken sie in vorhandene Höhlungen, so 
fragt sich zuerst, wie entstanden diese Höhlungen und nach wel- 
chen statischen Gesetzen konnte dieses Herabsinken ein Emporhe- 
ben der ohnehin schon höheren Massen bewirken? 

Ref. will die Leser nicht mit solchen sich von selbst aufdrin- 
genden Betrachtungen ermüden. Aus dem bisher Gesagten ergibt 
sich wobl zur Genüge, dass es vor* der Hand mit der Aufstellung 
einer allgemeinen, alle Erscheinungen vollständig erklärenden Hy- 
pothese noob zu früh sey, wenn anders diese für den menschli- 
chen Forschungsgeist überhaupt erreichbar ist, und es bleibt daher 
nichts weiter übrig, als die einzelnen Thatsacben genau und ohne 
Vorortheil für irgend eine vorgefasste Hypothese zu prüfen, um 
auf diese Weise nach und nach eine möglichst sichere Grundlage 
zu gewinnen. Die gewichtigen Argumente, welche die plutonische 
Hypothese im Ganzen für sich bat, die übrigens nicht gezwungen 
ist, einen dem Wasser gleichen Flüssigkeitszustand anzunehmen, 
sondern sich mit einem lava- oder brei- artigen begnügen kann, 
ist oben angedeutet, kein Anhänger derselben wird dann nher die 
Mitwirkung chemischer Tbätigkeiten , die aus einer nie ruhenden 
Naturkraft nothwendig folgen, in Abrede stellen. Geben die Pluto- 
nisten in ihren Folgerungen weiter, als unbestreitbare Thatsacben 
zu sehliessen gestatten, ao ist die Widerlegung leicht, oder viel- 
mehr, es bedarf deren gar nicht, weil die Forderung eine» genü- 
genden Beweises nicht erfüllt ist, auf keine Weise aber darf man 
wohlbegründete Erfahrungen in Abrede stellen. So ist, wie eben 
gezeigt wurde, factisoh erwiesen, dass die Temperatur nach dem 
Innern der Erde wachst, aber daraus folgt noch keineswegs, dass 
der Erdkern durch Hitze Tropfbar flüssig sey, obgleich dieses 
möglich wäre. Die Plutonisten stellen partielle Senkungen der 
Erdoberfläche durchaus nicht in Abrede, denn dafür entscheiden 
das Sinken Grönlands, der Küsten von Syrien etc. etc. Dagegen 
werden sie sich die noch neuerdings wahrgenommenen Erhebon- 
hungen nicht nehmen lassen , obgleich unser Verf. zu zeigen sich 
bemüht, dass die Insel Julia im mittelländischen Meere blos aus 
aufgehäuften Schlacken bestanden babe, und die hebende Kraft 
des Wasserdampfes für solche Wirkungen nicht hinreiche. (S. 57. 



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firsteigung des Gros9-Venedigers und des Jungfrauhorn«. 38t 

58). Hierbei genügt es offenbar nicht, blos das genannte Insel** 
eben zu erwähnen, die Hauptsachen aber, die Hebungen in Skan- 
dinavien, der Westküsten Södamericas, insbesondere aber die im 
Entstehen beobachtete Bildung des Jorullo, das Emporkommen der 
Insel Sabrina von 900 Toisen Höhe und andere Erfahrungen mit: 
Stittacbweigen zu übergehen. 

Muncke. 

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.Der Gross- Venediger in der norischen Central- Alpenkette , seine erste 
Ersteigung am 3, September 1841, und sein Gl'tscher in seiner ge- 
genwärtigen und ehemaligen Ausdehnung. Von Ignaz von Kür- 
singer, k. k. Pfleger und Dr. Franz Spitaler , k. k. Bezirks- 
arzt zu Mitter sitt im Oberpinzgau. Mit einem Anhange. Die zweite 
Ersteigung am 6. September 1849. von Dr. Spital er . 303 S. in 
gr. 8. Mit fünf litfwgraphirten Ansichten und zwei Kurtchen vom 
Ober- Pinzyau- und vbem Und untern Sulzbachthal. Innsbruck, 
1843. Wagnerische Buchhandlung* 

Die Besteigung des Jungfrauhornes durch Agassiz und seine Gefähr- 
ten. Von E. Desor. Aus dem Französischen von C. Vogt. 96 
S. kl. 8. Mit drei Ansichten der Jungfrau und einer Karte der 
Gletscher des Berner Oberlandes. Solothurn, 1849 Jent und Gass- 
" mann * 

„Mächtigen Reiz haben Wanderungen ins Gebiet der Wölken, 
and grossen Genuss bereitet das Ersteigen hoher Berge den Freun- 
den der Natur. Solche Zöge gehören zu den Wünschen , die 
Viele, and mit wahrer Sehnsucht, lange in sieh nähren, Glü- 
hender Wissenschaftseifer regt den kühnen Geist der Forscher ad ; 
Schwierigkeiten and Wagnisse schrecken nicht zurück. Dazu 
kommt, wie keineswegs zu läugnen, der eigentümliche Antheil, 
den Reisende erwarben, welche die erhabensten Erdstellen zu be- 
suchen strebten; so dass ein gewisser Ehrgeiz, eine Art Ruhm- 
sucht, bei gar manchen Bergfahrern den bedingenden Ursachen 
mit hinzuzuzahlen seyo dürfte. 14 Wir haben ans gestattet, Worte, 
welche für einen andern Zweck niedergeschrieben worden, zu 
wiederholen, indem wir uns anschicken, über einige, in vielfacher 
Hinsicht interessante Bücher Berieht zu erstatten. Zum Belege 
des Gesagten sey vergönnt, an die Ersteigungen des Mont-blanc 
durch Saassare u. A., des Mont-Perdu durch Ramond, des 



332 Ersteigung dos Gross- Venrdigers and des Jungtrauhorns 

Glöckners durch Stampfer und Thür wieser, des Antrat 
durch Pur rot u. s. w. zu erinnern. 

Der „Gross- Venediger", im Volksmunde gewöhnlich nur als 
„Venediger" bezeichnet — woher dieser Bergriese den Namen 
hat, und ob nach der ehemaligen Herrscherin des Weltmeeres, 
möge dahingestellt bleiben, in alten Karten findet man ihn unter 
der Benennung »Sutobacher" angeführt — steigt im Süden des 
Ober-Pinzgaues, am Haupt aste der mächtigen Urgebirgsreihe, wel- 
che den Namen der Europäischen Tauern trägt, in nördlicher 
Breite 47°5', und in östlicher Länge von Ferro 30°2', zu 11,619 
Wiener Fuss, nach andern Angaben zu 11,300 Pariser Fuss em- 
por und wurde bis zum Jahre 1841 auf seiner erhabensten Spitze 
von keinem menschlichen Fusse betreten; denn ein 1828 unter- , 
nommener Versuch missglücktc. Schafhirten, welche beim Aufsu- 
chen der, ihrer Obhut vertrauten, Tbiere sich verstiegen hatten, 
entdeckten eine Seite, von der aus es möglich war, auf den Gi- 
pfelpunkt des Bergkolosses zu gelangen. Bs fand sich bald eine 
zahlreiche Gesellschaft — Rentbeamte, Doctoren des Rechts und 
der Heilkunde, Schullehrer, Apotheker, Studenten, Jäger, Wirthe, 
Pachter, bausirende Krämer u. s. w. (namentlich auch ein Schorn- 
steinfeger) — von 4er die Bergreise beschlossen und am 2. Sep- 
tember 1841 angetreten wurde. Rauhe Pfade führten auf unsiche- 
rem Boden zur ersehnten SpiUe; Klippen, Abhänge, wilde Gewirre 
von Felsblöcken und Trümmer, gewaltige, nach allen Seiten hin 
zerrissene und Zerklüftete Eismassen, dies waren die Hindernisse, 
womit unsere Wanderer zu kämpfen hatten. Nachdem in Neukir- 
chen, woselbst der Zug um die Mittagzeit anlangte, alle weiter 
nöthigen Vorkehrungen getroffen worden, setzte man sich wieder 
in Bewegung und erreichte, da bereits die Dämmerung eingebro- 
chen war, die beiden hintersten Alphütten, welche zur Unterkunft 
für die Nacht dienten. Morgens um 2 Uhr war die Gesellschaft 
schon wieder gerüstet. Greise, mit Gefabren woblvertraute Berg- 
männer besprachen das, was noch zu bestehen seyn dürfte; da 
trat ein kühner Gemsenjäger in die Nitte des Kreises, entblösste 
sein altergraues Haupt und stimmte mit feierlichem Ernste ein 
frommes Gebet an. Nuu erfasste der erste der Führer die roth 
und weisse Fahne und ein zweiter den Pfloek, welcher, im Falle 
des Gelingens der Unternehmung, auf der Spitze des Gross- Ve- 
nedigers eingeschlagen werden sollte. Den beiden Führern schlös- 
sen sich die übrigen an, ein Mann schritt hinter dem andern , er- 
probte Bergsteiger zwischen den übrigen vertheilt, um für Noth- 



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I 



< 

Kwteigung des Grow- Venedigers und des Jungfrauhorns. 388 

falle schnelle Hülfe leisten zu können ; Träger schlössen den Zog. 
Bald war die Stierlau wnerwand zu erklimmen. Ein schauerlicher 
Anfang; denn man fand den Weg oft so schmal und steil, dass 
sich kaum ein Fuss festsetzen liess, Klüfte mussten übersprungen 
werden, man schritt an senkrechten Abgründen her, aas deren 
Tiefe die, vom falben Mondlichte beschienenen, Gletscher mit ihren 
Spalten furchtbar beraufgäbnten. Vielen sank der Math beim Er- 
steigen der steilen Wände, so dass es nicht blos der kräftigsten 
Zuspräche, sondern auch der thätigsten Unterstützung von Seiten 
der begleitenden Landleutc bedurfte, um das Unternehmen nicht 
scheitern zu machen. Endlich, nach zweistündiger Anstrengung, 
gelangte man durch die Stierlauwner Kluft ins Steinkaarl, ein wei- 
ter Felsenkessel, ganz überschüttet mit Ungeheuern Felstrümmern. 
Sehr mühsam war das Emporklimmen zur höhern Gletscherfläche, 
wo unsere Wanderer, voll freudigen Staunens, inmitten zwischen 
Ungeheuern Schneemassen und gewaltigen Gletschern, des Zieles 
ihrer Wünsche, des Gross- Venedigers, zum ersten Male ansichtig 
wurden. Weithin in der Runde eine ./Todtenwelt", die entsetz- 
lichste Einsamkeit, die schauerlichste Stille, nicht einmal vom pfei- 
fenden Ruf der Gemsen, oder vom Schrei der Schneevögel unter- 
brochen,, wilde Bienen die einzigen Lebenwesen. Im ernsten Zuge 
ging es nun zum Keeskaar, wo man rastete, um zur Reise über 
das unabsehbare Schnee- und Eismeer neue Kraft zu sammeln. 
Für die meisten unserer Bergfahrer waren die Wagnisse, mit de- 
nen sie nun zu kämpfen hatten, neu, und einer derselben, welcher 
wenige Schritte aus der Fahnenlinie trat, wurde nur durch einen 
glücklichen Fall vom Hinabstürzen in eine Eiskluft gerettet, denn 
es sank bereits der schneeige Boden unter den Füssen des unvor- 
sichtigen Pilgers. Nach acht Uhr musste eine weit erstreckte, je- 
doch sanft ansteigende Gletscherebene überschritten werden. Im- 
mer unsicherer wurde das Gehen, der weiche Schnee wich unter 
den Füssen; die Ermüdung steigerte sich mit jedem Augenblicke; 
der Durst wurde brennender, das Athmen kürzer, das Ohrensausen 
und die Neigung zum Erbrechen stärker, schneller drängten sich 
die Pulsschläge und nicht wenige litten schon durch die stechende 
Empfindung beginnender Schneeblindheit. Von selbst trennte sich 
der in weiter Länge ausgedehnte Zug. Die kräftigern Bergstei- 
ger, an ihrer Spitze der Führer mit der Fahne, eilten voraus zwi- 
schen dem Gross- und Klein- Venediger, um die Höhe vor' gänz- 
lichem Schneebrechen zu erreichen; langsamer bewegte sich ein 
zweiter Zug und nur sehr mühsam schritt der dritte nach. Es war 



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834 Ersteigung de« GroM-Venedigett und de« Jungfrau höre*. 

halb zehn Uhr Vormittags ErtiBt and feierlichen Schrittes stieg 
die Vorhat zwischen Ungeheuern Abgründen über den, bei dreissig 
Klafter langen, aber kaum drei Fuss breiten Grath. Plötzlich er- 
hob sich ein eisiger Wind und Nebelstreifen zogen sich aber dem 
Haupte des Gross- Venedigers zusammen, dessen Spitze man er- 
reicht hatte. 'Ks wurde ein, an beiden Enden mit Eisen beschla- 
gener Pflock von Lerchenholz eingerammt, welcher die Inschrift 
trägt: „Hoch lebe das Haus Oesterreich!", in einem, im Innern 
ausgehöhlten und durch Eisenblech verschlossenen Räume aber, 
umgeben von einer Kupfer- Kapsel, eine Pergamenttafel enthält, 
auf der sämmtliche Namen der Erstciger verzeichnet sind. An der 
Aussenseite des Pflockes wurde die mitgenommene Fahne festge- 
schraubt. Erst eine Stunde später langte das zweite Treffen an 
and die Sonne stand auf zehn und ein halb Uhr, als auch die viel 
grössere Hälfte der dritten Abthcilung unserer Wanderer dem 
Pflock nahte; von vierzig, die ausgegangen waren, betraten sechs 
and zwanzig den Gipfelpunkt des Rergrresen. Ein gewaltiger 
Windstoss zerstreute, wie durch einen Zauberscblag die Nebel- 
decke und man konnte, wenn auch nur auf kurze Zeit, der an« 
endlichen Aussicht sich erfreuen. Um drei Uhr Nachmittags tra- 
fen sämmtliche Bergfahrer am Keeskear wieder zusammen, um den 
Heimweg anzutreten. — Eine zweite Ersteigung des Gross -Ve- 
nedigers wurde am 6. September 184? von acht Personen unter- 
nommen und glücklich vollführt. Die Verf. theilen, zum Nutzen 
and Frommen künftiger Bergfahrer, manche gewiss sehr beach- 
tungswertbe Vorsichtsmassregeln mit, desgleichen eine Liste zu- 
verlässiger Führer. 

So weit die I. Abtheilung des Buches; in der II. folgen Be- 
obachtungen über die Wirkung verdünnter Luft and des stärkern 
Lichteinflusses in Gebirgshöhen auf den menschlichen Organismus; 
die HL Abtheilung bandelt vom Obersulzbacher Gletscher in phy- 
sikalischer, so wie in geologischer Beziehung. Wir dürfen bei 
diesen Gegenständen nicht verweilen und wollen nur bemerken, 
dass die fünf lithographirten Ansichten — gegen ihre Treue steht 
ans keine Einrede zu, die artistische Ausführung lässt noch Man- 
ches zu wünschen übrig — die Ersteigung der Spitze des Gross- 
Venedigers, den Anblick, welchen dieser Bergkoloss vom Germ- 
kogel darbietet, die Höhen des Oberpinzgans vom Gipfel des Gais- 
steines gesehen u. s. w. darstellen. 

Was die zweite der vorliegenden Schriften betrifft, so be- 
* < n wir uns, mit Uebergehung gewisser, schon öfter be- 



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Ersteigung des Gross- Vcncdigers und des Jimgfröühörns. 835 

sprochenen Gegenstände, vorzugsweise auf das, was über die Er- 
steigung des bekanntesten Gebirgsstockes in den Berner Alpen 
gesagt wird; denn alle Versuche, welche zu diesem Zwecke ge- 
macht worden, erregten von jeher das grösste Interesse, und lehr- 
hafte Streitigkeiten erhoben sich sogar mitunter über das Wahr- 
haftige der, in solcher Hinsicht erstatteten, Berichte, welche aller- 
dings bei ihrer Unbestimmtheit wenig Vertrauen zu erwecken ver- 
mochten. So wurde, wie bekannt, die, einst viel besprochene, 
Bergreise der Gebrüder Mayer von Aarau i. J. 1811 später fast 
allgemein bezweifelt und die „Oberländer" glaubten nur an die 
von Grindelwalder Führern unternommene. Rohrdorff aus Bern 
dürfte indessen auf dem Gipfel gewesen seyn; man hatte die von 
ihm aufgepflanzte Fahne an vielen Orten deutlich gesehen. Hugi 
versuchte 1828 und 1889 die Ersteigung, und würde das letzte 
Mal, wo er seinen Weg über den untern Grindelwald-Gletscber 
nahm, ohne Zweifel das Ziel erreicht habsn, wäre er nicht durch 
stürmisches Wetter gehindert worden. 

Unsere Bergfahrer waren am Morgen des 27. August auf dem 
Wege zum Oberaargletscher. Sie hatten ihr Nachtlager im klei- 
nen, ungefähr 6000 Fuss hohen, Tbale, welches, vom Aletsch- 
Gletscher herziehend, sich über dem Viescherthale öffnet, in den 
Sennhütten von Möril genommen, die zwar keineswegs als be- 
queme Aufenthaltsorte gelten können, jedoch von unberechenbarem 
Werthe für die Erforschung der Alpenwelt sind; denn es liegen 
dieselben inmitten des Gebirges und gestatten Ausflüge über das 
Eismeer nach allen Richtungen, darum wurde beschlossen, dnss 
das Unternehmen von hier begonnen werden sollte. Indessen wäre 
es beinahe noch vor dem Beginn verunglückt, fine Leiter ist 
nämlich für die Ersteigung unentbehrlich, und damit hatte man 
sich nicht verseben. Ein Bote wurde ausgeschickt und brachte 
die ersehnte Gerätschaft erst am folgenden Morgen um fünf Uhr, 
während es rathsam gewesen wäre, schon zwei Stunden früher 
aufzubrechen. Mit möglichster Geschwindigkeit musste der obere, 
stellenweise über eine Stunde breite und der ganzen Länge nach 
von hohen Gebirgskämmtn eiogefasste, Gletscher überschritten 
werden. Desor freute sich, den Mörilsee wieder zu sehen, der 
mit seinen schwimmenden Gletschertrümmern im Jahre 1839 den 
lebhaftesten Eindruck auf ihn gemacht hatte. Er fand denselben 
jedoch sehr verändert; er schien weit kleiner, der Wasserstand 
um Vieles niedriger, auch hatten die schwimmenden Eisblöcke an 
Zahl und Grösse abgenommen. Vom Seeufer stiegen die Wanderer 



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336 Ersteigung de« Gross- Venedi^crs nnd des Jungfranhorn«. 

Rogleich auf den Gletscher, wo die herrlichste Aussiebt nach zwei 
entgegengesetzten Richtungen genossen wurde, gegen Südwesten er- 
beben sich die Dent blanche, das Malter- und Strahlhoru, noch Norden 
steigen die gewaltigen Gipfel der Jungfrau empor, des Eigers und 
des Mönches. Vom See bis zum Anfang der steilen Jungfrau- 
Gehänge rechnet man ungefähr sechs Stunden; Agassi z und 
seine Gefährten erreichten dieselben um neun und ein halb Uhr und 
machten in einer der schönsten Gletscher-Gegenden Halt; in ei- 
nem weiten Amphitheater, dessen Schoos fünf grosse Zuflösse des 
des Alctscbflrner aufnimmt, deren beide ansehnlichste von der 
Jungfrau und vom Mönch herabsteigen. An diesem „Ruheplätze" 
Hessen unsere Bergfahrer den grössten Theil ihrer Mundvorräthe 
zurück und nahmen nur wenig Brod, einige Flaschen Wein, sowie 
verschiedene Gerätschaften, u. a. Hacken, um Fusstritte in das 
Eis zu hauen, und die meteorologischen Instrumente mit (die Ba- 
rometer waren auf der Reise sämrotlich zerbrochen oder unbrauch- 
bar geworden). Um 10 Uhr gelangte man an die ersten Scbnee- 
felder. Das Ansteigen wurde immer beschwerlicher; denn der 
Schnee hatte sich weder fest genug gesetzt, noch mit einer tra- 
genden Rinde bedeckt, so dass mnn oft bis an die Knie einsank. 
Gegen Mittag wurde die Hitze gross und die Lichtwiederstrahlung 
vom Schnee unerträglich. Grüne Schleier, wie man sich deren zur 
Schonung von Augen und Gesichthaut bedient, sind im Sehen sehr 
hinderlich und vermehren die Hitze, da sie allen Luftzutritt ab- 
sperren. Agassi z zog vor, sich das Gesiebt „rösten" zulassen. 
Die Führer und mehrere der Wanderer ballten, um sich zu er- 
frischen, Schnee zusammen und legten denselben in den Nacken. 
Ein grosser „Schrund", ein bodenloser, schief in die Schneemasse 
eindringender Riss, an keiner Stelle schmaler, als zehn Fuss, 
konnte nicht ohne Leiter überschritten werden, und jenseits des- 
selben wurde die Steilheit wahrhnft zurückschreckend; zwei der 
Führer stiegen zuerst hinan und reichten den Nachfolgenden das 
Seil dar, welches, mit dem andern Ende an die Leiter befestigt, 
als Geländer diente. Um zwei Uhr erreichte man den, zwischen 
zwei hohen Gipfeln ausgespannten, Roththalkamm; nördlich steht 
der Jungfraugipfel, südwärts die, wenigstens 12,000 Fuss erha- 
bene, Endspitze des Kranzberges. Der Kamm misst nur wenige 
Fuss Breite, und die Schneefläche der Rothtbalseite scheint noch 
steiler, als die so eben überstiegene. 

CS ekln ss folgt) 



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Nr. 22. HEIDELBERGER 1844. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



Ersteigung des Gross-Venedigers und des Jung frauhornes. 

(Beschlttss ) 

Die Höhe des letzten Gipfels mochte etwa 1000 Fuss betre- 
gen. Des feeten, glatten Eises wegen mussten die Föhrer tiefe 
Stufen einbauen; man rückte nur äusserst langsam vorwärts, stel- 
lenweise konnten kaum fünfzehn Schritte in der Viertelstunde ge- 
macht werden. Dabei' wurde es so empfindlich kalt, dass das Er- 
frieren der Fusse zu fürchten war. Der letzte Kamm hat die Ge- 
stalt eines, von beiden Seiten senkrecht abgeschnittenen, Kegels, 
weloher nach Osten die Firnfeldcr, gegen Westen hin die, zum 
Rottthal hinabsteigenden, SchneegehHnge aussendet. Man bewegte 
sich stets auf der Schneide des Kammes, da hier das Eis weicher 
war« Noch immer umhüllten Nebel den Gipfel; nur nach Osten 
hin, nach dem Eiger, Mönch und nach den hohen Spitzen hin, wel- 
che beide Aargletscber einschliessen, war die Aussicht frei. Plötz- 
lich zerriss der Wolkenschleier, der den Gipfel barg, und enthüllte 
die ganze Sohönheit der mächtigen Jungfrau - Formen. Nach kur- 
zem Ansteigen wendete man sich einer Stelle zn, we nackter Fels 
am Tag erscheint und die schiefe Fläche vom Kegel, dessen Breite 
hier noch mehrere hundert Fuss beträgt, wurde überschritten. Auf 
dem Felsen angelangt, sahen die Reisenden, in ganz geringer Ent- 
fernung, die erhabenste Kuppe. Von dreizehn Männern, die aus 
den Möriler Sennhütten ausgeruckt waren, erreichten acht — da- 
runter Agassis, Forbes, du Chatelier und Desor — den 
Gipfelpunkt. Hier sahen sie zum ersten Mal die Schweizerebene 
vor sich; sie waren auf dem westlichen Rand des Kegels, über 
dem Kamme, welcher das Rott- und Lauterbrunnenthal vom Grin- 
delwaldthal scheidet. Die Fläche des Gipfels ist ein kleines Drei- 
eck von etwa zwei Fuss Länge und anderthalb Fuss Breite, dessen 
Basis gegen die Ebene gekehrt ist, während seine Spitze sich in 
den schmalen Grath verlängert, welchen man hinabklimmt. Eine 
über alle Beschreibung schöne Aussieht und vom eigentümlichsten 
Beize bietet sich dar. Vor den Augen liegt die grüne Ebene ent- 
Fl XX * VII. Jahrg. 3. Doppelheft 22 



t 



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338 Erzgang de« Grast- Vencdigers usd des 



faltet , ond die niedeien Kette« der Vorainen zu Füssen erhöhen, 
durch scheinbare Einförmigkeit, die gewaltigen Formen der Gipfel, 
welche ihre Häupter fast bis zur Höbe der Beschauer emporrecken. 
Das Grindelwaldthal mit seinen Gletschern erscheint zur Rechten; 
zur 1 Anken schlängelt sich ein Silberfaden im tiefen Gcbirgsspalt; 
es ist das Lanterbrunnentbal mit seiner Lutschine. Vor allen aber 
erwecken Mönch und Eiger Aufmerksamkeit. Man hat Muhe, in 
ihnen jene gewaltigen Nschbarn der Jungfrau zu erkennen, die 
Ton der Kbene aus dem Himmel niher schienen, als der Krde. 
„Bier schauten wir," dies sind nnsers Verf. Worte, „von oben auf 
•ie nieder, und die Nähe, in welcher wir sie sahen — nur der 
Aletscbflrn trennte uns von ihnen — erlaubte, die Formen dersel- 
ben im Einzelnen zu untersuchen. Auf der westlichen Seite, die- 
sen Giganten gegenüber, erhob sich eine andere, nicht weniger 
kolossale Kuppe. Die glänzenden Scbneefelder, welche ihre zier- 
liebe Gestalt umhüllen, verlieben ihr den Namen des Silbcrhornes. 
In der nämlichen Richtung sahen wir noch eine andere, durch ihre 
Schlankheit ausgezeichnete, Spitze, welche wir für das Gletscher- 
horn hielten, und hinter dieser eine dritte, die Ebene-Fluh. Diese 
ond noch mehrere andere Hörner ohne Namen bilden die nächste 
Umgehung der Jungfrau. Hinter dem Eiger ond dem Mönch stand, 
in weiter Entfernung, die finstere Gruppe der, die Aargletscber 
umgebenden, Felsstöckc, die Viescherhörner, der Bcrglistock, das 
ewige Scbneeboro ond die Wetterbörner. Alle diese Hörner sind 
so ziemlich in der Richtung von N.W. nach S.O. an einander ge- 
reiht und sebeinen deshalb von der Ebene so steil und schroff zu- 
geschnitten, weil sie nur im Profil gesehen werden, während die 
Gipfel in der Nähe der Jungfrau, Mönch und Eiger, ihr von N.O. 
naob S.W. sieh anscbliessen, und so die breite Seite der Ebene 

zuwenden Wohl schwerlich mag es einen gelegenern Punkt 

geben, um sich über die Bergformen des Oberlandes einen klaren 
Begriff zu verschaffen. Ehe ich die Kolosse der Alpen in der Nähe 
gesehen hatte, wunderte ich mich oft Aber den seltsamen Kontrast, 
welchen, von der Ebene aus, die steilen Kämme des Scbreckhornes, 
ond besonders des Finsteraarhornes mit den breiten Pyramiden der 
Jungfrau , des Eigers und des Mönchs bilden. Ich suchte in der 
Erhebungstheorie ei » e Erklärung dieser Verschiedenheit und hielt 
dafür, dass die breiten Gipfel auch verhällnissraässig dick seyen. 
Hier, wo wir von allen Seiren das Gebirge Oberragten, staunte ich 
nicht wenig, zu finden, dass der Mönch ein eben so scharfer Kamm 
üls da« Finsteraarhorn. Die Jungfrau selbst ist bei weitem 



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Schweizerische GeschichUliteratur. 339 

kein solch massiver Stock, als man glauben sollte, wenn man sie 
von Bern oder Interlacken her sieht; statt eine zusammenhangende 
Masse zu bilden, besteht dieselbe vielmehr aus einer Reibe von 
Kämmen, durch tief eingeschnittene Thaler getrennt. Diese Kämme 
stellen sich so übereinander, dass sie an Höhe abnehmen, je näher 
dieselben der Ebene sich finden." Nicht ohne Grund sucht der 
Verf. die Erklärung der scharfen Kämme, wovon die Rede, in der 
Natur der sie zusammensetzenden Felsart ; es ist diese nämlieb Gneiss 
oder Glimmerschiefer. — Am Rande des Rottthalkammes, nahe dem 
Gipfel, geht Gneiss zu Tage, jenem von den Schreckhörnern durch- 
aus ähnlich. 

Auf dem Jungfrau-Gipfel pflanzten unsere Bergfahrer Agas- 
siz's Bergstock auf und knöpften, in Ermangelung einer Fahne, 
ein Taschentuch daran. Es war 4 Uhr, als sie abwärts zu klettern 
begannen, und erst um 11 £ Uhr erreichte man die gastlichen Hät- 
ten der Walliser Hirten; denn Beschwerlichkeilen und Gefahren wa- 
ren unvergleichbar grösser, als beim Hinan/steigen. 

Eine, der kleinen Schrift beigefügte, Karte — bei welcher 
jene von den Gebrudern Mayer 1812 herausgegebene zum Grunde 
liegt — stellt die Schneefelder, Firmen und Gletscher des Ober- 
landes dar. Die von der Jungfrau gegebenen Ansichten wolleo 
nicht viel sagen. 

v. Leonhard, 



SCHWEIZERISCHE GESCHICHTSLITERATUR. 



iFortsetxung von Nr. 4i u: 4» d. Jahrg. 184».) 

„Gu Kliman im sechszehnten, Johannes Müller im acht- 
zehnten Jahrhundert hielten die Schweizer ihrer Zeit nicht für 
würdig, Geschichtschreiber zu besitzen. Beiden wurde die 
Ehre, die ihnen das Vaterland versagte, von der Fremde zu Theil." 
Diese nicht ganz unbegründete Klage Vulliemin'a (Geschichte 
der Eidgenossen. Aus dem Französischen. Zweiter Theil. 8. 338.) 
bezieht sich ohne Zweifel für den ersten Fall auf eine miss ver- 
standene, alles übertreibende Frömmigkeit, für den zweiten auf 
eine argwöhnische, die volle Wahrheit scheuende Stadtaristo- 
kratie. Jedoch bleibt hinter dieser die parteileidenschaftliche De- 

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840 Schweiicrischc GenchirliUliterntur. 

« 

mokratic an Unduldsamkeit in der Regel nicht zurück. Desa- 
balb will sie den historischen Stoff mit ihrer ätzenden Lange durch- 
dringen und verquicken, hier wegschneiden, dort auf allein selig 
machende Grundsätze zurückführen. Allein ihr stehen zwei »tarke 
Hebel und ilülfamittel zu Gebot, die Oef fentlichkeit und da« 
stürmische, bewegliche Masse nprincip. So kann sich der ta- 
lentvolle, ohne vorangegangene Heftigkeit gar nicht denkbare 
Historiker allmahlig bilden, die Gluth in wohltbätige Warme um- 
wandeln, aus Irrthfimern und Einseitigkeiten zur Wahibeit und 
besonnenen Charakterfestigkeit emporsteigen und in dem vielgestal- 
tigen, immer wieder aufsprudelnden Volksleben frische Nabrungs- 
quellen finden, welche in der ein für allemal abgeschlossenen Mo- 
narchie, Theokratie und Geschlecliterherrscbaft entweder fehlen oder 
nach spärlichem Fluss versiegen. Jene Verfassungsformen haben 
andere, oft strahlende Siegespreise für die Wissenschaft und Kunst 
ausgesetzt, aber der Geschichtsschreibung sind nie, obsehon per- 
sönliche Auanahmen, z. B. Tacitus und Jobannes Müller, 
scheinbar dawider sprechen, von vorne herein (par principe) kei- 
neswegs günstig. In Sparta, wo man sang, turnte und kriegte, 
ist kein namhafter Historiker aufgetreten, in Athens vollendeter, 
oft über die Schranken hinausgreifender Demokratie haben sich 
Thukydidea, Xenopbon und, wenn das Constitutionen« Princip 
festgehalten wird, selbst der Halikarnassische Herodotoa gebil- 
det. So beaitzt auch die gegenwartige, seit Jahren von vielfachen, 
heftigen Wirren und Zuckungen bewegte Schweiz mannicbfal- 
tige Hulfamittel und Triebfedern des zunächst auf ihre eigenen 
Angelegen Leiten bezogenen historischen Studiums. Mastfühlt 
die Nothwoadigkeit desselben so ziemlieb in allen Kinasen und 
bstufongen der bürgerlichen Gesellschaft, man stiftet grössere und 
emere Vereine, setzt in Vermächtnissen nicht unbedeutende Sum- 
dieTf ^1? fÖF dle An9chlkffl,I, ß beehrter, historischer Werke, öffnet 
vri*. * n ß sUich bewachten Archive und Privatsammlungen dem 

s^sX^ft!f IÄU * ai1 GebrÄOcb > we,onen Mmnm Müller z. B. bei 
erwfi * fep ° nd Talent nur äusserst schwer gewinnen konnte; man 

fl «T anbaUh ******** der Vergangenheit gegenüber den kecken, bau- 
tet auch **** Allw P ,rüc,len der gabelnden Begriffswelt und trach- 
eTesehi Di,w «Hen, wie es aeyn soll, die Forderungen der 

k «it za ^ ^. iohen ond »»Straeten Grundkraft in der Wirklich- 
neue** 1 *****' ***** die KeBOtniM der vaterlind iaehen, 
iar« 0 y° f * tH in nBtere ünd höhere; 8chulen ein, während 
r ** Gleichgültigkeit, etliche Brosamen der Heldenscblach- 



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Vullieinim Geschichte der Eidgenossen. Tb. II. 341 

t 

(en, Aramcnmährchen und — der Heidelberger Katechismus in re- 
formirtcn Kantonen genügen mussten; man erörtert mit eifriger 
Parteinahme gewisse, dem politisch -kirchlichen Leben an- 
gehört ge Gegenstände, ersehwert und erleichtert dadurch der ruhi- 
gen, unbefangenen Forschung ihre oberste Aufgabe; ja, man lernt, 
freilich noch sehr stümperhaft, den beutigen Tentscben manche 
literarische Trompeterstückchen ab, bläst Lärm und kündigt 
in den öffentlichen Blattern bald diese, bald jene bescheidene Schrift 
als wahrhaftiges National werk an von unberechenbaren Fol- 
gen für Gegenwart und Zukunft. Bei dieser unl&ugbaren Tbeil- 
nahme an historischen Arbeiten hält es Ref. für Pflicht, in der 
schon früher in den Jahüchern versuchten Weise etliche unlängst 
in der Schwei» erschienene Werke näher zu bezeichnen und das 
Teutsche Publicum, so weit es möglich ist, mit dem Zweck und 
Gebalt dieser literisohen, znnäcbst aof die Schweiz bezüglichen 
Schriften bekannter zu machen. 

* * 

■ 

• * 

1. Geschichte der Eidgenossen während des 16. und 17. 
Jahrhunderts , von L. Vulliemi n. Aus dem Französischen. 
Zweiter Theii. Zürich, bei OreU, Füssli §r Comp. 1844. ffr. 8. 
7&ß Seiten. 

Der Verf. bebandelt in dienern zwoiten Theile seiner vortreff- 
lichen, mit Monnard unternommenen, bereits früher (Jahrbücher 
Nr. 4». 1849.) ausführlieb charakterisirten Fortsetzung der allge- 
meinen Sohweizergesciobte einen äusserst schwierigen, zer- 
rissenen und oft undankbaren Stoff, welcher bald spröde, bald glatt 
bei jedem festen Hammerschlag entweder zerbröckelt oder ausweicht 
Während des sturmvollea Zeitraums nämlich, welcher den Augs- 
burger Religionsfrieden von dem Westphälisoben trennt 
(1656 — 1648), stürzen fast überall die kirchlioh- politischen 
Parteien mit schonungslosem , um die Mittel meistens wenig be- 
kümmertem Haas anf einander; für und wider Gewiss ens- 
nnd Bürgerfreiheit wird in den Niederlandee 41 Jahre lang 
gekämpft (1668—1609), in Frankreich vorläufig bis zum Edict 
von Nantes 36 Jahre lang (1669—1698) gestritten, darnach mit 
dem Fall der hugenottischen Veste La RochelJe (1698) die 
fortan geraume Zeit unerschütterliche Grundlage der katholi- 
schen Glaubensherrschaft und unnmsohränkten Krongewalt ge- 
wonnen, in einem dritten Stadium der 30jährige, wirre und gräuel- 



< 



«42 Volliemin: Geschichte der Eidgenossen. II Th. 

hafte Rcligions- und Co astitntionsbrieg von den Teut- 
soben so eingeleitet and geführt, dass er mit dem Sieg der Gc- 
wiesensf reibeit und dem Rain der b ürgerlioh- volks- 
tümlichen endigt, zuletzt die Englische, beinahe bis zum 
SchluHs des 17. Jahrhunderts dauernde kirchlich- politische 
Erschütterung vorbereitet und theilweise in Werkthätigkeit ge- 
bracht Inmitten dieser tief und weit greifenden Revolutionen, 
welche die Hauptstaaten Europa's durchzuckten und vielfach umge- 
stalteten, blieb die Schweizerische Eidgenossenschaft allerdings 
nicht müssige Zuschauerin. Jedoch gebunden durch schleichende, 
bisweilen blutig ausbrechende Zerwürfnisse, deren Brennpaukt 
gleichfalls die Glaubensspaltung gewahrt, bearbeitet von 
fremder , insonderheit päpstlicher , Spanisch - Französischer D i p 1 o - 
matik and beimischen, bald der Geld- und Selbstsucht, bald der 
Rcligionsscb wärmerei entsprossenen Ränken, dabei von unzähligen 
Rücksichten auf Local- und Standesinteressen gehemmt, 
bald vom abenteuerlichen , kriegerischen Sinn zu den Fahnen and 
Schlachtfeldern des Auslandes gezogen, bald in kritischen Au- 
genrlicken vor der Gefahr eines Zusammenstosses erschreckend, 
zaghaft und nachgiebig, nicht wie oftmals früher Lenker, sondern 
Nachzügler der Begebenheiten und dabei voll innern Parteigif- 
tes, — so geartet und gestellt bietet der ei dgenössische Bund 
beinahe hundert Jahre lang trotz der vielfach gesunden, lebens- 
kräftigen Stoffe das Bild willenloser Schwäche und Zerrissenheit 
dar. Ihm fehlen das frühere, starke Selbstgefühl and die 
trotzige, auflodernde Ehr liebe; von einem Jahre zum andern, 
von einem Jahrzehent zum andern fristet die tapfere Schweiz 
aus Furcht vor Bürgerkriegen und ausländischen Verwicklungen 
mühsam ihr politisches Daseyn , binkt lahm und lähmend im 
dreissigjäbrigen Kriege fort, bald auf die eine, bald auf die 
andere, doch immer mehr auf Frankreichs Seite hin. 
(Vulliemin S. 656). Straflos hausen daher die Rotten Bern- 
hard 's von Weimar im vebündeten Bistbum Basel, verletzen 
ohne weitere Genugtbuung hier Franzosen und Schweden, 
dort Kaiserliche und Spanier das eidgenössische Gebiet. Man 
freut sich, wenn der Sturm vorüber ist, des massigen Unge witters 
und kümmert sich wenig um den Nachbar, sofern nur «die eigene 
Hütte von der Flamme verschont wird. Dabei leistet in der Regel 
eine Partei, bald die katholische, bald die reformirte, hier 
die stadtaristokratische, dort die d emokratis che der Län- 
der den Fremden im geheimen Vorschub; kein Berg ist so steil, 



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Vullicmin: Geschichte der Eidgenossen. Th. II. 348 

keine Stadl so tat, um Philipp'« goldbeladene Esel and Mnnl- 
thiere abzuhalten. Inzwischen dreschen beide Kirchen ihr leeres 
dogmatisches Korn aus; Tridentinej Concil, Vater Kapu- 
ziner, die leiohten, Jesuiten, die geharnischten Truppen des 
Papstes, umziehen das glaubige Volk mit einem eisernen Gehege 
und zähmenden Nasenring; auf der andern Seite sohlendem die 
protestantischen Priesterultras den Bann wider jedweden Ketzer 
der Reformation, zünden in Genf (Servet), Bern (Gentiiis) 
Scheiterhaufen an und legen, nachdem diese jabe Scbw&nnerhitze 
verkohlt ist, das sanfte Joch eines dogmatischen, verknöcherten 
Rigorismus, die Helvetische Cenfession (1666), und die Co n- 
sensus- Formel (1675), auf den Nacken der pr&destioirten From- ' 
tuen. Begegnete auch immerhin* dieser letzte Act etwas später, 
seine Vorbereitung trifft schon auf den fraglichen Zeitraum. Aber 
diese scheue, gründliche Reform der staatlichen und kirchlichen 
Gebrechen ängstlich umgebende, vor jedem starken Griff in die 
Felgen des Rades der Zeit zurückbebende Politik trug den bitter- 
sten Nachwuchs. Denn kaum hatte man unter den Fittigen des 
Französischen PwMektoraU auf dem Frieden von Münster die 
thaiaäobiioh lange vorher gültige Unabhängigkeit von dem 
zerbröckelnden Reiohe der Teutschcn gewonnen; als für die 
Schw ein, t-- der dreissigjähr ige Krieg ausbraob. Der Bau« 
ernaufrubr entbrannte ohne Rücksicht auf Glaubensbekenntniss 
und gab den blutigen Kitt zum Aufbau der jetzt erat gefestigten 
Stadtaristokratie und patricischen Gesohlechterber rsobaf t 
Und wie die Herrn sich hinsetzen wollten zum lecker bereiteten 
Mahle, da schlug, von Nuntien, Jesuiten, weltlichen Missbräuchen 
genährt naeb kurzem, früherem Vorapiel die Brunst des schreck- 
lichsten Religionskrieges auf und endigte nach etlichen, tief 
einschneidenden Sehlägen mit dem die Gewissensfreiheit ver- 
bärgenden Aar au er Landfrieden (1719). Aber die staatsbür- 
gerlichen Gebrechen blieben, wie in Teutschland, in Folge 
der Abspannung und des bösen Willens meistens ungeheilt; sie 
schlichen sich beinahe ein Jahrhundert lang hier unbeachtet, dort 
auf der Oberflaehe gebessert oder mit Gewalt niedergedrückt fort 
bis zum Annahen eines verbangnissvollen, die Schläfer und Müden 
überraschenden Augenblicks, in welchem es eben so schwer war, 
das Uebel zu entdecken, als durch zeitige Hülfe abzuwenden*). 
Reine Vaterlands- und Wahrheitsliebe, welche wis- 



*) Livius; prooem. 



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V 

/ 

344 Vollietniia : Geschichte der Eidgenossen. Th. II. 

eentllcb nichts bemäntelt und verkleistert, «cht evangelischer Frei- 
mnth, dem das r e f orm ator ische Prinoip nie entschlüpft und 
kein fanatischer Eifer nahet, unermüdlicher Fleiss im Sammeln 
gedruckter wie handschriftlicher Quellen, ordnende Gabe des Sich- 
tens und Ausscheidens der Nebensachen von den 1 leitenden 
Hanptereignissen und Triebfedern derselben, endlich eine anschau- 
liche, aller Schönrednerei feindselige Darstellungsweise, — 
diese Eigenschaften werden gefordert, um den oft öden, verworre- 
nen und desshalb schwierigsten Zeilraum vom Augsburger Frie- 
den bis auf den VV es tp haiisch en festen Schrittes zu durchwan- 
dern und die truglichen, über den häufigen Niederungen und Moor- 
gründen tanzenden Irrlichter zu missachten« Hat nun zwar im 
Allgemeinen der Verf. diese -Bedingungen erkannt und eingehalten, 
so ist es ihm dennoch nicht so, wie in dem ersten Bande, überall 
gelungen, den Stoff gehörig zu gliedern und einzelne Unrich- 
tigkeiten zu meiden. Hinsichtlich des ersten Punktes wird die Er- 
zählung zu oft durch weitläufige, dennoch nicht erschöpfende Epi- 
soden aus der Französischen Geschichte Unterbrechen, dagegen 
auf den Entwicklungsgang Te u sohl antfs und des Nordens, 
besonders im dreissigjährigen Kriege, kein angemessenes Gewicht 
gelegt und dergestalt ein bedeutender polarischer »Gegensatz für 
die Aufhellung der Schweizer Verhältnisse nur unvollkommen 
geschildert, Es ist aber gerade dafür unlängst manches Beach- 
tenswerte geschehen, welches dem Gesohichtschreiber der Eidge- 
ssenschaft nicht hatte entgehen solleu. Dahin gehören z. B. die 
Unterhandlungen zwischen den Böhmen und reformirten Can- 
tonen, wie sie Kbevenhiller, nnd noch vollständiger das Ar- 
chiv der Schweizerischen geschiebtsforsohenden Gesellschaft Th. L 
geben, die Entwürfe Frankreichs naoh dem Tode v. Wallen- 
stein's, des tollen Genies (? 8. 585), wie sie etwa Barthold, 
von der Deoken enthüllt haben u. s. w. Die von Vulliemin 
beliebte, den Stoff, wie gesagt, vielfach zerstückelnde Gliederung 
ist kurz folgende: Das dritte Buch schildert die Eidgenossen in 
Kampf der Reform und der Ligue (1656—1600), bebt neben 
anderm im 9. Kapitel der vierten Abtheilung ausführlich den zwei- 
ten Religionskrieg in Frankreich und die Theilnabme der SohweK 
zer an demselben hervor, bespricht dagegen zu kurz im 4. Kapitel 
die für den Absohluss des heillosen Barromausbundes wirksa- 
men Verbältnisse und Angelegenheiten, beschreibt dann wiederum 
sorgfältig (Kap. 5.) die letzten Kampfe zwischen der Reform 
und Ligue und endigt mit einer schönen Darstellung der eidge- 



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Vull iemin: Geschieht« der Eidgenossen Th. II. «45 

nössiseben fnaenlage. Das vierte Buch umfasst die erste Hälfte 
des siebzehnten Jahrhunderts. (1600 — 1648), verweilt Aber Geböhr 
lange bei den Französischen Dingen unter Heinrich IV. und 
der Folgezeit eis z.orn drei es ig jährigen Kriege, schildert vortrefflich, 
aber in mehren, die Ueborsiobt erschwerenden Absätzen, den Ur- 
sprung und Gang* der äusseftt denkwürdigen, die Schweiz im Klei- 
nen abspiegelden Wirren Graubändens und beleuchtet dann die 
häufig kieinfügigen Angelegenheiten der Sota w ei z im zweiten 
(1699-31) und dritten (1631—48) Zeitraum des dreiseigjährige» 
Krieges, endlich den Westpbäliscben Frieden, so weit er Be- 
zug auf die Eidgenossenschaft hat. — Nur wenige irrtet! mil- 
che Sätze, wie sie bei dem ausserordentlichen Reiohthum von Bin- 
zeinheiten leicht hin und wieder mit unterlaufen können, sind dem 
Ref. bei sorgfältigem Lesen aufgefallen. 8. 98. wird bei der Ret- 
tang der Genfer i« oben Unabhängigkeit duroh die Eifersucht 
zwischen Frankreich und Savoyeo bemerkt: „es (Genf) wurde 
behütet durch eben das, was noch jetzt die Schweizer 
sicher stellte* (B% ■ [Gene vej fut sau vee par ce qui fait en- 
core aujourdhui lä. setarite des Cantons, Bist. Suisse tom. IL 
p. 96). Dieser staatsrechtliche, nur zu oft verkündigte und 
durch die Oberfläche der Erscheinungen beglaubigte Spruch wider- 
strebt dem Begriff eines unabhängigen, abgeschlossenen Volks, 
dem Sittengceetot der Selbstbestimmung und Willensfreiheit, 
endlich aller historischen, aus dem Leben geschöpften Poli- 
tik. Denn klagen nicht laut genug der Untergang Griechen- 
lands, welches hinter dem Schild der Römischen und Mao er» 
donische<o Eifersucht keinen Schutz fand, die als Sühnopfer strei- 
tender Mächte zerstüebelte Republik Venedig und. das traurige, 
von angeblich eifersüchtigen Nachbarsstaaten und. innere Zerwürf- 
nissen beschleunigte Schicksal Polens, klagen nicht vernehmlich 
genug diese und andere Beispiele jenen Bequemüchkeitegrundsatz 
des Leichtsinns an? Wer in der Volkspolitik auf die wandelbare 
Gunst der Menschen und Diplomaten, nicht auf Gott, Recht 
und eigene Kraft vertraut, der gleicht einem träumerischen, selbst- 
süchtigen und genussgierigen Forellen fr esser (bau ^ivant), 
dessen endliches zu spätes Erwachen nicht einmal die Reue duldet. 
— Wenn ferner der ehren werthe Verf. (S. 373) die Abspannung 
der Schweiz um die Mitte des siebenzehnten Jahrhunderts einem 
erquickenden Schlafe vergleicht, aus welchem die Geisteskraft 
frischer und gestärkter erwacht und für die Freiheit zwar 
unscheinbare, aber wichtige Siege erringt, so neisst daa offenbar, 

- 



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340 Vulliemin: Geschichte der Eidgenossen. Tb. II. 

« 

den wirklieben Stand der Dinge verschönern, nicht nackt und 
strenge natürlich darstellen. Denn es treten so viele Halbhei- 
ten nnd dann wieder Ueb ergriffe der regierenden Käthe und 
Lundsgemeinden hervor, dass man beinahe fiberall den unverkenn- 
baren Verfall der Eidgenossenschaft erbliokt nnd selten von einem 
gemeinsamen, kräftigen Handeln für* Angriff oder Abwehr über- 
rascht wird. Roban z. B. stehet (1634) mit fremden und beimi- 
schen Haufen im Veltlin, wahrend die halbe Schweiz noch 
nichts um seinen Durchmarsch wueate (Vulliemin ». 6*8.). Da 
lag doch in Wahrheit löbliche Eidgenossenschaft nicht in einem 
erquickenden Schlummer, sondern in einem wirklichen Schnarcher- 
schlaf. — Eben so unhaltbar ist die Behauptung (8. 373), von 
der Leibeigenschaft habe man keine Spuren mehr gefunden 
als in den gemeinen Herrschaften. Man weiss ja recht gut, 
dass Solotbnrn B. die Leibeigensehaft m seinen Vogteieo 
freiwillig erst am 9. August 17S5 auf hob und Basel ein volles 
Jahr lang zauderte, bis es den für die Kmanoipation gestellten An- 
trag seines wackern und aufgeklärten Bürgers Abel M e r i a n ge- 
nehmigte (90. December 1790). Nur die^PoJitik der ßerner war 
seit dem 15. Jahrhundert entschieden widert den Fortbestand jener 
unwürdigen Verbältnisse; sie duldete keine Leibeigenschaft und 
suchte sie überall nach Kräften zu tilgen »(s. Aus he Im, Berncr 
Chronik I. 360. zum Jabr 1484.). Ja, man forderte^ dass fremde, 
eingewanderte Landsassen sich von der Leibeigensebart förmlich 
durch Vertrag mit dem ehemaligen Herrn lösten (s. den handschrift- 
lichen Brief des Herzogs Jakob von Nemours £167S. 6. Jänner] aa 
die magniflques, haults et pulssants seignedrs im Bemischen Le- 
henarchiv). — Den natürlichen Tod > Bernhard 's von Weimar 
muss man sehr bezweifeln; Frankreich) begierig nach dem Gewinn 
des Elsasses, lieas Gift verabreichen*), und der Bernerische Reis- 
läufcr, von Erlaub, vertrödelte sofort Weimars führerloses Heer 
an Richelieu und gab somit auch das Elsass preis. — 'Der 
Zweikampf, welchen nach dem Treffen bei Ivry (1590) die Haupt- 
leute Haff ner aus Sololhurn und Lussy aus ünterwalden, jener 
im Dienste Heinrich's IV., dieser im Sold der Ltgue, Ehren 
halber bestehen, ist unrichtig erzählt; nicht der Solotborner, son- 



•) „und weil er sich gantz nicht bewegen lieas, sie mochten ihm vor- 
pfeifen, was sie wollten, Hessen sie ihm eudlich ein Stlpplein geben» 
darauf er zn Nenburg am Rhein starb." Püfendorf, Einleitung 
zur Historie. II, 180. 



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Valliemin: Geschichte der Eidgenossen. Th. II. 347 



dem der Unter walder wird besiegt u. e. w. (s. Haffner's Solo- 
tharner Schauplatz. S. 987. Bd. Ii). — S. 616. wird eben so un- 
richtig gemeldet, Gustav Adolf sey am 16. November 1630. bei 
Lützen gefallen, wahrend doch dieses traurige Ereigniss am 6. 
November 1632. begegnete. Auch ist das an sich löbliche Streben, 
einen Gegenstand bisweilen durch ähnliche Züge aus der verglei- 
chenden (coraparativea) Geschichte zu erläutern, nicht immer 
glucklich ausgefallen. So heisst Genf mehrmals das Veltlio 
der westlichen Schwei» (S. 229), Basel das Schweizerische Hol- 
land (wie olim das Bau racher- Athen), so werden (S. 411) die Grau- 
bündnerischen Pfarrer nach ihrem bürgerlichen Beruf, Sorglo- 
sigkeit und Unordnung zu bekämpfen, mit den Censoren der 
Römer und den Bpboren der Spartaner zusammengestellt und da- 
durch ihrem wirklichen Standpunkt entrückt. Bisweilen wird end- 
lich; die klare, lebhafte und anschauliebe Sprache durch rednerische 
Auswüchse getrübt, wie z. B. in der Schlacht bei Dreux das Blut 
der Schweizerischen Söldner in grossen Strömen (8. 70) fliessea 
muss („leor sang coula a grands flots"). Das ist doch zu viel für 
soldatische Tapferkeit. . j- 

Wenn wir von diesen einzelnen Gebrechen und Flecken auf die 
Leistungen im Ganzen übergeben, so zeigt sich; hier für die po- 
litisch-militärische und kulturgeschichtliche Seite der 
Schweizerischen Vorzeit eine Fülle von bezeichnenden Zügen^ 
Schilderungen und Gemälden. Wie charakteristisch ist z. B. nicht 
der Widerwille Neuenbürg^ (1617) gegen scbrif tliohe, da- 
mals von aller Welt begehrte und auch meistens bewilligte Be- 
da et ion seines grösstenteils mündlich überlieferten, Gewohn- 
heitsrechtes! „Wenn," antwortete man im Neuenburgischen 
Patois dem Antrag des Fürsten Heinrich IL von Longueville, 
„der ganze See ein Dintenfass wäre und die Mühle von Serrieres 
ihr sämmtlicfaes, binnen 100 Jahren gefertigtes Papier lieferte, so 
gäbe es doch nicht Dinte und Papier genug, um alle unsere Rechte 
in Schrift zu bringen" (S. 656. A. 16.). In der That hatte« die 
Neuenborger nicht ohne Grund Widerwillen gegen schrift- 
liche Gesetzgebung. Denn wie manches alte Volksrecht ist 
bei diesem Process im Dintenfass oder in der Feder 
des ge lehrten, redigirenden Juristen hängengeblie- 
ben! — Auch in der Art und Weise, wie die Neuenburgischen, 
selten einberufenen Land- oder General stände bewirtbet und 
dann — mürbe geschlagen wurden, liegt eine konstitutionelle Lehre 
für die Folgezeit. Der Landesherr nämliob gab den Ständen 



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348 Vullicmin: Geschichte der Eidgenowen. Tb. IL 

täglich fünf Mahlzeiten, Morgenbrot, Mittagessen, Neunetrunk, 
Abendessen und — Schlaftrunk, überdies den Hypocras (S. 557). 
Bergleichen Mittel konnten um so weniger ihren Zweck verfehlen, 
je grössere Starke und Ausdehnung Schlemmerei und Gast- 
gebotseifer im 17. Jahrhundert wie anderswo, so auch in der 
Schweix zu Stadt und Land fanden. Deshalb erlies? die Obrigkeit 
in Bern am 11. September 1620 einen charakteristischen Befehl, 
Fressen und Saufen zu beschränken (MS. im Berniscben Le- 
henarchiv). Dieses Unwesen, heisst es neben anderm, habe jetzt 
unsäglich Ueberhand genommen und fordere nicht nur die Dazwi- 
scbenkunft der Prediger, sondern auch der bestellten Obern. Man 
müsse ihm tbatkraftig steuern und den göttlichen Zorn, wel- 
cher in den blutigen Zerwürfnissen Graubündens deutlich genug 
hervortrete, durch Fasten , Reue , Ablegen der Pracht und des Ue- 
berflosses an Kleidern und Gastgelagen zu sänftigen trachten. 
Diese Mahnungen blieben jedoch schon deshalb in der Regel frucht- 
los, weil die grossen Herrn mit keinem guten "Beispiel voran- 
gingen ; stundenlang sassen öfters die ersten eidgenössischen Stan- 
deshäupter bei Tafel, hörten nicht mehr die Siegesberichte in der 
Väter Chroniken an, sondern Verzeichnisse von Pfauen, Kapaunen, 
Englischen oder Französischen Pasteten, Hirsch- und Rebbiaten, 
welche man etwa an dem Tische des einen oder andern Botschaf- 
ters unlängst verzehrt hatte (Vulliemin S. 693.). Blutig und 
Bisweilen wirklich barbarisch war in diesem Zeitraum und auch 
noch später das borgebrachte Straf recht, besonders in der öst- 
lichen Schweiz. Der Gotteslästerer wurde lebendig begraben, der 
Jude, welcher gestohlen hatte, an den Füssen aufgehenkt, wer 
Nothzucht getrieben, in ein Grab gelegt, darauf die Entehrte ge- 
zwungen, dem Missethäter die drei ersten Dolchstiche ins Herz zu 
versetzen, endlich der Henker für den Gnadenstoss zugelassen. 
(Vulliemin S. S76.). Die mündlichen Vorträge der Advo- 
caten geschahen entweder selten oder hatten kein Gewicht ; Genf 
untersagte sie auf Bitten der Geistlichkeit geradezu (1600) den 
Parteien, weil man den Richtern durch dergleichen Reden 
nur Staub in die Augen werf e (puisqu'on jetoit de la poudre. 
aux yeux des juges. V u 1 1. S. 776.). Einträglich, jedoch glück- 
licherweise in Abnahme, waren die Delationen auf Zauberei, 
etwa wie die heutigen auf demagogische Umtriebe. Man ge- 
brauchte nämlich hin und wieder Hexenprooesse, um Privmt— 
hass unter dem Deckmantel der Gläubigkeit zu befriedigen. 
So wurde am ld. Julius 1577« der Edelmann Jon. Baillif in der 



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VuUiemin: Geirhichtc der Eidgerosien. Th. IL 349 

Landvogtei Oron auf Befehl der bernischen Obern enthauptet, weil 
der Beweis vorlag, dass er seinen Schwager, Klaudius Alby, 
fälschlich der Hexerei beklagt und beschuldigt hatte (s. Haller's 
bandschriftl. Chronik S. 168.). 

Mit Sorgfalt, aber doch nicht ausführlich genug, verfolgt Herr 
VuUiemin die Tactik der Römischen Curie gegenüber ih- 
rer bittersten Feindin, der durch Zwiespalt, Dogmenstreit und Ab- 
nahme der Begeisterung vielfache Blossen gew&hrenden Refor- 
mation. Was man nach dem missverstandenen Vorgange von 
Ranke neuerdings Gegenreformation nennt und selbst in die 
Knabenschulen einfährt, ist eigentlich nur subjeotive Einbildung; 
in der Zucht (Disciplin), der Methode des Unterrichts, der militä- 
risch-hierarchischen Dressur geschahen allerdings seit dem Triden- 
tiner-Concil bessernde Aenderungen, aber Lehre, Ki rchen recht, 
corporative Einrichtungen blieben nach dem Princip des Ka- 
tholioismus nicht nur ungeändert, sondern gewannen auch an 
Rigorismus und Vielseitigkeit Denn es entstanden neue Orden, 
namentlich die Kapnziner und Jesuiten. Jene, bestimmt für 
die Massen und in ihren Gewfindern so abentheuerlich, dass im 
Appenzellerlande die Kinder bei ihrem Anblick flohen und um 
Hülfe riefen (VuUiemin S. 347.), predigten und bandthierten 
handgreiflich. So verbürgte z. B. Pater Ludwig den Appen- 
zellern für die Wahrheit seiner Lehre die eigene Seele, empfing 
aber von den Reformirten die trockene Antwort: „Mit diesem 
Pfände ist uns wenig gedient; denn wenn der Teufel eure Seele 
holte, so wäre es mit der Burgschaft aus. Wir halten uns lieber 
an die heilige Schrift" (VuUiemin S. 847.). Die Jesui- 
ten dagegen wirkten, auf die höbern Klassen gerichtet, mit fei- 
nerer Diplom atik durch Beichtstuhl r Predigt und Leitung des 
Unterrichts. Dennoch wurden sie trotz ihrer gl&nzenden und 
gleissenden Seite von den Landsgemeinden der Sohwyzer (1616 
VuUiemin S. 703.) und Zuger abgewiesen, indess Luzern 
zuerst (1574) den heiligen Vätern die Pforte öffnete und darauf 
Frei bürg nachfolgte. Bald wirkte denn auch der Orden so eif- 
rig und geschickt für den beillosen Borromfiusbund (1586. , 
das politisch-religiöse Schisma der Schweizer), dass er nach etli- 
chen Berichten im Beichtstuhl sogar den Weibern provisorische 
Trennung von den Ehegatten so lange gebot, bis jene für den 
offenen Bundesbruch gestimmt hätten. (Tbuanus bist. 1. 110. 
p. 47. ed. Francof. „foeminis persuaserunt , ne cum viris oonsues- 
cerent, quousque a foedere Uli discessissent") Das zweite hie 



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850 Vallieroin: Geschiebte der Eidgenossen. Th. II. 

rarchisetae, besonders für die Schweiz wichtige Institut, die 
bleibende Nuntiatur, welche zuerst Luzern annahm (±679), 
hätte aus der handschriftlichen Geschichte des Luzerner Alt- 
Seckelmeisters Felix Balthasar*) manche Erläuterung bekom- 
men sollen. Der Verf. behandelt jedoch für den fraglichen Zeit- 
raum die Entwicklung des" päpstlichen Hauptquartiers ziem- 
lich kurz (8. 464.). Daher hält es Ref. für zweckmässig, aus der 
angegebenen, übrigens Herrn Vulliemin bekannten Quelle etli- 
che, die Instructionen der Schweizerischen Nuntien betref- 
fende Nachträge zu entlehnen. Sie besitzen überdies einen prac- 
tisch-historischen Nutzen, indem die Römische Politik glei- 
che Hebel und Mittel trotz vielfach geänderter Verhältnisse auch 
noch jetzt gebraucht. „Denn," bemerkt der gute Katholik Bal- 
tbasar, „seit der Aufnahme der Jesuiten und der dauernden Re- 
sidenz der päpstlichen Legaten öffnet sich eine neue Epoche, ein 
neuer Gang in Sitten, Gebräuchen und in den politischen Geschäf- 
ten. Es entstand ein häufiger, wo nicht beständiger Kampf zwi- 
schen geistlicher und weltlicher Macht, und die letztere 
wich bei den mancherlei Vorspiegelungen von Unrecht nach und 
nach, nämlich theilweise, zuweilen kaum merkbar, aber immerfort 
von ihrer ehemaligen Richtung und ausgeübten Autorität und Ge- 
walt ab. Doch der auffallende Starrsinn und das Benehmen der 
legatistischen Anmassungen waren bisweilen zu empörend und zu 
unklug, und die Eidgenossen überhaupt, so wie einzelne Kantone 
insbesondere, sträubten sich oft laut dagegen und brachten die ge- 
wagten Zumuthungen zum Schweigen, oder milderten wenigstens 
einen Tbeil derselben." (Ms. Geschichte der Nuntiatur, I. 394.). 
Diese Wendung nahmen trotz des Borrom äusbundes diezwi- 
schen dem katholischen Vorort und der Nuntiatur entstandenen 
Misshelligkeitcn. „Während letztere das von dem Luzernischen Rath 
geforderte Erscheinen der Chorherru von Münster bei Strafe des 
Interdicts untersagte, blieb die Regierung fest; der Nuntius 
wurde überwunden, das Stift vorgeladen und an seine Schuldig- 
keit geraahnt (Balthasar, S. 401— 409). Ja, der geistliche Bot- 
schafter fiel in solchen Hass, dass seine Bedienten auf den Stras- 
sen als hungrige Wülfe (come lupi divoratori) vom Volk ange- 
schrieen und beschimpft wurden (Baltbasar, 413.). Der Nun- 



*) Nor ein kleiner Thcil dieser vorzüglichen Arbeit ist in der alten 
Zeitschrift Helvetia dem Druck überliefert worden. Das Ganze 
wartet noch auf die Herausgabe. 



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Vulliemin: Geschichte der Eidgenoesen. Tb. II. 851 

tios, Bischof von Tricarico, sofort abberufen, hielt (1587) an 
den in kleiner Zahl versammelten Rath LuzenTs seine Abscbieds- 
rede, absolvirte in optima forma von allen Eingriffen in die kirch- 
liche Hoheit, gab seinen apostolischen Segen und die Weisung, 
dass jeder Rathsherr nach beendigter Sitzung in St. Peter 1 « Capelle 
5 pater noster, 5 nve Maria nebst dem Glauben beten solle. Der 
Rath gab, weil er unvollständig versammelt sey, zwar eine aus- 
weichende Antwort, hat aber dennoch; wahrscheinlich das Russge- 
bet in St. Peter abgebalten. Denn est scheint, der Nuntius und 
die allmächtigen Jesuiten haben damals das Gehirn der sonst mann- 
end kriegsfesten Luzerner (hört!) zu Frömmlern und canonischen 
Memmen umzubilden gewusst." — Eben so richtig ist Baltha- 
sars Ansicht, dass in den kirchlich-katholischen Strei- 
tigkeiten der Schweiz die bisweilen rasch auflodernden Frei- 
heitsliebe und dumme Bigotterie in beständigen Conflict ge- 
riethen und eben deshalb die grossten Wechsel in den Ausgang 
des Kampfes brachten. Vertraut mit den günstigen und feindse- 
ligen Stoffen der Eidgenossenschaft und eingeweiht in die ge- 
naueste Kenntniss der Oertlichkeiten , Parteien r Leidenschaften, 
starken und schwachen Seiten der Menschen, ertheilte die Curie 
ihren Nuntien in der Sohweiz stets sorgfältige, meistens wohl 
für den Zweck berechnete Vorschriften (Instructionen). Denn 
man hielt in Rom wegen der mannigfaltigen, einander durchkreu- 
zenden Verhältnisse die diplomatische Stellung eines Abge- 
ordneten in der Schweiz für die all er schwierigste in der 
Christenheit und wählte dessbalb mit besonderm Fleiss die taug- 
lichsten Köpfe und H ü 1 f «mittel aus. (S. Instructione a Mon- 
signor Maldeschi bei Balthasar II, 165.). Hatte man doch Be- 
wfte genug bekommen, dass die vornehme, ihrer überlegenen 
Klugheit vertrauende Diplomatik des Vaticans gegenüber den 
Teutschen, Schweizern, Engländern und andern Reform irten nicht 
mehr Anwendbarkeit finde. „Höre der Papst, " schrieb sobon 
Ludwig der Bai er, „doch endlich auf, alle Teutsobe für dumme 
Klötze (stulti caudioes), Esel und BieikÖpfe (stipites plumbei) zu 
haUen!" (Goldasti, Constit. Imp. I, S66.), ein Unheil, welches 
die Coric, durch vielfache Erfahrungen gewitzigt, im i 7. Jahr- 
hundert wohl beherzigte. Man dürfe, schrieb daher die Instruction 
dem nach der Schweiz gesandten Nuntius Maldeschi (1666) 
vor, in diplomatischen Verbandlungen ja nicht den Gegner ver- 
achten, wie man nur zu oft die Schweizer grob, einfältig und 
bäurisch gescholten habe. Vieles sey jetzt anders geworden. Gut 



352 Vulliemin: Geschichte der Eidgenossen. Th, IL 

unterhaltene Schalen, Reisen, Handelsobaft, fremde Kriegsdienste 
hätten das Volk vorsichtig ond scblan gemacht. Den abentheuer- 
lichen Gedanken, katholische und protestantische Eidge- 
nossen binnen kurzem in einen Sack (in un flasco) zu stecken, 
habe der Nuntins Urb an 's VIII, dadurch bald schwer gebösst, 
dass — ihn die Schweizer hineingebracht hätten. Allerdings ver- 
kehre man mit Leuten, welche dem Aeussern nach ungehobelt er- 
schienen (che pajano rozzi), aber in der That fein seyen. Fehle 
ihnen auch die Zungenfertigkeit der Italiener, so wichen sie den- 
noch keiner Nation hinsichtlich des reifen Urtheils, welches eigene 
und fremde Interessen wohl zu unterscheiden wisse (Baltbasar 
II, 364.)* Bei solchem Stand der Din^e mnss man die umsichtige 
Behutsamkeit der Curie anerkennen, mit welcher sie gewöhnlich 
ihre Bevollmächtigten zur grössten Vorsicht mahnte und kein Mit- 
tel scheuete, um den verlornen Boden wieder zu gewinnen. Da- 
für zeugt besonders die im Jahr 1600 ertbeilte Instruction 
(Balthasar II, 927 sqq.). „Unterhandinngen, 1 ' beisst es da, 
„mit vielartigen Abgeordneten der Schweiz seyen überaus schwie- 
rig und langsam $ man müsse jedoch hinsichtlich der meisten« 
bestechlichen , volksfeindlichen Häupter theils ein öffentliches, 
theils ein geheimes Betragen annehmen, bei jeder wichtigen 
Angelegenheit vorläufig etliche Angesehene der Cantone ge- 
winnen, darauf müodlich oder schriftlich den Gegenstand an die 
Tagsatzung oder an die Cantonsräthe bringen, die einzelnen Stimmen 
durch Geld, Silbergeschirr, Seidengewänder und Verheissen ge- 
heimer Pensionen zu kaufen suchen, bisweilen auch öffentlich 
vor den Repräsentanten dergleichen Lookspeise bieten , damit die 
Anhänger Muth gewinnen und sich frisch aussprechen könnten. 
Bei den neu- oder irrgläubigen Cantonen müsse man sieb der #e- 
heimen Künste enthalten, weil etwaige Entdeckung die Men- 
schen zu schweren Strafen führe, und öffentliob wirken; bei 
den katholischen Ständen könne man dagegen ungesebeut 
öffentliche und geheime Triebfedern anwenden und besonders) alle 
Förderung der alten Freiheiten und Bündnisse zusagen. Aus- 
breitung von Neuigkeiten, besonders unwahren, müsse gemie- 
den werden ; denn der Schweizer gebe einmal gefasstes Mißtrauen 
nicht leicht wieder auf. 
• 

■ 

(Der Desehlus$ folgt! 



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Nr. 23- HEIDELBERGER . 1844. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



Vullietnm: Geschichte der Eidgenossen. TA. IL 

(Beschluss.) 

In den Ca n tonen würde es nützlich seyn, die Obern 
bitweilen zn bewirthen; denn man liebe dergleichen Aufmerk- 
samkeiten und Ehrenbezeugungen („perche vegliono sopra tutto 
esser accarezzati e bonorati")- — Das dermalige Ueberge- 
wicht der Protestanten beruhe hauptsächlich auf der Ein- 
tracht; diese müsse man daher um jeden Preis zu untergraben 
trachten, sey es durch Localinteressen oder andere Mittel. 
Wem es gelinge, der werde einen wahrhaften Meisterstreich 
(colpo da maestro) vollführen, so unwahrscheinlich ein Ausgang 
der Art auch einstweilen erscheine. Katholische wie Irr- 
gläubige hielten viel auf gemeine, weltliche Freiheit. Der- 
gleichen Rücksichten dürfe aber die Nuntiatur nicht nehmen; ihr 
einziges Ziel sey die Ausrottung der Ketzerei. Der beilige 
Stahl kümmere sich wenig darum, ob das Schweizer- 
land eine Bepublik bleibe (hört!) oder unter die Herr- 
schaft eines Fürsten komme; es liege ihm nur daran, dass 
der ketzerische Theil wieder katholisch werde. Die 
dermaligen Könige gebrauchten überdies die Religion nur als 
ein Mittel, um ihre Staatsentwürf e zu beschönigen (»per 
colorire i loro iuteressi di stato"). Bei etwa n igen Coilisionen der 
auswärtigen Diplomatik müsse die Gesandtschaft vor allem den 
Nutzen des Hauses Oesterreich fördern: denn dieses vertei- 
dige mit Eifer die Römische Kirche und breite das päpstliche An-* 
sehen (Tautorita pontificia) aus. — Auch dürfe man nie den Grund- 
satz vergessen, dass die Schweizer den Krieg im fremden, dem 
Frieden im eigenen Hause liebten, und müsse deshalb mit den 
von Katholischen wie Protestanten misstrauisch beobachteten Herzog 
von Savoyen in keinen öffentlichen Verkehr treten (s. Instruzione 
a Monsignor Maldeschi, Nuntio in Suissa v.J. 1665. bei Bal- 
tbasar II , 166 sqq.). Schliesslich möge man gute Spione halten 
XXXVII. Jahrg. 3. Doppelheft. 23 



I 



ft54 Archir für Schweizerische Geschichte. 

and den Satz beherzigen: „ein guter Spion zahlt die Kosten für 
alle schlechte Späher." — Auch für unsere Zeit, welche noch 
unifingst einen Kriegerstaat vor dem heiligen Vater die Waffen 
strecken sähe, sind diese Instructionen äusserst lehrreich; „denn," 
bemerkt der mehrfach erwähnte Luzerniscbe Seckelmeister , „der 
Geist des Papsttbums — nicht der Päpste — ist immer in der 
Welt, lebt und wirkt, freilich oft durch andere Mittel, für den 
alten Plan (die Oberherrlichkeit). u Möge Teutschland, die ka- 
tholische wie reform irte Schweiz solche Warnungen und 
Lebren nicht vergessen! — 

Der dritte, unserm Dünken nach gelungenste Band den 
vortrefflichen Werkes erzählt den Bauernkrieg von 1063, de» 
Bürger- und Religionskrieg von 1666, die heillosen Söld- 
nerzüge zu Gunsten Ludwigs XIV. und während des Spani- 
schen Erbfelgekrieges, entwickelt in einem ausführlichen Ca- 
pitel (6.) die innern Revolutionen und den Umschwung der 
Sitten, sobliesst endlich mit dem Teggenburger Kriege and 
zweiten Aarauer Landfrieden (1719). Indem sich Ref. die nä- 
here Anzeige dieser Abschnitte bis zum Erscheinen der Tcutschen 
Uebersetzung vorbehält, drückt er den Wunsch aus, dass dieses 
Verbindungsglied zwischen dem Verfasser und der grösseren Tcut- 
schen Lesewelt nicht zu lange ausbleibe. Etliche Provinzialismen 
abgerechnet, z. B. S. 343 (in kleinen Republiken braucht es nur 
eines gewandten Mannes), ist die Uebersetzung recht gut ausge- 
fallen. 



$, Archiv für Schweizerische Geschichte, herausgegeben auf 
Veranstaltung der allgemeinen g e schickt f or sehend e n Ge- 
sellschaft der Schwei», Erster Band, Zürich, 1843. Bei 
Meyer. 8. S. 404. 

Bei der wachsenden Theilnabme am historischen Studium 
trat für die Schweiz auch das Bedürfniss hervor, die allgemeine 
geschieht forschende Gesellschaft, welche der Berniscbc Schultheis« 
Friedrich von Müllinen gestiftet hatte (1812), zweckmässige zu 
verjüngen und gleicbmässig ein entsprechendes Organ zu schaf- 
fen. Das erste geschah durch die in Bern abgehaltene Gene- 
ralversammlung (1841), welche ihren würdigen Vorsteber, Job. 
Caspar Zollweger an der Spitze, den neuen Statutenentwurf 



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I 



Archiv für Schweizerische Geschichte. 355 

genehmigte, das zweite, die Aufstelking eines literarischen 
Mittelpunkts, daroh die beschlossene and bald vollzogene Herans- 
gabe eines Archiv's. Dieses, von einer Redactions-Commission 
besorgt, liefert im ersten Absehnitt kurze, kritische Origi- 
na lauf sätze. in dem zweiten archi valische Auszuge oder 
Regesten, in dem dritten Mittheilungen ans dem Gebiet der 
Landeskunde ältester ond mittlerer Zeit, in dem vierten 
Denkwürdigkeiten und Aotenstücke des 16., 17. und 18. 
Jahrhunderts, in dem fünften eine möglichst vollständige Anzeige 
der Literatur für Schweizerische Geschichte und Lan- 
deskunde, zunächst für das Jahr 1840. So verständig und 
wissenschaftlich diese Sonderung des Stoffes in fünf Abschnitte 
an sich ist, -möchte dennoch eine eigene Rubrik kurzer, histori- 
scher Darstellungen für die Zukunft empfehlenswerth bleiben, 
nicht nur damit das grössere Publicum in und ausserhalb der 
Schweiz Befriedigung finde, sondern auch um der Saebe selbst 
willen, welche doch zuletzt in der Composition des hinlänglich er- 
forschten Gegenstandes ihren Schlussstein finden soll. Wenn nicht 
bedeutende Staatsmittel, wie sie z. B. die Französische Re- 
gierung auf Jobens werthe Weise aussetzt, für Nationalge- 
schichte verwendet werden, so müssen Privatvereine durch den 
alJmähligen Gewinn eines weifern Kreises von Gliedern und Lesern 
hier die Kosten decken, dort den belebenden Athem, die öffentliche 
Theilnahme, die Spannung erhalten. — Die erste der beiden Ori- 
ginalabbandlungen enthält eine kurze, scharfsinnige Kritik der se- 
geheissenen goldenen Urkunde von Genf (1109). Der Verf., 
Meyer von Knonau, zeigt einleuchtend, dass Kaiser Friedrich 
der Rothbart, bekanntlich kein Priesterdiener, nach der Ueber- 
wfiltigung Mailands (1162) einen Bischof von Genf unmöglich 
als weltliehen Gebieter der Stadt Genf anerkennen kennte. 
Aach zeuge dawider der in der Abschrift vom Jahr 1483 ange- 
brachte Brzbisehof Arnold von Mainz, welchen ja die Bürger 
bereits zwei Jahre früher getödtet hätten u. s. w. Der zweite, 
ausführliche Aufsatz des Herrn von Gin gins untersucht den per- 
sönlichen und dinglichen Zustand Ury's im 13. Jahrhun- 
dert (essai sur l'e'tat des personnes et la eendition des terres dana 
le pays d'üry). Das Endergebnis» ist etwa folgendes: Ury war 
in seiner Geeammtheit keine Reich slandsohaf t, die Bevöl- 
kerung besass cotleotiviseh keine Reiehsunmittelbarkcit; der 
Begriff unmittelbarer Reichsuntergebenen fällt in der Wirk- 



liebkeit nur auf eine bevor /,ugte Bürgerklasse (citoyens privi- 
legies 8. 66), welehe man nicht mit der Masse verwechseln muss. 
Die sogebeissenen Regler 'oder Angehörigen des Züricherischen 
Franenmünsters anerkennen als obersten Gerichtsbeamten den je- 
weiligen, von der Abtei gesandten Kirchenvogt, welcher den 
Blntbann unmittelbar vom Kaiser empfängt; die Unterthanen des 
Klosters Wettingen bangen in Klagen auf Raub. Diebstahl, 
Mord vom Landgericht (jurisdictio ordinaria) ab, die alten 
Königsbauern befinden sieh unter dem Gerichtsbann der Vögte 
£ (advocati), welehe nach Auflösung der Gaugrafschaft die je- 
weilige Hoheit als Stellvertreter der Gaugrafen ernennt, wie z. B. 
Graf Rudolph n. von Habsburg in Schwyz (1217) and Ury 
(1*31) die Vogtei verwaltete. 

So richtig und verdienstvoll der eingeschlagene Weg für die 
Ermittlung des historischen Rechtsverhältnisses üry'a und der 
Waldstätten überhaupt seyo mag, kann man dennoch nicht eher 
bestimmte Schlüsse erwarten, bis die räumlichen Gränzen der 
verschiedenen Bewobnerklassen genauer abgesteckt sind. Bis da- 
hin behält im Allgemeinen die alte Ansicht, dass die drei Län- 
der keinen eigentlichen Herrn als den Kaiser besessen oder 
gefreiet waren, Gültigkeit. Der spatere Versuch Oesterreichs, 
diese Stellung zu ändern und seine einzelnen Enclaven über bis- 
her reicbsunmittelbares Gebiet auszudehnen, führte gerade 
vorzüglich den Aufstand, die Revolution, herbei. An dieser* 
Thatsache lässt sich nicht viel mäckeln und zerren; sie ist eben 
geschichtlich. Selbst der unlängst von Boehmer zuerst heraus- 
gegebene Jobann von Victring (in Kärntben), ein denkender, 
gut unterrichteter Zeitgenosse, deutet auf die Habsburgischen 
Usurpationen in den Waldstätten und auf die alten Frei- 
heiten der letztern hin, wenn er zum Jahr 1315 bemerkt: „Leo- 
poldus, ut suara et fratris fFriderici) — vim augeret, gentem 
Swicensium in montibus positam , nullius dominii iugo pres- 
se m, armis inexercitatam, sed pastoralibus et pascualibus exerci- 
tivs enutritam, forti et praeclaro militum et nobilium adiit exeroitu" 
(Fontes rerom germaniearum. ed. Boehmer I. p. 386.). — Den 
wohlgeordneten, für Staats- und Recbtsgescbicbte lehrrei- 
chen Urkundenauszügen (f. 852—1400) des Staatsarchivars 
Meyer von Knonau folgen in dem dritten Abschnitt Mitthei- 
lungen aus dem Gebiete der Landeskunde ältester und mittlerer 
/<eit, zuerst eine durch die Barbarei der Sprache und andere Um« 



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Archiv für Schwelserische Geschichte. 357 

stände Misstrnuen in die Aeohtheit erweckende Urkunde des 
Herzogs Johann von Oesterreich (1294. 1. April), darauf 8 
Urkunden zur Geschichte der Grafen von Montfort und Wer- 
denberg, von welchen Graf Heinrich 1384. mit den Städten 
des .Seebundes (der Aidgenossen), Konstanz, Ravensburg, Lin- 
dau, Ueberlingen, St. Gallen, Pfullendorf, Buchhorn, Wangen, Tsei 
und Lautkirch (Luitkbilch) auf 10 Jahre Schutz- und Trutzverein 
abschliesst, eine Urkunde (nr. 6.), welche für die Geschichte des 
südteutschen Städtebundes wichtig ist,